Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 07/1984


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       ZUR WISSENSCHAFTSENTWICKLUNG IN DER ARBEITSGEMEINSCHAFT
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       SOZIALPOLITISCHER ARBEITSKREISE
       ===============================
       
       Herbert Wiedermann
       
       1. Gründung,  Selbstverständnis, Zielsetzung  - 2.  Organisation,
       Handlungsfelder, Veröffentlichungen  - 3. Hauptarbeitsgebiete der
       AG SPAK - 3.1 Alternative Ökonomie - 3.2 Armut und Sozialstaat
       
       1. Gründung, Selbstverständnis, Zielsetzung
       -------------------------------------------
       
       Die Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK)
       versteht sich als ein bundesweiter Zusammenschluß sozialpolitisch
       arbeitender Basisgruppen und Einzelpersonen. Ihr gemeinsamer Nen-
       ner: Das Interesse an sozialen Fragen und sozialpolitisches Enga-
       gement in  einem breiten  Spektrum der sozialen Arbeit (Behinder-
       ten-, Obdachlosen-, Stadtteilarbeit u.a.). 1)
       Einen ersten  Anstoß zur Bildung studentischer Arbeitsgruppen für
       die freiwillige  Sozialarbeit gaben  insbesondere die kirchlichen
       Studentengemeinden mit  ihren überkonfessionellen  Diakonie-Cari-
       tas-Kreisen. Mitte der 60er Jahre begannen sich diese überwiegend
       mit  gesellschaftlichen   Randgruppen  arbeitenden  Arbeitskreise
       ideologisch und organisatorisch von den kirchlichen Institutionen
       zu lösen.  2) Eines  der bestimmenden Motive für die Gründung der
       AG SPAK  1970 ergab sich dabei aus den konkreten Anforderungen in
       den sozialen  Projekten, die  Erfahrungsaustausch, Diskussion und
       Reflexion der  Theorie und Praxis mit ähnlich arbeitenden Gruppen
       notwendig machten. So ist es auch heute noch Hauptziel und -zweck
       der AG  SPAK, die  Kommunikation unter den sozialpolitisch arbei-
       tenden Basisgruppen herzustellen.
       Die Entwicklung  der AG  SPAK kann  nur verstanden werden vor dem
       Hintergrund der  zunehmenden Verwissenschaftlichung der Sozialar-
       beit zu Beginn der siebziger Jahre.
       Wenn neben  Überresten religiöser  Konzeptionen besonders psycho-
       analytische Theorien  in  der  bundesdeutschen  Sozialarbeit  bis
       Mitte der  sechziger Jahre theoretisch vorherrschten, so gewannen
       danach im  Zuge der  Verwissenschaftlichung der  sozialarbeiteri-
       schen Ausbildung an den Fachhochschulen für Sozialarbeit struktu-
       rell-funktionalistische Erklärungsmuster sozialer Probleme an Be-
       deutung, die  selbst oft  noch mit  Elementen  der  Psychoanalyse
       durchdrungen waren.  Diese Theorien konnten sich in der Sozialar-
       beit jedoch  kaum durchsetzen, da es ihnen nicht gelingt, die Be-
       ziehung zwischen  primären sozialen  Problemen,  wirtschaftlicher
       Entwicklung, Klassenkämpfen  und den  Erfahrungen der Betroffenen
       adäquat zu erklären. Neben dieser Richtung begannen besonders So-
       zialwissenschaftler, die  sich mit  "abweichendem Verhalten"  be-
       schäftigen, wie  zuerst in  den USA  und in Großbritannien später
       auch in  der BRD, ein repressives Bild der Sozialarbeit zu zeich-
       nen und  den Sozialarbeiter ausschließlich als Agenten der sozia-
       len Kontrolle  zu stigmatisieren.  Wertvoll war die sozialwissen-
       schaftliche Kritik  individueller Erklärungs- und Lösungsversuche
       in der  Sozialarbeit, doch  einem  "linken"  Sozialarbeiter,  der
       seine politischen Auffassungen und Ansprüche in die Praxis umset-
       zen wollte,  hatten die  Sozialwissenschaften wenig zu bieten. In
       diese "Theorielücke" stieß die AG SPAK, und sie erreichte mit ih-
       ren zunächst auf Erfahrungsaustausch beruhenden Tagungen und Kon-
       gressen einen erheblichen Einfluß unter den sich als fortschritt-
       lich verstehenden  Sozialarbeitern. Die  große Ausstrahlungskraft
       der AG  SPAK in  der sozialen Arbeit erweist sich auch als Anzie-
       hungspunkt   für    Betroffenengruppen,   wie    der   aus    dem
       "Krüppeltribunal" hervorgegangene  Arbeitsbereich Behinderte ein-
       drucksvoll belegt.  Politisch wirkt  die AG  SPAK bis weit in das
       grün-alternative Spektrum  (Bundesverband  Bürgerinitiativen  Um-
       weltschutz, Netzwerk  Selbsthilfe, Bund Deutscher Pfadfinder, So-
       zialistisches Büro  u.a.). Aber  auch die  alten Verbindungen zur
       Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentengemeinden und der evan-
       gelischen Studentengemeinde bestehen fort.
       Trotz der  Breitenwirkung in  der sozialen  Arbeit schätzt die AG
       SPAK ihre  politische Außenwirkung  realistisch ein.  Die AG SPAK
       sei nicht  ein so  mächtiger Faktor, daß sie ihre wissenschaftli-
       chen Erkenntnisse auch praktisch umsetzen könnte. Aber: "Wir wer-
       den jedenfalls  nicht abseits stehen, wenn es darum geht, sozial-
       politische Fehlentwicklungen  zu verhindern und auch neue Wege zu
       gehen." 3)
       
