Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 08/1985


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       NATIONALE UND SOZIALE BEFREIUNG IN ASIEN UND AFRIKA
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       UND DER WELTREVOLUTIONÄRE PROZESS
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       Theoretisch-methodische Überlegungen
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       Christian Mährdel
       
       1. Kolonialismus und nationale Befreiung im Widerstreit - 2. Dia-
       lektik von weltrevolutionärem Prozeß und nationaler Befreiungsbe-
       wegung -  3. Nationale  Befreiungsrevolution als  "Revolution  in
       Permanenz"? - 4. Revolutionäre Entwicklungsformen auf dem Weg zum
       Sozialismus
       
       Historische Vorgänge  von weltweiter Dimension wie in territorial
       begrenztem Ausmaß  wirken überaus  prägnant in  der Gegenwart von
       Ländern der  "Dritten Welt"  nach. Nicht wenige Völker auf diesen
       Kontinenten können auf Traditionen jahrtausendealter Zivilisatio-
       nen aus  einer Zeit  verweisen, in  denen sie es vor allem waren,
       die den  Fortschritt der  Menschheit als Ganzes verkörperten. Die
       altorientalischen Klassengesellschaften  mit den Großreichen Vor-
       derasiens und  im pharaonischen  Ägypten bereits für das 3. Jahr-
       tausend v.  u. Z.,  die Blüte  der Industalkultur  in der zweiten
       Hälfte des  gleichen Millenniums, die Herausbildung von Dynastien
       im alten  China in  der Mitte des 2. Jahrtausends v.u.Z. sind be-
       sonders frühe  Beispiele dafür;  nicht weniger  berühmt  geworden
       sind aus  späterer Zeit die Perserherrschaft unter den Seleukiden
       und Arsakiden  (4. Jhdt. v.u.Z. - 3. Jhdt. u.Z.) im Iran, die in-
       dischen Großreiche von Magadha (etwa 350-236 v.u.Z.) und der Gup-
       tas (etwa 300-600 u.Z.), die sieben bedeutenden Staaten der Zhan-
       guo-Zeit (480-221  v.u.Z.) und  die zentralisierten Dynastien der
       Quin- und Han-Zeit (221 v.u.Z.- 220 u.Z.) in China oder das nubi-
       sche Reich  von Meroe  (seit dem  9. Jhdt. v.u.Z.), das Reich von
       Aksum (mit seiner Blüte im 4. Jhdt. u. Z.), die Anfänge des Staa-
       tes Ghana in Westafrika (gleichfalls in diesem Jhdt.).
       In der geistigen Kultur afro-asiatischer Völker ist dies und wei-
       teres heute  lebendiges Erbe. Weit mehr jedoch hat eine viel jün-
       gere Vergangenheit  ihre Spuren in die gesellschaftliche Realität
       eingegraben: die  koloniale Fremdherrschaft  und die Auseinander-
       setzung mit  ihr. Dabei  liegt diese Zeit - im Unterschied zu den
       siegreichen antikolonialen Befreiungsrevolutionen im Großteil La-
       teinamerikas aus  dem ersten  Viertel des 19. Jhdts. - beispiels-
       weise für  den gesamten  afrikanischen Kontinent in der Regel ge-
       rade ein  Vierteljahrhundert zurück, für einzelne Völker gar erst
       wenige Jahre,  und sie ist für andere heute noch drückende Gegen-
       wart.
       Für alle  von ihnen  ohne  Ausnahme  wurden  in  jener  Zeit  die
       l a n g w i r k e n d e n   G r u n d l a g e n  für die jetzt in
       der "Dritten  Welt" bestehenden Lebensprobleme gelegt, ist damals
       für ihren Zustand der Unterentwicklung in unserer Zeit der Anfang
       geschaffen worden.  Dort liegt - bei aller Berücksichtigung einer
       Vielzahl von  spezifischen Faktoren  - das eigentlich Ursächliche
       für einen globalen Prozeß, durch den die Länder dieser Kontinente
       nahezu ausnahmslos  an das  Ende der Kette von gesellschaftlichen
       Existenzformen menschlicher Entwicklung im letzten Drittel dieses
       Jahrhunderts geschmiedet worden sind. Das Wesen und die Wirkungen
       von Kolonialismus zu begreifen heißt deshalb, den Zugang zu Kern-
       fragen der "Dritten Welt" zu gewinnen.
       
