Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       STAATSMONOPOLISTISCHE KOMPLEXE ALS NEUE ORGANISATIONSFORM
       =========================================================
       DES KAPITALS
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       Bemerkungen zu einer neuen Kategorie der politischen Ökonomie
       -------------------------------------------------------------
       des Kapitalismus
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       Ulrich Dolata/Arno Gottschalk/Jörg Huffschmid
       
       1. Was sind staatsmonopolistische Komplexe? - 1.1 Gesellschaftli-
       che Produktion  ohne gesellschaftliche  Planung  -  1.2  SMK  und
       staatsmonopolistische Komplexe  - 1.3  Organisationsstruktur  und
       Funktionselemente eines Komplexes - 2. Staatsmonopolistische Kom-
       plexe in  der BRD  -2.1 Der  Militär-Industrie-Komplex -  2.2 Der
       Luft- und  Raumfahrt-Komplex -  2.3 Der  Atom-Industrie-Komplex -
       2.4 Der Telekommunikations-Industrie-Komplex - 3. Der Stellenwert
       staatsmonopolistischer Komplexe  im SMK - 3.1 Zur Eingrenzung des
       Komplexbegriffes - 3.2 Das Verhältnis staatsmonopolistischer Kom-
       plexe zu  anderen Organisationsformen  des Monopolkapitals  - 3.3
       Entwicklungstendenzen -  4. Komplexe  als Gegenstand  politischer
       Reformstrategien
       
       Der Begriff "staatsmonopolistischer Komplex" ist erst vor wenigen
       Jahren als  allgemeine Kategorie  in die politökonomische Diskus-
       sion eingeführt  worden. 1)  Ein früher Bezugspunkt für diese Be-
       griffsbildung ist  der   m i l i t ä r i s c h - i n d u s t r i-
       e l l e   K o m p l e x,   von dem der US-amerikanische Präsident
       Eisenhower Anfang  der 60er  Jahre erstmals gesprochen hatte, als
       er  auf   die  enge   "Verflechtung   zwischen   einem   riesigen
       militärischen Establishment  und einer  großen Rüstungsindustrie"
       hinwies und  hierin erhebliche  Gefahren für  die Entwicklung der
       Demokratie sah. 2)
       Die marxistische  Theorie geht  davon aus, daß die Erscheinungen,
       die Eisenhower  damals zu  seiner warnenden  Bemerkung  veranlaßt
       hatten, weder  zufällige noch  außergewöhnliche Einzel- oder Son-
       derfälle in  der  Entwicklung  des  Kapitalismus  sind.  Vielmehr
       stellt der  Komplex eine  wichtige Organisationsform des Kapitals
       auf der  Stufe des staatsmonopolistischen Kapitalismus dar. 3) Er
       thematisiert zwei  wesentliche Seiten  des Monopolkapitals  unter
       den heutigen  Bedingungen: Zum  einen trägt  er der  f o r t g e-
       s c h r i t t e n e n   V e r g e s e l l s c h a f t u n g   des
       kapitalistischen Reproduktionsprozesses  und der daraus folgenden
       Notwendigkeit Rechnung,  daß der  Staat als die am weitesten ent-
       wickelte gesellschaftliche  Instanz dauerhaft  und vielseitig  in
       den Wirtschaftsprozeß  eingreift, ohne  daß das  private  Monpol-
       kapital als  Bezugsbasis dieser  Eingriffe  verlassen  wird.  Zum
       anderen  bezeichnet   die  Kategorie  des  staatsmonopolistischen
       Komplexes im  Unterschied zu  dem allgemeinen Begriff des SMK als
       der "Vereinigung  der  Macht  der  Monopole  mit  der  Macht  des
       Staates" spezifische  neue Verbindungsformen  zwischen Staat  und
       Einzelkapitalen: Diese  beeinflussen  die  Aktivität  nicht  mehr
       allein von außen durch Verbände, Lobbies oder die Medien, und ihr
       Druck auf  den Staat  von innen  erfolgt nicht  mehr allein durch
       Personalverflechtungen, persönliche  Beziehungen und  Bestechung;
       sie sind  vielmehr direkt im produktiven Bereich durch dauerhafte
       Kooperation mit  dem Staat  bzw.  wichtigen  Teilen  des  Staates
       verflochten.
       Die Kategorie  des staatsmonopolistischen Komplexes entspricht in
       der Tat  einem begrifflichen  Bedarf, der sich aus der Weiterent-
       wicklung des  "einfachen" Monopolkapitalismus zum staatsmonopoli-
       stischen Kapitalismus  ergibt: In der  e r s t e n  Phase des Im-
       perialismus hatte  sich das Monopolkapital als allgemeine Katego-
       rie für die dominierende Form des Kapitals konkret in Einzelmono-
       polen (Konzernen),  Monopolgruppen (Kartellen  usw.) oder Finanz-
       gruppen organisiert,  die auf  verschiedene Weise  auf den  Staat
       Einfluß nahmen. 4) Wenn die Verbindung zwischen Staat und Monopo-
       len in  der   z w e i t e n  Phase des Monopolkapitalismus sowohl
       enger als  auch dauerhafter  wird als in der ersten Phase, so ist
       zu fragen,  ob und  welche Rückwirkungen dies auf die Organisati-
       onsform der  Einzelkapitale hat.  Es ist zu vermuten, daß es ent-
       sprechend der qualitativ neuen Verbindung von Staat und Monopolen
       im staatsmonopolistischen  Kapitalismus auch  eine  dieser  neuen
       Qualität entsprechende  Veränderung der  Organisationsformen kon-
       kreter Einzelkapitale gibt.
       Die folgende  Darstellung soll  verdeutlichen, daß  und inwieweit
       die Kategorie des staatsmonopolistischen Komplexes diese Anforde-
       rungen erfüllt.  5) Dabei  geht es  im ersten Teil um den Begrün-
       dungszusammenhang, aus dem der staatsmonopolistische Komplex ent-
       wickelt wird.  Der zweite  Teil soll vorschnelle Überhöhungen und
       Verabsolutierungen des  Komplexbegriffes abwehren  und sein  Ver-
       hältnis zu  den anderen  Organisationsformen des  Monopolkapitals
       klären; im  dritten Teil  sollen abschließend  kurze Überlegungen
       zur Nutzbarmachung  der neuen  Kategorie für die antimonopolisti-
       sche Strategie angestellt werden.
       Wir stellen hier Ergebnisse der im Herbst 1986 erscheinenden Stu-
       die zu den staatsmonopolistischen Komplexen in der BRD 6) auf ei-
       ner allgemeinen,  die wesentlichen Gesichtspunkte zusammenfassen-
       den Ebene  vor. Der an den empirischen Fakten interessierte Leser
       muß auf  diese Studie  verwiesen werden, da Platzgründe hier ihre
       Vorstellung nicht gestatten.
       
       1. Was sind staatsmonopolistische Komplexe?
       -------------------------------------------
       
       1.1. Gesellschaftliche Produktion ohne gesellschaftliche
       --------------------------------------------------------
       Planung - Vergesellschaftungszwänge und Anpassungsreaktionen
       ------------------------------------------------------------
       im Kapitalismus
       ---------------
       
       Die Geschichte  des Kapitalismus ist durchzogen von enormen Fort-
       schritten in  der Entwicklung  der gesellschaftlichen  Produktiv-
       kräfte und der Vergesellschaftung der Produktion, die sich in ei-
       ner z.T. sprunghaft anwachsenden Komplexität und Verzahnung aller
       Arbeits- und  Austauschprozesse niedergeschlagen  haben und  nach
       fortwährender Verfeinerung  und  Ausdifferenzierung  der  gesell-
       schaftlichen Arbeitsteilung  verlangen. Die  Zahl  der  einzelnen
       Produktionsprozesse, die  unmittelbar  ineinandergreifen  müssen,
       damit ein Endprodukt entstehen kann, hat ebenso deutlich zugenom-
       men wie die Interaktionsdichte der einzelnen Produktionseinheiten
       im Maßstab  des gesellschaftlichen  Ganzen. Ökonomische Reproduk-
       tion ist  unter den  heutigen Bedingungen  längst nicht  mehr als
       einfache, über  die Konkurrenz vermittelte Bewegung der Einzelka-
       pitale denkbar.  Im Gegenteil:  Unter dem  Druck  einschneidender
       Krisen macht  sich die  Notwendigkeit einer immer weiter ausgrei-
       fenden gesellschaftlichen  Planung und Koordination der einzelnen
       Produktionsprozesse geltend. Das Dilemma ist unübersehbar: Einer-
       seits wird  die gesellschaftliche Planung einer vergesellschafte-
       ten Produktion zu einem immer dringenderen Erfordernis der ökono-
       mischen Reproduktion,  andererseits ist sie - in welcher Form sie
       sich auch  konkretisieren mag - immer zugleich Negation der kapi-
       talistischen Produktions-  und Eigentumsordnung. Jede direkte ge-
       sellschaftliche Regulierung  der Produktion  beschneidet auf  die
       eine oder  andere Weise  die Bewegung des Privateigentums und die
       daraus resultierende  ökonomische und gesellschaftliche Macht der
       Produktionsmittelbesitzer -  es sei  denn,  sie  wird  von  ihnen
       selbst vorgenommen.  Letzteres erscheint  in der  Geschichte  der
       Produktionsweise als  systemimmanenter Ausweg aus dem Dilemma und
       konkretisiert sich  in der   H e r a u s b i l d u n g  n e u e r
       P h a s e n   d e s   K a p i t a l i s m u s   u n d   n e u e r
       O r g a n i s a t i o n s f o r m e n  d e s  K a p i t a l s.
       Die historisch  erste große  Anpassungsreaktion des  Kapitalismus
       erfolgte um  die Jahrhundertwende  mit  der    H e r a u s b i l-
       d u n g    d e s    M o n o p o l k a p i t a l i s m u s.    Die
       Bildung von  Kartellen, vertikalen  Unternehmensverbindungen  und
       großen Konzerne  konnte einerseits  der Bewegung  der  Produktiv-
       kräfte neue  Spielräume eröffnen.  Vor allem die Elektrifizierung
       des Produktionsprozesses  ließ  sich  ökonomisch  nur  über  eine
       völlige Umrüstung  des Maschinensystems  und die  Neuorganisation
       der  Arbeitsabläufe   vollziehen.  Sie  verlangte  nach  größeren
       Produktionseinheiten  und   verschlang  Investitionen   in  einer
       Größenordnung, die  die  Finanzierungsmöglichkeiten  kleiner  und
       mittlerer Industriebetriebe  hoffnungslos überfordert  hätte. Auf
       der anderen  Seite gewann  mit zunehmender  monopolisierter  Kon-
       trolle  bzw.   Beherrschung  größerer   Produktionskomplexe   und
       Absatzlinien auch  das Moment  einer einheitlichen  unternehmens-
       internen Planung  und Organisation von Produktion und Realisation
       für die  Monopolunternehmen an  Bedeutung.  Einzelne  Unternehmen
       sind  nun   durchaus  in   der  Lage,  größere  Teilbereiche  des
       ökonomischen  Gesamtzusammenhangs   zeitweise  dem   Einfluß  der
       Konkurrenz  zu   entziehen  und   den  Reproduktionsprozeß  ihres
       Kapitals durch Marktbeherrschung direkt zu regulieren.
       Mit der Herausbildung des Monopolkapitals als der fortan dominie-
       renden Kapitalstruktur  vollzieht sich eine Anpassung der Gesamt-
       organisation des Kapitals an die Veränderungen seiner materiellen
       Grundlagen im  Produktionsbereich; die  Etablierung des  Monopols
       bedeutet die Einführung vergesellschafteter Verkehrs- und Organi-
       sationsformen der Produktion im Rahmen privater Eigentumsverhält-
       nisse. Die maßgebliche Vergesellschaftungsleistung wird in dieser
       ersten Phase des Monopolkapitalismus durch das private Monopolka-
       pital alleine  erbracht: zum  einen durch  die Herausbildung  des
       "einfachen" Monopolkapitals selbst, dessen konkrete Erscheinungs-
       form das  Einzelmonopol  (i.d.R.  der  Konzern)  oder  die  Mono-
       polgruppe (etwa  das Kartell)  ist; zum  anderen durch  die  Ver-
       schmelzung von  Industrie- und  Bankmonopolen zum  Finanzkapital,
       dessen konkrete Erscheinungsform die Finanzgruppe ist.
       Die Monopole  können zwar  die Konkurrenz in bestimmten Bereichen
       und über  eine längere  Frist einschränken  oder gar ausschalten,
       die Preisgestaltung kontrollieren und oft auch die zwischenzweig-
       liche Kapitalwanderung  in ihrem Sinne beeinflussen. Zu einem Zu-
       wachs an  gesellschaftlicher Planung  und Lenkung  der Produktion
       führt dies  jedoch nicht. Monopolistische Strategien führen viel-
       mehr in  ganz anderen  Dimensionen als  die Aktionen  der einzeln
       machtlosen Unternehmen  im  Kapitalismus  der  freien  Konkurrenz
       dazu, daß die Erfordernisse der Reproduktion unterlaufen, Dispro-
       portionen verstärkt und die Krisenanfälligkeit des Systems insge-
       samt erhöht werden.
       In Reaktion  auf die  destabilisierende Bewegung des Monopolkapi-
       tals, die  das Gesamtsystem  zu Beginn der dreißiger Jahre an den
       Rand des  Abgrunds getrieben  hatte, kommt  es nach 1945 zu einer
       deutlichen   A u f w e r t u n g   d e r  ö k o n o m i s c h e n
       A k t i v i t ä t e n   d e s   i m p e r i a l i s t i s c h e n
       S t a a t e s   vornehmlich im Bereich der Konjunktur- und Struk-
       turpolitik. Zudem ist der Staat in wachsendem Maße gefordert, auf
       qualitativ neue  Anforderungen an die ökonomische Regulierung des
       Gesamtsystems zu reagieren, die sich unmittelbar aus dem erreich-
       ten Vergesellschaftungsgrad  der Produktion  selbst ergeben, nach
       mittel- bzw.  langfristig ausgerichteten  Maßnahmen zur Sicherung
       der  allgemeinen  Produktionsvoraussetzungen  und  Kapitalverwer-
       tungsbedingungen verlangen und ebensowenig durch die Bewegung des
       Monopolkapitals allein noch eingelöst werden können. Hierzu zählt
       der Ausbau  der materiellen und sozialen Infrastruktur ebenso wie
       die staatliche Koordinierung und Finanzierung von Forschungs- und
       Entwicklungsaufgaben, seine  Indienstnahme zur  Mobilisierung fi-
       nanzieller Mittel ebenso wie die staatliche Übernahme nichtprofi-
       tabler, gleichwohl gesellschaftlich notwendiger Produktionsberei-
       che. All diese Anforderungen übersteigen nunmehr die finanziellen
       und organisatorischen  Fähigkeiten einzelner Monopole und Finanz-
       gruppen und  führen zur  direkten Integration  des Staates in den
       ökonomischen Reproduktionsprozeß.
       Diese dauerhafte Präsenz und direkte Aktivität des Staates in al-
       len zentralen  Bereichen der  ökonomischen und gesellschaftlichen
       Reproduktion ist  das wesentliche  Kennzeichen des   s t a a t s-
       m o n o p o l i s t i s c h e n    K a p i t a l i s m u s.    Es
       handelt sich hierbei um eine weitere Stufe der Vergesellschaftung
       in kapitalistischer  Form: Auf  der einen  Seite organisiert  der
       Staat immer mehr Sektoren der gesellschaftlichen Reproduktion, um
       die Verwertung des privaten Monopolkapitals zu gewährleisten. Sie
       erscheinen als  gesellschaftlicher  Bedarf,  dessen  Befriedigung
       staatlich zu  organisieren ist.  Auf der anderen Seite greift der
       Staat bei  der Befriedigung  dieses gesellschaftlichen Bedarfs z.
       B. über  Aufträge oder  Abnahmegarantien auf  das private Kapital
       zurück. Von  dieser Art  der  staatsmonopolistischen  Regulierung
       profitieren die Monopole auf zweifache Weise: Einerseits sind sie
       die   H a u p t n u t z n i e ß e r  der gesellschaftlichen, über
       den  Markt  nicht  mehr  zu  gewährleistenden  Vorleistungen  des
       Staates. Zum anderen fungieren sie als die  P r o d u z e n t e n
       eben jener  Güter und  Dienstleistungen, die der Staat zum Zwecke
       der Erstellung jener Vorleistungen bei ihnen nachfragt.
       Auch auf  dieser Stufe  der Entwicklung erhebt sich der Staat bei
       allem deutlichen  Funktionszuwachs jedoch  nicht zu einer autono-
       men, neben oder gar über den Reproduktionszusammenhängen des pri-
       vaten Monopolkapitals  stehenden Regulierungsinstanz, die gesamt-
       wirtschaftliche Rationalität  im Sinne gesellschaftlicher Planung
       und Lenkung  in  die  ökonomische  Gesamtbewegung  einführt.  Die
       staatliche Intervention ist vielmehr zum einen der direkte Reflex
       auf die  abnehmende Selbstregulierungsfähigkeit des privaten Sek-
       tors und  schon von  daher objektiv an die monopolistische Repro-
       duktion gebunden.  Sie verbleibt darüber hinaus auch in allen ei-
       genständigen Äußerungen  grundsätzlich im  Rahmen der  durch  die
       Verwertungsbedingungen des  Monopolkapitals diktierten Zwänge und
       ökonomischen Bewegungsgrundlagen  der Produktionsweise. Sie zielt
       im Grunde  auf die  Beeinflussung des ökonomischen Reproduktions-
       prozesses im  Interesse der Monopole, ist wesentlich Reaktion auf
       deren Bewegung und bestimmt sie nicht als Ersatz, sondern als Er-
       gänzung der privatmonopolistischen Kapitalbewegung.
       