       2. Organisation, Handlungsfelder, Veröffentlichungen
       ----------------------------------------------------
       
       Die 1970 gegründete AG SPAK gliedert sich organisatorisch in drei
       Bereiche: Projektbereiche,  die sich  an den Arbeitsschwerpunkten
       der Sozialarbeit orientieren; Arbeitsbereiche, die eher der Theo-
       riearbeit dienen;  regionale Zusammenschlüsse. Jeder einzelne Ar-
       beits- und  Projektbereich ist "autonom", veranstaltet eigene Ta-
       gungen und  verfügt z.  T. über  eigene Informationskanäle.  Lei-
       tungsebenen bilden der Vertretertag und die Treffen der Entschei-
       dungskollektive, die  sich aus  den Delegierten der Projekte, Ar-
       beitsbereiche und regionalen Zusammenschlüsse zusammensetzen. Die
       inhaltliche Integration  wird im  wesentlichen über das Entschei-
       dungskollektiv erreicht,  das auch über die Herausgabe von Publi-
       kationen bestimmt. 4)
       D i e  A r b e i t s b e r e i c h e:
       -  A l t e r n a t i v e  P ä d a g o g i k.  Vor dem Hintergrund
       des Versagens  der herkömmlichen  Bildung  wächst  die  Zahl  der
       selbstorganisierten Bildungsprojekte. Der Arbeitsbereich Alterna-
       tive Pädagogik  dient dem praktischen Erfahrungsaustausch und der
       Reflexion, wobei aus der "Pädagogik der Befreiung" des boliviani-
       schen Priesters  und Pädagogen  Paulo Freire  wichtige Anregungen
       entnommen wurden.  Freire nutzte die Alphabetisierung der Erwach-
       senen zur  gleichzeitigen Vermittlung fortschrittlicher Bildungs-
       inhalte. Die  publizistischen  Schwerpunkte  des  Arbeitsbereichs
       liegen in  den Fragen,  die die  Volkserziehung in  Lateinamerika
       aufwirft 5) sowie in der Diskussion der unterschiedlichen Modelle
       der Alternativschulen  (Tvind, Waldorf  u.a.)  und  der  Alterna-
       tivpädagogik (Makarenko, Montessori u.a.). 6)
       -  P r o v i n z a r b e i t.   Ein großes  Problem der Sozialar-
       beit auf  dem Lande  liegt in der relativen Isolation von ähnlich
       arbeitenden Gruppen und anderen demokratischen Bewegungen. Um die
       Isolation zu durchbrechen und hervorgehend aus der Weiterentwick-
       lung  der  Jugendzentrumsbewegung,  konstituierte  sich  bei  dem
       Stadt-Land-Dialog 1980 in West-Berlin der Arbeitsbereich Provinz-
       arbeit. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen neben dem Erfahrungsaus-
       tausch in  der Unterstützung  der bundesweiten Vernetzung und der
       Förderung und Initiierung von Modellprojekten. 7)
       -  K o o r d i n i e r u n g s s t e l l e   f ü r   J u g e n d-
       w o h n g e m e i n s c h a f t e n   (K O S T).   Ausgehend  von
       einer Kritik  der öffentlichen  Erziehung entwickelten  zu Beginn
       der 70er  Jahre Sozialarbeiter  und betroffene Jugendliche Alter-
       nativen zur  Heimerziehung  in  der  Form  von  Jugendwohngemein-
       schaften. 8)  Die Jugendwohngemeinschaften  hatten von  Anfang an
       zahlreiche finanzielle,  rechtliche und  pädagogische Hindernisse
       zu überwinden.  Um hier Hilfestellung zu leisten, wurde 1976 KOST
       gegründet. Die Koordinierungsstelle nimmt Beratungsfunktionen bei
       Rechts- und Finanzierungsfragen sowie bei pädagogischen Problemen
       wahr.
       -  A l t e r n a t i v e   Ö k o n o m i e.  Angesichts von heute
       über zweieinhalb  Millionen offiziell  registrierten Arbeitslosen
       hat die  Suche nach  Alternativen, die auch die materielle Repro-
       duktion absichern,  zu einem  sprunghaften Anwachsen der Zahl von
       Projekten der  "alternativen Ökonomie"  geführt. Seit  1978 denkt
       auch die AG SPAK in einem überregionalen Theoriearbeitskreis über
       "alternative Ökonomie" nach. Die Teilnehmer arbeiten in traditio-
       nellen Arbeitsbereichen  und in  selbstverwalteten Projekten. Ge-
       meinsam ist ihnen die Vorstellung von einer dezentral aufgebauten
       alternativen Ökonomie.  9) Kontrovers  wird  diskutiert,  welchen
       Stellenwert die  Alternativkonzepte im Rahmen einer Gesamtstrate-
       gie zur  Veränderung der  Gesellschaft haben.  Die  Themenschwer-
       punkte des  Arbeitskreises liegen in der Diskussion der Genossen-
       schaftsbewegung, der  Produktionsweise  (männlich/weiblich),  von
       Modellbetrieben und  der Vernetzung.  Zu den wichtigsten Publika-
       tionen des  Arbeitsbereiches gehören die von Rolf Schwendter her-
       ausgegebenen Bände zur alternativen Ökonomie. 10)
       -  B e h i n d e r t e.   Im Jahr  der Behinderten  wiesen aktive
       Behinderte im  Bundesgebiet mit  dem "Krüppeltribunal"  auf  ihre
       Diskriminierung und Aussonderung aus dem gesellschaftlichen Leben
       hin. Diese Behinderteninitiative schloß sich 1983 der AG SPAK an.
       Den Schwerpunkt  ihrer Arbeit  bildet die Abwehr von Rotstiftmaß-
       nahmen im Behindertenbereich, da die massiven Einschränkungen die
       gesellschaftliche Isolierung der Betroffenen zur Folge haben. Der
       Arbeitskreis verficht  das Prinzip  der "Selbstvertretung der Be-
       hinderten", weil  sie aufgrund eigener Betroffenheit am besten in
       der Lage seien, neue Vorstellungen einer behindertengerechten Um-
       welt zu  entwickeln. Der Arbeitskreis arbeitet eng mit der Katho-
       lischen Studentengemeinde zusammen. 11)
       Entsprechend den  Arbeitsschwerpunkten der Sozialarbeit kennt die
       AG SPAK fünf Projektbereiche.
       -  J u g e n d z e n t r e n.   Angefangen hat die Arbeit in die-
       sem Bereich  1975. Sie erfaßt nach Angaben der AG SPAK rd. 50 re-
       gionale Zusammenschlüsse  von  selbstorganisierten  Gruppen,  die
       sich gegenseitig unterstützen. Themen der Landes- und Bundestref-
       fen waren  bisher: Selbstverwaltung,  Alltag im Jugendzentrum und
       bundesweite Zusammenarbeit. 12)
       -  K r i m i n a l p o l i t i k.   Der Projektbereich begann mit
       karitativer Resozialisierungsarbeit.  Seit 1980 kann eine deutli-
       che Verlagerung  zu allgemeinpolitischen Fragestellungen beobach-
       tet werden.  Unter dem Einfluß norwegischer Kriminalitätstheorien
       definiert der  Projektbereich  seine  Position  als  "abolitioni-
       stisch". 13)  Der KRAK geht davon aus, daß sogenannte Reformen in
       allen auf Zwang ausgerichteten Systemen nur eine legitimatorische
       Funktion haben;  deshalb müsse  die  Forderung  nach  Abschaffung
       dieser Systeme  im Vordergrund  stehen. In einem neueren Buch des
       Projektbereiches über  kriminalpolitische Konzeptionen  wird  die
       abolitionistische Position jedoch nicht mehr durchgehalten. 14)
       -  P s y c h i s c h   K r a n k e.   Der Projektbereich versucht
       die  herrschende,   als  unmenschlich   verstandene   Psychiatrie
       "auseinanderzunehmen". Gegründet  von studentischen Laienhelfern,
       deckt er  heute ein breites Arbeitsfeld ab: Bezugsgruppen in Lan-
       deskrankenhäusern,  dezentrale   stadtteilbezogene  Einrichtungen
       (Patientenclubs, Teestuben,  Beschwerdezentren und Gesundheitslä-
       den). Die  Zielvorstellungen des  Projektbereichs beschreiben Al-
       ternativen zur  herrschenden Psychiatrie:  Abschaffung der  Groß-
       krankenhäuser zugunsten  gemeindenaher Einrichtungen,  weitestge-
       hender Ersatz  der "professionellen Fremdverwaltung" durch thera-
       peutische Selbsthilfegruppen.  Der  Projektbereich  verweist  die
       ehemaligen Patienten  nicht auf  die Subkultur,  sondern  fordert
       ihre Organisierung im DGB. 15)
       -  O b d a c h l o s e n a r b e i t.  Dieser mit 12 Jahren älte-
       ste Projektbereich geht von der Position aus, daß Obdachlosigkeit
       im Zusammenhang  mit allgemeiner  Wohnungsnot,  Arbeitslosigkeit,
       Sozialhilfe und  damit der  Armutsdiskussion in  der BRD  gesehen
       werden muß. Dementsprechend suchen die Initiativgruppen (Kinder-,
       Jugend- und Erwachsenenarbeit, Gemeinwesenarbeitsansätze) die Zu-
       sammenarbeit mit  Arbeitslosenprojekten,  Selbsthilfegruppen  und
       Mieterinitiativen. Die  "Vernetzung" scheint  im Lande  Hessen am
       weitesten vorangekommen zu sein, wo es gelang, durch die Gründung
       einer Landesarbeitsgemeinschaft  "Soziale Brennpunkte" die Koope-
       ration im Bereich von Obdachlosenarbeit und Sozialhilfegruppen zu
       verbessern. Aus  dem immer  wieder aufbrechenden Widerspruch zwi-
       schen karitativer  Verwaltung von Obdachlosigkeit oder Verwirkli-
       chung weitergehender  politischer Ansprüche  entwickelt der  Pro-
       jektbereich Zielvorstellungen  für die heutige Obdachlosenarbeit.
       16)
       -  S t a d t t e i l a r b e i t.  Stadtsanierung, Wohnungsspeku-
       lation, Straßen-  und andere  Bauvorhaben sind für viele Menschen
       Anlaß, sich zu Mieterinitiativen und Stadtteilgruppen zusammenzu-
       schließen. Der  Projektbereich Stadtteilarbeit  hat sich  im Juni
       1983 mit  dem AK  Wohnen und  Umwelt des Bundesverbandes Bürgeri-
       nitiativen Umweltschutz  vereinigt.  Die  Themenschwerpunkte  der
       Diskussion waren u. a.: bewohnerorientierte Stadt- und Dorfsanie-
       rung, Wohnumfeldsanierung  und  Verkehrsberuhigung,  ökologisches
       und genossenschaftliches  Bauen, Basisdemokratie,  Bürgerbeteili-
       gung, Mieter-Mitbestimmung,  neue Mieterbewegung, neue Eigentums-
       formen.
       
