Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       "EIGENTLICH MÜSSTET IHR BEI UNS SCHLANGE STEHEN"
       
       Wissenschaftsläden in der Bundesrepublik
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       Florian Frerks/Manfred A. Heinrichs
       
       1. Ursprung  der Wissenschaftsläden  - geschichtlicher Abriß - 2.
       Das Modell: der Amsterdamer Wetenschapswinkel - 3. Die Arbeitsge-
       meinschaft der  Wissenschaftsläden (AWILA) - 3.1 Zur Arbeitsweise
       der Gruppen  - Beispiele - 3.2 Finanzierung und Professionalisie-
       rung - 4. Perspektiven - Diskussion und Kritik
       
       Die Wissenschaft  ist zu  wichtig und  zu gefährlich, als daß sie
       einigen wenigen überlassen bleiben dürfte. John Desmond Bernal 1)
       
       "Wissenschaft  für   das  Volk",   so  lautet  ein  Anspruch  der
       W i s s e n s c h a f t s l ä d e n.   Sie verstehen sich als al-
       ternative Transfereinrichtung von Wissenschaft, im ursprünglichen
       Sinne als  "Läden" an  den Hochschulen,  die Forschungsergebnisse
       nach Anfrage  vermitteln -  als "Ware  zum Nulltarif. Doch vieles
       hat sich geändert...
       Nach Marx  ist die Entfremdung des Arbeiters von der Wissenschaft
       geschuldet der   "E x p l o i t a t i o n   d e r    W i s s e n-
       s c h a f t,   des theoretischen Fortschritts der Menschheit. Das
       Capital schafft  die Wissenschaft  nicht, aber es exploitirt sie,
       eignet sie  dem Productionsproceß  an. Damit  zugleich   T r e n-
       n u n g   d e r  W i s s e n s c h a f t,  als auf die Production
       a n g e w a n d t e r   W i s s e n s c h a f t   von der    u n-
       m i t t e l b a r e n  A r b e i t  (...)". 2)
       Mit dem  Anwachsen der  wissenschaftlich-technischen  Intelligenz
       zur Massenschicht, mit den Umbrüchen in der geistigen Arbeit, zu-
       nehmender Akademikerarbeitslosigkeit und mit der wachsenden Rolle
       von Wissenschaft  und Technologie  für die  Modernisierungs-  und
       Konfrontationsstrategie des  Kapitals, bricht eine Wissenschafts-
       kritik auf,  die sich mit der Frage nach Alternativen in der Wis-
       senschaft, mit  dem Trend  zu "neuer Selbständigkeit" und dem zu-
       nehmenden Wissensbedarf  der sozialen  Bewegungen  in  neuartiger
       Weise trifft: Wissenschaftler und Ingenieure werden initiativ ge-
       gen  die   Entfremdung  von   der  Wissenschaft,   erhoffen  sich
       "selbstbestimmte Arbeit  mit  inhaltlich  sinnvollen  Projekten".
       Ihre Öffentlichkeitsarbeit  ist  sympathisch:  "Uns  ärgert,  daß
       Leute mit Geld sich Wissenschaft kaufen können. Andere gehen leer
       aus. Das  wollen wir ändern". Also eine "Wissenschaft von unten",
       welche vor allem denjenigen helfen soll, "die bisher ausgeschlos-
       sen waren: die Bürgerinitiativen, Frauen(-gruppen), Betriebsräte,
       Mieter" (Wissenschaftsladen  Hamburg).  Gegen  die  "Herrschafts-
       funktion von Wissenschaft" wollen sie eine "Wissenschaft im Sinne
       der Betroffenen,  der lohnabhängigen  Arbeiter und  Angestellten,
       der Bürger, die von Industrie und Verwaltungen überfahren werden,
       der  Menschen,   die   ihr   Leben   selbst   bestimmen   wollen"
       (Wissenschaftsladen Nürnberg).
       
