Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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       DIE ÖKOLOGISCHE KRISE
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       Waldsterben, Bodenzerstörung, Wasserbelastung -
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       Stand und Perspektiven
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       Edgar Gärtner
       
       1. Einige deflatorische Vorbemerkungen - zum Begriff der ökologi-
       schen Krise - 2. Das Waldsterben - 2.1 Das Ausmaß der Waldschäden
       - 2.2  Zum aktuellen  Stand der  Diskussion über die Ursachen des
       Waldsterbens -  2.3 Perspektiven  der Luftverschmutzung - ist das
       Waldsterben aufzuhalten  ? -  3. Nach  dem Waldsterben das Boden-
       sterben? -  3.1 Bodenversauerung  und Schwermetallbelastung - 3.2
       Altlasten - 3.3 Überdüngung und Bodenverdichtung - 3.4 Bebauung -
       4. Droht  uns eine  Trinkwasserkrise? -  4.1 Zur  Entwicklung der
       Wasserqualität -  4.2 Probleme  der Trinkwasserversorgung in Bal-
       lungsräumen - 5. Die Kosten der Umweltzerstörung
       
       1. Einige definitorische Vorbemerkungen -
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       zum Begriff der ökologischen Krise
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       Noch in  den siebziger  Jahren konnten sich die Gelehrten darüber
       streiten, inwieweit  die Grenzen der Belastbarkeit des Naturhaus-
       haltes durch Schadstoffe und mechanische Einwirkungen bereits er-
       reicht oder  gar schon  überschritten worden  waren. Die seit dem
       Beginn der  achtziger Jahre  beobachtbare rasche  Ausbreitung von
       neuartigen Waldschäden, die höchstwahrscheinlich auf den weiträu-
       migen Transport  von Luftverunreinigungen zurückgeht, scheint je-
       nen recht  zu geben,  die schon immer der Meinung waren, die Ana-
       lyse der Umweltprobleme bedürfe nicht der Bezugnahme auf die Ent-
       wicklung menschlicher  Bedürfnisse. Das Waldsterben zeigt für sie
       eindeutig an:  Wir befinden  uns in  Mitteleuropa (und vielleicht
       auf dem  ganzen Globus)  mitten in der ökologischen Krise. Und es
       bedarf zu dieser Feststellung keiner gesellschaftswissenschaftli-
       chen Kriterien.  Im Zweifelsfall  genügt ein  Streifen Lackmuspa-
       pier, um die Versauerung der Umwelt naturwissenschaftlich nachzu-
       weisen. Ist die Sache wirklich so einfach?
       Um den  oben angedeuteten  naturalistischen Definitionen  der Um-
       weltkrise entgegenzutreten,  hat der Verfasser vor einigen Jahren
       in Anlehnung  an Paucke  und Bauer 1) zwischen einer naturwissen-
       schaftlich  definierten  ökologischen  Krise  und  einer  gesell-
       schaftswissenschaftlich definierten Umweltkrise unterschieden. 2)
       Der Begriff  "ökologische Krise" sollte eine Stufe der Schädigung
       von Öko-Systemen  kennzeichnen, während der Begriff "Umweltkrise"
       für eine  politische Legitimationskrise  im Zusammenhang  mit Um-
       weltproblemen stehen  sollte. Heute  erscheint mir  diese  Unter-
       scheidung als wenig glücklich; denn sie suggeriert, es sei zumin-
       dest theoretisch  möglich, beide  Seiten auseinanderzuhalten  und
       den  Grad  der  Belastung  bzw.  Schädigung  des  Naturhaushaltes
       zunächst nach immanenten (etwa aus der Evolutionstheorie entlehn-
       ten) Kriterien  einzuschätzen. Als  solches Kriterium fungiert in
       der Alltags-  bzw. Vulgärökologie die Artenvielfalt. Wie soll man
       aber beispielsweise  ohne die  Anwendung gesellschaftlicher (d.h.
       vor allem  wirtschaftlicher, aber auch kulturell-ästhetischer und
       ethischer) Kriterien  entscheiden, ob  das drohende  Verschwinden
       unserer Wälder  ein Rückschritt  ist? Das  Anlegen des Kriteriums
       der Artendiversität wird hier sicher nicht weiterführen; denn die
       sich an  Stelle der  abgestorbenen Wälder möglicherweise ausbrei-
       tenden Buschlandschaften,  Heiden und Steppen haben nicht notwen-
       digerweise eine geringere Artenvielfalt als unsere Wälder.
       Auch die ästhetischen und ökonomischen Maßstäbe müssen vorsichtig
       angelegt werden,  scheinen doch  die Menschen  auch ohne oder mit
       einem stark heruntergekommenen Wald ganz gut leben zu können. Die
       Mittelmeervölker gewinnen  ihren verkarsteten Höhen mehr Reize ab
       als unseren  Fichten- und  Buchenmonokulturen. Selbst großräumige
       und irreversible  Schädigungen von Ökosystemen müssen keine kata-
       strophale Folgen für die Menschen nach sich ziehen. Mit Geld kann
       man manches  wettmachen. Werden  nicht inzwischen  selbst in  der
       arabischen Wüste  Hähnchen und  Rinder gemästet?  Wird nicht  ein
       wachsender Teil  des Gemüses in Hydrokultur, d. h. ohne Mutterbo-
       den erzeugt?
       Es macht  offenbar wenig  Sinn, über Umweltschäden zu reden, ohne
       ihnen gleichzeitig  eine Schätzung der Kosten notwendiger Repara-
       turen oder Ausgleichsmaßnahmen gegenüberzustellen. Von einer öko-
       logischen Katastrophe  könnte man  erst dann sprechen, wenn diese
       Maßnahmen schlicht  unbezahlbar geworden  sind. Das wäre aber mit
       Sicherheit der  Fall, wenn Prozesse wie das Verschwinden der Wäl-
       der (sei es infolge von Schadstoffeinwirkungen auf der nördlichen
       Hemisphäre oder  infolge unkontrollierter  großflächiger Rodungen
       in den  Tropen) globale  Ausmaße annehmen  und deshalb  nicht nur
       Ausweichmanöver und Kompensatiorismaßnahmen immer schwieriger und
       aufwendiger werden  müssen, sondern  auch -  nach allem,  was wir
       darüber bis  heute wissen  - nachhaltige Veränderungen des Klimas
       und des  Wasserhaushaltes im  planetaren Maßstab mit unabsehbaren
       Konsequenzen für die Lebensmöglichkeiten der menschlichen Gattung
       zu  befürchten   sind  3).   Das   könnte   bedeuten,   daß   die
       "Zukunftsperspektive Evakuierung"  4), die  in Teilen der dritten
       Welt (infolge  des Voranschreitens der Wüsten) und der Industrie-
       länder (infolge der Luftverschmutzung und der Entdeckung zahlrei-
       cher Giftmüll-"Altlasten") schon heute von der Realität eingeholt
       wird, sich verallgemeinert (evakuieren - wohin?).
       Heute sind  wir noch  nicht soweit.  Aber der Ernst der Bedrohung
       läßt sich  nicht mehr leugnen. Angesichts der Geschwindigkeit der
       Zerstörungsprozesse wird  der Zeithorizont für Gegenmaßnahmen im-
       mer enger.  Und der Ausgang dieses Wettlaufs mit der Zeit ist un-
       gewiß. Wenn  es nicht  gelingt, das  Steuer der  wirtschaftlichen
       Entwicklung noch  vor der  Jahrtausendwende herumzureißen, dürfte
       die Fahrt in den Abgrund kaum noch aufzuhalten sein. Diese Situa-
       tion bezeichne ich als ökologische Krise. Sie ist aber gleichzei-
       tig dadurch  gekennzeichnet, daß  wir zum  ersten Mal  in der Ge-
       schichte über  die wissenschaftlichen  und technischen Vorausset-
       zungen einer  umweltkonformen Produktions- und Lebensweise verfü-
       gen, für  deren Einsatz  die notwendigen  Bedingungen  geschaffen
       werden müssen.
       Im folgenden  soll das  Ausmaß der ökologischen Krise und der Um-
       weltbelastungen in  der Bundesrepublik mit Blick auf die nächsten
       15 bis  20 Jahre  anhand der  drei wichtigsten Umweltprobleme der
       Bundesrepublik abgeschätzt  werden: der auf die Luftverschmutzung
       und Bodenbelastung  zurückgehenden Waldschäden,  des Voranschrei-
       tens der Bodenzerstörung sowie der Wasserbelastung. 5)
       
       2. Das Waldsterben
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       2.1 Das Ausmaß der Waldschäden
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       Nach der  Waldschadenserhebung des  Bundesministeriums für  Land-
       wirtschaft von 1984 werden inzwischen auf mehr als der Hälfte der
       Waldfläche der BRD mehr oder weniger starke Baumschäden angetrof-
       fen. Dieser  Befund bedarf  einiger  Erläuterungen:  Er  bedeutet
       nicht, daß  inzwischen -  wie man  in einem Teil der Presse lesen
       konnte -  bereits jeder  zweite Baum unwiderruflich erkrankt ist.
       Er bedeutet  auch nicht, daß sich das Ausmaß der Schäden seit der
       ersten Waldschadenserhebung  im Jahre  1982  versiebenfacht  hat.
       Vielmehr war  die erste Bestandsaufnahme so schlecht vorbereitet,
       daß ihre  Ergebnisse nicht zum Vergleich herangezogen werden kön-
       nen. Des  weiteren gilt  es zu  berücksichtigen, daß  der weitaus
       größte Teil  der von  der neuartigen Erkrankung betroffenen Bäume
       bisher nur schwach und für das ungeübte Auge kaum wahrnehmbar ge-
       schädigt ist.  Solche Schäden  scheinen noch  reversibel zu sein.
       Die Fläche  mit stark, d.h. höchstwahrscheinlich irreversibel ge-
       schädigten Bäumen beschränkt sich dagegen einstweilen auf 110 000
       Hektar (1,5 Prozent der Gesamtwaldfläche). Ein bestandsweises Ab-
       sterben von  Nadelbäumen, wie  es seit den siebziger Jahren groß-
       flächig im  Erz- und  im Riesengebirge  auftritt, ist  in der BRD
       bislang auf wenige relativ kleinflächige Höhenstandorte begrenzt.
       Das erklärt,  warum man  die BRD noch immer mit dem Auto oder mit
       der Bahn durchqueren kann, ohne die Symptome der neuen Baumkrank-
       heit wahrzunehmen.
       Damit sollen  die vom  Waldsterben ausgehendenen Gefahren für den
       Naturhaushalt und  die Gesellschaft nicht verniedlicht werden. Es
       geht vielmehr  darum, einigermaßen  realistisch abzuschätzen, wie
       sich dieses  Umweltproblem in  den nächsten 15 bis 20 Jahren ent-
       wickeln könnte.  Und da macht es einen großen Unterschied, ob 1,5
       Prozent oder  schon die  Hälfte der Bäume irreversibel geschädigt
       sind; denn  bei der  angenommenen  kurzen  Verdoppelungszeit  der
       Krankheitsausbreitung müßte  man dann auch die verbliebene Hälfte
       gesunder Bäume  bereits für  verloren und mögliche Gegenmaßnahmen
       wegen ihrer  langen Anlaufzeit von vornherein als zwecklos erklä-
       ren.
       
