Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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       VORÜBERLEGUNGEN ZU EINER GESCHICHTE DER BEZIEHUNGEN
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       ZWISCHEN SPD UND KPD IM KOMMUNALEN BEREICH 1918-1933
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       Georg Fülberth
       
       1. Fragestellung  und Forschungsstand  - 2. Umrisse möglicher Er-
       gebnisse
       
       1. Fragestellung und Forschungsstand
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       Die Spaltung  der deutschen  Arbeiterbewegung und die Gegner-, ja
       Feindschaft ihrer  beiden Flügel war ein Strukturelement der Wei-
       marer Republik.  Dennoch ist  die Geschichte  dieses  Gegensatzes
       niemals  durchgehend   geschrieben  worden.  Der  Spaltungsprozeß
       selbst hat seine Historiker gefunden, 1) in den Monographien über
       KPD 2) und SPD 3) bzw. über Einzelabschnitte ihrer Geschichte ist
       deren Haltung zur jeweils anderen Partei ebenfalls behandelt wor-
       den. 4) Doch eine Gesamtgeschichte der Beziehungen beider Organi-
       sationen fehlt.  Es ist auch zweifelhaft, ob sie beim gegenwärti-
       gen Forschungsstand  wünschbar wäre.  Sie könnte sich nur auf die
       Beziehungen der  Parteispitzen, eine Sammlung lokaler Studien und
       den Gewerkschaftsbereich 5) beziehen. Als Vorarbeiten müßten wei-
       tere Untersuchungen  über das  Verhalten von SPD und KPD in rele-
       vanten gesellschaftlichen  Gebieten angestellt werden. Hierzu ge-
       hört neben und nach den Gewerkschaften in hohem Maße auch die Ge-
       meindepolitik.
       Dieser Bereich  war insbesondere für die Sozialdemokratische Par-
       tei von großer Wichtigkeit. Ihr Masseneinfluß in der Weimarer Re-
       publik beruhte  vornehmlich auf  ihrer Verankerung in den Gewerk-
       schaften und ihrer seit 1918 sich sprunghaft ausweitenden Präsenz
       in  staatlichen  und  halbstaatlichen  Institutionen.  Neben  der
       Selbstverwaltung der  Sozialversicherung, in der sie bereits seit
       dem Ende  des 19.  Jahrhunderts Fuß  gefaßt hatte,  und einzelnen
       Ländern - wie etwa Preußen - sind hier vor allem die Gemeinden zu
       nennen. Nach  der Durchsetzung des allgemeinen und gleichen Wahl-
       rechts 1918/19  vervielfachte sich  die Zahl von Sozialdemokraten
       in Gemeindevertretungen und -vorständen, Stadtverordnetenversamm-
       lungen und  Magistraten. Die Identifikation dieser Partei mit der
       Weimarer Republik  - und  zwar sowohl  im Selbstbild  als auch im
       Verständnis ihrer  Gegner -  vollzog sich  in hohem Maße hier. An
       der Spitze  der Reichs-Exekutive  war die Präsenz der SPD während
       der gesamten  Zeit 1918-1933  jeweils kurz.  Eine wirklich  gefe-
       stigte, über  fast die gesamte Dauer der Weimarer Republik gehal-
       tene Position  innerhalb staatlicher  und halbstaatlicher  Organe
       hatte sie  dagegen nur im Lande Preußen, im Volksstaat Hessen und
       in vielen  Städten und Gemeinden. Wichtige Elemente ihres neuen -
       jetzt eindeutig  reformistischen - Sozialismusverständnisses, wie
       es etwa  Rudolf Hilferding 1927 auf dem Kieler Parteitag in einem
       Grundsatzreferat vorgetragen  hatte, blieben  auf dem  Papier, da
       der SPD  die Hebel  zu seiner  Durchsetzung nicht  zur  Verfügung
       standen. In den Gemeinden konnten allererste Realisierungsansätze
       gemacht werden, wobei Wien als das große ausländische Vorbild ei-
       nes "Kommunalsozialismus" galt.
       Diese hohe  Identifikation mit der Gemeindepolitik findet sich in
       der KPD  nicht. Während die SPD in der parlamentarischen Republik
       den Rahmen  ihrer Politik akzeptierte und begrüßte, dessen Normen
       auch in  den Kommunen gewährleistet sein müßten, hielt die Kommu-
       nistische Partei von Anfang an am Rätesystem fest, mußte also die
       rechtliche und verfassungsmäßige Gestalt auch der Gemeindepolitik
       für etwas Vorläufiges halten, zugleich auch für ein Hindernis bei
       der Realisierung  ihrer eigenen  Vorstellungen. Andererseits ver-
       wies ihre  starke Orientierung  auf Massenbewegungen sie durchaus
       auch auf  lokale Politikfelder. Dies galt um so mehr, als die Ar-
       beit unter  den Erwerbslosen  seit Mitte  der zwanziger Jahre ein
       realer Schwerpunkt  ihres Einflusses  wurde. Damit  war aber eine
       unmittelbare Berührung  mit Kommunalpolitik gegeben, denn die Un-
       terstützung der  Dauererwerbslosen gehörte  zum Zuständigkeitsbe-
       reich der  Gemeinden. Als  sich ab  1929/30 dieses  Problem  ver-
       schärfte, stießen  die durch die teilweise kommunistisch geführte
       Erwerbslosenbewegung artikulierten  Forderungen an die finanziel-
       len Grenzen  der Kommunen. Da gleichzeitig deren Selbstverwaltung
       durch das Regime der Notverordnungen weitgehend aufgehoben worden
       war, drängten  sich im  Selbstverständnis der KPD die Problemkom-
       plexe: Arbeitslosigkeit,  Gemeinde- und  Staatspolitik auf  engem
       Raum zusammen.  Daher kam  es denn auch zum heftigen Konflikt mit
       sozialdemokratischem Politikverständnis.
       Eine Analyse  von Kommunalpolitik  in der Weimarer Republik sieht
       sich vor  die schwierige  Wahl der  Analyse-Ebene und der lokalen
       Schwerpunkte gestellt.  Relativ leicht  beschreibbar ist die Ent-
       wicklung der  finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die
       denn auch bereits mehrmals vorgenommen wurde. 6) Die Wiederholung
       dieses Versuchs für die einzelnen Länder könnte sinnvoll sein und
       im ersten  Zugriff sich einzelner Beiträge im "Handwörterbuch der
       Kommunalwissenschaft" 7)  bedienen. Ins  Uferlose aber müßten wir
       geraten, wollten wir eine Kommunalgeschichte der Arbeiterbewegung
       in der  Weimarer Republik  anhand der Entwicklung aller Einzelge-
       meinden und  -städte schreiben.  Monographien über einzelne Groß-
       städte für  diese Zeit sind reichlich, nehmen aber fast immer die
       Form der  Oberbürgermeister-Biographie an.  Als Achse,  um welche
       Material gruppiert  werden kann, bieten sich die Beziehungen zwi-
       schen SPD und KPD an.