       3. Hauptarbeitsgebiete der AG SPAK
       ----------------------------------
       
       Die eigenständigen  größeren wissenschaftlichen  Arbeiten der  AG
       SPAK konzentrieren  sich im wesentlichen auf zwei Arbeitsgebiete:
       Alternative Ökonomie - Armuts- und Sozialstaatsdiskussion.
       Angesichts hoher  Arbeitslosigkeit und umfangreicher Kürzungen im
       Sozialbereich liegen  die Arbeitsschwerpunkte der AG SPAK im Zen-
       trum  der  gesellschaftlichen  Auseinandersetzungen.  Ideologisch
       finden wir  in beiden Arbeitsgebieten unterschiedliche Positionen
       in bezug auf die Rolle der Arbeiterklasse als gesellschaftsverän-
       dernde Kraft.  Rolf Schwendter  (Alternative Ökonomie) überinter-
       pretiert die  sozialstrukturellen Differenzierungsprozesse in der
       Arbeiterklasse und  löst sie  als sozialökonomisch  einheitliche,
       antagonistische Gegenklasse  auf in  eine "Milchstraße" von Grup-
       pen, Agglomerationen,  Klassenfraktionen etc. mit je unterschied-
       lichen Normen und Werthaltungen. 17)
       Demgegenüber sieht  Norbert Preußer  (Sozialstaatsdiskussion)  in
       der Arbeiterklasse auch heute jene soziale Kraft, die allein dau-
       erhafte gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen vermag. 18)
       Gemeinsam ist beiden, daß ihr Weg zu einer grundlegenden Verände-
       rung der  Gesellschaft im "Utopischen" verbleibt und eine wissen-
       schaftlich begründete Gesamtstrategie nicht versucht wird.
       