       1. Kolonialismus und nationale Befreiung im Widerstreit
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       Kolonialismus ist  unbestreitbar von  Anfang an  und  zuallererst
       k o n s t i t u t i v e r  Teil von Kapitalismus, und dies in al-
       len Phasen  seiner historischen  Entwicklung - bei dessen Werden,
       in  seiner  Entfaltung  wie  mit  seinem  Niedergang  und  seiner
       schließlichen Aufhebung.
       Für die  Genesis beider  Erscheinungen kann als bestätigt gelten,
       was Karl  Marx geschrieben  hatte: "Die  Entdeckung der Gold- und
       Silberländer in  Amerika, die Ausrottung und Versklavung und Ver-
       grabung der  eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die begin-
       nende Eroberung  und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung
       von Afrika  in ein  Geheg zur  Handelsjagd auf  Schwarzhäute, be-
       zeichnen die  Morgenröte der  kapitalistischen Produktionsära ...
       Der außerhalb  Europa direkt  durch Plünderung,  Versklavung  und
       Raubmord erbeutete  Schatz floß ins Mutterland zurück und verwan-
       delte sich hier in Kapital." 1)
       Selbst Produkt  der immer ungleichmäßig gewesenen Entwicklung der
       Menschheit, hatten  insbesondere Portugal,  Spanien, die  Nieder-
       lande, Frankreich  und England, auch Rußland, Deutschland und die
       USA -  die zu  verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichem An-
       teil zu  Kolonialmächten geworden  waren -  ihre  Fremdherrschaft
       über die Karibischen Inseln, Mittel-und Südamerika und die Großen
       Antillen oder  auch die  Philippinen (bereits im 16. Jhdt), Nord-
       amerika und den indonesischen Teil des malaiischen Archipels (vom
       17.-19. Jhdt.), den indischen Subkontinent (im 18. und 19. Jhdt.)
       sowie den  afrikanischen Erdteil  und noch  unabhängig gebliebene
       Teile Südostasiens  (im 19. Jhdt.) errichtet und die Menschen und
       natürlichen Ressourcen  dieser riesigen  Weltteile als  eine  der
       Hauptquellen für  die ursprüngliche und die kapitalistische Akku-
       mulation in ihren eigenen Ländern genutzt. Die Kolonialmetropolen
       ordneten Kolonien  und Halbkolonien  in die Bedürfnisse ihres Re-
       produktionsprozesses ein und jene diesen unter. Das bedeutete für
       die einen Ausbeutung und Unterordnung; für die anderen beförderte
       das die Anhäufung von Reichtum und dessen Umwandlung in Kapital.
       Dem Kapitalismus  war von  Anbeginn und mit wachsender Intensität
       expansiver Drang  über die  ganze Welt  eigen, was W.I. Lenin zur
       zutreffenden Feststellung veranlaßte, "daß der Kapitalismus nicht
       bestehen und sich nicht entwickeln kann ohne ständige Erweiterung
       seiner Herrschaftssphäre, ohne Kolonisation neuer Länder und Ein-
       beziehung nichtkapitalistischer  alter Länder  in den Strudel der
       Weltwirtschaft".  2)   Jede  Entwicklungsstufe  des  Kapitalismus
       brachte so  auch eine  neue Phase und Form von Kolonialismus her-
       vor. 3) Deshalb bildete seinerseits die gegen Ende des 19. Jhdts.
       im wesentlichen  abgeschlossene territoriale Aufteilung der Welt,
       von der  zu jener  Zeit etwa zwei Drittel der Bevölkerung auf na-
       hezu drei  Vierteln der Erde betroffen wurden, und der beginnende
       Kampf um  die Neuaufteilung  an der Wende zum 20. Jhdt. eines der
       G r u n d m e r k m a l e   des weltweiten  Übergangs des Kapita-
       lismus der freien Konkurrenz in das imperialistische Stadium.
       Für die  unterworfenen Völker  in Asien  und Afrika erbrachte der
       Kolonialismus ökonomische  Ausbeutung,  politische  Unterdrückung
       und geistige Entmündigung. Koloniale Territorien in Ableger kapi-
       talistischer Reproduktion  zu verwandeln, bedeutete in einem Läh-
       mung und  direkte Vernichtung indigener Produktivkräfte wie Über-
       tragung moderner  Produktivkraft in  besonders  widersprüchlicher
       Art und  Form, wie es von Marx an den Beispielen Indien und China
       einprägsam beschrieben  und als  ein Beweis  mehr dafür  genommen
       war, daß  die Bourgeoisie niemals und nirgends "einen Fortschritt
       zuwege gebracht  (hat), ohne  Individuen wie  ganze Völker  durch
       Blut und  Schmutz zu  schleifen". 4)  Kapitalistische Entwicklung
       setzte in  einzelnen Teilen  Asiens und  Afrikas ein, verschieden
       früh und  mit erheblichen Unterschieden an Entfaltung von Land zu
       Land und  ebenso innerhalb  der einzelnen  Territorien. Sie ergab
       jedoch, von  einigen wenigen Ausnahmen abgesehen - zu nennen sind
       Australien, Neuseeland  und USA  -, keineswegs  einen tragfähigen
       und entwicklungsträchtigen Ansatz für die Herausbildung einer in-
       digenen kapitalistischen  Formation. Dies geschah nicht einmal in
       "klassischer" Form  in bereits relativ früh unabhängig gewordenen
       Ländern Lateinamerikas,  in denen  es seither  vielmehr zu  einer
       qualvollen abhängig  kapitalistischen Entwicklung  in enger  Ver-
       flechtung mit  erhalten gebliebenen Elementen vorkapitalistischen
       Charakters gekommen ist. 5)
       In der  Regel schuf  Kolonialismus eine  aus Bestandteilen völlig
       unterschiedlicher sozialökonomischer  Formationen bestehende, vom
       Imperialismus abhängige Mehrsektorenstruktur, deren einzelne Ele-
       mente sich - direkt oder mehr indirekt kolonialer Fremdausbeutung
       ausgesetzt -  nebeneinander, miteinander  oder auch gegeneinander
       bewegten. Alle  Anfänge für  einen formationellen Wechsel gesell-
       schaftlicher Strukturen  mündeten allein  in Beziehungen  von der
       Art eines abhängigen, deformierten, ausgebeuteten und untergeord-
       neten Kapitalismus,  für den  das internationale  Ausbeutungsver-
       hältnis die  eindeutig qualitätsbestimmende  Dominante abgibt. 6)
       Auf  diese   Weise  schuf   der  Kolonialismus   langwirkend  die
       t i e f s t e   G r u n d l a g e   f ü r   e i n e    s t r u k-
       t u r e l l e   A b h ä n g i g k e i t,   d i e    s t ä n d i g
       r e p r o d u z i e r t e         U n t e r e n t w i c k l u n g
       d i e s e r   L ä n d e r:   Darin fanden  sich Marx  und  Engels
       wiederum bestätigt, hatten sie doch gemeint, daß die Bourgeoisie,
       so wie  das Land  von  der  Stadt,  auch  "die  barbarischen  und
       halbbarbärischen Länder  von den  zivilisierten, die Bauernvölker
       von den  Bourgeoisievölkern, den  Orient  vom  Okzident  abhängig
       gemacht" hat.  7) Dies  gab die  ökonomisch-soziale Grundlage für
       den Status  der Unterentwicklung  in den  einzelnen gesellschaft-
       lichen Bereichen des Lebens ab. Es bestimmte Dynamik und Struktur
       der Klassenbeziehungen  und  Art  der  sozialen  Widersprüche  in
       kolonial abhängigen  Ländern mit  ihrem  sozialökonomischen  Kon-
       glomerat-Charakter und  in ihren  wesentlichen Merkmalen  - Rück-
       ständigkeit und  Deformation, Heterogenität  und  Desintegration,
       Ausgebeutetsein und  Ausgeplündertsein, Abhängigkeit  und  Unter-
       ordnung.
       Grundsätzlich nicht anders gestaltete sich die Situation im poli-
       tischen Bereich, und das selbst nicht beim Übergang zu eher kolo-
       nialreformistischen Methoden  von Herrschaftsausübung,  sowie auf
       geistig-kulturellem Gebiet, auf dem die angestrebte Kreierung ei-
       ner europäisierten "Elite" die Entfremdung von der eigenen Tradi-
       tion ins  Extreme steigerte. Den breiten Massen - und darin liegt
       namentlich das  entscheidende Resultat - entzog koloniale Ausbeu-
       tung und Ausplünderung die unerläßliche Voraussetzung für die Si-
       cherung des  Existenzminimums. Armut  und Hunger,  Krankheit  und
       früher Tod,  Unwissenheit und die Vernichtung ethisch-moralischer
       Normen wurden zu typischen sozialen Erscheinungen in der kolonia-
       len Peripherie der Welt des Kapitalismus. 8)
       Doch auch  an der  kolonialen Flanke  schuf sich der Kapitalismus
       ebenso gesetzmäßig seinen eigenen Totengräber. "Eine der grundle-
       gendsten Eigenschaften  des Imperialismus besteht eben darin, daß
       er die  Entwicklung des  Kapitalismus in den rückständigsten Län-
       dern beschleunigt  und dadurch  den Kampf gegen die nationale Un-
       terdrückung ausbreitet und verschärft", hatte Lenin diesen Zusam-
       menhang gesehen.  9) Nationale,  gegen koloniale  Fremdherrschaft
       gerichtete  Befreiungsbewegungen   waren  geradezu  das  naturge-
       schichtliche Resultat der Entwicklung des imperialistischen Kolo-
       nialismus und  ebenso ein Zeichen für seinen heraufziehenden Nie-
       dergang. Antikolonialer  Widerstand und nachfolgende Bewegung für
       nationale Befreiung  vom fremdstaatlichen  Joch durchlaufen dabei
       mehrere historische  Phasen, und das nicht nur zeitlich versetzt,
       wenn auch  in erster  Linie auf  die Jahrzehnte  nach dem Zweiten
       Weltkrieg verteilt,  sondern auch in den ihnen eigenen Grundmerk-
       malen, bei  inneren und äußeren Faktoren für ihr Wirken, mit gra-
       duellen Unterschieden  beim unmittelbar erreichten Durchbruch zur
       nationalstaatlichen Souveränität  u.  a.  m.    N a t i o n a l e
       B e f r e i u n g s b e w e g u n g   wuchs in  Breite und Tiefe,
       indem sie  in vielen  Fällen zu  einer ernsthaften Massenbewegung
       werden konnte und - wenigstens im Kampfziel - revolutionären Cha-
       rakter annahm,  so unterschiedlich sich im einzelnen die Wege des
       Strebens nach  Befreiung von politischer Fremdherrschaft auch ge-
       staltet haben. 10)
       Erfolgreiche nationale  Befreiungsbewegung hat als erstes notwen-
       diges und  unvermeidliches Ergebnis  zur Erringung  der national-
       staatlichen Souveränität  geführt. Das  bedeutete für das betref-
       fende Land  vom Wesen  her eine    g e s a m t n a t i o n a l e,
       d e m o k r a t i s c h e   u n d   p o l i t i s c h e  R e v o-
       l u t i o n.   Im sozialen Ansatz trat die bestimmende - eben die
       nationale -  Qualität dabei  bereits differenziert ins Leben, was
       für den  weiteren Verlauf  nationaler Befreiung und noch mehr für
       die folgenden  Formen  gesellschaftlicher  Bewegung  in  national
       befreiten Staaten  bedeutsam werden  mußte.  Bürgerlich-national-
       reformistische Kreise  - in  der Mehrzahl der Fälle - oder klein-
       bürgerlich-nationalrevolutionäre Kräfte - durchaus nicht selten -
       und proletarisch-sozialistische Elemente - hier und da vereinzelt
       - als  Führungsdominante in  antikolonialen  Befreiungsbewegungen
       gaben den  sichtbaren Ausdruck  für ideologisch  reflektierte und
       politisch aktivierte  soziale Interessenheterogenität  im breiten
       Spektrum ihrer  Teilnehmer und  Vertretenen ab, auch wenn anfangs
       noch in  einem Bündnis  mit gleichem  nationalen  Ziel  über  be-
       stehende soziale,  ethnisch-nationale, religiös  geprägte und an-
       ders motivierte Gruppenschranken hinweg zusammengeschlossen.
       Zunächst meist gegen die "eigene" Kolonialmacht angetreten, nicht
       selten sogar  mit der  Illusion, von deren imperialistischer Kon-
       kurrenz Hilfe  zu erhalten,  beinhaltete dieser Antikolonialismus
       objektiv bereits   A n t i i m p e r i a l i s m u s,   wandte er
       sich doch  gegen einen der konstitutiven Teile des modernen Kapi-
       talismus als  Weltsystem. Diese  antiimperialistische Grundkompo-
       nente in  nationaler Befreiungsbewegung  ließ sie  zu einem Glied
       der revolutionären Hauptkräfte in der Welt und ihre Ergebnisse zu
       einem Teil  des weltrevolutionären Prozesses werden. In aller ih-
       rer Spezifik, die diese dabei einbringt (denn sie weist eben - im
       Unterschied zum  proletarischen Grundcharakter der beiden anderen
       Bestandteile - vorwiegend ein allgemein-demokratisches Wesen auf,
       wirkt unter  andersgearteten sozialökonomischen,  politischen und
       geistig-kulturellen Bedingungen  sowie Entwicklungsreife  in  der
       Nationwerdung, verfügt  über ausgeprägte  Besonderheiten bei  den
       sozialen Triebkräften, in der politischen Führung und den Formen,
       Mitteln und Methoden der Aktion u. ä.), ist nationale Befreiungs-
       bewegung zu  einem  n a t ü r l i c h e n  B u n d e s g e n o s-
       s e n   v o n  s o z i a l i s t i s c h e m  W e l t s y s t e m
       u n d   i n t e r n a t i o n a l e r    A r b e i t e r b e w e-
       g u n g   geworden bei  der revolutionären  Erneuerung der  Welt,
       beim Streben  nach Frieden,  Demokratie und  sozialem Fortschritt
       für alle  Völker, im  antiimperialistischen Kampf unserer Epoche.
       Ihr historischer  Platz gestaltet  sich konkret  erheblich diffe-
       renziert, erweist  sich in der Realität indes in keiner Weise als
       manipulierbar, etwa  als vermeintlich  "eigentlich" revolutionäre
       Kraft, als  eine Art  Ersatz für eine "entrevolutionierte" Arbei-
       terklasse;  Postulate   solcher  Art   haben  den  Erfordernissen
       wirklicher Bewegung  weder  als  Strategie-Vorgabe  noch  in  der
       nachträglichen Interpretation standzuhalten vermocht.
       
       2. Dialektik von weltrevolutionärem Prozeß
       ------------------------------------------
       und nationaler Befreiungsbewegung
       ---------------------------------
       