       1.2. SMK und staatsmonopolistische Komplexe
       -------------------------------------------
       
       Es ist diese widersprüchliche Verflechtung zwischen Staat und Mo-
       nopolkapital, in  der auch  die Kategorie  des staatsmonopolisti-
       schen Komplexes angesiedelt ist. Sie beschreibt eine neue Organi-
       sationsform des  Monopolkapitals im SMK, die ebenso wie das Mono-
       pol als  Einzelunternehmen (Konzern)  die Monopolgruppe  oder die
       Finanzgruppe der  Vergesellschaftungsdynamik der kapitalistischen
       Produktion entsprungen ist
       Die     E n t s t e h u n g    s t a a t s m o n o p o l i s t i-
       s c h e r   K o m p l e x e   hängt sehr  eng mit  der durch  die
       Produktivkraftentwicklung   stimulierten      A u s b i l d u n g
       n e u e r   (V e r w e r t u n g s-) B e d ü r f n i s s e  u n d
       R e p r o d u k t i o n s e r f o r d e r n i s s e     zusammen,
       die sich maßgeblich über die Interessen des Monopolkapitals defi-
       nieren, jedoch  weder unter stofflichen noch unter Verwertungsge-
       sichtspunkten allein  über die private Kapitalbewegung befriedigt
       werden können. Dies trifft beispielsweise für den Ausbau der Kom-
       munikationsinfrastruktur, den  Bau von  Kraftwerken, die Energie-
       versorgung oder  die Luft- und Raumfahrt zu. Charakteristisch ist
       in all  diesen Fällen  z u m  e i n e n  die stofflich begründete
       Notwendigkeit einer  engen, kontinuierlichen  und dauerhaften Zu-
       sammenarbeit der dort ansässigen Monopole mit Teilen des Staates.
       Der Staat  tritt in  diesen Bereichen in der Regel als Hauptnach-
       frager auf.  Er nimmt  jedoch nicht erst über die Abnahme bereits
       produzierter Güter Einfluß auf die stoffliche Struktur der ökono-
       mischen Reproduktion,  sondern ist  bereits in der Phase der Pla-
       nung und  Projektierung dieser  zumeist  langfristig  ausgelegten
       Produktionsprozesse in  ein enges  Kooperationsgeflecht  mit  den
       privaten Monopolen  eingebunden. Die  Menge und Qualität des Pro-
       duktionsausstoßes wird in der Regel ebenso wie der Umfang und die
       Verteilung notwendiger  Investitionen, die  Planung des Produkti-
       onsprozesses und die staatliche Abnahme vorab in mittel- bis län-
       gerfristig ausgerichteten  Entwicklungsprogrammen festgelegt  und
       von staatlichen  Stellen und  privaten Monopolkapitalen gemeinsam
       ausgearbeitet. Diese  Entwicklung führt zu verhältnismäßig stabi-
       len Kooperationsbeziehungen  zwischen Teilen des Staates und pri-
       vaten Monopolen.  Ihr Zweck ist die Erfüllung eines stofflich be-
       stimmten gesellschaftlichen Bedarfs, dessen konkrete Form maßgeb-
       lich von  den Monopolen  bestimmt, dessen Befriedigung jedoch nur
       noch über staatlich-private Gemeinschaftsprogramme umgesetzt wer-
       den kann.
       Diese Kooperation  beschränkt sich jedoch keineswegs auf die Pla-
       nung und  Organisation des  stofflichen Outputs,  sondern  umfaßt
       z u m   a n d e r e n   naturgemäß auch  den gesamten Bereich der
       Kapitalverwertung. Ein wachsender Teil der gesamtwirtschaftlichen
       Produktionsstruktur, vor allem in den Schlüsselbereichen des wis-
       senschaftlich-technischen Fortschritts  zeichnet sich nicht durch
       gewaltige Kapitalvorschüsse,  eine  hohe  Kapitalfixierung,  eine
       lange Umschlagszeit und ein entsprechend hohes Anlagerisiko, son-
       dern auch  durch außergewöhnlich hohe Forschungsaufwendungen aus.
       Auf sich allein gestellt, wäre das private Monopolkapital in die-
       sen Bereichen  nicht mehr in der Lage, sich angemessen zu verwer-
       ten. Privatwirtschaftlich  organisierte Produktion  ist hier ohne
       die dauerhafte  staatliche Stützung  des Kapitalkreislaufs  nicht
       mehr realisierbar.   E r s t e n s   übersteigen die finanziellen
       Mittel häufig selbst die Finanzierungsmöglichkeiten des Finanzka-
       pitals.  Z w e i t e n s  drücken die z.Z. sehr langen Umschlags-
       zeiten des  Kapitals -  der Bau  eines Kernkraftwerks  etwa zieht
       sich über  Jahre hin  - auf die Verwertungsbedingungen und können
       nur durch  staatliche Unterstützung  -  Garantien,  Subventionen,
       Steuernachlässe  u.ä.   -  überbrückt  werden.    D r i t t e n s
       schließlich handelt  es sich  ausnahmslos um solche Bereiche, die
       nicht mehr  für einen  unbekannten Markt produzieren können, son-
       dern unbedingt  auf die  staatliche Abnahme und vorab vereinbarte
       Gewinnspannen angewiesen sind.
       Ein staatsmonopolistischer Komplex liegt also dann vor, wenn drei
       Bedingungen erfüllt sind:
       E r s t e n s   müssen Staat  und private Monopole eng und dauer-
       haft auf allen Ebenen des Produktionszyklus kooperieren und diese
       Kooperation muß durch stabile Verflechtungsorgane institutionali-
       siert sein. Sie erstreckt sich auf
       - die Feststellung des gesellschaftlichen Bedarfs und die politi-
       sche Willensbildung  und Entscheidung über die Grundrichtung sei-
       ner Befriedigung;
       - die forschungs- und entwicklungsmäßige Vorbereitung und Beglei-
       tung der materiellen Produktion;
       - die Finanzierung der Produktion, bei der staatliche Vorleistun-
       gen, Vorschüsse und Zuschüsse unentbehrlich sind;
       - die Durchführung  der Produktion, bei der Staat und Monopole in
       allen Phasen in enger gegenseitiger Abstimmung vorgehen müssen;
       - die Schaffung  eines staatlichen Marktes, auf dem sich das pri-
       vate Monopol verwerten kann.
       Ein  staatsmonopolistischer   Komplex  liegt   dann   vor,   wenn
       z w e i t e n s  diese Kooperation sich auf Bereiche bezieht, de-
       ren Entwicklung  für den  Fortgang der kapitalistischen Reproduk-
       tion von  zentraler Bedeutung  ist. Hierzu  zählen neben  der Rü-
       stungsproduktion als  Grundlage militärischer Systemsicherung vor
       allem Schlüsselbereiche  des  wissenschaftlich-technischen  Fort-
       schritts und  der weltmarktorientierten  Expansionsstrategie  wie
       die Telekommunikation, die Atomindustrie, die Luft- und Raumfahrt
       oder die Energieversorgung.
       Ein staatsmonopolistischer  Komplex liegt  schließlich dann  vor,
       wenn   d r i t t e n s   die Entwicklung  dieser stofflich einge-
       grenzten Bereiche  aufgrund des  außerordentlich hohen Vergesell-
       schaftungsgrades -  hohes Kapitalminimum, hoher Komplexitätsgrad,
       lange Umschlagszeiten,  hohe Forschungsaufwendungen u. ä. - durch
       einzelne Monopole oder Finanzgruppen allein nicht mehr gewährlei-
       stet werden kann. Unter diesen Bedingungen greift die Organisati-
       onsform des  Kapitals über  den privaten Bereich hinaus: Elemente
       des Staates  werden nun selbst ins Monopolkapital integriert. Wir
       nennen diese  Form der  Kapitalorganisation staatsmonopolistische
       Verflechtung. Ihre  adäquate Erscheinungsform ist der staatsmono-
       polistische Komplex.
       Unter diesen  Voraussetzungen wird  das  gesamte  Instrumentarium
       staatlicher Intervention  zum  Grundbestand  der  Äußerungen  des
       Staates auch in den Komplexen. Dies betrifft zum einen die allge-
       meinen Produktionsvoraussetzungen: Der Staat stellt nicht nur In-
       frastrukturleistungen im  weitesten Sinne  zur Verfügung, sondern
       nimmt auch  über umfangreiche öffentliche Aufträge, Abnahmegaran-
       tien und  Kapitalbeteiligungen an  der Bildung der Komplexe teil.
       Dies betrifft  zweitens den  Produktionsprozeß selbst,  der durch
       Subventionen, Investitionszuschüsse, Abschreibungserleichterungen
       und Steuernachlässe  von der  Kostenseite her entlastet und durch
       Entwicklungsprogramme  und  Projektförderungsmaßnahmen  staatlich
       abgesichert wird.  Dies betrifft schließlich die Phase der Reali-
       sierung, die  stärker als  je zuvor  durch  staatlich  gesicherte
       Märkte und  eine Vorabgarantie  privater Gewinne  charakterisiert
       ist.
       Vom Bild  der freien  Marktwirtschaft ist  dieser Zustand  Welten
       entfernt: Die  Güter, die  der Staat nachfragt, sind in der Regel
       nicht marktgängig, d. h. nicht auf dem Markt vorhanden.
       Zwar wird auch diese neue Art des Verhältnisses von Staat und Mo-
       nopolen in  einigen Bereichen formal noch als Marktverhältnis be-
       zeichnet. Hiernach  tritt der Staat als Käufer bestimmter für die
       gesellschaftliche Reproduktion  unentbehrlicher und  privat nicht
       bereitzustellender Güter  auf dem  Markt auf  und trifft dort auf
       viele Anbieter,  die das  gewünschte Gut  herstellen und über die
       Preise um  den staatlichen Käufer konkurrieren. Der billigste er-
       hält dann, so die Legende, den Zuschlag.
       Mit der kapitalistischen Realität hat dies nichts zu tun:
       -  E r s t e n s   müssen die  Güter, die der Staat im Rahmen der
       Komplexe nachfragt,  in der Regel als Spezialauftrag hergestellt,
       häufig sogar erst entwickelt werden.
       -  Z w e i t e n s   bedeutet dies,  daß die konkrete Gestalt der
       vom Staat  nachgefragten Güter  auch nicht  von vornherein  fest-
       steht, sondern  im Laufe der Entwicklung präzisiert bzw. im Laufe
       der Herstellung  vielfach neuen technologischen Möglichkeiten und
       politischen Anforderungen  entsprechend modifiziert  wird. Hierzu
       ist eine  sehr enge Abstimmung und Kooperation zwischen Staat und
       privaten Produzenten erforderlich.
       -  D r i t t e n s   gibt es  in der Regel nur sehr wenige Unter-
       nehmen, die  die vom  Staat nachgefragten Produkte entwickeln und
       herstellen können,  so daß  von Marktwettbewerb  keine Rede  sein
       kann.
       -  V i e r t e n s  folgt der Preis nicht den Angebots- und Nach-
       frageschwankungen auf  dem Markt  (die es bei nicht-marktgängigen
       Gütern definitionsgemäß  nicht geben  kann), sondern er wird ver-
       traglich  festgelegt,  wobei  es  unterschiedliche  Methoden  der
       Preisberechnung gibt.
       -  F ü n f t e n s  muß der Staat, sofern er nicht - wie im mili-
       tärischen Bereich  - selbst Endverbraucher der hergestellten Pro-
       dukte ist,  sondern etwa nur - wie in der Telekommunikationsindu-
       strie - die Infrastruktur bereitstellt, durch geeignete Maßnahmen
       dafür sorgen, daß der Endverbrauch auch tatsächlich stattfindet.
       Damit aber bestimmt sich der erneute Funktionszuwachs des Staates
       in den  staatsmonopolistischen Komplexen  nicht einfach aus einem
       gestiegenen gesamtwirtschaftlichen Regulierungsbedarf, sondern er
       wird auch weiterhin ganz wesentlich durch die Verwertungsinteres-
       sen der  Monopole als des dominierenden Teils des gesellschaftli-
       chen Gesamtkapitals  absorbiert. Auch die Rolle, die der Staat in
       den staatsmonopolistischen Komplexen spielt, ist eher an den Ver-
       wertungs- und  Expansionsinteressen vornehmlich des international
       orientierten Monopolkapitals als am gesamtwirtschaftlichen Inter-
       esse an  einer funktionierenden Reproduktionsstruktur der Binnen-
       wirtschaft orientiert. Der Vergesellschaftungsfortschritt schlägt
       auch hier in ein Moment der Verstärkung der krisenhaften und dis-
       proportionalen Entwicklungsdynamik  des Gesamtsystems um: Das En-
       gagement des  Staates ist stärker denn je dem Zugriff jener klei-
       nen Gruppe  innerhalb des  Monopolkapitals  ausgesetzt,  die  den
       Sprung auf  die gehobenen  Plätze der  Ranglisten multinationaler
       Konzerne bereits  geschafft hat.  Die staatsmonopolistischen Kom-
       plexe sind  in diesem Sinne eher als ein neues Moment privatmono-
       polistischer Instrumentalisierung  der ökonomischen  Staatstätig-
       keit als ein den gesamtwirtschaftlichen Reproduktionserfordernis-
       sen Rechnung tragendes neues Regulierungsinstrument zu begreifen.
       
