Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       Diskussion
       
       IMSF-KONFERENZ "ZUKUNFTSDISKUSSION"
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       Kaspar Maase/Jürgen Reusch
       
       "Zukunftsdiskussion" war  das Thema einer wissenschaftlichen Kon-
       ferenz, die  das IMSF  am 23.724.  November 1985  in Frankfurt/M.
       durchführte 1)  und die  an das  im Herbst erschienene Jahrbuch 9
       des Instituts anknüpfte. Die etwa 200 Teilnehmer befaßten sich in
       einer sachlichen und z. T. kontroversen Diskussion mit der Frage,
       wie die  Bundesrepublik im  Jahr 2000 aussehen werde, welche Ent-
       wicklungsmöglichkeiten und  -varianten für  den Kapitalismus  be-
       stünden, welche  Alternativen die  Linke und die Arbeiterbewegung
       dem entgegenzusetzen  und welche  Durchsetzungsstrategien sie  zu
       erarbeiten habe.  Ihren Reiz  und ihre  Produktivität erhielt die
       Diskussion im Plenum und in den Arbeitsgruppen vor allem dadurch,
       daß es  gelungen war,  Vertreter unterschiedlicher Strömungen der
       Linken zum Meinungsaustausch zusammenzubringen.
       Das einleitende  Referat von Kaspar Maase (IMSF) zum Thema "Linke
       Zukunftsdiskussion und Kampf um Hegemonie" konzentrierte sich auf
       vier Punkte.  Erstens wurde  betont, daß  das Aufgreifen  von Zu-
       kunftsfragen im Ringen um geistigen Einfluß und Führungsfähigkeit
       der unterschiedlichen Klassenkräfte an Bedeutung gewinne. Als Be-
       gründung wurde  auf die Rolle dieser Fragen in den sozialen Bewe-
       gungen einschließlich der Arbeiterbewegung (Kampf um Arbeitszeit-
       verkürzung) und  in der jungen Generation verwiesen. Gegen refor-
       mistische Auffassungen stellte Maase zweitens heraus, daß im Mit-
       telpunkt marxistischen  Zukunftsdenkens die Formierung eines Sub-
       jekts gesellschaftlicher  Veränderung und die Perspektive des re-
       volutionären Bruchs mit dem Kapitalismus stünden. Im dritten Kom-
       plex ging es um die These vom "Ende der Arbeitsgesellschaft". Sie
       halte -  so Maase  - den Fakten nicht stand. "Nur wer das Projekt
       'Befreiung der  Arbeit' seinen Alternativen zugrunde legt, bleibt
       offen für wesentlich Neues und wird fähig zur Hegemonie." Auch im
       Jahr 2000  werde die  Lebensqualität der Bevölkerungsmehrheit von
       Lohnarbeit und  dem Einkommen daraus abhängen. Neue Ansprüche und
       Konfliktfelder zeigten  sich im  Bereich  gesellschaftlichen  und
       persönlichen Sinns der Arbeit.
       Der vierte  und umfangreichste  Teil des  Referats umriß Konturen
       eines zukünftigen  "Blocks der Veränderung". Gegen die Auffassung
       von Gorz,  Ebermann/Trampert, Joachim Hirsch und anderen, daß die
       Arbeiterklasse ihre  Zukunft  schon  hinter  sich  habe,  betonte
       Maase: Ohne  die Gewinnung  der Mehrheit  der Arbeiterklasse  und
       ohne Aufgreifen der betrieblichen Erfahrung des Grundwiderspruchs
       von Lohnarbeit  und Kapital  sei keine sozialistische Zukunft er-
       reichbar. Allerdings  sei die  Arbeiterklasse selber  im Umbruch.
       Ihre Kernsektoren  formierten  sich  neu.  Daneben  gewinne  eine
       "radikaldemokratische Grundströmung"  an Gewicht,  die  v.a.  von
       lohnabhängigen Mittelschichten und Intelligenz getragen werde. In
       einem "Block der Veränderung" müßten die Impulse aus ökonomischen
       und sozialen  Kämpfen zusammenkommen  mit jenen  Potentialen, die
       Ansprüchen auf Persönlichkeitsentfaltung und Basisdemokratie, Be-
       troffenheit durch  globale Probleme und antiimperialistischem En-
       gagement entspringen.
