Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       Alternativen
       
       KONJUNKTURZYKLEN, LANGE WELLEN UND HISTORISCHE STADIEN
       ======================================================
       DER KAPITALKKUMULATION
       ======================
       
       Probleme einer marxistischen Theorie kapitalistischer Entwicklung
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       am Beispiel der Weltwirtschaftskrise der 70er und 80er Jahre
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       Kurt Hübner/Michael Stanger
       
       1. Einleitung  - 2.  Konjunkturzyklen und  Wachstumsphasen  -  3.
       "Kleine" und  "große" Krisen - 4. Ökonomische Blockaden für einen
       neuen Aufschwung - 5. Fazit
       
       1. Einleitung
       -------------
       
       Je länger die spätestens Mitte der 70er Jahre eingesetzte Periode
       überzyklischer Wachstumsschwäche  in den  kapitalistischen  Indu-
       strieländern -  mit ihren  inzwischen mehr  als  vertrauten  "Be-
       gleiterscheinungen"  von   Massenarbeitslosigkeit,  Sozialstaats-
       abbau, internationalen  Währungsturbulenzen - anhält, desto stär-
       ker drängt  sich die  Frage nach  einer  e n t w i c k l u n g s-
       h i s t o r i s c h e n  E i n o r d n u n g  dieser Periode auf.
       Diese Frage  hat, wenn  man unter  Geschichte nicht  nur  Vergan-
       genheit und  ihre Erforschung  versteht, neben  einem  rückwärts-
       gerichteten auch  einen vorwärtsgerichteten  Aspekt.  Der  retro-
       spektive Aspekt  bezieht  sich  auf  die  Frage,  welche  gesell-
       schaftliche Entwicklungsperiode  durch die  ökonomische Krise aus
       welchen Gründen  beendet wurde.  Der prospektive  Aspekt betrifft
       die Frage,  welcher Ausgang aus der Krise sich perspektivisch ab-
       zeichnet. Ist  mittelfristig eher noch mit einer Verschärfung der
       Probleme, vor  allem im  weltwirtschaftlichen Rahmen, zu rechnen?
       Oder gibt  es, wie neuerdings auch von linken Sozialwissenschaft-
       lern vermutet  wird 1)  'einen  technologischen  Ausweg  aus  der
       Krise, der die Rückkehr zu den (wirtschafts-)politischen Verhält-
       nissen der  Prosperitätsperiode ermöglicht? Was dieses optimisti-
       sche Szenario  angeht, so  ist die  politische Diskussion  in der
       Bundesrepublik sogar schon einen Schritt weiter. Über einen tech-
       nologischen Ausweg  aus der Krise, der wirtschaftspolitisch durch
       eine Strategie  der "Modernisierung der Volkswirtschaft" getragen
       wird, hoffen  sowohl der  "aufgeklärte" Flügel der Union als auch
       die maßgebenden  Kräfte innerhalb  der SPD,  den Übergang  in ein
       neues Zeitalter  der "Versöhnungsgesellschaft"  einleiten zu kön-
       nen, in  welchem die  Widersprüche kapitalistischer  Produktions-
       weise -  nicht zuletzt  der Konflikt  zwischen Ökonomie (Kapital-
       verwertung) und  Ökologie (Umweltschutz)  - eine harmonische Auf-
       lösung erfahren sollen.
       
       2. Konjunkturzyklen und Wachstumsphasen *)
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       Eine entwicklungshistorische  Einordnung aus  marxistischer Sicht
       wird im  Rahmen des  in der marxistischen Theorie vorherrschenden
       m o n o p o l t h e o r e t i s c h e n
       S t a d i e n m o d e l l s   versucht, bei  der historische Ent-
       wicklungsstadien des  Kapitalismus nach  Maßgabe der  sich verän-
       dernden Konkurrenzformen  unterschieden  werden.  Die  Grundthese
       dieses von  Hilferding (1910)  2) und  Lenin (1916)  3) über  Ba-
       ran/Sweezy (1966)  4) bis zu Vertretern der Theorie des Staatsmo-
       nopolistischen Kapitalismus  vertretenen Ansatzes lautet - aller-
       dings bei großen Differenzen in bezug auf die Krisentheorie:
       Im Zuge der die Akkumulation des Kapitals begleitenden Konzentra-
       tions- und  Zentralisationsprozesse entstehen  marktbeherrschende
       Großunternehmen (Konzerne),  die sich  kraft ökonomischer und au-
       ßerökonomischer Macht  den Ausgleichsgesetzen der Konkurrenz, na-
       mentlich dem  Ausgleich zur Durchschnittsprofitrate, zu entziehen
       und einen  Monopolprofit anzueignen  vermögen. Da diese Monopoli-
       sierung die  Wirkungsweise der sogenannten freien Konkurrenz ein-
       schränkt oder  sogar aufhebt, ergeben sich zugleich Regulierungs-
       defizite, die  einen wachsenden  ökonomischen Staatseingriff her-
       vorrufen.
       In der Tradition der Leninschen Imperialismustheorie werden diese
       Strukturveränderungen    als    Ausdruck    und    Momente    der
       D e s t a b i l i s i e r u n g  des kapitalistischen Systems in-
       terpretiert. Die  Rede ist  von der "Niedergangsperiode" oder der
       "allgemeinen Krise"  des Kapitalismus.  Das Monopol führe zu Sta-
       gnation und  Fäulnis, die imperialistische Expansion der Monopole
       zur Verschärfung  und schließlich kriegerischen Austragung inter-
       nationaler Konflikte.
       Dagegen interpretierte   H i l f e r d i n g    die  Monopolisie-
       rungstendenz als  Stabilisierungsmoment. Gegen  die Destabilisie-
       rungsthese  kann  vor  allem  eingewandt  werden,  daß  dort  der
       d o p p e l t e   Charakter kapitalistischer  Krisen als  gesell-
       schaftliche Strukturbruch- und Restrukturierungsphasen ausgeblen-
       det wird:
       "Während die  Destabilisierungsthese nicht die Funktion der Krise
       als Restrukturierungskrise zur Sicherung der Herrschaftsbedingun-
       gen des  Kapitals erfassen kann und folglich zum Begriff der All-
       gemeinen Krise' gelangt, bleibt der Stabilisierungsthese der Cha-
       rakter der  Krise als Strukturbruch verborgen." 5) Letztlich ver-
       tritt die  Leninsche Version der marxistischen Stadientheorie die
       Perspektive des  Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems, die
       Hilferdingsche Version  dagegen die Perspektive des krisenfreien,
       "gebändigten" Kapitalismus.