       3.1 Alternative Ökonomie
       ------------------------
       
       Mit  dem  sprunghaften  Anwachsen  der  Zahl  von  Projekten  der
       "alternativen Ökonomie"  sind in  den Diskussionen  über mögliche
       und realistische  Alternativen zugleich  viele Fragen aufgeworfen
       worden:  Kann   es  ökonomisch   und  politisch  überlebensfähige
       "Inseln" im  Kapitalismus geben? Kann man mit ihnen einen Beitrag
       zur Gesellschaftsveränderung leisten? Welche Auswirkungen hat die
       neue Art  zu leben  und zu arbeiten auf das Zusammenleben und die
       Gruppenprozesse in  den Initiativen? Liegt die Zukunft der Alter-
       nativprojekte in  der langfristigen  und  umfassenden  Vernetzung
       oder verurteilt  der Konkurrenzkampf auf dem Markt der alternati-
       ven und  gesellschaftlichen Ökonomie  zu einer isolationistischen
       Politik? Welcher  historischen Erfahrungen haben sich alternative
       Projekte zu  versichern, wenn  vermeidbare Fehler in der heutigen
       Praxis nicht wiederholt werden sollen?
       Die AG  SPAK versucht  in dem von Rolf Schwendter herausgegebenen
       dreibändigen Werk  "Zur Alternativen Ökonomie" zu den aufgeworfe-
       nen Fragen  Stellung zu beziehen. 19) Die Bände 1 und 2 enthalten
       in einem  ersten Teil  Beiträge zur  theoretischen Diskussion der
       alternativen Ökonomie,  die in einem zweiten Teil um die Darstel-
       lung der  Praxis alternativer  Projekte ergänzt wird. Der 3. Band
       geht als  Reader ausführlich  auf die Geschichte der Selbsthilfe-
       projekte ein.
       Wegen ihrer  großen Bedeutung  für die  Diskussion in der AG SPAK
       und darüber  hinaus soll besonders auf die "Notate zur Kritik der
       alternativen Ökonomie"  von Schwendter  eingegangen  werden.  20)
       Schwendter kritisiert  den aus  der APO stammenden Begriff Gegen-
       ökonomie. "Gegenökonomie"  bezeichne zwar  richtig die Notwendig-
       keit, auch eine ökonomische Basis zur Reproduktion "nonkonformer"
       Personengruppen zu  schaffen; das  Konzept bleibe  jedoch fehler-
       haft, weil die Möglichkeiten ökonomischer Veränderungen unter den
       gegebenen Bedingungen überschätzt würden. Unter Rückgriff auf die
       historischen Erfahrungen  des utopischen  Sozialismus und der An-
       fänge der  Arbeiterbewegung verweist er den Gedanken, mittels ei-
       gener Unternehmen  den Privatkapitalismus  niederkonkurrieren  zu
       können, ins  Reich der  Illusion. 21)  Der bescheidenere  Begriff
       "Eigenökonomie" wird kommentiert als "die gute, alte gegenseitige
       Hilfe (bei  Umzügen, Wohnungssuche,  Einkauf), eine  Ökonomie der
       Konsumtion, die  sich ökonomisch zur kollektiven Robinsonade ent-
       wickeln kann". 22)
       Dagegen stellt  Schwendter seine eigene Definition der alternati-
       ven Ökonomie  : Sie  sei "eine  Reproduktionsbasis subkultureller
       Individuen, im günstigeren Fall mit dem Zweck, Gebrauchswerte für
       subkulturelle (politische,  religiöse etc.)  Arbeit zur Verfügung
       zu stellen."  23) Diese  Definition ist  bescheidener als der Be-
       griff "Gegenökonomie",  geht aber  über die  Schaffung  "eigener"
       Produktionsverhältnisse hinaus.  Projekte der alternativen Ökono-
       mie sind  für den Herausgeber "subkulturelle Einzelkapitale", die
       von der Einverleibung "subkultureller Lohnarbeit" der Projektmit-
       glieder leben.  Das "unzweifelhaft progressive Moment" alternati-
       ver Projekte liege darin, daß die Projektmitglieder zugleich ihre
       eigenen Lohnarbeiter und Kapitalisten seien. 24) Die subkulturel-
       len  Kapitale  verfügten  über  nur  wenig  "konstantes  Kapital"
       (Maschinen, Produktionsanlagen),  der Anteil  an "variablem Kapi-
       tal" (menschliches  Arbeitsvermögen) sei  sehr hoch. Um überhaupt
       akkumulieren zu  können,  müßten  die  subkulturellen  Lohnarbei-
       ter/Kapitalisten die  Kosten der Ware Arbeitskraft unter das all-
       gemeine Existenzminimum  drücken. Selbstausbeutung sei ein struk-
       turelles Prinzip  der alternativen Ökonomie. 25) Mit dem Hinweis,
       daß es  auch noch verschiedene Möglichkeiten der Umverteilung von
       "Revenue" an  die Subkulturen gäbe, wird indirekt eingeräumt, daß
       die alternativen  Projekte in  ökonomischer Abhängigkeit  vom  im
       formellen Sektor  erarbeiteten Sozialprodukt leben müssen und auf
       sich allein  gestellt kaum überleben könnten. 26) Schwendter kon-
       statiert, daß die subkulturellen Einzelkapitale untereinander und
       gemeinsam mit  den gesamtgesellschaftlichen  Einzelkapitalen kon-
       kurrieren müssen.  27) Die Konkurrenz mit dem gesamtgesellschaft-
       lichen Einzelkapital  könne nur  solange  erfolgreich  sein,  wie
       "Nischenproduktion" betrieben  wird und  der subkulturelle Konsu-
       ment die  Produkte abnimmt.  Dringe  das  gesamtgesellschaftliche
       Einzelkapital in  die Marktlücke vor, zögen die alternativen Pro-
       jekte in  der Regel  den kürzeren.  Inwieweit  die  gesamtgesell-
       schaftliche Konkurrenz  auch die  Konkurrenz und  Abhängigkeit in
       den alternativen  Projekten reproduziert,  weil ihr Überleben von
       der Stellung im Kampf um den Markt abhängt, bleibt bei Schwendter
       unterbelichtet. Er  sieht die Systemgrenzen der alternativen Öko-
       nomie darin, daß
       - sie keine Produktionsmittel in größerem Umfang herstelle, 28)
       - der Boden teurer werde, 29)
       - in Zeiten der Depression und Arbeitslosigkeit die Arbeitskräfte
       in die  alternativen Projekte drängen, dann aber kaum Kapital zur
       Gründung der Projekte zur Verfügung steht; oder daß in Zeiten des
       Aufschwungs zwar genügend Kapital vorhanden sei, aber kaum jemand
       die Bereitschaft  aufbrächte, in alternativen Projekten unter dem
       Existenzminimum zu  arbeiten. Kurz:  "Ist's Geld  da, fehlen  die
       Leut' und sind's Leut' da, fehlt's Geld." 30) Langfristig überle-
       ben könnten  die Projekte  nur, wenn  eine größere Vernetzung er-
       reicht würde. Schwendter erwartet in den nächsten fünf bis sieben
       Jahren folgende größeren Vernetzungen: Anthroposophen, AAO, Frau-
       enbewegung und  zwei bis vier Zusammenhänge der unabhängigen Lin-
       ken. 31)  Der mit  "Vernetzung" verharmlosend beschriebene Prozeß
       der Konzentration  und Zentralisa-tion der Projekte wird zu einer
       neuen Machtfülle  führen. Wie  mit dieser Macht umzugehen ist und
       wie sie gebraucht werden soll, wird nicht thematisiert.
       Behindert werde  die Vernetzung durch die Konkurrenz zwischen den
       subkulturellen Einzelkapitalen  untereinander, die sich direkt in
       ideologischen Auseinandersetzungen  ausdrücke. 32)  Burckert  33)
       kritisiert mit  Recht, daß  die strenge Ableitung des Bewußtseins
       der Projektmitglieder  aus ihrer  alternativökonomischen Lage der