       Unter dem  gleichen Thema wie Maase ging Arno Klönne (Universität
       Paderborn) v. a. auf ideologische Zukunftsfragen ein. Die Gesell-
       schaft der Bundesrepublik sei auf der "Suche nach neuen Identitä-
       ten". Infolge  der Verunsicherung über die Zukunft des Kapitalis-
       mus zeige sich eine Tendenz zur "Wiederabkehr von 'westlich-libe-
       ralen' Leitvorstellungen,  für eine  nationalisierende, auch neo-
       rassistische Umdefinition  sozialer  Probleme,  für  ein  Wieder-
       auftreten sozialbiologischer,  gegen das  Gleichheits- und  Frei-
       heitsprinzip gerichteter  Ideen."  Vor  diesem  Hintergrund  wies
       Klönne auf  die "Mehrdeutigkeiten"  grüner,  ökologistischer  und
       alternativer  Ideologien   hin.  Kritik  an  Industrialismus  und
       Großorganisationen, Forderungen  nach selbstbestimmter Arbeit und
       ökologischem Wirtschaften  seien Ziele von "Vereinnahmungsstrate-
       gien der Neuen Rechten".
       Wohl auf die SPD-Programmdiskussion gemünzt, stellte Klönne fest:
       "Die Linke  hat ...  keine Chance,  wenn sie  ein Konglomerat von
       Hoffnungen auf  sozusagen verständige  oder innovative  Kapitali-
       sten, Zugeständnissen an alternativ-grüne Wachstums- und Bürokra-
       tiekritik, Berücksichtigungen  partikularer  Gewerkschaftspolitik
       und Aufforderungen  an dualwirtschaftliche Selbsthilfe anbietet."
       Vielmehr gelte  es unter Berücksichtigung gewandelter Bedingungen
       an  der   sozialen  Utopie   der  Arbeiterbewegung  festzuhalten:
       "Materielle Existenzsicherung  für alle,  demokratische Entschei-
       dung über  die Produktion, egalisierende Verteilung der Resultate
       gesellschaftlicher  Arbeit,  internationaler  Ausgleich  der  Le-
       benschancen; Freiheit, Gleichheit, Frieden."
       Detlev Albers (Universität Bremen) trug "Mutmaßungen über den So-
       zialismus im Jahr 2000" vor. Sein Ausgangsgedanke war: Alle Revo-
       lutionen und  Katastrophen des Jahrhunderts haben nicht vermocht,
       "Selbstsicherheit und  Dynamismus in  der Zitadelle des alten Sy-
       stems zu  brechen". Die  "Trümpfe der herrschenden Klasse" in den
       kommenden Jahrzehnten  seien Technik,  Gewohnheit, Gewalt,  Welt-
       markt und  Wettrüsten. Vor allem die "Aussicht auf unerhörte Pro-
       duktivitätssteigerungen der  'neuen Technologien'" verschaffe dem
       Kapitalismus materiell und ideologisch Luft. Bei aller Überlegen-
       heit sei  jedoch die  Krisenhaftigkeit dieser Gesellschaftsforma-
       tion unaufhebbar,  aus der immer wieder Veränderungspotential ak-
       tivierbar werde.
       Neue Kräfte  entstünden "aus  der Wahrnehmung klassenübergreifen-
       der, wahrhaft  gattungsbezogener  Widersprüche":  Frauenbewegung,
       Friedensbewegung, Ökologiebewegung.  Aus  ihrem  Anliegen  heraus
       müßten sie  bestimmte lebensnotwendige  Züge der kapitalistischen
       Gesellschaft bekämpfen. Unter den "alten" Veränderungspotentialen
       ging Albers auf die revolutionären Kräfte in der kapitalistischen
       Peripherie ein,  die für die Schaffung breiter Volksbündnisse re-
       ligiös orientierte  Kräfte gewinnen  könnten. Bei aller Kritik an
       "schweren Deformationen"  in der  Entwicklung der sozialistischen
       Staaten rechnete  Albers sie  doch zu den Veränderungspotentialen
       des Jahres  2000. Die  sozialistischen Kräfte  in den  Metropolen
       schließlich müßten  im Kampf um Reformen die Notwendigkeit umfas-
       sender sozialistischer  Alternativen  verbreiten  und  dabei  die
       neuen Potentiale in ihrer Autonomie einbeziehen.
