Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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       HISTORISCHE INDIVIDUALITÄTSFORMEN UND PERSÖNLICHKEIT
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       Lucien Sève
       
       1. Neue Entwicklungen in Frankreich - 2. Zurück zu einigen Leiti-
       deen -  3. "Menschliche  Psyche" und Persönlichkeit - 4. Was sind
       "historische Individualitätsformen"?  - 5.  Stringenztheorien und
       Determinationsweisen -  6. Frühgeschichte  der Persönlichkeit und
       Subjektivität -  7. Geschichte  der Persönlichkeit und Zeitplan -
       8. Krise des Kapitalismus und biographische Krise - 9. "Krise des
       kämpferischen Lebens"?  - 10. Erkenntnistheoretische und methodo-
       logische Probleme
       
       1. Neue Entwicklungen in Frankreich
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       Seit einigen Jahren läßt die marxistische Forschung über die men-
       schliche Individualität  in Frankreich  neue Entwicklungen erken-
       nen. Forscher  verschiedener Fachrichtungen,  in  ihrer  Mehrzahl
       jünger als  40 Jahre,  die bisher unabhängig voneinander arbeite-
       ten, die  aber eine  Übereinstimmung in  wesentlichen Fragen  zum
       Problem der  Individualität zusammenführt, haben begonnen, syste-
       matisch ihre  Ansichten im  Rahmen eines  Seminars auszutauschen,
       das seit zwei Jahren am Institut de Recherches Marxistes in Paris
       stattfindet. Es  handelt sich  um Michèle Bertrand, bekannt durch
       ihre philosophischen Werke, die eine Untersuchung durchführt über
       die Bedeutung  des Phantasierens  für das Individuum - um Antoine
       Casanova, den  seine zahlreichen  historischen Arbeiten  zu einer
       Vertiefung der  Beziehung zwischen  Geschichte und Biographie ge-
       führt haben  - um  Yves Clot,  Schulberater, der Forschungen über
       die Arbeit, das Wissen und die Werte, vor allem bei den Jugendli-
       chen von  heute, betreibt und anregt - um Bernard Doray, Psychia-
       ter und Psychoanalytiker, Autor des Buches Le taylorisme: Une fo-
       lie rationelle  (Dunod 1981),  das sich insbesondere mit den psy-
       chischen Problemen  der Arbeitslosen  beschäftigt -  um Françoise
       Hurstel, Soziologin  und Psychoanalytikerin,  die über die Bedeu-
       tung der  Vaterbeziehung für  die Identitätsbildung bei Arbeitern
       in ihrer  Region arbeitet  - um  Yves Schwartz, Philosoph, der in
       seiner Region  eine kollektive Untersuchung über Arbeit und Klas-
       senbewußtsein mit  Lohnarbeitern in  einem Gebiet mit hoher indu-
       strieller Konzentration  anleitet, eine  Untersuchung, die zu dem
       gerade erschienen  Buch  L'homme  producteur  (Editions  sociales
       1985) geführt hat - um Jean Pierre Ter-rail, Soziologe, in dessen
       Arbeiten es  um die  objektiven und subjektiven Veränderungen der
       Arbeiterklasse in Frankreich von heute geht. Ich selbst bin glei-
       chermaßen an dem Seminar beteiligt.
       Ich spreche  hier in keiner Weise im Namen des Kollektivs, das in
       nichts einer  um einen  "Meister" gescharten "Schule" ähnelt, und
       dessen Mitglieder,  selbst wenn  mein Buch  Marxismus und Theorie
       der Persönlichkeit  in ihrer  Reflexion eine  Rolle gespielt hat,
       völlig autonom  ihre Forschungen  betreiben. Jeder  wird übrigens
       seinen eigenen  Beitrag in einem kollektiven Buchprojekt leisten,
       zu dem wir uns gemeinsam entschlossen haben. Wenn ich vorab diese
       Information habe  geben wollen,  so tat  ich das  mit der Absicht
       aufzuzeigen, daß  die Entwicklung  meiner persönlichen  Reflexion
       über die  historischen Individualitätsformen  und die Persönlich-
       keit, die  den Gegenstand dieses Artikels ausmachen, von zahlrei-
       chen neuen  französischen Beiträgen  lebt, die  von eben den hier
       zitierten Forschern ausgehen - ebenso natürlich von den Forschun-
       gen und  kritischen Debatten, die sich in anderen Ländern entwic-
       keln, wie in Italien (ich denke hier an die Arbeiten von Ivar Od-
       done und  seinen Mitarbeitern)  und insbesondere  in  den  beiden
       deutschen Staaten,  soweit es  mir möglich war, davon Kenntnis zu
       erhalten.
       Marxismus und  Theorie der  Persönlichkeit war vor fast 20 Jahren
       in einer  großen intellektuellen Einsamkeit gedacht und geschrie-
       ben worden.  Marxistische psychologische Arbeiten von fundamenta-
       ler Bedeutung,  wie die  von  Wygotski  und  Leontjew,  waren  in
       Frankreich an  den Universitäten  wie in  den Verlagen Gegenstand
       einer totalen  Zensur (Editions sociales, das kommunistische Ver-
       lagshaus, hat  diese Zensur aufgehoben mit der Publikation Leont-
       jews: Le Developpement du psychisme - Problèmes im Jahre 1976 und
       von Pensèe  et Langage,  1985, dem  ersten Werk von Wygotski, das
       ins Französische  übersetzt wurde),  und ich hatte von diesen Ar-
       beiten kaum Kenntnis. Kaum ein französischer Marxist, die profes-
       sionellen Psychologen eingeschlossen, beschäftigte sich in dieser
       Epoche mit  der Theorie  der Persönlichkeit, und die von 1965 bis
       Mitte der  siebziger Jahre dominante Althussersche Interpretation
       des Marxismus ging soweit, sie prinzipiell auszuschließen, da der
       historische Materialismus  im Verständnis  dieser  Interpretation
       den Individuen  als solchen  die Rolle von bloßen Trägern gesell-
       schaftlicher Verhältnisse  zuweist und das Feld der Subjektivität
       insgesamt der  Lacanschen Psychoanalyse  zugeordnet hat.  Als ich
       etwas handwerklerisch  Marxismus und  Theorie der  Persönlichkeit
       schrieb, mußte  ich also  versuchen, die Aufmerksamkeit auf einen
       n i c h t       i d e n t i f i z i e r t e n        w i s s e n-
       s c h a f t l i c h e n   G e g e n s t a n d   zu lenken  -  die
       Persönlichkeit, verstanden  als zeitlich  bestimmtes  System  von
       Tätigkeiten, die  sich in einer einmaligen Biographie entwickeln,
       deren Logik  historische Individualitätsformen  zugrunde  liegen.
       Ich polemisiere  dabei vorbeugend  gegen die absehbaren Versuche,
       diesem Gegenstand  jede Legitimität  abzusprechen und stütze mich
       auf seine am schwersten zu bestreitenden Aspekte: diejenigen, die
       aus  den   ökonomischen  Verhältnissen  resultieren.  Großenteils
       daraus sind  manche Beschränktheiten und Unzulänglichkeiten eines
       Buches zu  erklären, das  ich heute selbstverständlich nicht mehr
       in der  gleichen Weise  schreiben würde,  in einem  nunmehr  ganz
       anderen Kontext,  da immer  mehr Marxisten zur Erforschung dieses
       neuen Feldes der Erkenntnis beitragen.
       
       2. Zurück zu einigen Leitideen
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       Indessen sind meiner Ansicht nach die wesentlichen Ideen im Prin-
       zip heute  nach wie  vor gültig, und an erster Stelle diejenigen,
       die ich für die Leitideen halte:
       1) Die Idee  des  P r i m a t s  d e s  "E n s e m b l e s  d e r
       g e s e l l s c h a f t l i c h e n     V e r h ä l t n i s s e",
       das allein  die Realität des "menschlichen Wesens" ist - was eine
       wachsame Kritik der klassischen und hartnäckig behaupteten Umkeh-
       rung der 6. Feuerbach-These von Marx voraussetzt, eine Umkehrung,
       nach der der "Mensch", gar das "Individuum" das "Ensemble der ge-
       sellschaftlichen Verhältnisse"  sei, was mit einem Schlag den hi-
       storischen   Materialismus    in   einen    psycho-soziologischen
       "Humanismus"  verwandelt.   Der  Leitbegriff  der    M i t t e l-
       p u n k t s v e r s c h i e b u n g   des "menschlichen  Wesens",
       implizit enthalten  in dieser  6. These, ist nur der theoretische
       Reflex  des  entscheidenden  historischen  Prozesses  der    g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e n   M e n s c h w e r d u n g,   in
       der, auf  der Basis  der materiellen  Produktion, die Fähigkeiten
       der menschlichen Gattung begonnen haben, nicht mehr innerhalb der
       individuellen Organismen  in biologischer Form, sondern außerhalb
       von  ihnen   in  historisch-gesellschaftlicher   Form   sich   zu
       akkumulieren, Fähigkeiten, die die Individuen sich im Laufe ihrer
       biographischen Entwicklung  anzueignen haben. In diesem Sinne ist
       der geniale Satz  P o l i t z e r s  zu verstehen: "Das Geheimnis
       der Psychologie ist nicht psychologischer Art."
       2) Die unmittelbar  damit verknüpfte,  aber  tief  mißverstandene
       Idee, daß  es ursprünglich   P s y c h i s c h e s   n u r    i n
       d e n   I n d i v i d u e n   g i b t,    indem  das  entwickelte
       "menschliche Wesen" sich historisch unter einer nicht-psychischen
       Form in  dem Ensemble  der gesellschaftlichen Verhältnisse verla-
       gert und nur in der biographischen Entwicklung der Individuen in-
       mitten dieser  gesellschaftlichen Verhältnisse wieder die psychi-
       sche Form annimmt. Dieser zweite Punkt ist ebenso fundamental wie
       der erste, mit dem er übrigens in einem strikten Sinne untrennbar
       verbunden ist:  Man kann  nicht die Psychologisierung der gesell-
       schaftlichen Verhältnisse  vermeiden, wenn  man nicht  ebenso die
       Soziologisierung der psychischen Verhältnisse vermeidet.
       3) In nicht  weniger enger Verbindung mit diesen beiden Ideen die
       weitere   I d e e   d e s    r a d i k a l    b e s o n d e r e n
       C h a r a k t e r s   d e r   P e r s ö n l i c h k e i t,    die
       vollständig historisch-gesellschaftlich  und  gleichzeitig  nicht
       auf eine  einfache Überbaustruktur der Gesellschaftsformation re-
       duzierbar ist.
       Wenn in einem bestimmten Sinne alles in der Persönlichkeit histo-
       risch-gesellschaftlichen Ursprungs ist, so gilt das auch für ihre
       Existenzform. Wenn  in der entwickelten Menschheit die Individua-
       lität eine  im Verhältnis  zur Tierwelt vollständig neue Form der
       Persönlichkeit annimmt,  so ist  das in  letzter Konsequenz darin
       begründet, daß ihre Entwicklung - da die menschlichen Fähigkeiten
       sich nicht  mehr im Inneren des individuellen Organismus, sondern
       außerhalb, in der gesellschaftlichen Welt akkumulieren - sich von
       den Schranken  der biologischen Individualität emanzipiert und in
       unendlicher Überschreitung  dessen, was  ein Individuum  im Laufe
       seines Lebens  sich aneignen kann, ein vollständig neues Feld für
       die biographische  Entfaltung ihrer  Einmaligkeit  eröffnet.  Die
       Existenz der  Persönlichkeit ist  so selbst  ein  geschichtliches
       Produkt. Dennoch  geht die Produktion und die Reproduktion dieser
       Existenz von  einem Faktum  aus,  dessen  natürliche  Dimensionen
       durch den historisch-gesellschaftlichen Prozeß nicht ausgelöscht,
       sondern in  ihm aufgehoben  werden:  dem    n a t ü r l i c h e n
       F a k t u m  d e r  I n d i v i d u a l i t ä t,  das der Persön-
       lichkeit und der Biographie universelle Notwendigkeiten auferlegt
       wie die, ein geschlechtsspezifisches Wesen zu sein, in der Dimen-
       sion der  Subjektivität zu leben, eine endliche Reihe von Lebens-
       jahren zu  durchlaufen. In  diesem Sinne reduziert sich die voll-
       ständig  historisch-gesellschaftliche  Basis  der  Persönlichkeit
       dennoch nicht  auf diejenige  der jeweiligen  Gesellschaftsforma-
       tion. Sie hat vielmehr ganz spezifische Dimensionen. Es ist genau
       dieses komplexe  Determinationsverhältnis, das ich mit dem Neolo-
       gismus "Juxta-Struktur" 1) glaubte ausdrücken zu können.
       Von diesem  Doppelcharakter der  Determination der Persönlichkeit
       darf nicht  abgeglitten werden zu der Idee einer doppelten Deter-
       mination, zu  einer Theorie der zwei Faktoren, zu einem Dualismus
       der Natur  und der  Kultur, da  die "natürlichen Bedingungen" der
       entwickelten menschlichen Individualität vollständig historisiert
       sind -  was an der Schnelligkeit der tiefgreifenden gesellschaft-
       lichen Veränderung  in der  Gegenwart zutage  tritt. So verändert
       sich das  "Frau-Sein" in  historischem Maßstab  vor allem infolge
       des massiven  Übergangs der Frau in das Lohnarbeitsverhältnis, wo
       sie tagtäglich  die Erfahrung  macht, daß ihre Arbeit in der uni-
       versellen Form  des Reichtums, der Geldform, der der Männer äqui-
       valent ist,  was eine  fundamentale Rolle in ihrem Bewußtsein und
       in ihrer Forderung nach Gleichheit gespielt hat.
       Ebenso erfährt  das "Jungsein"  im heutigen Frankreich eine Sinn-
       veränderung durch die Tatsache, daß das schulpflichtige Alter auf
       16 Jahre  heraufgesetzt worden  ist (wobei die Schule vollständig
       von der  Arbeitswelt abgeschnitten  ist) und  daß im Zusammenhang
       mit der  Krise das Studium oft in die Arbeitslosigkeit mündet, so
       daß eine  ganze Periode  im Leben  des Heranwachsenden entstanden
       ist, in  der das  Individuum nicht direkt in die Arbeitswelt ein-
       tritt. Das  hat enorme  Konsequenzen für die Entwicklung der Per-
       sönlichkeit, insbesondere für die Reproduktion des Klassenbewußt-
       seins.
       Desgleichen  verändert   sich  schließlich   die  Bedeutung   des
       "Altseins", und  zwar in  dem Moment, wo die allgemeine Verlänge-
       rung der  Lebenserwartung und  die Herabsetzung des Ruhestandsal-
       ters Raum  schaffen für  einen ganz neuen Lebensabschnitt und die
       Erwartung aufkommen  läßt, daß sich etwas anderes erfüllt als der
       traditionelle, mit  dem  Eintritt  in  den  Ruhestand  vollzogene
       "Rückzug" aus  dem gesellschaftlichen Leben auf die aller Öffent-
       lichkeit beraubten  "privaten" Tätigkeiten. Man liest hier wie in
       einem offenen  Buch die  radikale Geschichtlichkeit  der  "natür-
       lichen" Kategorien  des Geschlechts  oder des Alters. Bleibt noch
       zu sagen, daß das  F a k t u m  d e s  G e s c h l e c h t s, das
       F a k t u m   d e s   A l t e r s   usw. nicht  aus  sich  selbst
       Produkte der  gesellschaftlichen Verhältnisse  sind und  daß  das
       Studium der  Persönlichkeit also  nicht einfach  Anhängsel an das
       Studium der Gesellschaftsformationen sein kann.
       