       1.3. Organisationsstruktur und Funktionselemente eines Komplexes
       ----------------------------------------------------------------
       
       Haupttriebkraft und Kern der Aktivität der staatsmonopolistischen
       Komplexe ist  die Verwertung des Monopolkapitals unter den Bedin-
       gungen weit  fortgeschrittener Vergesellschaftung. Da diese Kapi-
       talverwertung jedoch  als staatliches  Programm organisiert  ist,
       bedarf sie  der politischen  Zustimmung der parlamentarischen In-
       stanzen des  bürgerlichen Staates. Diese Zustimmung muß durch po-
       litische Prozesse  organisiert werden, die über den parlamentari-
       schen Rahmen hinaus- und in Bereiche der öffentlichen Meinung und
       deren Beeinflussung durch Medien, Parteien und andere Institutio-
       nen hineinreichen. Der staatsmonopolistische Komplex besteht also
       neben seinem  Kern -  den Monopolen und den staatlichen Organen -
       aus einer mehr oder weniger breiten ökonomischen, politischen und
       gesellschaftlichen Peripherie.
       Der   K e r n  d e s  K o m p l e x e s  besteht aus privaten Mo-
       nopolen, staatlichen Unternehmen oder Organen sowie den Verflech-
       tungsinstitutionen zwischen beiden.
       Eine   Besonderheit   des      p r i v a t m o n o p o l i s t i-
       s c h e n   K e r n b e s t a n d t e i l s   liegt darin, daß er
       in der  Regel nicht  aus einer  Gruppe  von  Monopolen  in  ihrer
       Gesamtheit besteht,  sondern aus bestimmten Abteilungen einzelner
       Monopole (ungeachtet  der Tatsache,  daß  diese  Abteilungen  nur
       begrenzt selbständig  sind und  im Ernstfall  vollständig von der
       Konzernzentrale gesteuert  werden). Dies  ist darauf zurückzufüh-
       ren, daß  der (neuartige)  gesellschaftliche Bedarf, durch dessen
       stoffliche Dynamik  der Komplex  definiert wird, in der Regel auf
       einer  mit   fortschreitender  Produktivkraftentwicklung   weiter
       ausdifferenzierten Arbeitsteilung beruht. Das Produktionsprogramm
       der  großen,  historisch  entstandenen  Konzerne  erstreckt  sich
       demgegenüber im  Normalfall auf  eine  mehr  oder  minder  breite
       Palette von  Produkten, die  aus  bestimmten  grundlegenden  Pro-
       duktionstechniken  (Elektrotechnik,  Maschinenbau,  Stahlherstel-
       lung) entwickelt  worden sind  und  im  Rahmen  der  Konzernorga-
       nisation  in   unterschiedlichen  Produkt-,   Unternehmens-  oder
       Geschäftsbereichen zusammengefaßt  werden. Die  mit gleichartigen
       Entwicklungen -  etwa der  Telekommunikationstechnologie oder der
       Energiegewinnung -  befaßten Abteilungen verschiedener Konzerne -
       etwa von Siemens, SEL und AEG - bilden den privatmonopolistischen
       Kern des  Komplexes. Das  bedeutet auch, daß dasselbe Unternehmen
       mit verschiedenen  Geschäftsbereichen an  verschiedenen Komplexen
       beteiligt sein kann. (Dieser Umstand ist von großer Bedeutung für
       die Beurteilung der Frage nach der Dauerhaftigkeit und Stabilität
       des Komplexes als neuer Organisationsform des Kapitals im SMK).
       Die   s t a a t l i c h e    S e i t e    des  Komplexes  besteht
       e r s t e n s  aus den Organen, die die parlamentarischen und Re-
       gierungsentscheidungen     vorbereiten      und     beeinflussen.
       Z w e i t e n s   gehören dazu  als die  wichtigsten Bestandteile
       der staatlichen  Seite die jeweiligen Apparate, die die beschlos-
       senen Programme ausführen, also vor allem die Ministerien mit ih-
       ren untergeordneten Verwaltungsbehörden.  D r i t t e n s  zählen
       zu den  staatlichen Elementen  des Komplexkerns staatliche Unter-
       nehmen, die  neben den privaten Monopolen in den Komplexen unmit-
       telbar ökonomisch  tätig sind  (Bundespost, kommunale Energiever-
       sorgungsunternehmen u.ä.).   V i e r t e n s  schließlich gibt es
       staatliche Institutionen,  die für die Vorbereitung und Durchfüh-
       rung der  jeweiligen Komplexprogramme  von großer Bedeutung sind,
       ohne daß sie den drei ersten Gruppen unmittelbar zuzuordnen sind.
       Dazu gehören  vor allem  staatliche Forschungsinstitutionen,  die
       zwar oft  in Form privatrechtlicher GmbHs oder Stiftungen organi-
       siert sind, aber vom Staat finanziert werden.
       Wesentliche und  für die Komplexe charakteristische Elemente sind
       die vielfältigen   V e r f l e c h t u n g s i n s t i t u t i o-
       n e n   zwischen privaten Monopolen und staatlichen Apparaten und
       Organen. Hierzu gehören:
       -  e r s t e n s   privat-rechtliche Gesellschaften oder Vereini-
       gungen von  Personen, Unternehmen und Organisationen aus dem pri-
       vaten und  staatlichen Bereich,  die an  bestimmten Entwicklungen
       interessiert sind.  Sie bringen  dieses Interesse  in gemeinsamen
       Aktivitäten und  Veranstaltungen zum  Ausdruck. Derartige  Veran-
       staltungen (wie sie etwa die "Deutsche Gesellschaft für Wehrtech-
       nik" oder  der "Münchener  Kreis" durchführen) haben zwar formell
       keinen offiziellen  Status, erhalten  aber durch die private Mit-
       gliedschaft und  das Auftreten  hoher Staatsfunktionäre  faktisch
       doch einen quasi offiziellen Charakter.
       -  z w e i t e n s   gemeinsame Ausschüsse oder Kommissionen, die
       vom Bundestag  und der  Bundesregierung eingesetzt werden, um be-
       stimmte Grundsatzfragen  zukünftiger Entwicklungen zu beraten und
       Parlament oder Regierung bei der politischen Entscheidungsfindung
       grundsätzlich zu  unterstützen -  wie etwa  die "Atomkommission",
       die "Kommission  für den  Ausbau der  technischen  Kommunikation"
       oder auch der "Rüstungswirtschaftliche Arbeitskreis" beim Bundes-
       verteidigungsministerium.
       -  d r i t t e n s   gemischte Arbeits-  oder Projektgruppen, die
       von den  zuständigen Ministerien  eingerichtet werden, um getrof-
       fene Entscheidungen  - etwa  für die Beschaffung eines bestimmten
       Waffensystems -  zu konkretisieren, umzusetzen und gegebenenfalls
       zu modifizieren.
       -  v i e r t e n s  gemischte privat-staatliche Unternehmen - wie
       die RWE, oder auch MBB -, in denen staatliche Programme unmittel-
       bar gemeinsam umgesetzt werden.
       Die   P e r i p h e r i e   d e r    s t a a t s m o n o p o l i-
       s t i s c h e n     K o m p l e x e     läßt  sich  einteilen  in
       ökonomische und gesellschaftliche Peripherie.
       Zur  ö k o n o m i s c h e n  P e r i p h e r i e  gehören in er-
       ster Linie  die Unterauftragnehmer  und Zulieferer  der Kernmono-
       pole. Sie  verfügen oft über ein hochentwickeltes spezialisiertes
       Know-how und  sind - im Unterschied zu den Kernmonopolen - in der
       Regel als Gesamtunternehmen in den jeweiligen Komplex integriert.
       Das macht  sie in  hohem Maße  von dessen  Entwicklung  abhängig.
       Hierdurch werden die nicht-monopolistischen Zulieferer oft zu ei-
       ner besonderen  und von den Monopolen gerne vorgezeigten und vor-
       geschickten pressure  group,  wenn  es  um  Fragen  der  weiteren
       staatlichen Förderung des Komplexes geht.
       Zur       p o l i t i s c h - g e s e l l s c h a f t l i c h e n
       P e r i p h e r i e   des Komplexes gehören vor allem Einrichtun-
       gen, die  dafür sorgen,  daß der monopolistisch (de)formierte ge-
       sellschaftliche Bedarf  auch tatsächlich in dieser Form politisch
       gegen möglichst  geringen Widerstand durchgesetzt werden kann und
       gesellschaftlich möglichst  breit akzeptiert  wird. Diese Aufgabe
       übernehmen   e r s t e n s   die bürgerlichen Parteien bzw. deren
       jeweilige Fachkommission; dabei ergeben sich in der Regel Akzent-
       unterschiede oder auch weiterreichende Gegensätze, die die unter-
       schiedlichen Interessenausdifferenzierungen  auf der  gemeinsamen
       Grundlage des  staatsmonopolistischen Systems  verdeutlichen  und
       entweder durch  Kompromisse überdeckt  werden oder zu politischen
       Konflikten führen.
       Z w e i t e n s   verfügen die  Komplexe in der Regel über eigene
       Interessenvertretungsverbände und/oder  entsprechende Abteilungen
       und Ausschüsse in den großen Branchenverbänden bzw. im Bundesver-
       band der  Deutschen Industrie  (BDI). Deren  Arbeit richtet  sich
       nicht nur  auf die unmittelbare Beeinflussung der Regierung durch
       entsprechende Eingaben,  Expertisen usw. und Teilnahme an den ge-
       nannten Verflechtungsinstitutionen.  Sie richtet  sich auch  nach
       außen auf die Herstellung eines gesellschaftlichen Klimas, in dem
       die privaten Interessen des Komplexes gesellschaftlich akzeptiert
       werden.
       In diesem  Zusammenhang spielen  d r i t t e n s  die Medien eine
       außerordentlich wichtige  Rolle. Die Aktivisten und Strategen des
       Komplexes versuchen einerseits, über Parteien, Verbände u. ä. die
       Massenmedien in ihrem Sinne zu beeinflussen. Andererseits gibt es
       keinen Komplex,  der seinen  Nutzen und  seine  Unentbehrlichkeit
       nicht  durch  spezielle  Publikationen  -  Computerzeitschriften,
       wehrtechnische Magazine  u.ä. -  dem Publikum  nahezubringen ver-
       sucht.
       Das gleiche  Ziel verfolgen   v i e r t e n s    die  zahlreichen
       Klubs und  Vereinigungen (vom  "Freundeskreis der  Luftwaffe" bis
       zum Atari-Fan-Club),  in denen  über großzügige Freizeitprogramme
       und geschickte  Propaganda Anhänger  für die  jeweiligen Komplexe
       gewonnen werden,  die dann  zur weiteren  propagandistischen Ver-
       breitung und zur Ausübung politischen Druckes ausgenutzt werden.
       