       Befreiung von  Welthunger, Rüstungswahnsinn, Weltkriegsgefahr und
       ökologischen Katastrophen  sei nur  noch  weltweit  möglich;  die
       Parole "Proletarier  aller Länder, vereinigt Euch!" gebe daher im
       ganz wörtlichen Sinn eine übergreifende Zukunftsaufgabe an.
       Soweit in  den einleitenden Beiträgen unterschiedliche Positionen
       vertreten wurden,  standen sie  leider nur  nebeneinander, wurden
       nicht in direkter Kontroverse vorgebracht. Diskussionsstoff hätte
       z.B. die Frage geboten, ob die bevorstehende Periode primär unter
       dem  Gesichtspunkt   der  "Krisenfestigkeit  des  alten  Systems"
       (Albers), der  "ideologischen und politischen Umgruppierung" nach
       rechts (Klönne)  oder als  Umbruchperiode mit  Möglichkeiten  für
       eine Wende  (Maase) gesehen  werden müsse.  Auch die Einschätzung
       der neuen  Veränderungspotentiale unterschied sich deutlich. Wäh-
       rend Klönne  die Gefahr  einer neu-rechten  Hegemonie betonte und
       Albers die klassenübergreifenden Veränderungspotentiale herausar-
       beitete, stellte  sich in  Maases Sicht die Aufgabe, in den demo-
       kratischen Bewegungen  antimonopolistische Orientierungen  durch-
       zusetzen und  um die Einsicht zu kämpfen, daß "die breitesten Lö-
       sungen der  kapitalistischen Krisenprobleme  vom Interessenstand-
       punkt der Arbeiterklasse zu entwerfen und durchzusetzen sind".
       Zur intensiven Diskussion in Arbeitsgruppen waren drei "Zukunfts-
       felder" vorgesehen,  die durch  Statements von  unterschiedlichen
       Positionen aus  eingeleitet wurden.  Zum  Thema  "Metropolen  und
       Unterentwicklung: Kampf  dem  Industrialismus  oder  antiimperia-
       listische Solidarität?"  referierten Hermann  Bömer  (Universität
       Dortmund) und  Ludger Volmer (Bundestagsabgeordneter der Grünen).
       Bömer ging  aus von der tiefgreifenden Deformation der Produktiv-
       kraftstrukturen  in  den  ehemals  kolonialen  Ländern  und  ent-
       sprechend  deformierten   Handelsbeziehungen  zu  den  imperiali-
       stischen Metropolen.  Dazu gehöre  profitorientierte Industriali-
       sierung ebenso  wie brutale De-Industrialisierung. Erst unter so-
       zialistischen Verhältnissen sei es möglich, beim Aufbau einer in-
       dustriellen Grundlage  schrittweise die ererbten Deformationen zu
       überwinden und  zukunftsfähige Naturbeziehungen herzustellen. Ge-
       genwärtig liefen  alle Fäden  in der Verschuldungskrise zusammen.
       Bömer kritisierte  grüne Konzepte, die die Befreiung der Entwick-
       lungsländer aus dem herrschenden System internationaler Verflech-
       tungen von der Schaffung einer neuen Weltwirtschaftsordnung tren-
       nen. Ein progressives Lösungskonzept verlange eine "Demokratisie-
       rung der weltwirtschaftlichen Lenkungszentren" durch Stärkung der
       UN-Organisationen.  Ohne  eine  antimonopolistische  Stoßrichtung
       gegen die  multinationalen Banken  und  Konzerne  sei  eine  pro-
       gressive  Reform   der   internationalen   Wirtschaftsbeziehungen
       unerreichbar. Die  damit verbundenen  Fragen würden  in  den  Zu-
       kunftsdebatten immer wichtiger.