       3. "Menschliche Psyche" und Persönlichkeit
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       Ebensowenig kann  die Persönlichkeit  nur die  schlichte Synthese
       alldessen sein,  was wir  von den anthropogenetischen und psycho-
       historischen Herangehensweisen  an die Formen menschlicher Tätig-
       keit her  kennen. Gewiß, meine Art, die weitgehend noch zu schaf-
       fende Wissenschaft der Persönlichkeit zu begreifen, ist nicht nur
       nicht unvereinbar  mit diesen  Herangehensweisen, sondern fordert
       sie vielmehr: zum Beispiel was die Evolution der Bedingungen, Tä-
       tigkeiten, Fähigkeiten usw. von den Hominiden bis zu den heutigen
       Menschen betrifft - von der naturgeschichtlichen Genese ursprüng-
       licher Fakten  wie der  grundlegenden psychischen  Frühreife  des
       menschlichen Neugeborenen  bis zur  kulturgeschichtlichen Heraus-
       bildung der höheren psychischen Funktionen. Aber zusammengenommen
       konstituiert dieses gesamte Wissen meiner Ansicht nach noch nicht
       die Wissenschaft der Persönlichkeit. Ich habe sogar den Verdacht,
       daß diese  Kenntnisse, würden  sie mißverstanden, die Perspektive
       dieser Wissenschaft nachhaltig versperren könnten.
       Denn die  menschlichen Tätigkeitsweisen   e x i s t i e r e n  im
       strengen Sinne  des Wortes nur in zwei Formen: zum einen in ihrer
       objektiven Form, in immer einmaligen Gesellschaftsformationen als
       Produktivkräfte und Produktionsprozesse, als Klassenverhältnisse,
       symbolische Systeme,  Lebensweisen, Institutionen usw., d. h. all
       das, was  Marx im  Blick hatte,  als er vom "Ensemble der gesell-
       schaftlichen Verhältnisse"  sprach; aber sie stellen sich hier in
       einer   n i c h t - p s y c h i s c h e n  Form dar - und zum an-
       deren in  ihrer subjektiven Form, in den immer einmaligen Persön-
       lichkeiten als  Fähigkeiten, Tätigkeiten,  Vorstellungen, Motiva-
       tionen usw.  und nun, aber hier  a u s s c h l i e ß l i c h,  in
       p s y c h i s c h e r   Form.  Von  nun  an  heißt  die    p s y-
       c h i s c h e n   F o r m e n    als    o b j e k t i v e    g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e     F o r m e n     v o n    G a t-
       t u n g s m ö g l i c h k e i t e n  untersuchen wollen, sich dem
       Desaster  auszusetzen,  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse  zu
       psjchologisieren  und   die   psychologischen   Verhältnisse   zu
       soziologisieren.
       D a s,   w a s   f ü r  v i e l e  T i e r e  g ü l t i g  i s t,
       g i l t     n i c h t     m e h r     f ü r     d i e      e n t-
       w i c k e l t e n   M e n s c h e n,  denn das historisch-gesell-
       schaftliche Verhältnis  zwischen menschlicher  Persönlichkeit und
       gesellschaftlicher Menschheit  ist ein  radikal anderes  geworden
       als das  natürliche Verhältnis  zwischen biologischem  Individuum
       und Tierart.  Man kann  legitimerweise "die Psyche" einer Tierart
       untersuchen und  zwar deswegen,  weil von Natur aus jedes Tier im
       großen und  ganzen  dasselbe  zu  tun  weiß  und  tut  wie  seine
       Artverwandten, da  seine Grundfähigkeiten  in den  charakteristi-
       schen Genomen  dieser gesamten Population programmiert sind. Hier
       kann das  Individuum  ohne  Schaden  für  ein    G a t t u n g s-
       e x e m p l a r   g e h a l t e n   w e r d e n  und seine Psyche
       als repräsentativ  für die  der Art  gelten. Aber man kann keinen
       verhängnisvolleren  Irrtum   begehen,  als  diese  Vorgehensweise
       unverändert auf  die entwickelte  Menschheit zu  übertragen. Hier
       kann  das   Individuum,  wenn   es    P e r s ö n l i c h k e i t
       geworden ist,  nicht mehr  zu einem  wesentlichen  Teil  als  ein
       Gattungsexemplar betrachtet  werden; seine biographisch ausgebil-
       dete Einmaligkeit ist vielmehr in gar keiner Weise mehr sekundäre
       Differenz, sondern  ursprüngliche Charakteristik  - das  kommt in
       der schrecklichen  Öde des  größten  Teils  der  allgemeinen  Be-
       trachtungen  über   "die"  Frau,   "den"  Jugendlichen  usw.  zum
       Ausdruck.
       Gewiß, die  Persönlichkeiten sind  alle in gewisser Hinsicht ein-
       fach Individuen,  die mehr  oder weniger die konstitutiven Dimen-
       sionen des  anthropogenetisch entwickelten  "natürlichen Faktums"
       der Individualität  und gewisse sehr allgemeine gesellschaftliche
       Entwicklungs- und Lebensbedingungen gemeinsam haben - wie die Ar-
       beit oder  die Sprache  -, weshalb  die generalisierende Herange-
       hensweise an  die "menschliche  Psyche" relativ  legitim ist. Das
       gilt vor  allem für  psychische Funktionen, die vieles quasi uni-
       versellen  objektiven  und  subjektiven  natürlichen  Bedingungen
       schulden, wie  zum Beispiel die Wahrnehmung. Aber in dem Maße, in
       dem man  zu Funktionen übergeht, in denen diese Bedingungen nicht
       mehr die  wesentliche Rolle  spielen, verkommt  "die  menschliche
       Psyche" -  d. h.  "der Mensch  im allgemeinen" - schnell zu einer
       abträglichen Fiktion,  für die  die bürgerliche  Psychologie "der
       Intelligenz" eine  unter vielen  tristen Illustrationen ist. Denn
       es ist  die immer   e i n m a l i g e   konkrete Persönlichkeit -
       womit absolut nicht gesagt sein soll, daß sie nicht in universel-
       len   logischen    Formen   zu    erfassen   ist   -,   die   die
       a u s s c h l i e ß l i c h  p s y c h i s c h e  R e a l i t ä t
       konstituiert, von  der "die menschliche Psyche" nur eine Abstrak-
       tion darstellt.
       Deshalb kann die wirklich wissenschaftliche Vorgehensweise in der
       Psychologie meiner  Ansicht nach  nicht, wie  das in der Illusion
       darüber nach  wie vor  der Fall  ist, zu einem fundamentalen Teil
       darin bestehen,  von allgemeinen Kenntnissen über die menschliche
       Psyche zu  einer Theorie  der Persönlichkeit, die deren Apotheose
       wäre, voranzuschreiten,  sondern in meinen Augen ist im Gegenteil
       die Theorie  der Persönlichkeit, die gewiß zahlreiche biologische
       und historische Kenntnisse voraussetzt, vielmehr ihrerseits uner-
       läßliche Voraussetzung  jedes Verständnisses  des psychischen Le-
       bens der  Menschen. Ich  denke nicht,  daß man  zum Beispiel eine
       hinreichende Konzeption der Motivationen unter Aussparung einer -
       und sei  es auch provisorischen - umfassenden Theorie der Persön-
       lichkeit und  der Biographie  ausarbeiten könnte, ebensowenig wie
       eine hinreichende  Konzeption der Triebkräfte der geschichtlichen
       Entwicklung unter  Aussparung der Theorie der Gesellschaftsforma-
       tionen und ihrer Geschichte ausgearbeitet werden könnte. Marx hat
       die Wissenschaft der Geschichte nicht aus einer Summe allgemeiner
       soziologischer Kenntnisse begründet; die Wissenschaft der Persön-
       lichkeit als  biographischer Entwicklung wird ebensowenig aus ei-
       ner Summe allgemeiner psychologischer Kenntnisse begründet werden
       können.
       In diesem  Zusammenhang kann  das berühmte  Wort von Wygotski und
       anderen: "Die  Psychologie hat  ihr   'K a p i t a l'  n ö t i g"
       Anlaß zu  schweren Mißverständnissen  bieten. Es  will meiner An-
       sicht nach  sagen, daß es nötig ist, die Psychologie einer ebenso
       radikalen, ebenso materialistischen, ebenso dialektischen und da-
       durch auch  ebenso schöpferischen  Kritik zu unterwerfen, wie sie
       die von Marx in seinem Hauptwerk hervorgebrachte Kritik der poli-
       tischen Ökonomie  darstellt. Aber  wenn man mit diesem Satz sagen
       will, daß  die Aufgabe  der Psychologie  am Ende  darin  bestehe,
       "allgemeine Gesetze"  der "menschlichen  Psyche" abzuleiten,  wie
       Marx die  der kapitalistischen  Produktionsweise abgeleitet  hat,
       würde man  ihn, fürchte ich, in einen Nonsens verkehren. Man ver-
       gäße insbesondere:
       1. daß die Ausarbeitung des  K a p i t a l s  u. a.  das gründli-
       che  Studium    e i n z e l n e r    L ä n d e r    wie  England,
       Frankreich, Deutschland voraussetzte;
       2. daß sie  ebenso eine erste  G e s a m t s i c h t  dessen vor-
       aussetzte, was  eine Gesellschaftsformation  und ihre  Geschichte
       ist;
       3. daß zum  anderen   d a s    K a p i t a l,    das  unvollendet
       geblieben ist, allgemeine Gesetze - übrigens auf eine sehr beson-
       dere Art  und Weise,  auf die  wir noch zurückkommen müssen - nur
       abzuleiten versuchte, um schließlich zum Verständnis des  r e a l
       K o n k r e t e n   zu gelangen  (die Konkurrenz,  der Weltmarkt,
       die Krisen und "die Auflösung der ganzen Scheiße" in dem Übergang
       zur klassenlosen  Gesellschaft in jedem einzelnen Land), ein Ver-
       ständnis, ohne  das man aus dem  K a p i t a l  das machen würde,
       was Marx mit aller Entschiedenheit von sich wies: die Theorie als
       Passepartout einer  allgemeinen  gesellschaftlichen  Entwicklung,
       von  der   die   verschiedenen   Nationen   nichts   weiter   als
       "Gattungsexemplare" wären,  eine Interpretation,  die der revolu-
       tionären Arbeiterbewegung  sehr teuer  zu  stehen  gekommen  ist.
       Kurzum, damit die Psychologie ihr  K a p i t a l  h ä t t e,  be-
       dürfte sie zuerst ihrer "Lage der arbeitenden Klasse in England",
       ihrer "Deutschen  Ideologie", ihres  "Manifests", d.h. ihres wenn
       auch lückenhaften  Verständnisses einmaliger  Biographien,  ihrer
       wenn auch provisorischen Theorie der Persönlichkeit, ihres wenig-
       stens schematischen  Ausblicks auf  die Zukunft  der menschlichen
       Individualität, und  sie dürfte  niemals aus dem Blick verlieren,
       daß am  Ende das   R e a l - K o n k r e t e   nichts anderes als
       die Persönlichkeiten  selbst in  ihrer grundlegenden Verschieden-
       heit sind.
       Noch einmal: Das zu sagen heißt nicht, sich gegen umfassende psy-
       chologische Forschungen  auszusprechen, die  unter exakten Bedin-
       gungen legitim  und nützlich sind. Sie hätten zu beginnen mit dem
       klaren  Bewußtsein,  daß  der  Gegenstand  "menschliche  Psyche",
       selbst wenn  man sehr  wohl sieht,  daß diese immer die einer be-
       stimmten historischen  Epoche und  einer gegebenen Gesellschafts-
       formation ist,  nichtsdestoweniger in  vielerlei Hinsicht, sobald
       er von  den einmaligen Persönlichkeiten abgelöst ist, vollständig
       abstrakt und  dadurch furchtbar zweideutig wird. Das ist so wahr,
       daß von  allen Seiten  heute in  den kapitalistischen Ländern an-
       spruchsvolle Forscher  in den  Wissenschaften vom Menschen zu dem
       Bewußtsein gelangen,  daß sie nicht vorankommen können, ohne sich
       der   B i o g r a p h i e   zuzuwenden -  Soziologen  wie  Daniel
       Bertaux in  Frankreich oder Franco Ferraroti in Italien, die sich
       auf die "Lebensgeschichten" konzentrieren, Historiker wie Georges
       Duby und  viele andere, die das Los einmaliger "gewöhnlicher" In-
       dividuen herauszufinden versuchen, von dem starken Wiederaufleben
       der Autobiographie in der Literatur gar nicht erst zu reden: Sym-
       ptom einer  gegenwärtigen Krise des "gelebten Lebens", ohne jeden
       Zweifel -  ich werde  darauf zurückkommen - ein Zeichen auch, wie
       könnte man  es verkennen,  für Sackgassen,  in die ein bestimmter
       Typ abstrakter Generalisierung in den Wissenschaften vom Menschen
       geführt hat.  Aber alle diese interessanten Versuche, die ich ge-
       rade angeführt  habe, stoßen bis auf weiteres auf die Abwesenheit
       einer wirklichen  Wissenschaft der Persönlichkeit und der Biogra-
       phie. Hic Rhodus, hic salta!
       