       1. Ursprung der Wissenschaftsläden - geschichtlicher Abriß
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       Die Geschichte der Wissenschaftsläden (kurz: WILAs) - im weiteren
       Sinne auch der anderen Formen alternativen Wissenschaftstransfers
       (Beratungsinstitute, Laborgruppen,  Öko-Institut, AGÖF,  AG  SPAK
       u.a. 3)) - reicht über die Umweltschutz- und Anti-AKW-Bewegungen,
       die Bürgerinitiativen der 70er Jahre zurück bis in die Studenten-
       bewegung von 1968.
       Mit der sich in den 50er Jahren Bahn brechenden wissenschaftlich-
       technischen Revolution,  die sich zunächst in einer Teilautomati-
       sierung der Produktion und dem Einsatz elektronischer Datenverar-
       beitung zeigt,  entstehen neue Anforderungen der Forschungssteue-
       rung. So bildet sich in den 60er Jahren die Forschungs- und Tech-
       nologiepolitik als  eigenständiger Politikbereich heraus; es ent-
       stehen staatliche  finanzierte  Großforschungseinrichtungen,  die
       Drittmittelforschung etabliert  sich. Die Ordinarienuniversitäten
       bleiben hinter  dem wachsenden  Qualifikationsbedarf zurück.  Von
       der    aufbrechenden     Studentenbewegung    wird    dies    als
       "Legitimationskrise akademischer  Forschung", als  "Sinnkrise der
       Wissenschaft" wahrgenommen:  "Raus aus  dem Elfenbeinturm" lautet
       die Forderung.  Wissenschaftspolitik ist  Teil des  gesamtgesell-
       schaftlichen Prozesses  der Kapitalverwertung  geworden und dient
       der Konkurrenzfähigkeit des nationalen Gesamtkapitals. Damit wird
       der bisherige  ideologische Schleier der Wissenschaft aufgehoben:
       Sie ist deutlicher als Teil der gesellschaftlichen Arbeit erkenn-
       bar.
       Die durch den objektiven "Reformstau" nach der Krise 1966/67 fäl-
       lig gewordene,  jedoch technokratisch  verkehrte  Hochschulreform
       beantwortet  die   Studentenbewegung  mit  dem  Gegenkonzept  der
       K r i t i s c h e n   U n i v e r s i t ä t.   Es entstehen auto-
       nome Selbsthilfeeinrichtungen  (Kinderladen, Mieterladen, Gesund-
       heitsladen).
       In den  Niederlanden, wo die Wissenschaftsläden ursprünglich ent-
       stehen, konzentriert  sich die Forschung von jeher an den Univer-
       sitäten bei traditioneller Vernachlässigung der Gesellschaftswis-
       senschaften. Hier führt die aufgebrochene Diskussion zum Verhält-
       nis Wissenschaft-Gesellschaft  zu  universitären  Selbsthilfeein-
       richtungen. Bereits  1971 gründet  sich in  Utrecht der    C h e-
       m i e w i n k e l   als fachwissenschaftliche Beratungsstelle vor
       allem in Umweltfragen. Es folgen weitere "Fachläden", so etwa der
       F y s i c a w i n k e l   an der  TH Eindhoven,  der   B i o l o-
       g i e w i n k e l  in Amsterdam.
       Die 1973  antretende sozialdemokratische Regierung verkündet eine
       paritätische Mitbestimmung  in zu gründenden Forschungsräten. Er-
       ste zaghafte  Ansätze  der  Gewerkschaften,  die  bisher  wissen-
       schaftspolitisch enthaltsam  geblieben waren  (auch  in  der  BRD
       setzt sich die Forderung nach "Humanisierung der Arbeitswelt" und
       "arbeitnehmerorientierter Wissenschaft"  erst spät durch), führen
       in Amsterdam,  wo der  linke  Flügel  der    P a r t e i    d e r
       A r b e i t   (PvdA) und  die Kommunisten im Universitätsrat sit-
       zen,  zu  einem  Durchbruch.  1976  gründet  sich  der    B u n d
       w i s s e n s c h a f t l i c h e r   A r b e i t e r,   der  die
       Initiative  ergreift   für  autonome   und  basisnahe   Institute
       "sozialrelevanter" Forschung.  Im Februar/März  1977 wird das mit
       30 000 Gulden  finanzierte  Hochschullehrprogramm    W i s s e n-
       s c h a f t   u n d   G e s e l l s c h a f t  in Kooperation mit
       dem Gewerkschaftsbund   F e d e r a t i e   N e d e r l a n d s e
       V a k v e r e n i g i n g  (FNV) eingerichtet. Trotz Versuchs der
       Regierung, der  Universität die Unterstützung dieses Programms zu
       verbieten,  kann   die  linke   Mehrheit  den  mit  50000  Gulden
       bemittelten   W e t e n s c h a p s w i n k e l  durchsetzen, der
       am 10.  März 1978  offiziell seine "Ladentüren" öffnet. Damit ist
       ein interdisziplinäres  Beratungsprojekt geschaffen,  welches der
       Öffnung der  Universitäten nach außen dienen soll. So heißt es im
       Jahresbericht 1977/78  des Wissenschaftsladens: "Ziel des Wissen-
       schaftsladens ist  es, beizutragen  zur inneren und äußeren Demo-
       kratisierung  wissenschaftlicher   Forschung   und   Lehre.   Der
       Wissenschaftsladen  will   mit  den  Forschungsergebnissen  einen
       Beitrag liefern  zur Verbesserung  der Stellung  von Gruppen, die
       für   Demokratisierung,    Emanzipation   und   die   progressive
       Umgestaltung der Gesellschaft arbeiten." 4)
       In den  Niederlanden folgen  bald weitere Wissenschaftsläden (da-
       runter auch  etliche fachwissenschaftliche  wie z.B.  der    S o-
       z i o l o g i e l a d e n   in Utrecht):  zunächst in  Delft  und
       Leiden. Diesen  wird von der seit 1977 wieder amtierenden konser-
       vativen Regierung  die selbständige Forschung verboten. Es folgen
       Maastricht, Nijmegen,  Rotterdam, Tilburg, Wageningen. In Gronin-
       gen entstehen  zugleich fünf  Läden an  den Fakultäten  Biologie,
       Chemie, Gesundheitswesen, Unterricht und Wirtschaft. Heute beste-
       hen über  40 Wissenschaftsläden  an den holländischen Universitä-
       ten. Seitdem  haben sich  auch in der Bundesrepublik, in Westber-
       lin, in  Belgien, vereinzelt  auch in  Frankreich, Großbritannien
       und der Schweiz ähnliche Selbsthilfeprojekte herausgebildet.
       