       2. Staatsmonopolistische Komplexe in der BRD:
       ---------------------------------------------
       empirische Hinweise
       -------------------
       
       2.1. Der Militär-Industrie-Komplex (MIK)
       ----------------------------------------
       
       Der Militär-Industrie-Komplex in der BRD hat sich auf dem Hinter-
       grund und  im Zuge  der materiellen  Umsetzung einer mittlerweile
       seit 30 Jahren betriebenen Aufrüstungs- und Militarisierungspoli-
       tik herausgebildet.  Er ist Ausdruck und Ergebnis einer zunehmen-
       den Verflechtung der führenden Rüstungsunternehmen mit den staat-
       lichen Militär-  und Rüstungsorganen,  der ihrerseits offenkundig
       zwei Triebkräfte zugrunde liegen:  E r s t e n s  die unmittelba-
       ren Absatz-  und Verwertungsinteressen,  die die Rüstungskonzerne
       zu einer dauerhaften und intensiven Einflußnahme auf ihren Haupt-
       auftraggeber veranlassen,  und  z w e i t e n s  die insbesondere
       an dem  erheblichen Forschungs- und Entwicklungsvorlauf und -auf-
       wand sichtbar  werdenden Vergesellschaftungsanforderungen der mo-
       dernen Militärtechnologie, die zu einer den gesamten Lebenszyklus
       der Waffensysteme  übergreifenden Kooperation  von Staat  und Rü-
       stungsmonopolen zwingen.
       
       Elemente des Komplexes
       ----------------------
       
       Die   i n d u s t r i e l l e  Seite des MIK besteht im wesentli-
       chen aus:
       - einem monopolistischen  Kern, in  dessen Zentrum  -  neben  den
       überwiegend im  Militärgeschäft tätigen MBB-Konzern - seit kurzem
       der durch  seine Übernahmeaktivitäten  zum zweitgrößten Rüstungs-
       produzenten aufgestiegene  Daimler-Benz-Konzern gerückt  ist, und
       dem darüber  hinaus die  Großunternehmen Siemens, Thyssen, Krupp,
       Röchling und  Gutehoffnungshütte angehören,  die allerdings - ob-
       wohl zu den größten Rüstungsherstellern gehörend
       - weniger als  10 Prozent ihres Umsatzes im Waffengeschäft erzie-
       len;
       - einer inneren Peripherie, der einige Tochtergesellschaften aus-
       ländischer Rüstungskonzerne (SEL, Deutsche Philips, Bodenseegerä-
       tewerk) sowie  einige Familienunternehmen  mit längerer Rüstungs-
       tradition angehören  (Wegmann, Diehl,  Lürssen, Heckler  & Koch),
       die allesamt noch zu den 30 größten Militärproduzenten zählen so-
       wie:
       - eine äußere Peripherie von ca. 2000 kleineren und mittleren Zu-
       lieferern mit teilweise hoher Rüstungsabhängigkeit.
       Zur  s t a a t l i c h e n  Seite des MIK gehören:
       - auf parlamentarischer Ebene der als Kontroll- und Beratungsgre-
       mium konzipierte  Verteidigungsausschuß des  Bundestages,  dessen
       Mitglieder sich  jedoch vornehmlich  als "Helfer  der Bundeswehr"
       verstehen,
       - das Bundesministerium  der Verteidigung (BMVG) als die zentrale
       staatliche Behörde für militärische, rüstungspolitische und wirt-
       schaftliche Fragen,
       - das dem  BMVG nachgeordnete  Bundesamt für  Wehrtechnik und Be-
       schaffung BWB), das für die eigentliche Beschaffung der Rüstungs-
       güter zuständig ist sowie:
       - verschiedene  Forschungsanstalten wie  die Deutsche Versuchsan-
       stalt für  Luft- und  Raumfahrtforschung (DVFLR), die Fraunhofer-
       Gesellschaft für  angewandte Forschung oder die Forschungsgesell-
       schaft für  angewandte Naturwissenschaft, in denen - i.d.R. neben
       ziviler - militärische Forschung betrieben wird.
       Zu den  wichtigsten  V e r f l e c h t u n g s i n s t i t u t i-
       o n e n  zählen
       - die  1957  gegründete  Deutsche  Gesellschaft  für  Wehrtechnik
       (DWT), deren  Mitglieder aus  der Rüstungsindustrie,  der Bundes-
       wehr, Politik  und Wissenschaft  stammen, und  die seit jeher als
       wichtiges Diskussionsforum  und Clearing-Stelle bei der Ausarbei-
       tung militär- und rüstungspolitischer Konzeptionen diente,
       - der Rüstungswirtschaftliche  Arbeitskreis (Rüak),  in  dem  die
       Spitzen der  Rüstungsindustrie in  unregelmäßigen  Abständen  mit
       Führungskräften aus  dem BMVG und dem BWB zusammentreffen und die
       Grundlinien der Beschaffung diskutieren,
       - Einrichtungen wie  die Kommission  für Langzeitplanung der Bun-
       deswehr, in  denen in  "gemischter Besetzung" der programmatische
       Rahmen für  die langfristigen  Beschaffungspläne  der  Bundeswehr
       festgelegt wird.
       
       Aktivitäten und Funktionsweise des Komplexes
       --------------------------------------------
       
       Wichtigstes Element  und Kennzeichen des Funktionsmechanismus des
       MIK ist,  daß sich  Staat und  Rüstungsmonopole nicht  allein auf
       ihre Rolle  als Auftraggeber  und Lieferant  beschränken, sondern
       eine weit über die üblichen Marktbeziehungen hinausgehende Koope-
       ration zwischen ihnen stattfindet.
       Diese Kooperation  beginnt  e r s t e n s  - wie die Langzeitpla-
       nung der  Bundeswehr zeigt - bereits bei der Abschätzung der län-
       gerfristigen Technologieentwicklung  und "Bedarfsermittlung", de-
       ren Ergebnisse in programmatische Vorgaben münden.
       Sie setzt sich  z w e i t e n s  fort bei der über den ganzen Le-
       benszyklus eines  konkreten Waffensystems erfolgenden Zusammenar-
       beit zwischen den Rüstungsunternehmen und dem BMVG, dem BWB sowie
       den staatlichen  Forschungsanstalten, bei  der zugleich durch die
       praktizierte "freihändige"  Vergabe der  Aufträge, der  Übernahme
       der Forschungs-  und Entwicklungskosten  sowie der Abrechnung der
       Rüstungsgüter nach dem "Selbstkostenprinzip" Bedingungen geschaf-
       fen werden,  die faktisch  die Beseitigung von Wettbewerb, unter-
       nehmerischem Risiko und Marktpreisbildung bedeuten.
       D r i t t e n s   findet sie gerade in jüngster Zeit in zunehmen-
       dem Maße  Niederschlag in  der Förderung  und Vermittlung bundes-
       deutscher Rüstungsexporte  durch  entsprechende  Aktivitäten  des
       Verteidigungsministers, des Bundeskanzlers, des bayerischen Mini-
       sterpräsidenten sowie der bundesdeutschen Botschaften im Ausland.
       Und   v i e r t e n s  schließlich finden nicht zuletzt auch eine
       Reihe gemeinsamer  Aktivitäten statt,  die -  wie etwa eine Reihe
       von Veranstaltungen der DWT oder die Herausgabe von Publikationen
       und Memoranden  - auf  die politische Durchsetzung der Interessen
       des MIK gerichtet sind.
       
       2.2. Der Luft- und Raumfahrtkomplex
       -----------------------------------
       
       Der Luft-  und Raumfahrtkomplex (LRK) überschneidet sich z.T. mit
       dem MIK.  Dies ist  Resultat des  Wiederaufbaus einer bundesdeut-
       schen Luftfahrtindustrie,  der in  den 50er  und 60er Jahren fast
       ausschließlich über  Militärprogramme erfolgte.  Der monopolisti-
       sche Kern  des LRK  besteht auch heute überwiegend aus Teilen der
       Unternehmen, die  auch den Kern des MIK ausmachen. Darüber hinaus
       trägt auch  eine gewisse stoffliche Verwandtschaft zwischen zivi-
       ler und  militärischer Flugtechnologie  zu partiellen Überschnei-
       dungen beider Komplexe bei. Dennoch ist der LRK weder mit dem MIK
       identisch noch  ein Teil  des MIK. Er weist vielmehr die Merkmale
       eines eigenständigen Komplexes auf, der sich auf die Bereiche des
       zivilen Flugzeugbaus und der Raumfahrt erstreckt.
       Die Triebkräfte für die Herausbildung des LRK lagen:
       -  z u m  e i n e n  in dem Druck der internationalen Konkurrenz,
       der es  auch für  das bundesdeutsche  Monopolkapital erforderlich
       erscheinen ließ,  über eine eigene leistungsfähige Luftfahrt- und
       Raumfahrtindustrie zu  verfügen, um den Anschluß an die technolo-
       gische Entwicklung auf diesem Gebiet nicht zu verlieren;
       -  z u m   a n d e r e n   in der außerordentlichen Wissenschaft-
       sintensität dieses  Bereiches und - damit verbunden - den enormen
       Aufwendungen, die  für Großprojekte  der zivilen  Luft- und Raum-
       fahrt erforderlich  waren und  die Liquidität  einzelner Monopole
       überschreiten. Die lange Umschlagszeit des in der Luft- und Raum-
       fahrtindustrie (LRI)  eingesetzten Kapitals  drückt auf  die Pro-
       fitrate und  ruft die Forderung nach einem umfangreichen staatli-
       chen Engagement hervor.
       Auf dieser Grundlage bildete sich der LRI Ende der 60er Jahre un-
       ter starkem Druck und mit beträchtlicher finanzieller Beteiligung
       der Bundesregierung heraus. Seitdem gehört er zu den herausragen-
       den Wachstumsbereichen  der bundesdeutschen  Wirtschaft. Eine Be-
       sonderheit des  bundesdeutschen IRK  ist seine intensive interna-
       tionale Verflechtung:  Es gibt  kein Großprojekt  in der LRI, das
       nicht in  internationaler -  zumeist westeuropäischer Kooperation
       durchgeführt wird.  Der bundesdeutsche  LRK geht  dabei auf allen
       Ebenen enge Verbindungen mit den entsprechenden Komplexen anderer
       Länder ein.  Dies kann  die Vorstufe  einer westeuropäischen  LRK
       sein.
       