       Die Quellen  zur Gemeindepolitik  der Arbeiterbewegung  1918-1933
       sind recht  reichlich. Aufschluß über die konzeptionelle Entwick-
       lung beider Parteien auf dem Feld der Gemeindepolitik geben neben
       ihren Programmen ihre kommunalpolitischen Zeitschriften, die Par-
       teitagsprotokolle sowie  zahlreiche  Einzelbroschüren.  Auch  die
       zentralen Tageszeitungen (SPD: "Vorwärts", KPD: "Die Rote Fahne")
       müssen herangezogen  werden,  für  wichtige  örtliche  Ereignisse
       überdies  lokale   oder  regionale   Blätter.  Der   Nachlaß  der
       "Zentralstelle für  Kommunalpolitik" beim  Parteivorstand der SPD
       sowie des  kommunalpolitischen Beirats  dieser Partei ist weitge-
       hend vernichtet,  für die  KPD dagegen finden sich Materialien im
       Zentralen Parteiarchiv  des  Instituts  für  Marxismus-Leninismus
       beim Zentralkomitee  der SED. Hierbei sind besonders die Bestände
       der Abteilung  Kommunalpolitik und  der Abteilung Parlamente beim
       ZK der  KPD aufschlußreich. Da diese Partei von den Innenministe-
       rien überwacht  wurde, findet  sich auch  in deren Akten sowie im
       Nachlaß des Reichskommissars für die Überwachung der öffentlichen
       Ordnung wichtiges  Material. Als weitere Quelle können die Proto-
       kolle des  Reichstages und  der Einzellandtage dienen. In den Lo-
       kal- und Regionalzeitungen finden sich auch ziemlich detaillierte
       Berichte über die Verhandlungen der Stadtverordnetenversammlungen
       und Gemeindevertretungen.  Ihre Protokolle können in der Regel in
       den Stadtarchiven nachgelesen werden.
       Der Forschungsstand ist für SPD und KPD uneinheitlich. In der um-
       fangreichen Literatur  über die  Rätebewegung 1918/19  setzt  das
       Buch "Hauptstadt  und Staatsumwälzung.  Berlin 1919"  von  Frauke
       Bey-Heard einen  kommunalpolitischen  Akzent.  8)  Auch  Eberhard
       Kolbs Studie  "Die Arbeiterräte  in  der  deutschen  Innenpolitik
       1918-1919" 9)  geht auf  gemeindepolitische Probleme  ein, die in
       der übrigen  Literatur zur Rätefrage, soweit sie tatsächliche lo-
       kale Entwicklungen  schildert, ebenfalls zumindest gestreift wer-
       den. 1975  wurden an  der Martin-Luther-Universität Halle-Witten-
       berg zwei  Dissertationen zur Entwicklung der kommunalpolitischen
       Konzeption der KPD 1919-1929 bzw. 1929-1933 angenommen. 10) Reale
       lokale Geschehnisse  sind hier als Belege für die gemeindepoliti-
       sche Gesamtentwicklung  der Partei  für Halle  (Hermann) und  für
       Leipzig (Böl)berücksichtigt.  Das  Buch  von  Beatrix  Herlemann:
       "Kommunalpolitik der  KPD im Ruhrgebiet 1924-1933" 11) (1977) be-
       ruht auf  der Untersuchung  von zwölf Städten, orientiert sich an
       der politischen  Entwicklung im lokalen Bereich, bezieht aber die
       allgemeine Parteigeschichte  mit ein. Es stellt die bisher gründ-
       lichste und  - was  den Materialbestand und die Zahl der Kommunen
       angeht -  breiteste Analyse  des kommunalpolitischen  Wirkens der
       Kommunistischen Partei  in einer  Region dar.  Volker  Wünderichs
       Buch "Arbeiterbewegung und Selbstverwaltung" 12) (1980) umfaßt im
       Grunde drei  Studien: die  Darstellung der  Vorgänge, die zu Wahl
       und Nichtbestätigung  des kommunistischen Oberbürgermeisters Her-
       mann Weber  in Solingen  1930 führten, einschließlich eines Rück-
       griffs auf  die Entwicklung  der Kommunalpolitik  in dieser Stadt
       seit Beginn  der Weimarer Republik; einen Abriß der Kommunalpoli-
       tik der  KPD 1918-1933;  schließlich einen Überblick über die Ge-
       schichte der  Kommunalpolitik in  der Weimarer  Republik. Die SPD
       wird nicht  behandelt. Sie  erscheint nur  in der  Politik  ihrer
       kleinen Solinger Stadtverordnetenfraktion, des preußischen Innen-
       ministeriums sowie  des schließlich  eingesetzten  Oberbürgermei-
       sters Brisch.  Im KPD-Teil finden sich außerdem einige Abschnitte
       über die Vorkriegssozialdemokratie und die USPD.
       Die Leipziger  Dissertation von  Gert Richter  "Zur Herausbildung
       und Ausprägung  der Kommunalpolitik  der  Kommunistischen  Partei
       Deutschlands in  Chemnitz von  1918/19 bis  1929" 13)  zeigt  ein
       deutliches Interesse an den Beziehungen innerhalb der parteipoli-
       tischen Gesamt-Arbeiterbewegung:  Probleme der Anknüpfung und Ab-
       grenzung zwischen KPD und SPD werden aufmerksam herausgearbeitet.
       Im umgekehrten  Verhältnis zur  quantitativen Repräsentation  der
       beiden Parteien  in den  Stadtverordnetenversammlungen, Gemeinde-
       vertretungen, Magistraten, Gemeindevorständen ist die Kommunalpo-
       litik der  SPD bisher weit weniger oft wissenschaftlich behandelt
       worden als  die der KPD. Zuerst erschien 1982 ein Überblicksarti-
       kel von  Helmut Arndt. 14) Meiner eigenen knappen Darstellung von
       1984 "Konzeption  und Praxis sozialdemokratischer Kommunalpolitik
       1919-1933" gab  ich selbst  den Untertitel: "Ein Anfang." 15) Die
       Friedrich-Ebert-Stiftung betreibt in der Zeit von Januar 1983 bis
       1986 ein  Forschungsprojekt "Sozialdemokratie und Kommunalpolitik
       in der  Weimarer Republik 1919-1932" unter der Leitung von Dieter
       Rebentisch. 16)  Kommunalpolitische Aspekte  enthalten  auch  die
       Leipziger Dissertationen  von Evelyne  17) und  Detlef 18) Ziegs,
       die ebenso wie Gert Richter - hier offensichtlich ein Forschungs-
       interesse artikulierend,  das unter  der Leitung  Arndts  an  der
       Karl-Marx-Universität Leipzig  sichtbar wird - das Problem mögli-
       cher Zusammenarbeit zwischen KPD und SPD oft anklingen lassen.