       2. Das Modell: der Amsterdamer Wetenschapswinkel
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       Als erster  und erfolgreichster  gewinnt der  Amsterdamer  Weten-
       schapswinkel schnell Leitbild- und Modellfunktion. Er ist fest in
       der Universität eingerichtet. Die Gruppe der Kunden besitzt Pari-
       tät im  Verwaltungsrat. Es  "können sich Gruppen wie Gewerkschaf-
       ten, Bürgerinitiativen,  Frauen- und Umweltgruppen an diese Läden
       wenden, sofern sie die folgenden Kriterien erfüllen:
       1. Sie sollen keine kommerziellen Ziele verfolgen.
       2. Sie sollen nicht in der Lage sein, die Forschung selbst zu fi-
       nanzieren.
       3. Sie sollen  in der  Lage sein,  die Ergebnisse  für ihre Ziele
       auch einzusetzen,  oder, wenn  das nicht  der Fall  ist, soll die
       Frage beispielhaft  sein für  ein gesellschaftliches Problem, das
       für andere Gruppen oder für eine fortschrittliche Wissenschaft in
       Lehre und Forschung von Bedeutung ist" (Jahresbericht 1977/78).
       Die Anfragen  kommen hauptsächlich von Gewerkschaften (etwa 25%),
       Bürgerinitiativen und  Nachbarschaftsgruppen, aber  auch von Ein-
       zelpersonen. Einen  hohen Anteil  machen  weiterhin  Frauen-  und
       Dritte-Welt-Gruppen aus, es melden sich sogar "alternative Unter-
       nehmer". Vom  Probleminhalt überwiegen eindeutig Anfragen aus den
       Bereichen "Umwelt"  "Arbeit und  Gesundheit", "Sozialer Wohnungs-
       bau" und "Betriebsorganisation". Nach anfänglich 20 bis 30 Anfra-
       gen monatlich  steigt die  Zahl schon  1979 auf über 500 pro Jahr
       und hat mittlerweile 2000 weit überschritten. Eine Forschungskom-
       mission berät allmorgendlich über die laufenden Eingänge und ver-
       mittelt sie  an die Fakultäten oder an andere Hochschulen zur Be-
       arbeitung.
       Die  1979   eingerichtete     K o m m i s s i o n    W i s s e n-
       s c h a f t s l a d e n   verwaltet die sich ausweitende Vermitt-
       lungstätigkeit nicht  nur, sondern  nimmt mit der späten Einrich-
       tung des  Studienfaches Informatik  in Holland  (1979/80) schnell
       die Gelegenheit  wahr, in  die aktuelle  Hochschulpolitik  einzu-
       greifen. Sie  erwirkt  im  Laufe  eines  Jahres  ein  Projekt  am
       Fachbereich Informatik, welches ihre Wirkung auf Gesellschaft und
       Betrieb  erforschen   soll.  Es  entstehen  die  ersten    P r o-
       j e k t z e n t r e n    für  Forschung  und  Unterricht  in  den
       Bereichen  "Gewerkschaftsprobleme",  "Umweltschutz"  und  "Dritte
       Welt". Sie dienen der thematischen Anbindung des Wissenschaftsla-
       dens  an  eine  Kundengruppe.  1981/82  bildet  sich  die    A r-
       b e i t s g r u p p e   G e w e r k s c h a f t s p r o b l e m e
       heraus, welche  laut  Satzung  zunächst  11  Fachschaften  (nicht
       Fakultäten) mit  mindestens 45  Wissenschaftlern zusammenschließt
       mit dem  Ziel der  "Förderung, Koordinierung  und Ausführung  von
       Untersuchungen, die im Interesse der Gewerkschaftsbewegung liegen
       und aufgrund  von Fragen  aus der  Gewerkschaftsbewegung  an  den
       Wissenschaftsladen der  Universität Amsterdam  zustande  gekommen
       sind." 5)
       Hierbei geht es auch um gewerkschaftliche Politikberatung in Wis-
       senschaftsfragen. Anfragende sind vor allem Betriebsräte. Die Ge-
       werkschaften sind  in der  Leitung der  Arbeitsgruppe  vertreten.
       Dieses Projektzentrum  zielt auf  einen Kooperationsvertrag  zwi-
       schen Universität  und Gewerkschaft,  übrigens nach  Vorbild  der
       BRD.
       Der Ausbau  der Studienzentren  prägt den Forschungs- und Lehrbe-
       trieb an der Universität; viele Untersuchungen werden von Studen-
       ten gemacht, es kommt zu Forschungsprojekten und Abschlußarbeiten
       aufgrund von Anfragen aus der Bevölkerung. Ermutigend ist es, daß
       die Mitarbeiterstellen  von anfangs  4 auf 10 und dann auf 15 er-
       höht werden,  um dem aufgebrochenen Bedürfnis nach Wissenschafts-
       beratung gerecht  zu werden;  der Jahreshaushalt wird auf 100 000
       Gulden verdoppelt.
       40% der  Anfragen lassen  sich jedoch  nicht beantworten; es gibt
       viel Kritik,  vor allem von den Gewerkschaften. Viele Fragen sind
       eigentlich gar  nicht wissenschaftlicher  Natur, sondern signali-
       sieren den  "Problemdruck", ja  häufig auch  die Ratlosigkeit der
       Fragesteller, gar  manches ist  bagatell. Doch  die Bedeutung von
       Wissenschaft "im  Alltag" ist  praktisch geworden.  Ob die Weten-
       schapswinkel nun  zu Büros  verkümmern oder  Teil einer  Bewegung
       bleiben, wird  in starkem Maße eine Frage der Konjunktur sozialer
       Bewegungen und ihres Wissensbedarfs.
       