       Die Elemente des LRK
       --------------------
       
       Der   m o n o p o l i s t i s c h e  K e r n  des LRK besteht zum
       einen aus  den beiden  einzigen Flugzeugherstellern  der BRD, der
       Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH  (MBB) und  der Dornier  GmbH. An
       MBB sind die Bundesländer Bayern, Hamburg und Bremen mit zusammen
       über 50  Prozent des  Stammkapitals  beteiligt  (die  eigentliche
       "industrielle Führung" liegt jedoch bei den Minderheitsteilhabern
       Siemens, Thyssen,  Bosch, Allianz,  Dresdner Bank  und Bayerische
       Vereinsbank), während  Dornier seit  Mitte 1985  mehrheitlich der
       Daimler-Benz AG  gehört und  daher der Finanzgruppe Deutsche Bank
       zuzurechnen ist. Zum monopolistischen Kern des LRK gehören ferner
       die beiden  Triebwerkhersteller Motoren- und Turbinen Union (MTU,
       Daimler-Benz-Konzern) und Klöckner-Humboldt Deutz (KHD, Klöckner-
       Konzern), sowie  die führenden Monopole der Ausrüstungsindustrie,
       Siemens und AEG (Daimler-Benz-Konzern).
       Dieser monopolistische  Kern beherrscht zugleich die entscheiden-
       den Führungsorgane  des Bundesverbandes der deutschen Luftfahrt-,
       Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie (BDLI). Auch in dem westeuro-
       päischen Spitzenverband der Luft- und Raumfahrtindustrie, der As-
       sociation Européenne  des Constructeurs  de Materiel Aerospatial"
       (AECMA) sitzen  als deutsche  Delegierte an führender Stelle aus-
       schließlich Vertreter des monopolistischen Kerns des LRK.
       Zur   i n d u s t r i e l l e n  P e r i p h e r i e  des LRK ge-
       hören eine  Reihe zum  Teil hochspezialisierter Ausrüstungsunter-
       nehmen, die  teils in  Familienbesitz (z.  B. Liebherr-Aero-Tech-
       nik), teils  in  inländischem  Konzernbesitz  (Henschel-Flugzeug-
       werke), teils in ausländischem Besitz (Teldix) sind.
       Die   s t a a t l i c h e   S e i t e   des LRK besteht zum einen
       aus den  entsprechenden Abteilungen  des  Bundesministeriums  der
       Verteidigung (zuständig für militärische Fragen), des Bundesmini-
       steriums der Wirtschaft (zivile Luftfahrt) und des Bundesministe-
       riums für Forschung und Technologie (Luftfahrt- und Raumfahrtfor-
       schung). Im  BMWi gibt  es einen "Koordinator der Bundesregierung
       für  Luft-  und  Raumfahrt";  ferner  existiert  ein  "intermini-
       sterieller Koordinierungsausschuß" zur Abstimmung der staatlichen
       LRI-Politik.
       Eine außerordentlich  wichtige staatliche Institution des LRK ist
       die Deutsche  Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raum-
       fahrt (DFVLR),  über die  die gesamte Forschungspolitik im LR-Be-
       reich konzipiert  und gesteuert wird. Auch spielt die in staatli-
       chem Besitz  befindliche Deutsche  Lufthansa AG  eine  erhebliche
       Rolle als  Nachfrager für  zivile Flugzeuge  der  bundesdeutschen
       LRI.
       Zu  den   zahlreichen     V e r f l e c h t u n g s o r g a n e n
       u n d  -f o r m e n  zwischen Staat und privater Wirtschaft gehö-
       ren an hervorragender Stelle:
       - die Normenstelle Luftfahrt,
       - der Arbeitskreis  Raumfahrt des  BDLI, in  dem auch  staatliche
       Vertreter sitzen,
       - die Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft  AG (IABG)  in  Otto-
       brunn, die  zu drei Vierteln dem Bund, zu einem Viertel einem Ge-
       meinschaftsunternehmen der LRI gehört.
       Die enge  staatlich-monopolistische Verflechtung kommt auch darin
       zum Ausdruck, daß:
       - der bayerische  Ministerpräsident Franz Josef Strauß Aufsichts-
       ratsvorsitzender der  Deutsche Airbus GmbH ist, deren Kapital MBB
       gehört;
       - der frühere langjährige Präsident des Bundesamtes für Wehrtech-
       nik und Beschaffung jetzt Geschäftsführer des BDLI ist;
       - die staatliche DFVLR förderndes Mitglied im BDLI ist;
       - verschiedene staatliche Vertreter des LRK zusammen mit Monopol-
       vertretern in Gremien und Arbeitskreisen der AECMA sitzen.
       
       Aktivitäten und Funktionsweise des Komplexes
       --------------------------------------------
       
       Struktur und  Entwicklung der  LRI sind  von Anfang an in engster
       Abstimmung zwischen  Bundesregierung und  privaten Monopolen  be-
       stimmt worden  - auch  im zivilen  Bereich. Die  mehrfach fortge-
       schriebenen "Basisprogramme  Luftfahrt" von  Ende der  60er Jahre
       haben maßgeblichen  Druck auf die Zentralisation und die Herstel-
       lung einer  profitablen Betriebsstättenstruktur  im Interesse der
       Monopole ausgeübt.  Gegenwärtig schlägt  sich die strukturpoliti-
       sche Kooperation  in staatlichen Rahmenplanungen - dem "Luft- und
       Raumfahrtprogramm" sowie  dem "Luftfahrtforschungsprogramm"  nie-
       der; darin  werden die globalen Ziele, der finanzielle Gesamtrah-
       men und  die Hauptprojekte  der staatlichen LRI-Förderung festge-
       schrieben.
       Der materielle  Schwerpunkt der Kooperation liegt auf diesen Pro-
       jekten: Im  Zentrum des Zivilflugzeugbaus steht das Großraumflug-
       zeug Airbus,  dessen Entwicklung,  Produktion und  Absatz von der
       Bundesregierung mit mehreren Mrd. DM gefördert wurde und das auch
       die bundeseigene Lufthansa in größerer Stückzahl gekauft hat. Ge-
       genwärtig arbeiten  Staat und  Luftfahrtindustrie an der Erweite-
       rung des Airbus 320 zu einer ganzen Airbus-"Familie".
       Noch enger  ist die  staatlich-monopolistische Kooperation in der
       Raumfahrt: Durch  die Entscheidungen  der Bundesregierung vom Ja-
       nuar 1985  - die auf einen Beitrag zur amerikanischen Raumstation
       Columbus und  zur französischen Trägerrakete Ariane 5 hinausläuft
       und mit einem Betrag von 4,6 Mrd. DM in entsprechende internatio-
       nale Kooperationsprojekte  der European  Space Agency (ESA) inte-
       griert ist - wird nicht nur die Entwicklungsrichtung der gesamten
       bundesdeutschen Raumfahrtentwicklung bestimmt; die DFVLR ist auch
       unmittelbar -  neben den privaten Raumfahrtunternehmen, vor allem
       der MBB-Tochter  BRNO und  Dornier, in  Forschungs- und  Entwick-
       lungsprozesse eingeschaltet  und aktiv,  die im  übrigen voll vom
       Staat finanziert werden.
       
       2.3. Der Atom-Industrie-Komplex (AIK)
       -------------------------------------
       
       Der Atom-Industrie-Komplex  hat sich  auf einem interessenmäßigen
       Hintergrund herausgebildet,  der bestimmt  ist durch die Hoffnung
       auf eine relativ kostengünstige Energiegewinnung, durch offiziell
       bestrittene, gleichwohl immer wieder durchscheinende militärisch-
       nukleare Ambitionen  und - als der wohl wichtigsten Triebkraft: -
       durch die  Absatz- und  Verwertungsinteressen der  Hersteller von
       Atomenergieanlagen. Eigentliche  Ursache für  das Entstehen eines
       "Komplexes" sind letztlich die massiven Vergesellschaftungsanfor-
       derungen der Atomtechnologie, die an den erheblichen F&E-Zeiträu-
       men, -Aufwendungen und -Risiken sowie dem enormen Investitionsvo-
       lumen bei der Nutzung sichtbar werden: Sie erfordern die enge Ko-
       operation von  Staat und Monopolen bei der Entfaltung der Produk-
       tivkraft Kernenergie.
       
       Elemente des Komplexes
       ----------------------
       
       Abweichend von  den zuvor  skizzierten Komplexen  weist der AIK 3
       bzw. 4  Hauptelemente auf:  die privatkapitalistischen Hersteller
       kerntechnischer  Anlagen,  die  vornehmlich  "gemischtwirtschaft-
       lichen" Auftraggeber und Betreiber dieser Anlagen, die staatliche
       Seite  sowie   die  Verflechtungsinstitutionen.  Die  Gruppe  der
       p r i v a t k a p i t a l i s t i s c h e n   H e r s t e l l e r
       b e s t e h t  im wesentlichen aus
       - dem führenden  Siemens-Konzern, der  nach einem rapiden Konzen-
       trationsprozeß mit  seiner "Tochter"  KWU in der BRD mittlerweile
       fast ein  vollständiges Monopol  bei der  Herstellung kerntechni-
       scher Großanlagen besitzt,
       - weiteren Großunternehmen  wie M.A.N.,  Mannesmann, Krupp, Deut-
       sche Babcock und BBC, von denen - mit Ausnahme der BBC - alle le-
       diglich als Zulieferer tätig sind,
       - sowie einer  Vielzahl mittlerer und kleinerer, z.T. hochspezia-
       lisierter Zulieferer.  Die zahlenmäßig  kleine, kapitalmäßig aber
       überaus bedeutsame  Gruppe der   B e t r e i b e r  b e s t e h t
       im wesentlichen aus den 3 führenden "privat-staatlichen" Energie-
       konzernen RWE,  VEBA und VEW (die allein bereits zwei Drittel der
       bundesdeutschen Stromversorgung  decken) und den (fast) völlig im
       öffentlichen Besitz  befindlichen Energieunternehmen HEW, Bayern-
       werk und  Badenwerk. Zur   s t a a t l i c h e n   S e i t e  des
       Komplexes zählen schließlich insbesondere:
       - das BMFT, dem vor allem die F & E-Förderung der Kernenergie und
       damit die materiell bedeutsamste staatliche Aufgabe obliegt;
       - das BMI,  das für die Sicherheit und die Sicherung der atomaren
       Anlagen verantwortlich zeichnet;
       - die staatlichen  Kernforschungszentren, insbesondere  das Kern-
       forschungszentrum Karlsruhe, der Kernforschungsanlage Julien, das
       Hahn-Meitner-In-stitut für  Kernforschung, das  Deutsche Elektro-
       nen-Synchrotron, das  Max-Planck-Institut für  Plasmaphysik,  die
       Gesellschaft für  Strahlen- und Umweltforschung sowie die Gesell-
       schaft für Schwerionenforschung;
       - schließlich die staatlichen Hochschulen, in denen ebenfalls ein
       erheblicher Teil der Grundlagenforschung abgewickelt wird.
       Zu   den      V e r f l e c h t u n g s i n s t i t u t i o n e n
       schließlich gehören bzw. gehörten
       - die 1956  von Atomminister F.J. Strauß gegründete und 1971 auf-
       gelöste Deutsche Atomkommission, der 15 führende Vertreter von an
       der Kernenergieentwicklung  interessierten  Kapitalgruppen,  acht
       Wissenschaftler und  je zwei  Staats- und  Gewerkschaftsvertreter
       angehörten. Von  diesem Gremium  und seinen  Arbeitsstäben  wurde
       praktisch die  gesamte Atompolitik  der CDU/CSU-Regierungen erar-
       beitet;
       - das 1959  gegründete Deutsche  Atomforum, zu dessen Mitgliedern
       die führenden  AKW-Hersteller und -Betreiber, die Großbanken, Be-
       hördenvertreter und  eine Reihe  Bundestagsabgeordneter  gehören.
       Aufgabe dieser wichtigsten Verflechtungsinstitution ist die poli-
       tisch-ideologische Durchsetzung der Kernenergieinteressen;
       - die Kerntechnische Gesellschaft, "Tochter" des DAtF, konzipiert
       als wissenschaftliche Vereinigung und Diskussionsforum auf Exper-
       tenebene;
       - dem  1977   auf  Initiative   des  Bundeskanzlers   gegründeten
       "Nuklearrat", der  sich aus  führenden Vertretern aus Wirtschaft,
       Wissenschaft, den  Fraktionsvorsitzenden im  Bundestag sowie  Ge-
       werkschaftern zusammensetzt;
       - die verschiedenen Beratungsgremien beim BMFT
       - sowie die  Kontroll- und Beiratsgremien staatlicher Forschungs-
       zentren.
       