       Auseinandersetzung mit  Alternativprojekten nicht  gerecht  wird.
       Wie anders ließen sich sonst die unterschiedlichen weltanschauli-
       chen Positionen  in den  Projekten erklären? Alternative Projekte
       sind entstanden  durch die  Unfähigkeit des Kapitalismus, die Ar-
       beit für  alle Gesellschaftsmitglieder  sicherzustellen, und  aus
       der Suche der "Marginalisierten" nach individuellen Ausweichstra-
       tegien, solange  gesamtgesellschaftliche Alternativen  nicht  er-
       kennbar sind.  Daß sich Alternativprojekte unter ökonomischen Ge-
       sichtspunkten kaum rentieren, war oft am Anfang klar. Ideologisch
       steht für  die meisten  Projektmitglieder das Motiv des Ausstiegs
       aus der  Fremdbestimmung und  die Suche nach sinnvoller Arbeit im
       Vordergrund. Man  muß die  Alternativprojekte insofern  als  eine
       Form ideologischer  wie materieller  Reaktion auf  die Krisenpro-
       zesse des  Kapitalismus interpretieren,  in denen  sich die Suche
       nach Elementen einer neuen Gesellschaft ausdrückt.
       Wie stellt  sich die AG SPAK die Bekämpfung des größten "sozialen
       Problems" unserer  Zeit, der Arbeitslosigkeit, vor? Willy Bierter
       und Ernst von Weizsäcker schlagen in einem Aufsatz Strategien zur
       Überwindung der  Arbeitslosigkeit  vor.  34)  Ausgehend  von  der
       These, daß  Konjunkturförderung die  Arbeitslosigkeit nicht  mehr
       reduziere, entwickeln  sie auf  die Ebenen  der arbeitsintensiven
       Technologie und  der Verkürzung  der  Lebensarbeitszeit  bezogene
       Konzeptionen. Sie  kritisieren den  Trend zur Großtechnologie und
       leiten daraus die Notwendigkeit einer angepaßten, arbeitsintensi-
       ven Technologie  ab. Das  Problem sind  die hohen Arbeitskraftko-
       sten. Sie  fordern deshalb  eine direkte  Subventionierung dieser
       Produktionssysteme "mit hoher Arbeitsbefriedigung, Umweltschonung
       und verminderten  Infrastrukturkosten". Weiter  erwarten sie, daß
       "Feierabendarbeitskräfte" oder  Teilzeitarbeitskräfte,  die  beim
       Staat oder  in der  Industrie nur eine bescheidene Existenzsiche-
       rung haben,  allein aufgrund  der besseren Qualität der Arbeit in
       die Projekte  einsteigen. Bei  der gerechten  Verteilung des  Ar-
       beitsvolumens lehnen  sie die  generelle Einführung  von Arbeits-
       zeitverkürzungen als  ein zu  unflexibles, den  Bedürfnissen  von
       Lohnarbeitern und Unternehmern nicht hinreichend Rechnung tragen-
       des Instrument  ab. 35)  Sie loben  die "solidarische Auffassung"
       mancher  Gewerkschaften,  bei  künftigen  Tarifverhandlungen  die
       Lohnzuwächse nicht  zu maximieren,  wenn Arbeitsplätze geschaffen
       oder abgesichert  werden könnten. 36) Statt dessen halten sie die
       "flexible Teilzeitbeschäftigung" für einen entscheidenden Beitrag
       zur Lösung  des Arbeitsplatzproblems.  37) Eine Problematisierung
       der Teilzeitarbeit  erfolgt nicht.  Die Autoren übersehen, daß es
       sich bei den heutigen Teilzeitarbeitsplätzen mehrheitlich um psy-
       chisch und  physisch stark  belastende Arbeitsplätze handelt, daß
       sie der  Arbeitsintensivierung dienen,  daß die  erreichten Löhne
       und Gehälter  durchweg am Ende der Verdiensthierarchie stehen und
       die Sozialleistungen  (Rentenversicherung,  Arbeitslosenversiche-
       rung u.a.) unzureichend sind. 38)
       Von der  Gesamtheit und  der Kombination  von  Konjunkturpolitik,
       freiwilliger Teilzeitarbeit, arbeitsintensiver, dezentralisierter
       Technologie und  Organisation erwarten  die Autoren das Entstehen
       einerseits einer  Sekundärökonomie mit  handwerklicher,  moderner
       Kleintechnologie und  hoher Arbeitsbefriedigung  und andererseits
       einer Primärökonomie  mit hochproduktiver  Technik. Zur Durchset-
       zung dieser  Strategie sei  die politische  Mobilisierung von Ar-
       beitslosen, Umweltschützern,  Frauen, Jugendlichen, Studenten und
       "Politikern und  politisch Interessierten  aller Gruppen, die die
       Unbezahlbarkeit künftiger Soziallasten vor Augen haben", 39) not-
       wendig. Aber  führt eine  Strategie, die schwerpunktmäßig auf den
       Sektor der Sekundärökonomie setzt und Arbeitslose auf diesen Sek-
       tor orientiert, nicht de facto zu einer Kapitulation vor dem Pro-
       blem  Massenarbeitslosigkeit,  weil  dort  nur  sehr  wenige  Ar-
       beitsplätze geschaffen  werden können,  die zudem ständig bedroht
       sind?   Daß   eine   solche   Politik   ausgerechnet   in   einer
       "Einheitsfront" von  Arbeitslosen bis Heiner Geißler verwirklicht
       werden soll,  desorientiert nicht  nur beim  Kampf gegen die Rot-
       stiftpolitik der  Rechtsregierung, sondern macht auch hilflos ge-
       genüber Vereinnahmungsversuchen von rechts!
       Kapitalistische Krise  und Massenentlassungen  verweisen auf Pro-
       duktionsverhältnisse ohne  Zukunft. Die  Suche nach  Alternativen
       zur Sicherung  der materiellen Reproduktion der aus dem kapitali-
       stischen Verwertungsprozeß  Herausgefallenen und  der  dabei  zum
       Ausdruck kommende  Gedanke der  Selbsthilfe verdienen  Unterstüt-
       zung. Wertvoll  sind die Hinweise auf das Was und Wie der Produk-
       tion, die Frage nach der Qualität der Arbeit. Insoweit können die
       Arbeiten der AG SPAK zur alternativen Ökonomie wichtige Erfahrun-
       gen vermitteln.  Aber: Wie  lassen sich  diese Ansprüche für alle
       Gesellschaftsmitglieder verwirklichen? Wo liegt die demokratische
       gesamtwirtschaftliche  Alternative?  Ein  politisch-strategisches
       Gesamtkonzept, das auf die Überwindung von Produktionsverhältnis-
       sen zielt,  die sämtliche  produktiven Tätigkeiten  der Menschen,
       die Wissenschaft, Technik und Kultur den Interessen einer kleinen
       Minderheit kapitalistischer Eigentümer unterordnen, sucht man bei
       der AG SPAK vergebens. Die Auflösung der gesellschaftlichen Klas-
       sen und  Schichten in  ein Konglomerat von Subkulturen übersieht,
       daß alle Arbeiter, Angestellten und Arbeitslosen von den ökonomi-
       schen, sozialen und ökologischen Folgen des Profitsystems betrof-
       fen sind. Hier liegt die objektive Grundlage gemeinsamen Handelns
       und gemeinsamer  Ziele. Einen Ansatzpunkt dazu bietet die gewerk-
       schaftliche Forderung  nach der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn-
       ausgleich, die  die Forderung  nach sinnvoller Arbeit, nach einer
       am gesellschaftlichen  Bedarf ausgerichteten  Produktion mit  dem
       Recht auf  Arbeit verbindet.  Hier liegen Elemente einer wirklich
       alternativen Ökonomie.  Einigkeit besteht  mit Marxisten  in  der
       Forderung nach  sinnvoller, nicht  fremdbestimmter Arbeit. Es ist
       jedoch  radikaler  nach  den  gesellschaftlichen  Voraussetzungen
       sinnvoller Arbeit für alle zu fragen.
       