       2.2 Zum aktuellen Stand der Diskussion
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       über die Ursachen des Waldsterbens
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       Um den  Krankheitsverlauf wenigstens grob, d.h. in Form einer be-
       grenzten Zahl  möglicher Entwicklungspfade, abschätzen zu können,
       müßten wir  natürlich als erstes einigermaßen klare Vorstellungen
       über ihre  Ursachen haben.  Wie steht es damit? An anderer Stelle
       wurde vom  Verf. darauf  hingewiesen, daß wir möglicherweise nie-
       mals voll  verstehen werden, wie die makroskopischen Symptome der
       Baumkrankheit (Vergilbung und zunehmender Verlust der Nadeln bzw.
       Blätter, Wachstumsanomalien, Absterben der Feinwurzeln, Kernfäule
       usw.) im  einzelnen hervorgerufen werden. Und das nicht nur wegen
       der unüberschaubaren  Komplexität des  Ökosystems Wald, insbeson-
       dere der  im Boden  ablaufenden Vorgänge, sondern mehr noch wegen
       der fehlenden  flächendeckenden Erfassung  und Bewertung  der an-
       thropogenen Belastungsfaktoren.  Das schließt  nicht aus, daß die
       Hypothesen über  die Ursachen  des  Waldsterbens  zunehmend  ver-
       feinert werden. Schon heute ist es möglich, die verschiedenen Er-
       klärungsansätze, soweit  sie sich  nicht widersprechen,  zu einer
       einigermaßen plausiblen Synthese 6) zusammenzufassen.
       Die Schlüsselrolle  in diesem  Erklärungsmodell spielt die Mykor-
       rhiza-Symbiose, die Assoziation der Feinwurzeln der Bäume mit den
       Hyphen (feine  unterirdische Schläuche) von Pilzen. Normalerweise
       umgarnt das  Geflecht von Hyphen (Mycel) die Feinwurzeln fast al-
       ler Landpflanzen  und vergrößert  dadurch erheblich  deren aktive
       Oberfläche. Es  hilft so den Pflanzen bei der Aufnahme von Wasser
       und Nährstoffen  (insbesondere Phosphaten).  Darüber hinaus geben
       die Pilze  Hormone und  Vitamine an die Pflanzen ab. Sie schützen
       die Wurzeln vor Bakterieninfektionen und halten giftige Schwerme-
       talle zurück.  Viele Pflanzen,  darunter alle  unsere  Waldbäume,
       können ohne die Hilfe der Pilze überhaupt nicht gedeihen. Als Ge-
       genleistung erhalten  die Pilze, die kein Blattgrün (Chlorophyll)
       besitzen und  sich deshalb  nicht selbst ernähren können, von den
       Pflanzen Zucker.  Das Ideal  des gegenseitigen Nutzens (Symbiose)
       wird aber nicht immer erreicht; denn es gibt Hunderte, wenn nicht
       Tausende von Pilzarten, die sich mit den Pflanzen vergesellschaf-
       ten können, und nicht alle erbringen ihre Leistungen mit gleicher
       Effektivität. Zwei unmittelbar benachbarte Bäume der gleichen Art
       können auf  Streßfaktoren (wie vor allem Trockenheit) völlig ver-
       schieden reagieren, wenn sie mit unterschiedlichen Pilzarten ver-
       gesellschaftet sind.  Manche dieser Pilze werden unter bestimmten
       Bedingungen sogar  zu schädlichen  Parasiten. Es  scheint in  der
       Tat, daß  alle kranken  Bäume ihre guten Symbiosepartner verloren
       haben und daß diese oft von weniger leistungsfähigen oder gar pa-
       rasitischen Pilzen  ersetzt worden sind. Aber warum und seit wann
       haben die  Bäume ihre Symbiosepartner verloren? Wir müssen anneh-
       men, daß dieser Prozeß schon vor 20 bis 30 Jahren eingesetzt hat.
       Pilzkennern (Mykologen) ist aufgefallen, daß in den letzten Jahr-
       zehnten eine  ganze Reihe  von vorher weit verbreiteten Pilzarten
       immer seltener  geworden und  heute kaum  noch auffindbar ist 7).
       Diese Beobachtung  könnte erklären, warum die Bäume, deren Krank-
       heitssymptome erst  in den letzten Jahren sichtbar geworden sind,
       ihr Wachstum  schon seit  20 bis 30 Jahren verlangsamt haben, was
       Analysen der Jahresringe gefällter kranker Bäume offenbart haben.
       Und es  scheint kein  Zufall zu  sein, daß  der Beginn der Beein-
       trächtigung der  Wuchsleistung der  Bäume zeitlich  etwa mit  der
       Verallgemeinerung der Hochschornstein-Politik und mit dem Einsatz
       des Automobil-Booms seit dem Beginn der sechziger Jahre zusammen-
       fällt. Auch  ein möglicher  Einfluß der militärischen und zivilen
       Nutzung der  Kernenergie seit  den 40er Jahren (mit einem Boom in
       den 60er  Jahren) sollte nicht von vornherein ausgeschlossen wer-
       den. 8)  Wir wissen  aber noch immer nicht genau, welche Bestand-
       teile der Kraftwerks-, Industrie- und Automobilabgase bzw. welche
       Kombination von  Schadstoffen bzw.  von deren atmosphärischen Um-
       wandlungsprodukten (eventuell in Verbindung mit extremen meteoro-
       logischen Situationen) zur Schwächung der Bäume geführt haben.
       Die Aufmerksamkeit  der Fachleute und der engagierten Öffentlich-
       keit konzentrierte  sich zunächst  stark auf  das  Schwefeldioxid
       (SCh), dessen  Schadwirkungen auf  Pflanzen seit dem 19. Jahrhun-
       dert untersucht  worden sind.  Beim Ferntransport  wird ein  Teil
       dieses Rauchgases  in Schwefelsäure umgewandelt, wodurch die Nie-
       derschläge angesäuert werden. Es kam dadurch seit den 60er Jahren
       in Skandinavien zur Versauerung Tausender ansonsten kaum belaste-
       ter Binnenseen  mit katastrophalen Folgen für ihre Fischfauna. Es
       lag daher  nahe, die  etwas später  in Mitteleuropa aufgetretenen
       Vegetationsschäden ebenfalls  dem "sauren  Regen"  zuzuschreiben,
       zumal die  Seenversauerung inzwischen auch hier eingesetzt hatte.
       Und zwar  nahm man  an, die  Baumschäden gingen hauptsächlich auf
       eine  V e r s a u e r u n g  d e r  W a l d b ö d e n  zurück. 9)
       Diese nicht  begründete Hypothese geriet ins Wanken, als sich die
       Symptome der neuartigen Baumkrankheit auch auf Kalkverwitterungs-
       böden zeigten,  wo die sauren Niederschläge neutralisiert werden.
       Angeregt durch  Untersuchungen der Auswirkungen des "Los-Angeles-
       Smog" aus  den 60er  Jahren  wurde  dann  die  O z o n - H y p o-
       t h e s e   10) in die Diskussion gebracht. Ozon (O3) entsteht in
       Gegenwart flüchtiger  Kohlenwasserstoffe (verdunstete Kraftstoffe
       oder  Lösungsmittel)   unter  Einwirkung  des  Sonnenlichtes  aus
       Stickstoffdioxid (NO2),  dessen Hauptquelle  die Ottomotoren  von
       PKWs sind.  Diese Hypothese erscheint insofern als plausibel, als
       sie erklären  könnte, warum  die neuartigen Waldschäden zuerst in
       den  "Reinluftgebieten"   relativ  Stadt-   und   industrieferner
       Höhenlagen und unabhängig vom geologischen Untergrund aufgetreten
       sind.  Nur   dort  kann   sich  nämlich   Ozon  unter  bestimmten
       Witterungsbedingungen  akkumulieren.  Trotzdem  harrt  diese  Hy-
       pothese noch  einer formellen  Bestätigung; denn die in Mitteleu-
       ropa in  erster Linie  geschädigten Baumarten  (Weißtanne, Fichte
       und Buche) gelten als nicht besonders empfindlich gegenüber Ozon,
       und es  ist nicht  sicher, ob  in den vom Waldsterben betroffenen
       Gebieten schädliche  Konzentrationen von  Ozon für genügend lange
       Zeit erreicht  werden  können.  11)  Deshalb  gewinnt  heute  die
       S t r e ß - H y p o t h e s e   12) immer  mehr Anhänger.  Dieser
       Erklärungsversuch geht davon aus, kein einziger Schadstoff errei-
       che in  den vom Waldsterben betroffenen Landstrichen für genügend
       lange Zeit  die Schädlichkeitsschwelle. Das Gemisch verschiedener
       Schadstoffe (SO2,  NO2,  O3,  Peroxy-Acetylnitrat,  Kohlenwasser-
       stoffe, Schwermetalle, künstliche Radioaktivität) setzte aber die
       Bäume unter  einen schädlichen  Streß, der  zunächst lediglich zu
       einer äußerlich  nicht sichtbaren  Verminderung der  Photosynthe-
       seleistung und  einer zunehmenden  Verminderung der  Widerstands-
       kraft der Bäume gegenüber Klimaschwankungen (extreme Kälte, Troc-
       kenheit) und  Parasiten führe.  Man könnte  damit auch  erklären,
       warum die  Baumwurzeln nach und nach ihre Mykorrhiza-Partner ver-
       lieren: Wenn  nicht mehr  genug Zucker  in die Wurzeln und in das
       sie umgebende Erdreich gelangt, können die Mykorrhiza-Pilze nicht
       mehr  gedeihen.   Die  Streß-Hypothese  ist  vor  kurzem  um  die
       A m m o n i u m - H y p o t h e s e   13) ergänzt  worden.  Diese
       Hypothese unterstellt,  die Bäume seien in der Nachkriegszeit in-
       folge der  Luftverschmutzung durch Massentierhaltung (Freisetzung
       von Ammonium) und die Explosion des PKW-Verkehrs (Freisetzung von
       Stickoxiden, die in Nitrate umgewandelt werden können) mit Stick-
       stoffverbindungen überdüngt  worden, was zu einem Ungleichgewicht
       in ihrer  Nährstoffbilanz geführt habe. Da der Baum versucht, das
       Überangebot von  Stickstoff durch eine verstärkte Eiweiß-Synthese
       aufzufangen, vermindert  er nach dieser Vorstellung ebenfalls den
       Transport von  Zucker zu  den Wurzeln,  was zu einem Rückgang der
       Mykorrhizierung führt.  Dadurch muß  sich das  Ungleichgewicht in
       der Nährstoffversorgung des Baumes aber noch verstärken, weil nun
       die Phosphate,  die er  nur mit  Hilfe der  Pilze aufnehmen kann,
       spärlicher zu  den Blättern gelangen. Der Baum muß sich nun eines
       Teiles der  mit überschüssigem Stickstoff vergifteten Nadeln bzw.
       Blätter entledigen. Damit müssen sich aber seine Zuckerproduktion
       und folglich  die Mykorrhizierung seiner Wurzeln noch weiter ver-
       mindern - und so fort ...
       