       Aktivitäten und Funktionsweise des Komplexes
       --------------------------------------------
       
       Auch die  Funktionsweise des  AIK ist durch eine den gesamten Zy-
       klus der  Kernenergieentwicklung,  -nutzung  und  internationalen
       Vermarktung durchziehende  Kooperation von Staat und privaten Mo-
       nopolen gekennzeichnet:
       - Wie insbesondere  das Beispiel DAtK gezeigt hat, beginnt dieses
       Zusammenwirken bereits  bei der  Konzeption und  Planung der ver-
       schiedenen Atomprogramme zur Förderung der Kernenergie.
       - Sie setzt  sich fort  bei der staatlichen Finanzierung der wis-
       senschaftlichtechnischen Grundlagenforschung  in den  Forschungs-
       zentren und  im Hochschulbereich sowie bei der umfangreichen Sub-
       ventionierung der  Forschungs-, Entwicklungs- und Projektierungs-
       arbeiten im direkten Vorfeld des Baus von Kernenergieanlagen.
       - Staatlicherseits gefördert wird auch der Absatz der Atomreakto-
       ren bzw.  die Nutzung  der Kernenergie. Dies zeigt z.T. die viel-
       fältige Subventionierung  und Risikoabsicherung für die Betreiber
       der Anlagen  sowie die  staatliche Finanzierung  solcher giganti-
       scher Vorhaben wie dem Schnellen Brüter. Hinzu kommt der staatli-
       che "Schutz" für die AKWs.
       - Schließlich ist  der Export  der sensitiven Atomtechnologie nur
       im Rahmen  zwischenstaatlicher Abkommen  möglich, denen  in aller
       Regel auch die staatliche Marketing-Hilfe vorausgeht.
       
       2.4. Der Telekommunikations-Industrie-Komplex (T.I.K.)
       ------------------------------------------------------
       
       Im Zentrum der Aktivitäten des T.I.K. steht - in stofflicher Hin-
       sicht -  die Entwicklung,  Fertigung und Bereitstellung der fern-
       meldetechnischen Anlagen und Systeme, über die der Austausch bzw.
       die Verteilung  von Nachrichten  in Form von Sprache, Text, Daten
       und Bildern  abgewickelt wird. Gegenwärtig und auf absehbare Zeit
       ist der  T.I.K. mit  einer  umfassenden  "Modernisierung"  dieser
       fernmeldetechnischen Infrastruktur  befaßt, die - bei geschätzten
       Gesamtkosten von ca. 300 Mrd. DM - perspektivisch darauf abzielt,
       das herkömmliche  Telefonnetz durch Digitalisierng und Glasfaser-
       technologie zu  einer computergerechten  "Kommunikationsautobahn"
       auszubauen, mit  der insbesondere der zwischenbetriebliche Infor-
       mationsaustausch (Computerdialog) sowie die Kommunikation mit den
       privaten Haushalten (Fernbestellen, -buchen) in bislang nicht ge-
       kanntem Ausmaß  rationalisiert und  somit  "gesamtwirtschaftliche
       Produktionsreserven" erschlossen werden sollen.
       
       Elemente des Komplexes
       ----------------------
       
       Die  i n d u s t r i e l l e  Seite des T.I.K. besteht im wesent-
       lichen:
       - aus einem  monopolistischen Kern,  dem neben  dem dominierenden
       Siemens-Konzern  (dem   drittgrößten  Nachrichtenproduzenten  der
       Welt) die  Unternehmen SEL (einer "Tochter" des international vor
       Siemens rangierenden  ITT-Konzerns), PKI  (einem "Enkel" des nie-
       derländischen Philips-Konzerns)  sowie Bosch  angehören,  das  im
       Zuge der  Krise des AEG-Konzerns die maßgeblichen Anteile an des-
       sen nachrichtentechnischen  Abteilungen (Telenorma, ANT) übernom-
       men hat,
       - einigen weiteren  Großunternehmen (MBB, IBM, Nixdorf, Dornier),
       die in  jüngster Zeit  im Telekommunikationssektor  Fuß zu fassen
       versuchen, sowie
       - eine Reihe  von Familienunternehmen  (Quante, fuba, Krone), die
       vornehmlich  als   Endgerätehersteller  tätig   sind,  und   eine
       "Vielzahl spezialisierter Kleinunternehmen" und Zulieferer.
       Zur  s t a a t l i c h e n  Seite des T.I.K. gehören
       - die Deutsche Bundespost, die qua Gesetz für Aufbau, Instandhal-
       tung und  Weiterentwicklung der nationalen Fernmeldeinfrastruktur
       zuständig ist,  und nicht  nur den größten Auftraggeber der nach-
       richten- und  kabeltechnischen Industrie, sondern den größten In-
       vestor der BRD überhaupt darstellt,
       - das Fernmeldetechnische Zentralamt (FTZ) in Darmstadt, die zen-
       trale Durchführungsbehörde der DBF, über die ca. zwei Drittel der
       jährlichen Investitionen abgewickelt werden,
       - das Bundesministerium  für Forschung  und Technologie, bzw. ei-
       nige seiner Abteilungen, das in den vergangenen Jahren seine For-
       schungssubventionen für  den Bereich  "Technische  Kommunikation"
       inklusive ihrer  Basistechnologien erheblich  gesteigert hat  und
       dabei eng mit der DBF kooperiert, sowie
       - die nachrichtentechnischen  Institute der Hochschulen, in denen
       das Gros der Grundlagenforschung konzentriert ist, und die staat-
       lichen Forschungseinrichtungen  (Heinrich-Hertz-Institut,  DVFLR,
       Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung), die Auftrags-
       forschung für  die Fernmeldeindustrie,  die DBF  und das BMFT be-
       treiben.
       Zu den wichtigsten Verflechtungsinstitutionen des T.I.K. zählen
       - der 1974 gegründete  M ü n c h e n e r  K r e i s,  in dem sich
       führende Vertreter  der Telekommunikationsindustrie,  der  großen
       Medienkonzerne und der o.g. Forschungseinrichtungen, die Deutsche
       Bundespost, bayerische  Minister und  eine Reihe  von Professoren
       mit dem  Ziel zusammengeschlossen haben, Akzeptanzbarrieren gegen
       die neuen Telekommunikationssysteme abzubauen,
       - die verschiedenen,  auf Regierungs- oder Parlamentsebene einge-
       richteten  Kommissionen,  deren  wichtigste,  die  1973  berufene
       "Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems"
       (KtK), unter  maßgeblicher Federführung der Telekommunikationsin-
       dustrie  den   programmatischkonzeptionellen   Rahmen   für   die
       "Modernisierung" der Fernmeldeinfrastruktur absteckte,
       - eine ganze  Reihe von  Beiräten und Sachverständigenkreisen, in
       denen und  über die die Fernmeldeindustrie dauerhaft mit der DBP,
       dem BMFT sowie den staatlichen Forschungsanstalten zusammenarbei-
       tet.
       
       Aktivitäten und Funktionsweise des Komplexes
       --------------------------------------------
       
       Wichtigstes Element  und Kennzeichen  des T.I.K. ist - ebenso wie
       beim MIK - die breitgefächerte und intensive Kooperation zwischen
       staatlichen Organen und den privaten Telekommunikationsmonopolen.
       Auch hier  beginnt die Kooperation  e r s t e n s  - wie das Bei-
       spiel KtK zeigt - bereits im Stadium der "Bedarfsermittlung", de-
       ren Ergebnisse  zum Ausgangspunkt  einer langfristigen Rahmenpla-
       nung werden,  aus der  wiederum eine  Reihe kurzfristigerer  Pro-
       gramme abgeleitet werden.
       Auch hier findet  z w e i t e n s  eine über den ganzen Lebenszy-
       klus eines  fernmeldetechnischen Systems  erfolgende  Kooperation
       zwischen Herstellern  und staatlichen  Stellen, wobei  auch  hier
       durch "freihändige"  Vergabe von  Aufträgen, ausgedehnte F&E-Sub-
       ventionierung, Abnahmegarantien  etc. in den Kernbereichen Markt-
       wettbewerb, unternehmerisches Risiko und Marktpreisbildung besei-
       tigt werden.
       D r i t t e n s   zählt die Förderung der internationalen Wettbe-
       werbsfähigkeit der  Telekommunikationsindustrie sogar zu den zen-
       tralen programmatischen  Vorgaben des  T.I.K., die durch eine we-
       sentliche  Beschleunigung  des  Innovationstempos,  überdimensio-
       nierte Nachfrage,  weitgehende Durchsetzung  der  bundesdeutschen
       Standards in internationalen Normungsgremien etc. erreicht werden
       soll.
       V i e r t e n s   schließlich -  dies zeigt insbesondere das Bei-
       spiel Münchener  Kreis -  kooperieren Telekommunikationsindustrie
       und DBF auch eng bei der ideologisch-politischen Durchsetzung der
       neuen Telekommunikationssysteme.
       
       3. Der Stellenwert staatsmonopolistischer Komplexe im SMK der
       -------------------------------------------------------------
       Gegenwart - weiterführende Überlegungen und ungeklärte Fragen
       -------------------------------------------------------------
       
       3.1. Zur Eingrenzung des Komplexbegriffes oder:
       -----------------------------------------------
       Was alles kein Komplex ist
       --------------------------
       