       3.2 Armut und Sozialstaat
       -------------------------
       
       Die krisenhafte  gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepu-
       blik hat  jene Theoreme zu Makulatur werden lassen, die die rela-
       tiv krisenfreie  Entwicklung der  Nachkriegszeit in eine Entwick-
       lung zum  Wohlfahrtsstaat uminterpretieren  wollten. Die Armut in
       einem der  reichsten Länder  der Welt  wächst. 40) Als historisch
       angelegter Versuch  einer Analyse der gegenwärtigen Armut mit dem
       Ziel, Alternativen  zu entwickeln,  kann die  von Norbert Preußer
       herausgegebene vierbändige  Textsammlung "Armut  und Sozialstaat"
       angesehen werden. 41)
       Der erste Band enthält eine Darstellung der Konzepte und Struktu-
       ren der Sozialpolitik seit 1945. Im Einleitungstext begründet der
       Herausgeber in Auseinandersetzung mit Einwendungen von rechts und
       links seine Sozialstaatskonzeption: Sozialpolitik müsse begriffen
       werden als  Ergebnis sozialer Kämpfe, die geprägt sind vom Wider-
       spruch zwischen  fortschreitender Vergesellschaftung  und den Re-
       striktionen kapitalistischer  Aneignungsverhältnisse.  Preußer  -
       selbst Sozialarbeiter  und aktiver Gewerkschafter - entwirft auch
       Perspektiven einer  fortschrittlichen Sozialpolitik,  um der Aus-
       grenzung der  Armutsbevölkerung aus  den Lebensverhältnissen  der
       Arbeiterklasse entgegenzuwirken.  In den  Verteilungskämpfen zwi-
       schen Kapital  und Arbeiterklasse  dürfe man  sich nicht  nur auf
       Lohn- und  Tarifforderungeh konzentrieren, sondern müsse Qualität
       und  Quantität  staatlicher  Sozialleistungen  einbeziehen.  Eine
       fortschrittliche Strategie  der Arbeiterbewegung  habe  sich  auf
       eine Zunahme  staatlicher Sozialleistungen bei gleichzeitiger Zu-
       rückdrängung ihres  "selektiven Charakters" zu richten. Organisa-
       torisch sei  eine aktive  Institutionalisierung der Sozialverwal-
       tung und  eine basisnahe  Verankerung der sozialen Dienste erfor-
       derlich. 42)  Die folgende Quellensammlung vereinigt grundlegende
       Texte zur  Funktion und  Struktur des  Sozialstaates (u.a. Talos,
       Lenhardt/Offe) mit  der exemplarischen  Darstellung konservativer
       (u. a.  Geißler, Glazef),  liberaler  (Schreiber,  Crosland)  und
       fortschrittlicher (Leibfried,  Danckwerts) Konzepte der Sozialpo-
       litik. Der  zweite Band  trägt den  Untertitel "Herkunft und Ent-
       wicklung des Systems der sozialen Sicherung bis 1870". Einer Ein-
       leitung des  Herausgebers zur  "Ideologiegeschichte der bürgerli-
       chen Armenpflege  und Sozialpolitik  in Deutschland" folgen sorg-
       fältig ausgewählte  Quellentexte  zur  Armenpolitik  dieser  Zeit
       (u.a. von  Malthus, Gotthelf,  Prince-Smith). Der dritte Band be-
       handelt die  Entwicklung des  Systems der  sozialen Sicherung von
       1870-1945 und bietet die Quellentexte historisch gegliedert nach:
       - Armenpflege und Sozialpolitik in der Epoche des Deutschen Impe-
       rialismus (1871-1918);
       - Sozialpolitik in der Weimarer Republik (1919-1932);
       - Sozialpolitik des deutschen Faschismus (1933-1945).
       In der  Form von  historiographischen, ökonomisch-klassenanalyti-
       schen und  ethnographischen Untersuchungen werden im vierten Band
       "Nachrichten aus  der gefahrvollen  Welt der unteren Klassen" aus
       den letzen 150 Jahren zusammengetragen.
       Mit dem  vierbändigen Werk  "Armut und Sozialstaat" ist eine sehr
       informative Quellensammlung  zur Geschichte der Sozialpolitik ge-
       lungen. Die  Berücksichtigung aktueller  Prozesse scheint  jedoch
       dringend geboten.  Die  zunehmende  Vergesellschaftung  vollzieht
       sich heute  in starkem Maße auf dem Wege der Privatisierung sozi-
       aler Leistungen. Diese neue "Entwicklungsvariante" muß analysiert
       werden, weil sie die demokratische Bewegung vor neue strategische
       und taktische Aufgaben stellt.
       