       2.3 Perspektiven der Luftverschmutzung -
       ----------------------------------------
       ist das Waldsterben aufzuhalten?
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       Nach den  beiden letztgenannten Hypothesen geraten die Bäume also
       in den Teufelskreis einer sich selbst verstärkenden Wuchsbremsung
       (positive Rückkoppelung).  Wenn diese  Vorstellung zutrifft, dann
       ist es  um die  Zukunftsaussichten der bereits kranken und selbst
       der lediglich kränkelnden Bäume schlecht bestellt. Selbst drasti-
       sche Maßnahmen zur Verminderung der Luftverschmutzung könnten die
       Bäume nicht  mehr retten,  wenn sie erst einmal in den oben skiz-
       zierten teuflischen  Regelkreis hineingeraten  sind.  Dem  wider-
       spricht (zumindest  dem Anschein  nach) die Beobachtung, daß sich
       kränkelnde Bäume wieder erholen. Ist diese Erholung vorübergehend
       oder müssen wir annehmen, der Krankheitsverlauf bleibe bis zu ei-
       nem gewissen Punkt reversibel?
       Wir können jedenfalls aus allem, was wir bisher über die Ursachen
       des Waldsterbens  wissen, nur  einen Schluß ziehen: Um wenigstens
       den anscheinend  noch gesunden  Teil unserer Wälder zu retten und
       um den  wahrscheinlich zum  Absterben verurteilten Teil rasch neu
       begründen zu  können, müssen wir so schnell wie möglich zum Luft-
       belastungsniveau der frühen 50er Jahre zurückkehren, d.h. zum Be-
       lastungsniveau, wie es  v o r  dem Beginn der Zuwachsverluste un-
       serer Waldbäume  gegeben war. Kein einziger Schadstoff darf dabei
       bevorzugt oder  vernachlässigt werden.  An diesem Ziel müssen wir
       die derzeitige Umweltpolitik der Bundesregierung messen.
       Die vom  Verfasser vor  eineinhalb Jahren getroffene Einschätzung
       der weitgehenden  Wirkungslosigkeit der  damals vorbereiteten um-
       weltpolitischen Maßnahmen  14) war  wahrscheinlich nicht pessimi-
       stisch genug. Nach Berechnungen von Dieter Teufel und Jürgen See-
       berger vom Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung
       (IFEU) führen die halbherzigen Beschlüsse der Bundesregierung und
       die faulen  Abgaskompromisse  in  der  Europäischen  Gemeinschaft
       dazu, daß bei uns die Stickoxid-Emissionen, die in allen oben an-
       geführten Hypothesen  über die  Ursachen  des  Waldsterbens  eine
       wichtige, wenn  nicht die Hauptrolle spielen, bis 1992 sogar noch
       weiter ansteigen  und erst  im Jahr  darauf wieder das Niveau von
       1983 (3,1  Mio. Tonnen)  erreichen werden.  Der Gesamtausstoß von
       Stickoxiden wird  sich zwischen 1985 und 1995 lediglich um 9 Pro-
       zent verringern.  Bis 1995 muß der Wald insgesamt weitere 35 Mio.
       Tonnen Stickoxide verkraften. Technisch machbar, politisch durch-
       setzbar und  wirtschaftlich verkraftbar  wäre  demgegenüber  eine
       Verminderung des jährlichen Stickoxidausstoßes um ein Viertel bis
       1987, um  über die  Hälfte bis  1990 und um über zwei Drittel bis
       1994. Dadurch  würde sich  die Gesamtbelastung mit Stickoxiden in
       den nächsten  zehn Jahren  um knapp  die Hälfte  verringern.  Die
       Schwefeldioxid-Emissionen könnten durch eine schärfere Gangart im
       Umweltweltschutz bis  1995 sogar um zwei Drittel (statt um ledig-
       lich ein  Drittel infolge  der Regierungsbeschlüsse) gesenkt wer-
       den. 15)
       Selbst dann  dürfte aber das Waldsterben bis zur Jahrtausendwende
       nicht aufgehalten werden; denn wir können kaum erwarten, daß eine
       Komplexkrankheit, die sich (zunächst unmerklich) seit Jahrzehnten
       entwickelt hat,  von heute auf morgen heilbar ist. Wir müssen uns
       also in jedem Fall auf Folgeschäden der Entwaldung von Höhenlagen
       (Erosion, Erdrutsche,  Überschwemmungen bei  starken Regenfällen,
       Versiegen von  Quellen und Brunnen bei längerer Trockenheit, rau-
       heres Klima usw.) einstellen. Wie groß diese Schäden sein werden,
       können wir  heute noch  nicht abschätzen.  Die Verunstetigung des
       Wasserabflusses von  den Bergen wird überall umfangreiche Wasser-
       baumaßnahmen (Erhöhung von Dämmen, Vertiefung von Gräben, Ausspa-
       rung von  Überschwemmungsflächen usw.)  erforderlich machen.  Die
       Erosionsgefährdung hängt  demgegenüber stark von der Geologie des
       jeweiligen Gebirges  ab. Urgesteinsböden sind weniger erosionsge-
       fährdet als Kalkböden. Als besonders erosionsgefährdet gelten die
       Voralpen. Die  wachsende Schädigung  der Schutzwälder  führt hier
       schon heute zur Gefährdung von Verkehrswegen und Siedlungen durch
       Erdrutsche und Lawinen. Die schönsten Alpentäler drohen unbewohn-
       bar zu werden. 16)
       Hier wird  viel davon abhängen, ob es gelingt, die in den Schutz-
       wäldern entstehenden  Lücken rasch  durch eine  provisorische Be-
       pflanzung mit widerstandsfähigen, genügsamen und schnellwüchsigen
       Pioniergehölzen und  nötigenfalls durch  künstliche Verbauung  zu
       schließen, um  den Boden  für eine Neubegründung der Schutzwälder
       im nächsten  Jahrhundert zu  erhalten. Solche Sicherungsmaßnahmen
       sind nicht  billig. Die  Bepflanzung der  Hänge kostet pro Hektar
       bis zu 50.000 DM. Technische Verbauungsmaßnahmen können, wenn auf
       Stahlbeton zurückgegriffen  werden muß, leicht auf über eine Mil-
       lion DM je Hektar kommen. 17)
       Auch die  notwendige Neubegründung eines beträchtlichen Teils un-
       serer Wälder  dürfte -  abgesehen von  den kaum noch vermeidbaren
       Verlusten der Waldwirtschaft infolge des vorzeitigen Einschiagens
       kranker Bäume  (etwa 2 Mrd. DM im Jahr) - zu einer überaus teuren
       Angelegenheit werden.  Es wird  notwendig sein,  die Wurzeln  der
       Baumsetzlinge einzeln  mit den leistungsfähigsten Mykorrhiza-Pil-
       zen anzuimpfen,  um ihre Überlebenschancen auf möglicherweise mit
       Schwermetallen verseuchten Böden zu steigern. 18)
       
       3. Nach dem Waldsterben das Bodensterben?
       -----------------------------------------
       
       Damit ist bereits angedeutet, daß die Chancen einer Neubegründung
       unserer Wälder nicht nur davon abhängen, wie weit es gelingt, die
       Luftverschmutzung schleunigst  auf ein  ungefährliches Niveau  zu
       senken und Übergangsmaßnahmen zur Verhinderung der Erosion einzu-
       leiten, sondern auch davon, wie weit der Boden durch die Luftver-
       schmutzung bereits  dauerhaften Schaden  genommen hat.  Außer für
       den unmittelbaren  Einflußbereich  "wilder"  Giftmüllablagerungen
       oder von  Schwermetall-Emissionen aus  Zink-, Kupfer-und Bleihüt-
       ten, Zementfabriken  o.a. kann  diese Frage heute noch nicht ein-
       deutig beantwortet  werden. Bei  dem bisher von der Umweltpolitik
       sträflich vernachlässigten  Medium Boden stehen wir vor den größ-
       ten Informationslücken.  Zwar ist  die Lebewelt  des Bodens unter
       einem sterbenden  Wald schwer  gestört, aber  nur eine der bisher
       zur Erklärung des Waldsterbens vorgebrachten Hypothesen, die Ver-
       sauerungsthese, geht  davon aus,  daß auch die Bodenstruktur (die
       Ton-Humus-Komplexe) nachhaltig  und  möglicherweise  irreversibel
       geschädigt ist. Eine Versauerung der Waldböden ließe sich nämlich
       sehr wahrscheinlich  nicht so  leicht beheben,  wie die Chemische
       Industrie mit ihrer Kampagne für eine künstliche Düngung und Kal-
       kung der  Wälder vorgibt,  da unerwünschte  Nebenwirkungen zu be-
       fürchten sind.  19) Sollte  sich die  Versauerungsthese ganz oder
       teilweise bestätigen,  müßte deshalb die notwendige Erholungszeit
       unserer Wälder auf viel länger veranschlagt werden.
       