       3. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftsläden (AWILA)
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       In der  Bundesrepublik sind die Wissenschaftsläden deutlicher als
       ein Ausdruck  der nach  der Krise 1974/75 aufbrechenden neuen so-
       zialen Bewegungen  erkennbar und  dem grün-alternativen  Spektrum
       zurechenbar. Sie  sind hier von Anbeginn schwächer mit der Insti-
       tution "Hochschule"  und der  Organisation "Gewerkschaft" verbun-
       den. Statt  dessen entwickeln sich die WILAs in der BRD mehrheit-
       lich außerhalb  der Universitäten als eingetragene Vereine, selb-
       ständige  Institute   oder  lockere  Zusammenschlüsse,  in  denen
       (häufig arbeitslose)  Wissenschaftler oder  Studenten selbsttätig
       an der  Beantwortung von Fragen, häufig gemeinsam mit den Betrof-
       fenen, arbeiten wollen. Das heißt, die bundesdeutschen WILAs (und
       assoziierte Laborgruppen oder Beratungsinstitute) sind vielerorts
       professionell oder freizeitmäßig tätig.
       Im Juli  1980 treffen sich erstmals WILA-Initiativen, um ihre Er-
       fahrungen und  Vorstellungen für  eine künftige  Arbeit auszutau-
       schen.  Sie  bilden  die    A r b e i t s g e m e i n s c h a f t
       d e r   W i s s e n s c h a f t s l ä d e n   (AWILA), welche den
       überregionalen Kontakt  herstellen und  in Rundbriefen  über  die
       Entwicklung an  den einzelnen  Orten informieren soll. Als Trieb-
       kraft für  dieses Treffen  sehen die beteiligten Wissenschaftler,
       Ingenieure und  Studenten ihre eigene Unzufriedenheit mit der be-
       stehenden Wissenschaft  und den  Wunsch nach einer sinnvollen Be-
       rufspraxis. "Hilfe  zur  Selbsthilfe"  durch  eine  "betroffenen-
       orientierte Wissenschaft"  soll  ein  neues  Verhältnis  zwischen
       Bürger(initiative)n  und   Wissenschaft  herstellen,   ohne  eine
       "Wissenschaftsgläubigkeit" weiter  zu fördern. Als "Eigeninteres-
       se" wird  formuliert, dem  etablierten Herrschaftsapparat zu ent-
       rinnen, dem eigenen "Kopffüßler"-Dasein, es mit den "Betroffenen"
       und ihren Problemen zu tun zu haben. Die Arbeitszusammenhänge der
       Initiativen und  ihre Selbstbeurteilung  sind  jedoch  so  unter-
       schiedlich, daß "Wissenschaftsladen" zunächst ein bloßer Arbeits-
       begriff bleibt  für eine irgendwie geartete Umsetzungsform dieser
       Ansprüche. Klar  ist, daß  den meisten  Gruppen  die  ökonomische
       Basis fehlt.
       Daß ihre  Organisationsform außerhalb der Hochschulen "bewußt" 6)
       so gewählt  wird, sozusagen  zur Erhöhung  des  alternativen  An-
       strichs oder um der Gefahr der institutionellen Anbindung zu ent-
       gehen, stimmt  nur zum  Teil. Denn  mit dem  kälteren Wind an den
       Hochschulen   in    der   zweiten    Hälfte   der    70er   Jahre
       ("Amerikanisierung") gelingt  die universitäre  Etablierung  kaum
       (nach Versuchen in Essen, Kassel, Osnabrück und Bielefeld ist der
       Wissenschaftsladen an  der Bielefelder Universität mit seinem an-
       geschlossenen   Forschungsbegleitprojekt    der   nennenswerteste
       geblieben; von  der Universitätsleitung wohlwollend geduldet, er-
       hält er  für seine erfolgreiche Vermittlungstätigkeit sogar einen
       Preis der IKEA-Stiftung). Auch an den Universitäten Hamburg, Bonn
       und Frankfurt kann sich das holländische Modell nicht durchsetzen
       (der Frankfurter  WILA ist  gleichzeitig ein  Verein und wirkt im
       Grunde als  Außenstelle des Arbeitsamtes an der Universität durch
       Vermittlung von ABM-Stellen).
       Doch werden  immer wieder Wissenschaftler auch an den Universitä-
       ten für  alternativen Forschungstransfer  initiativ. Ein  Problem
       macht sich  allerdings bemerkbar: Wo es WILAs gibt, betreffen die
       meisten Anfragen  die Natur-und  Ingenieurwissenschaften, während
       es an  den Hochschulen vor allem Sozialwissenschaftler sind, wel-
       che die  WILA-Idee aufgreifen.  Ingenieure bevorzugen offensicht-
       lich die  Tätigkeit in Laborgruppen und Technologieberatungsstel-
       len.
       Mittlerweile gibt  es mindestens 25 WILAs und WILA-Initiativen in
       der Bundesrepublik,  teilweise mehrere an einem Ort: Aachen, Bie-
       lefeld, Bochum,  Bonn, Bremen,  Budenheim,  Darmstadt,  Dortmund,
       Duisburg, Essen,  Frankfurt, Gießen, Göttingen, Hamburg, Kaisers-
       lautern, Kassel,  Karlsruhe, Köln, Konstanz, Mainz, Marburg, Mün-
       chen, Münster,  Nürnberg, Osnabrück, Stuttgart und Tübingen. Ver-
       suche werden  immer wieder  gestartet, so  etwa in  Solingen oder
       Wuppertal. Mehrere  Projekte laufen  in Westberlin  (mit munteren
       Abkürzungen: WILAB, BILAG, IföR ...).
       