       Dagegen soll im folgenden versucht werden, Umrisse eines alterna-
       tiven Ansatzes zur Analyse historischer Entwicklungsphasen vorzu-
       stellen. Im  Mittelpunkt steht die These, daß sich die Kapitalak-
       kumulation über  längere Zeiträume  stets innerhalb  eines histo-
       risch spezifischen  institutionellen Rahmens vollzieht, der durch
       seine Regulierungsleistungen  sowohl den  ökonomischen Wachstums-
       prozeß trägt als auch die reibungslose Reproduktion der kapitali-
       stischen Basisstrukturen  gewährleistet. Krisentheoretisch  rele-
       vant ist  hierbei die  Unterscheidung zwischen  "kleinen"  Krisen
       oder  Krisen    i n n e r h a l b    eines  Regulierungstyps  und
       "großen" Krisen oder Krisen  d e s  Regulierungstyps. 6)
       Während erstere, die den zyklischen Konjunkturkrisen entsprechen,
       innerhalb der herrschenden Regulationsweise über rein ökonomische
       Mechanismen verarbeitet  werden, erfordert  die Lösung  letzterer
       die Entwicklung  neuer institutioneller  Rahmenbedingungen, m. a.
       W. die  Umwälzung des  bestehenden Regulierungstyps. Diese Trans-
       formation charakterisiert  die "große"  Krise als  R e s t r u k-
       t u r i e r u n g s k r i s e,   die immer  auch die  Möglichkeit
       alternativer Optionen  bis hin  zur Systemüberwindung,  d.h.  dem
       Bruch mit  den Basisinstitutionen  kapitalistischer Ökonomie  be-
       inhaltet.
       Da die  These der gesellschaftlichen Restrukturierungskrise nicht
       auf die  "normalen" zyklischen  (Konjunktur-)Krisen, sondern  auf
       überzyklische, anhaltende  Krisenphasen zielt,  setzt sie  offen-
       sichtlich zunächst einen  ö k o n o m i s c h e n  Ansatz voraus,
       der beide  Krisentypen sowohl in ihrer Trennung als auch in ihrem
       Zusammenhang zu erklären vermag. Beide Krisentypen müssen im Kern
       aus derselben  Logik, d. h. den Funktionsbedingungen kapitalisti-
       scher Akkumulation begründet werden. 7)
       Ein solcher integraler Bezugsrahmen ist in einem Ansatz zu sehen,
       der auf  den werttheoretisch begriffenen  Z i e l - M i t t e l -
       K o n f l i k t  kapitalistischer Produktion abstellt. Es handelt
       sich allgemein um den Widerspruch, daß der Zweck kapitalistischer
       Produktion, die  schrankenlose Verwertung von Wert, letztlich nur
       durch  Methoden   erreichbar  ist,   die  diesen  Zweck  zugleich
       konterkarieren. Nimmt  man diesen  Widerspruch zum Ausgangspunkt,
       so ist es u.E. möglich, die in der marxistischen Krisendiskussion
       konkurrierenden Erklärungsansätze  (Überproduktions-, Überakkumu-
       lations-  und  profit-squeeze-Theorem)  zwar  nicht  gänzlich  zu
       "versöhnen", doch  in einen  systematischen Zusammenhang zu brin-
       gen. 8)
       Kapitalistisches Wachstum  beruht auf einem Funktionsmechanismus,
       der einen  gleichgewichtigen Ablauf  notwendig verletzen  muß. Es
       ist dies  die   P r o d u k t i o n    v o n    r e l a t i v e m
       M e h r w e r t.   Die Ausdehnung  der Mehrarbeit via Senkung der
       notwendigen Arbeit durch Produktivkraftsteigerung schließt, bezo-
       gen auf  ein gesellschaftliches  Gesamtkapital oder dieses reprä-
       sentierende Einzelkapital gegebener Größe, unvermeidlich die Ent-
       stehung einer  Lücke zwischen Produktionskapazität und effektiver
       Konsumnachfrage der Arbeiterklasse ein.
       Das Kapital  muß, um  die Realisierungskrise  zu vermeiden, immer
       rascher akkumulieren.  Dieser Prozeß  kommt ins Stocken, wenn die
       Profitrate und  mit ihr  die Investitionsaktivität aufgrund einer
       im Zuge  expandierender Beschäftigung  steigenden Lohnquote unter
       Druck gerät. Die Krise ist hier nicht das Ergebnis einer zu hohen
       Lohnquote, sondern umgekehrt einer zu schnellen Expansion des Ka-
       pitals, die  in einer  gestiegenen Lohnquote  ihren  Niederschlag
       findet.
       Während bei der Erklärung der konjunkturell-zyklischen Krisen Re-
       alisierungsprobleme von  zentraler Bedeutung sind, müssen für den
       Trend wirtschaftlichen Wachstums neben der Akkumulationsrate, die
       im engen  Zusammenhang mit  der langfristigen  Bewegung der  Pro-
       fitrate steht,  Richtung und Dynamik des technischen Fortschritts
       als entscheidend betrachtet werden.
       In der sich auf Kondratieff (1926) 9) zurückbeziehenden aktuellen
       Debatte über lange Wellen der Konjunktur wird die Entwicklung des
       technischen Fortschritts  zwar in  den Mittelpunkt  gestellt,  es
       fehlt jedoch  die theoretische Bestimmung des in regelmäßigen Zy-
       klen von  40 bis 60 Jahren erneute Aufschwünge bewirkenden ökono-
       mischen Automatismus  - abgesehen von der empirischen Unüberprüf-
       barkeit der Existenz solcher Zyklen. 10)
       Um lange Wellen wirtschaftlichen Wachtums von den "normalen" Kon-
       junkturzyklen nicht nur zeitlich, sondern überdies analytisch ab-
       zugrenzen, empfiehlt es sich, auch von Trendschwankungen zu spre-
       chen und deren "Wendepunkte" als Trendbrüche zu bezeichnen. Dabei
       bedeutet "Trend"  die (konjunkturzyklusübergreifende) Entwicklung
       des  sachlichen   Produktionspotentials,  während   der   Begriff
       "Konjunktur"  sich   auf  Änderungen  im  Auslastungsgrad  dieses
       (wachsenden) Produktionspotentials bezieht. 11)
       Der Zusammenhang zwischen Trendentwicklung, Akkumulationsrate und
       technischem Fortschritt steht im Mittelpunkt des Marxschen Geset-
       zes vom tendenziellen Fall der Profitrate.
       Dabei setzte  sich in der marxistischen Diskussion die Auffassung
       durch, daß  das Marxsche  Profitratentheorem kein säkulares Bewe-
       gungsgesetz  der  kapitalistischen  Produktionsweise  beinhaltet,
       sondern eher  auf eine  Analyse von  "Entwicklungen  für  längere
       Zeiträume  (Entwicklungsphasen)"   12)  abzielt.   Ob  sich   als
       "Nettoeffekt" der Phasen sinkender und steigender Profitrate eine
       säkular sinkende  Tendenz ergibt, ist dabei von sekundärem Inter-
       esse.
       In dem  von uns  skizzierten theoretischen Kontext wäre die soge-
       nannte Profitklemme  als eine  Form zu begreifen, in der der kri-
       sengenerierende  Widerspruch  zwischen  Produktion  und  Markt  -
       v e r m i t t e l t   über eine   b e s c h l e u n i g t e  A k-
       k u m u l a t i o n,   in der er eine vorübergehende  L ö s u n g
       erhält - letztlich aufbricht.