       3.1 Bodenversauerung und Schwermetallbelastung
       ----------------------------------------------
       
       Die Versauerung  der Böden ist vor allem deshalb gefährlich, weil
       sie zur Freisetzung giftiger Schwermetalle führen muß, die bisher
       von komplizierten Tonmolekülen gebunden und damit unschädlich ge-
       macht worden  sind. Daß  vor allem die Waldböden große Mengen von
       Schwermetallstäuben aus  der Luft  aufgenommen haben,  ist  unbe-
       stritten. Die  Funktion der Wälder als Luftfilter wurde gerade in
       der Umgebung  von Industrieanlagen in den letzten Jahrzehnten be-
       wußt ausgenutzt. Infolge des Rückgangs ihrer Mykorrhizierung sind
       die Bäume  den nun  in die Bodenlösung übertretenden Schwermetal-
       lionen schutzlos ausgeliefert. Die Versauerung der Böden kann so-
       gar so  weit führen,  daß sich die Ton-Humus-Komplexe, die Grund-
       lage  der   lamellen-   bzw.   gerüstartigen   Bodenfeinstruktur,
       auflösen, wobei  das für  Pflanzen wie  für  Tiere  und  Menschen
       äußerst giftige  Aluminium, Hauptbestandteil  der Tonminerale, in
       Lösung  gehen  würde.  Sowohl  die  Schwermetalle  als  auch  das
       Aluminium werden  sich letzten  Endes im  Grund- und  Quellwasser
       wiederfinden.  Dadurch   kann  die  Trinkwasserversorgung  großer
       Gebiete problematisch werden (vgl. dazu Abschnitt 4).
       Über die Bodenversauerung liegen bisher, wie angedeutet, nur lüc-
       kenhafte Daten  vor, die wegen der sehr unterschiedlichen Belast-
       barkeit der  verschiedenen Bodentypen  nicht  ohne  weiteres  als
       Grundlage für eine Abschätzung des Gesamtzustandes dienen können.
       Jedenfalls zeigen die Fälle, in denen die Meßergebnisse der acht-
       ziger Jahre  verglichen werden  konnten, eine  eindeutige Zunahme
       der Versauerung  von Waldböden.  20) Bei den Ackerböden läßt sich
       diese Tendenz  nicht klar  feststellen. Wir  müssen annehmen, daß
       der Versauerung  hier durch  verstärkte  Kalkung  entgegengewirkt
       worden ist.  Der im  Schnitt stark steigende Kalkeinsatz (im Ver-
       gleich zum  leicht abnehmenden  Einsatz von Phosphat und Kali und
       der weniger  stark zunehmenden  Anwendung von Stickstoff) muß als
       Hinweis auf diesen Sachverhalt gewertet werden.
       Deshalb ist  die auf  den ersten  Blick absurd erscheinende, aber
       durchaus logische  Forderung erhoben  worden, die  brachfallenden
       Böden weiterhin  zu kalken und zu düngen, damit die Schwermetalle
       weiter im  Boden festgehalten  werden können.  21) Die  Reinigung
       schwermetallverseuchter Böden  ist  nämlich  großtechnisch  nicht
       möglich. Sie  müssen vielmehr  abgetragen und  durch  unbelastete
       Erde ersetzt  werden. Das ist an verschiedenen Orten der BRD auch
       bereits getan  worden. Es  ist aber  überflüssig zu  betonen, daß
       eine solche  "Lösung" des Problems der irreversiblen Bodenverseu-
       chung großflächig  nicht nur  unbezahlbar, sondern  auch physisch
       unmöglich ist. (Wohin mit der kontaminierten Erde? Woher noch un-
       belasteten Boden nehmen?)
       Fachleute nehmen  an, derzeit  könnten etwa 7 Prozent der Gesamt-
       fläche der  BRD mit  Schwermetallen (Blei, Cadmium, Chrom, Queck-
       silber, Thallium usw.) und durch beständige chlorierte Kohlenwas-
       serstoffe (HCB,  PCBs, Dibenzofurane,  Dioxine einschließlich des
       berüchtigten Seveso-Giftes TCDD) vergiftet sein 22). Mangels aus-
       reichender Datengrundlagen  hat man dabei einfach die Flächen der
       Industriegebiete (einschließlich  eines  drei  Kilometer  breiten
       Gürtels) und die von Verkehrswegen stark beeinflußten Flächen (d.
       h. einen  50 Meter  breiten Streifen  beiderseits der Fahrbahnen)
       addiert. Der  Ferntransport zahlreicher Schadstoffe und ihre mög-
       liche Anreicherung  in windexponierten  Lagen  der  Mittelgebirge
       wurden dabei noch gar nicht berücksichtigt.
       Am stärksten  ist die Bodenkontamination in der Umgebung bestimm-
       ter Industrieansiedlungen (Blei-, Kupfer- und Zinkhütten, Zement-
       werke, Pestizidfabriken)  und zahlreicher  Müllkippen. Aber  auch
       Böden, auf  denen Klärschlamm  oder  ausgebaggerte  Flußsedimente
       aufgebracht wurden,  können hochgradig  durch  Schwermetalle  und
       langlebige organische Giftstoffe belastet sein. Gleiches gilt für
       die als  Weiden genutzten Überschwemmungsgebiete der Flüsse. Ent-
       lang stark  befahrener Verkehrswege  kann der Boden bis in einige
       hundert Meter  Entfernung durch  Blei,  Streusalz,  polyzyklische
       aromatische Kohlenwasserstoffe u.a. belastet sein.
       
       3.2 Altlasten
       -------------
       
       Als besonders problematisch gelten die sogenannten Altlasten. Das
       sind etwa  50 000 weitgehend  unkontrollierte "wilde" Müllablage-
       rungen aus  den 50er und 60er Jahren, die inzwischen größtenteils
       eingegrünt und in Naherholungsanlagen oder sogar in Bauland umge-
       wandelt worden  sind. Auf  ein- bis zweitausend dieser Müllkippen
       wurden hochgiftige  Rückstände aus  der Chemischen Industrie o.ä.
       vergraben. Aber  auch die  Müllhalden, auf  denen lediglich Haus-
       ratabfälle abgelagert wurden, enthalten schätzungsweise zu minde-
       stens einem Prozent hochgiftige Stoffe (quecksilberhaltige Batte-
       rien, cadmiumhaltige Farben, chlororganische Lösungsmittel u.ä.).
       23) Das  von den Medien in diesem Zusammenhang verwendete Schlag-
       wort "chemische  Zeitbombe" erscheint  der Lage durchaus angemes-
       sen, mußten  doch bereits ganze Neubau-Siedlungen geräumt werden,
       die auf stark kontaminiertem Grund angelegt worden waren. 24)
       Unüberlegte, lediglich  an der Erzielung kurzfristiger Höchstpro-
       fite orientierte  Veränderungen der Produktions- und Konsumtions-
       struktur (vor  allem die  fast durchgängige  Chemisierung)  haben
       eine wahre  Müll-Lawine ausgelöst,  mit der  man heute  kaum noch
       fertig wird.  Inzwischen fällt im Jahr fast ein Kubikmeter Abfall
       je Bundesbürger an. Wohin damit? Müllverbrennungsanlagen, die das
       Abfallvolumen um  etwa zwei Drittel verringern können, haben sich
       als "potemkinsche  Anlagen" 25)  erwiesen, die  das Abfallproblem
       nicht lösen,  sondern lediglich  verschieben und dabei meist noch
       erheblich verschlimmern.  Selbst allgegenwärtige  und deshalb auf
       den ersten  Blick harmlos  erscheinende Massenkunststoffe wie PVC
       bereiten den  für die Abfallbeseitigung verantwortlichen Kommunen
       heute Kopfzerbrechen,  weil bei ihrer Verbrennung nicht nur Salz-
       säure, sondern  auch chlorierte Kohlenwasserstoffe (darunter auch
       das Seveso-Gift TCDD) entstehen. In der Umgebung einer in Rösrath
       bei Köln  abgebrannten Lagerhalle mit 500 Tonnen PVC soll der Bo-
       den ebenso  stark vergiftet  sein wie  in Seveso.  26) In Hamburg
       wird gehäuftes  Auftreten von  Kindesmißbildungen  u.a.  mit  der
       Luftverschmutzung durch Müllverbrennungsanlagen und die Chemiefa-
       brik Boehringer in Zusammenhang gebracht. 27) In dieser Großstadt
       machen Rauchgasreinigungsrückstände,  Aschen und  Schlacken heute
       bereits 75  Prozent aller  begleitscheinpflichtigen  Deponiegüter
       aus. Bei der Suche der Großstädte nach geeignet erscheinenden De-
       ponieflächen kommt  es zu den absonderlichsten Kuhhandeln mit Um-
       landgemeinden.
       Die Stadt  Hamburg mußte  bis 1984  für die Sanierung von 24 ver-
       seuchten Bodenflächen  68 Millionen D-Mark ausgeben. Dabei wurden
       240 000 Kubikmeter  Boden ausgetauscht;  weitere Flächen,  so die
       Deponie Georgswerder,  stehen zur  Sanierung an.  Die Beseitigung
       hochgefährlicher Altlasten  wird in der BRD zweistellige Milliar-
       denbeträge verschlingen. Allein die Sicherung der Deponie Gerols-
       heim (Rheinland-Pfalz), auf der u.a. dioxinhaltige Rückstände aus
       dem inzwischen  stillgelegten (weil  dioxinverseuchten) Hamburger
       Boehringer-Werk lagern,  wird über  22 Millionen DM kosten. Diese
       Deponie soll mit einer drei Kilometer langen, 50 Meter tiefen und
       80 Zentimeter  dicken Betonmauer gegenüber den Grundwasserströmen
       abgedichtet und  durch eine  Abdeckung langsam ausgetrocknet wer-
       den. An  bestimmten Auslaßstellen im Betonmantel soll das Sicker-
       wasser gesammelt und in einer speziellen Anlage gereinigt werden.
       28)
       Die Gefährdung  unserer Böden  (und damit  letztlich auch unserer
       Trinkwasserversorgung) ist  allerdings nicht  allein der Luftver-
       schmutzung und der Ablagerung giftiger Rückstände durch die Indu-
       strie zuzuschreiben.  Auch die  Landwirtschaft, die zuerst an der
       Bodenfruchtbarkeit interessiert  sein müßte,  beteiligt sich maß-
       geblich am  Zerstörungswerk. Statt als hochkomplexes und empfind-
       liches lebendes  System wurde der Boden auch hier als "Dreck" be-
       handelt. Das wird schon daran deutlich, daß es in der BRD derzeit
       nur zwei Lehrstühle für Bodenbiologie gibt, deren Veranstaltungen
       für die  angehenden Agraringenieure  nicht  einmal  obligatorisch
       sind. 29) Beim Boden waren nur die Baulandpreise und der Sand, in
       den die  etablierten Umweltpolitiker  ihren Kopf stecken konnten,
       von Interesse.
       