       Volmer stellte  die Schuldenkrise  in den Mittelpunkt seiner Aus-
       führungen. Neben USA und Bundesrepublik machte er dafür auch ein-
       heimische Eliten,  die sich  bereichert  hätten,  verantwortlich.
       Eine "vollständige  Abkopplung der  Entwicklungsländer vom  Welt-
       markt" sei keine Alternative, wohl aber gehe es um die Unterstüt-
       zung binnenmarktorientierter  Wirtschaftsstrukturen, die  auf die
       Deckung der  Grundbedürfnisse der Bevölkerung gerichtet sein müß-
       ten. Erlassene  Schulden sollten  in den  Entwicklungsländern zur
       Schaffung gesellschaftlich  kontrollierter Fonds dienen, die sol-
       che Wirtschaftsstrukturen  fördern sollen. Die Weltbank müsse zu-
       gunsten regionaler  Entwicklungsfonds aufgelöst werden. Im weite-
       ren gehe es um die Diskussion einer neuen Weltwirtschaftsordnung,
       in der  die Abhängigkeit  von den Interessen der kapitalistischen
       Industrieländer beendet werde.
       Das Thema "Zukunft der Arbeit: Dualwirtschaft oder Lohnarbeit für
       alle?" wurde  eingeleitet durch  Annette Kühn  (Universität Bonn)
       und Angelina  Sörgel (Universität  Bremen). Kühn betonte die Not-
       wendigkeit, aus  feministischer Sicht die in allen Gesellschafts-
       formationen wirksame  weibliche Produktionsweise  sichtbar zu ma-
       chen. Marx  habe die  geschlechtsspezifische Spaltung  der Arbeit
       nicht zur  Kenntnis genommen  und verfüge  daher nur  über  einen
       männlichen Arbeitsbegriff.  Ohne Verständnis  von Leistungen  und
       Leistungsfähigkeit weiblicher  Produktion  könne  nicht  sinnvoll
       über die  Zukunft der  Arbeit diskutiert  werden. Aufwertung  der
       Hausfrauenarbeit sei  keine Perspektive,  die falsche Alternative
       "Privatisierung oder  Sozialisierung" müsse  aufgebrochen werden.
       Es gehe um die "Neuvermessung der gesamten gesellschaftlichen Ar-
       beit mit  dem Ziel, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung" zu
       überwinden. Dazu gehöre der Anspruch der Frauen auf Arbeitsplatz-
       garantie, Individuallohn  statt Familienlohn. Zu einer umstruktu-
       rierten Arbeitsgesellschaft gehöre gesicherte "Teilzeitarbeit für
       alle" (30-Stunden-Woche)  ebenso wie  die Anerkennung  weiblicher
       Produktivität.
       Sörgel charakterisierte zunächst die aktuelle Entwicklung der Ar-
       beit: Brüche, die aus der technologischen Veränderung herrührten,
       fänden statt bei Kontinuität der Ausbeutung, die in den Produkti-
       onsverhältnissen begründet  sei. Dadurch würden die Wandlungen in
       der Stellung des Menschen im Arbeitsprozeß spezifisch bestimmt in
       Richtung auf verschärfte Rationalisierung, neue Differenzierungen
       unter Arbeitern wie Angestellten, Massenarbeitslosigkeit etc. Von
       Brüchen wie Kontinuität seien Frauen besonders negativ betroffen.
       Theoretisch wandte sich Sörgel gegen Kuhns Konzept einer formati-
       ons-übergreifenden weiblichen  Produktionsweise; der Kapitalismus
       setze gerade  mit einer gewaltigen Mobilisierung weiblicher Lohn-
       arbeit ein. Im Kampf um eine Veränderung der Arbeit gelte es drei
       Ebenen zu verbinden: betriebliche Forderungen, wirtschaftspoliti-
       sche Veränderungen  und Selbsthilfeaktivitäten im Sinne eines al-
       ternativen Sektors.