       Die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Rußland ist die bis
       heute tiefgreifendste  Zäsur in  der  Geschichte  der  Menschheit
       geblieben. Seitdem  hat die  Erde  gesellschaftlich  ihr  Antlitz
       grundlegend verändert. Am sichtbarsten und weitreichendsten zeigt
       sich das  mit  der  völlig  neu  entstandenen    W e l t    d e s
       S o z i a l i s m u s   als unmittelbarem  Erbe dessen,  was nach
       der optimistischen  Überzeugung   L e n i n s  "allen Ländern et-
       was, und  zwar etwas überaus Wesentliches aus ihrer unausweichli-
       chen und  nicht fernen Zukunft" 11) in den Tagen des Oktober 1917
       eröffnete. Unübersehbar  ist auch der Wandel in der geschrumpften
       und krisengeschüttelten  W e l t  d e s  K a p i t a l s,  in der
       die revolutionäre  und demokratische  Bewegung von Massen für die
       fortschrittliche gesellschaftliche Alternative gegen die Grundfe-
       sten der Ausbeuterordnung ankämpft. Schließlich ist ein nicht we-
       niger deutlicher  Ausdruck für die weltgeschichtliche Wende jenes
       Neue, das  in  den  letzten  Jahrzehnten  auf  den  Trümmern  der
       z e r s t ö r t e n  K o l o n i a l r e i c h e  d e s  I m p e-
       r i a l i s m u s  gewachsen ist.
       Bereits der Rote Oktober hatte für nationale Befreiungsbewegungen
       von Völkern  in kolonialen, halbkolonialen und abhängigen Ländern
       eine gänzlich  veränderte Situation geschaffen: Das koloniale Sy-
       stem war - als Teil der beginnenden allgemeinen Krise des Weltka-
       pitalismus -  bereits zu  einer Zeit in die eigene Krise gestürzt
       worden, als  es wenig zuvor eben erst den Gipfelpunkt seiner Aus-
       dehnung in  die Breite  erklommen hatte.  Das Beispiel,  das  die
       junge Sowjetmacht  mit ihrem  politischen und  militärischen Sieg
       über die  konterrevolutionäre Koalition  kapitalistischer  Mächte
       gab, jene Staaten, die zugleich die kolonialistischen Fremdherren
       in Asien und Afrika waren und Lateinamerika ausplünderten, beein-
       druckte überaus  stark. Das  "russische Wunder" mit der entschie-
       denen Lösung  der Agrarfrage und des nationalen Problems - beides
       so brennend  auch in  diesen Ländern beider Kontinente -, bei der
       raschen Überwindung  wirtschaftlicher und  sozialer Unterentwick-
       lung, durch die konsequent antiimperialistische, antikolonial-so-
       lidarische Außenpolitik  in den internationalen Beziehungen - all
       das inspirierte  und aktivierte  breite Teile  der Bevölkerung in
       vielen Ländern  insbesondere Asiens,  teils auch bereits Afrikas,
       mobilisierte revolutionäre  proletarische Kräfte zu größerer Kon-
       sequenz und  gab  gleichzeitig  nicht  wenigen  nationalgesinnten
       kleinbürgerlichen und  bürgerlichen Führerpersönlichkeiten  spür-
       bare antikoloniale  demokratische Impulse.  Es war nämlich in der
       Tat nicht  nur die Geburt von kommunistischer Bewegung auf diesen
       Kontinenten, die  Kolonialherren und einheimische reaktionäre Po-
       tentaten vielerorts  über "bolschewistische  Einflüsse" wehklagen
       und massiv  vorgehen ließ,  sondern die mehr oder minder kräftige
       Wirkung des  wahrhaft demokratischen  Kerns sowjetischer  Politik
       nach innen  wie nach außen, was revolutionär-demokratische Volks-
       führer wie Sun Yatsen in China und selbst national-reformistische
       "Sozialisten" wie  J. Nehm  in Indien  oder N. Azikiwe in Nigeria
       aufnahmen. 12)
       Jeder historische  Abschnitt nationaler  Befreiungsbewegung  seit
       dem Jahre  1917 ist dann in seinen Ergebnissen bei der Lösung des
       für diese  Länder gegebenen  Hauptwiderspruchs zum  imperialisti-
       schen Kolonialismus sowie in vielem durch die Formen und Methoden
       des Kampfes,  mit dem  Verhalten der in die historische Defensive
       gedrängten Kolonialisten und kapitalistischen Mächte überhaupt in
       dieser Auseinandersetzung  um das  weitere Schicksal  der  Völker
       Asiens und  Afrikas etc.,  nicht zuletzt  ein Spiegelbild für den
       Stand, den die revolutionären und demokratischen Kräfte des Anti-
       imperialismus   i n   i h r e r   G e s a m t h e i t    bei  der
       Durchsetzung des  Epoche-Charakters, damit  bei  der  Lösung  des
       Grundwiderspruchs zwischen Sozialismus und Imperialismus im Welt-
       maßstab wirklich  bereits erreicht hatten. Natürlich betrifft das
       sowohl erzielte  Fortschritte als auch bestimmte Begrenztheit des
       jeweils Erreichbaren und Erreichten. Ein Schema vermag derartige,
       historisch-konkret recht  unterschiedlich  ausgeprägte  Zusammen-
       hänge nur bedingt zu vermitteln. Es kann aber sehr wohl die Grun-
       didee aufzeichnen, die für den  Z u s a m m e n h a n g  von Ent-
       faltung des  weltrevolutionären Prozesses (a) und Niedergangspro-
       zeß  des   imperialistischen  Kolonialsystems/Verwirklichung  des
       Rechts auf  nationale Selbstbestimmung  und Durchsetzung  gesell-
       schaftlichen Fortschritts  für Völker Asiens und Afrikas (b) beim
       historischen Ablauf gesehen werden kann:
       
       1917
       
       (a)
       
       Kapitalismus tritt  in allgemeine Krise ein; Sozialismus entsteht
       als Gesellschaftsordnung;
       kommunistische Weltbewegung wird geboren
       
       (b)
       
       Krise des Kolonialsystems beginnt zu wirken;
       nationale Befreiungsbewegung verbreitert sich;
       erste Beispiele gesicherter nationalstaatlicher Souveränität
       
       1945
       
       (a)
       
       Für Kapitalismus  erfolgt Übergang in zweite Etappe seiner allge-
       meinen Krise;  Sozialismus wird zum realen Weltsystem; Aufschwung
       der Arbeiter-  u. demokratischen  Bewegung  und  Schaffung  einer
       weltweiten organisierten antiimperialistischen Aktionseinheit
       
       (b)
       
       Zerfall des  Kolonialsystems setzt  ein, national befreite Länder
       entstehen in  der Breite; soziale Vertiefung nationaler Befreiung
       beginnt durch  demokratische und  sozialistische Revolutionen  in
       einigen Ländern Asiens
       
       Ende 50er/Anfg. 60er Jahre
       
       (a)
       
       Sozialistisches Weltsystem erreicht qualitativ neue Entwicklungs-
       stufe; Zusammenbruch  des imperialistischen  Kolonialsystems  und
       Wirksamwerden national  befreiter  Staaten  als  welthistorischer
       Faktor; Kapitalismus  wächst in  dritte Etappe seiner allgemeinen
       Krise hinüber;  für antiimperialistischen Kampf günstige Verände-
       rung des internationalen Kräfteverhältnisses setzt ein
       
       (b)
       
       Übergang zum  völligen Zusammenbruch  imperialistischer Kolonial-
       reiche vollzogen;  politisches System  national befreiter Staaten
       entsteht; soziale  Vertiefung  nationaler  Befreiung  verbreitert
       sich; Ringen um ökonomische Befreiung vom Imperialismus aufgenom-
       men
       
       Seit Mitte 70er Jahre
       
       (a)
       
       Entwicklungsdynamik im sozialistischen Weltsystem erhöht sich;
       allgemeine Krise des Kapitalismus erfährt weitere Verschärfung;
       gewachsenes Gewicht national befreiter Länder; erhebliche Zunahme
       von Bedeutung globaler Probleme, insb. Weltfrieden; erfolgreicher
       Politik der friedlichen Koexistenz sowie revolutionären Vorgängen
       in verschiedenen  Teilen der Welt folgt Anfang der 80er Jahre be-
       deutende Komplizierung  der internationalen  Beziehungen  infolge
       Imperialist. Kurses der Hochrüstung und Konfrontation
       
       (b)
       
       Endgültige Beseitigung des "klassischen" Kolonialsystems;
       ökonomischer Zerfallsprozeß der neokolonialen Beziehungen zw. Im-
       perialismus und national befreiten Ländern forciert;
       wachsendes kollektives  Engagement national  befreiter Staaten in
       Weltpolitik u. -wirtschaft; neue Elemente im Prozeß sozialer Ver-
       tiefung nationaler Befreiung;
       
       Nehru, Weltgeschichtliche  Betrachtungen. Briefe  an Indira, Düs-
       seldorf 1957, S. 7, 635, 640 f., 751 ff., 980 ff., 1116, 1129 f.,
       1134; Nnamdi Azikiwe, Renascent Africa, Lagos 1937, S. 129.
       