       In der  Bundesrepublik erscheinen  seit Mitte der siebziger Jahre
       häufiger Lebenserinnerungen  von Sozialdemokraten mit lokalem Be-
       zug und  Darstellungen der  Geschichte einzelner SPD-Ortsvereine.
       19) Ebenso  wie die  kommunistische ortsgeschichtliche  Literatur
       20) behandeln sie die Gemeindepolitik meist nur sehr knapp.
       Einen Durchbruch  - falls  das Beispiel Schule macht - könnte die
       in Westberlin  erstellte Dissertation  von Edward  Gough bringen.
       21) Erstmals  wird die  Kommunalpolitik der  SPD in einer Stadt -
       und hier  gleich in  Berlin - analysiert, wobei das Interesse des
       Verfassers ausschließlich  der Gemeinde  gilt, während die grund-
       sätzliche politische Entwicklung der lokalen Parteiorganisationen
       - bezogen  auf überregionale, nationale und internationale Ebenen
       - völlig  außerhalb des  Blickfeldes bleibt. Dies erlaubt die Be-
       handlung kommunaler  Fragen im  Detail; tatsächlich spiegelt sich
       bereits in  der Gliederung der Arbeit die Ressortierung sozialde-
       mokratischer Gemeindepolitik.
       Die Tatsache, daß das Verhältnis von SPD und KPD in den Gemeinden
       noch nicht  genügend untersucht  ist, sollte  den Blick von einer
       weiteren Forschungslücke  nicht ablenken:  nämlich von der Frage,
       ob nicht  eine Untersuchung des Verhältnisses der SPD zu den bür-
       gerlichen Parteien  in Städten  und  Gemeinden  ebenso  notwendig
       wäre. Sie  ist zu  bejahen. Weit  stärker als mit der KPD hat die
       SPD in  den Magistraten  und Gemeindevorständen  mit der DDP, der
       Zentrumspartei und  teilweise auch  mit der Deutschen Volkspartei
       kooperiert. Dies  ergab sich einerseits aus der gemeinsamen Zuge-
       hörigkeit zu  diesen Gremien, andererseits aus einem bei den Bür-
       gerlichen durchgängigen,  in der  SPD  immerhin  weitverbreiteten
       Verständnis von  Kommunalpolitik als eines relativ unpolitischen,
       eher durch  Verwaltungs- und  Daseinsvorsorge-Gesichtspunkte  ge-
       kennzeichneten Politikfeldes.  Wer sich  dieses  Themas  annimmt,
       wird auf die Anfangsschwierigkeit stoßen, daß die Kommunalpolitik
       von Zentrum, DDP, DVP und DNVP völlig unerforscht ist. Hier kehrt
       ein Mißverhältnis wieder, das sich schon in der ungleichgewichti-
       gen Literaturlage  zu SPD  und KPD  zeigte. Wenn über die KPD-Ge-
       meindepolitik sowohl  in der  Bundesrepublik als  auch in der DDR
       einige Arbeiten  erstellt wurden,  so hat  dies seine Ursache vor
       allem in allgemeinpolitischen Anregungen: Als Ergebnis der Syste-
       mauseinandersetzung kann die Kommunismus-Forschung in der Bundes-
       republik stets  ein gewisses  Interesse beanspruchen,  in der DDR
       hat die  Aufarbeitung der Geschichte der kommunistischen Bewegung
       in den  verschiedensten Bereichen  ein großes Gewicht. Die inten-
       sive Beschäftigung  mit dem  Faschismus hat dazu geführt, daß die
       Kommunalpolitik der  NSDAP eine ausführliche monographische Bear-
       beitung erfuhr.  22) DDP,  Zentrum, DVP  und DNVP sind zwar eben-
       falls Gegenstände  der historischen  Forschung, aber es fehlt der
       darüberhinausgehende Schub  aktuellen politischen Interesses, der
       dazu hätte führen können, daß auch Einzelbereiche ihrer Tätigkeit
       gründlich untersucht werden. In der Kommunalpolitik steht dies in
       einem deutlichen  Widerspruch zu  dem realen  Gewicht, das  diese
       Parteien hier  - etwa  durch die von ihnen gestellten Oberbürger-
       meister - in der Weimarer Periode hatten.
       Kommunalgeschichte der  Arbeiterbewegung  wird  im  Spannungsfeld
       zwischen der Notwendigkeit von Analyse des lokalen Alltags einer-
       seits, des  überregionalen Zusammenhangs  der Bedingungen von Ge-
       meindepolitik andererseits,  drittens aber  der den  Alltag über-
       greifenden, durch  dessen Untersuchung  nicht voll ausschöpfbaren
       örtlichen Machtstruktur stehen. Die meisten am Arbeiteralltag in-
       teressierten Arbeiten  beachten Kommunalpolitik allenfalls nur am
       Rande. 23) Eine konsequente Verbindung zwischen der lokalen Sozi-
       algeschichte und  der kommunalen  Entwicklung stellt  Klaus  Ten-
       feldes Penzberg-Studie  dar. 24)  Dies gelingt um den notwendigen
       Preis der  Beschränkung auf  eine einzelne  Gemeinde, also  unter
       Aussparung des überregionalen Systemcharakters, den Gemeindepoli-
       tik auch hat. Er ist durch folgende Faktoren bestimmt:
       1. die Stellung der Kommunen im Verfassungssystem und ihre innere
       rechtliche Ordnung;
       2. die Finanzverfassung des Reiches;
       3. den Konjunkturverlauf;
       4. das Durchschlagen überregionaler ideologischer und politischer
       Prozesse auf die lokale Ebene.
       Gegenstand weiterer  Forschungen und  theoretischer  Überlegungen
       muß es sein, welches Gewicht im Verhältnis zu diesen Faktoren dem
       lokalen Sozialmilieu  zukommt. Die sehr geringe Bedeutung, welche
       Kommunalpolitik im Alltagsbewußtsein der Arbeiter und ihrer Fami-
       lien hat, wenn sie nicht mit sehr persönlichen und zugleich über-
       greifenden Problemen wie etwa der Erwerbslosigkeit verbunden ist,
       spiegelt  sich   in  der   bislang  vorliegenden   Literatur  zum
       "Arbeiteralltag" und sollte zu denken geben.