       Zum Thema  "Zukunft der  sozialen Sicherung: Selbsthilfe und/oder
       Solidarprinzip?" sprach  wegen Erkrankung  des Korreferenten  nur
       Walter  Baumann   (Universität  Frankfurt).  Er  charakterisierte
       zunächst das  bestehende System  staatlicher  Sozialpolitik,  das
       über "zunehmenden  Einsatz rechtlicher  und  ökonomischer  Steue-
       rungsmedien die  schädlichen Folgen  der  kapitalistischen  Wirt-
       schaftsverfassung für  die  benachteiligten  Bevölkerungsgruppen"
       abmildere. Damit  sei notwendig eine Tendenz zur Passivierung und
       Entwürdigung der lohnabhängigen Leistungsempfänger verbunden. Mit
       Krise, Arbeitslosigkeit  und steigenden Sozialkosten stoße dieses
       System an seine Grenze. Eine Umorientierung auf die gesellschaft-
       lich billigere Prävention sozialer Probleme sei im traditionellen
       Sozialsystem unmöglich,  aber durchaus  mit dem Kapitalismus ver-
       einbar. Grüne  Selbsthilfekonzepte setzten das bestehende Sozial-
       system voraus  und blendeten  illusionär Herrschafts- und Gewalt-
       verhältnisse aus.  Sozialpolitische Alternativen  müßten von  den
       öffentlichen Sozialdiensten ausgehen, um deren repressive, passi-
       vierende und irrationale Tendenzen zurückzudrängen.
       Am zweiten  Konferenztag wurde  das Hauptthema noch einmal aufge-
       nommen und  unter der Fragestellung erörtert: Wie kommt ein Block
       der Veränderung  zustande, von welchen Kräften, Bewegungen, Bünd-
       nissen und  Widersprüchen wird  er geprägt sein? Dazu entwickelte
       sich eine intensive und z. T. kontroverse Diskussion, an der sich
       Repräsentanten unterschiedlicher  Richtungen der Linken beteilig-
       ten. In  der Diskussion sprachen Joachim Bischoff, Karl Bühn, An-
       nette Kuhn, Leonhard Mahlein, Erhard Moosmayer, Jan Priewe, Hart-
       mut Regitz,  Fritz Rische,  Jürgen Bernd  Runge, Rolf Schwendter,
       Robert Steigerwald  und Alma  Steinberg. Aus  Platzgründen werden
       hier nur einige Beiträge inhaltlich zusammengefaßt.
       Leonhard Mahlein,  der hier  zum letztenmal  öffentlich  auftrat,
       verwies auf  den Zusammenhang  von Gegenwart  und Zukunft  in den
       Kämpfen der  Arbeiterbewegung. Er  betonte, die  politische  Aus-
       strahlung und  Gestaltungskraft der  Arbeiterbewegung hänge immer
       auch damit  zusammen, wie stark unter ihren Mitgliedern und Funk-
       tionären das  Bewußtsein verankert  sei, daß sich ihr Kampf nicht
       nur auf  ihre unmittelbaren  Interessen richte,  sondern auch mit
       dem Ziel  einer besseren  und menschenwürdigeren  Welt  verbunden
       sei. Dies  sei auch in schwierigen Zeiten wie etwa dem Faschismus
       eine Quelle  der Kraft  gewesen. In  den aktuellen  Streikkämpfen
       seien der  Zukunftsbedarf und  die Zukunftsenergien der Arbeiter-
       klasse zunehmend erkennbar.
       Objektiv sei die Einheitsgewerkschaft die einzige Kraft, die ent-
       scheidende Veränderungen  im Sinne der Arbeiterklasse durchsetzen
       könne, aber  sie benötige  - ohne  Ausgrenzungen  -  viele  Bünd-
       nispartner und lerne auch von ihnen.
       Joachim Bischoff (Sozialistische Studiengruppen, Hamburg) vertrat
       die Auffassung,  die Zukunftsdiskussion  der Linken widerspiegele
       reale Strukturveränderungsprozesse  ; es  mangele nicht an Visio-
       nen, wohl aber an konsequenter Anerkennung dieser Veränderungen.