       3.3 Überdüngung und Bodenverdichtung
       ------------------------------------
       
       Es gibt  in der BRD etwa 30 bis 40 verschiedene Bodentypen, deren
       Fruchtbarkeit und  Belastbarkeit sehr  unterschiedlich sein kann.
       Aber nur für 10 bis 15 Prozent der Fläche der Bundesrepublik gibt
       es detaillierte  Boden- und  Standortkarten  30).  Möglicherweise
       kennt die  Wissenschaft heute die Mondgesteine besser als den Bo-
       den unter  unseren Füßen.  So konnte  der Boden ruhigen Gewissens
       nicht nur  als "Endlager" für die über hohe Schornsteine weiträu-
       mig verteilten  Luftschadstoffe bzw.  für die im Klärschlamm ent-
       haltenen Giftstoffe  mißbraucht werden. Ihm konnte auch eine Ver-
       vierfachung des  durchschnittlichen Stickstoffeinsatzes  zwischen
       1950 und  1980 zugemutet  werden. Besonders  augenfällig sind die
       Exzesse  der  sogenannten  "bodenunabhängigen  Veredelung".  Hier
       dient der  Boden nur noch als Deponie für die bei der fabrikmäßi-
       gen Massentierhaltung anfallenden riesigen Gülle-Mengen.
       Die Überdüngung  der Felder erweist sich heute als folgenschwerer
       als der  von Naturschützern seit langem gebrandmarkte Einsatz von
       chemischen Pflanzenschutzmitteln.  Die Pestizide  können - sofern
       es sich  dabei nicht  um langlebige chlorierte Kohlenwasserstoffe
       handelt, die  in der  BRD inzwischen größtenteils verboten sind -
       das Bodenleben  nur vorübergehend  durcheinanderbringen. 31)  Die
       Überdüngung des Bodens mit Nitraten (als Gülle oder als Kunstdün-
       ger) kann  hingegen zur bleibenden Schädigung der Bodenfauna füh-
       ren. Diese Schäden werden noch verstärkt durch den Einsatz schwe-
       rer Maschinen,  die den  Boden verdichten und dadurch die für das
       Bodenleben notwendige Belüftung unterbrechen. Sowohl die Überdün-
       gung als  auch die  dauerhafte Verdichtung führen zu einer Verar-
       mung des  Bodens an Humus. Dadurch wird die Auswaschung der über-
       schüssigen Nitrate  erleichtert. Ein  Teil von ihnen belastet die
       Fließgewässer, ein  anderer Teil wandert ins Grundwasser. So ent-
       hält heute  das Trinkwasser  in Gebieten mit landwirtschaftlichen
       Intensivkulturen (Weinbaugebiete  am Rhein, überwiegend dem Gemü-
       seanbau verschriebene Landstriche wie die niederrheinische Bucht,
       Gebiete, die  zu Gülledeponien  verkommen sind, wie Süd-Oldenburg
       usw.) zum  Teil bedenklich  hohe Nitratwerte  (vgl. Abschnitt 4).
       Der Nitratüberschuß  wirkt sich  aber auch  auf die  Qualität der
       Nahrungs- und Futterpflanzen aus.
       Auf den  überdüngten und  verdichteten Böden  gedeiht am Ende nur
       noch der  Mais. Er  gilt als  "Syphilis der  Landwirtschaft" 32),
       weil der  Anbau dieser  wärmeliebenden Getreideart den Boden wäh-
       rend des größten Teils des Jahres unbedeckt läßt und so erheblich
       seine Erosion  fördert. Die  rasche Ausbreitung des Maisanbaus in
       den letzten 10 bis 12 Jahren 33) gilt heute als wichtiger Indika-
       tor für die Verschlechterung unserer Böden. Trotzdem wäre es ver-
       früht, schon  jetzt ein  allgemeines Bodensterben  für gegeben zu
       halten.
       Es ist  aber, wie  angedeutet, durchaus gerechtfertigt, von einer
       tickenden Zeitbombe  zu sprechen.  So weisen  vor allem  in Nord-
       rhein-Westfalen, wo trotz der Krise der Schwerindustrie des Ruhr-
       gebiets noch  immer der weitaus größte Teil der Luftverschmutzung
       und des  Giftmülls anfällt  und obendrein  der Einsatz von Stick-
       stoffdünger in  der Landwirtschaft  mit 143  Kilogramm Reinstick-
       stoff je  Hektar über  dem Durchschnitt der BRD (121 Kilogramm je
       Hektar) liegt, Gemüse- und Getreideproben nicht nur überhöhte Ni-
       tratgehalte, sondern  auch relativ  hohe Konzentrationen  der äu-
       ßerst giftigen Schwermetalle Cadmium und Blei auf. An einigen Or-
       ten (Duisburg,  Dortmund, Gelsenkirchen,  Köln) werden die Richt-
       werte des  Bundesgesundheitsamtes von einem Teil der Proben deut-
       lich überschritten.  Wenn sich  die Aufnahme  von  Schwermetallen
       durch Kulturpflanzen  bis jetzt,  von örtlichen Ausnahmen wie der
       Umgebung der  Bleihütten von  Stollberg, Oker oder Nordenham, der
       Zinkhütte von Datteln oder des Zementwerkes von Lengerich abgese-
       hen, in Grenzen hält und ein akutes Gesundheitsrisiko für die Ge-
       samtbevölkerung noch  nicht gegeben  ist, so heißt das nicht, daß
       das in  den nächsten  Jahren so bleiben muß. Werden die Schwerme-
       talle nämlich  derzeit nur  deshalb im  Boden festgehalten,  weil
       dessen Säureeintrag  aus den Niederschlägen durch verstärkte Kal-
       kung abgepuffert  wird, so kann einmal der Punkt erreicht werden,
       an dem die Pufferkapazität endgültig erschöpft ist und die vorher
       in den Ton-Humus-Komplexen festgelegten Schwermetalle schlagartig
       pflanzenverfügbar werden.  Dieser  Umschlagpunkt  würde  von  den
       Landwirten nicht  einmal rechtzeitig  bemerkt,  da  die  Toleranz
       zahlreicher Kulturpflanzen  gegenüber Cadmium, Blei usw. erstaun-
       lich groß  ist. Erst wenn Rinder auf der Weide krepieren, wie das
       im Umkreis  von Bleihütten  mehrfach geschehen ist, oder Menschen
       beim Verspeisen  thalliumverseuchten Grünkohls  mit Magenkrämpfen
       zusammenbrechen, würde  man gewahr,  daß der Boden sich von einer
       Schadstoffsenke in eine Schadstoffquelle verwandelt hat.
       
       3.4 Bebauung
       ------------
       
       So weit  ist es bis heute nur in Ausnahmefällen gekommen. Bei der
       Frage nach der Gefahr eines weiträumigen Bodensterbens dürfen wir
       aber nicht  aus dem  Auge verlieren,  daß in  der BRD  schon seit
       vielen Jahren tagtäglich 113 Hektar Boden unwiderruflich zerstört
       werden -  und zwar  durch Überbauung. Unter einem Kilometer Auto-
       bahn verschwinden  2,7 Hektar Boden, wobei Böschungen, Gräben und
       Mittelstreifen nicht eingeschlossen sind. Sie gelten in der offi-
       ziellen Statistik als Frei- oder Grünfläche. Die in der BRD durch
       Verkehrswege versiegelte  Fläche macht  inzwischen fast 5 Prozent
       der Gesamtfläche  aus, wobei  noch berücksichtigt werden muß, daß
       durch das  dichte Netz  von Verkehrswegen das Land kreuz und quer
       zerstückelt und  natürliche Lebensräume  auseinandergerissen wur-
       den. Die  Gesamtlänge der überörtlichen Verkehrsstraßen betrug im
       Jahre 1983   173 000  Kilometer. Die  BRD verfügt damit über fast
       zwei Straßenkilometer  je Quadratkilometer Fläche. Und es gab nur
       noch 120  Quadrate von  10 Kilometer  Seitenlänge, die  nicht von
       Hauptverkehrsstraßen oder Schienen zerschnitten waren. Der Anteil
       der Siedlungsfläche  (Verkehrswege, Wohn-,  Fabrik-  und  Büroge-
       bäude, Parkplätze  usw.) an  der Gesamtfläche  der BRD ist in den
       letzten 30  Jahren von 7,5 auf fast 12 Prozent gestiegen. 34) Und
       es ist noch offen, ob der z.T. krisenbedingte Rückgang der Bautä-
       tigkeit in den letzten Jahren wirklich eine Wende markiert.
       
       4. Droht uns eine Trinkwasserkrise?
       -----------------------------------
       
       Was ihren  natürlichen Wasserhaushalt angeht, ist die Bundesrepu-
       blik ein  gesegnetes Land.  Sie  erhält  reichlich  Niederschläge
       (durchschnittlich 837  mm im  Jahr) und  wird relativ gleichmäßig
       von Fließwässern  durchströmt. Zudem  verfügt sie wegen ihrer Ge-
       ländeform und  der geologischen  Beschaffenheit des  Untergrundes
       über bedeutende Grundwasservorkommen. Das natürliche Wasserdarge-
       bot (die Differenz zwischen Zu- und Abfluß) beträgt etwa 3000 Ku-
       bikmeter im  Jahr pro  Kopf der Bevölkerung. Es dürfte also über-
       haupt keine Trinkwasserversorgungsprobleme geben. Wenn die Situa-
       tion der  Wasserwirtschaft der BRD seit einigen Jahren dennoch zu
       Sorge Anlaß  gibt 35),  dann heißt das, daß mit der Naturgabe des
       Wasserüberflusses schlecht gewirtschaftet worden ist.
       