       4. Was sind "historische Individualitätsformen"?
       ------------------------------------------------
       
       Wir müssen  also vom  Primat der  gesellschaftlichen Verhältnisse
       als nichtpsychischen, objektiv gesellschaftlich-historischen For-
       men ausgehen,  die eine  grundlegende Rolle in der Gestaltung und
       der Entwicklung  der Individualität  spielen, die die Logik ihrer
       Tätigkeiten und  den Verlauf  ihrer Biographie  bestimmen und die
       ich aus  diesem Grunde  h i s t o r i s c h e  I n d i v i d u a-
       l i t ä t s f o r m e n     genannt  habe.  Dieser  neue  Begriff
       scheint, soweit  ich das  beobachte,  obwohl  er  von  bestimmten
       Forschern in  Zweifel gezogen wird, heute von zahlreichen anderen
       als gültig und in seiner operativen Funktion bewährt angesehen zu
       werden. Er  bietet, wie  mir scheint,  in der  Tat eine Reihe von
       charakteristischen   Merkmalen,    die   ihn   geeignet   machen,
       wesentliche Aspekte  der Realität  zu reflektieren  und der  For-
       schung eine wirksame Orientierung zu geben. Jenseits jeder stati-
       schen -  spiritualistischen oder  naturalistischen -  Vorstellung
       der Individualität  setzt er  vorab ihre Geschichtlichkeit. Damit
       und   im   grundlegenden   Unterschied   zu   Vorstellungen   wie
       "Grundpersönlichkeit" oder "Rolle" entzieht die Idee der histori-
       schen Individualitätsformen  ebensowohl der Psychologisierung der
       gesellschaftlichen Verhältnisse  den Boden - denn diese Basisfor-
       men sind  eindeutig nicht-psychische,  objektiv gesellschaftliche
       Realitäten -  wie der  Soziologisierung der  psychologischen Ver-
       hältnisse -  denn sie  sind objektive Determinanten einer psychi-
       schen Tätigkeit,  die dem  einmaligen Individuum zueigen ist. Sie
       halten dazu an, die Verhältnisse zwischen gesellschaftlicher Welt
       und Persönlichkeit nicht als eine äußerliche mechanische Determi-
       nation zu  denken (denn  es sind  keine  von  außen  formgebenden
       Strukturen der Individualität), sondern als eine innere dialekti-
       sche Beziehung (es sind notwendige logische Formen, die von innen
       ihre konstitutiven  und formbildenden  Tätigkeiten  regeln).  Sie
       sind also  kongruent mit der wesentlichen Darstellung der Persön-
       lichkeit nicht als Konstellation fixer Charakterzüge, sondern als
       zeitlich bestimmtes System von Tätigkeiten.
       Es ist  nicht überraschend, daß dieser neue theoretische Begriff,
       der noch  kaum seine Tauglichkeit in konkreten wissenschaftlichen
       Arbeiten hat  erweisen können,  Anlaß zu gründlichen Mißverständ-
       nissen gegeben hat. Ich habe hier drei herausgegriffen: Das erste
       rührt offensichtlich  daher, daß ich, wie ich weiter oben erklärt
       habe,  in    M a r x i s m u s    u n d    T h e o r i e    d e r
       P e r s ö n l i c h k e i t,   gestützt auf  die ökonomischen Ar-
       beiten von  Marx, als zentralen Punkt die Analyse der Arbeit ein-
       geführt und als grundlegende Beispiele für historische Individua-
       litätsformen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse angege-
       ben habe.  Das scheint bestimmte Leser zu der Vermutung veranlaßt
       zu haben,  daß die historischen Individualitätsformen ausschließ-
       lich dieser  Ordnung angehören - obwohl ich in verschiedenen Pas-
       sagen des  Buches formell das Gegenteil sage, aber, das ist wahr,
       den positiven Inhalt dieser Negation kaum entwickelt habe. Ist es
       nötig zu  präzisieren,  daß  diese  Vermutung  offenkundig  jeder
       Grundlage entbehrt?  Die historischen  Individualitätsformen, die
       eine gegebene  Produktionsweise impliziert, schienen mir von fun-
       damentaler Bedeutung  zu sein,  aber selbstverständlich  kann man
       und muß  man die  Liste  der  historischen  Individualitätsformen
       enorm erweitern. Es gibt auch andere historische Individualitäts-
       formen,  z u m  B e i s p i e l  die Form "Kernfamilie", die Form
       "Pflichtschulzeit", die Form "Rekrutierung des wissenschaftlichen
       Nachwuchses", die  Form "Karrieremachen",  die Form  "Ruhestands-
       alter", die  Form "juristische  Person",  die  Form  "allgemeines
       Wahlrecht",  die   Form  "revolutionäre   Partei"  und  hunderte,
       tausende andere.  Es gibt  historische  Individualitätsformen  in
       a l l e n   B e r e i c h e n   des gesellschaftlichen und ebenso
       individuellen Lebens.  Es handelt  sich also ganz und gar um "das
       Ensemble der  gesellschaftlichen Verhältnisse",  soweit diese  in
       allen ihren  Aspekten die  Art und  Weise determinieren, in denen
       die Menschen  im Laufe ihrer einmaligen Biographie Persönlichkei-
       ten werden,  d. h. soweit sie "notwendige Formen" sind, "in denen
       ihre materielle  und individuelle  Fähigkeit sich realisiert", um
       in den  Worten von Marx in seinem Brief von 1846 an Annenkow, die
       für mich  eine der  direktesten Quellen  der Ausarbeitung des Be-
       griffs der  historischen Individualitätsformen  gewesen sind,  zu
       sprechen.
       Ein zweites Mißverständnis besteht darin, in einer Bedeutungsver-
       schiebung, die  zu ihrer vollständigen Umkehrung führen kann, die
       "gesellschaftlichen Personen"  wie die  des Kapitalisten oder des
       Arbeiters, wie sie Marx mehrfach im Kapital analysiert, für exem-
       plarische Individualitätsformen zu halten, ja sogar von daher die
       historischen Individualitätsformen in ihrer Gesamtheit zu identi-
       fizieren mit in partiellem oder globalem Sinne  t y p i s c h e n
       G e s t a l t e n   der Individualitäten, die aufs engste mit ei-
       ner gegebenen  Gesellschaftsformation verbunden  sind. Daß solche
       Gestalten in  der gesellschaftlichen  Realität zu beobachten sind
       und sich  übrigens in mancherlei Art auf der Ebene der Lebenswei-
       sen, der  Institutionen, der Vorstellungen oder der Werte verdop-
       peln, ist offensichtlich. Daß sie also auch authentische histori-
       sche Individualitätsformen  ausdrücken, gegebenenfalls  das  Ver-
       hältnis von  Kapital und Arbeit, kann man nicht leugnen. Betrach-
       tet man  sie aber  als zum Teil konkrete biographische Gestalten,
       sind sie  in Wirklichkeit  im Verhältnis  zu den Basisformen, von
       denen  die  Analyse  ausgehen  muß,  bereits  mehr  oder  weniger
       a b g e l e i t e t e   Phänomene. Vor  allem weil  derartige Ge-
       stalten, die  schon in mancher Beziehung die  p s y c h i s c h e
       F o r m   haben, auf  einem Zwischenniveau  zwischen Individuali-
       tätsformen und einmaligen Persönlichkeiten angesiedelt sind, ber-
       gen sie,  wenn man  sie nicht mit äußerster Strenge faßt, die Ge-
       fahr in  sich, erneut  das Soziohistorische und das Psychobiogra-
       phische zu  verwechseln, d.h.  uns um  das zu bringen, was gerade
       den Vorteil  des Begriffs historischer Individualitätsformen aus-
       macht.
       Die historischen  Individualitätsformen, so  wenigstens, wie  ich
       sie auffasse, sind  i n  e r s t e r  L i n i e,  wiederholen wir
       das,  g e s e l l s c h a f t l i c h e,  n i c h t  p s y c h i-
       s c h e   V e r h ä l t n i s s e  - wie die, die  M a r x  unter
       den Begriffen  "Geldform", "Lohnform",  "Kapitalform" untersucht.
       Genau diese   n i c h t  p s y c h i s c h e n  Formen induzieren
       bei den  einzelnen Individuen  die   p s y c h i s c h e n   Ver-
       hältnisse, die spezifisch ihre Persönlichkeit und ihre Biographie
       konstituieren. Das  geschieht genauso,  wie es  Marx in seiner so
       überzeugenden Analyse  der Bereicherungssucht,  der Geldgier  und
       des Geizes  in den  Grundrissen und in Zur Kritik der politischen
       Ökonomie an  der historischen Entwicklung der Geldform zeigt, die
       - und  zwar unvermeidlich  - den  Übergang vom Schatzbildner, der
       bis zu  einem bestimmten  Punkt konkrete  Güter akkumuliert,  zum
       Geizigen, der  nie aufhört, Reichtum aufzuhäufen, möglich gemacht
       hat.  Die  Geldform  ist  das  Geheimnis  des  neuen  psychischen
       Charakterzuges des  Geizes: Sein  u n a u s l ö s c h l i c h e r
       Charakter -  die "auri sacrafames" der Alten - resultiert daraus,
       daß im  Geld der  Reichtum eine  vollständig    a b s t r a k t e
       Form annimmt.  Wohl mehr als der äußerst komplexe und abgeleitete
       Fall der  "Gestalten" der  Individualität ist eine solche Analyse
       exemplarisch für  das, was  ich  im  Blick  hatte,  als  ich  von
       historischen Individualitätsformen  sprach, die  also  in  keiner
       Weise  gesellschaftliche   "Verhaltensmodelle"  sind,   die   das
       Individuum mehr  oder weniger  in seiner Biographie "realisieren"
       würde,   sondern   logische   Formen   bestimmen,   denen   immer
       verschiedenartige psychische Verhaltensweisen entsprechen.
       Ein drittes Mißverständnis, das zweifellos aus einer irrtümlichen
       Interpretation der   v i e r   B e i s p i e l e   f ü r    d e n
       B e g r i f f   Z e i t p l a n,   den ich  in meinem  Buch  vor-
       schlug, entstanden  ist, ein Irrtum, den ich dennoch ausdrücklich
       ausgeschlossen habe,  ein Irrtum  aber auch,  der meiner  Ansicht
       nach in  Wirklichkeit über  ein bloßes Mißverständnis hinausgeht,
       um eine theoretische Divergenz von großer Tragweite zu behaupten,
       ist die  Idee, daß  die Analyse von historischen Individualitäts-
       formen nicht  nur dazu  führen würde, "Gestalten der Individuali-
       tät" zu  kennzeichnen, sondern  auch  eine    n e u e    T y p o-
       l o g i e   d e r   P e r s ö n l i c h k e i t  einzuführen. Was
       mich  betrifft,  so  weise  ich  formell  die  Vorstellung  einer
       Typologie zurück.  Gewiß, in einer wissenschaftlich noch so wenig
       bewältigten Materie  wie der  Persönlichkeit ist es ratsam, nicht
       leichthin zu  behaupten, daß ein Weg der Forschung  n i c h t  zu
       Erkenntnissen von  einiger Stringenz führen könnte. Dennoch, ohne
       weiter davon  zu reden,  daß die  mir  bekannten  Typologien  der
       Persönlichkeit nicht  gerade durch  ihren Reichtum glänzen und in
       gewisser  Weise  prinzipiell  die    T ä t i g k e i t e n    der
       Individuen  ignorieren,   liegt  dem  typologischen  Entwurf  als
       solchem unvermeidlich die Idee zugrunde, daß das Reale in Begrif-
       fen  a l l g e m e i n e r  T y p e n  analysierbar sei, die sich
       sekundär   i n   b e s o n d e r e n   V a r i a n t e n  manife-
       stieren: Inwieweit  soll eine  derartige  Konzeption  -  die  der
       "differentiellen Psychologie"  - nun  die Sackgasse  der "mensch-
       lichen Psyche", des "Menschen im allgemeinen" vermeiden können?
       Ein Marxist,  der der Versuchung der Typologie erläge, müßte sich
       fragen, warum  Marx es  nicht unternommen hat, eine Typologie der
       Gesellschaftsformationen zu konstruieren. Die Antwort scheint mir
       klar: Er  hat dies hauptsächlich aus dem Grund nicht unternommen,
       weil für ihn eine derartige Sicht in der "schlechten Abstraktion"
       befangen bliebe.  Für  Marx  existieren    G e s e t z m ä ß i g-
       k e i t e n   historisch bestimmter  Produktionsweisen -  Gesetz-
       mäßigkeiten, die  unvergleichlich besser  das  Wesen  des  Realen
       ausdrücken als  "Typen", und  diese Gesetzmäßigkeiten  können nie
       anders als  in der  Identität einmaliger Gesellschaftsformationen
       festgestellt werden.  So ist  England für ihn nicht das "typische
       Land" des  Kapitalismus, mehr  als Frankreich,  Deutschland,  die
       Vereinigten Staaten  oder Rußland, es ist vielmehr einfach im 19.
       Jahrhundert seine "klassische Stätte", wo das Wesen des Prozesses
       an einen  Punkt der  Entwicklung  gelangt  ist,  der  besser  als
       anderswo beobachtbar  ist. Verdeckt  nicht in  Wirklichkeit jedes
       typologische  Denken,   und  sei   es  unbewußt,  die  subjektive
       Transformation bestimmter  objektiver Realitäten  in  N o r m e n
       für  die   anderen?  Und   ist  von   nun  an   die  typologische
       Vorgehensweise nicht viel "typischer" für den  E n t w u r f  als
       für das   O b j e k t    einer  bestimmten  Darstellung  -  einen
       E n t w u r f,   den zu entschleiern erst einmal Aufgabe der Kri-
       tik wäre?
       In jedem  Fall halte  ich eine  solche Vorgehensweise für wissen-
       schaftlich inadäquat  und zwar  in dem Maße, in dem sie auf einer
       nicht dialektischen  Konzeption der  Beziehungen zwischen Univer-
       sellem und  Einzelnem beruht. Wie jeder weiß, ist das Universelle
       in dem Einzelnen - aber  w i e  i s t  e s  g e n a u  i n  i h m
       e n t h a l t e n?  Nicht als ein  K e r n,  bei dem das Einzelne
       nichts weiter  als die unwesentliche Hülle wäre - eine Sichtweise
       des abstrakten  Verstandes, an sich schon idealistisch -, sondern
       als universelle  Logik, als innere  G e s e t z m ä ß i g k e i t
       des Einzelnen,  als Gesetzmäßigkeit,  die das  Einzelne in seiner
       Einmaligkeit selbst  in sich trägt - und das ist die dialektische
       Sichtweise, die  allein eine materialistische Betrachtung der Re-
       alität ermöglicht.
       Das ist  der Grund,  warum für  mich der Begriff der historischen
       Individualitätsformen zwingend verbunden ist mit dem Übergang von
       einem   t y p o l o g i s c h e n   Blickpunkt zu einer  t o p o-
       l o g i s c h e n   Vorgehensweise. Es  handelt sich nicht darum,
       Persönlichkeits t y p e n    z u    b e s t i m m e n,    sondern
       "O r t e"    a u f z u f i n d e n,    an  denen  sich  in  immer
       einzigartiger Weise die universellen logischen Formen der konkre-
       ten Verhältnisse anbahnen. Selbst die offensichtlich unverfängli-
       che Idee  eines "Persönlichkeitstyps"  wie "der  Kämpfer" scheint
       mir eine  sehr kritisierbare  Formulierung der  Tatsache zu sein,
       daß es  Individualitätsformen und logische Tätigkeitsformen gibt,
       die Individuen zu einem "kämpferischen Leben" führen. Noch anders
       gesagt, die  historischen Individualitäts/orme«  dürfen nicht ab-
       strakt und  fixiert wie  "fertige Formen" gedacht werden, die man
       auf einer  Typenskala klassifizieren  könnte, sondern nur als "zu
       fertigende Formen",  die uns  auf die Fülle und auf die Transfor-
       mierbarkeit der Lebensprozesse hinweisen.
       