       Die letzten  vier Jahrzehnte  sind auch für die Völker Asiens und
       Afrikas unbestritten  besonders wichtig  geworden. Das  Jahr 1945
       hat den Beginn markiert: In ihrem Streben nach Weltherrschaft und
       noch mehr  mit dem  untauglichen Versuch, den Sozialismus als Ge-
       sellschaftsordnung vom  Antlitz der Erde zu tilgen, damit dem hi-
       storischen Fortschritt  massiv den Weg zu verlegen, waren die re-
       aktionärsten, aggressivsten Teile des internationalen Imperialis-
       mus, die "Achsenmächte", gescheitert. Verloren aber hatte der Im-
       perialismus als  Gesamtsystem eine  entscheidende Schlacht um die
       Epoche. Die sozialistische Sowjetunion, die zum Keim und zum Kern
       einer weltweiten  Bewegung gegen  den Imperialismus geworden war,
       hatte als  anerkannte Hauptkraft  der alliierten  Koalition  eine
       bisher nicht  gekannte politische,  ökonomische, militärische und
       geistig-moralische Macht  entfaltet; ihr  internationales Gewicht
       war unvergleichlich  und für  Antiimperialisten zum  Vorteil, für
       den Imperialismus zum Nachteil, wirksam gestiegen. Mit den in ei-
       nem relativ kurzen Zeitraum siegreichen volksdemokratischen Revo-
       lutionen in einer Reihe von Ländern Ost-, Südost- und Mitteleuro-
       pas sowie  auch Ost-  und Südostasiens wurde der Ausbeutungs- und
       Machtbereich des  Imperialismus empfindlich eingeengt. Noch mehr:
       D e r   I m p e r i a l i s m u s   h a t t e  a u f g e h ö r t,
       a l l e i n   e x i s t i e r e n d e s  W e l t s y s t e m  z u
       s e i n.   Das sozialistische  Weltsystem war  ins Leben getreten
       und mit  ihm die  seitdem    g r ö ß t e    h i s t o r i s c h e
       E r r u n g e n s c h a f t  d e r  i n t e r n a t i o n a l e n
       A r b e i t e r k l a s s e    u n d    i h r e r    r e v o l u-
       t i o n ä r e n   B e w e g u n g.   Dem Historiker  sei  es  als
       Autor nachgesehen,  daß er  aus dem  weiten zeitlichen  Bogen der
       Jahre 1945  bis 1985  jenen ersten Abschnitt herausnimmt, der mit
       den unmittelbaren  Wirkungen  des  historischen  Einschnitts  den
       Zusammenhang für  die ersten  eineinhalb Jahrzehnte kurz zu skiz-
       zieren vermag.
       Der UdSSR,  die mehr als zwei Jahrzehnte auf sich allein gestellt
       und von erbitterten Feinden des Sozialismus umringt den Sozialis-
       mus aufgebaut  und das hohe Ziel erreicht hatte, an die Seite wa-
       ren -  neben der  MVR - nun die Völker Albaniens, Bulgariens, der
       VR China,  der CSSR, der DDR, Jugoslawiens, der Koreanischen VDR,
       Polens, Rumäniens,  Ungarns und  der DR  Vietnams im Streben nach
       der Errichtung  einer neuen  gesellschaftlichen Ordnung getreten.
       Hatte vor  1939 der  Anteil des  Sozialismus 17% des Territoriums
       und 9%  der Bevölkerung der Erde erfaßt, so waren es bereits 1950
       schon 26  bzw. 35% geworden. Sein Anteil an der Weltindustriepro-
       duktion als  einer der wichtigen ökonomischen Indikatoren war bis
       Mitte der 50er Jahre auf 27% angewachsen. Mit dem sozialistischen
       Weltsystem  war  eine  qualitativ  vollkommen  neue  Gemeinschaft
       freier, souveräner  Staaten entstanden, die im Gegensatz zu kapi-
       talistischen Prinzipien  durch internationalistische  Solidarität
       verbunden wurde.  Trotz gezielter  Gegenmanöver im "Kalten Krieg"
       konnte die Rechnung der Imperialisten, die Ausstrahlungskraft des
       Sozialismus zu brechen, sein Vorankommen zu verhindern und ihn in
       einem neuerlichen  Versuch -  nach Intervention nach 1917 und fa-
       schistischer Aggression  1941 -  endgültig zu  vernichten,  nicht
       aufgehen. Im  Gegenteil gewann  der weltrevolutionäre Prozeß eine
       erhebliche Beschleunigung  in Tempo  und Breite,  sowohl  in  der
       machtvollen revolutionären  und demokratischen  Massenbewegung in
       kapitalistischen Ländern  als auch der weltweit organisierten an-
       tiimperialistischen Front.
       Für die kolonial ausgebeuteten und unterdrückten Völker bedeutete
       das eine  Grundvoraussetzung für  erste  u m f a s s e n d e  Er-
       folge von   s t r a t e g i s c h e m  Ausmaß: die Schwächung ih-
       rer unmittelbaren  Gegner im  antikolonialen Kampf und die Gewin-
       nung von  internationalen Bundesgenossen  als aktive Mitstreiter.
       Um nur eine Stimme anzuführen, stellte A. S. Toure 1960 rückblic-
       kend fest: "Wir wissen auch, daß die afrikanische Bevölkerung mit
       Überzeugung und  in großem  Vertrauen den  gewaltigen Fortschritt
       der sozialistischen  Länder anerkennt.  Dieser Fortschritt stellt
       einen historischen  Beitrag zur Veränderung des Kräfteverhältnis-
       ses zugunsten  der unterdrückten  Völker dar.  Dieser Beitrag ist
       auch von  entschiedenem Gewicht  auf der  Waagschale des  Kampfes
       zwischen Imperialismus  und Sozialismus.  Dies (wiederum)  bildet
       den entscheidenden Beitrag zur Sache der Befreiung der Völker un-
       seres Kontinents ..." 13)
       Im Zusammenspiel  mit konkret  historisch recht  voneinander ver-
       schiedenen innerterritorialen Voraussetzungen, jedoch einer über-
       all mehr oder minder schnell verlaufenden Verschärfung der Wider-
       spruchsgrundlage kolonialer  Ausbeutung und Fremdherrschaft, ent-
       falteten gerade  nach dem Zweiten Weltkrieg nationale Befreiungs-
       bewegungen in fast allen Teilen beider Kontinente die ihnen inne-
       wohnende Potenz  als Teil  der antiimperialistischen Weltbewegung
       mit stürmischer Kraft.
       Der   Z e r f a l l    d e s    i m p e r i a l i s t i s c h e n
       K o l o n i a l s y s t e m s   war nicht mehr aufzuhalten. Schon
       im ersten  Jahrzehnt der  Nachkriegszeit  entstanden  -  durchaus
       nicht als "freiwilliger Rückzug" der Kolonialherren und gewisser-
       maßen Vollzug der "zivilisatorischen Mission" selbiger, wie nicht
       selten in apologetischer Geschichtsfälschung zu lesen ist - fünf-
       zehn weitere souveräne Staaten; die Kolonialreiche wurden im Ver-
       gleich zum  Vorkriegsstand um  nicht weniger  als fast die Hälfte
       reduziert. Die Völker Koreas (KVDR), Vietnams (DRV) und Indonesi-
       ens (im  Jahre 1945),  der Philippinen  (1946), Indiens und Paki-
       stans (1947), Burmas und Ceylons (1948) und - mit besonderer Aus-
       strahlung - Chinas (1949) errangen ihre Freiheit und verteidigten
       sie, wenn  erforderlich, energisch  gegen die aggressiven Manöver
       der ehemaligen  Kolonialmächte und deren Helfershelfer - wie bei-
       spielsweise Frankreichs  in Indochina, der Niederlande in Indone-
       sien. 14)  Die Bildung volksdemokratischer Staatsordnungen in ei-
       nigen dieser Länder unter besonders günstigen Bedingungen vor al-
       lem der  inneren Klassenkräftekonstellation  beim Übergang in die
       nationalstaatliche Souveränität  bzw. im Ergebnis eines mit star-
       kem antiimperialistischem Moment versehenen Bürgerkrieges öffnete
       zugleich den  Weg nationaler  Befreiung in  deren   s o z i a l e
       V e r t i e f u n g,   in diesen Fällen mit der nachfolgenden so-
       zialistischen Revolution  in den  50er Jahren durch einen weitge-
       hend einheitlichen revolutionären Prozeß der untrennbaren Verbin-
       dung von  demokratischer und  sozialistischer Revolution  (volks-
       demokratische Revolution).
       Auch arabische Völker setzten sich in diesem Zeitraum gegen impe-
       rialistische Herrschaft  durch. So mußten in den seit 1943 staat-
       lich selbständigen Syrien und Libanon die dort verbliebenen fran-
       zösischen und  britischen Truppen diese Territorien verlassen (im
       Jahre 1946).  Anstatt in  Libyen das italienische "Erbe" antreten
       zu können,  sahen sich  die imperialistischen Mächte vor die Bil-
       dung des  Vereinigten Königreiches  (1951) gestellt.  Erst  recht
       aber brachte  die antiimperialistische  und demokratische Revolu-
       tion in  Ägypten (1952) einen weitwirkenden Ausgangspunkt für die
       antikoloniale Bewegung  im arabischen  Raum, sogar darüber hinaus
       über die  Sahara hinweg  nach Süden,  wie auch bei der Formierung
       einer organisierten  überregionalen  zwischenstaatlichen  Politik
       national befreiter Länder Asiens und Afrikas. In Algerien erhoben
       sich (1954)  die Patrioten  zum bewaffneten  Aufstand  gegen  die
       "Perle" des  französischen Kolonialreiches  im afrikanischen Nor-
       den; die  Völker des Sudan, Marokkos und Tunesiens erstritten die
       nationalstaatliche Souveränität (1956). Und im gleichen Jahr ver-
       wies das inzwischen erstarkte Ägypten in einer machtvollen inter-
       nationalen "Koalition  der  Unterstützung"  durch  sozialistische
       Länder, Arbeiter-  und breite demokratische Bewegung in kapitali-
       stischen Ländern  und unabhängige afro-asiatische Staaten die im-
       perialistische Dreieraggression in die Schranken. 15)
       Dann kam  das "Afrikanische Jahr" 1960. Der antikoloniale Angriff
       auf die letzte kontinentale Bastion des imperialistischen Koloni-
       alsystems erreichte  seinen ersten  dramatischen Höhepunkt:  Nach
       den Vorboten  Ghana (1957)  und Guinea  (1958) setzten  allein in
       diesem Jahr  mehr als  ein Drittel  der Gebiete im tropischen und
       südlichen Afrika  der politischen  Fremdherrschaft ein  Ende, wo-
       durch nunmehr  drei Viertel  der Bevölkerung  und vier Fünftel an
       Territorium national befreit waren. Noch in der ersten Hälfte der
       60er Jahre  brachen dann die britischen, französischen und belgi-
       schen Kolonialreiche  auf afrikanischem  Boden nahezu vollständig
       zusammen. 16)
       Zufall ist  es gewiß nicht, daß an der Wende der 50er zu den 60er
       Jahren so  ein ganzer  historischer Abschnitt nicht nur für Asien
       und Afrika zu Ende ging - und ein neuer begann. Diese Zäsur steht
       im wechselseitigen Zusammenhang mit weltweiten Vorgängen, und sie
       markiert für  sich genommen dabei einen Tatbestand von geschicht-
       licher Größe,  würdig dieses  Jahrhunderts der  grundlegenden Er-
       neuerung gesellschaftlicher  Existenzformen der  Menschheit.  Die
       Vertreter der in Moskau 1960 versammelten kommunistischen und Ar-
       beiterparteien haben dies ausgesprochen mit der Wertung, daß "der
       Zerfall des  Systems der  Kolonialsklaverei unter dem Ansturm der
       nationalen Befreiungsbewegung  ... in  seiner historischen Bedeu-
       tung die  wichtigste Erscheinung nach der Entstehung des soziali-
       stischen Weltsystems"  ist. 17)  Denn über  eineinhalb Milliarden
       Menschen auf diesen Kontinenten hatten sich damit die Möglichkeit
       zur Selbstbestimmung der eigenen Geschicke und zu aktivem Teilha-
       ben an  den Entscheidungen  über das Schicksal der ganzen Mensch-
       heit erschlossen. Wenn 1945 noch 56% der Weltbevölkerung in Kolo-
       nien und  Halbkolonien gelebt hatten, die 32% des Erdterritoriums
       einnahmen, so befanden sich in der Mitte der 60er Jahre noch etwa
       1% der  Weltbevölkerung auf weniger als 4% des Erdterritoriums in
       einer solchen Lage.
       Die folgende Aufzeichnung verdeutlicht diesen Vorgang:
       