       4.1 Zur Entwicklung der Wasserqualität
       --------------------------------------
       
       Dabei läßt  der erste  Augenschein eher  auf eine Entspannung der
       Lage in den letzten Jahren schließen. Der Rhein, der als Lebensa-
       der der  bundesdeutschen Wirtschaft  sowohl als Schiffahrtsstraße
       und Abwasserkanal  als auch  als Trink-  und  Brauchwasserspender
       dienen muß,  macht heute  einen deutlich besseren Eindruck als um
       die Mitte  der siebziger Jahre. Auf der Gewässergütekarte der BRD
       springen Farbverschiebungen  ins Auge:  Die roten  Flußabschnitte
       (für die Güteklasse IV: Übermäßig verschmutzt) sind deutlich kür-
       zer geworden. Dafür bestimmen jetzt dunkel- und hellgrüne Flußab-
       schnitte (mäßig  bis kritisch  belastet) das  Gesamtbild. Es sind
       also eindeutig  Verbesserungen zu  verzeichnen. Diese gehen aber,
       außer in seltenen Einzelfällen, nicht so weit, daß man sich damit
       zufriedengeben könnte.
       Die Gründe  für diese  Fortschritte liegen auf der Hand: Seit dem
       Beginn der  siebziger Jahre  wurden in  der Bundesrepublik schät-
       zungsweise über  100 Milliarden  DM (größtenteils  aus Steuermit-
       teln) für  den Bau von Kanalisationsnetzen und biologischen Klär-
       anlagen ausgegeben. Anfang der achtziger Jahre waren über 70 Pro-
       zent der  Bevölkerung an  vollbiologische Kläranlagen angeschlos-
       sen. Der  beim bakteriellen  Abbau organischer Schmutzstoffe ent-
       stehende Sauerstoffschwund  wurde dadurch  aus den  Flüssen teil-
       weise in  die Kläranlagen verlegt. So konnte der Sauerstoffgehalt
       der Flüsse (insbesondere des Rheins) wieder ansteigen. Fischster-
       ben aufgrund von Sauerstoffmangel, wie sie im Rhein zu Beginn der
       siebziger Jahre  wiederholt vorkamen,  sind in den letzten Jahren
       und selbst  während der kritischen Wochen im trockenen und heißen
       Sommer 1983 nicht mehr beobachtet worden.
       Allerdings wirken auch die bisher gebauten Kläranlagen in mancher
       Hinsicht als  "potemkinsche Anlagen". Nicht einmal die biologisch
       abbaubaren organischen  Schmutzstoffe können sie in ausreichendem
       Maße aus  den Abwässern entfernen, wenn die Durchlaufgeschwindig-
       keit der  Abwässer wegen der meist zu knapp ausgelegten Kapazität
       der Anlagen  zu hoch  ist. Die Stickstoffverbindungen werden dann
       nur bis  zum Ammoniak  abgebaut. Dessen  Oxidation zu Nitrat ent-
       zieht den Gewässern noch eine erhebliche Menge Sauerstoff. Nitrat
       selbst fördert  wie das  bei der  Abwasserklärung gleichfalls an-
       fallende Phosphat  als Pflanzennährstoff  das  Algenwachstum.  In
       stehenden oder zu langsam fließenden Gewässern (etwa in dem durch
       eine ganze Kette von Staustufen schiffbar gemachten Main) kann es
       dadurch in  den Sommermonaten zu einer Massenvermehrung von Algen
       kommen, deren  Zersetzung zu  einer erheblichen Sauerstoffzehrung
       führt. (Ein  Gramm Phosphor ermöglicht das Wachstum von 100 Gramm
       Algen, bei  deren Zersetzung 150 Gramm Sauerstoff verbraucht wer-
       den.)
       Die zum großen Teil sehr schwer oder gar nicht abbaubaren synthe-
       tischen Chemieprodukte  sowie Schwermetalle und anorganische Ver-
       bindungen werden  von den  biologischen Kläranlagen  nur zu einem
       relativ geringen  Prozentsatz entfernt.  Dieser Teil der Schmutz-
       stoffe findet  sich dann  in den  Klärschlämmen, wodurch deren an
       sich sinnvolle  Verwendung für die Bodenverbesserung in der Land-
       wirtschaft oft  unmöglich gemacht  wird. Auf diese Weise wird das
       Abwasserproblem in  ein Abfallproblem verwandelt. Der andere Teil
       der durch  herkömmliche Kläranlagen  nicht  beseitigten  giftigen
       Verbindungen und Schwermetalle belastet weiterhin die Fließgewäs-
       ser. So hat der gestiegene Sauerstoffgehalt zwar eine weitgehende
       Erholung der  Fischfauna des Rheins ermöglicht. Vom Genuß der Fi-
       sche wird  den Anglern jedoch abgeraten. Sie enthalten nämlich zu
       einem nicht  unbeträchtlichen Teil  überhöhte Konzentrationen  an
       potentiell  krebserregenden   chlororganischen  Verbindungen  und
       Schwermetalleri. 36)
       
       4.2 Probleme der Trinkwasserversorgung in Ballungsräumen
       --------------------------------------------------------
       
       Die Restverschmutzung  aus biologischen Kläranlagen kann auch die
       Trinkwassergewinnung aus  Flußwasser bzw. Uferfiltrat vor schwie-
       rige Probleme  stellen. Bei  Belastungsspitzen, wie sie etwa auf-
       treten, wenn die großen biologischen Kläranlagen von Chemiewerken
       durch Vergiftung  ausfallen, oder  wenn giftige  Abwässer, um die
       Kläranlage zu  schonen, direkt  eingeleitet werden,  können Gift-
       stoffe durch  die Filter  der  Wasserwerke  bis  ins  Trinkwasser
       durchschlagen. Das war z.B. Ende September 1982 der Fall, als ein
       Schub Ortho-Chlornitrobenzol  vom Werk  Griesheim der  Hoechst AG
       über den  Main in  den Rhein gelangte. Aber auch die Wasserwerke,
       die das  Wasser nicht  direkt oder  indirekt aus Flüssen, sondern
       aus Grundwasserkörpern  beziehen (70 Prozent des Trinkwassers der
       BRD wird  aus Grundwasser  gewonnen), können nicht immer einwand-
       freies Trinkwasser liefern; denn das Grundwasser ist nicht in al-
       len Teilen  der BRD  durch Deckschichten gegenüber der Verschmut-
       zung durch  Nitrate aus  der intensiven  Landwirtschaft (vgl. Ab-
       schnitt 3)  und chlorierte Kohlenwasserstoffe (z.B. durch unsach-
       gemäß beseitigte Lösungsmittelrückstände) geschützt.
       Der von  der Europäischen  Gemeinschaft eingeführte Richtwert von
       50 Milligramm  Nitrat pro  Liter wird von schätzungsweise 10 Pro-
       zent der  bundesdeutschen Wasserwerke überschritten. 37) Manchmal
       ist es ihnen möglich, Wasser aus nitratbelasteten Tiefbrunnen mit
       weniger belastetem  Wasser zu  mischen. Wo das nicht möglich ist,
       wird empfohlen,  Säuglingsnahrung mit Mineralwasser zuzubereiten.
       Erst ein  Nitratgehalt von weniger als 10 Milligramm in einem Li-
       ter Trinkwasser  gilt als  hinreichend niedrig, um das Risiko der
       Blausucht (Umwandlung  von Nitrat  zu giftigem  Nitrit im  Magen)
       weitestgehend zu vermindern. Die Wasserwerke von Mönchengladbach,
       wo das  Grundwasser stark durch den intensiven Gemüseanbau in der
       niederrheinischen Bucht  belastet ist, haben 1983 eine aufwendige
       Pilotanlage zur Denitrierung des Brunnenwassers in Betrieb genom-
       men. Eine  Großanlage nach dem gleichen Prinzip, so wurde berech-
       net, würde  das Trinkwasser  um bis  zu 15  Pfennig je Kubikmeter
       verteuern. Es  sei billiger,  die landwirtschaftlichen Flächen in
       der Umgebung der Brunnen aufzukaufen, um sie brachzulegen.
       Die Verschmutzung des Trinkwassers durch chlorierte Lösungsmittel
       wurde vor  allem in  und um Frankfurt ruchbar. Als Ursache konnte
       man die  Versickerung von  Reinigungsmitteln auf  dem Frankfurter
       Flughafen ermitteln,  in dessen  Nähe sich Brunnen der Stadtwerke
       befinden. Das Bundesgesundheitsamt ließ daraufhin das Grundwasser
       im gesamten  Ballungsraum überprüfen, wobei man fast überall fün-
       dig wurde.  Der massenhafte  Einsatz chlorierter  organischer Lö-
       sungsmittel wie  vor allem  Trichloräthylen (Tri)  und  Perchlor-
       äthylen (Per)  in den Entfettungsanlagen der metallverarbeitenden
       Industrie, in  der Lack-Industrie  und in  Schnellreinigungen ist
       erst in  den letzten  Jahren als weitreichendes Umweltproblem er-
       kannt worden. 38) Der größte Teil dieser leichtflüchtigen Verbin-
       dungen wird  bis heute  in die Luft geblasen, obwohl sie über Ak-
       tivkohlefilter gewinnbringend  wiederverwertbar wären. In der At-
       mosphäre werden  diese krebserregenden  Verbindungen, die höchst-
       wahrscheinlich auch  an der  Auslösung des Waldsterbens beteiligt
       sind, unter dem Einfluß der Sonnenstrahlung im Zeitraum von eini-
       gen Monaten  abgebaut. Im  Grundwasser sind sie jedoch über Jahre
       oder gar Jahrzehnte beständig.
       Die Grundwasserverschmutzung  im Umkreis  von Ballungsräumen  ist
       neben der Grundwasserverknappung infolge der Versiegelung des Bo-
       dens oder  infolge bewußter Grundwasserabsenkungen bei der Anlage
       von Tiefgaragen,  beim Bau von Untergrundbahnen oder beim Bergbau
       zum wichtigsten  Grund für  den  Trend  zu  immer  weiträumigeren
       Trinkwasserversorgungssystemen geworden - ein Trend, der im Ruhr-
       gebiet von  der Gelsenwasser  AG bewußt genutzt wird, um die Kon-
       zentration und  die Privatisierung  der Wasserwirtschaft voranzu-
       treiben. 39)  Bei den  Fernversorgungssystemen besteht  aber  die
       Tendenz, das  Problem  der  Grundwasserverknappung  lediglich  in
       ländliche Gebiete  zu verlagern.  Besonders deutlich wurde das im
       Fall der  Trinkwasserförderung der Stadt Frankfurt aus dem Hessi-
       schen Ried  und aus dem Vogelsberg. Das Ried, wo der Grundwasser-
       spiegel um neun Meter gesunken ist und Wälder und Wiesen verdorr-
       ten, wird  jetzt mit  Rheinwasser aufgefüllt, wobei jedoch dessen
       Salzfracht aus den elsässischen Kaliminen zu schaffen macht.
       Der riesige  Wasserbedarf der Ballungszentren ist in erster Linie
       dem Durst  der Großindustrie zuzuschreiben. Der Wassereinsatz der
       privaten Haushalte,  der in  den sechziger  und siebziger  Jahren
       stark angestiegen  ist, stagniert seit 1982. (Das läßt sich durch
       eine weitgehende  Sättigung der Wohnungsausrüstung mit Bädern und
       WCs erklären.)  Der durchschnittliche  Wasserbedarf je  Einwohner
       liegt derzeit  bei 147 Litern am Tag. Nur 12 Prozent des gesamten
       Wassereinsatzes von  41 Milliarden Kubikmetern im Jahre 1981 ent-
       fielen auf  die öffentliche  Wasserversorgung. 62  Prozent wurden
       von den  Wärmekraftwerken als  Kühlwasser in  Anspruch  genommen.
       (Die damit in die Flüsse geleitete Abwärme verstärkt die Giftwir-
       kung zahlreicher Schmutzstoffe und übt auch unmittelbar einen un-
       günstigen Einfluß  auf Flora und Fauna aus.) Mehr als ein Viertel
       des gesamten Wassereinsatzes entfällt somit auf die verarbeitende
       Industrie und  den Bergbau (der den überwiegenden Teil des geför-
       derten Grubenwassers ungenutzt ableitet). Dabei wird es als skan-
       dalös empfunden,  daß Fabriken  (z.B. Chemiewerke  am Rhein) auf-
       grund alter Wasserrechte etwa 1,3 Milliarden Kubikmeter Grundwas-
       ser von  Trinkwasserqualität nutzen  (wobei das von Betrieben aus
       öffentlichen Versorgungsnetzen bezogene Wasser noch nicht berück-
       sichtigt ist),  während Städte  auf Flußwasser zurückgreifen müs-
       sen, das von den gleichen Betrieben verschmutzt wird. 40)
       Schließlich gibt  es ein  Problem der  Trinkwasserversorgung, das
       auch durch den zunehmenden Übergang zur Fernversorgung nicht lös-
       bar ist:  Die Versauerung  des Grund-  und Quellwassers  und ihre
       Folge, die  Mobilisierung giftiger  Schwer- und Leichtmetalle wie
       vor allem  Cadmium und  Aluminium. Über den Grad der Gewässerver-
       sauerung und  die Metallgehalte gibt seit kurzem der von der Bun-
       desanstalt für  Geowissenschaften  und  Rohstoffe  herausgegebene
       "Geochemische Atlas der Bundesrepublik Deutschland" 41) Auskunft.
       Dieses Kartenwerk,  das auf  80 000 Wasser-  und 70 000 Bachsedi-
       mentproben fußt,  wurde ursprünglich zum Zwecke der Rohstoffsuche
       angefertigt. Heute  stellt es  die einzige flächendeckende Daten-
       sammlung über  die Qualität des Quellwassers dar. Es liefert eine
       Reihe von  Anhaltspunkten dafür, daß die Lage in einzelnen geolo-
       gisch vorbelasteten  Mittelgebirgsregionen kritisch zu werden be-
       ginnt. So wurden etwa in einigen Quellen in der Nähe der Sösetal-
       sperre im  Harz 30  mal höhere  Aluminiumgehalte gefunden  als im
       Rhein bei Köln. Die Sickerwässer unter der Wurzelzone von Fichten
       im Solling  (Südniedersachsen) enthalten  mit 87  Milligramm  pro
       Liter sogar 260 mal mehr Aluminium als der Rhein.
       Aluminium, das vor wenigen Jahren noch als völlig harmlos angese-
       hen wurde,  wird heute  für die Auslösung der Alzheimer-Krankheit
       (vorzeitige Altersverblödung  durch fortschreitende  Hirnschäden)
       verantwortlich gemacht.  In  der  Trinkwasser-Richtlinie  der  EG
       wurde eine Richtkonzentration von 0,05 Milligramm im Liter Wasser
       festgelegt. Die  Frage, ob  der "saure  Regen" dumm macht, drängt
       sich auf. 42)
       