       3.1 Zur Arbeitsweise der Gruppen - Beispiele
       --------------------------------------------
       
       Im Mai  1981 wird nach sechsmonatigem Probelauf der erste univer-
       sitäre Wissenschaftsladen an der  G e s a m t h o c h s c h u l e
       E s s e n  eröffnet, als Vermittlungsbüro samt Begleitforschungs-
       projekt im "Hochschuldidaktischen Zentrum". Er soll der Förderung
       von Regionalität und Praxisbezug der Hochschulwissenschaft dienen
       - und  dies mit nur 1 1/2 Mitarbeiterstellen aus Rotationsmitteln
       und einem  Jahresetat von  kargen 4000  DM, unter dem Argwohn von
       Universitätsleitung und Mittelbau. Etwas selbstüberschätzend wer-
       ben die  Essener WILA-Leute:  "Wir vermitteln  Anfragen zu Themen
       von A  wie Atomenergie bis Z wie Zweifel am System." Seine Benut-
       zeransprüche sind gegenüber den drei Anfragekriterien des Amster-
       damer Ladens etwas modifiziert: Er sieht sich für gesellschaftli-
       che Gruppen  eingerichtet, die  1. nicht in der Lage sind, selbst
       wissenschaftliche Untersuchungen zu finanzieren, 2. keine kommer-
       ziellen Interessen  mit den  Ergebnissen verfolgen  (soweit  also
       identisch) und 3. mit den wissenschaftlichen Ergebnissen  i h r e
       e i g e n e   S i t u a t i o n   verbessern können. Dies ist si-
       cher schwer  zu überprüfen  oder vorauszusagen und schließt zudem
       Privatismus ein.  Tatsächlich sind ein Großteil der Anfrager Ein-
       zelpersonen, wie bei den meisten anderen WILAs auch.
       Als Universitätsladen  kann der  Essener WILA zunächst eine Leit-
       funktion für  die westdeutsche WILA-Bewegung einnehmen. Seine Tä-
       tigkeit ist  zumindest halbwegs materiell abgesichert, seine Mit-
       arbeiter genießen  einen Freiraum  in der Universitätsbürokratie,
       den sie selbst als "Spielwiese" deklarieren, auf welcher sie Kri-
       tisches in Gang setzen können und zu guter Letzt froh sind, nicht
       zum Heer der Arbeitslosen gehören zu müssen.
       Schon im  ersten Jahr  gehen mehr als 100 Anfragen ein, von denen
       etwa 75 vermittelt, von diesen aber nur die Hälfte während dieses
       Jahres beantwortet  werden können.  Erfolgreich kann  er eine An-
       frage der Deutschen Zöliakiegesellschaft (Selbsthilfeorganisation
       der Getreideeiweißallergiker)  vermitteln. Große  Anfragen werden
       gestellt zu den Auswirkungen von Privatisierungsstrategien in Ar-
       beitersiedlungen auf  das Nachbarschaftsgefüge,  zu einem Konzept
       der Behindertenintegration  durch ambulante  Familienentlastungs-
       dienste. Nur  unvollkommen bearbeiten  läßt sich  eine Anfrage zu
       den ökologischen  Konsequenzen einer  geplanten Waldabholzung  in
       einem industriellen  Ballungsgebiet. Leider  findet die  wichtige
       Frage nach der Gesundheitsschädlichkeit von Fluoremissionen einer
       Aluminiumhütte keine  Bearbeiter. Die Vermittlungsschwierigkeiten
       sind mitunter  entmutigend groß.  Und es gibt immer wieder solche
       Anfragen wie: Woraus bestehen die Brötchen bei McDonalds?
       1983 kürzt  das  nordrhein-westfälische  Wissenschaftsministerium
       dem Hochschuldidaktischen  Zentrum und damit dem Essener WILA den
       Etat um  zwei Drittel.  Er arbeitet mit stark reduziertem Einsatz
       weiter, findet keinen neuen Träger. So schwinden große Hoffnungen
       auf Impulse  für eine Reformstrategie an den Hochschulen zunächst
       dahin. Mit  dem drohenden  "Ladenschluß" gilt  der  Essener  WILA
       heute nur noch als studentischer Arbeitskreis.
       Einer der  ersten autonomen  Wissenschaftsläden ist der ursprüng-
       lich aus einer AG Wissenschaftskritik an der Wirtschafts- und So-
       zialwissenschaftlichen Fakultät  entstandene WILA  Nürnberg,  der
       heute im  Rahmen einer Stadtteilinitiative seine spärlichen Büro-
       stunden abhält. Er stellt sich politisch anspruchsvolle Ziele: 1.
       politisch sinnvolle  Projekte, Aktivitäten und Initiativen zu un-
       terstützen, 2.  die Stellung der Wissenschaft in der Gesellschaft
       aufzuzeigen und  einer kritischen Prüfung zu unterziehen, 3. Wis-
       senschaft selbst durchschaubar zu machen. 7) Gemeinsam mit der IG
       Metall betreibt  er eine   E D V - P r o j e k t g r u p p e,  in
       welcher Betriebsräte,  Soziologen, Informatiker und Betriebswirte
       mitarbeiten. Die  Gruppe will  "Kenntnisse erarbeiten,  mit denen
       Betriebsräten und  Betroffenen beratend Hilfestellung gegeben und
       die Einführung von EDV-Systemen beeinflußt werden kann". Der WILA
       dreht einen Videofilm zu Bildschirmtext, klinkt sich in die Bewe-
       gung gegen  die Volkszählung  und den maschinenlesbaren Personal-
       ausweis ein.  Im Auftrag der BI zur Rettung des südlichen Reichs-
       waldes nimmt  er Stellung  gegen ein  Gutachten zu einem Genehmi-
       gungsverfahren nach  dem Bundesimmissionsschutzgesetz im Anschluß
       an eigenen  Messungen der  Schwermetall-Immission  im  Nürnberger
       Staatshafen.
       Erfolgreich  arbeitet  der    W i s s e n s c h a f t s l a d e n
       B e r l i n   (WILAB), der sich von vornherein (Oktober 1982) als
       eingetragener Verein formiert. Hier wirken Informatiker der Tech-
       nischen Universität  aktiv mit. Seine Tätigkeit konzentriert sich
       zusehends auf  die Bereiche  "Informationstechnologie am Arbeits-
       platz" (ITAP),  "Luftreinhaltepolitik" und  "ABM-Beratung von Al-
       ternativprojekten".
       Die AG  ITAP steht  wie viele  andere auch bei der Frage des Ein-
       satzes von EDV immer wieder vor dem Problem: verhindern oder mit-
       gestalten? Praktisch  entwickelt sie  Gestaltungskriterien, weist
       gemeinsam mit Beschäftigten auf die technischen Möglichkeiten von
       Änderungen der  Arbeitsorganisation im  Interesse der Betroffenen
       hin. Innerhalb  einer Studie  weist der  WILAB nach,  wie  unter-
       schiedlich das  gleiche DV-System in einem etablierten Verlag und
       in einem Alternativbetrieb für die Arbeitsplatzgestaltung genutzt
       wird. Während bei der bürgerlichen Zeitung ungelernte Hilfskräfte
       lediglich den  Postvertrieb am Bildschirm erledigen und alle War-
       tungsarbeiten von  einer Software-Firma  ausgeführt werden,  sind
       die Mitarbeiter der Alternativpresse von den Informatikern so ge-
       schult, daß sie ihre Programme selbsttätig ändern und warten.
       Seit März  1983 arbeiten in der AG LUFT des WILAB die Interessen-
       gemeinschaft "Gesunde  Luft", die  AG Luft der Alternativen Liste
       Wedding, des  BBU, von Robin Wood und Bürgerinitiativen zusammen.
       Es geht ihr um eine fundierte Kritik der Luftreinhaltepolitik des
       Westberliner Senats. Zwei Halbtagsstellen werden für sechs Monate
       vom "Netzwerk  Berlin" finanziert.  Sie messen  mit einem eigenen
       Gerät nach VDI-Richtlinien den SO2-Gehalt der Stadtteilatmosphäre
       und stellen  in Straßenschluchten und Hinterhöfen über den Grenz-
       werten der  Smogverordnung liegende  Konzentrationen fest.  Damit
       wird das  mittelwertmessende Meßnetz  des Senats als unzureichend
       qualifiziert. Sie  widerlegen auch  die Behauptung, Schuld an der
       Verschmutzung der Berliner Luft sei der Hausbrand bzw. der "Dreck
       aus dem  Osten". Seit April 1984 wird die Arbeit unter der Thema-
       tik "Gesundheitsrisiken  durch Luftschadstoffe" durchgeführt, un-
       ter Beteiligung  von Eltern pseudokrupp-kranker Kinder. Die Smog-
       aktion prägt  einen Teil der Lehrveranstaltung "Datenverarbeitung
       für Umwelttechniker"  am Fachbereich  Informatik der  TUB, da sie
       als politisch-praktischer  Bezug in die Ausbildung eingehen kann.
       Ebenso tragen  die Erfahrungen  der Betriebsräteberatung zur Neu-
       konzeption des Teillehrplans "Software Engineering" bei.
       In Bremen  gründet sich  im April  1979 der   V e r e i n   f ü r
       U m w e l t-   u n d  A r b e i t s s c h u t z  (VUA), ausgehend
       von zwei  physikalisch-chemischen Projekten an der Bremer Univer-
       sität. Als  gemeinnütziger Verein der Alternativ- und Umweltbewe-
       gung nimmt er Beratungen und Messungen vor. Ergebnisse seiner Tä-
       tigkeit sind z.B. eine Stellungnahme zur "Deutschen Risikostudie"
       der Gesellschaft  für Reaktorsicherheit mit einer grundsätzlichen
       Methodenkritik, eine Broschüre zum Trockenlager-Konzept, eine Un-
       tersuchung des  Bleigehaltes im  Blut von  Kindern. Der  VUA gibt
       einen Teil  der Protokolle zum Unfall des Kernkraftwerkes Harris-
       burg heraus.
       Einer der  beiden Hamburger  WILAs, die  1980 gegründete   F o r-
       s c h u n g s-   u n d  B e r a t u n g s s t e l l e  I n f o r-
       m a t i o n s t e c h n o l o g i e   (FORBIT), wird  als  Verein
       von hauptberuflich  tätigen Mathematikern und Informatiker/inne/n
       geführt. Er  hat sich  auf die  Beratung und Seminartätigkeit für
       Betriebsräte spezialisiert. Eine versuchte Alternativkonstruktion
       von Personal-Informations-Systemen,  die  sogenannte  "Lohn-  und
       Gehaltskiste", scheitert, da sie im Grunde eine technische Lösung
       für ein  gesellschaftliches Problem darstellt. Nebenbei wagen die
       FORBIT-Leute ein  Forschungsprojekt über "Computer in der Dritten
       Welt".
       Ende 1982  entsteht der  W I L A  K a r l s r u h e  (WILAK), der
       sich vor  allem mit  Rationalisierungsfragen und Stadtplanung be-
       schäftigt und  ebenfalls hauptsächlich für Betriebsräte arbeitet.
       Im Oktober  1984 gründet er ein "Institut für Arbeit und Technik"
       für die Bildungsarbeit vor allem im gewerkschaftlichen Umfeld. Es
       geht um  Bilanzanalysen für Betriebe, betriebswirtschaftliche Be-
       ratung für  Betriebe in  Belegschaftshand (z.B. für das ehemalige
       Bremer Voith-Werk).
       Der   W I L A  G i e ß e n  mißt den Nitrat-Gehalt von sechs hes-
       sischen Mineralwasserfabrikaten  und stellt  bei zwei Marken eine
       Konzentration von 57-60 mg/l fest, also deutlich über dem empfoh-
       lenen Maß (bei Säuglingen 10-20 mg/l, da sonst Blausucht mit mög-
       lichem Erstickungstod  folgen kann).  Dieses Ergebnis mobilisiert
       Eltern, offensichtlich  auch die Hersteller, die sehr schnell den
       Nitratgehalt senken.  Die Affäre geht durch Presse und Fernsehen,
       wobei die Herkunft der Messungen meist verschwiegen wird.
       Im Gegensatz zu den universitären WILAs gilt also für die selbst-
       organisierten Gruppen, daß sich ihre Mitglieder an der Lösung der
       Anfrage direkt  beteiligen. Große  Probleme liegen  jedoch darin,
       daß sich  oft keine  Bearbeiter finden  lassen bzw.  sich in  der
       Freizeit nur  ungenügend "Betroffenenforschung"  machen läßt.  So
       ist der  Alltag oft  demjenigen eines  Briefkastenonkels ähnlich,
       wenn die  WILAs Fragen nach "Alles über Haifische" (Hamburg) oder
       "Warum trocknen Kugelschreiberminen aus?" (Bielefeld) beantworten
       sollen.
       