       Kolonialmacht   1945               1960               1980
                Fläche     Bev.    Fläche     Bev.    Fläche     Bev.
                (1000 km²) (Mill.) (1000 km²) (Mill.) (1000 km²) (Mill.)
       Großbri-
       tannien   15 713,0   431,8    4 981,5    44,8       51,5    5,4
       Frank-
       reich     12 448,8    76,4    2 453,9    11,1      120,0    1,6
       Nieder-
       lande      2 048,1    75,6      556,6     1,1        1,0    0,3
       Belgien    2 397,1    14,1       54,2     4,6        0      0
       Portugal   2 090,6    12,6    2 086,6    12,8        0,02   0,4
       USA          333,9    22,8       32,9     3,1       11,8    3,8
       RSA          824,3     0,4      824,3     0,5      824,3    0,9
       Australien   475,5     1,0      475,5     1,8        0,2    0,005
       Spanien      317,1     1,5      303,0     1,3        0,2    0,2
       Japan        220,8    27,2        0       0          0      0
       Neuseeland     3,6     0,1        0,5     0,02       0,5    0,02
       Andere (Indones.
       u.a.)         15,1     0,2        0,06    0,06      18,9    0,6
       
       Gesamt    36 887,9   663,7   11 783,7    81,2    1 029,3   18,5
       
       Mit den  Ergebnissen der  skizzierten eineinhalb Jahrzehnte waren
       zugleich weder  das Ende  des Kampfes  gegen koloniale politische
       Fremdherrschaft in  Asien und Afrika gekommen noch erst recht na-
       tionale Befreiung  in ihrem umfassenden Sinne durchgesetzt. Nicht
       wenige der Unabhängigkeitsdaten vor allem auf afrikanischem Boden
       liegen in  der Mitte der 60er Jahre, einige ein Jahrzehnt danach,
       oder sie fallen ins Jahr 1980. 18) Zwanzig Jahre nach der auf so-
       wjetische Initiative  im Dezember 1960 von der Generalversammlung
       der Vereinten  Nationen verabschiedeten  historischen Deklaration
       über die  Unabhängigkeit der  kolonialen Länder  und Völker mußte
       eine UN-Resolution immer noch 23 koloniale Territorien in Afrika,
       Mikronesien, Ozeanien, Ostasien, der Karibik und anderenorts auf-
       listen. Die  heutigen Kolonialmächte USA, RSA und Großbritannien,
       die als Fremdherrscher bei mehr als vier Fünftel des verbliebenen
       Territoriums offiziell  eingetragen worden sind, suchen mit allen
       Mitteln insbesondere  aus imperialistischen  globalstrategischen,
       aggressiven militärpolitischen Interessen heraus, der Bevölkerung
       hier das  Recht auf  nationale Selbstbestimmung weiterhin zu ver-
       wehren. In  den 80er  Jahren ist es bisher auch nur einer kleinen
       Anzahl von Gebieten gelungen, sich dagegen durchzusetzen, überall
       aber verschärft  sich die Auseinandersetzung an dieser Front, vor
       allem im  Süden Afrikas. Gleichermaßen drängt das Problem der um-
       fassenden nationalen  Befreiung in den national befreiten Ländern
       nach vorn. Diese Fragestellung führt uns zu einem weiteren Aspekt
       unserer Skizzen zum Thema.
       
       3. Nationale Befreiungsrevolution als "Revolution in Permanenz"?
       ----------------------------------------------------------------
       