       5. Die Kosten der Umweltzerstörung
       ----------------------------------
       
       Auch im  Bereich der  Wasserversorgung tickt also eine Zeitbombe.
       Die Entwicklung  der Umweltverhältnisse in der BRD zeigt, daß das
       kapitalistische "Wirtschaftswunder"  der Nachkriegszeit  zu einem
       beträchtlichen Maße  durch die  Beeinträchtigung und  fortschrei-
       tende Zerstörung  unserer  natürlichen  Lebensgrundlagen  erkauft
       worden ist.  Gerade die  Industriezweige, die mit ihren Produkti-
       onsverfahren und  Produkten den  Nachkriegsboom ausgelöst  und im
       wesentlichen getragen  haben (Chemie,  Fahrzeugbau,  Elektrotech-
       nik), belasten  die Umwelt am stärksten. Den Chemiekonzernen geht
       es heute  nicht zuletzt deshalb so gut, weil sie aufgrund der Or-
       ganisation ihrer  Produktion und der Eigenschaften ihrer Produkte
       in der  Lage waren,  besonders viele  Kosten auf die Gesellschaft
       und auf  zukünftige Generationen  abzuwälzen. Ja, sie konnten und
       können an der Umweltverschmutzung gleich zweimal verdienen, indem
       sie Verfahren  und Produkte  zur nachträglichen Reinigung der Um-
       weltmedien Wasser  und Luft  anbieten. Die  auf diesem  Doppelge-
       schäft fußende technokratische Entsorgungsstrategie der Umweltpo-
       litik ist  jedoch beim  Umweltmedium Boden  mit ihrem  Latein  am
       Ende.
       Das Waldsterben,  die Versauerung von Böden und Quellwässern, die
       teils akute, teils schleichende Vergiftung von Ackerland, Kultur-
       pflanzen und  Trinkwasser durch Schwermetalle und chlororganische
       Verbindungen, die  Ausbreitung von Krebs-, Kreislauf-, Atemwegs-,
       Nieren- und  Nervenerkrankungen, Allergien,  die  Zerstörung  von
       Baudenkmälern, die  Korrosion von  Anlagen und  nicht zuletzt das
       beschleunigte Aussterben  von Pflanzen-  und Tierarten zeigen un-
       mißverständlich an,  daß die Grenzen der Belastbarkeit des Natur-
       haushaltes erreicht werden, d.h., daß wir Gefahr laufen, schon in
       wenigen Jahren  eine Natur  vorzufinden (auch eine Mondlandschaft
       ist Natur),  die uns keine ausreichenden Lebensmöglichkeiten mehr
       bietet. Nachdem das "Wirtschaftswunder"-Feuerwerk abgebrannt ist,
       wird uns  nun die Rechnung präsentiert ... und die Frage, wer sie
       bezahlen soll.
       Ist sie überhaupt noch zu bezahlen? Nach Schätzungen der OECD ma-
       chen die Umweltschäden in den hochindustrialisierten Ländern drei
       bis fünf  Prozent des Bruttosozialprodukts im Jahr aus. Das wären
       in der  BRD jährlich  40-70 Milliarden  DM -  ein Betrag, der von
       Eingeweihten eher  als zu  niedrig erachtet  wird. Dem stehen Um-
       weltschutzausgaben von  durchschnittlich etwa 20 Milliarden DM im
       Jahr gegenüber.  Dieser Betrag  wird sicher  spürbar  aufgestockt
       werden müssen.  Brunowski und  Wicke schlagen in ihrem "Öko-Plan"
       43) zusätzlich  zu den laufenden Umweltschutzaufwendungen ein 66-
       Milliarden-Programm für  die kommenden  10 Jahre  vor. Der größte
       Posten (18  Mrd. DM)  entfällt dabei auf den Ausbau der Kläranla-
       gen, d.h. ihre Ergänzung um eine dritte Reinigungsstufe (nach der
       mechanischen und  biologischen) zur Eliminierung von Phosphat und
       Nitrat aus  den Abwässern. Die Finanzierung dieses Programms soll
       nach Meinung  von Brunowski und Wicke hauptsächlich über Anleihen
       und Steuermittel  erfolgen. Gleichzeitig soll die Industrie durch
       den  Einsatz   "marktwirtschaftlicher"  Anreizsysteme   wie   der
       "Glocken-Politik", der Ausgabe von Emissionsminderungs-Zertifika-
       ten 44)  oder flexible nachträgliche Anordnungen zu Investitionen
       in umweltfreundliche  Technologien veranlaßt werden. Im Falle der
       Abwasserreinigung wären  das inbesondere  Anlagen zur dezentralen
       Vorklärung giftiger  Abwässer und Rückgewinnung der giftigen Che-
       mikalien. Dieses Recycling kann mitunter gewinnbringend sein. An-
       lagen zur  Entschwefelung und  Entstickung von Kraftwerken müßten
       nach dem  "Öko-Plan" über  höhere Strompreise (bis zu 2,5 Pfennig
       je Kilowattstunde) von den Verbrauchern getragen werden - ähnlich
       wie die  Kosten der Entstickung der Autoabgase. Die Sanierung der
       Altlasten soll  über einen  "Altlastenfonds" erfolgen,  an dessen
       Speisung die  Privatwirtschaft zu  35  Prozent  beteiligt  werden
       soll.
       Brunowski  und  Wicke  bezeichnen  ihren  "Öko-Plan"  selbst  als
       "Kraftakt", der ähnliche Anstrengungen und finanzielle Mittel er-
       fordere wie  der "Sprung  ins Weltraumzeitalter".  Sie halten ihn
       aber nicht für eine Roßkur. In der Tat könnte die Volkswirtschaft
       der BRD  angesichts des  erreichten gesellschaftlichen  Reichtums
       die Finanzierung  eines solchen  ökologischen Sanierungsprogramms
       ohne weiteres  verkraften, sofern  sie von  der  Regierung  nicht
       gleichzeitig in  das Abenteuer  des  "Star-War"-Programms  Ronald
       Reagans gestürzt wird.
       Der "Öko-Plan" verweist auf die Dimension eines notwendigen Inve-
       stitionsprogramms, das  unmittelbar in  Angriff  genommen  werden
       muß, um  den schlimmsten  Perspektiven der  ökologischen Krise in
       der Bundesrepublik  begegnen zu  können. Er  wirft zugleich  zwei
       zentrale politische  Fragen auf:  Zum einen  setzt er voraus, die
       ökologische Krise sei im nationalen Rahmen lösbar und ihre inter-
       nationalen Dimensionen könnten durch Abkommen und Hilfs-programme
       berücksichtigt werden.  Das ginge  zwar insofern, als die Umwelt-
       probleme der BRD im wesentlichen "hausgemacht" sind. Jedoch zeigt
       die Tragikomödie der westeuropäischen Abgasbeschlüsse, welche Wi-
       derstände augenblicklich  bei einem nationalen Alleingang der BRD
       überwunden werden  müßten. Die  zweite, gravierendere  Frage  be-
       trifft die Finanzierung: Wer soll die gewaltigen Investitionsmit-
       tel aufbringen,  die zur  Sanierung der Umwelt dringend erforder-
       lich sind?  Das Konzept von Brunowski und Wicke will diese Lasten
       der Arbeiterklasse aufbürden. Ihr Finanzierungsmodell zielt daher
       auf die Herstellung eines entsprechenden Konsenses zwischen Groß-
       bourgeoisie und Arbeiterklasse. Sie fordern sogar, die Flexibili-
       sierung der  Umweltauflagen müsse eine Entsprechung finden in ei-
       ner Flexibilisierung  des Arbeitsmarktes  (durch Job-Sharing ohne
       Lohnausgleich usw.),  damit  die  Beschäftigungseffekte  der  Um-
       weltinvestitionen voll zum Tragen kommen könnten. Es ist dies das
       Konzept einer  privatmonopolistischen Lösung  der Umweltprobleme,
       das jenen  noch einmal  Profite verspricht, die die Umweltzerstö-
       rung in der Hauptsache verursachen.
       Die drei  eng miteinander  verflochtenen Krisenprozesse des Wald-
       sterbens, der Bodenzerstörung und der Trinkwasserverknappung kön-
       nen sich  noch vor  dem Jahr 2000 zu einer Katastrophe ausweiten,
       wenn in den nächsten Jahren keine grundlegende Wende in der Wirt-
       schafts- und  Produktivkraftentwicklung vollzogen wird. Noch sind
       die unumgänglichen Reparaturen am Naturhaushalt materiell möglich
       und bezahlbar; aber ob sie durchgesetzt werden und wer sie bezah-
       len soll  - das  ist eine  Frage der  politischen Bewegungen  und
       Kräfteverhältnisse. Die Arbeiter- und Alternativbewegung ist also
       doppelt gefordert  bei der Entwicklung und Durchsetzung einer ar-
       beitsorientierten Alternativstrategie in der Umweltpolitik.
       