       5. Stringenzkriterien und Determinationsweisen
       ----------------------------------------------
       
       Wenn die  historischen Individualitätsformen  der  Persönlichkeit
       z u g r u n d e  liegen,  b e g i n n t  jede Erkenntnis der Per-
       sönlichkeit also  mit ihrer Untersuchung. So entwickelt unser In-
       stitut de Recherches Marxistes in der Konzentration seiner Arbeit
       auf "Frankreich  und die Welt der 80er Jahre" - ob es sich nun um
       ökonomische, gesellschaftliche, politische oder kulturelle Fakten
       handelt, um  die Arbeit,  das Wissen,  die Lebensweisen  oder die
       Werte, um  die Arbeiterklasse,  die Frauen, die Jugendlichen oder
       die Alten  - eine  Vielzahl von  Erkenntnissen, die,  ohne selbst
       psychologische Erkenntnisse  zu sein, nichtsdestoweniger der lau-
       fenden Forschung  über  die  Individualität  heute    d i r e k t
       v o r a u s g e h e n.  Aber sobald die historischen Individuali-
       tätsformen in aller Schärfe auf "das Ensemble der gesellschaftli-
       chen Verhältnisse"  verweisen, schaffen sie ein so unerschöpflich
       weites Feld, daß man es schwerlich ohne  K r i t e r i e n  d e r
       U n t e r s c h e i d u n g   zwischen Wesentlichem und nicht We-
       sentlichem bearbeiten könnte. Wo sind solche Kriterien zu finden?
       Es gibt  gewiß die,  die uns der historische Materialismus selbst
       liefert, im  Vergleich zu  dem sich  z. B. die gesellschaftlichen
       Basisverhältnisse von  denen unterscheiden,  die es  nicht  sind.
       Aber wie  sollen wir  wissen, bis  zu welchem Punkt die Basisver-
       hältnisse für die Gesellschaftsformationen auch die grundlegenden
       sind für  die Persönlichkeit?  Das ist offensichtlich nur dadurch
       möglich, daß man die Dinge nicht nur ausschließlich von der Seite
       der Gesellschaftsformationen her betrachtet, sondern auch von der
       Seite der  Persönlichkeit. Die historischen Individualitätsformen
       s i n d   die gesellschaftlichen  Verhältnisse - aber die gesell-
       schaftlichen Verhältnisse   a l s  Individualitätsformen. Das ist
       der Grund,  warum wir, obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse
       die wirkliche  Basis und  der wirkliche  Ausgangspunkt sind, ihre
       triftige   S t r i n g e n z  für die Frage, die uns beschäftigt,
       nur auf  der Basis und ausgehend von einer noch so provisorischen
       Theorie der  Persönlichkeit und  der Biographie bestimmen können.
       Hier bewahrheitet  sich am  deutlichsten, an welchem Punkt es un-
       möglich ist,  diese Theorie  auf irgendein  Moment einer späteren
       Synthese zu verweisen. Es ist z.B. klar, daß man keinesfalls die-
       selbe Bedeutung  den   P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s-
       s e n,   nach denen  das Wesen der Persönlichkeit in einer festen
       Anordnung von  Charakterzügen oder  in einem  zeitlich bestimmten
       System  von  Aktivitäten  liegt,  und  den  von    s y m b o l i-
       s c h e n   S y s t e m e n   b e s t i m m t e n  V e r h ä l t-
       n i s s e n,   nach denen  man sich  die Persönlichkeit  als eine
       Ansammlung objektiver Rollen oder als eine Dynamik vorstellt, die
       vorab  die   Dimension  der   Subjektivität  bereits  impliziert,
       zuerkennen wird.
       So wenig  man auch in diese Richtung reflektiert, so scheint doch
       die Bedeutung  der gesellschaftlichen  Verhältnisse unter dem Ge-
       sichtspunkt der  Gesellschaftsformation und  ihre Stringenz unter
       dem Gesichtspunkt  der Persönlichkeit  zugleich entsprechend  und
       unvereinbar zu  sein. So  scheint der  durch den Kapitalismus be-
       stimmte historische  Typ des Produktivitätsfortschritts, nach dem
       die lebendige  Arbeit der  Akkumulation der toten Arbeit geopfert
       wird und  der in  der Krise  zentral in Frage gestellt ist, unter
       beiden Gesichtspunkten  zugleich eine direkte Stringenz zu haben.
       Aber der  tendenzielle Fall  der Profitrate,  so bedeutsam er für
       das Verständnis  der Kapitalbewegung  ist, und  obgleich er durch
       seine Effekte  in unzähligen  Formen das  Schicksal von Millionen
       Individuen bedingt,  hat nur  sehr wenig  Bedeutung für  das Ver-
       ständnis der  Prozesse ihrer psychischen Individuation. Umgekehrt
       sind die gesellschaftlichen Strukturen, die die zeitliche Aufein-
       anderfolge von  Ausbildungszeit/Zeit beruflicher  Tätigkeit/Ruhe-
       standszeit regeln,  obgleich sie  unter dem  ersten Gesichtspunkt
       ganz eindeutig  von sekundärer Bedeutung sind, von einer direkten
       Stringenz für  die Erfassung  der Logik  der Biographien, die die
       Dynamik der Fähigkeiten und der Gesamtentwicklung der großen Zahl
       der Persönlichkeiten  leitet. Die gesellschaftlichen Verhältnisse
       dieser  letzteren   Art,  die,  um  sie  besser  zu  regeln,  die
       p s y c h i s c h e n   F o r m e n   der Persönlichkeit  und der
       Biographie berücksichtigen, können sogar die wesentliche Tatsache
       verschleiern, daß es  u r s p r ü n g l i c h  Psychisches nur in
       den Individuen  gibt und  so zu Unrecht für die einzigen wirklich
       stringenten Individualitätsformen gehalten werden.
       Deshalb ist  es äußerst wichtig, niemals aus dem Blick zu verlie-
       ren, daß  sie doch  die  a b g e l e i t e t e n  P r o d u k t e
       der grundlegendsten  objektiven  gesellschaftlichen  Verhältnisse
       sind, die ihrerseits am weitesten von den psychischen Formen ent-
       fernt sind,  aber nichtsdestoweniger in letzter Analyse das Wesen
       eines gegebenen Systems historischer Individualitätsformen deter-
       minieren. Dieses System von Individualitätsformen einer gegebenen
       Gesellschaftsformation ist  summa summarum nichts anderes als das
       Ensemble der Verhältnisse dieser Formation, aber unter dem Blick-
       winkel der  psycho-biograpischen Individualität ist es das Ensem-
       ble in einer "transformierten" Gestalt, so, wie die berühmte Dar-
       stellung des  menschlichen Organismus  unter dem  Blickwinkel der
       Projektion seines  Nervensystems auf  die Ebene der Großhirnrinde
       eine "transformierte"  Gestalt  des  konkreten  Individuums  ist.
       Freilich kann  es nicht  genügen, diese  "transformierte" Gestalt
       von einer  Gesamttheorie der  Persönlichkeit und  der  Biographie
       hier nach Maßgabe eines in jedem einzelnen Fall durch die Biogra-
       phie und  die  Persönlichkeit  jedes  Individuums  konstituierten
       "Blickwinkels" der  Gesellschaftsformation zu  skizzieren. Um  zu
       ihrer konkreten  Wahrheit zu gelangen, ist es also nötig, sich in
       die Lage zu versetzen, in dem Ensemble der charakteristischen In-
       dividualitätsformen dieser  Formation die für eine einmalige Per-
       sönlichkeit und  ihre Transformation in den verschiedenen Lebens-
       momenten in ihrer Besonderheit bedeutsame Lebenswelt zu erkennen.
       Das ist  eine der  Hauptaufgaben einer  biographischen Forschung,
       die strengen Ansprüchen genügen will.
       Derartige Untersuchungen blieben jedoch sehr lückenhaft, wenn sie
       nicht nach  den Determinationsweisen  fragen würden, in denen die
       Persönlichkeit und die Biographie durch die Individualitätsformen
       bestimmt werden. Es handelt sich hier um die Art von Fragen, wel-
       che die  Theorie  wie  die  der  "Grundpersönlichkeit"  oder  der
       "Rollen" gar nicht zu stellen scheinen, als ob alle gesellschaft-
       lichen Verhältnisse  in sich  selbst für alle Individuen eine ab-
       strakt-identische Notwendigkeit  darstellten und  die  Individuen
       sich ganz  natürlich vermöge eines zur Stützung dieser Auffassung
       erfundenen "affektiven  Bedürfnisses" nach ihr richten würden. In
       Wirklichkeit tritt  die "gesellschaftliche Determination der per-
       sönlichen Schicksale"  im Spannungsfeld  zwischen der strikt uni-
       versellen Notwendigkeit der Klassenverhältnisse oder der Geldform
       und dem  variablen Anteil von Zufälligkeit, von mehr oder weniger
       notwendig gegebener  "Freiheit" der  Berufswahl oder  der morali-
       schen Wertschätzungen in sehr vielfältigen Formen in Erscheinung.
       Es geht  hier darum,  die so  wichtigen und bisher allzusehr ver-
       nachlässigten   Begriffsbestimmungen   der      d e u t s c h e n
       I d e o l o g i e   zur historischen Veränderbarkeit der den Per-
       sönlichkeiten in  den verschiedenen Gesellschaftsformationen sich
       darbietenden  Verhältnisse  zwischen    N o t w e n d i g k e i t
       u n d  Z u f a l l  zu vertiefen, es geht darum, insbesondere die
       aktuelle Entwicklung  dieses  Verhältnisses  -  zum  Beispiel  im
       Frankreich der  gegenwärtigen Krise, wo die Vertiefung der Wider-
       sprüche dieses Verhältnisses zu beträchtlichen psychischen Verän-
       derungen führt  - und  die Zukunftsperspektiven  des  allgemeinen
       Übergangs von  der Notwendigkeit  zur realen  Freiheit,  von  der
       Fremdbestimmung zur  Selbstbestimmung zu untersuchen - Perspekti-
       ven, die für den Kommunismus von so fundamentaler Bedeutung sind.
       Es geht  auch darum herauszufinden, wie in einem gesellschaftlich
       strukturierten Feld  von Möglichkeiten,  das durch  ein gegebenes
       System von Individualitätsformen abgesteckt ist, jedes Individuum
       von seinen  Fähigkeiten und Bedürfnissen, von seinem Zeitplan und
       seinen subjektiven Ideal-Vorstellungen her umgekehrt sein eigenes
       Feld biographischer  Möglichkeiten entwirft, seine eigene Art und
       Weise entwickelt,  die Notwendigkeit  zu internalisieren und sich
       seinen Platz  im Bereich seiner mehr oder weniger zufälligen Mög-
       lichkeiten zuzuweisen. Die Freisetzung der Dynamik dieser Dialek-
       tik, die unendlich viel komplexer ist als ein "soziologischer De-
       terminismus", ist  eine der wesentlichen Aufgaben für die Konsti-
       tution einer wissenschaftlich überzeugenden und historisch opera-
       tionalen Theorie der Persönlichkeit und der Biographie.
       