       
       2. Umrisse möglicher Ergebnisse
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       In der  Gründungsperiode der  deutschen Sozialdemokratie  während
       der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hatten kommunal-
       politische Probleme  eine nur untergeordnete Bedeutung - sie wur-
       den allenfalls  in der  Forderung nach  allgemeinem Wahlrecht auf
       allen Ebenen,  auch in den Gemeinden, sichtbar. Allerdings gab es
       bereits sozialdemokratische  Stadtverordnete in  einigen  wenigen
       Städten. Marx'  Interpretation der  Pariser Commune  1871 entwarf
       Grundlinien einer  radikaldemokratischen Kommunalverfassung,  die
       zugleich einen Umbau des Staates durch Aufhebung der Gewaltentei-
       lung und imperatives Mandat einschloß. Elemente dieser Konzeption
       finden sich  auch im  Erfurter Programm  der Sozialdemokratischen
       Partei Deutschlands  von 1891. Allerdings hatten sie keine Bedeu-
       tung für  die konkrete Kommunalpolitik der Partei. In den neunzi-
       ger Jahren weitete sich die gemeindepolitische Praxis der Sozial-
       demokratie ungemein aus. Konzeptionell folgte sie britischen Vor-
       bildern. Dies  gilt für  zwei Punkte:  einmal die  Forderung nach
       weitgehender Selbstverwaltung  im Verhältnis zum Staat, zum ande-
       ren für die Bestrebungen nach Übernahme von Versorgungsleistungen
       in kommunale Regie ("Kommunalsozialismus"). In beiden Bereichen -
       vor allem  auf dem  Gebiet der Gemeindeverfassung - gab es Berüh-
       rungen mit  dem Liberalismus. Tatsächlich waren zwei führende Ge-
       meinde-Theoretiker der  Sozialdemokratie - Hugo Lindemann und Al-
       bert Südekum - Vertreter des rechten Parteiflügels. In einem ein-
       geschränkten Sinne  muß dies auch für Paul Hirsch gelten, der mit
       zahlreichen Schriften  zu kommunalpolitischen  Problemen  hervor-
       trat. Er  war Mitglied der preußischen Parteiorganisation und wi-
       dersprach deren  prinzipieller Radikalität in seinen Ausführungen
       nicht explizit. Eduard Bernstein erklärte im Schlußkapitel seines
       Buches "Die  Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
       Sozialdemokratie" die  Kommunalpolitik zu einem der strategischen
       Hebel bei  der Durchsetzung  seiner reformsozialistischen Konzep-
       tion. Eine  Differenz zu  liberalen Positionen bestand allerdings
       in der Frage des allgemeinen Wahlrechts: für die Sozialdemokratie
       war es  unabdingbar auch  für die Gemeinden, die von ihr ins Auge
       gefaßten politischen  Partner lehnten  es entweder ab oder legten
       sich doch  zumindest nicht fest. Ein thematischer Schwerpunkt so-
       zialdemokratischer Vorstellungen auf dem Gebiet der Gemeindepoli-
       tik war  der Wohnungsbau. Hier stellte die Partei zwar die Forde-
       rung nach Gemeindeeigentum und -regie auf, doch befürworteten die
       auf dem  rechten  Flügel  stehenden  führenden  Kommunalpolitiker
       stärker den Genossenschaftsbau. In der Programmatik der Sozialde-
       mokratie fand  dieser Gegensatz  in einer Resolution des Lübecker
       Parteitags 1901 zur Wohnungsfrage seinen Ausdruck.
       Vertreter des  linken Flügels der Partei traten kommunalpolitisch
       nur selten hervor. In seinem Referat und in seinen Leitsätzen zur
       Verwaltungsreform auf  dem Parteitag der preußischen Organisation
       1910 griff  Karl Liebknecht  implizit die  Überlegungen von Marx'
       Schrift  -  Der  Bürgerkrieg  in  Frankreich"  und  des  Erfurter
       Programms wieder  auf, doch  wurde dies  nicht als kontrovers zur
       mehrheitlich  betriebenen  Gemeindepolitik  der  Sozialdemokratie
       verstanden, offensichtlich auch von Liebknecht selbst nicht.
       Der erste  Weltkrieg brachte die reformistischen Kommunalsoziali-
       sten in  zwei Punkten  ihren Zielen  näher: die  Durchsetzung des
       allgemeinen Wahlrechts  schien ihnen als Ergebnis der Kooperation
       mit den  herrschenden Klassen kurzfristig erreichbar; die Gemein-
       den übernahmen  eine große  Zahl von Versorgungsleistungen in ei-
       gene Regie, ein Zustand, der von bürgerlichen Gegnern wie sozial-
       demokratischen Befürwortern  als  "Kriegssozialismus"  bezeichnet
       wurde. Andererseits war 1914-1918 die Selbständigkeit der Gemein-
       den gegenüber dem Staat stärker eingeschränkt als je zuvor.
       Die Revolution 1918 und die Gründung der Weimarer Republik bedeu-
       teten auch  für die  Kommunalgeschichte der deutschen Sozialdemo-
       kratie einen  tiefen Einschnitt.  Erstmals zogen Sozialdemokraten
       in großer Zahl in die Exekutiven der Gemeinden ein. Die Durchset-
       zung des  allgemeinen Wahlrechts  vervielfachte ihre Mandatszahl.
       Nunmehr bildeten  sich zwei  Richtungen heraus, die beide auf dem
       rechten Flügel der Partei angesiedelt waren:
       1. Die  "Selbstverwaltungslinie"   behielt  die  Forderungen  der
       "Kommunalsozialisten" aus  der  Vorkriegszeit  bei.  Insbesondere
       verlangten ihre  Vertreter die Einschränkung der Kommunalaufsicht
       auf eine  reine Rechtsaufsicht  und die  Beseitigung des Bestäti-
       gungsrechts. Diese Position fand Eingang in die Gemeindeordnungen
       mehrerer süddeutscher  Länder, an  deren Erarbeitung  und  Verab-
       schiedung Sozialdemokraten in den Parlamenten, als Ministerpräsi-
       denten und  Innenminister großen  Anteil hatten.  In Sachsen  und
       Thüringen haben 1923 sozialdemokratisch-kommunistische Mehrheiten
       Gemeindeordnungen mit  einen Höchstmaß an Selbstverwaltung durch-
       gesetzt. Sie  wurden nach  dem Einmarsch  der Reichswehr in diese
       beiden Länder wieder annulliert.