       Die  e i g e n a r t i g e   S p e z i f i k  n a t i o n a l e r
       B e f r e i u n g s r e v o l u t i o n, ein für den historischen
       Gesamtprozeß in  Asien und  Afrika einschneidender revolutionärer
       U m b r u c h        g e s a m t n a t i o n a l e n        u n d
       p o l i t i s c h e n   C h a r a k t e r s   zu sein,  führt bei
       dem zunächst  Erreichten zu einer Begrenztheit sowohl im Hinblick
       auf das  Nationale als  auch das  Soziale. Einmal  bleibt nämlich
       auch nach  dem politischen  Akt der Erringung nationalstaatlicher
       Souveränität der  Widerspruch zum  Imperialismus deshalb  als be-
       stimmender erhalten,  weil bei  der "nationalen Befreiung ... die
       ökonomische Befreiung...  die Hauptsache  ist" 19),  gerade diese
       aber mit  Erreichung der  Eigenstaatlichkeit noch  ausbleibt. Der
       Kampf um  die ökonomische Befreiung rückt gesetzmäßig in den Mit-
       telpunkt der nachkolonialen Etappe nationaler Befreiungsbewegung,
       wobei sich  das kontrastierende Auseinanderfallen von politischer
       und ökonomischer  Grundsituation -  mit durchgesetzter  Gleichbe-
       rechtigung einerseits,  verbliebenem  Untergeordnetsein  anderer-
       seits -  ebenso verständlich  sowohl im nationalen Rahmen wie auf
       internationaler Ebene manifestiert. Die Schlußfolgerung ist anzu-
       erkennen: "Die  Umformung, genauer: die Überwindung der kolonial-
       kapitalistischen Basis  in ihren inneren und internationalen Kom-
       ponenten wird daher... zur essentiellen Aufgabe, zum wesentlichen
       Inhalt der  nationalen Befreiungsbewegung, die ja gegen den Kolo-
       nialismus in seiner Totalität angetreten ist, in einer neuen, ih-
       rer zweiten,  höheren Etappe".  20) Die Verschärfung  eines damit
       verbundenen Hauptwiderspruches  zum Imperialismus  als  Dominante
       innerhalb einer gewiß erheblich breiteren Widerspruchslage ergibt
       sich schlichtweg  daraus, daß ungeachtet von deutlicher Differen-
       ziertheit der  sozialen Bestandteile innerhalb eines jeden natio-
       nal befreiten Landes und auch der zunehmenden Verflechtung unter-
       schiedlichster Widersprüche  die aus dem neokolonialen System des
       Imperialismus herrührenden  Wirkungen von  Abhängigkeit und Rück-
       ständigkeit, Ausbeutung  und Ausplünderung u. ä. die Gesellschaft
       als Ganzes und nicht nur einzelne ihrer sozialen Strukturelemente
       treffen. Den  gesamtnationalen Interessen tritt dadurch antagoni-
       stisch, nur durch konsequenten Antiimperialismus überwindbar, Wi-
       derstand entgegen,  der in  den letzten Jahren nicht selten sogar
       als "Re-kolonialisierung"  bezeichnet wird.  Es ist folgenschwere
       Tatsache, daß  die imperialistischen Zentren in der Zeit nach dem
       Zusammenbruch der  staatlichpolitischen Systeme des Kolonialismus
       innerhalb von  nur drei Jahrzehnten mehr reale Werte aus Entwick-
       lungsländern herausgepreßt haben als die vormaligen Metropolen in
       drei Jahrhunderten  aus den  Kolonien. 21) Und das ergibt die ur-
       sächliche Grundlage  für jene Erscheinungen in Ländern Asiens und
       Afrikas, über  deren Formen - von steigender Auslandsverschuldung
       bis zu  anwachsendem  Massenpauperismus  und  Millionensterben  -
       heute öfter  und alarmierender denn je als nicht nur diese Konti-
       nente betreffende,  sondern globale  Probleme gesprochen  und ge-
       schrieben wird, über deren eigentliche Ursachen und die Erforder-
       nisse ihrer Überwindung und damit einer Beseitigung dieser Grund-
       situation die  Auffassungen je nach Stellung zum Imperialismus in
       der theoretischen  und politisch-ideologischen  Reflexion  jedoch
       grundlegend auseinandergehen. 22)
       An dieser  Stelle ist zunächst festzuhalten, daß das Nichtvollen-
       detsein von  nationaler Befreiung  in ihrem  umfassenden Sinne in
       hohem Maße  jene internationalen  Bedingungen und inneren Voraus-
       setzungen -  und zwar  in deren Komponentenverfiechtung bei jedem
       einzelnen Land  - für eine mögliche Inangriffnahme und erst recht
       die erfolgreiche Verwirklichung sozialer Befreiung für diese Völ-
       ker mitprägt.  Hat sich das z. B. bereits überaus deutlich im re-
       alen Prozeß  der Entwicklung Nordvietnams während der ersten ein-
       einhalb Jahrzehnte  nach der  August-Revolution von 1945 gezeigt,
       so trifft  es noch weit mehr auf revolutionäre Entwicklungsformen
       der Gegenwart  zu. Es  geht offenbar nicht um ein vereinfacht in-
       terpretierbares "Übergehen  der nationalen  Befreiung in  die so-
       ziale Befreiung",  sondern eine  in der Wirklichkeit überaus kom-
       plizierte Dialektik  zwischen beiden  Seiten über  einen längeren
       Zeitraum.
       In sozialer  Hinsicht trägt  die politische  Revolution national-
       staatlicher Souveränitätsverwirklichung  nicht generell einen be-
       stimmten Wechsel  in der sozialökonomischen Formation in gleicher
       Weise in  sich, wie dies bei nationalen Befreiungskämpfen in frü-
       heren historischen  Epochen der Fall war, in denen sie mit unter-
       schiedlichen stadialen  Reifen bürgerlicher  Umwälzung  verbunden
       gewesen sind, von den Niederlanden im 16. Jhdt. bis zu Ibero-Ame-
       rika, Italien oder Südeuropa im 19. Jhdt. Im Asien und Afrika un-
       serer Epoche  sind nach  dem mit dem politischen Machtwechsel er-
       folgten Beginn gesamtgesellschaftlicher Veränderung deren Charak-
       ter und  Art und  Weise ihres Vollzugs noch offen. Das ist ebenso
       dem Charakter  der Epoche - als der eines Übergangs - wie inneren
       sozialökonomischen  und  gesellschaftspolitischen  Merkmalen  ge-
       schuldet; drei m. E. hauptsächliche sollen angeführt sein.
       Da ist zum ersten der Grad der Entfaltung, den unsere Epoche der-
       zeit bereits  aufweist. Noch fehlt das eindeutige Übergewicht der
       neuen gesellschaftlichen  Ordnung in  der Welt  gegenüber dem  zu
       überwindenden Kapitalismus,  noch gibt  es eine beträchtliche Po-
       tenz des Imperialismus und des von ihm abhängigen, d. h. auch ge-
       förderten Kapitalismus,  zeitweise  mit  Teilzugeständnissen  und
       Scheinlösungen dem  Streben nach  einer revolutionären Lösung der
       nationalen   u n d  sozialen Lebensfragen der Völker vorzubeugen.
       Die zutreffende  Bemerkung von Friedrich Engels: "Ist Europa erst
       reorganisiert und  Nordamerika, so  ergibt das  eine so kolossale
       Macht und  ein solches  Exempel, daß die halbzivilisierten Länder
       ganz von  selbst ins Schlepptau kommen; das besorgen allein schon
       die ökonomischen Bedürfnisse", 23) gilt zur Zeit noch gewisserma-
       ßen mit Negativeffekt.
       Zweitens wirkt  sich spürbar  die Eigenart der sozialökonomischen
       Verhältnisse in der noch abhängig mehrsektoralen Struktur der Ge-
       sellschaft aus, läßt sie doch aus der sichtlichen Unreife von be-
       reits sozialökonomisch  geprägter Differenzierung  und dem statt-
       dessen starken Wirken andersgearteter sozialer Momente, wegen der
       übermächtigen Folgen  von Unterentwicklung in ihrer Gänze, im Er-
       gebnis der  Klassenpolitik der  Herrschenden u. a. m. den Antago-
       nismus in  systembestimmenden Widersprüchen langsamer zur Geltung
       kommen, schafft  sie Raum  für eine relativ "friedliche" Zeit der
       Herausbildung und Entfaltung von Verhältnissen der Ausbeutung und
       Unterdrückung, unter  denen sich  die Massen noch "ruhig ausplün-
       dern lassen"  24); selbst  extreme Armut  allein reicht für einen
       revolutionären Aufbruch nicht aus.
       Schließlich ist  damit geistige, vor allem politisch-ideologische
       Rückständigkeit der  Massen verbunden,  die dann  wenig "zu selb-
       ständigem historischen  Handeln gedrängt  werden". 25)  Das führt
       dazu, daß  sozialer Zündstoff  auch dann,  wenn er ein bestimmtes
       Niveau erlangt  hat, in der ideologischen Reflexion länger unter-
       halb des für eine politische Eruption mit weiterführenden gesell-
       schaftsumwälzenden Folgen notwendigen Standes verbleibt.
       Im Ergebnis  dessen wirkt  eine   e i g e n e  D i a l e k t i k:
       Die Bewegung  für nationale Befreiung weiterzuführen, setzt nicht
       den Beginn  einer sozialen  Revolution voraus, doch bleibt letzt-
       lich die  Erreichung vollständiger nationaler Befreiung vom Impe-
       rialismus ohne  soziale Revolution für die Masse afro-asiatischer
       Länder unerfüllbar.  Für die  Gegenwart dieser  Kontinente bringt
       dies vorerst  ein   g e s e l l s c h a f t s s y s t e m a r e s
       E n t w e d e r-O d e r. Entweder  vollzieht sich  - in der Regel
       auf   e v o l u t i o n ä r e m  Wege, wobei gelegentlich revolu-
       tionäre Aufbrüche in gleicher Richtung fördernd wirken können 26)
       - die formationelle Herausbildung von bürgerlich-kapitalistischer
       Ordnung, mit  welchen besonderen  Merkmalen  dieser  Kapitalismus
       auch versehen  sein mag.  Oder es  wird ein Prozeß der versuchten
       Umgehung einer  bürgerlich-kapitalistischen  Formation  in  einem
       frühen Stadium als nichtkapitalistische Entwicklung zum Sozialis-
       mus aufgenommen,  was unbedingt  auf    r e v o l u t i o n ä r e
       Weise geschieht,  wobei Elemente von Revolution und Reform in der
       komplexen und  komplizierten Umwälzung  in ein vielfältiges Wech-
       selverhältnis treten.
       F o r m a t i o n s t h e o r e t i s c h   gesehen nimmt  natio-
       nale Befreiungsbewegung  eine Lösung des entwicklungsbestimmenden
       Antagonismus dieser  Länder zum Imperialismus und somit eine Ver-
       änderung im  ökonomisch-sozialen Charakter gesellschaftlicher Zu-
       stände im Lande zunächst im Rahmen ein und derselben Formation in
       Angriff - der kapitalistischen nämlich als deren kolonialperiphe-
       rer Teil.  Sie überschreitet  diesen Rahmen  in der Regel auch in
       der nachkolonialen  Periode real  nicht, es  wäre denn im gesell-
       schaftspolitischen Konzept.  Die Ausnahme von dieser Regel in Ge-
       stalt von  Ländern mit  einer anderen gesellschaftlichen Entwick-
       lungsrichtung -  von der  MVR seit den 20er Jahren bis zur Orien-
       tierung einer ganzen Gruppe afroasiatischer Länder auf den Sozia-
       lismus in  der Gegenwart - ist erst einmal nur deren Bestätigung.
       In der  Masse jedenfalls  bringt nationale  Befreiungsbewegung in
       ihren  eigenen  ersten  grundlegenden  Ergebnissen    k e i n e n
       r e v o l u t i o n ä r e n   B r u c h   mit der  bereits vorher
       eingetretenen  Grundtendenz  kapitalistischer  Formationsbildung,
       sondern höchstens oder ausschließlich eine Beschleunigung dersel-
       ben mit sich - indem sie eine nationalen Interessen in bestimmtem
       Grade dienende  Variante kapitalistischer  Entwicklung gegen  die
       vorherrschend neokolonial-abhängige  durchsetzt. Andererseits ist
       der früher  "normale" Weg einer unauflöslichen Bindung von natio-
       naler Befreiung  an bürgerlich-kapitalistische  Entwicklung nicht
       mehr unvermeidlich  in unserer  Epoche, hat dieser den Rang einer
       Gesetzmäßigkeit  historischer  Entwicklung  für  gesellschaftlich
       rückständige Völker  und Länder verloren - ohne daß der in entge-
       gengesetzte Richtung  führende nichtkapitalistische  Weg  seiner-
       seits bereits zur solchen geworden wäre.
       Die Analogie  zur sozialen  Revolution aus einer anderen histori-
       schen Situation  heraus ist  für nationale Befreiungsrevolutionen
       weder als  historische Kategorie noch als Einzelakt ein Schlüssel
       zum Verständnis  konkreter Vorgänge  in afro-asiatischen Ländern.
       In fast  keinem von ihnen ist objektiv der Boden für den Ausbruch
       einer Revolution  bürgerlichen Inhalts beseitigt. Deshalb kann es
       unter bestimmten Bedingungen zu solchen Revolutionen kommen, ohne
       daß deren Ausgang und deren Wirkung auf den weiteren geschichtli-
       chen Prozeß  von vornherein  festgeschrieben sind.  Das  ereignet
       sich nicht zuletzt deshalb, weil eine gesamtnationale, hauptsäch-
       lich antiimperialistische  Komponente mit eigener Kraft am Wirken
       ist. Direkt  zeigen das  u. a.  über einen längeren Zeitraum ver-
       folgte Vorgänge  in Ägypten  (nach 1952), Ghana (nach 1957), Irak
       (nach 1958),  Tansania (nach 1961) bis hin zur iranischen Revolu-
       tion von  1978/79. Indirekt  verweist darauf die recht erhebliche
       Anzahl von  Versuchen einer "Revolution von oben" als Methode zur
       Lösung gesellschaftlicher  Krisen wie  Vorbeugeschutz vor revolu-
       tionären Aufbrüchen  "von unten",  so z.B. in Äthiopien, Afghani-
       stan, Indonesien,  Iran, Marokko,  Pakistan, Philippinen,  Saudi-
       Arabien. Gleiches läßt sich aus bisher gescheiterten Anfängen von
       antikapitalistischer Alternativentwicklung  in verschiedenen Län-
       dern deuten,  denkt man  an Ägypten, Ghana, Irak, die bereits ge-
       nannt wurden, oder an Burma, Mali oder Somalia.
       Für die   r e v o l u t i o n s t h e o r e t i s c h e  Betrach-
       tung folgert daraus, daß der bürgerliche Revolutionszyklus durch-
       aus heute  noch nicht für jedes einzelne Land in Asien und Afrika
       bereits abgeschlossen  ist. Es  ist zugleich eine weitere Aussage
       anzuschließen: Während  nationale    B e f r e i u n g s b e w e-
       g u n g   bei für  sie in  jedem Fall  veränderter Situation - in
       Trägerschaft, Aufgabenstellung,  Bedingungen u.a.m.  -  ihre  ge-
       schichtliche  Berechtigung   auch  unter  Bedingungen  errungener
       Nationalstaatlichkeit beibehalten  hat und  für die  Lösung ihrer
       Grundprobleme sogar  von existentiellem Wert ist, haben nationale
       Befreiungs r e v o l u t i o n e n  eigentlich ihre entscheidende
       historische Mission,  eben die  politische Grundvoraussetzung mit
       staatlich souveräner  Existenz zu  schaffen, erreicht.  Nationale
       Befreiungsrevolution gewissermaßen  als Lokomotive "in Permanenz"
       zu sehen,  wird der inneren Dialektik von Nationalem und Sozialem
       in den  heutigen politischen  Bewegungen  und  gesellschaftlichen
       Prozessen nicht  gerecht, und  es widerspricht  dem  marxistisch-
       leninistischen Revolutionsbegriff  wohl auch. Schlüssig ist eher,
       daß nationale  Befreiungsrevolutionen zu ihrer Zeit und von ihnen
       in bestimmten  Fällen hervorgebrachte  gesellschaftliche Entwick-
       lungen  konsequent   demokratischen   und   antiimperialistischen
       Zuschnitts gemeinsam  mit der  überall  fortwirkenden  nationalen
       Befreiungsbewegung  einen   Bestandteil  des   weltrevolutionären
       Prozesses  bilden,   als  der   sie  sich  im  einzelnen    m i t
       u n t e r s c h i e d l i c h e m   G e w i c h t   verwirklichen
       können.
       