       3.2 Finanzierung und Professionalisierung
       -----------------------------------------
       
       In der  AWILA hält die Diskussion zur Organisationsform lange an.
       Abgelehnt  werden  Genossenschaften  als  "Gewinnverteilungsorga-
       nisationen" und  GmbHs als "Besitzverteilungsorganisationen". Ne-
       ben der Vereinsform werden alternative Finanzierungssysteme (z.B.
       durch  "Stattwerke")   angestrebt,  "Staatsknete",  Unterstützung
       durch Stiftungen  usw. Manche hoffen auf Mittel aus den Öko-Fonds
       der GRÜNEN-Landesverbände  oder von  den GRÜNEN im Bundestag, die
       jedoch für  ihre parlamentarische  Arbeit  zweckgebundene  Mittel
       nicht freimachen  können,  ohne  mit  dem  Bundesrechnungshof  in
       Konflikt zu  geraten. Doch  auch in  weiterem Sinne  bleibt  eine
       Unterstützung der  GRÜNEN aus.  Dies mag  ein Indiz sein für man-
       gelnde Verankerung  in den Bewegungen. "Eigentlich müßtet ihr bei
       uns Schlange  stehen", ist  daher  der  Stoßseufzer  eines  WILA-
       Aktiven.
       Als Modelle der WILA-Finanzierung schälen sich heraus:
       1. unentgeltliche ehrenamtliche Arbeit für non-profit-orientierte
       Gruppen (WILA Tübingen),
       2. bezahlte Arbeit für non-profit-orientierte Gruppen, verstanden
       als gesellschaftlich  notwendige und nützliche Arbeit, für welche
       der Staat zahlen soll, z.B. durch ABM-Stellen (WILA West-Berlin),
       3. bezahlte  Arbeit  für  kommerzielle  Gruppen  (Katalyse-Gruppe
       Köln).
       Mit  zunehmendem  Finanzierungs-  und  Professionalisierungsdruck
       kommerzialisieren und  entpolitisieren viele  WILA-Gruppen.  Kaum
       werden gesellschaftswissenschaftliche  Grundfragen behandelt; vor
       allem als  bloße "Auftragnehmer"  haben es sich die meisten WILAs
       ab- bzw.  erst gar  nicht angewöhnt, politisch selbständig in so-
       ziale Bewegungen  einzuwirken, wissenschaftlich  begründete  Vor-
       schläge zu unterbreiten. Statt dessen wächst der Hang zum Pragma-
       tismus, zum  Abkoppeln, zu einer "neuen Selbständigkeit" arbeits-
       loser Akademiker (vor allem unter den Laborgruppen). Auf dem Feld
       der Umweltanalytik  ist die  Verlockung besonders  groß, Aufträge
       gegen Bezahlung anzunehmen oder auch Forschungsmittel einzuholen.
       Hierüber gibt  es Streit  in der  AWILA (so  hat der WILA Hamburg
       einen Auftrag  zur Wasseranalyse  an der  Elbe angenommen von der
       Firma HEW,  einem Betreiber  des KKW  Brokdorf). Das  Problem be-
       schreiben Brockner,  Brockner &  Elias so: "Läßt man sich mit der
       Industrie ein,  wird man gleich doppelt übers Ohr gehauen: Ökono-
       misch, weil  es allemal billiger ist, sich von Alternativinstitu-
       ten bedienen  zu lassen,  und obendrein  wird man  noch politisch
       neutralisiert." 8)
       