       Auch  von  den  aktiven  sozialdemokratischen  Kommunalpolitikern
       Preußens wurde die "Selbstverwaltungslinie" vertreten. Dort domi-
       nierte bei den der SPD angehörenden Innenministern (vor allem Se-
       vering und Grzesinski) jedoch eine andere Haltung:
       2. Die "Staatsverwaltungslinie".  Ihre  Verfechter  gingen  davon
       aus, daß  mit der  Parlamentarisierung des  Reiches und  mit  der
       Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts die Volkssouveränität vor
       allem im  Zentralstaat zum  Ausdruck zu  kommen habe. Ländern und
       Gemeinden könne  ihm gegenüber nur eine sehr nachgeordnete Eigen-
       ständigkeit gewährt  werden. Diese  Position wurde auch durch die
       von Matthias Erzberger vorgetragenen reparationspolitischen Über-
       legungen gestützt  und fand  ihren Niederschlag in der mit seinem
       Namen verbundenen Reichsfinanzreform von 1920. In Preußen war ein
       weiterer praktischer Ausdruck dieser Politik das Fortbestehen der
       Kommunalaufsicht und des Bestätigungsrechts.
       Beide Positionen  hatten kaum  Originalität in dem Sinne, daß sie
       aus der  sozialdemokratischen Theorietradition  heraus entwickelt
       wären. Die  "Selbstverwaltungslinie" stimmte  im wesentlichen mit
       den  verfassungstheoretischen  Überlegungen  des  Liberalen  Hugo
       Preuß überein.  Die "Staatsverwaltungslinie" wurde auch außerhalb
       der MSPD und der USPD vertreten, etwa in der Zentrumspartei.
       Den zwei  Richtungen der sozialdemokratischen Gemeindepolitik war
       das Bekenntnis zum Einkammersystem mit ausschlaggebender Funktion
       der Stadtverordneten  gegenüber den Exekutivbeamten gemeinsam. Es
       wurde jedoch in Preußen nicht durchgesetzt: Dort blieb es bei der
       überkommenen Trennung  in Magistrats-  und Bürgermeistereiverfas-
       sung. Das war wiederum Teil einer übergreifenden Problematik: des
       Ausbleibens einer durchgreifenden Verwaltungsreform, die von SPD-
       Politikern immer  wieder beklagt  worden ist.  In der Sozialisie-
       rungsfrage vollzog  sich noch  während des  Krieges eine wichtige
       Akzentverschiebung auf dem Feld der Wohnungsbaupolitik: Staat und
       Gemeinde erschienen als Träger nicht geeignet, stattdessen wurden
       Genossenschaften propagiert. Allerdings schlug sich dies zunächst
       noch nicht programmatisch, sondern ausschließlich in der Publizi-
       stik sowie in der Praxis nieder.
       Außerhalb des  Wohnungsbaus folgte  die SPD mit der Distanzierung
       vom Regiebetrieb  und mit  dem Eintreten  für Überführung der Ge-
       meindebetriebe in Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit be-
       schränkter Haftung  (wobei die  Kommunen  alle  Anteile  behalten
       sollten) Zweckmäßigkeitsüberlegungen,  die allen nichtkommunisti-
       schen Parteien weitgehend gemeinsam waren.
       Im Krieg  und in  der Nachkriegszeit  überrascht das unverbundene
       Nebeneinander von  kreativer Phantasie im Entwerfen und Begründen
       gemeinwirtschaftlicher Modelle  für den kommunalen Bereich einer-
       seits, unverfälscht proimperialistischen Positionen in Fragen der
       allgemeinen, insbesondere  der Auswärtigen  Politik andererseits.
       Die nach dem Krieg für einige Jahre als kommunalpolitisches Fach-
       organ firmierende  Zeitschrift "Kommunale  Praxis",  die  bereits
       seit der  Jahrhundertwende erschien, ist hierfür eine wahre Fund-
       grube. Militante Propagierung der Vergesellschaftung insbesondere
       des Wohnungswesens,  in  den  vielfältigsten  Varianten  durchge-
       spielt, originell  und höchst anregend, steht in einem Blatt, das
       bis 1918  zugleich ebenso  massiv für die Zeichnung von Kriegsan-
       leihen wirbt.  Der Herausgeber, Albert Südekum, war gleichermaßen
       Spezialist für  Wohnungsbau und  Mietpolitik wie führender Sozia-
       limperialist. In den "Sozialistischen Monatsheften" forderte Lud-
       wig Quessel  eine Fortführung des durch Wilhelm H. durchgesetzten
       "Kriegssozialismus" in  der Mietfrage  und schlug  ein Modell zur
       Überführung der Wohnungen in Gemeinwirtschaft vor.
       Die Umorientierungen, die während des Krieges und unmittelbar da-
       nach erfolgten,  blieben im wesentlichen für die gesamte Zeit der
       Weimarer Republik  erhalten. Der  konzeptionelle Elan, welcher in
       der unmittelbaren  Nachkriegszeit in der sozialdemokratischen Pu-
       blizistik zu  spüren ist,  erlahmt allerdings in dem Maße, in dem
       die fortschreitende  Inflation und die krisenhafte Zerrüttung von
       Staat und  Gesellschaft die  Realisierung reformistischer Konzep-
       tionen erschwerten.
       Mit Beginn der relativen Stabilisierung 1924 war deshalb eine Re-
       konstruktion  sozialdemokratischer   Kommunalpolitik   notwendig.
       Diese erfolgte  organisatorisch durch Wiedererrichtung der zusam-
       mengebrochenen Fachpublizistik  und in der Schaffung neuer Insti-
       tutionen (Zentralstelle  für Kommunalpolitik  u.a.). Eine Schrif-
       tenreihe sowie insgesamt vier Reichskonferenzen für Kommunalpoli-
       tik 1927-1929  dienten der  Erarbeitung gemeindepolitischer  Vor-
       stellungen und  deren Propagierung. Die Zusammenfassung der sozi-
       aldemokratischen Vorstellungen  auf diesem Gebiet bilden die 1928
       beschlossenen "Kommunalpolitischen Richtlinien der SPD". 25) Nun-
       mehr wurde  die britische  Selbstverwaltung als Vorbild der deut-
       schen Sozialdemokratie vom "Roten Wien" abgelöst. Durch die zeit-
       weise bessere  finanzielle Ausstattung der Gemeinden nach der In-
       flation und  das Inkrafttreten  des Dawes-Plans erhielten die Ge-
       meinden die  Möglichkeit zur  Verbesserung  ihrer  Infrastruktur:
       Sportstätten, darunter Schwimmbäder, Schulzentren und Stadthallen
       wurden errichtet.  Der  kommunale  Wohnungsbau  nahm  einen  Auf-
       schwung. Nach  dem "Kriegssozialismus"  1914-1918 schien nun eine
       zweite Periode des "Gemeindesozialismus" angebrochen.
       Sie endete  in der  Weltwirtschaftskrise. Der  Sklarek-Skandal in
       Berlin 1929  erhielt symbolhafte  Bedeutung. Mit den Brüningschen
       Notverordnungen ab  1930 verloren die Gemeinden weitere Reste ih-
       rer Autonomie.  Der "Kommunalsozialismus"  hatte keine  Grundlage
       mehr. Für  die SPD  in Städten  und Gemeinden  blieb nur noch der
       Versuch, innerhalb  der Mangelverwaltung den Erwerbslosen zu hel-
       fen. Sie  nahm dabei  häufig Zuflucht zu kommunalen Notstandsmaß-
       nahmen analog zum Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB von 1932.