       Die zyklischen  Krisen, die  hier überproduktionstheoretisch  er-
       klärt werden,  bilden den Ausgangspunkt für technologische Verän-
       derungen des  Marxschen Typs  (Ersatz von lebendiger Arbeit durch
       konstantes Kapital),  die zu  einem Wachstum der Wertzusammenset-
       zung des  Kapitals und  damit zu  einem  langfristigen  Fall  der
       Durchschnittsprofitrate führen.  Wie der  empirische  Augenschein
       zeigt, ist es im Zuge der Nachkriegsentwicklung in der BRD zu ei-
       nem Fall der Profitrate und einer Abschwächung des Akkumulations-
       tempos gekommen,  ein Bruch  in der ökonomischen Wachstumsdynamik
       ist jedoch erst Anfang der siebziger Jahre feststellbar. 13)
       Dieser Umschlag  kann u. E. nicht mit dem von Marx von vornherein
       als   h y p o t h e t i s c h   eingestuften Fall  der   a b s o-
       l u t e n   Überakkumulation erklärt  werden.  14)  Unsere  These
       lautet demgegenüber,  daß ein  trendmäßiger Fall  der Profit- und
       Akkumulationsrate, der  noch  mit  einem  relativ  beschleunigten
       Kapitalwachstum, d. h. mit einer steigenden Profitmasse einherge-
       hen mag,  in   W i r k l i c h k e i t   in Form  einer  A k k u-
       m u l a t i o n s k r i s e   aufbricht, die  das Ergebnis  einer
       Anpassung der   G e w i n n e r w a r t u n g e n   an  die lang-
       fristig gesunkene  Kapitalrentabilität und  die sich  verengenden
       Spielräume der Steigerung der Profitmasse ist.
       
       3. "Kleine" und "große" Krisen
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       Diese sich  auf der  modelltheoretischen Ebene  bewegenden Analy-
       seansätze, die  hier nur  angedeutet werden  konnten, müssen  zum
       Zwecke der  Realanalyse mit  den jeweiligen  konkret-historischen
       Fakten vermittelt  werden. Dies soll im weiteren näher ausgeführt
       werden.  In   der  eingangs   erwähnten    T h e o r i e    d e r
       R e g u l a t i o n   sehen wir einen tragfähigen Ansatz, der zur
       Überwindung der Kluft zwischen Kategorien mit "reinem" Status und
       realhistorischen Fakten  beitragen kann.  Dieses vor allem im Um-
       kreis des  französischen Marxismus  entwickelte  Theoriekonstrukt
       versucht die Marxsche Analyse des Kapitals im allgemeinen zur De-
       chiffrierung der "Bewegungsgesetze der bürgerlichen Gesellschaft"
       mit historischen  Entwicklungsphasen des  Kapitalismus zu vermit-
       teln, wobei  verschiedene Formen der gesellschaftlichen Reproduk-
       tion unterschieden werden. Mit ihrer Betonung des  R e s t r u k-
       t u r i e r u n g s c h a r a k t e r s   "großer" Krisen  umgeht
       diese Theorie  die mit  herkömmlichen Stadienmodellen  verbundene
       Falle, letztlich  und manchmal  ungewollt eine  lineare  Entwick-
       lungstheorie des  Kapitalismus zu  formulieren. Dem    S t r u k-
       t u r b r u c h  einer überzyklischen Akkumulationsphase folgt in
       der Logik  dieser Theorie  eine   P h a s e   d e r    T r a n s-
       f o r m a t i o n,   in der  über Richtung,  Intensität und  Form
       einer  nächsten  Akkumulationsphase  entschieden  wird.  Anstelle
       unterschiedlicher Stadien  differenziert dieses Konzept verschie-
       dene Phasen kapitalistischer Entwicklung, ohne die problematische
       Behauptung eines  zunehmenden Reifungsprozesses  des Kapitalismus
       und eines  objektiv notwendig werdenden Übergangs zum Sozialismus
       noch  die   These  einer  "allgemeinen  Krise  des  Kapitalismus"
       aufzustellen.  Wir  wollen  die  Grundidee  dieses  Konzeptes  im
       folgenden  kurz   skizzieren.  Eine  Schlüsselstellung  innerhalb
       dieser Theorie  nimmt der  Begriff des Lohnverhältnisses ein, mit
       dem der  Warencharakter der menschlichen Arbeitskraft und der ge-
       sellschaftliche Zwang  zum Verkauf  der Arbeitskraft auf mehreren
       Ebenen thematisiert wird:
       - als historischer Prozeß der Entstehung des doppelt freien Lohn-
       arbeiters;
       - als Organisationstypus  des Arbeitsmarktes und damit des Grades
       der Kontrolle  der Arbeiter  über ihre  Qualifikationen sowie als
       Maß der Einschränkung der Konkurrenz zwischen den Lohnabhängigen;
       - als Form der Entlohnung und des Mischungsverhältnisses zwischen
       direkten und  indirekten, also leistungsbezogenen und sozialpoli-
       tischen Lohnelementen;
       - als Verhältnis  von kapitalistischen,  vorkapitalistischen  und
       nichtkapitalistischen Formen  der Reproduktion  der  Arbeitskraft
       sowie der  Beziehungen zwischen privat-familialem und kollektivem
       Konsum.
       Die sich  entlang  diesen  Dimensionen  ergebenden  Ensemble  von
       Strukturbeziehungen lassen  sich als historische Formen der Regu-
       lation des  Lohnverhältnisses fassen,  die dann das Kriterium für
       unterschiedliche Entwicklungsphasen des Kapitalismus abgeben kön-
       nen. Dank  der zentralen  Stellung des  Lohnverhältnisses erlaubt
       dieses Konzept, die vielen marxistischen Krisentheorien mit eini-
       gem Recht  zum Vorwurf gemachte Dichotomisierung von Produktions-
       und Realisationssphäre  gesellschaftlicher Reproduktion  zu über-
       winden, ohne  in die  Falle der  Unterkonsumtion oder  des allein
       nachfragetheoretischen Keynesianismus  zu laufen, vielmehr können
       beide Bereiche, die Produktions- und Realisierungssphäre, quanti-
       tativ und qualitativ miteinander verknüpft werden. Indem das Kon-
       zept der  Regulation außerdem  den Formaspekt  gesellschaftlicher
       Reproduktion hervorhebt,  sind die historischen Analysen auch ge-
       gen einen  vorschnellen modelltheoretischen  Ökonomismus  gefeit.
       Und schließlich  wird die ökonomisch-technologische Veränderungs-
       dynamik, die  die Theorien  der langen Wellen dominiert, in einen
       untrennbaren Zusammenhang  mit der  sozialen  Entwicklungsdynamik
       gestellt.