                                    ***
       
       Die AG  SPAK hat  eine Vielzahl von beachtenswerten und realisti-
       schen Alternativvorstellungen  in den  Arbeits- und Projektberei-
       chen erarbeitet.  Es gibt  aber  keine  demokratische  Forderung,
       keine Alternative,  die sich  kraft ihrer überzeugenden Logik und
       ihres vernünftigen  Inhalts durchsetzen würde. Notwendig wäre die
       Integration der  gewonnenen Erkenntnisse  in  eine  gesamtgesell-
       schaftliche Alternativstrategie.  Die Einsicht  in die  Bedeutung
       einer antimonopolistischen  Gegenmacht wird  jedoch dadurch  ver-
       stellt, daß  das systemoppositionelle  Potential in  verschiedene
       Subkulturen aufgelöst  und die  aus ihrer objektiven Stellung er-
       wachsende  gesellschaftsverändernde   Potenz  der  Arbeiterklasse
       nicht gesehen wird. Da sich gesamtgesellschaftliche demokratische
       Veränderungen derzeit  nicht oder  nur sehr  begrenzt durchsetzen
       lassen, erfolgt  bei der  AG SPAK ein "Abtauchen" in die Verände-
       rung der engeren Umwelt (z.B. in alternativen Projekten). Ansätze
       zur Veränderung der sozialen Lage der Masse der Bevölkerung gera-
       ten aus  dem Blickfeld.  Damit ist der Anspruch, auch auf das ge-
       samtgesellschaftliche  Kräfteverhältnis  einzuwirken,  wohl  kaum
       wirklich einzulösen.
       Nachteilig macht  sich schließlich  das Fehlen  einer Analyse der
       Rechtsregierung und ihrer Politik bemerkbar. Die Umverteilungspo-
       litik dieser  Regierung im Reproduktionsbereich hat jedoch so ne-
       gative Folgen,  daß die  Zusammenarbeit mit  anderen Linkskräften
       für die  AG SPAK zu einer Überlebensfrage werden könnte. Ihre Al-
       ternatiworstellungen bieten hierzu eine Reihe von Ansatzpunkten.
       