       Die an  der Jahreswende 1918/19 gegründete KPD sah als politische
       Form des Sozialismus nicht die parlamentarische Republik, sondern
       das Rätesystem.  Mit dem Scheitern der Novemberrevolution war sie
       auf die Arbeit innerhalb einer politischen Ordnung verwiesen, die
       sie ablehnte.  Das galt  auch für  die Gemeinden.  Programmatisch
       nahm sie  häufig Punkte auf, welche von der (M)SPD seit etwa 1914
       aufgegeben worden waren, z.B. das Beharren auf dem Regiesystem im
       Gegensatz zur Überführung von Kommunalbetrieben in Kapitalgesell-
       schaften. Die  neue Prioritätensetzung der SPD im Wohnungsbau zu-
       gunsten der  Genossenschaften vollzog  sie nicht mit und beharrte
       stattdessen auf  Kommunalisierung. Seit  1920 beteiligte sich die
       KPD reichsweit  an  Gemeindewahlen.  Während  der  revolutionären
       Nachkriegszeit 1918-1923  ging sie  davon aus, daß die in den Ge-
       meinden sich  artikulierenden Basisinteressen  an die Grenzen des
       kapitalistischen Systems  stoßen und  so sprengend wirken müßten.
       Der 1922  veröffentlichte Entwurf  eines  Kommunalprogramms  ver-
       suchte, die  Gesamtheit proletarischer  Forderungen  auf  lokaler
       Ebene zu  artikulieren. 26)  Dabei ergab  sich eine Fülle von Ge-
       meinsamkeiten mit  den Interessen  sozialdemokratischer Arbeiter.
       Diese Überlegungen  wurden auch  dadurch gefördert,  daß die  KPD
       erst durch  die Vereinigung  mit dem  linken Flügel der USPD 1920
       eine parlamentarische gemeindepolitische Basis gewann.
       Das Scheitern  der Einheitsfrontpolitik 1923 und die dadurch aus-
       gelöste Herausbildung  einer ultralinken  Mehrheit z.B.  auf  dem
       Parteitag in  Frankfurt/Main (1924) leitete eine Episode scharfer
       Abgrenzung von  der SPD  ein. Sie wurde von der neuen Führung, in
       der Ruth  Fischer und  A. Maslow großen Einfluß hatten, forciert.
       War bis  dahin unter  bestimmten Umständen  die  Wahl  von  Sozi-
       aldemokraten in  Magistrate, Gemeindevorstände  sowie in die Lei-
       tungen von  Kommunalparlamenten durch  Kommunisten ebenso möglich
       gewesen wie  die Unterstützung  von Etats, die die SPD in Abgren-
       zung von den bürgerlichen Parteien formuliert hatte, so identifi-
       zierte die  KPD nun die Sozialdemokratie mit dem bürgerlichen La-
       ger und  war zu keiner Zusammenarbeit mehr bereit. Ab 1925 wandte
       sie sich auch in den Gemeinden wieder einer gezielten Aktionsein-
       heitspolitik zu.  Spektakuläre Vorstöße in Berlin 27) und Hamburg
       28) blieben erfolglos. Dabei war die Haltung der KPD nicht völlig
       klar: ihre Aktionseinheitsangebote konnten von den Sozialdemokra-
       ten auch  als Vorspiel  zu "Entlarvungs"-Manövern denunziert wer-
       den.
       1929 ging  die KPD  auch in  den Kommunen wieder zu einer Politik
       der ultralinken  Abgrenzung von  der SPD über. Sie setzte auf die
       revolutionäre politische  Zuspitzung  der  Wirtschaftskrise.  Ein
       Element der Mobilisierung sollte dabei der Gegensatz zwischen den
       Tagesinteressen großer  Menschenmassen, der  Betriebsarbeiter und
       der Erwerbslosen  einerseits, der Exekution von Kapitalinteressen
       durch die  Staatsgewalt andererseits  sein. Hierbei  gewannen die
       Erwerbslosenbewegungen in  den Städten  und Gemeinden  ein beson-
       deres Gewicht.
       Die SPD  hat die  KPD in den Gemeinden publizistisch häufig igno-
       riert, ironisch  abgetan und sie als kommunalpolitisch irrelevant
       bezeichnet. Dies  war nicht nur billige Polemik, sondern dahinter
       stand die Überzeugung, daß der Reformismus den Alltag der Werktä-
       tigen effektiver  zu organisieren  vermöge als  die revolutionäre
       Arbeiterbewegung. Zumindest in nichtrevolutionären Perioden hatte
       diese Behauptung  ein hohes  Maß an Evidenz. Der 1922 schriftlich
       fixierte, 1923 auf dem Leipziger Parteitag diskutierte, aber nie-
       mals verabschiedete  Entwurf eines Kommunalprogramms der KPD wies
       gerade  in   der  Fülle   seiner   Detailbestimmungen   dezidiert
       "reformistische" Züge  auf, wenngleich  er in  den Kontext  einer
       Strategie der  Übergangslosungen gestellt  wurde. Wo  Kommunisten
       die ausschlaggebende Kraft in einer Gemeinde waren, betrieben sie
       konsequente Reformpolitik und nichts anderes - wie im württember-
       gischen Mössingen  29) -  oder sie  scheiterten bei  dem Versuch,
       eine revolutionäre  Strategie lokal  durchzusetzen. So geschah es
       1923 in  Rotthausen im Ruhrgebiet: Diese Gemeinde wurde vom preu-
       ßischen Innenminister Severing mit Gelsenkirchen zwangsvereinigt.
       30) Die  von der  KPD und der Kommunistischen Internationale seit
       1929/30 propagierte  Strategie einer "Durchbrechung der bürgerli-
       chen Legalität  in den Gemeinden" 31) führte auch hier zu Nieder-
       lagen. Die Partei verlor eine Reihe aktiver und erfahrener Kommu-
       nalfunktionäre (vor allem in Thüringen) durch Ausschluß oder Aus-
       tritt und  erreichte im übrigen nicht die von einer gemeindepoli-
       tischen Offensivstrategie  erhoffte Mobilisierung  in einer  ver-
       meintlich revolutionären Situation.