       Die Grundidee  dieses Konzeptes  läßt sich in der These zusammen-
       fassen, daß  sich der Prozeß der Kapitalakkumulation über längere
       Zeiträume stets  innerhalb eines historisch spezifischen Regulie-
       rungstyps vollzieht,  der durch  die institutionelle Verarbeitung
       der dem  kapitalistischen System  innewohnenden Widersprüche  ein
       weitgehend reibungsloses  ökonomisches Wachstum  sichert. Während
       "kleine" oder  zyklische Krisen  innerhalb der herrschenden Regu-
       lierungsformen ihre Bewegungsformen finden, sprengen "große" Kri-
       sen diese  Formen und  treiben während  der  Transformationsphase
       neue Modi  der gesellschaftlichen Reproduktion hervor. Diese Dif-
       ferenzierung von  Krisentypen läßt  sich logisch adäquat und, wie
       wir meinen, auch realanalytisch in den von uns formulierten theo-
       retischen Zusammenhang  von Zyklus und Trend einbauen. Die zykli-
       sche oder "kleine" Krise wurde von uns mit einer Profits-squeeze-
       These begründet. Die mit der zyklischen Krise verbundene Freiset-
       zung von  Arbeitskräften und der Rückgang gewerkschaftlicher Ver-
       handlungsmacht senken  die Lohnquote und schaffen verteilungssei-
       tig die  Bedingungen für einen neuen Aufschwung. Indem die Unter-
       nehmen durch  die Neuanlage von fixem Kapital in dieser Situation
       auch die  Produktionsbedingungen von  Profit zu verändern und die
       Arbeitsproduktivität innerhalb  der  bestehenden  technologischen
       Produktionslinien zu steigern versuchen, werden im Prozeß der zy-
       klischen Bereinigung aber auch bereits die Keime zukünftiger Ver-
       wertungsprobleme bereitet.  Das Terrain  der  Kapitalakkumulation
       erfährt von  Zyklus zu Zyklus eine Veränderung. Die moderne Inno-
       vationsforschung konnte  zeigen, daß diese Anstrengungen zur Ver-
       besserung der technologischen Produktionsbedingungen in der Phase
       des überzyklischen  Aufschwungprozesses sich  in der  Tat auf be-
       reits existierende  Produktionslinien beziehen, also Produktinno-
       vationen gegenüber Prozeßinnovationen seltener sind. 15)
       In den  zyklischen Bereinigungsprozessen  wird der krisengenerie-
       rende Widerspruch  zwischen Produktion und Markt demnach nur vor-
       übergehend aufgelöst - um den Preis einer Kumulation von Problem-
       lagen für  die Verwertung  von Kapital,  die sich in der "großen"
       Krise Luft  verschaffen. Mit  der von  Zyklus zu  Zyklus  relativ
       wachsenden Kapitalintensität  industrieller Produktion,  die  von
       den Zuwächsen  der Arbeitsproduktivität  nicht  mehr  kompensiert
       wird, wird  der steigende  Kapitalkoeffizient zu  einem Hindernis
       für das  Gelingen beschleunigter  Akkumulation. Der kapitalinten-
       sive Akkumulationsprozeß,  der gerade durch die zyklischen Berei-
       nigungen generiert  wird, kann  infolge der Ausschöpfung von Pro-
       duktivitätsreserven und  dem damit  verbundenen Rückgang  der Zu-
       wächse der  Mehrwertrate sowie  der gesunkenen  Profitrate  nicht
       länger aufrechterhalten  werden. In  der  "großen"  Krise  werden
       nicht allein  die Verteilungsrelationen  zwischen Lohn-  und Pro-
       fiteinkommen und  die Aufteilung  des Profits in Zins- und Unter-
       nehmereinkommen neu bestimmt, sondern auch die Regulierungsformen
       des Lohnverhältnisses  - in qualifikatorischer, lohnförmiger, ju-
       ristischer oder  sozialpolitischer Hinsicht  - restrukturiert. Im
       Unterschied zu  den zyklischen  Bereinigungsprozessen, bei  denen
       vor allem  die durch die entstehende Arbeitslosigkeit veränderten
       Macht- und  Verhandlungspositionen auf  dem Arbeitsmarkt  vertei-
       lungsseitig die Bedingungen für einen neuen zyklischen Aufschwung
       schaffen, werden  im Zuge  der "großen" Krise die gesellschaftli-
       chen Formen  der Reproduktion  einem Transformationsdruck  ausge-
       setzt. Soziale  und technologisch-stoffliche  Innovationen inner-
       halb bestehender Produktionslinien schaffen sich genauso Raum wie
       versucht wird,  neue Verwertungssphären zu erschließen - ohne daß
       diese   allerdings    zeitlich   oder    inhaltlich   aufeinander
       "abgestimmt" wären.  Durch die kapitalistische "Landnahme" (Lutz)
       noch nicht  erschlossener Bereiche  wird der Versuch unternommen,
       neue Entwicklungsperspektiven  für kapitalistische  Produktion zu
       erschließen.
       Der Strukturbruch  mit dem  bisherigen Akkumulationsmodell  defi-
       niert zugleich  den Raum für gesellschaftliche Auseinandersetzun-
       gen, die über die Ausgangsbedingungen einer neuen Expansionsphase
       entscheiden. Bei  diesen Auseinandersetzungen  geht es - wie sich
       auch aktuell zeigt - nicht allein um Quantitäten, sondern auch um
       Form und  Richtung zukünftiger  Entwicklungen. In  der Phase  der
       Transformation kommt  weder ein technologischer noch ein ökonomi-
       scher Automatismus  zur Wirkung. Auch dies unterscheidet "kleine"
       und "große"  Krisen voneinander. Wirken im ersten Falle neben dem
       Mechanismus der  industriellen Reservearmee  auch noch  built-in-
       stabilizers in  Gestalt eines sozialen Sicherungssystems oder ei-
       ner produktivitätsorientierten  Nominallohnnorm als  gegenläufige
       Stabilisierungsmechanismen, so  gibt es im zweiten Falle entspre-
       chende strukturelle  Korrekturparameter  nicht.  Zur  Disposition
       stehen in der "großen" Krise nicht allein die Höhe sozialstaatli-
       cher Leistungen, sondern die Form des Sozialstaates an sich.
       
       4. ökonomische Blockaden für einen neuen Aufschwung
       ---------------------------------------------------
       
       Daß in  der "großen" Krise die institutionellen Rahmenbedingungen
       der Kapitalakkumulation  zur Disposition stehen, beruht nicht zu-
       letzt auf  ökonomischen Blockaden, die eine Lösung der Krise über
       rein ökonomische Anpassungs- und Bereinigungsprozesse verhindern.
       Ein solcher  Automatismus wird  vor allem  von der  innerhalb der
       Langen-Wellen-Diskussion in  verschiedenen Versionen entwickelten
       Innovationshypothese nahegelegt.  Ihr generelles Argument lautet,
       daß es  Basisinnovationen und vor allem Produktinnovationen sind,
       die neue  Märkte und  hohe Einkommens-  und Beschäftigungseffekte
       generieren. Infolge  der Input-Output-Verflechtung  der  Ökonomie
       sind Produktinnovationen  jedoch immer  auch  Prozeßinnovationen.