       Die theoretische  Herleitung der Kategorie des staatsmonopolisti-
       schen Komplexes weist ihn als eine Organisationsform des Kapitals
       aus, die der Phase des SMK adäquat ist: Sie umfaßt die dauerhafte
       und unmittelbare  Präsenz und  Aktivität des Staates im Produkti-
       ons- und  Reproduktionsprozeß der  Monopole und  stellt  insofern
       eine höhere Form der Vergesellschaftung des Einzelkapitals dar.
       Auf der  anderen Seite  sollte der Begriff des staatsmonopolisti-
       schen Komplexes nicht überhöht oder verabsolutiert werden:
       -  Z u m   e i n e n  ist der staatsmonopolistische Komplex nicht
       die einzige relevante Erscheinungs- und Organisationsform des Mo-
       nopolkapitals der Gegenwart,
       -  z u m  a n d e r e n  findet die staatliche Regulierung im SMK
       nicht ausschließlich in und durch gemischte staatlich-private und
       monopolistisch bestimmte  Programme  und  Projekte  in  Komplexen
       statt.
       Die versuchte  Fassung der Kriterien eines staatsmonopolistischen
       Komplexes zeigt  u. E., daß es möglich und notwendig ist, ihn von
       anderen Organisationsformen  des Monopolkapitals und der staatli-
       chen Regulierung  abzugrenzen. Erst  dadurch kann das Gewicht des
       Komplexes im  jeweils historisch-konkreten  System der Produktiv-
       kräfte bestimmt werden.
       Die entwickelten Kriterien treffen - nach unseren empirischen Un-
       tersuchungen -  mit Sicherheit  auf den Bereich der militärischen
       Rüstung, der  Telekommunikation, der  Energieversorgung  und  der
       Luft- und  Raumfahrtindustrie zu. In allen vier Bereichen gibt es
       dauerhafte Kooperationen von privaten Monopolen und Staat; in al-
       len ist der Druck aufschnelle Produktivkraftentwicklung besonders
       groß, und in allen liegt ein "gesellschaftlicher Bedarf" vor, der
       natürlich nicht  von den Lebensbedürfnissen der Menschen, sondern
       den Verwertungsbedürfnissen der Monopole abgeleitet ist.
       Demgegenüber müssen  Zweifel hinsichtlich anderer Kapitalgruppie-
       rungen angemeldet  werden, die in der Diskussion über staatsmono-
       polistische Komplexe eine Rolle spielen:
       - Im     l a n d w i r t s c h a f t l i c h e n    B e r e i c h
       gibt es  zwar einen  engen Zusammenhang  zwischen agrarischen und
       vor- sowie nachgelagerten Unternehmen; ebenso gibt es eine außer-
       ordentlich dichte  staatliche Regulierung.  Dennoch kann man u.E.
       nicht von  einem  staatsmonopolistischen  Agrar-Industrie-Komplex
       sprechen. Denn  e r s t e n s  erfolgt diese Regulierung nicht in
       staatlich-privaten  Gemeinschaftsprogrammen;      z w e i t e n s
       gibt es zwar Großbauern, aber keine agrarischen Monopole im land-
       wirtschaftlichen Bereich;   d r i t t e n s   ist  die Gewährlei-
       stung der  Versorgung mit  Lebensmitteln prinzipiell auch für den
       Markt möglich, allerdings um den Preis einer radikalen Zerstörung
       der historisch  entstandenen  bäuerlichen  Produktionsstrukturen,
       die die  herrschende Klasse  aus gesellschafts- und systempoliti-
       schen Gründen erhalten will.
       -  Es  wird   gelegentlich   von   einem   staatsmonopolistischen
       B a n k - K o m p l e x  gesprochen. Zweifellos gibt es ein enges
       Zusammenspiel zwischen staatlicher Politik und privaten Banken im
       Bereich der Geldversorgung, von dem die privaten Banken profitie-
       ren. Aber weder handelt es sich um eine kontinuierliche und durch
       Verflechtungsorgane abgesicherte  Kooperation, noch  bezieht sich
       das Zusammenspiel  auf einen  Bereich der Entwicklung neuer Spit-
       zentechnologien.
       - Im  U m w e l t b e r e i c h  werden zwar teilweise neue Tech-
       nologien durch Monopole mit Unterstützung des Staates entwickelt.
       Von einem  Ökologie-Komplex kann  jedoch vermutlich  (noch) nicht
       die Rede  sein; denn die staatliche Umweltpolitik beschränkt sich
       in erster  Linie auf das Setzen von Rahmenbedingungen (Gebote und
       Verbote) und  finanziellen Anreizen;  darüber hinaus  beruht  der
       größte Teil  der Umweltschutzmaßnahmen gegenwärtig und vermutlich
       für absehbare  Zeit auf relativ konventionellen Techniken (Filter
       und einfache Meß- und Steuerungsanlagen). Eine enge staatlich-mo-
       nopolistische Kooperation  der Entwicklung  und Durchführung flä-
       chendeckender Umweltsanierungs- bzw. Vorbeugungsmaßnahmen gibt es
       bis heute nicht, und ihre Entstehung ist auch nicht absehbar.
       - Schließlich  muß   auch  bezweifelt   werden,   ob   es   einen
       s o z i a l - i n f r a s t r u k t u r e l l e n   staatsmonopo-
       listischen Komplex gibt. Zwar existiert ein - auch monopolkapita-
       listisch formierter - gesellschaftlicher Bedarf nach funktionsfä-
       higen und  gesellschaftlich integrierten Arbeitskräften. Aber die
       Befriedigung dieses  Bedarfes stößt weder in neue Dimensionen der
       Produktivkraftentwicklung vor,  noch wird sie - bei allem Einfluß
       der Monopole auf staatliche Politik - in gemischten staatlich-mo-
       nopolistischen Programmen  und Kooperationen organisiert. Sie ist
       vielmehr Gegenstand  allgemeiner staatlicher  Sozialpolitik,  auf
       die die Monopole in "traditioneller" Weise von außen Einfluß neh-
       men.
       
       3.2. Das Verhältnis staatsmonopolistischer Komplexe zu anderen
       --------------------------------------------------------------
       Organisationsformen des Monopolkapitals
       ---------------------------------------
       
       Staatsmonopolistische Komplexe  sind gegenwärtig weder die einzig
       relevante oder auch nur die hauptsächliche konkrete Erscheinungs-
       form des  SMK der  BRD. Es  ist auch keine Tendenz erkennbar, daß
       sich dies  in absehbarer  Zeit ändern  würde. Von  nach  wie  vor
       großem Gewicht  sind die  traditionellen Formen  des monopolisti-
       schen Kapitals: die Einzelmonopole und (branchenmäßig organisier-
       ten) Monopolgruppen  (etwa die  großen Chemiekonzerne)  sowie als
       fortgeschrittenere Formen  die Finanzgruppen  (etwa die der Deut-
       schen Bank).  Staatsmonopolistische Komplexe  treten als  jüngste
       Entwicklung zu  diesen beiden  letzten hinzu; zusammen bilden die
       drei die  maßgeblichen  Organisationsformen  des  Monopolkapitals
       heute.
       Die Existenz  und das  unverminderte Gewicht privater Einzelmono-
       pole und Finanzgruppen ändern nichts am Charakter des gegenwärti-
       gen Kapitalismus.  Auch die Verwertung der Chemiemonopole und der
       Finanzgruppen wäre  heute nicht gewährleistet, wenn der Staat ih-
       nen nicht durch Umverteilungsund Steuerpolitik, durch direkte und
       indirekte Subventionen  und Schaffung der politischen Bedingungen
       für die  internationale Expansion, durch Regulierung der Geldver-
       sorgung und  Forschungsförderung u. a. m., die Existenz-und Akti-
       onsspielräume erschließen und sichern würde.
       Ebenso verschieden,  wie die  - grundsätzlich  unverzichtbaren  -
       Formen der staatlichen Präsenz und die Förderung des monopolisti-
       schen Reproduktionsprozesses  im konkreten  Fall sind,  so unter-
       schiedlich sind auch die Verbindungen und Methoden, durch die Mo-
       nopole Einfluß  auf den Staat nehmen, um staatliche Unterstützung
       für ihre  privaten Interessen  zu erreichen. Die private Einfluß-
       nahme durch  kontinuierliche Kooperation  mit dem  Staat bei  der
       Produktivkraftentwicklung und in der materiellen Produktion tritt
       n i c h t   a n   d i e  S t e l l e  der Beeinflussung von außen
       durch Verbände, Medien und die Manipulation der öffentlichen Mei-
       nung; sie  tritt auch  nicht an  die Stelle der Beeinflussung von
       innen durch  Infiltration des  Staatsapparates, durch  Bestechung
       von Staatsfunktionären  usw. Sie tritt vielmehr  z u  d i e s e n
       nach wie vor - mit Erfolg - praktizierten Strategien  h i n z u.
       Insofern läßt  sich der  empirische Befund für die Bundesrepublik
       dahingehend zusammenfassen,  daß es  gegenwärtig eine  Koexistenz
       der drei  Hauptformen des Monopolkapitals gibt, ohne daß ein ein-
       deutiges Übergewicht  einer bestimmten  Gruppe erkennbar wäre. Es
       stellt sich  also die Frage nach absehbaren Entwicklungstendenzen
       des  Verhältnisses  zwischen  Monopolgruppen,  Finanzgruppen  und
       staatsmonopolistischen Komplexen.
       
       3.3. Entwicklungstendenzen: Verdrängung, Koexistenz
       ---------------------------------------------------
       oder privatmonopolistische Rückbindung
       --------------------------------------
       
       Aus der  theoretischen Herleitung der staatsmonopolistischen Kom-
       plexe als einer dem SMK  a d ä q u a t e n  Organisationsform des
       Monopolkapitals kann  sich der  Schluß aufdrängen,  daß diese auf
       Dauer auch  das entscheidende  Gewicht in  den staatsmonopolisti-
       schen Produktionsverhältnissen erhalten und die Bedeutung der an-
       deren beiden zurückdrängen würden. Eine solche Prognose wäre dann
       plausibel, wenn die Umstände, aus denen die Bildung von staatsmo-
       nopolistischen Komplexen  hergeleitet wurde, als die für die wei-
       tere Entwicklung  des SMK  ausschließlich maßgeblichen  anzusehen
       wären: Das  Vorliegen oder  die Entwicklung eines gesellschaftli-
       chen Produktionsbedarfes, zu dessen Befriedigung eine quantitativ
       und qualitativ neue Stufe der Produktivkraftentwicklung erforder-
       lich ist, die private Monopole aus eigener Kraft aufgrund des un-
       geheuren Mittelbedarfs und/oder der umfassenden Kooperations- und
       Steuerungserfordernisse nicht  leisten können.  Wenn  man  diesen
       Faktoren gegenüber  bereits vorhandene und absehbare Widersprüche
       und Gegentendenzen - Entwicklung eines sozialen Integrations- und
       Disziplinierungsbedarfs,  parasitäre   Hemmung   der   Produktiv-
       kraftentwicklung, zunehmender  Widerstand  gegen  kapitalistische
       Zentralisierung und Entdemokratisierung - für irrelevant ansieht,
       erscheint die These der langfristigen Überlegenheit staatsmonopo-
       listischer Komplexe  gegenüber anderen Formen des Monopolkapitals
       schlüssig.
       Die genannten Gegentendenzen sowie die zunehmende Machtentfaltung
       der Monopole  auch in Bereichen, die nicht an der Spitze der Pro-
       duktivkraftentwicklung stehen,  müssen jedoch in einer Gesamtein-
       schätzung berücksichtigt  werden. In  ihrem Lichte  erscheint die
       Verdrängung der  Monopol- und Finanzgruppen durch staatsmonopoli-
       stische Komplexe in so weite Ferne zu rücken, daß in einer abseh-
       baren  historischen   Perspektive   eher   mit   einer   weiteren
       "gleichgewichtigen" Koexistenz  zwischen diesen  drei Hauptformen
       des Monopolkapitals zu rechnen ist.
       Nicht von  der Hand zu weisen sind schließlich auch Überlegungen,
       die auf eine  p r i v a t m o n o p o l i s t i s c h e  R ü c k-
       b i n d u n g     der  staatsmonopolistischen   Komplexe  in  die
       Finanzgruppen hinauslaufen.  Die empirische  Bestandsaufnahme  in
       der BRD zeigt jedenfalls, daß ihre Kernmonopole - allen voran der
       Siemens-Konzern, der eine maßgebliche Rolle in fast allen Komple-
       xen spielt!  - in  erheblichem Maße  schon lange zu einer Finanz-
       gruppe (Deutsche  Bank) gehören oder allmählich - wie Dornier und
       AEG als Kernunternehmen des MIK - in diese integriert werden.
       Wenn man  diese Beobachtung  verallgemeinern würde - wozu es auf-
       grund der  schmalen empirischen Basis sicherlich noch zu früh ist
       ", würde  die Entstehung  und Entwicklung  von staatsmonopolisti-
       schen  Komplexen   in  zwei   Phasen  vor   sich  gehen:  In  der
       e r s t e n   P h a s e   wird aufgrund  des stofflich bestimmten
       gesellschaftlichen Bedarfs  im Bereich  fortgeschrittener Produk-
       tivkraftentwicklung von  Monopolen aus unterschiedlichen Monopol-
       und Finanzgruppen  unter Einbeziehung des Staates ein Komplex au-
       ßerhalb des  unmittelbaren Einflusses  einzelner Monopol- und Fi-
       nanzgruppen gebildet. In der  z w e i t e n  P h a s e  wird die-
       ser Komplex  dann wieder  in eine  Finanzgruppe eingebunden - was
       natürlich nicht  ohne Auseinandersetzung  und Kampf  zwischen den
       verschiedenen "Gebermonopolen"  vor sich  geht und in einer neuen
       Kräftekonstellation der Monopolgruppen und Finanzgruppen endet.
       Auch aus  theoretischen Überlegungen  erscheint der Versuch einer
       solchen privatmonopolistischen Rückbindung staatsmonopolistischer
       Komplexe als  sinnvolle Strategie  des Monopolkapitals. Zwar ent-
       spricht die Verschmelzung von Teilen des Staatsapparates mit Tei-
       len von  Monopolen sowohl  objektiven gesellschaftlichen Anforde-
       rungen als auch den privaten Profitinteressen der beteiligten Mo-
       nopole. Auf  der anderen Seite bedeutet die Hereinnahme des Staa-
       tes als  gesellschaftlicher Instanz in das Allerheiligste des mo-
       nopolistischen Privateigentums  auch die Öffnung dieses Allerhei-
       ligsten für die möglicherweise unehrfürchtige Öffentlichkeit, und
       damit potentiell  für Kräfte, die unter gesellschaftlichem Bedarf
       etwas anderes  verstehen als die Gewährleistung optimaler Verwer-
       tungsbedingungen für  das Monopolkapital.  Es erscheint daher ge-
       fährlich, Gebilde,  die derart mit potentiell störenden Fremdkör-
       pern durchsetzt  - wenn  auch unvermeidlich - sind, einfach neben
       den traditionellen  und reinen  Formen des Monopolkapitals stehen
       und sich entwickeln zu lassen. Vielmehr ist es geraten, diese Ge-
       bilde in  das System der privatmonopolistischen Regulierung durch
       Monopolgruppen und  Finanzgruppen einzumauern und auf diese Weise
       weiter zu  entschärfen. Natürlich bleibt auch dann die potentiell
       störende Staatsfeindlichkeit  im Komplex erhalten, aber ihre Ent-
       faltungsmöglichkeiten werden  weiter eingeschränkt,  als dies bei
       bloßer Koexistenz der Fall wäre.
       Letztlich handelt es sich bei der Frage nach den Entwicklungsten-
       denzen des  Verhältnisses zwischen den Hauptformen des Monopolka-
       pitals um  die Frage nach den Strukturprinzipien der Organisation
       des Reproduktionsprozesses:  Bleibt  die  -  prinzipiell  gesell-
       schaftlich-planwirtschaftliche -  Organisation  der  kapitalisti-
       schen Reproduktion entlang stofflich bestimmter Produktionsberei-
       che im Komplex eine historische Episode - wie die Bildung von In-
       dustriezweig-Konzernen  und  Monopolgruppen  entlang  stofflicher
       Branchen-Kriterien eine  Episode blieb, die durch die allein ent-
       lang den  Verwertungsprinzipien organisierte, stofflich differen-
       zierte Finanzgruppe abgelöst wurde? Oder ist der stoffliche Impe-
       rativ,  der  zur  Bildung  von  staatsmonopolistischen  Komplexen
       führt, jetzt  und in  Zukunft dauerhafter und stabiler und stellt
       der     S t r u k t u r i e r u n g     d e s    R e p r o d u k-
       t i o n s p r o z e s s e s   d u r c h    V e r w e r t u n g s-
       b l ö c k e     seine  Strukturierung  durch  m a t e r i e l l e
       S e k t o r e n   entgegen (auch  wenn in  diesen immer  noch die
       Monopole dominieren)?  Wird die Frage so gestellt, dann wird auch
       deutlich, daß  die Antwort  auf sie  nicht allein  von objektiven
       Tendenzen der  Produktivkraftentwicklung, sondern  ebensosehr von
       gesellschaftlichen Bewegungen und Kräfteverhältnissen abhängt.
       