       4. Perspektiven - Diskussion und Kritik
       ---------------------------------------
       
       Abschließende Aussagen zur Perspektive der WILAs sind sicher ver-
       früht. Es  herrscht Ratlosigkeit.  "Ohne Moos  nix los."  Wissen-
       schaft durchschaubar  zu machen,  bleibt ein überhöhter Anspruch.
       Doch wahrscheinlich wird wegen des Fortbestehens ihrer Ursachen -
       also vor allem der kapitalistischen  V e r g e s e l l s c h a f-
       t u n g   v o n  W i s s e n s c h a f t  - ihre Ausbreitung eher
       noch zunehmen,  neue Formen annehmen. Wir vermuten, daß der Zwang
       zur Professionalisierung,  zur Sicherung  der  Existenz  und  der
       Qualifikation immer  wieder "alternatives" Unternehmertum hervor-
       bringen wird.  Diejenigen WILAs, die nicht als Studienreformreste
       an den  Universitäten bestehen,  sind Alternativprojekte  klassi-
       schen Zuschnitts  mit hohem  "Selbstausbeutungs"grad und  schwan-
       kender Anbindung  an soziale  Bewegungen. Es  gibt  Tendenzen  zu
       überhöhter Selbständigkeit,  zu einer  Art "kollektivem"  Indivi-
       dualismus. Dies  wird  von  ihnen  selbst  unterschiedlich  stark
       erkannt. Der  Grat zwischen  den Bedürfnissen  der Bewegungen und
       denen des  Marktes  ist  schmal.  Somit  treffen  alle  wichtigen
       Gesichtspunkte marxistischer  Kritik an Selbsthilfeprojekten auch
       auf die WILAs zu. Dies darf jedoch nicht den Blick verstellen für
       die  positiven  Momente  (Qualifikationserhalt,  Öffnung  zu  den
       Gewerkschaften).  Hier   wäre  es  eine  Aufgabe  der  Marxisten,
       orientierend zu wirken.
       Mit dem Zurückrollen aller Reformansätze aus den frühen 70er Jah-
       ren (HdA,  Gesamthochschulen usw.), mit der weiteren Militarisie-
       rung und  Monopolorientierung  der  Forschungspolitik  durch  die
       rechte "Wende"  und der  unmittelbaren Einbindung der Hochschulen
       (HRG-Novelle), ihrem immer unverhüllteren Ausverkauf an das Indu-
       striekapital  (durch  Technologietransferstellen,  Wissenschafts-
       parks,  Gründerzentralen,  Stiftungslehrstühle,  Mikroelektronik-
       und Gen-Zentren),  d.h. mit der  r e a l e n  S u b s u m t i o n
       der Forschungseinrichtungen, des Produktionswissens und betriebs-
       wirtschaftlichen "Know-hows"  auch der  Klein- und Mittelbetriebe
       u n t e r   d a s   i n t e r n a t i o n a l i s i e r t e  M o-
       n o p o l k a p i t a l,   werden überzeugende  Alternativen  und
       Gegenstrategien lebensnotwendig,  wächst  der  Theoriebedarf  so-
       zialer Bewegungen,  nimmt  die  Rolle  fortschrittlicher  Wissen-
       schaftler zu (Atomprogramm, 35-Stunden-Woche, Pershing-Stationie-
       rung, "SDI").
       Wie alternativ  nun selbstorganisierte  Formen der Wissensproduk-
       tion bleiben,  hängt letztlich  von der Stärke der sozialen Bewe-
       gungen und  ihren formulierten Ansprüchen an die Wissenschaft ab.
       Damit ist eine Befürchtung unter manchen WILA-Gruppierungen unbe-
       gründet: "Gefährlich  wäre es, wenn Wissenschaftsläden zur weite-
       ren 'Verwissenschaftlichung  des Alltags'  beitragen würden"  9).
       Arbeiter- und  Friedensbewegung,  kommunalpolitische  Initiativen
       u.a. sind vermehrt auf wissenschaftliche Politikberatung angewie-
       sen, auch wegen der krisenbedingten Einengung des Handlungsspiel-
       raums für das Kapital: Sollen ihre Forderungen Durchsetzungskraft
       gewinnen, so können sie immer weniger nur als bloßer Anspruch ge-
       stellt werden,  sondern müssen  gegen den  herrschenden Meinungs-
       druck wissenschaftlich  begründbar und  herleitbar  werden.  Hier
       liegen große  Aufgaben für die marxistischen Kräfte. Sie besitzen
       bekanntlich eine  höchst alternative  Wissenschaft: den    w i s-
       s e n s c h a f t l i c h e n  S o z i a l i s m u s.
       Wissenschaftsläden können  als ein  Potential  wissenschaftlicher
       Tätigkeit alternative Ziele realisieren helfen, können Kristalli-
       sationspunkte alternativer  Wissenschaft sein.  "Alternative Wis-
       senschaft" im  Rahmen bürgerlich-gesellschaftlicher  Wissenschaft
       soll heißen:  Lohnabhängige und  assoziierte  Intelligenz  werden
       Träger der  Entwicklung von Wissenschaft, gewinnen ein neues Ver-
       ständnis für deren soziale Funktion, begreifen sie als Mittel und
       Ziel ihrer  Kämpfe. Dies  schließt den  Wechsel zu neuen Inhalten
       ein. Damit widersprechen wir der gängigen oberflächlichen Ansicht
       unter den  WILAs: "Wissenschaft  teilt die  Gesellschaft in  zwei
       Gruppen" (in  Besitzer und Herrscher, die sich durch Wissenschaft
       legitimieren, in andere, die hiervon betroffen werden). 10)
       So drängt  sich die Frage auf, ob und wo sich neue Konstitutions-
       formen alternativer  Wissenschaft herausbilden.  Untersuchenswert
       scheint uns  die Frage nach der Rolle der eher "klassischen" Ein-
       richtungen  in   diesen  Prozessen,   also  der  gewerkschaftlich
       (orientiert)en Forschungseinrichtungen, Weiterbildungszentren und
       Kooperationsprojekte. Einer  besonderen Untersuchung bedürfte die
       Theoriebildung in  der Friedensbewegung.  Und  natürlich  bleibt,
       wenn es  um alternative  Wissenschaft geht, eine  z e n t r a l e
       F r a g e   mit  Schlüsselcharakter  die  nach  der  Zukunft  der
       "etablierten" Forschungs-  und Wissenschaftseinrichtungen und der
       Hochschulen, d.h.  die Frage nach Möglichkeiten und Ansatzpunkten
       der Formierung fortschrittlicher Intelligenz und der Durchsetzung
       von mit  den Interessen  der Lohnabhängigen  verbundener  Wissen-
       schaft und  Forschung gerade in diesen Zentren des Wissenschafts-
       systems.
       In ihrer  notwendigen Beschränktheit sind WILAs auch als ein Aus-
       druck relativer Schwäche der Arbeiterbewegung zu begreifen, eines
       Mangels an Bündniskonzepten, welche die Intelligenz aktiv in Aus-
       einandersetzungen um Beschäftigungsprogramme einbeziehen. Hierbei
       geht es auch um die Eroberung jener Institutionen, die linken An-
       sprüchen im  Wissenschaftsbereich Geltung  verschaffen,  ja  Aus-
       strahlung entwickeln  können. Ein  Gegengewicht zur "Silicon Val-
       ley-Euphorie" könnten Sofortforderungen nach alternativen Techno-
       logiezentren sein,  eingebettet in  eine entsprechende  Regional-
       und Strukturpolitik  (wie etwa  das Zentrum  für Arbeit, Technik,
       Umwelt -  ZATU - in der Forderung des DGB im Raum Nürnberg-Erlan-
       gen).
       Neben der sozialen Interessenvertretung nimmt die Auseinanderset-
       zung der  Intelligenz mit  den eigenen Wissenschaftsinhalten, mit
       ihrer Geschichte,  ihrem Nutzen und ihren Nutznießern, ihrem Bei-
       trag zur  Lösung von  Menschheitsproblemen, wieder  zu  (Demokra-
       tische Gegenhochschule,  Ringvorlesungen, Verantwortungsdebatte).
       Dies sind  notwendige Politisierungsprozesse  für große Teile der
       Intelligenz, spezifische  Politikzugänge, und  dies muß  untrenn-
       barer Bestandteil gewerkschaftlich(orientiert)er Politik sein.
       Wissenschaftsläden sind sicher nur ein möglicher Hebel alternati-
       ver Forschungs- und Technologiepolitik, spontaner Reflex auf neue
       Fragen, und daher ernstzunehmen; entwicklungsfähige Grundgedanken
       sind auszuloten. Damit sagen wir einem möglichen Sektierertum ge-
       genüber zwar  schwankenden, jedoch in Ansätzen vernünftigen Bewe-
       gungen ab  - zumal  umfassendere marxistische Antworten noch aus-
       stehen. Es  kann sich hier ein Feld eröffnen, das Gemeinsamkeiten
       unterschiedlich geprägter  Kräfte erschließen hilft im Ringen der
       Arbeiterbewegung um das Bündnis mit ihrem heute wichtigsten Part-
       ner: der zur Massenschicht gewordenen Intelligenz.
       