       Nur für  Produkte, die  ausschließlich Konsumgüter  sind,  trifft
       dieser Doppeleffekt  nicht zu.  Gegenwärtig stellt die Mikroelek-
       tronik die  einzige neue  Basistechnologie dar, die bereits Mitte
       der 70er  Jahre technische Anwendungsreife erreicht hat. Sie wird
       von den Unternehmen vorrangig als radikale Rationalisierungstech-
       nologie genutzt.  Der wesentliche Grund dafür ist ein verändertes
       Investitionsverhalten der Unternehmen seit Anfang der 70er Jahre,
       das durch ein relatives Übergewicht von Rationalisierungs- gegen-
       über Erweiterungsinvestitionen  gekennzeichnet ist.  Dieses Inve-
       stitionsverhalten muß  vor dem Hintergrund der überzyklischen Ak-
       kumulationskrise interpretiert  werden: durch  technologische Mo-
       dernisierung und  entsprechende Stückkostensenkung  versuchen die
       Unternehmen ihre  Marktpositionen zu halten und ihre individuelle
       Rentabilität zu verbessern. Da gleichzeitig die Investitionsakti-
       vität insgesamt  abgenommen hat,  führt aber das relative Überge-
       wicht der Rationalisierungsinvestitionen dazu, daß die Kapitalin-
       tensität rascher  wächst als der Kapitalstock. Die Folge ist, bei
       weitgehend unveränderter Arbeitszeit, ein Abbau von Beschäftigung
       und effektiver Nachfrage. Diese Nachfragereduktion, welche selbst
       ein Reflex  des technologischen Kostensenkungs- und Verdrängungs-
       wettbewerbs ist,  zeigt sich in der Bundesrepublik in einem lang-
       sameren Wachstum  des Sozialprodukts  im Vergleich zu dem der ge-
       samtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität. Betrachtet man nur den
       Bereich der  Industrie, für den diese Produktions-Produktivitäts-
       Schere auch  in anderen Ländern nachweisbar ist, 16) so läßt sich
       in bezug  auf die  BRD eine  weitgehende Konstanz des Produktivi-
       tätstempos in  den letzten dreißig Jahren feststellen. Dieser re-
       lativ  unveränderte   Trend  des  Produktivitätsfortschritts  ist
       gleichsam das  Ergebnis zweier gegenläufiger Einflüsse: der gene-
       rell verlangsamten  Akkumulationsaktivität seit  den 70er Jahren,
       welche eher  negativ auf  das Produktivitätswachstum  wirkt,  bei
       gleichzeitiger  Zunahme  produktivitätssteigernder  Rationalisie-
       rungsinvestitionen.
       Wir haben  an anderer  Stelle 17) ausführlich dargelegt, daß eine
       Schließung dieser  Produktions-Produktivitäts-Schere allein  über
       marktwirtschaftliche Mechanismen - z. B. die Kompensationseffekte
       in der "Rationalisierungsgüterproduktion" (sog. Maschinenherstel-
       lungsargument) oder  einen rationalisierungsbedingten kapitalspa-
       renden technischen Fortschritt (Senkung des Kapitalkoeffizienten)
       - wenig  wahrscheinlich ist.  Vielmehr verfängt sich das ökonomi-
       sche System  in einem  pathologischen Stagnationszirkel,  welcher
       Hoffnungen auf  einen rein  technologischen Ausweg  aus der Krise
       untergräbt. Noch  stärker kann  dieses Vertrauen erschüttert wer-
       den, wenn  man jene  Blockaden untersucht,  die sich aus der Ent-
       koppelung von  realer und monetärer Akkumulation in der gegenwär-
       tigen Stagnationsphase ergeben.
       Um dieses  Argument zu  entfalten, ist  es notwendig,  die bisher
       ausgeklammerte Realität  des internationalen  Geld- und Kreditsy-
       stems in  die Überlegungen  einzubeziehen. Die Internationalisie-
       rung der  Geld- und  Kreditmärkte begann  bereits in den 50er und
       60er Jahren und setzte sich nach der Freigabe der Wechselkurse im
       Jahre 1973  beschleunigt fort.  Sie hat bis Anfang der 80er Jahre
       eine Situation  geschaffen, die  mit  Scharpf  18)  treffend  als
       "Verlust der nationalen Zinssouveränität" bezeichnet werden kann.
       Dieser Souveränitätsverlust  nationalstaatlicher Geldpolitik  er-
       wies sich  vor dem  Hintergrund ansteigender  Realzinsen in allen
       kapitalistischen Ländern seit 1979 als ein wesentliches Hindernis
       für eine  beschleunigte Akkumulation.  Zinssenkungen im national-
       staatlichen Alleingang  waren wegen drohender Kapitalabflüsse und
       entsprechender Abwertungen,  die die  Gefahr einer Abwertungs-In-
       flations-Spirale beinhalten, kaum möglich.
       Das hohe  Realzinsniveau, dessen  Ursachen noch zu erläutern sein
       werden, hat  einerseits die  user costs of capital drastisch ver-
       teuert und andererseits die Attraktivität von Finanzinvestitionen
       erhöht. Deutlich zeigt sich dies im Rückgang des Anteils der Net-
       toinvestitionen an den Unternehmergewinnen: in der BRD ist er von
       39,9 Prozent  im Jahre  1973 auf 25,6 Prozent in 1982, in den USA
       von 30,5 Prozent auf 11,5 Prozent und in Großbritannien sogar von
       31,5 Prozent  auf 10,6 Prozent gesunken. Dieser Rückgang verdeut-
       licht schlagend  die Bedeutung des Zinssatzes für das private In-
       vestitionsverhalten. In  Anlehnung an Keynes kann angenommen wer-
       den, daß  die Unternehmen  ihre reale Investitionsaktivität erhö-
       hen, wenn die erwarteten Profite auf Investitionen (marginale Ka-
       pitalrentabilität) den Kapitalmarktzinssatz - die Verwertungsrate
       für langfristige  zinstragende Kapitalanlagen  - übersteigen.  Im
       Unterschied zu  Keynes ist  allerdings mit Marx davon auszugehen,
       daß die Profiterwartungen der Unternehmen nicht bloß vom "Zustand
       des Vertrauens"  19) abhängen,  sondern ihre  materielle Basis in
       der durchschnittlichen Kapitalrentabilität haben, in der sich die
       Produktions- und  Realisierungsbedingungen von Profit synthetisch
       ausdrücken. Allerdings  kann dieser  Zusammenhang durch Unsicher-
       heitsmomente, die  selbst durch die Krise bestimmt sind, kurzfri-
       stig durchbrochen  werden. Es  stellt sich nun die Frage nach den
       Ursachen des  hohen Realzinsniveaus seit Ende der 70er Jahre, das
       zur Verselbständigung der Geldkapital- gegenüber der Realkapital-
       bildung geführt hat.
       Bis Anfang  der 70er Jahre war das Zinsniveau im Trend noch nied-
       rig und  hat positiv  auf den realen Akkumulationsprozeß gewirkt.