       _____
       1) AG SPAK, Faltblatt, o.O. o.J.
       2) Obdachlosenarbeit in der BRD. Trendlinien kommunaler Obdachlo-
       senpolitik, Projekterfahrungen,  Handlungsanleitungen zur  Zusam-
       menarbeit mit  Obdachlosen, Materialien (M) 28, West-Berlin 1977,
       S. 198.
       3) So die AG SPAK in einer Selbstdarstellung.
       4) AG SPAK, Aufbau und Ziele. Faltblatt, o.O. o.J.
       5) H. Schulze  (Hrsg.), Volkserziehung  in Lateinamerika. Von der
       Theorie Paulo  Freires zur  politischen Praxis der Unterdrückten,
       Materialien 33;  Schimpf-Herken, Erziehung  zur Befreiung?  Paulo
       Freire und  die Erwachsenenbildung  in Lateinamerika, M 42, West-
       Berlin 1979; H. Schulze, Sozialarbeit in Lateinamerika. Solidari-
       sieren - nicht integrieren, M 53, West-Berlin 1983.
       6) R. Knauer, E. Krohn, P. Höner, Lernen geht auch anders. Reader
       zu Alternativ-Schulen  und Alternativpädagogik, M 39, West-Berlin
       1979.
       7) Vgl. A.  Herrenknecht, D. Leeke (Hrsg.), Jahrbuch der Provinz-
       arbeit, o.O. o.J.
       8) Vgl. KOST  (Hrsg.), Einschätzungen, Berichte, Literatur zu Ju-
       gendwohngemeinschaften, AG  SPAK Publikationen. Zu den Alternati-
       ven der  Heimerziehung: P.  Bosch, Fürsorgeerziehung.  Heimterror
       und Gegenwehr,  Frankfurt 1971. Autorenkollektiv (Ahlheim u. a.),
       Gefesselte Jugend,  Fürsorgeerziehung im  Kapitalismus, Frankfurt
       1971.
       9) Vgl. Seminarzeitung "Alternative Ökonomie" der AG SPAK, Tagung
       vom 16.-31. Juli 1983 in Altenmeile (hektographiert).
       10) R. Schwendter  (Hrsg.), Zur  Alternativen  Ökonomie,  3  Bde,
       West-Berlin 1975-1979 (M 19, 29, 35).
       11) Vgl. Leisen/Trabert, Selbsterfahrung. Ein Weg für Nichtbehin-
       derte zum  besseren Verständnis des Behinderten, AG SPAK Publika-
       tionen.
       12) Vgl.  "Wandzeitung".   Rundbrief  für   Jugendzentren,   und:
       "Selbsthilfematerialien" für  Jugendzentren (u.  a. mit Literatur
       von und für Jugendzentren, Recht).
       13) Th. Malinesen,  The Politics  of Abolition. Scandinavian Stu-
       dies in Criminology (4), Oslo 1974.
       14) J. Staiber, Kriminalpolitik und Strafvollzug, M 34, West-Ber-
       lin 1978.
       15) Vgl. Arbeitskreis  Demokratische Psychiatrie  (Hrsg.),  Gegen
       die Logik  der Aussonderung.  Psychisches Leiden  und Behinderung
       zwischen Ausschluß  und Befreiung,  M 58; Zur Darstellung von An-
       tipsychiatrieprojekten:  R.   Schwendter  (Hrsg.),  Jahrbuch  der
       Psychiatrie I,  M 54; K.E. Brill, Alternativen zum Irrenhaus. Auf
       der Suche  nach einer  veränderten Praxis,  M 45;  R.  Schwendter
       (Hrsg.), Reader zur Psychiatrie und Antipsychiatrie, Bd. l, M 32;
       Zur Kritik  an der  Schizophrenie-Theorie: A.  Stauth, Von  wegen
       schizophren, M 56.
       16) Vgl.  zur  Funktion  der  Sozialarbeit  und  zur  Darstellung
       "linker" Theorien  zur Randgruppenarbeit:  M. Kühn, M. Preis, Wi-
       derstand aus der Hinterwelt, M 40, West-Berlin 1979. Eine sozial-
       pädagogisch angelegte  Studie über  Handlungsansätze zur Verände-
       rung der  Lebensverhältnisse "Deklassierter": Hess-Diebacker, De-
       klassierte Arbeiterfamilien,  M 43, West-Berlin 1980. Grundlegend
       für die  Theoriebildung der  AG SPAK: Obdachlosigkeit in der BRD,
       a.a.O., sowie  eine Studie, deren Wert im wesentlichen in der Ar-
       gumentation gegen  die Theorie des abweichenden Verhaltens liegt:
       N. Preußer, Empirie einer Subkultur, M 20, o.O. o.J.
       17) Grundlegend: R.  Schwendter, Theorie der Subkultur, Frankfurt
       a.M. 1978, 2. Auflage.
       18) Vgl. N.  Preußer, Anmerkungen zur Sozialstaatsdiskussion, in:
       N. Preußer  (Hrsg.), Armut  und Sozialstaat, Bd. l, M 48, München
       1983, (2. Aufl.) S. 5-11.
       19) R. Schwendter (Hrsg.), Zur Alternativen Ökonomie, a.a.O.
       20) Rolf Schwendter  studierte an der Universität Wien Rechtswis-
       senschaften, Staatswissenschaft  und Philosophie. 1971-1974 Assi-
       stent am  Institut für Politische Wissenschaften an der Universi-
       tät Heidelberg. Seit 1975 Hochschullehrer für Devianzforschung an
       der Gesamthochschule Kassel.
       21) R. Schwendter,  Zur Alternativen  Ökonomie, Bd. 1, a.a.O., S.
       1.
       22) R. Schwendter,  Zur Alternativen  Ökonomie. Eine Kurzfassung,
       o.O. o.J., S. 4.
       23) Ebd., S. 4.
       24) Ebd., S. 9.
       25) Ebd., S. 5.
       26) Ebd., S. 10.
       27) Ebd., S. 11.
       28) Ebd., S. 9.
       29) Ebd., S. 10.
       30) Ebd., S. 8.
       31) Ders., Zur Alternativen Ökonomie, Bd. 2, a.a.O., S. 257.
       32) R. Schwendter,  Zur Alternativen  Ökonomie. Eine Kurzfassung,
       a.a.O., S. 11.
       33) H. Burckert, Nachrichten aus dem Land der Regenwürmer. Anmer-
       kungen zu  einem Modewort,  drei Luftschlössern  und zwei Büchern
       der AG  SPAK, in:  R. Schwendter (Hrsg.), Zur Alternativen Ökono-
       mie, Bd. 3, a.a.O., S. 109.
       34) W. Bierter,  E. v. Weizsäcker, Strategien zur Überwindung der
       Arbeitslosigkeit, in:  R. Schwendter,  Zur Alternativen Ökonomie,
       Bd. 2, a.a.O., S. 26-42.
       35) Ebd., S. 38.
       36) Ebd.
       37) Ebd.
       38) Vgl. Memorandum  '83: Qualitatives  Wachstum, Arbeitszeitver-
       kürzung, Vergesellschaftung. Alternativen zu Unternehmerstaat und
       Krisenpolitik, Köln 1983, S. 268-284.
       39) W. Bierter, E. v. Weizsäcker, a.a.O., S. 40.
       40) Vgl. Memorandum '84: Gegen soziale Zerstörung durch Unterneh-
       merherrschaft -  Qualitatives Wachstum,  35-Stunden-Woche, Verge-
       sellschaftung, Bremen 1984, S. 5-31.
       41) N. Preußer  (Hrsg.), Armut  und Sozialstaat.  Bd. 1: Konzepte
       und Strukturen  seit 1945,  2. Aufl.,  M 48, München 1983; Bd. 2:
       Herkunft und  Entwicklung des  Systems der sozialen Sicherung bis
       1870, M  49, München 1982; Bd. 3: Die Entwicklung des Systems der
       sozialen Sicherung  1870-1945, M  50, München  1982; Bd. 4: Nach-
       richten aus der gefahrvollen Welt der unteren Klassen, M 51, Mün-
       chen 1983.
       42) Vgl. ebd., Bd. l, S. 5-22.
       

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