       _____
       1) H. Paucke/A. Bauer, Feststellungen und Fragen zur ökologischen
       Krisenproblematik, in:  Deutsche Zeitschrift  für Philosophie 25.
       Jg., H. 4/1977.
       2) E. Gärtner,  Arbeiterklasse und  Ökologie, Frankfurt  am  Main
       1979, S. 90 f.
       3) Vgl. die  Beiträge von  E. F. Bruenig, E. T. Degens, S. Kempe,
       A. Sitzy, H. Flohn, W. Bach, in: Die Umschau, 85. Jg., H. 3/1985,
       S. 152-159.
       4) Th. Ebermann/R.  Trampert, Die  Zukunft  der  Grünen,  Hamburg
       1984, S. 18. (Ebermann und Trampert verfälschen den Zusammenhang,
       wenn sie mir vorwerfen, ich hätte in meinem 1979 (!) erschienenen
       Buch, in dem ich darauf hinweise, daß die in der BRD festgelegten
       Grenzwerte für  Luftschadstoffe den  Wald nicht  schützen können,
       nicht die  Tragweite des  Waldsterbens herausgearbeitet.  Und sie
       können ihre  technikfeindliche Position  nur rechtfertigen, indem
       sie meine marxistische Argumentation entstellen.)
       5) Die im  folgenden zitierten  Daten wurden, soweit nicht anders
       angegeben, zwei Datensammlungen entnommen, deren Lektüre zur Ver-
       tiefung der hier nur angeschnittenen Probleme empfohlen wird: Um-
       weltbundesamt (Hrsg.),  Daten zur  Umwelt 1984,  Westberlin  1984
       (enthält vorwiegend globale Angaben); E.R. Koch, Die Lage der Na-
       tion 85/86.  GEO-Umweltatlas  der  Bundesrepublik,  Hamburg  1985
       (enthält sehr  viele Einzelinformationen  und bis  auf Kreisebene
       aufgeschlüsselte Daten  und Bewertungen).  Neuere  Übersichtsdar-
       stellungen zur  Entwicklung der Umweltpolitik und Umweltbelastung
       in der Bundesrepublik enthalten u.a.: E. Gärtner, Waldsterben und
       Umweltpolitik in der Bundesrepublik, IMSF-Informationsbericht 39,
       Frankfurt/M. 1984;  ders., Gewerkschaften und Ökologie, Nachrich-
       ten-Reihe Bd. 32, Frankfurt/M. 1985.
       6) E. Gärtner,  Deperimento delle  foreste, in: Cellulosa e Carta
       36.  Jg.,   Heft  1/1985,   S.  32-37;  ders.  in:  Le  Monde  v.
       24./15.1.1985, sowie: Deutsche Volkszeitung/die tat v. 28.6.1985.
       7) Pers. Mitteilungen von Prof. em. G. Becker (Ehrenpräsident der
       französischen Mycologischen Gesellschaft).
       8) G. Reichelt  konnte diese  von ihm in die Diskussion gebrachte
       Hypothese inzwischen durch die Aufnahme der Waldschadensmuster im
       Umkreis etlicher  atomtechnischer Anlagen  erhärten. Vgl. G. Rei-
       chelt, Waldschadensmuster  im Umkreis  atomtechnischer und  indu-
       strieller Anlagen  im Vergleich  zu industriefernen  Gebieten (im
       Auftrag des  Ministeriums für  Ernährung, Landwirtschaft,  Umwelt
       und Forsten  Baden-Württemberg), Manuskript, Donaueschingen 1985.
       Inzwischen hat  Reichelt ein  dreistufiges Modell  der Entstehung
       von "Strahlungssmog" vorgeschlagen (pers. Mitteilung).
       9) B. Ulrich/R.  Mayer/P. K. Khanna, Deposition von Luftverunrei-
       nigungen und  ihre Auswirkungen  in Waldökosystemen  im  Solling,
       Frankfurt am Main 1979.
       10) B. Prinz/G.H.M.  Krause/H. Stratmann, Vorläufiger Bericht der
       Landesanstalt für  Immissionsschutz über  Untersuchungen zur Auf-
       klärung der  Waldschäden in der Bundesrepublik Deutschland, Essen
       1982.
       11) M. Ashmore/N. Bell/J. Rutter, The Role of Ozone in Forest Da-
       mage in  West Germany, in: Ambio, Vol. XIV. No. 2/1985, S. 81-87.
       (Reichelts Modell  der Entstehung von "Strahlungssmog" könnte er-
       klären, warum  es in West- und Mitteleuropa trotz der relativ ge-
       ringen  Sonneneinstrahlung  zu  schädlichen  Ozon-Konzentrationen
       kommen kann: durch die radioaktive Ionisierung der Luft.)
       12) P. Schütt, Der Wald stirbt am Streß, München 1984.
       13) B. Nihlgård, The Ammonium Hypothesis - An Additional Explana-
       tion to  the Forest  Dieback in  Europe, in:  Ambio Vol. XIV, No.
       1/1985, S. 2-8.
       14) Vgl. E. Gärtner, Waldsterben und Umweltpolitik in der Bundes-
       republik a.a.O., S. 52 ff., 96 ff., 134 ff.
       15) natur 6/1985, S. 30.
       16) G. Meister,  Waldsterben im Hochgebirge. Jahrbuch des Vereins
       zum Schutz  der Bergwelt,  München 1984.  Vgl. auch M. Schneider,
       Mögliche Folgen  der Waldschäden  auf den  Wasserhaushalt, in: M.
       Böhme (Hrsg.).  Saure Wasserwelt,  Öko-Magazin  Bd.  8,  Fellbach
       1985, S. 22-40.
       17) natur 1/1985, S. 71-82.
       18) E. Gärtner, Mort de la foret: Les pessimistes avaient raison,
       in: Science & Vie (Paris) no. 808, S. 60-64, 160.
       19) Vgl. den Bericht über schwedische Experimente, in: Umwelt/BMI
       Nr. 105,  S. 23,  sowie: R. Schultz-Hock, Kalk, das Allheilmittel
       gegen "Sauren  Regen"?, in:  M. Böhme  (Hrsg.), Saure Wasserwelt,
       a.a.O., S. 143-148.
       20) Es handelt  sich dabei  um Untersuchungen  aus Bayern, veröf-
       fentlicht u.a. in: Daten zur Umwelt 1984, a.a.O.
       21) Vgl. G. Bachmann, Verunreinigung und Zerstörung unserer Böden
       - ein  Überblick, in:  J. Grumbach (Hrsg.), Grünbuch Ökologie II,
       Köln 1983,  S. 84-104;  vgl. auch J. Rohrbach, Die Gefährdung der
       Böden durch saure Niederschläge, in: Saure Wasserwelt, a.a.O., S.
       44-57.
       22) A. Kloke, Zur Belastung von Böden und Pflanzen mit Schadstof-
       fen in und um Ballungsbereiche, in: Berichte über Landwirtschaft,
       Bd. 55 (1977), H. 4, S. 633-639.
       23) H. Stolpe/Chr. Weingran, Wohin mit dem Giftmüll? Ein Handbuch
       für Bürgerinitiativen, Hrsg. BBU, Bonn 1982.
       24) Vgl. Der Spiegel Nr. 7/1985 über die Siedlung Bielefeld-Brake
       u.a.
       25) Der Spiegel Nr. 37/1984.
       26) Frankfurter Rundschau v. 15.6.1985.
       27) Der Spiegel Nr. 24/1984.
       28) Wirtschaftswoche Nr. 12/1985.
       29) Ebenda.
       30) Bild der Wissenschaft Nr. 3/1985, S. 50.
       31) Ebenda, S. 44-61 (Beitrag von J.C.G. Ottow).
       32) Stern Nr. 17/1985.
       33) Vgl. die Karten ebenda.
       34) Zahlenangaben aus  der Bodenschutzkonzeption der Bundesregie-
       rung, Bundestags-Drucksache 10/2977 vom 7. März 1985.
       35) Vgl. U.  Lahl/B. Zeschmar, Wie krank ist unser Wasser?, Frei-
       burg i.  Br. 1981.  Zu den  Problemen der Wasserversorgung Anfang
       der siebziger  Jahre vgl.  den Beitrag des Verf. in: Wirtschafts-
       krise und  Wirtschaftspolitik. Zu  den Beziehungen zwischen Wirt-
       schaftsentwicklung und Wirtschaftspolitik in der BRD in der Peri-
       ode 1966/67  bis 1975/76. Beiträge des IMSF 4, Frankfurt/M. 1976,
       S. 223 ff.
       36) Eine Übersicht  der in den großen Flüssen der BRD enthaltenen
       Schmutzstoff-Konzentrationen findet  sich im Fischer Öko-Almanach
       84/85 (Hrsg.  G. Michelsen und Öko-Institut, Freiburg), Frankfurt
       am Main 1984, S. 222-227.
       37) Ebenda, S. 232.
       38) U. Lahl/E.  R. Koch,  Gefährliche Lösungsmittel, in: Bild der
       Wissenschaft Nr. 12/1982, S. 136-146.
       39) U. Lahl/B.  Zeschmar, Trinkwasserkrise in der Bundesrepublik.
       Zur großen Koalition von Wasserwerken, Industrie und Politik, in:
       Blätter für  deutsche und  internationale Politik,  26. Jg., Heft
       12/1981, S.  1474-1495; E. Dähne (Hrsg.), Gemeindeleute. Handbuch
       für  eine  alternative  kommunalpolitische  Praxis,  Frankfurt/M.
       1985, S. 389-392.
       40) natur Nr. 10/1981, S. 23.
       41) Hier zitiert  nach dem  Vorabdruck von  vier Karten in: natur
       Nr. 3/1985,  S. 50-62; vgl. auch die Beiträge von G. Bruß, A. Lü-
       kewille, M.  Böhme und W. Ackermann in: Saure Wasserwelt, a.a.O.,
       S. 61-131.
       42) D.  Barkowski,  Gesundheitsgefahren  durch  Aluminium:  Macht
       "Saurer Regen" dumm?, in: ebenda, S. 132-142.
       43) Vgl. R.-D.  Brunowski/L. Wicke,  Der ÖKO-Plan.  Durch Umwelt-
       schutz zum neuen Wirtschaftswunder, München 1984.
       44) Eine kritische  Auseinandersetzung  mit  diesen  Instrumenten
       findet sich  bei E. Gärtner, Waldsterben und Umweltpolitik in der
       Bundesrepublik, a.a.O., S., 121 ff. und S. 134 ff.
       

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