       Durch hohe Inflationsraten und den Kollaps des Wechselkursregimes
       von Bretton  Woods sowie den gleichzeitigen Eintritt in die Welt-
       wirtschaftskrise wurde jedoch von den nationalen Notenbanken ver-
       stärkt eine restriktive Geldpolitik eingeleitet. In dieser Situa-
       tion sahen  sich die  Unternehmen, die gleichzeitig einen krisen-
       haften Rückgang  ihrer Kapitalrentabilität  verzeichneten, veran-
       laßt, ihre Profite zu einem erheblichen Teil zur Verringerung ih-
       rer Fremdverbindlichkeiten  zu verwenden.  Ziel dieser  Strategie
       war, auf  diesem Wege  ihre cash-flow-Position zu verbessern, die
       durch hohe  Nominalzinssätze unter  Druck geraten  war. In dieser
       Phase ging  es den Unternehmen vorrangig nicht um einen Vergleich
       zwischen Kapitalrentabilität  und Realzinssatz.  So war  nach Be-
       rechnungen der  OECD die  "pure" Profitrate  Mitte der 70er Jahre
       noch positiv.  Vielmehr strebten die Unternehmen eine Ökonomisie-
       rung ihrer  liquiden Mittel in einer Situation hoher Unsicherheit
       an. Die  verfügbaren Mittel  wurden in kurzfristige Finanzanlagen
       investiert, denen primär die Funktion der Wertaufbewahrung zukam.
       Kehrseite dieser  nicht-investiven Verwendung  der Akkumulations-
       fonds war  der Aufbau  einer "Plethora von Geldkapital" (Marx) im
       nationalen und internationalen Bankensystem. Durch die Petro-Dol-
       larüberschüsse der OPEC-Länder wurde dieses Volumen internationa-
       ler Liquidität noch ausgeweitet. 20)
       Diese Liquidität,  die überwiegend aus kurzfristigen Einlagen be-
       stand, bildete  die Basis  für die  Vergabe langfristiger Kredite
       vor allem  an Länder  der Dritten  Welt, die auf den ersten Blick
       eine Strategie der "verschuldeten Industrialisierung" verfolgten.
       Mit der  Weltwirtschaftskrise seit Mitte der 70er Jahre stieß je-
       doch diese  Strategie auf Grenzen. So wurden zunächst die Export-
       möglichkeiten beschnitten,  um die  für den Schuldendienst erfor-
       derlichen Deviseneinnahmen  zu erwirtschaften. Die Folge war eine
       wachsende Nachfrage nach Neukrediten und entsprechend ein Anstieg
       des internationalen  Zinsniveaus, der  durch Risikoaufschläge der
       Banken stabilisiert  wurde. Zu  diesem Zinsdruck  nach oben,  der
       durch die  innerhalb der Metropolen selbst gestiegene Zahlungsbi-
       lanzkreditnachfrage zusätzliche  Antriebe erhielt,  kam ein  wei-
       teres Problem.  Da ca.  drei Viertel aller Kredittransaktionen in
       US-Dollar vorgenommen  werden, erhöhte  sich mit dem zusätzlichen
       Kreditbedarf auch die Nachfrage nach dieser Währung. Das Ergebnis
       war die Ende der 70er Jahre einsetzende Aufwertung des US-Dollars
       auf den  internationalen Devisenmärkten.  Mit dieser  Entwicklung
       sind zwei Konsequenzen verbunden, die in unserem Zusammenhang von
       zentraler Bedeutung sind:
       E r s t e n s   stellen Finanzinvestitionen  aufgrund des  verfe-
       stigten Zinsniveaus inzwischen eine lukrative Verwertungsalterna-
       tive dar.  Die liquiden  Fonds werden  daher - im Unterschied zur
       ersten Phase des Krisenprozesses - nicht aus Unsicherheitsgründen
       bloß "geparkt",  sondern unter  ertragswirtschaftlichen Gesichts-
       punkten angelegt.  In Verbindung mit der vorherrschenden Rationa-
       lisierungskonjunktur befestigt  diese Verselbständigung der Geld-
       kapitalbildung die Stagnation der realen Akkumulation und bewirkt
       eine Änderung des Zyklenmusters.
       Z w e i t e n s   haben das  Hochzinsniveau und die Dollaraufwer-
       tung die Labilität der kapitalistischen Weltwirtschaft zusätzlich
       erhöht. So  hat die Aufwertung des Dollars das Handelsbilanzdefi-
       zit der USA derart vergrößert, daß das durch die hohen Zinsen an-
       gelockte Geldkapital  zunehmend der Finanzierung der Warenimport-
       überschüsse dient. Darüber hinaus werden die Kapitalimporte durch
       die steigende  Staatsverschuldung absorbiert, in der sich die An-
       strengungen der  Reagan-Administration zur  Restabilisierung  der
       militärischen Hegemonie  der USA  ausdrücken. Das Ergebnis dieser
       Entwicklung ist, daß die US-Banken die von ihnen gehaltene inter-
       nationale Liquidität  immer weniger  zur Versorgung der Weltwirt-
       schaft und vor allem der verschuldeten Entwicklungsländer verwen-
       den. Zwischen  den USA  und den Schuldnerländern entbrannte daher
       ein Wettlauf um anlagesuchendes Geldkapital, das das hohe Zinsni-
       veau stabilisierte und dessen erfolgreicher Ausgang zugunsten der
       USA unmittelbarer Anlaß der Schuldenkrise des Jahres 1982 war.
       Die seit 1986 beobachtbare Dollarabwertung und Zinssenkung mögen,
       in Verbindung  mit dem  gleichzeitig fallenden  Rohölpreis, gegen
       diese Schlußfolgerungen  sprechen. Doch der Schein trügt. War die
       allein schon aufgrund des erdölintensiven Wachstumstyps der kapi-
       talistischen Metropolen marktpolitisch durchsetzbare Anhebung der
       Rohölpreise Anfang  der 70er  Jahre durch  die OPEC-Staaten  auch
       eine Reaktion  auf die  Entwertung des  "Petro-Dollars" durch die
       Inflation in den kapitalistischen Industrienationen und den Kurs-
       verfall des  Dollars im  System von Bretton-Woods, so ist der ge-
       genwärtig feststellbare  Rückgang des Dollarpreises für Rohöl vor
       allem eine  verspätete Anpassung  an den  sowohl krisen- als auch
       einsparbedingt gesunkenen  Energieverbrauch in den rohölimportie-
       renden Industrieländern.  Angesichts der  nach wie vor ungelösten
       internationalen Verschuldungsprobleme,  die durch den Rohölpreis-
       verfall - wie im Falle von Mexiko - sogar noch verschärft werden,
       ist aber  mit einer  mittelfristigen Fortsetzung  der Zinssenkung
       und  Dollarabwertung   kaum  zu   rechnen.  Nicht   zuletzt   die
       "Zwillingsdefizite" der USA markieren eine nicht unterschreitbare
       Untergrenze sowohl  des US-amerikanischen und damit internationa-
       len Zinsniveaus als auch des Wechselkurses des Dollars.