       In  diesem   Zusammenhang  ging   Bischoff  vor   allem  auf  die
       "Intellektualisierung des  Arbeitskörpers", die Feminisierung der
       Arbeit und  das zunehmende  Gewicht der  Angestellten ein.  Diese
       Tendenzen erforderten das Auffinden neuer Zugänge zu fortschritt-
       lichem Bewußtsein und größere Bemühungen, ein Auseinanderdividie-
       ren der Arbeiterbewegung zu verhindern.
       Nach Bischoffs Auffassung hat die Linke den konservativen Schwenk
       bisher unterschätzt,  vor allem  die Gefahr  einer  grundlegenden
       Schwächung der  Gewerkschaftsbewegung. Ein  Block der Veränderung
       dürfe es sich nicht leisten, diese Probleme zu vernachlässigen.
       Der Beitrag von Rolf Schwendter (Gesamthochschule Kassel) konzen-
       trierte sich  auf in  der Arbeiterklasse vonstattengehende Diffe-
       renzierungsprozesse.  Schwendter  führte  aus,  die  vielfältigen
       Klassenströmungen des  Gesamtarbeiters einschließlich  seiner Re-
       servearmeen seien  bisher noch nicht zu einem einheitlichen Netz,
       zu einer  hegemonialen Struktur  im Sinne Gramscis zusammengefaßt
       worden. Bestehende  Differenzierungen verhinderten  bislang  eine
       solche Formierung.  Schwendter warnte  vor der  Benutzung des Be-
       griffs "Randgruppen",  da diese  sehr wohl eine organisationsför-
       mige soziale  Macht darstellten. Daraus müßten sich - bisher ver-
       nachlässigte -  Konsequenzen für eine gewerkschaftliche Strategie
       ergeben,  nämlich   z.  B.   für  die  Organisierung  eben  jener
       "Randgruppen" flexible  Lösungsformen zu  finden ("Hausfrauen  in
       der IG Metall" u.ä.).
       Jan Priewe  (Memorandumsgruppe, Darmstadt)  wandte gegen Bischoff
       ein, die  Linke diskutiere  keineswegs genug über Zukunftsfragen,
       sondern verliere sich allzu bereitwillig in den Fragen des Klein-
       kriegs. So  sei es  z. B. erforderlich, mehr Zukunftsenergien auf
       die Rolle  und die  Gestaltung der  Arbeit zu verwenden. Es werde
       auch zukünftig  kein Ende  der Arbeit  und ihre völlige Ersetzung
       durch Technik geben. Die materielle Produktion bleibe bestimmend,
       aber ihre  Bedingungen  veränderten  sich.  Die  Arbeiterbewegung
       könne Produktivkraftentwicklung  durchaus bejahen, müsse aber auf
       deren Gestaltung  Einfluß nehmen; vor allem Fragen der Vergesell-
       schaftung gewönnen an Bedeutung.
       Aus der  Bedeutung der Arbeit und der materiellen Produktion lei-
       tete Priewe  die unverändert  entscheidende Rolle  der  Arbeiter-
       klasse für gesellschaftliche Veränderungen ab. Der in der materi-
       ellen Großproduktion  verankerte Kern  der Arbeiterklasse behalte
       seine Bedeutung,  sei aber - auch zukünftig - einem Schrumpfungs-
       prozeß unterworfen. Gerade deshalb komme ihm wachsende politische
       Aufmerksamkeit zu,  die auch von den demokratischen Bewegungen zu
       fordern sei.  Zugleich müsse man der Verbindung und gegenseitigen
       Beeinflussung zwischen  Kern der  Arbeiterklasse, neuen Arbeiter-
       klassengruppen und  den Mittelschichten,  besonders der  Intelli-
       genz, mehr Beachtung schenken.
       Alma Steinberg (IMSF) ging auf die Interessen und Forderungen der
       Frauen in  einem Block der Veränderung ein. Nur auf der Basis von
       Erwerbsabsicherung könnten  Frauen im Bereich der gesellschaftli-
       chen Reproduktion  Druck ausüben. Die hier zu konstatierenden be-
       sonderen Benachteiligungen  seien auch nur durch besondere Bevor-
       zugung aufzuheben,  z.B. über  Frauenförderpläne und  Quotierung.