       Quellen
       -------
       
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       G. Herrmann, J. Schmidt, Regionalität und Betroffenheit. Zur Kon-
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       - -, Ware  Wissenschaft - zum Nulltarif, in: Spektrum der Wissen-
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       - -, Wissenschaft  für den  kleinen Mann.  Neue Brücken  zwischen
       Forschung und Gesellschaft, in: DAAD Letter 4/1983.
       - -,  Was ist  ein Wissenschaftsladen?,  in:  Wohnen  und  Umwelt
       2/1983.
       
       _____
       1) J.D. Bernal,  Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin 1961,
       S. 10.
       2) K. Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (Manuskript 1861-
       1863), in: MEGA 2 II/3. 6., Berlin 1982, S. 2060.
       3) Vgl. A.  Leisewitz, Das  Öko-Institut, Freiburg, in: Marxisti-
       sche Studien.  Jahrbuch des  IMSF 5, 1982, S. 328 ff.; H. Wieder-
       mann, Zur Wissenschaftsentwicklung in der Arbeitsgemeinschaft so-
       zialpolitischer Arbeitskreise  (AG SPAK),  in: Marxistische  Stu-
       dien. Jahrbuch des IMSF 7, 1984, S. 307 ff.
       4) Redaktion Wechselwirkung,  Wetenschapswinkel, in:  Wechselwir-
       kung 2, 1979.
       5) GEW (Hrsg.),  Soziale Öffnung  der Hochschulen. Internationale
       Erfahrungen. Wissenschaftsläden  - Materialien I-III, GEW-Sommer-
       schule Sylt 1982, Tagungsunterlagen.
       6) M. Steffen,  Projekt: Wissenschaftlicher  Transfer  durch  ein
       Konzept Wissenschaftsladen  (Sachstandsbericht), Direktorium  des
       Zentrums für  Wissenschaft und  Praxis an  der Universität Biele-
       feld, 1984.
       7) P. Olbort, Wissenschaftsläden. Neue Bindeglieder zwischen Wis-
       senschaft und Gesellschaft? Manuskript, Nürnberg 1983.
       8) U. Brockner, U. Brockner, G. Elias, Der Sozio-Trip ist vorbei,
       es lebe  der Bio-Trip? Gedanken und Eindrücke von der WILA-Tagung
       im Mai  '84, in:  WILAB (Hrsg.),  Wissenschaftsläden im Aufbruch,
       AWILA-Rundbrief, 0-Nr.
       9) W. Beuschel,  J. Bickenbach, R. Keil, Wissenschaftsläden. Eine
       Brücke zwischen  sozialer Bewegung und Wissenschaft, in: Öko-Mit-
       teilungen 1/1983.
       10) G. Herrmann,  J. Schmidt,  Wissenschaftsläden und Chemie, in:
       Chemie in unserer Zeit 16, 4/1982.
       

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