       
       5. Fazit
       --------
       
       Ein ökonomischer Mechanismus, der das Vertrauen auf einen techno-
       logischen Ausweg  aus der  Krise rechtfertigen  könnte, läßt sich
       nicht benennen.  Diese These  setzt der  neokonservativen Politik
       einer Modernisierung  der Volkswirtschaft  enge Grenzen. Mögliche
       Expansionswirkungen technologischer  Neuerungen  bleiben  infolge
       der Produktions-Produktivitäts-Schere  äußerst  beschränkt.  Eine
       denkbare exportseitige Wachstumsdynamik findet ihre Grenze in den
       krisenhaften Strukturen des realen und monetären Weltmarktes. Vor
       allem die  monetäre Despotie der USA, wie sie in der seit 1984/85
       eingenommenen  Nettokapitalimportposition   zum  Ausdruck  kommt,
       stellt ein  Krisenpotential dar, dessen Tragweite heute u.U. noch
       gar nicht  präzise abzuschätzen ist. Aber nicht allein die ökono-
       mischen und  wirtschaftspolitischen Manöver der USA bewirken eine
       ständige Destabilisierung des weltwirtschaftlichen Akkumulations-
       zusammenhangs. Ein  aktueller Testfall für die Stabilität der ka-
       pitalistischen Weltwirtschaft  ist der  dramatische Rückgang  des
       Weltmarktpreises für  Rohöl, der  im übrigen in recht plastischer
       Weise die  Strukturveränderungen der  letzten  Jahre  konturiert.
       Auch wenn  diese Preisbaisse in mittlerer Frist wieder überwunden
       wird, zeigt  sich an  diesem Beispiel  doch die labile Verfassung
       des Weltmarktes. Was für die Käufer dieses Produkts den Kostpreis
       ihrer Produktion  senken mag, zeitigt bei den Verkäufern weitrei-
       chende Einnahmenausfälle.  Diese bewirken  nicht nur eine weitere
       Abnahme der  zur Anlage verfügbaren freien internationalen Liqui-
       dität, sondern  verschärfen auch die Instabilitäten der kapitali-
       stischen Weltwirtschaft. Sehr schnell zu spüren bekommen hat dies
       Großbritannien, der  derzeit zweitgrößte Erdölproduzent der Welt,
       dessen Währung  eine rasante Talfahrt erlebt. Besonders betroffen
       ist beispielsweise  ein Land  wir Mexiko,  das nicht  allein  den
       größten Teil  seiner Deviseneinnahmen  aus dem  Verkauf von Erdöl
       erzielt, sondern mit mittlerweile knapp 100 Mrd. US-Dollar zu den
       größten Schuldnern  zählt (nach  den USA und Brasilien). Erst un-
       längst wurde von der mexikanischen Regierung angekündigt, in die-
       sem Jahr  keine Zinszahlungen  zu leisten (Tilgungszahlungen sind
       bereits seit  einiger Zeit  via Umschuldungen in die Zukunft ver-
       schoben). Dies  ist  selbstverständlich  ein  überaus  kritischer
       Punkt für  das Bankensystem: Müßten die Kredite - bezogen auf das
       US-Bankensystem -  nämlich abgeschrieben  werden, dann  wäre eine
       breitere Konkurswelle zu erwarten.
       Diese Entwicklung, den worst case eines internationalen Bankenzu-
       sammenbruchs einmal  ausgeschlossen, wird  auf alle Fälle Auswir-
       kungen auf  das Zinsniveau und auch die Wechselkursstrukturen ha-
       ben: Das  Unsicherheitsmoment bei Investitionsentscheidungen wird
       neue Nahrung  erhalten und,  so die  Vermutung, das  von uns  be-
       schriebene Investitionsverhalten weiter perpetuieren.
       Unsere These der Nichtexistenz eines ökonomischen Mechanismus zur
       Lösung der Krise bedarf zweier weiterer Präzisierungen:
       E r s t e n s   verkennen wir damit nicht die seit einigen Jahren
       laufenden Umstrukturierungen nationaler Produktionsprozesse, die,
       wie sich zeigt, zu steigenden Profitquoten und Profitraten führen
       können. Wir  wollen lediglich  darauf verweisen,  daß dieses Ent-
       wicklungsmuster das  Beschäftigungsproblem in  keiner Weise  wird
       lösen können  und damit  die Handlungsbedingungen gewerkschaftli-
       cher Politik,  wird nicht  der Weg einer reinen Partikularvertre-
       tung beschritten, weiter erschweren wird.
       Z w e i t e n s  verweist das Fehlen eines ökonomischen Mechanis-
       mus mit  Nachdruck auf die Politikhaftigkeit eines solchen Weges,
       also auch auf seine Gestaltungsfähigkeit.
       Allerdings sind viele potentielle Politikparameter der nationalen
       Kontrolle und  Steuerbarkeit entzogen. Konzepte einer Modernisie-
       rung  sozialdemokratischer  und/oder  grüner  Provenienz  greifen
       insofern zu  kurz, als  sie sich  allein auf die BRD-Ökonomie be-
       schränken. Für die beiden Erstgenannten gilt - trotz aller Unter-
       schiede -,  daß letztlich  allein versucht  wird, dem BRD-Kapital
       eine möglichst  gute Ausgangsposition  im internationalen Konkur-
       renzkampf zu verschaffen, und zwar mittels Produkt- und Prozeßin-
       novationen. Im  weltwirtschaftlichen Kontext  gesehen, handelt es
       sich um  offensive  beggar-thy-neighbour-Politiken,  die,  soweit
       sich nationale  Gewerkschaftsbewegungen daran  aktiv  beteiligen,
       auch die  nationalen Arbeiterbewegungen miteinander in Konkurrenz
       setzen. Technologische  Innovationen sind  nun aber nicht auf die
       industriellen Sektoren  beschränkt, sondern  erstrecken sich auch
       auf das  Feld des tertiären Sektors, der Dienstleistungen im wei-
       testen Sinne.  Das Schlagwort der Informationsgesellschaft sugge-
       riert gar,  daß die  Produktion immaterieller Informationen schon
       in naher  Zukunft die  Produktion materieller  Waren  übertreffen
       wird. Zu  den Dienstleistungen gehören nicht allein informations-
       produzierende Sektoren, sondern bekanntlich auch die traditionel-
       len dienstleistenden  Bereiche. In den USA ist es wesentlich die-
       ser Sektor,  dem das rapide Wachstum der Beschäftigung zu verdan-
       ken ist:  Die Kommodifizierung  vieler bislang  nicht-marktförmig
       organisierter Bereiche  des gesellschaftlichen  Lebens hat  einen
       unvergleichlich größeren  Anteil am  Beschäftigungszuwachs in den
       USA als  die neugeschaffenen  Arbeitsplätze im  High-Tech-Sektor.
       Der Kapitaleinsatz ist in diesen Bereichen relativ gering; aller-
       dings ist  auch das Arbeitsproduktivitätsniveau niedrig. Für eine
       Expansion dieses  Sektors ergibt  sich daraus folgende Vorausset-
       zung: Hohe  Zuwachsraten und  damit Beschäftigungsmengen sind nur
       zu realisieren,  wenn Löhne (und Lohnnebenkosten) im Vergleich zu
       den Lohnkosten  anderer Bereiche ausgesprochen niedrig sind. Dies
       genau ist in den USA der Fall: Diese Jobs sind schlecht bezahlte,
       abrufbare Teilzeitarbeitsplätze,  ohne sozialstaatliche  Absiche-
       rungen, ohne  gewerkschaftliche Schutzmöglichkeiten. Also mit Si-
       cherheit kein gewünschter Weg aus der Beschäftigungskrise.