       Letztere schaffe  natürlich an  sich keine  Arbeitsplätze,  trage
       aber zur  Demokratisierung ungleicher  Verhältnisse bei und müsse
       mit Beschäftigungsprogrammen und anderen Maßnahmen verbunden wer-
       den.
       Robert Steigerwald  (DKP-Parteivorstand) bekräftigte  die Notwen-
       digkeit des  Zukunftsdenkens, warnte aber vor einer Umkehrung der
       Bernsteinschen  Losung   ("Das  Ziel   ist  alles,  die  Bewegung
       nichts"), vor Utopismus und einer uferlosen Benutzung des Utopie-
       begriffs. Die Zukunftsdiskussion dürfe ihre in der Gegenwart lie-
       genden Ansätze  nicht aus dem Auge verlieren. Was die gegenwärti-
       gen Verhältnisse  betreffe, so  seien hier  vor allem  drei  neue
       Aspekte zu berücksichtigen: Der veränderte Charakter des Krieges,
       die ökologische  Krise und  die globalen  Probleme. Vor allem der
       Friedenskampf sei  heute von  existentieller Bedeutung,  sei  dem
       Klassenkampf nicht mehr untergeordnet. Ohne Frieden und Abrüstung
       seien heute  auch für  andere Probleme  Lösungen nicht  mehr vor-
       stellbar. Steigerwald  schlug vor,  unter diesen Aspekten die ge-
       samte Revolutionsproblematik neu zu durchdenken.
       Zu den  demokratischen Massenbewegungen sagte er, es handele sich
       um  wichtige   Veränderungspotentiale,  die   jedoch   auch   von
       schichtspezifischen Borniertheiten und falschen Verallgemeinerun-
       gen gekennzeichnet  seien und  ohne die wissenschaftliche Theorie
       und Organisiertheit der Arbeiterbewegung langfristig nur begrenzt
       wirksam sein  könnten. Die Kommunisten seien daher auf die Arbei-
       terklasse   u n d   auf die  demokratischen Bewegungen und beider
       Zusammenarbeit orientiert.
       Jürgen Bernd  Runge (Friedensliste) bestätigte die Hegemoniefunk-
       tion der  Arbeiterklasse im allgemeinen, vertrat aber die Auffas-
       sung, in  den vergangenen  15 Jahren seien die entscheidenden Im-
       pulse von bürgerlichen Protestbewegungen ausgegangen. Die Gewerk-
       schaften seien, wenn überhaupt, der lernende und aufnehmende Teil
       gewesen. Insgesamt  hätten sich die neuen sozialen Bewegungen ge-
       genüber der  Arbeiterbewegung als  eher führende  Kraft erwiesen.
       Die Arbeiterbewegung  habe sich bisher auf die - klassenübergrei-
       fenden -  entscheidenden Konfliktfelder  der Zukunft  ("Frieden",
       "Frauen", "Ökologie") nur unzureichend eingestellt.
       Für die  nächste Zukunft,  vor allem im Hinblick auf 1987, nannte
       Runge die  Ablösung der  Rechtsregierung als  wichtigste Aufgabe.
       Dazu bedürfe es eines Programms und einer Strategie einer starken
       außerparlamentarischen Bewegung, die den Parteien gegenüber auto-
       nom sein müsse.