       6. Frühgeschichte der Persönlichkeit und Subjektivität
       ------------------------------------------------------
       
       Aber wenn  man auf diese Weise die konkrete einmalige Persönlich-
       keit - und nicht einen fiktiven "Persönlichkeitstyp" - zu verste-
       hen versucht, stößt man unvermeidlich auf ein Problem, das in ge-
       wisser Weise  vorwegzunehmen ist:  Das Problem der Subjektivität,
       deren Konstitution  uns auf die Frühgeschichte der Persönlichkeit
       verweist.
       Es ist  ein für  die Marxisten  traditionell schwieriges Problem,
       weil offensichtlich  diese ursprüngliche Konstitution der Subjek-
       tivität sich  auf einem  Terrain und in Verhältnissen vollzieht -
       namentlich den  Verhältnissen zwischen  "Wunsch" und Gesetzmäßig-
       keit, denen zwischen familiären Bezugspersonen und ihren symboli-
       schen Besetzungen  -, Verhältnissen  also, die  extrem  weit  von
       denen entfernt sind, die der historische Materialismus für objek-
       tiv wesentliche  hält und  deren Erklärung er ermöglicht hat. Die
       lange qualvolle Geschichte der Beziehungen zwischen Marxismus und
       Psychoanalyse hat  in dieser  Hinsicht nicht  aufgehört, zu einem
       klassischen Kreuzweg zurückzukehren: Zu dem einen Weg, der zu ei-
       ner Konzeption  der psychischen  Individualität führt,  nach  der
       diese als  im wesentlichen durch ihre und in ihrer Frühgeschichte
       strukturierte verstanden wird, und zu dem anderen Weg, der zu ei-
       ner Konzeption  führt, nach  der die psychische Individualität im
       wesentlichen durch  die gesellschaftlichen  Verhaltensweisen, die
       sie sich  auf jeder  Altersstufe aneignet, strukturiert ist. Nach
       meiner heutigen  Auffassung sind  beide Wege  zurückzuweisen. Der
       erste, weil  er den wesentlichen Charakter der "aktuellen Persön-
       lichkeit" -  des Heranwachsenden  und Erwachsenen - verkennt, den
       Charakter ihrer Tätigkeiten, Verhältnisse, Widersprüche, Vorstel-
       lungen, Sehnsüchte  und spezifischen  Vorlieben, und  dazu führt,
       das primäre  Ensemble der  gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso
       wie das  induzierte Ensemble der Lebensprobleme der konkreten In-
       dividuen von  der Wirklichkeit abzulösen (eine "Derealisation" zu
       vollziehen). Der  zweite, weil er die sehr frühzeitige Ausbildung
       einer subjektiven  Identität verkennt,  die nicht  mehr  aufhören
       wird, die  entwickelte Persönlichkeit und ihre Biographie heimzu-
       suchen, und damit der Tendenz anheimfällt, das psychische Indivi-
       duum zu  "enteinzeln", d.h. ihm seine Einmaligkeit zu nehmen, und
       es so  auf eine  unwesentliche Variante einer ihm irgendwie inne-
       wohnenden Persönlichkeit  zu reduzieren.  Der erste  Weg kann dem
       Psychologismus, der zweite dem Soziologismus nicht entgehen.
       Was den  ersten Punkt  betrifft, bestehe  ich für meinen Teil auf
       der kritischen Orientierung, wie sie in meinem Buch Marxismus und
       Theorie der Persönlichkeit vorliegt und wie ich sie danach in an-
       deren Publikationen weiterentwickelt habe. Ohne hier in eine aus-
       führlichere Debatte  einsteigen zu  können, möchte ich sagen, daß
       in einem  großen Teil  der psychoanalytischen Literatur im Grunde
       die meisten  der für einen Marxisten strittigen Denkansätze durch
       dieselbe inakzeptable  Einstellung  bestimmt  sind:  Sie  besteht
       darin, fundamentale  Aspekte der  gesellschaftlichen Realität und
       dessen, was  diese in  das wirkliche  Leben der  Menschen hinein-
       trägt, zu   s u b j e k t i v i e r e n   -  und zwar dergestalt,
       daß etwa  das gewerkschaftliche  oder revolutionäre  kämpferische
       Leben, um  ein einfaches aber eingängiges Beispiel zu nehmen, un-
       ablässig auf Nachträglichkeiten kindlicher Erlebnisse, auf Ratio-
       nalisierungen aggressiver  Triebe usw.  zurückgeführt wird,  ohne
       daß die  massive Objektivität  seiner Beweggründe noch die eigen-
       ständige Besonderheit  seines Inhalts  offen zugestanden  werden.
       Schließlich bleibt  die  P e r s ö n l i c h k e i t  selbst, so-
       weit sie eine höhere historisch-psychische Form betrifft, für die
       Psychoanalytiker immer  mehr ein  blinder Punkt  zugunsten  ihrer
       übermäßig  wahrgenommenen  Dimension  von    S u b j e k t i v i-
       t ä t.   Aber was  das heutige  Frankreich betrifft,  möchte  ich
       hinzufügen, daß es wichtig ist, sehr aufmerksam die Entwicklungen
       zu beobachten,  die in  dieser  post-L a c a n s c h e n  Periode
       im  Gange   sind.  In  wachsender  Zahl  gehen  psychoanalytische
       Theoretiker und  Praktiker,  die  im  allgemeinen  dem  Marxismus
       aufgeschlossen gegenüberstehen  und sich mit Problemen der Arbeit
       beschäftigen, dazu  über,  diese  Einstellung  neu  in  Frage  zu
       stellen. So  sprach sich  der Soziopsychoanalytiker Gérard Mendel
       im Laufe einer öffentlichen Debatte, die wir in jüngster Zeit mit
       ihm hatten,  mit aller  Deutlichkeit gegen die "Psychologisierung
       der  gesellschaftlichen   Verhältnisse"   aus   und   gegen   die
       Reduzierung  der  "aktuellen  Persönlichkeit"  auf  eine  Persön-
       lichkeit, die  aus der  Kindheit herrührt  und "fortfährt, in der
       inaktuellen Manier  der Kindheit  zu agieren".  Diese Entwicklung
       ist erfreulich  für die  Marxisten, die  sich während  der langen
       Epoche allgemeiner  Schwärmerei für  die Psychoanalyse  geweigert
       haben, in diesem wesentlichen Punkt Zugeständnisse zu machen.
       Was den zweiten Punkt betrifft, sage ich dagegen ohne Umschweife,
       daß ich  mich selbst  weiterentwickelt habe. Da ich heftig in die
       Auseinandersetzungen verwickelt  war, die  meine Anstrengung, dem
       wissenschaftlichen  Gegenstand  "Persönlichkeit"  Anerkennung  zu
       verschaffen, sofort  ausgelöst hatte, trug mein Buch von 1969 der
       Subjektivität und  ihren  Problemen  nicht  angemessen  Rechnung.
       Diese Einsicht  führt  nicht  dazu,  die  eklektische  Versöhnung
       zweier Theorien  zu suchen,  sondern  die  effektive  Verknüpfung
       zweier Aspekte  ein und  derselben psychischen  Individualität zu
       untersuchen -  denn die  Subjektivität ist  vielleicht im  Grunde
       nichts anderes  als das komplex strukturierte Ganze des subjekti-
       ven Sinns für das Individuum, das, bewußt oder unbewußt, der Per-
       sönlichkeit und seiner Geschichte innewohnt. Die Besonderheit der
       einzelnen Sinnelemente  ist offensichtlich verwoben mit der Früh-
       geschichte des Individuums, das so als Subjekt konstituiert wird.
       Die Arbeiten  von Yves Clot, von J.P. Terrail u.a. über den schu-
       lischen Erfolg  und Mißerfolg  von Arbeiterkindern zeigen z.B. in
       meinen Augen  überzeugend, wie die Dynamik der Arbeit eines jeden
       einzelnen von  ihnen in  der Schule  den tiefen  subjektiven Sinn
       übersetzt, den sie für ihn über seine eigene dialektische Identi-
       fikation mit den Elternfiguren und über seine Verinnerlichung des
       "Familienromans" angenommen hat. Ein derartiger "Roman" sagt ihm,
       explizit oder  latent, in der einen Familie "zeige ihnen, wer wir
       sind", in  einer anderen  "nicht in der Schule zeigt man, was man
       ist" und  in wieder  einer anderen  schließlich "arbeite  gut, um
       nicht so  leben zu  müssen wie  wir" usw., was übrigens sogar für
       jedes Kind  ein und  derselben Familie unterschiedliche Bedeutung
       erhält. Ich  denke nicht,  daß es eine Theorie der Persönlichkeit
       und der  Biographie geben  kann, die ohne Verständnis dessen Gel-
       tung hat,  was Bernard Doray die "elementaren Strukturen der Sub-
       jektivität" genannt  hat. Strukturen, die allein zu verstehen er-
       möglichen,  wie   die   Subjekte      u n e r s c h ö p f l i c h
       e i n m a l i g e   werden in ein und demselben objektiven System
       historischer Individualitätsformen und mit vergleichbaren biogra-
       phischen Verläufen.  In der  notwendigen Erforschung  dieses Pro-
       blems hat der Marxismus zugleich vieles beizutragen und vieles zu
       lernen. Denn  der Versuch, ausgehend von einer summarischen Nega-
       tion dessen,  was die  Psychoanalyse -  auch in  anderen Arbeiten
       über die  Frühgeschichte des  Subjekts, etwa der von  W a l l o n
       über das  "Stadium des Spiegels" - an besseren Erkenntnissen her-
       vorgebracht hat,  mit seinen  eigenen Mitteln  eine "Theorie  der
       Subjektivität" zu  basteln, würde eher zu einer Regression als zu
       einem wissenschaftlichen Fortschritt führen.
       