       4. Revolutionäre Entwicklungsformen auf dem Weg zum Sozialismus
       ---------------------------------------------------------------
       
       Zwei   m e t h o d o l o g i s c h e  Grundaussagen sind wohl vom
       universalhistorischen und  nationalgeschichtlichen Bezug  her für
       die Betrachtung  revolutionärer Prozesse  in Asien und Afrika für
       unsere Epoche  vor allem gewichtig - das Konzept der nichtkapita-
       listischen Entwicklung rückständiger Länder und Völker zum Sozia-
       lismus mit  Blick auf  den Formationswechsel  und das Verständnis
       vom Zusammenhang  von bürgerlich-demokratischer  und  sozialisti-
       scher Revolution  hinsichtlich des Revolutionstyps. Die Klassiker
       des Marxismus-Leninismus  haben zu  beiden Fragen originäre Theo-
       rie-Grundlagen geliefert.  Sie sind darin von der gesellschaftli-
       chen Praxis  im Grundsätzlichen  bestätigt worden,  auch wenn der
       Verlauf der  Weltgeschichte im  einzelnen Korrekturen  angebracht
       hat. Das  Grundsätzliche betrifft die generelle Möglichkeit einer
       solchen "abgekürzten" Entwicklung zum Sozialismus, die notwendige
       Existenz von  Sozialismus bereits in der realen Welt als interna-
       tionale Grundvoraussetzung  und die  Funktion bestimmter  innerer
       Faktoren bei  der Durchsetzung dieses Weges, mit denen sich - mit
       Lenin gesprochen  - Völkern  die Chance  auftat, "sich nicht ganz
       gewöhnliche Bedingungen  für eine Weiterentwicklung der Zivilisa-
       tion zu  erringen". 27) In anderer Hinsicht wiederum hat u.a. die
       Art und  Weise der Überwindung von Kapitalismus als Weltsystem in
       Form einer  längeren historischen  Epoche mit  einer Vielfalt von
       miteinander verbundenen Prozessen unterschiedlichen sozialen Cha-
       rakters Folgen nicht zuletzt für derartige soziale Vertiefung na-
       tionaler Befreiung,  z.B. dergestalt,  daß eine  solche nicht von
       Anbeginn und nicht einmal innerhalb kurzer Frist zu einer Gesetz-
       mäßigkeit für  solche Länder  werden  kann.  Nichtkapitalistische
       Entwicklung als  "Alternative, Bluff  oder  Herrschaftsideologie"
       testen zu  wollen, ist  sicher ein ungeeignetes Rezept für ernst-
       haftes wissenschaftliches Bemühen, und die dürftige Erkenntnisbi-
       lanz weist das auch aus. 28)
       Im Kriterium   V i e l f a l t  treffen beide eingeführten metho-
       dologischen Grundaussagen unmittelbar aufeinander: Nichtkapitali-
       stische Entwicklung - so lautete seit der Zeit der KI der wissen-
       schaftliche und auch politische Begriff für den "abgekürzten Ent-
       wicklungsprozeß ...  von allen Ländern vorkapitalistischer Stufe"
       29) -  ist seit dem Auftreten der internationalen Grundvorausset-
       zung - und das geschah mit der siegreichen Großen Sozialistischen
       Oktoberrevolution -  in Gestalt verschiedenartiger revolutionärer
       Entwicklungsformen in  Gang gekommen oder schon durchgesetzt wor-
       den. Einmal  geschah dies  durch Revolutionen, die als Teil einer
       Revolution proletarisch-sozialistischen  Typs  siegreich  gewesen
       sind -  ohne selbst  von Anbeginn eine gleiche Qualität gehabt zu
       haben -,  wofür in der Geschichte vormalige koloniale Randgebiete
       des zaristischen  Rußland im Rahmen des revolutionären Gesamtpro-
       zesses in  Sowjetrußland bzw.  der Sowjetunion stehen und für die
       Gegenwart in  gewisser Hinsicht  der Süden  Vietnams als Teil der
       Entwicklung der  SRV angeführt werden kann. Revolutionen in eini-
       gen Ländern Ost- und Südostasiens nach dem Ende des Zweiten Welt-
       krieges (im Norden Vietnams und Koreas sowie in China) wiesen bei
       aller Unterschiedlichkeit  zu zeitgleichen  Vorgängen  in  Europa
       Grundzüge auf,  die sie  als (nationale)  volksdemokratische Pro-
       zesse erscheinen  lassen. Seit Anfang der 60er Jahre begegnen uns
       in einer bereits größeren Zahl afro-asiatischer Länder - begonnen
       hatte es  mit Ägypten,  Algerien, Burma,  Ghana,  Guinea,  Kongo,
       Mali, Tansania  - neue  Formen revolutionärer  gesellschaftlicher
       Umwälzung, die  in der  wissenschaftlichen Literatur unter Marxi-
       sten-Leninisten bald den eigentlich von revolutionären Demokraten
       Afrikas entlehnten  Begriff der nationalen Demokratie als Revolu-
       tionstyp erhielten.  Und schließlich ist seit Mitte der siebziger
       Jahre -  angeführt werden  meist Äthiopien,  Afghanistan, Angola,
       Moçambique, VDR  Jemen -  etwas ins  Leben getreten, bei dem eine
       bestimmte Ähnlichkeit  in einigen  Grundmerkmalen eines  früheren
       revolutionären Vorganges  in der  MVR nicht ausgeschlossen werden
       kann, das  revolutionstypologisch vermutlich  aber weder  mit der
       einen noch der anderen der bisher für die letzten vier Jahrzehnte
       genannten Entwicklungsformen in Richtung Sozialismus gleichzuset-
       zen ist;  auch die  Kennzeichnung als "volksdemokratische Tendenz
       von nationaldemokratischer Revolution" bleibt nicht mehr als eine
       terminologische Notlösung.
       Im Interdisziplinären  Zentrum für  Vergleichende Revolutionsfor-
       schung an  der Karl-Marx-Universität Leipzig angestellte analyti-
       sche Untersuchungen mit einer umfangreichen Anzahl von relevanten
       Länderstudien zu Geschichte und Gegenwart revolutionärer Entwick-
       lungsformen haben  für die  Vielfalt der  Konstellation bei  Wir-
       kungsfaktoren und  Grundmerkmalen gesellschaftlicher  Prozesse in
       einzelnen dieser  Staaten durchaus  nennenswerte Aufschlüsse  für
       den Revolutionsvergleich  unter Bedingungen von nichtkapitalisti-
       scher Entwicklung  zum Sozialismus ergeben. 30) Arbeitsmethodisch
       wurden in  einer Verbindung das Erfassen von Struktur und Dynamik
       von Wirkungsfaktoren und Grundmerkmalen im konkreten Analyse-Fall
       und das  Überführen in den Vergleich nach Gemeinsamkeiten und Un-
       terschieden für einzelne Entwicklungsformen praktiziert.
       Natürlich ist  Vorsicht vor Schemabildung geboten. Denn die Viel-
       falt und  Eigenart der Prozesse, die in einzelnen Ländern auf den
       verschiedenen gesellschaftlichen  Gebieten vor  sich gehen,  sind
       schwerlich in  Gänze zu  überschauen, gibt sich doch Realität be-
       kanntermaßen immer reicher, als in angenommenen Kategorien erfaß-
       bar ist.  Auszugehen ist auch davon, daß Kraft von Wirkungsfakto-
       ren und Inhalt von Grundmerkmalen eines einzelnen Prozesses einer
       Dynamik unterliegen,  die nicht  nur sie selbst, sondern zugleich
       ihr Gewicht  für das  Verhältnis von  Gemeinsamkeiten und  Unter-
       schieden von Zeit zu Zeit verändern. Schließlich bedeuten Gemein-
       samkeiten einerseits,  Unterschiede andererseits  kein Absolutum,
       sondern nur  Priorität des  einen oder anderen, wo beide in ihrer
       ganzen Spezifik aber präsent sein können.
       Außerdem gibt  es generelle Gemeinsamkeiten solcher Vorgänge, die
       entweder aus  der historischen  Gesamtsituation - kolonialer Ver-
       gangenheit oder  neokolonial geprägter  Gegenwart -  oder aus der
       Art von Gesellschaftswandel - eben auf revolutionäre Weise - her-
       rühren. So treten in allen Fällen nationale und soziale Frage ins
       Verhältnis, und das in der Weise, daß die Antwort auf die anfangs
       vorrangig gesamtnationale Fragestellung in einer sozialen Vertie-
       fung politischer  Souveränität, damit  in der  sozialökonomischen
       und gesellschaftspolitischen  Fundierung des Strebens nach ökono-
       mischer Befreiung vom Imperialismus gesucht wird. Ebenso kommt es
       zu einer  Verflechtung von politischer und sozialer Umwälzung ra-
       dikaler Natur, und das in einem ständig wirksamen Wechselverhält-
       nis beider Seiten mit hoher Intensität.
       Vergleichbare Phasen gesellschaftlicher Prozesse bei unterschied-
       lichen Typen  von Revolutionen, wie sie bereits aufgeführt worden
       sind, zeigen nun  G e m e i n s a m k e i t e n  als Priorität am
       ehesten in  der Widerspruchslage, die den revolutionären Aufbruch
       verursacht, für die objektiv erwachsene Aufgabenstellung, bei den
       tragenden sozialen  Triebkräften, mit  der Qualität  der durchge-
       setzten sozialen Hegemonie.  U n t e r s c h i e d e  fallen mehr
       auf bei der Ausgangsreife des revolutionären subjektiven Faktors,
       im gesellschaftspolitischen Charakter von politischer Führung und
       Staatsmacht, für  die tatsächliche Rolle von Massen im revolutio-
       nären Prozeß  oder nach außen bei den Beziehungen zum sozialisti-
       schen Weltsystem  sowie vor  allem in  der ökonomischen Seite des
       Verhältnisses zum Imperialismus.
       Ein solches Herangehen vermag überdies den Zugang zu einer weite-
       ren Theorie-Frage zu öffnen, auf die Lenin fordernd verwies, näm-
       lich "die Form des  Ü b e r g a n g s  zur proletarischen Revolu-
       tion oder  des   H e r a n g e h e n s   an sie  ausfindig zu ma-
       chen". 31)  Die für revolutionäre Entwicklungsformen in Asien und
       Afrika auch  in der  wissenschaftlichen  Literatur  anzutreffende
       Formel von  volksdemokratischer oder nationaldemokratischer Revo-
       lution als "Übergang zum Sozialismus" kann dem nicht gerecht wer-
       den. Denn  was für  Entwicklungen in  DRV, KVDR und VR China noch
       zugetroffen haben  mag, in einem relativ einheitlichen revolutio-
       nären Prozeß den Übergang zur sozialistischen Revolution vollzie-
       hen zu  können, ist für revolutionäre Entwicklungsformen, die für
       die Gegenwart  als sozialistische  Orientierung und/oder soziali-
       stischer Entwicklungsweg/sozialistische  Alternative des Entwick-
       lungsweges bezeichnet  werden, durchaus nicht gegeben. Hier haben
       wir es mit etwas anderem zu tun, was hypothetisch wie folgt zuge-
       ordnet werden  könnte: Sozialistische  Orientierung - was, anders
       ausgedrückt, eine  nationaldemokratische Revolution  beinhaltet -
       ist ein  Versuch des  Herankommens von  Ländern mit rückständigen
       Gesellschaftsstrukturen an  die sozialistische  Revolution  unter
       den derzeitigen  Bedingungen des Epoche-Verlaufes. In diesem Pro-
       zeß werden  offenbar auch bei längerer Dauer die Grenzen demokra-
       tischer Revolution  noch nicht  durchbrochen, folglich  wird  die
       Übergangsperiode zum  Sozialismus nicht  begonnen. Daraus  ergibt
       sich auch,  daß in  den letzten  Jahren gerade in solchen Ländern
       (Algerien, Madagaskar,  Syrien, Tansania  u.a.) ernste  Hemmnisse
       für das weitere Voranschreiten bei der revolutionären Art von Um-
       gestaltung und  sogar für  die Beibehaltung  der Grundrichtung in
       der gesellschaftlichen  Entwicklung auftreten. Die sozialistische
       Orientierung des politischen Kurses wird zum Gegenstand eines im-
       mer heftigeren  Klassenkampfes im  Inneren und nach außen, dessen
       Ausgang noch nicht gewiß ist.
       Aber selbst  Vorgänge in  einer Reihe anderer Länder (wie den ge-
       nannten: Äthiopien  u. a.) beinhalten nicht einfach "Übergang zum
       Sozialismus", sondern  mehr eine überaus ungewöhnliche Verbindung
       von Herankommen an die sozialistische Revolution und Übergang zum
       Sozialismus. Es  treten hierin demokratische Revolution als Domi-
       nante und  erste Elemente sozialistischer Revolution in einzelnen
       Wirkungsfaktoren und  Grundmerkmalen schon  in ein  direktes Ver-
       hältnis. Unter  der Voraussetzung,  daß die  keimhaft entstandene
       Qualität gesamtgesellschaftlicher  Entwicklung  gesichert,  gefe-
       stigt und organisch entwickelt werden kann - und nur dann -, ent-
       faltet sich  in einem  solchen Fall  ein einheitlicher revolutio-
       närer Prozeß. Seine Gefährdung in dem derzeit noch frühen Stadium
       ist nirgends  auszuschließen, entsteht jedoch weniger aus der in-
       neren Widersprüchlichkeit  heraus als bei der erstgenannten Vari-
       ante revolutionärer Entwicklung. Eine Garantie für ununterbrochen
       aufsteigende Linie  ist dabei  weder von den internationalen Rah-
       menbedingungen her  noch in  allen inneren Voraussetzungen bisher
       gegeben.
       Besonders die  von den  Klassikern des Marxismus-Leninismus stets
       herausgestellte universalhistorische  Grundvoraussetzung für Auf-
       treten und  Erfolg jeder  wie immer  gearteten "abgekürzten" Ent-
       wicklung zum  Sozialismus erweist ihr überragendes Gewicht. Dabei
       geht es  nicht um  die primitiv  antikommunistische  Deutung  als
       "Export der  Revolution" durch sozialistische Länder. Internatio-
       nalistische antiimperialistische  Bündnisverwirklichung ist  kein
       "Revolutionsersatz", wohl  aber notwendiges  Element der Beförde-
       rung gesellschaftlichen Fortschritts, erforderlichenfalls auch in
       Form militärischen  Schutzes einer  Revolution vor dem imperiali-
       stischen Export  von Konterrevolution. Worum es im weit umfassen-
       den Sinne  geht: Die  Erhaltung und  erst recht eine weitere Ver-
       schiebung gesellschaftlicher  Entwicklungstendenzen  in  Richtung
       Sozialismus bei  derartigen revolutionären  Entwicklungsformen in
       dieser Zeit  bleibt in außerordentlich hohem Maße vom Vorankommen
       des weltrevolutionären Prozesses in seiner Gesamtheit, in sämtli-
       chen seiner  Bewegungsteile, in erster Linie vom weiteren Verlauf
       der Systemauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialis-
       mus, von  wachsender Stärke  und  zunehmender  Wirkungskraft  der
       Staaten der sozialistischen Gemeinschaft und, heute mehr denn je,
       von Erfolgen  der antiimperialistischen  Kräfte bei Erhaltung und
       Sicherung des  Weltfriedens, der  Abwehr des Hochrüstungsund Kon-
       frontationskurses der reaktionärsten, aggressivsten Teile des in-
       ternationalen Monopolkapitals,  insbesondere des  USA-Imperialis-
       mus, abhängig.
       