       4. Komplexe als Gegenstand politischer Reformstrategien
       -------------------------------------------------------
       
       Wie alle  Vergesellschaftungsformen im staatsmonopolistischen Ka-
       pitalismus ist  auch der  staatsmonopolistische Komplex politisch
       eine zweischneidige Angelegenheit: Die Verflechtung des Staates -
       oder von  Teilen des Staates - mit dem Monopolkapital - oder ein-
       zelnen Monopolen oder Monopolteilen - bewirkt auf der einen Seite
       einen Zuwachs  an -  staatlich-hoheitlicher - Macht und an Allge-
       meingültigkeitsanspruch auf  selten des  privaten Monopols. Ande-
       rerseits wird  das private  Kapital - gerade weil sein Allgemein-
       heitsanspruch immer  wieder durch staatliche, konkret parlamenta-
       risch vermittelte  Willensbildungsprozesse hergestellt werden muß
       - anfällig für die Interessen und Ansprüche der Mehrheit der Men-
       schen, in deren Namen ja staatliche Politik im SMK erfolgt.
       Die  Besonderheit  der  staatsmonopolistischen  Komplexe  besteht
       darin, daß die Verflechtung von Staat und Monopolkapital sich un-
       mittelbar in  den Bereich  der Forschung, Entwicklung und Produk-
       tion auf  Feldern fortgeschrittenster Technologien erstreckt. Sie
       beschränkt sich  nicht -  wie bei anderen Formen kapitalistischer
       Vergesellschaftung im  staatsmonopolistischen Kapitalismus  - auf
       die permanente  staatliche Regulierung ökonomischer Tätigkeit von
       außen im Interesse der Monopole - durch Umverteilung, Infrastruk-
       tur- oder  Bildungsmaßnahmen, Finanz- oder Geldpolitik u.a.m. Sie
       reicht in  den unmittelbaren Produktionsprozeß hinein - nicht nur
       als abwehrende Schutzmaßnahme wie beim Arbeitsschutz, sondern als
       direkte und  unmittelbare Gestaltung. Welche Kommunikationsinfra-
       struktur hergestellt,  welche Wege der Energieversorgung und Ent-
       wicklung von  Luft- und Raumfahrt eingeschlagen werden, überhaupt
       welche Formen  die Produktivkraftentwicklung  annimmt -  das wird
       nicht allein durch die Bereitstellung entsprechender Finanzmittel
       und die Festlegung allgemeiner Rahmenbedingungen durch den Staat,
       sondern durch  konkrete, in  Kooperation mit den Monopolen erfol-
       gende Forschungs-,  Entwicklungs-  und  Produktionstätigkeit  des
       Staates entschieden.  Diese wird  damit mehr  als bisher zum Feld
       politischer -  nicht ausschließlich auf den privaten Profit bezo-
       gener -  Gestaltungsmöglichkeiten. Hieraus ergeben sich prinzipi-
       ell Ansatzpunkte  und Perspektiven  für spezifische Reformstrate-
       gien und  bei Entwicklung  entsprechender Kräfteverhältnisse  für
       antimonopolistische Weichenstellungen.
       Freilich handelt  es sich hier zunächst nur um theoretische Über-
       legungen. Wie  die Beispiele  des Militär-Industrie-Komplexes und
       des Atom-Industrie-Komplexes  besonders deutlich  zeigen, war die
       Komplexbildung in  diesen Bereichen  nicht mit einer Stärkung von
       Reformtendenzen, sondern im Gegenteil mit zunehmendem Einfluß der
       reaktionären Kräfte  in Staat  und Gesellschaft  verbunden.  Beim
       Telekommunikations-Industrie-Komplex deutet  sich  eine  ähnliche
       Entwicklung durch  die enge  Verflechtung mit den Überwachungsund
       Bespitzelungsstrategien des Staates gegenüber den Bürgern an. Die
       Entwicklung des  zivilen Luft- und Raumfahrtkomplexes dagegen ist
       in seiner  gesellschaftlichen Ausrichtung  noch am wenigsten ein-
       seitig ausgeprägt und einigermaßen offen.
       Auch in den Komplexen bedeutet zunehmende Vergesellschaftung also
       nicht automatisch zunehmende Kontrolle durch die Gesellschaft und
       Ausrichtung der  Komplexaktivitäten an  den Interessen  der Mehr-
       heit. Dennoch eröffnen die Komplexe ein weiteres Feld des Kampfes
       um demokratische Gestaltung objektiv vergesellschafteter Struktu-
       ren und  Entwicklungsprozesse. Dies ist um so bedeutender, als es
       sich um  Spitzenbereiche der  Produktivkraftentwicklung  handelt.
       Den demokratischen  Kräften stellt sich durch die Entwicklung von
       staatsmonopolistischen Komplexen die Aufgabe, Alternativen zu ei-
       ner ausschließlich  auf die ökonomischen Ausbeutungs- und politi-
       schen Herrschaftsinteressen  ausgerichtete Entwicklung  in diesen
       Bereichen der  Spitzentechnologie zu entwickeln. Dabei handelt es
       sich zunächst  um  Reformprogramme,  in  denen  die  spezifischen
       stofflichen Notwendigkeiten,  Bedürfnisse und  Interessen Vorrang
       vor den  reinen Verwertungsinteressen  erhalten, und  der Einfluß
       der vorwiegend an letzteren ausgerichteten Finanzgruppen auch or-
       ganisatorisch zugunsten  der Komplexstruktur zurückgedrängt wird.
       In diesem Sinne sind Alternativprogramme zu entwickeln
       - für eine   R ü s t u n g s p o l i t i k,  die Verteidigungsfä-
       higkeit ohne Angriffsfähigkeit gewährleistet,
       - für eine   L u f t-   u n d    R a u m f a h r t p o l i t i k,
       die sich  aus der  engen Verklammerung und teilweisen Überschnei-
       dung mit  militärischen Zielsetzungen  und Strukturen und aus der
       Gigantomanie löst,  die der  selbstauferlegte Zwang der Weltspit-
       zenposition mit  sich bringt;  die sich statt dessen in eine ver-
       nünftige nationale  Verkehrs-, Transport- und Kommunikationspoli-
       tik integriert,
       - für  eine    T e l e k o m m u n i k a t i o n s p o l i t i k,
       die dem  Bedürfnis nach  erweiterter Kommunikation  zwischen Men-
       schen, Institutionen  und Unternehmen entgegenkommt, ohne die Be-
       friedigung dieser  Bedürfnisse mit verstärkter individueller Kon-
       trolle und  gesellschaftlicher Überwachung und einem Schub an ra-
       tionalisierungsbedingter Arbeitslosigkeit zu verbinden,
       - für eine   E n e r g i e p o l i t i k,   die aus der Kernkraft
       als zivilem  Energieträger schrittweise  aussteigt und eine Ener-
       gieversorgung weitgehend  auf der Basis heimischer Energiequellen
       mit regenerativer Energie sichert.
       In dem  Maße, wie diese Reformprogramme praktisch an Kraft gewin-
       nen und  durchgesetzt werden, lassen sich aus ihnen weitergehende
       antimonopolistische Perspektiven entwickeln, die im Kern auf eine
       koordinierte gesellschaftliche  Planung verschiedener Komplexfel-
       der und damit auf die gesellschaftliche Planung eines zunehmenden
       Anteils der  für die  gesamte ökonomische und soziale Entwicklung
       maßgeblichen produktiven Basis hinausläuft.
       
       _____
       1) In der  deutschsprachigen Literatur  liegt hierzu bislang erst
       eine Monographie  vor. Sie  enthält eine Reihe von Artikeln einer
       Leningrader Forschergruppe  unter Leitung von Prof. A. A. Djomin,
       die die  Kategorie des  staatsmonopolistischen Komplexes Ende der
       siebziger Jahre  entwickelt hatte. Vgl. IMSF, (Hg), Staatsmonopo-
       listische Komplexe. Zu einer Kategorie der aktuellen Kapitalismu-
       sanalyse. Beiträge aus der UdSSR zu einer Konzeption sowjetischer
       Ökonomen, Theorie und Methode VI, Frankfurt/M 1982; vgl. auch die
       vorläufige Einschätzung  dieser Begriffsbildung  bei Heinz  Jung,
       Gesamtkapital - Monopole - Staat, Gesichtspunkte des ökonomischen
       Mechanismus im staatsmonopolistischen Kapitalismus, in: Marxisti-
       sche Studien, Jahrbuch des IMSF, Nr. 2/1979, S. 76-79.
       2) Vgl. Dwight  Eisenhower, Farewell  Adress vom 17. 1. 1961, in:
       Congressional Record,  Bd. 107  v. 16.2.  1961, S.  2094 f. Einen
       guten Überblick  über Weiterentwicklung  und Etablierung  des Be-
       griffes in  der Politikwissenschaft geben Monika Medick, Das Kon-
       zept des  "Military-Industrial Complex"  und  das  Problem  einer
       Theorie demokratischer Kontrolle, in: Volker R. Berghan (Hg), Mi-
       litarismus, Köln  1975, S.  347-377 sowie Heinz-Dieter Meier, Der
       Militärisch-industrielle Komplex,  in: Neue politische Literatur,
       17. Jg., 1972, S. 322-346.
       3) Vgl. N.W.  Raskow, Der staatsmonopolistische Komplex als Orga-
       nisationsform des  Kapitals, in:  Theorie und Methode VI, a.a.O.,
       S. 13-20.
       4) Vgl. hierzu die "klassische Arbeit" von Kurt Gossweiler, Groß-
       banken -  Industriemonopole -  Staat. Ökonomie  und  Politik  des
       staatsmonopolistischen  Kapitalismus  in  Deutschland  1914-1932,
       Berlin/DDR 1971 (Westberlin 1975).
       5) Der vorliegende Artikel enthält eine Zusammenfassung sowie er-
       gänzende und  weiterführende Bemerkungen zu einer kollektiven Mo-
       nographie über  "Staatsmonopolistische Komplexe  der BRD:  Wesen,
       Struktur, Widersprüche".  Sie wurde von Autoren des Instituts für
       Weltwirtschaft und  Internationale Beziehungen  der Akademie  der
       Wissenschaften der  UdSSR in  Moskau, der Leningrader Staatlichen
       Universität "A.A.  Shdanow" sowie  des Instituts für Marxistische
       Studien und Forschungen in Frankfurt/M. verfaßt und wird in Kürze
       erscheinen.
       6) Ebenda.
       

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