       Die SPD  ging immer wieder von der Möglichkeit gemeinsamer parla-
       mentarischer Interessenvertretung  durch  "Linksmehrheiten"  ohne
       formale Absprache  aus. Die  Realisierung eines  solchen Konzepts
       wurde nicht  nur durch die ultralinken Ausschläge der KPD-Politik
       1924/25 und 1929ff. verhindert. Besonders vergiftend auf das Ver-
       hältnis zwischen den beiden Parteien wirkte im kommunalen Bereich
       die Nichtbestätigung kommunistischer Gemeindevorstands- und Magi-
       stratsmitglieder durch  preußische Innenminister. Etwaige Ansätze
       möglicher Kooperation sind hier oft schon von vornherein zerstört
       worden. In  der Weltwirtschaftskrise  1929 ff. wurden sozialdemo-
       kratische Mandatsträger  in den  Kommunen oft  zum Prellbock  für
       Masseninteressen, vor  allem von  Erwerbslosen und  Mietern,  die
       häufig von der KPD artikuliert wurden. Hier stand die nackte Not,
       welche die von ihr Betroffenen häufig jeglicher politischer Stra-
       tegiefähigkeit beraubte,  gegen ein  politisches Konzept der SPD,
       das auf  die Kooperation  mit den bürgerlichen Parteien sowie auf
       ein mindestens leidliches Funktionieren des kapitalistischen Pro-
       duktions- und  Reproduktionsprozesses angewiesen  war - zwei Vor-
       aussetzungen, die  1929 ff.  ebenso fehlten  wie die  von der KPD
       versuchte Eskalation  auch lokaler  Massenkämpfe in  einem akuten
       revolutionären Prozeß.
       
       _____
       1) Flechtheim, Ossip  K.: Die  KPD in  der Weimarer Republik. Mit
       einer Einleitung  von Hermann  Weber, Frankfurt am Main 1969; In-
       stitut  für  Marxismus-Leninismus  beim  Zentralkomitee  der  SED
       (Hrsg.), Autorenkollektiv: Geschichte der deutschen Arbeiterbewe-
       gung, 2.  und 3.  Band, Berlin  1966; Krause, Hartfrid: USPD. Zur
       Geschichte der  Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutsch-
       lands, Frankfurt am Main und Köln 1975; Schorske, Carl E.: German
       Social Democracy  1905-1917. The Development of the Great Schism,
       Cambridge/Massachusetts 1955;  Wohlgemuth, Heinz:  Die Entstehung
       der KPD, Überblick, Berlin 1978.
       2) Flechtheim, a.a.O.
       3) Autorenkollektiv unter  der Leitung  von  Heinz  Niemann:  Ge-
       schichte der  deutschen Sozialdemokratie 1917 bis 1945, Frankfurt
       am Main  1982; Hunt,  Richard N.:  German Social  Democracy 1918-
       1933, New Haven, London 1964.
       4) Bahne, Siegfried:  Die Kommunistische Partei Deutschlands, in:
       Matthias, Erich  und Rudolf  Morsey: Das  Ende der Parteien 1933,
       Düsseldorf 1960,  S. 653-739; Matthias, Erich: Die Sozialdemokra-
       tische Partei  Deutschlands, in: ebd., S. 99-278; Weber, Hermann:
       Hauptfeind Sozialdemokratie.  Strategie und  Taktik der KPD 1929-
       1933, Düsseldorf 1982.
       5) Eisner, Freya: Das Verhältnis der KPD zu den Gewerkschaften in
       der Weimarer  Republik, Frankfurt am Main o. J.; Lehndorff, Stef-
       fen: Wie kam es zur RGO? Probleme der Gewerkschaftsentwicklung in
       der Weimarer  Republik von  1927 bis  1929, Frankfurt/Main  1975;
       Schock, Eva  Cornelia: Arbeitslosigkeit und Rationalisierung. Die
       Lage der  Arbeiter und  die  kommunistische  Gewerkschaftspolitik
       1920-1928, Frankfurt/New York 1977.
       6) Herzfeld, Hans:  Demokratie und Selbstverwaltung in der Weima-
       rer Epoche,  Stuttgart 1957;  Hansmeyer,  Karl-Heinrich  (Hrsg.):
       Kommunale Finanzpolitik  in der Weimarer Republik. Hrsg. v. Prof.
       Dr. Karl-Heinrich  Hansmeyer, mit Beiträgen von Dipl.-Volksw. Gi-
       sela Upmeier,  Prof. Dr.  Josef Wysocki  u. Dr. Hermann Dietrich-
       Troeltsch, Stuttgart,  Berlin, Köln, Mainz 1973; Eisner, Hermann:
       Das Gemeindefinanzsystem.  Geschichte, Ideen,  Grundlagen, Stutt-
       gart, Berlin,  Köln, Mainz  1979; Hofmann, Wolfgang: Plebiszitäre
       Demokratie und  kommunale Selbstverwaltung  in der Weimarer Repu-
       blik, Archiv für Kommunalwissenschaft, 4. Jg. (1965), S. 264-281;
       Ribhegge, Wilhelm:  Die Systemfunktion  der Gemeinden.  Zur deut-
       schen Kommunalgeschichte  seit 1918,  in: Frey,  Rainer  (Hrsg.):
       Kommunale Demokratie.  Beiträge für  die  Praxis  der  kommunalen
       Selbstverwaltung, Bonn-Bad  Godesberg 1976, S. 28-65; Rebentisch,
       Dieter: Die  Selbstverwaltung in  der Weimarer Zeit, in: Handbuch
       der kommunalen  Wissenschaft und Praxis, Bd. 1: Grundlagen. Hrsg.
       in Verbindung  mit den  kommunalen  Spitzenverbänden  von  Günter
       Püttner. Unter Mitarbeit von Michael Borchmann. Zweite völlig neu
       bearbeitete Auflage,  Berlin, Heidelberg,  New York  1981, S. 86-
       100.
       7) Handwörterbuch  der  Kommunalwissenschaften.  Hrsg.  v.  Josef
       Brix, Dr.  Hugo Lindemann, Dr. Otto Most, Dr. Hugo Preuß, Dr. Al-
       bert Südekum,  1.-4. Bd., Jena 1918-1924, 2 Ergänzungsbände, Jena
       1927.
       8) Bey-Heard,  Frauke:  Hauptstadt  und  Staatsumwälzung.  Berlin
       1919. Problematik  und Scheitern der Rätebewegung in der Berliner
       Kommunalverwaltung, Stuttgart, Berlin..., 1969.
       9) Kolb, Eberhard: Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik
       1918-1919, Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1978.
       10) Hermann, Rita:  Zur Entwicklung  der kommunalpolitischen Kon-
       zeption der  KPD (1919-1929).  Dissertation A. Martin-Luther-Uni-
       versität Halle-Wittenberg 1975 (maschinenschriftlich); Böl, Hans-
       joachim: Zur  Entwicklung der  kommunalpolitischen Konzeption der
       KPD von  1928 bis 1932. Dissertation A. Martin-Luther-Universität
       (maschinenschriftlich).