       7. Geschichte der Persönlichkeit und Zeitplan
       ---------------------------------------------
       
       Diese ursprüngliche Subjektivität, dieses in jeder Person bei An-
       bruch der Biographie geknüpfte Geflecht von Bedeutungen und Moti-
       ven hat  etwas Unauslöschliches, sich Wiederholendes, für die Er-
       fahrung Undurchdringliches:  Die klinische  Praxis bestätigt  es,
       die aufmerksame  Selbsterforschung macht es erfahrbar. Die späte-
       ren Formen der Persönlichkeit deshalb für einfache epiphänomenale
       Konstruktionen, den späteren Lebenslauf für die mehr oder weniger
       sublimierte ewige  Wiederkehr des  Kindlichen zu  halten, ist ein
       Schritt, den  zu verweigern  man meiner  Ansicht nach gute Gründe
       hat. Ist es nicht in Wirklichkeit gerade die Fixierung dieser in-
       fantilen Subjektivität  auf   e l e m e n t a r e  Szenen und Ge-
       genstände, die,  von pathologischen Fällen abgesehen, ihre enorme
       Mehrdeutigkeit im  Leben des  Heranwachsenden und Erwachsenen er-
       möglicht, und  zwar derart,  daß eine sehr früh ausgebildete psy-
       chische Identität, die sich in ihren Wandlungen nicht mehr auflö-
       sen wird,  gleichzeitig eine    o f f e n e    G e s c h i c h t-
       l i c h k e i t   der werdenden Persönlichkeit als Möglichkeit in
       sich trägt  und in  der realen  Entwicklung aufrechterhält? Zeigt
       nicht zum  Beispiel  die  Tatsache  sogar,  daß  eine  unendliche
       Vielfalt   s u b j e k t i v e r   A r t e n  d e s  k ä m p f e-
       r i s c h e n   L e b e n s   existiert, klar  und deutlich,  daß
       diese Lebenslogik  weit davon  entfernt ist, die Rationalisierung
       eines spezifischen  Zwangsverhaltens zu  sein,  sondern  ganz  im
       Gegenteil in  der Lage ist, sich all diese Zwänge einzuverleiben?
       Gewiß  findet   sie  dabei   in  ihren   bestimmten  Formen  ihre
       Einmaligkeit, aber ohne sich deswegen in ihrem Wesen ihnen unter-
       zuordnen. Die historische Forschung zeigt uns, wie die Bestimmung
       einer Nation nicht auf die sukzessiven Wandlungen einer invarian-
       ten geo-ethno-kulturellen  Identität reduziert  werden kann, son-
       dern von  Grund auf abhängig ist von einer Dynamik seiner Produk-
       tivkräfte, seiner  Klassenkämpfe usw.,  einer Dynamik,  die  zwar
       sehr stark  durch die  vorher geschaffene nationale Identität ge-
       prägt ist, diese umgekehrt aber in jeder Epoche wesentlich verän-
       dert, indem sie ihr neue Perspektiven möglicher Entwicklungen er-
       öffnet. Zweifellos  ist vieles  von den Historikern zu lernen, um
       in einer  gültigen Form das Problem der individuellen psychischen
       Identität in  ihrer dreifachen Determination durch Vergangenheit,
       Gegenwart und Zukunft anzugehen.
       Ganz wie  die Nationen  haben die Persönlichkeiten sehr wohl eine
       G e s c h i c h t e,  im vollen Sinn des Wortes - eine Geschichte
       als Geflecht  der verschiedenartigsten  Tätigkeiten und  der Ver-
       hältnisse, die  sie im  Verlauf des Tages, der Woche, des Jahres,
       der Lebensepoche  eingehen -  das, was  ich im Hinblick mehr noch
       auf seine  qualitative als auf seine quantitative Zusammensetzung
       den   Z e i t p l a n   als zugleich verfestigte und biographisch
       evolutionäre Basis  der Persönlichkeit genannt habe. Diese grund-
       legende Rolle  des Zeitplans tritt in seinen massenhaften gesell-
       schaftlichen Modifikationen  und seinen  vielgestaltigen Effekten
       für die  Persönlichkeit zutage. In dieser Hinsicht finden die Ar-
       beiten   der    kommunistischen   Ökonomen    und   des   Sektors
       "F r a n z ö s i s c h e   G e s e l l s c h a f t"   unseres In-
       stituts, unter anderem über die  V e r ä n d e r u n g e n  d e r
       A r b e i t e r k l a s s e    im  Frankreich  der  gegenwärtigen
       Krise ein  großes Interesse.  Sie lassen gut erkennen, welche Um-
       wälzungen, überdies  in widersprüchlichen  Formen, die  Zeitpläne
       der Arbeiter  durch die tiefgreifenden Veränderungen der histori-
       schen Individualitätsformen seit einigen Jahrzehnten erfahren ha-
       ben.  Das   betrifft  sowohl   das  Leben  außerhalb  der  Arbeit
       (Transformation der  familiären Lebensweisen,  der Schulzeit, der
       materiellen und  kulturellen Konsumtion  usw.) als  auch das  Ar-
       beitsleben (zunehmende  Bedeutung der  "Wissenskraft" in  der Ar-
       beitskraft und  des "kollektiven Arbeiters" im Betrieb, aber auch
       die zunehmende Unsicherheit des Arbeitsplatzes und der Beschäfti-
       gung usw.)  als auch  die Beziehungen zwischen beiden (allgemeine
       Politisierung der Probleme, aber gleichzeitig auch die Vertiefung
       des Einschnitts zwischen Schule und Arbeitswelt, zwischen notwen-
       diger Arbeitszeit und privater Freizeit usw.) ebenso wie die bio-
       graphischen Perspektiven  (Eröffnung neuer Vermittlungsformen ge-
       sellschaftlicher Mobilität,  aber auch  Verschließung  bestimmter
       anderer, Ausdehnung  der Arbeitslosigkeit und der Diskriminierun-
       gen, Radikalisierung  des Gegensatzes zwischen der Kapitalverwer-
       tung und  der realen  Entwicklung der  Menschen und ihrer Verant-
       wortlichkeiten usw.).  Von diesen  Umwälzungen her muß man offen-
       sichtlich die  Entstellungen der    I d e n t i t ä t    und  des
       K l a s s e n b e w u ß t s e i n s   von Arbeitern begreifen. Es
       geht um  eine mehr denn je real existierende Arbeiterklasse, eine
       Arbeiterklasse aber, die in ihren materiellen und kulturellen Re-
       produktionsweisen, ihrer  inneren Differenzierung nach sozio-pro-
       fessionellen Kategorien,  ihren Identifikationsmustern  und ihren
       Traditionen der Organisation und des Kampfes destabilisiert ist -
       alles Dinge, die sich in Biographien und Subjektivitäten in jedes
       Mal anderen Formen widerspiegeln.
       Aber wenn  der Begriff  Z e i t p l a n  so in seiner praktischen
       Anwendung sehr  stringent zu  sein scheint, wirft seine theoreti-
       sche Vertiefung doch noch viele Probleme auf. Um nur ein Beispiel
       dafür zu  geben: Welche Geltung hat die Annahme einer fundamenta-
       len Dualität  zwischen  k o n k r e t e r  T ä t i g k e i t  und
       a b s t r a k t e r   T ä t i g k e i t,   die ich  als verallge-
       meinerte Form  der   M a r x s c h e n  Analyse zur  k o n k r e-
       t e n   A r b e i t   und  a b s t r a k t e n  A r b e i t  vor-
       geschlagen habe?  Handelt es sich um eine verifizierbare Realität
       oder um  eine riskante  Metapher? Können die Termini abstrakt und
       konkret  eine  hinreichend  definierte  Bedeutung  außerhalb  des
       Bereichs der Ökonomie haben? Meiner Meinung nach ja und mehr denn
       je.  Ist,   biographisch  gesprochen,   jede  Tätigkeit      a b-
       s t r a k t,   die über  die materiellen  und  symbolischen  Ver-
       mittlungen ihres  sozialen Umfeldes  unter einer   e n t f r e m-
       d e t e n   Form zum Individuum zurückkehrt, nämlich belastet mit
       Effekten und  Bedeutungen, die seinen Zielen  f r e m d  sind, ja
       in einer  Form, in  der das  Individuum sie  gar nicht  als seine
       eigene  Tätigkeit  wiedererkennt,  so  ist  im  Unterschied  dazu
       Tätigkeit   k o n k r e t,   die obwohl sie ebenso unvermeidlich,
       auch in  ihren privaten  Formen, vermittelt  ist, dennoch für das
       Individuum  in   ihren  Resultaten   transparent  und   in  ihren
       Zielsetzungen homogen  bleibt.  Nun,  die  Untersuchung  der  ka-
       pitalistischen Gesellschaft in der gegenwärtigen Krise zeigt, daß
       diese nicht aufhört, aus neuen konkreten Tätigkeiten abstrakte zu
       machen und  die Dichotomie  zwischen den einen und den anderen zu
       vertiefen und  so ein  sehr furchterregendes  und sehr heimtücki-
       sches Hindernis  für den inneren Zusammenhalt und die Entwicklung
       der  Gesamtpersönlichkeit   aufzubauen.  So   verweist  auch  die
       K r i s e   d e r   P o l i t i k   - die  ideologisch durch  die
       herrschenden Kräfte  verstärkt und manipuliert wird, aber nichts-
       destoweniger, vor  allem in  der Jugend, eine wirkliche Abneigung
       gegen Politik  verdeckt - auf ein besorgniserregendes Umsichgrei-
       fen der  e n t f r e m d e n d e n  A b s t r a k t i o n  in den
       herrschenden Tätigkeiten  und politischen Verhältnissen, was sich
       in der Forderung eines Jugendlichen offenbart: "Ich möchte sehen,
       was bei  meinen Handlungen  herauskommt". Man  kann eine  analoge
       Entwicklung in vielen anderen Bereichen, wie denen der Moral oder
       der Kultur,  konstatieren. Die  theoretische Durchdringung dieser
       vielfältigen Erscheinungen  ist eine  Pflicht für denjenigen, der
       sich mit der Persönlichkeit beschäftigt.
       