       Soweit es  um produktionsbezogene  Dienstleistungen geht, dürften
       die Beschäftigungshoffnungen nicht allzu rosig aussehen. Denn die
       neuen Technologien  zeichnen sich  gerade dadurch  aus,  daß  sie
       einen Gutteil  der Rationalisierungsbarrieren  beispielsweise  im
       Büro- oder auch Bankenbereich durchbrechen. Erhöhte Freisetzungen
       sind also  auch hier  zu erwarten.  Bliebe das schwedische Modell
       einer  Ausweitung   der  unter  staatlicher  Regie  organisierten
       Dienstleistungen, vor allem der sozialen Dienste. Scharpf hat für
       diese Krisenüberwindung  mit Recht  darauf verwiesen,  daß dieses
       Modell nur  geringe Chancen einer Übertragbarkeit hat, vor allem,
       weil es  in einer  Weise finanziert  ist, wie  dies in absehbarer
       Zeit in  der Bundesrepublik  nicht vorstellbar  ist.  Wir  wollen
       nicht in  schierem  Pessimismus  machen.  Auch  scheint  uns  die
       Schlußfolgerung von Scharpf - es gibt für den Rest des Jahrzehnts
       für die Massenarbeitslosigkeit keine technokratische, sondern al-
       lenfalls eine  moralische Lösung, welche ein von der gesamten Ge-
       sellschaft getragenes  Solidaropfer erfordert  - in  die  falsche
       Richtung einer linken Austerität zu führen. Einem Teil der Aussa-
       gen Scharpfs können wir gleichwohl zustimmen: Technokratische Lö-
       sungen aus der Krise gibt es nicht - genausowenig wie ökonomische
       Automatismen. Der  Ausgang der "großen" Krise der achtziger Jahre
       hängt wesentlich  von dem  mit der  "konservativen  Wende"  schon
       längst eingesetzten  Kampf um die politisch-institutionellen Rah-
       menbedingungen der  weiteren ökonomischen  Entwicklung ab. Diesen
       Kampf allerdings  mit Rückzugsgefechten auf die Bastionen des so-
       zialstaatlich-keynesianischen Akkumulationsmodells  der Prosperi-
       tätsphase führen  zu wollen,  wäre ein fataler Irrtum, der nur zu
       Lasten der linken Kräfte gehen würde.
       
       _____
       1) Vgl. O.  Jacobi, Über  Gewerkschaften und Krise. Eine verglei-
       chende empirische Analyse, in: Leviathan 2/84.
       *) Aus Platzgründen  können hier  nur die  Ergebnisse sowohl  der
       Auseinandersetzung der  Autoren mit  der Stadientheorie  als auch
       der ausführlichen  krisentheoretischen Analysen  verkürzt  darge-
       stellt werden.  Die entsprechenden ausführlichen Passagen des Ma-
       nuskripts wurden  durch die Redaktion des Jahrbuchs - mit Zustim-
       mung der Autoren - zusammengefaßt.
       2) Rudolf Hilferding,  Das Finanzkapital,  2 Bd., Wien 1910. Hier
       zitiert nach dem Reprint der EVA, Frankfurt/M. 1968.
       3) W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita-
       lismus, in: Lenin Werke, Bd. 22, Berlin/DDR 1960, S. 199-309.
       4) Paul Alexander Baran / Paul M. Sweezy, Monopoly Capital, 1966.
       Hier zitiert  nach der deutschen Übersetzung, Monopolkapital. Ein
       Essay über die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaftsordnung,
       Frankfurt/M. 1973.
       5) Elmar Altvater,  Der Kapitalismus vor einem neuen Aufschwung?,
       in: Wirtschaft  und Gesellschaft.  Festschrift für Theodor Prager
       und Philipp Rieger, Wien 1982, S. 215.
       6) Ders., Der  Kapitalismus in einer Formkrise. Zum Krisenbegriff
       in der  politischen Ökonomie  und ihrer Kritik, in: Argument-Son-
       derband AS  100, Berlin, S. 95ff. Vgl. auch A. Lipietz, Akkumula-
       tion. Krisen  und Auswege aus der Krise. Einige methodische Über-
       legungen zum  Begriff der  "Regulation", in:  Prokla  58,  Berlin
       1985, S. 113.
       7) Kurt Hübner, Warum dauert die Krise so lange?, in: J. Hoffmann
       (Hrg.), Überproduktion, Unterkonsumtion, Depression. Analysen und
       Kontroversen zur Krisentheorie, Hamburg 1980, S. 191.
       8) Vgl. Michael  Stanger,  Konjunkturzyklus  und  Wachstumstrend.
       Überlegungen zur Analyse von Krisentendenzen der Kapitalakkumula-
       tion, FU Berlin 1984 ff, unv. MS.
       9) N.D. Kondratieff, Die langen Wellen der Konjunktur, in: Archiv
       für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 56, Tübingen 1926.
       10) Vgl. Michael Stanger, a.a.O.
       11) R. Spree,  Wachstumstrends und  Konjunkturzyklen in der deut-
       schen Wirtschaft von 1820 bis 1913, Göttingen 1978, S. 32 f.
       12) J. Glombowski, Kritische Kommentare zur Akkumulationstheorie,
       in: J.  Berger /  Ch. Wehrzig  (Hrsg.), Was bleibt von Marx? Eine
       Rückschau der Marx-Rezeption nach der Studentenbewegung, Mehrwert
       Nr. 25, Berlin 1984, S. 70.
       13) Vgl. Dirk  Ipsen, Die  Stabilität des Wachstums. Theoretische
       Kontroversen und  empirische Untersuchungen  zur Destabilisierung
       der Nachkriegsentwicklung, Frankfurt/New York 1983, S. 210 f.
       14) Joachim Bischoff/ S. Krüger, Überakkumulation und industriel-
       ler Zyklus, in: J. Hoffmann, a.a.O., S. 153 f.
       15) Vgl. Jon  Clark /  C. Freeman  / L. Soete, Long Waves, Inven-
       tion, and Innovations, in: Freeman (ed.) 1984, p. 63-77.
       16) Vgl. Elmar  Altvater/K. Hübner/M.  Stanger, Alternative Wirt-
       schaftspolitik.
       17) Kurt Hübner/M.  Stanger, Ein  technologischer Ausweg  aus der
       Krise?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6/86.
       18) Fritz W. Scharpf, Wirtschaftspolitische Optionen zur Überwin-
       dung der Arbeitslosigkeit, in: Arbeit 2000, Hamburg 1985, S. 12.
       19) John M.  Keynes, Allgemeine  Theorien der  Beschäftigung, des
       Zins und des Geldes, Berlin 1936, S. 125.
       20) Alexander  Schubert,  Die  internationale  Verschuldung.  Die
       Dritte Welt  und das  transnationale  Bankensystem,  Frankfurt/M.
       1985, S. 38 ff.
       

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