       11) Herlemann, Beatrix:  Kommunalpolitik der  KPD  im  Ruhrgebiet
       1924-1933, Wuppertal 1977.
       12) Wünderich, Volker: Arbeiterbewegung und Selbstverwaltung. KPD
       und Kommunalpolitik  in der  Weimarer Republik.  Mit dem Beispiel
       Solingen, Wuppertal 1980.
       13) Richter, Gert: Zur Herausbildung und Ausprägung der Kommunal-
       politik der  Kommunistischen Partei  Deutschlands in Chemnitz von
       1918/19 bis 1929. Dissertation zur Promotion B. Karl-Marx-Univer-
       sität Leipzig 1980, 2 Bde. (maschinenschriftlich).
       14) Arndt, Helmut:  Zu einigen Aspekten sozialdemokratischer Kom-
       munalpolitik in der Weimarer Republik, in: Jahrbuch für Regional-
       geschichte. Hrsg.  v. der Historischen Kommission der Sächsischen
       Akademie der  Wissenschaften. Neunter  Band. Weimar 1982, S. 105-
       119.
       15) Fülberth, Georg:  Konzeption und  Praxis sozialdemokratischer
       Kommunalpolitik 1918-1933. Ein Anfang, Marburg 1984.
       16) Vgl. Internationale  Korrespondenz zur  Geschichte der  deut-
       schen Arbeiterbewegung 1983/1, S. 71; Kommunalpolitik und Sozial-
       demokratie  in  der  Weimarer  Republik.  Projektbearbeiter:  Dr.
       Dieter Rebentisch,  Forschungsinstitut der  Friedrich-Ebert-Stif-
       tung, Godesberger  Allee, in: Informationen zur modernen Stadtge-
       schichte 1984/1, S. 26-28; vgl. auch ebd., S. 31, Nr. 1056.
       17) Ziegs, Evelyne:  Die Haltung der Leipziger Parteiorganisation
       der SPD  zur Politik des sozialdemokratischen Parteivorstandes in
       den Jahren  1924 bis  1929. Dissertation A. Karl-Marx-Universität
       Leipzig 1975 (maschinenschriftlich).
       18) Ziegs, Detlef:  Die Haltung  der Leipziger Parteiorganisation
       der SPD  zur Politik des sozialdemokratischen Parteivorstandes in
       den Jahren  1929 bis  1933. Dissertation A. Karl-Marx-Universität
       Leipzig 1978 (maschinenschriftlich).
       19) Z.B. Müller,  Willi (Hrsg.): Demokratie vor Ort. Ein Lesebuch
       zur Geschichte  der Sozialdemokratischen  Partei Deutschlands  in
       Mülheim an  der Ruhr, Mülheim 1979; Matull, Wilhelm: Der Freiheit
       eine Gasse.  Geschichte der  Düsseldorfer Arbeiterbewegung,  Bonn
       1980.
       20) "Die Stadtfarbe  ist rot!"  (Paragraph 8 der Mörfeider Stadt-
       satzung). Berichte  aus der Arbeiter- und Stadtgeschichte Mörfel-
       dens. Hrsg.: "blickpunkt". Stadtzeitung der Deutschen Kommunisti-
       schen Partei (DKP), Mörfelden, Mörfelden o.J.; Weilmünster, Hein-
       rich, Lina Weilmünster, Margret Beck: Aus eigener Kraft. Beiträge
       zur Geschichte  der Arbeiter-, Sport- und Kulturbewegung in Diet-
       zenbach, o.  O., o.  J.; DKP Langenselbold (Hrsg.): Selbolder Ge-
       babbel, o.O., o.J. (Langenselbold 1981).
       21) Gough, Edward:  Die SPD in der Berliner Kommunalpolitik 1925-
       1933. Phil. Diss. FU Berlin 1984.
       22) Matzerath, Horst:  Nationalsozialismus und  kommunale Selbst-
       verwaltung, Stuttgart, Berlin, Köln und Mainz 1970.
       23) Dies gilt  auch für:  Althaus, Joachim  und Friedrich  Bross,
       Gertrud Döfflinger, Hubert Flaig, Karlheinz Geppert, Wolfgang Ka-
       schuba, Carola  Lipp, Karl-Heinz Rueß, Martin Scharfe, Bernd Jür-
       gen Warneken:  Da ist  nirgends nichts  gewesen außer  hier.  Das
       "rote Mössingen"  im Generalstreik gegen Hitler, Berlin 1982; Lu-
       cas, Erhard: Zwei Formen von Radikalismus in der deutschen Arbei-
       terbewegung, Frankfurt am Main 1976.
       24) Tenfelde, Klaus:  Proletarische Provinz.  Radikalisierung und
       Widerstand in  Penzberg/Oberbayern 1900  bis 1945,  in: Bayern in
       der NS-Zeit  IV. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt. Teil C.
       Hrsg. von Martin Broszat, Elke Fröhlich, Anton Grossmann, München
       und Wien 1981, S. 1-382.
       25) Die kommunalpolitischen  Richtlinien der  SPD, beschlossen in
       der gemeinsamen  Sitzung des  kommunalpolitischen Beirats und des
       Reichsausschusses für  Kommunalpolitik am 29. September 1928. Mit
       Anh.: Das  Aktionsprogramm, beschlossen auf dem Heidelberger Par-
       teitag September 1925, Berlin 1928.
       26) Das Kommunalprogramm  der Kommunistischen Partei Deutschlands
       (Sektion der  3. Internationale).  Einleitung, I.  und II.  Teil,
       Berlin 1923.
       27) Vgl. Gough, a.a.O., S. 20 ff.
       28) Arbeiterregierung  in  Hamburg?  Die  Verhandlungen  zwischen
       ADGB, KPD  und SPD nach den Bürgerschaftswahlen 1927. Quellen und
       Studien zur  Hamburger Sozialgeschichte,  hrsg. von  Jörg Berlin,
       Wulf D. Hund, Lars Lambrecht, Axel Schildt, Hamburg 1983.
       29) Althaus u.a.,  Da ist  nirgend  nichts  gewesen  außer  hier,
       a.a.O.
       30) Herlemann, Kommunalpolitik  der KPD  im Ruhrgebiet 1924-1933,
       a.a.O., S. 57f.
       31) Resolution über  die Auswirkung der taktischen Wendung des 6.
       Weltkongresses auf  die Kommunalpolitik der KPD. (Beschlossen auf
       dem XII.  Reichsparteitag in  Berlin-Wedding 1929.)  In: Die Kom-
       mune. Zeitschrift  für  kommunistische  Kommunalpolitik,  9.  Jg.
       (1929), S.  103-105; Für  eine kommunistische Kommunalarbeit! In:
       Die Kommunistische Internationale, 11. Jg. (1930), S. 361-373.
       

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