       In seinen Schlußbemerkungen verwies Heinz Jung (IMSF) noch einmal
       darauf, die  Entgegenstellung  von  Gegenwartsproblemen  und  Zu-
       kunftsdiskussion sei eine Scheinalternative. Beides gehöre zusam-
       men, und  die Marxisten  der BRD  seien sowohl auf dem Gebiet der
       realen Analyse  der Gegenwartsprozesse  als auch  auf dem der Zu-
       kunftsdiskussion noch  nicht stark  genug. Es  sei  erforderlich,
       weiter die Felder zu umreißen, auf denen marxistische Handlungso-
       rientierungen gefragt seien, und zwar nicht in Gestalt gekünstel-
       ter Zukunftsvisionen,  sondern an die realen Konflikte und Kräfte
       anknüpfend. Jung betonte auch den internationalen Aspekt: Die so-
       zialistischen Länder stellten heute im weltweiten Maßstab und vom
       Standpunkt des  historischen Prozesses die wichtigste Kraft fort-
       schrittlicher Veränderung  dar, dies auch mit politischen Auswir-
       kungen auf die BRD.
       Zum Verhältnis  von Arbeiterbewegung und demokratischen Massenbe-
       wegungen sagte  Jung, es  bestehe ein Problem der Ungleichzeitig-
       keit ihrer  Entwicklung. Zur  Zeit sei  ein Aufschwung der Kämpfe
       der Arbeiterbewegung zu verzeichnen, während in der grün-alterna-
       tiven Bewegung  eher eine gewisse Ruhe eingekehrt sei. Eine zeit-
       weilige Avantgardefunktion  der demokratischen  Bewegungen gegen-
       über der  Arbeiterbewegung sei unbestreitbar, jedoch erweise sich
       auch die  Arbeiter- und  Gewerkschaftsbewegung zu mobilisierenden
       Initiativen fähig.  Nicht zufällig  sei ja  gerade der  Kern  der
       Rechtswende der  Versuch einer umfassenden Revanche an der Arbei-
       ter- und Gewerkschaftsbewegung. Insofern sei in der Tat die Ablö-
       sung der  Rechtskoalition die  entscheidende Aufgabe  eines fort-
       schrittlichen Blocks in der nächsten Zukunft.
       Den Begriff  "bürgerliche Protestbewegungen" für die heutigen de-
       mokratischen Massenbewegungen  wollte Jung  nicht gelten  lassen.
       Hier handele  es sich  um Bewegungen  mit starker Beteiligung von
       lohnabhängigen Mittelschichten  und  der  Intelligenz,  typischer
       Produkte des  staatsmonopolistischen Kapitalismus  also,  und  um
       Veränderungspotentiale mit antimonopolistischen und antikapitali-
       stischen Zügen.
       In bezug  auf die  Führungsfähigkeit der Arbeiterbewegung vertrat
       Jung die  Auffassung, nicht nur der Basiskonflikt Kapital-Arbeit,
       sondern auch neue Konflikte und Widersprüche seien in der Lebens-
       realität der  Arbeiterklasse  objektiv  angelegt  und  böten  die
       Grundlage dafür,  daß die Arbeiterbewegung diese Fragen nicht nur
       aufnehmen   m ü s s e,   sondern es  auch  k ö n n e  - wie erste
       Ansätze und Erfahrungen ja auch zeigten.
       Jung hob zwei wichtige Aspekte der Zukunftsdiskussion hervor, die
       - bei  allen Problemen  - der weiteren Herausbildung eines linken
       Blocks förderlich  seien: Zum  einen das Fortschreiten der Verge-
       sellschaftungsprozesse, das objektiv systemüberwindenden Lösungen
       den Boden  bereite, und zum zweiten die aus der gegenwärtigen Um-
       bruchperiode erwachsenden  Chancen. Es  sei für  die marxistische
       Linke unumgänglich,  die sich daraus ergebende Dialektik von Kon-
       tinuität und Bruch in ihr Denken zurückzuholen.
       
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       1) Die Protokolle  der Konferenz  sind in  hektographierter  Form
       beim IMSF  erhältlich. Auszüge aus den Referaten von Kaspar Maase
       und Arno  Klönne wurden  veröffentlicht  in  "Deutsche  Volkszei-
       tung/die tat",  3.1. und 17.1.1986. Der Vortrag von Detlev Albers
       ist abgedruckt  in: Sozialismus  im 21. Jahrhundert, Bd. 2, Argu-
       ment-Sonderband 136,  West-Berlin 1985  sowie  in:  Neue  Gesell-
       schaft/Frankfurter Hefte 12/1985.
       

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