       8. Krise des Kapitalismus und biographische Krise
       -------------------------------------------------
       
       Diese bruchstückartigen Bemerkungen über die Logik, die dem Zeit-
       plan und  der Dynamik  der persönlichen Entwicklung zugrunde lie-
       gen, führen  dazu, ein  noch globaleres  Problem aufzuwerfen: Ist
       die Krise des Kapitalismus nicht im Begriff, eine massenhaft ver-
       breitete   b i o g r a p h i s c h e  K r i s e  hervorzubringen?
       Es gibt  gute Gründe  für diese  Annahme. Zweifellos muß man sich
       des hypothetischen  und approximativen  Charakters  der  gesamten
       Formulierungen einer  so komplexen  und noch so wenig erforschten
       Frage sehr bewußt sein. Vielleicht ist es aber dennoch möglich zu
       sagen: Einer  der wesentlichen  Aspekte der  heutigen, durch  die
       Entwicklung der  Produktivkräfte und  der gesellschaftlichen Ver-
       hältnisse in ihrer wechselseitigen Verknüpfung induzierten Verän-
       derungen scheint,  jedenfalls was  Frankreich  betrifft,  der  zu
       sein, einen  umfassenden historischen Prozeß der Überwindung fun-
       damentaler Spaltungen  einzuleiten. Das  erstreckt sich  auf  die
       wechselseitige Durchdringung  der materiellen und der intellektu-
       ellen Arbeit, der produktiven und der unproduktiven, den Übergang
       von der unmittelbaren individuellen Arbeit zur Kooperation inner-
       halb des kollektiven Gesamtarbeiters, die Beseitigung zahlreicher
       Schranken zwischen sozialen Schichten, den Geschlechtern und eth-
       nischen Gruppierungen  innerhalb eines Kontinuums von Lohnarbeit,
       die Verstärkung  der gesellschaftlichen  Mobilität, die  Infrage-
       stellung von  Fremdbestimmung und  Abhängigkeiten - und zwar der-
       art, daß für die Masse der Bevölkerung die Möglichkeit konkret zu
       werden scheint,  ein viel  weniger parzelliertes und partikulari-
       siertes Individuum zu sein, als das heute der Fall ist, eine rei-
       che Persönlichkeit in einer wahren Solidarität zu sein.
       Aber gleichzeitig reproduzieren und verschärfen sich in der Krise
       des Kapitalismus  weiterhin Blockierungen (schulischer Mißerfolg,
       Arbeitslosigkeit, Entwertung  der Fähigkeiten,  Beschneidung  der
       Verantwortlichkeiten ...) und Spaltungen (zwischen lebendiger und
       toter Arbeit,  Planung und  Ausführung, Kreativität  und  Konsum,
       Arbeitszeit und Freizeit...), die sich gewaltsam dem Streben nach
       einer Überwindung  der Spaltung  und    N e u g e s t a l t u n g
       der Persönlichkeit  und der  Biographie entgegenstellen.  Gleich-
       zeitig haben  die Enttäuschungen,  die die  großen Hoffnungen auf
       gesellschaftliche Emanzipation  erlitten haben - 1968, 1981 - den
       Skeptizismus gegenüber  der Durchsetzbarkeit  des  Zieles  selbst
       genährt. Sie  haben ein noch größeres, von der Großbourgeoisie in
       aller Öffentlichkeit  ausgebeutetes Risiko geschaffen, das Risiko
       eines auf  der ganzen  Linie drohenden  Zurückfallens auf erneute
       Formen von  Dichotomie, von  Einbindung der  Persönlichkeiten  in
       einen  gefährlich   wachsenden  Abstand   zwischen   menschlichen
       Fähigkeiten und  in schwindelerregender Rasanz sich ausbreitenden
       gesellschaftlichen Kräften  auf der  einen Seite  und der für die
       Individuen reduzierten  Möglichkeiten, sie  sich anzueignen,  auf
       der anderen.  Im Ganzen  gesehen erscheinen die volle Entwicklung
       jedes Menschen  und  die  universelle  Ausbildung  einer    z u r
       S e l b s t b e s t i m m u n g   b e f ä h i g t e n    I n d i-
       v i d u a l i t ä t   heute in  einer viel  konkreteren Weise als
       eine historische  Möglichkeit und  zugleich als  eine historische
       Notwendigkeit; und  auf der  einen Seite scheinen sie sich mitten
       durch das  Auf und Ab der Krise hindurch ihren Weg zu bahnen. Auf
       der anderen  Seite aber  stoßen sie  auf  die  undurchdringlichen
       gesellschaftlichen Verhältnisse, die hartnäckig die fundamentalen
       Entfremdungen aufrechterhalten  und drohen,  mangels  der  Mittel
       diese gar  auf die  eigenen Kräfte bauend in Frage zu stellen, in
       die Sackgassen  des   D u a l i s m u s   zwischen  den  "gesell-
       schaftlichen  Zwängen"   und  der  "privaten  Freiheit",  in  die
       Ausweglosigkeit des  zutiefst entfremdeten und konkurrenzförmigen
       I n d i v i d u a l i s m u s  abzugleiten.
       Die menschliche  Geschichte scheint  sich so  mit wachsender  Ge-
       schwindigkeit einer  Bewährungsprobe zu  nähern, die von größerer
       Tragweite ist als irgendeine andere: der ihrer Fähigkeit oder Un-
       fähigkeit, aus  jeder Frau  und jedem Mann bei Strafe einer Kata-
       strophe ein   "a l l s e i t i g   e n t w i c k e l t e s   I n-
       d i v i d u u m"  zu machen. Dazu ist der Kapitalismus von seinem
       Wesen her  unfähig, weil  es  sein  Gesetz  ist,  nicht  Menschen
       sondern  G e l d  zu machen, d.h. gemäß einer toll gewordenen Lo-
       gik alles  dem in einer immer spekulativeren und inhumaneren Form
       akkumulierten Reichtum  zu opfern.  Und zweifellos können die so-
       zialistischen Länder  in ihrem  langen Marsch  zum Kommunismus in
       keinem Bereich  einen überzeugenderen und entscheidenderen Beweis
       für die  Überlegenheit der klassenlosen Gesellschaft geben als in
       der immer stärker hervortretenden Fähigkeit, diese grandiose Auf-
       gabe der   E n t w i c k l u n g   d e r  M e n s c h e n  zu lö-
       sen, welche  zugleich die Bedingung einer radikal höheren Produk-
       tivität, Schlüssel  einer endlich aus ihrer Vorgeschichte befrei-
       ten Zivilisation  und einzig  und allein  "Zweck an sich" der Ge-
       schichte ist.  Nichts ist tatsächlich irriger als die beharrliche
       Auffassung, der Kommunismus sei gleichbedeutend mit einer Regres-
       sion -  oder einer  "Überwindung" -  der Individualität, eine An-
       nahme, die  nicht immer nur bei den Gegnern des Marxismus zu fin-
       den war.  Man hat vielleicht unter diesem Gesichtspunkt nicht ge-
       nügend hervorgehoben,  daß Marx  niemals vom Kommunismus spricht,
       ohne von den Individuen zu sprechen. Für ihn sind Kommunismus und
       volle und  freie Entwicklung  der Individuen absolut synonym, und
       zwar in  erster Linie  deswegen, weil Kommunismus die Entwicklung
       der universellen  Produktivkräfte voraussetzt und allein die uni-
       versell entwickelten  Individuen in der Lage sind, sich diese an-
       zueignen. Hier  liegt, glaube  ich, der  tiefe Sinn des scheinbar
       paradoxen Gedankens, den Ernst Bloch in Experimentum Mundi formu-
       lierte: "Die klassenlose Gesellschaft kann individueller sein als
       irgendeine andere vor ihr." Ist es nicht auch klar, daß, wenn die
       Individuen ihre verlorenen kollektiven Kräfte sich gemeinsam wie-
       der angeeignet haben, das Maximum an Kollektivität zusammenfallen
       muß mit dem Maximum an Individualität?
       Besonders gut  sieht man  hier, wie mir scheint, an welchem Punkt
       die Theorie  der Persönlichkeit  und der  Biographie so,  wie sie
       gleichzeitig ein  wissenschaftlicher Bedarf  ist, ein  ganz  ent-
       scheidendes historisches Erfordernis ist. Ohne dieses Erfordernis
       kann man  schwerlich den wissenschaftlichen Sozialismus begreifen
       und in  seinem vollen  Umfang entwickeln. Denn das Individuum ist
       weder in  der Realität noch in der Wissenschaft die bloße Schluß-
       folgerung aus  allem anderen.  Sehr wohl ist das Ensemble der ge-
       sellschaftlichen Verhältnisse  immer   f u n d a m e n t a l  und
       wird es  immer bleiben, aber gleichzeitig und in zunehmendem Maße
       sind es die Individuen, die  e n t s c h e i d e n  und entschei-
       den werden. Und zwar deshalb, weil das Ensemble der gesellschaft-
       lichen Verhältnisse  sich   a l s   S y s t e m   v o n  I n d i-
       v i d u a l i t ä t s f o r m e n,   das  Grundlage  der  Persön-
       lichkeit ist,   n u r   i n   d e r   B i o g r a p h i e   d e r
       I n d i v i d u e n   wieder zusammensetzt.  Genau darin  beweist
       sich seine  Kohärenz oder  seine Inkohärenz,  sein  humaner  oder
       inhumaner Charakter.  Genau darin  haben letzten Endes die Kritik
       des Bestehenden  und die  Rebellionen, die  Bestrebungen und  die
       Dynamik gesellschaftlicher Veränderung, die sich in kämpferischem
       Leben, in  gesellschaftlicher Verantwortung,  in  geistig  schöp-
       ferischer Kraft  entfalten, ihren  Ursprung, auch  wenn sie  sich
       gesellschaftlich organisieren  müssen, um historische Triebkräfte
       zu werden.  Die subjektive  Seite des  konkret-gesellschaftlichen
       "Menschseins"  in   einer  reduktionistischen   Betrachtung   der
       Menschheit als  Gattung zu entwerten, wäre so meiner Ansicht nach
       ein gewaltiger Irrtum sogar unter dem Gesichtspunkt seiner objek-
       tiven Seite, d. h. der Entwicklung der Gesellschaftsformation und
       der Menschheit.  Die wahre menschliche Gemeinschaft wird der wah-
       ren Einmaligkeit der Personen bedürfen, die diese nicht verarmen,
       sondern aufs  Äußerste bereichern  wird, da das allseitig entwic-
       kelte einzelne  Individuum dadurch zugleich auch einmaliges Indi-
       viduum sein  wird, in  derselben Bewegung,  in der  es sich immer
       mehr der konkreten Dimension der Universalität annähern wird.
       
       9. Krise des kämpferischen Lebens?
       ----------------------------------
       
       Man kann natürlich dieser vorausschauenden historisch-psychischen
       Auffassung über  die Entwicklung der Individualität vieles entge-
       genhalten. Eine  der in  diesem Zusammenhang  in Frankreich heute
       oft vorgebrachten  Ideen ist  die, daß  es im Gegensatz zu dieser
       optimistischen Betrachtung  eine "Krise des kämpferischen Lebens"
       gebe, die  eng mit  dem "Niedergang der Arbeiterklasse" - und des
       Marxismus - verbunden sei. Dieser Einwand ist eine nähere Erörte-
       rung wert. Er entspricht bestimmten in der gesellschaftlichen und
       politischen Arbeiterbewegung  wohlbekannten Realitäten.  Die  Ge-
       werkschaftsbeitritte sind  allgemein rückläufig.  Die Mitglieder-
       zahlen der kommunistischen Partei sind nicht gerade auf dem Höhe-
       punkt. Die Rekrutierung der Funktionäre ist schwierig, und selbst
       die Vorstellung  beständiger Parteiarbeit  bereitet  vielen  Pro-
       bleme, insbesondere  den jungen, die für sich immer mehr den Sinn
       des kämpferischen  Lebens in  Frage stellen.  Man kann diesen Zu-
       stand zweifellos  durch die  enormen materiellen  und moralischen
       Schwierigkeiten des  Kampfes für  gesellschaftliche Veränderungen
       im heutigen  Frankreich erklären  : lastender  Druck im Blick auf
       die Zukunftsperspektiven der Arbeitslosigkeit und der Repression,
       destabilisierende Wirkung  neuer  Lebensweisen,  demoralisierende
       Wirkung der  durchgängigen Rechtsentwicklung  der sozialistischen
       Partei an  der Macht, systematisch zu Schreckensbildern verzerrte
       Darstellungen der  sozialistischen Länder usw. - und auch langan-
       haltende Konsequenzen strategischer Versäumnisse, zu denen es die
       kommunistische Partei, wie ihr wohl bewußt ist, in den fünfziger-
       sechziger Jahren hat kommen lassen.
       Diese Erklärungen  tragen sehr  wohl den Tatsachen Rechnung. Den-
       noch verbieten  sie nicht, weitergehende Fragen nach ihrer histo-
       risch-biographischen Bedeutung  zu stellen.  Um so  mehr, als die
       "Krise der Politik" keineswegs einen allgemeinen Rückfall auf un-
       politische Haltung  und Individualismus kennzeichnet. Die Wahlbe-
       teiligung bei  den verschiedenen Wahlen bleibt im Großen und Gan-
       zen sehr hoch und erreicht Rekorde, wenn das, was zur Wahl steht,
       als eine  entscheidende Wende  angesehen wird. Neue soziale Bewe-
       gungen haben Erfolge zu verzeichnen, vor allem in der Jugend, wie
       etwa die  gegenwärtige Kampagne gegen den Rassismus. Das Leben in
       Organisationen und  Vereinigungen und die Aktionen direkter Soli-
       darität haben  sich reich entwickelt. Es ist schwierig, diese und
       ähnliche Tatsachen  zu betrachten, ohne zu der Einsicht zu gelan-
       gen, daß  das, was  die Frage ausmacht, in Wirklichkeit nicht die
       Logik der  Bürgeraktion selbst  ist, sondern  daß es im Gegenteil
       ihre abstrakten, fremdbestimmten Formen sind, die verhindern kön-
       nen, daß "man sieht, was bei den eigenen Handlungen herauskommt".
       Sind es von daher nicht vielmehr die historischen Schranken einer
       gewissen Physiognomie  der kämpferischen  Persönlichkeit, die die
       kritische Reflexion herausfordern, und infolgedessen die entspre-
       chenden historischen Individualitätsformen, d.h. auch die Konzep-
       tion der Organisationsformen des sozialen Kampfes selbst, die die
       französischen Kommunisten von nun an wesentlich als Selbstbestim-
       mungsverhalten betrachten müssen?
       Gemäß einer  traditionellen Vorstellung von der Partei der Avant-
       garde würde  diese vor  allem als  Instrument zur  Eroberung  der
       Macht verstanden,  als Organisator  einer politischen  Aktion, in
       der   d i e   a n   d e r  B a s i s  im wesentlichen die Aufgabe
       haben,  die   Operationen  und   Umgestaltungen     a n     d e r
       S p i t z e    abzustützen.  Aber  impliziert  diese  Vorstellung
       nicht, daß  die Gestalt des Kämpfers trotz der Versprechungen ih-
       rer Universalität,  in widersprüchlicher  Weise und  widerwillig,
       auch eine   p a r t i k u l a r e   F o r m   d e r  A u f t e i-
       l u n g   d e r  h i s t o r i s c h e n  A u f g a b e n  reprä-
       sentiert, eine  Form, die zum Teil entfremdet ist und entfremdend
       und die  sogar zum Teil eine veraltete Form werden kann, während,
       da  die   gesellschaftlichen  Transformationen  in  vollem  Licht
       betrachtet  als  die  Sache  aller  erscheinen  muß,  gerade  die
       allgemeine  Verbreitung   der     s e l b s t b e s t i m m t e n
       I n d i v i d u a l i t ä t   unabweisbar auf die Tagesordnung zu
       setzen ist?  Ist unter  diesen Bedingungen die "Krise des kämpfe-
       rischen Lebens"  nicht weit  davon entfernt,  auf  einen  Verfall
       seiner grundlegenden  historisch-biographischen Bedeutung  hinzu-
       weisen, nicht vielmehr das Indiz seiner notwendigen Umgestaltung,
       einer Umgestaltung,  die innerhalb  der begrifflichen Ordnung der
       Individualität in  einem kohärenten  Zusammenhang steht  mit  der
       Erforschung der neuen, vom revolutionären Kampf heute geforderten
       Formen politischer  Praxis und  Organisation? Führt  das nicht zu
       der Einsicht, daß von nun an eine politische Praxis zum Scheitern
       verurteilt ist,  die nicht  in ausreichendem  Maße den Individuen
       die  Mittel   an  die   Hand  gibt,  die  Parzellierung  und  die
       undurchdringliche Abhängigkeit  zu überwinden  und ihr  Verlangen
       nach Neugestaltung  ihrer Persönlichkeit  und nach  transparenter
       Autonomie in  die Aktion  einzubringen, um die gesellschaftlichen
       Verhältnisse,  von   denen   direkt   ihr   Leben   abhängt,   zu
       transformieren? Die Erforschung der Persönlichkeit und Biographie
       kann  schwerlich  einen  konkreteren  Einsatz  finden  als  diese
       entscheidende Frage.
       