       _____
       1) Karl Marx/Friedrich Engels, Werke (MEW), Band 23, S. 779, 781.
       2) Wladimir Iljitsch Lenin, Werke (LW), Band 3, S. 615.
       3) Vgl. Hartmut  Schilling, Krise  und Zerfall  des imperialisti-
       schen Kolonialsystems, Berlin 1977.
       4) MEW, Band 4, S. 466.
       5) Vgl. Lateinamerika  im antiimperialistischen  Kampf.  Probleme
       eines Kontinents.  Autorenkollektiv unter  Leitung  von  Adalbert
       Dessau, Berlin 1978.
       6) Vgl. Entwicklungsländer:  Sozialökonomische Prozesse und Klas-
       sen. Hrsg. von Klaus Ernst und Hartmut Schilling, Berlin 1981.
       7) MEW, Band 4, S. 466.
       8) Vgl. Afrika.  Geschichte von  den Anfängen  bis zur Gegenwart.
       Teil III.  Afrika vom zweiten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des
       imperialistischen Kolonialsystems.  Hrsg. von  Christian Mährdel,
       Köln 1983, S. 16 ff., 107 ff., 118 ff.
       9) LW, Band 23, S. 73.
       10) Vgl. Walter  Markov, Wege  und Formen  der  Staatsbildung  in
       Asien und  Afrika seit dem Zweiten Weltkrieg, in: Zeitschrift für
       Geschichtswissenschaft (ZfG), Nr. 6/1970, S. 725 ff.
       11) LW, Band 31, S. 6.
       12) Vgl. Sun  Yatsen, Reden  und Schriften, Leipzig 1974, S. 225,
       250, 269 ff,, 281 ff.; Jawaharlal
       13) Zit. nach:  SSSR i  strany Afriki.  1946-1962 gg. Dokumenty i
       materialy. Band 1, Moskau 1963, S. 620.
       14) Vgl. Diethelm  Weidemann, Die Entstehung unabhängiger Staaten
       in Süd- und Südostasien, Berlin 1969.
       15) Vgl. Geschichte  der Araber.  Von den Anfängen bis zur Gegen-
       wart. Band 5. Der Zusammenbruch des imperialistischen Kolonialsy-
       stems und  die Bildung souveräner arabischer Nationalstaaten. Au-
       torenkollektiv unter Leitung von Lothar Rathmann, Berlin 1981.
       16) Vgl. Afrika.  Geschichte von  den Anfängen bis zur Gegenwart.
       Teil III, a.a.O.
       17) Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und
       Arbeiterparteien. November 1960, Berlin 1961, S. 40.
       18) Vgl. Asien.  Afrika. Lateinamerika.  Gemeinsam gegen Imperia-
       lismus, für  sozialen Fortschritt. Autorenkollektiv unter Leitung
       von Christian Mährdel, Berlin 1982, S. 328 ff.
       19) LW, Band 18, S. 391.
       20) Hartmut Schilling,  Kolonialismus und nationale Befreiungsbe-
       wegung unter  dem Aspekt  der Marxschen Lehre von Basis und Über-
       bau, in:  Karl Marx und Grundfragen der Revolution in Theorie und
       Praxis. Hrsg. von Manfred Kossok, Leipzig 1980, S. 255/56.
       21) Vgl. Der gemeinsame Kampf der Arbeiterbewegung und der natio-
       nalen Befreiungsbewegung  gegen Imperialismus, für sozialen Fort-
       schritt. Internationale Wissenschaftliche Konferenz. Berlin, 20.-
       24. Oktober 1980. Band l, Dresden 1981, S. 543.
       22) Am beeindruckendsten dargestellt in: Fidel Castro, Die ökono-
       mische und  soziale Krise  in der Welt, ihre Auswirkungen auf die
       unterentwickelten Länder, ihre düsteren Perspektiven und die Not-
       wendigkeit zu  kämpfen, wenn wir überleben wollen. Bericht an die
       VII. Gipfelkonferenz  der Nichtpaktgebundenen,  Dresden 1983; für
       die unterschiedliche  Interpretation vgl. Martin Robbe, Die Stum-
       men in  der Welt  haben das  Wort. Entwicklungsländer: Bilanz und
       Perspektive, Berlin 1984; Helmut Faulwetter/Peter Stier, Entwick-
       lungsländer am  Scheideweg, Berlin  1984, und  Die Dritte Welt in
       der Krise.  Grundprobleme der Entwicklungsländer. Hrsg. von Peter
       J. Opitz, München 1984.
       23) MEW, Band 35, S. 358.
       24) LW, Band 21, S. 206.
       25) Ebenda.
       26) Gemeint sind u. a. Türkei nach 1919, Ägypten 1952, Irak 1958,
       Iran 1979.
       27) LW, Band 33, S. 464.
       28) Vgl. Claus  Leggewie, Nichtkapitalistischer Entwicklungsweg -
       Alternative, Bluff  oder Herrschaftsideologie?,  in: Handbuch der
       Dritten Welt.  Hrsg. von  Dieter Noblen und Franz Nuscheier. Band
       1. Unterentwicklung  und Entwicklung: Theorien - Strategien - In-
       dikatoren, Hamburg 1982, S. 395/96, 403 ff.
       29) MEW, Band 22, S. 428/29.
       30) Vgl. Leipziger Beiträge zur Revolutionsforschung, Nr. 1. Ver-
       gleichende Revolutionsgeschichte  - Probleme  der Theorie und Me-
       thode, Leipzig 1982, S. 49 ff.
       31) LW, Band 31, S. 79.
       

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