       10. Erkenntnistheoretische und methodologische Probleme
       -------------------------------------------------------
       
       Die gesamten  bereits konsistenten  oder noch sehr hypothetischen
       theoretischen Auffassungen,  die gesamten  bereits durchgeführten
       oder in  Angriff zu  nehmenden Forschungen, von denen ich hier in
       knapper Form  einen globalen Überblick gegeben habe, haben letzt-
       lich zum Ziel, an der Neuformulierung des Gegenstandsbereichs der
       Humanwissenschaften zu arbeiten, und zwar derart, daß die Persön-
       lichkeit und  die Biographie  darin ihren vollen Stellenwert fin-
       den. Deshalb müssen auch die erkenntnistheoretischen und infolge-
       dessen philosophischen  Probleme vertieft  werden, wobei es zwei-
       fellos das ursprünglichste, schwierigste und entscheidendste Pro-
       blem ist,  die besondere  Art von Wissenschaftlichkeit zu bestim-
       men, die  hier anzustreben ist. Sobald der einzigartige Charakter
       jeder psychischen  Individualität als wesentlich erkannt ist, muß
       man zu  der paradoxen  Schlußfolgerung gelangen,  daß das einzige
       stringente  Wissen   über  einen   derartigen   Gegenstand   eine
       "W i s s e n s c h a f t   d e s  E i n m a l i g e n"  ist. Die-
       ses neuartige  Konzept, das im Gegensatz zu dem berühmten und für
       die meisten  Wissenschaftler absolut  gültigen Ausspruch des Ari-
       stoteles steht,  nach dem  es "nur  Wissenschaft des  Allgemeinen
       gibt", ruft sehr wohl Diskussionen hervor, auch innerhalb unseres
       Seminars. Denn  man kann  behaupten, daß  eine Forschung über das
       Individuelle sich  notwendig zwischen  zwei Polen bewegt: dem der
       B e g r i f f e,  mit dem der Zugang zu seinem theoretischen Ver-
       ständnis  eröffnet  wird,  allerdings  ausschließlich  unter  dem
       Aspekt seiner  Allgemeinheit, und  dem der    K l i n i s c h e n
       Psychologie, mit  dem eine  Annäherung an seine Einmaligkeit mög-
       lich ist, allerdings um den Preis eines Verzichts auf die Strenge
       der Wissenschaft.  Könnte das Projekt einer Wissenschaft des Ein-
       maligen, das  im Gegensatz  dazu beabsichtigt,  die  konstitutive
       Grenze zwischen abgegrenzter Allgemeinheit der Begriffe und uner-
       schöpflicher Einzigartigkeit  des Realen  aufzuheben, nicht  auch
       einem offensichtlich  übertriebenen Ehrgeiz, einem eigentlich un-
       ausführbaren Unternehmen Vorschub leisten?
       Ich unterschätze  nicht die Stärke der gegnerischen Auffassungen.
       Ich frage  mich aber  nichtsdestoweniger, ob  dies nicht zu einem
       erheblichen Teil  die   M a c h t    d e r    G e w o h n h e i t
       i s t,   die aus einer jahrzehntelangen Entwicklung der Humanwis-
       senschaften in  einer bestimmten Richtung resultiert - eine Rich-
       tung, in  der es ihnen nicht zufällig bisher sehr schlecht gelun-
       gen ist,  der Persönlichkeit  wirklich Rechnung  zu tragen,  eine
       Richtung, die  meiner Ansicht  nach gerade  in ihrem  Prinzip  in
       Frage zu stellen ist. Man geht von dem Gedanken aus, daß nur Wis-
       senschaft vom  Allgemeinen existiert.  Aber dieser  Satz war  für
       Aristoteles keine  T h e s e,  er war vielmehr in einem dialekti-
       schen Sinn  eine  A p o r i e,  denn, soweit das Reale immer ein-
       malig ist,  läuft der  Satz, daß  die Wissenschaft nur das Allge-
       meine erreicht,  darauf hinaus,  daß sie  das Reale verfehlt. Muß
       man nicht, treibt man die dialektische Reflexion über das hinaus,
       was Aristoteles  möglich war,  weiter bis  zur Erfassung  der be-
       stimmten Form,  in der  das Universelle  im Einmaligen  enthalten
       ist, sogar  sagen, daß  in Wirklichkeit jede Wissenschaft, soweit
       sie effektiv  ist, eben  dadurch Wissenschaft   d e s  Einmaligen
       ist? Aber  es gibt zwei Wege für den Versuch, das Einmalige, d.h.
       das Reale zu erfassen. Der erste ist absolut dominant in der Wis-
       senschaft, die  sich von  der Renaissance bis zur jüngsten Epoche
       entwickelt hat.  Besteht dieser  Weg nicht  darin, das Allgemeine
       aus dem  Realen zu  extrahieren, das so in "irgendein Objekt", in
       ein abstrakt  Allgemeines verwandelt  wird - zum Beispiel den Ge-
       genstand der  Allgemeinen Psychologie  -, und  das Einmalige  als
       solches auf  den Bereich  des Unwesentlichen zu verweisen, nur um
       etwas von  ihm in einer klinischen Annäherung, gar in einer Theo-
       rie seiner  Streuung, seiner  Abweichung vom  Durchschnittswert -
       z.B. in  einer Differentiellen  Psychologie - zurückzugewinnen zu
       versuchen? Das  ist eine  Vorgehensweise, die offenkundig überall
       dort effektiv  ist, wo  die Einzelheit  wirklich für unwesentlich
       gehalten werden  kann, die aber im entgegengesetzten Fall keiner-
       lei Gültigkeit hat.
       Aber gibt es nicht einen anderen weitaus dialektischeren Weg, der
       darin besteht, von vornherein um der viel verbindlicheren Identi-
       fikation des  Allgemeinen und  des Besonderen willen auf die Fik-
       tion eines  abstrakt allgemeinen Gegenstands zu verzichten und in
       dem Realen allein die  u n i v e r s e l l e n  l o g i s c h e n
       - topologischen,  chronologischen - Formen seiner jedesmal einma-
       ligen Entwicklung  zu erforschen?  Könnte dies nicht in der Weise
       geschehen, daß  hier nicht  mehr zwischen Begriffen, die in einem
       Modell zu  Kristallisationen der  ganzen abstrakten  Rationalität
       und einer  in die  Undurchdringlichkeit des konkreten Falles ver-
       senkten klinischen  Realität geronnen  sind, unterschieden  wird,
       sondern zwischen  allgemeinen Geboten der Verfahrensweise der Er-
       kenntnis und  wissenschaftlicher Erfassung des einmaligen Realen?
       V i e l  w e n i g e r  s t o f f l i c h e s  W i s s e n  a u f
       d e r   e i n e n    S e i t e ,    a b e r    v i e l    m e h r
       h a n d l u n g s b e z o g e n e  R a t i o n a l i t ä t  u n d
       V e r n u n f t  a u f  d e r  a n d e r e n:  Hat Marx nicht ge-
       rade diese  Linie verfolgt, als er dem Projekt einer Wissenschaft
       der   G e s c h i c h t e  Gestalt verliehen hat, in der Begriffe
       und Gesetzmäßigkeiten  (z. B. der Begriff der ökonomischen Struk-
       tur, das  allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation) in
       keiner Weise  ein Modell der "Gesellschaft im Allgemeinen" deter-
       minieren, sondern  uns das  Netz von  Verhältnissen und logischen
       Formen darlegen,  in dem  es möglich ist, rational eine einmalige
       Gesellschaftsformation und  ihre originäre Entwicklung zu verste-
       hen? Und  ist das nicht der Weg, auf dem heute zahlreiche Wissen-
       schaften   d e r   N a t u r  selbst voranschreiten, in denen der
       herausgearbeitete Gegenstand  auch eine  einzigartige  Geschichte
       hat -  vom "Big  Bang" zur  Anthropogenese? Ist es also nicht von
       strategischer Bedeutung, das erstaunliche Paradoxon zu enthüllen,
       das die  archaische und  ruinöse Fixierung eines großen Teils der
       Humanwissenschaften am  anderen Pol von Wissenschaftlichkeit dar-
       stellt, dessen  konservativ-ideologische  Bedeutung  offenzulegen
       und mit  der Bejahung  der Rechte  einer wirklichen  W i s s e n-
       s c h a f t   des Einmaligen  von  Seiten  der  materialistischen
       Dialektik und  des revolutionären  Handlungsplans die Möglichkeit
       der Überwindung  dieses Paradoxons  aufzuzeigen?  Das  ist  meine
       Überzeugung. Die wirklichen Lebensläufe der einmaligen Individuen
       sind  eine   phantastische  Fundgrube   ungenutzter  potentieller
       Erkenntnis. Es  kommt darauf  an, die    "n e u e n    K r i t e-
       r i e n   v o n    W i s s e n s c h a f t l i c h k e i t"    zu
       schmieden, die  es uns  erlauben, nicht mehr das nützliche Wissen
       über die  Individuen an  der Elle einer vorgängigen verarmten und
       konformistischen Vorstellung  von der  Individualität zu  messen,
       sondern umgekehrt  die Nützlichkeit  der Begriffe  von Individua-
       lität an  ihrem Beitrag, Erkenntnisse an den realen Individuen zu
       gewinnen,  wie   an  ihrem  Beitrag,  zu  deren  Emanzipation  zu
       verhelfen, zu messen.
       Eine solche Art und Weise das Problem zu stellen, hat offensicht-
       lich enorme  Konsequenzen für  die Art und Weise, wie man den Er-
       kenntnisprozeß, seine  theoretische Konsistenz  und seine gesell-
       schaftliche Zielsetzung  betrachtet. Sobald  man die  realen Men-
       schen nicht  mehr als das Gestein betrachtet, aus dem die univer-
       sitäre Wissenschaft  herauszuschlagen ist,  sondern als das kost-
       bare Metall, aus dem ein Wissen neuer Art und neuer Tragweite ge-
       wonnen werden  muß, wird es unmöglich, sie weiterhin für einfache
       O b j e k t e  von Wissenschaft zu halten, wird es unentbehrlich,
       sie   dabei    zu   unterstützen,    sich   selbst   zu   aktiven
       S u b j e k t e n   zu machen,  was wohl verstanden nur zu reali-
       sieren ist, wenn das theoretische  Z i e l  ihnen nicht von Natur
       aus fremd  ist, sondern  mit ihrem eigenen praktischen Ziel über-
       einstimmt, d.  h. auf seine Weise die Aufhebung ihrer individuel-
       len und  kollektiven Entfremdung zum Ziel hat. Anders gesagt han-
       delt es  sich darum, die institutionalisierten Formen der wissen-
       schaftlichen Arbeitsteilung,  welche die  Verhältnisse der  Herr-
       schaft des  Menschen über den Menschen reproduzieren und verstär-
       ken, zu überwinden, um die komplexen Wege dessen zu erkunden, was
       Yves Schwartz  nach Ivar  Oddone   "e r w e i t e r t e    w i s-
       s e n s c h a f t l i c h e   G e m e i n s c h a f t"    genannt
       hat. Diese  impliziert zugleich  ein  h o h e s  I d e a l  d e r
       W i s s e n s c h a f t  - es kann hier nicht zur Debatte stehen,
       ich  weiß  nicht  welchen  erkenntnistheoretischen  Primitivismus
       gegen die  notwendigen theoretischen  Umwege  der  strengen  Wis-
       senschaft ins  Feld zu  führen -  und ein   h o h e s   I d e a l
       d e r   K u l t u r   - denn es geht darum, die Formen von Erfah-
       rungen, von  Erkenntnissen, von  Fragestellungen und von Urteilen
       der Arbeiterinnen und Arbeiter wirklich ernst zu nehmen. Die Wis-
       senschaft der Persönlichkeit und der Biographie wird ein spezifi-
       sches Moment der umfassenderen und freieren Entwicklung aller In-
       dividuen sein, oder es wird sie nicht geben.
       
       (Übersetzung aus dem Französischen: Reinhard Schweicher und Bern-
       hard Wilhelmer)
       
       _____
       1) In der  deutschsprachigen Ausgabe  von "Marxismus  und Theorie
       der Persönlichkeit" (Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt 1972)
       wurde dieser Neologismus mit "Nachbarstruktur" übersetzt.
       

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