Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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       INTERNATIONALISIERUNG DES SMK: EINE NEUE TENDENZ IN
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       DER ENTWICKLUNG DER KAPITALISTISCHEN WELTWIRTSCHAFT
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       Bernhard Roth
       
       1. Politisierung  der Weltmarktkonkurrenz:  Eine neue Erscheinung
       des Internationalisierungsprozesses  im monopolistischen  Kapita-
       lismus - 2. "Überwindung nationalstaatlicher Grenzen": Lösen sich
       die Nationalökonomien  auf? -  3.  Schlußbemerkung:  Zum  Begriff
       "Internationalisierung des SMK"
       
       In den  letzten Jahrzehnten  ist es zu einem sprunghaften Anstieg
       der Handels-  und Kapitalverflechtung  der Industrieländer gekom-
       men, die seit Anfang der 70er Jahre durch eine starke Internatio-
       nalisierung der Kreditbeziehungen ergänzt wurde. Die Akteure die-
       ses Internationalisierungsprozesses waren in erster Linie die do-
       minierenden Kapitale  der führenden  Industrieländer, allen voran
       die internationalen  Konzerne (IK). Wissenschaftler des IPW sehen
       in diesem Zusammenhang eine Tendenz zur Internationalisierung des
       staatsmonopolistischen Kapitalismus  (SMK) als  einer  qualitativ
       neuen Phase  des SMK, die sich über eine anhaltende und tiefgrei-
       fende Regulierungskrise  durchsetzt. 1)  Diese These, der im fol-
       genden widersprochen  wird, hat  politische Konsequenzen: Ist sie
       richtig, so müßten internationale Organe zunehmend zum Adressaten
       politischer und ökonomischer Forderungen von Alternativbewegungen
       werden. Zugleich würden die Durchsetzungschancen von Alternativen
       auf nationalstaatlicher Ebene sinken und der jeweilige staatliche
       Apparat könnte zu Recht auf eine zunehmende "Machtlosigkeit" ver-
       weisen.
       
       1. Politisierung der Weltmarktkonkurrenz:
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       Eine neue Erscheinung des Internationalisierungsprozesses
       ---------------------------------------------------------
       im monopolistischen Kapitalismus
       --------------------------------
       
       Die Theorie  des SMK  stellt nicht nur den Versuch dar, die Wech-
       selbeziehung zwischen  Staat und  Konzernen auf  nationaler Ebene
       analytisch zu  erfassen, sondern  untersucht zugleich den Einfluß
       dieser Veränderungen  auf den Internationalisierungsprozeß. Dabei
       handelt es  sich nicht  nur um neue Tendenzen im ökonomischen Be-
       reich, sondern  zugleich um Veränderungen in der Organisation der
       Weltwirtschaft, ihren  Regeln und Institutionen. Unter den Bedin-
       gungen des  SMK wurden  die Nationalstaaten  in neuer Qualität in
       den Internationalisierungsprozeß einbezogen, unterlag dieser Pro-
       zeß einer zunehmenden Politisierung. 2)
       Dies läßt  sich beispielhaft an der Entwicklung des Weltwährungs-
       systems zeigen. Im Konkurrenzkapitalismus hatte sich ein "echtes"
       Weltwährungssystem herausgebildet,  in dem  die Waren neben einem
       Preis in  nationaler Währung  unmittelbar, d.h.  ohne Vermittlung
       über ein  zwischenstaatliches Wechselkurssystem, einen Weltmarkt-
       preis (Goldpreis)  besaßen. Ohne  internationale Gremien und Auf-
       sichtsbehörden und  ohne internationale Verträge und Vereinbarun-
       gen ermöglichte dieses System - unter englischer Hegemonie - eine
       rasche Expansion  des internationalen  Handels-  und  Kapitalver-
       kehrs. Der  Internationalisierungsprozeß kann  in dieser  Periode
       als weltweite Konkurrenz von Einzelkapitalen charakterisiert wer-
       den. Der  Staat sicherte  diesen Prozeß zwar global durch politi-
       sche und  militärische Maßnahmen ab, verfügte jedoch nur über ein
       vergleichsweise bescheidenes Instrumentarium zur wirtschaftspoli-
       tischen Förderung der nationalen Kapitale. Eine enge und systema-
       tische Unterstützung  der internationalen Expansion einzelner Ka-
       pital bzw. Kapitalgruppen durch die Wirtschaftspolitik existierte
       nicht. Funktionieren  konnte ein  solches System nur, solange die
       Nationalstaaten auf wirtschaftspolitische Regulierungen im Innern
       weitgehend verzichteten  bzw. verzichten  konnten und solange die
       einzelnen Unternehmen  nicht über  die ökonomische und politische
       Potenz verfügten, die Ressourcen des Staates für ihre internatio-
       nalen Expansionsziele "einzuspannen". 3)
       Die Herausbildung der monopolistischen Konkurrenz führte zunächst
       zu einer  Verstärkung des nationalökonomischen und nationalstaat-
       lichen Elements  in der  kapitalistischen Weltwirtschaft. Die Na-
       tionalstaaten grenzten  ihre Wirtschaftsräume durch währungs- und
       handelspolitische Maßnahmen  voneinander ab,  mit dem  Ziel,  das
       "eigene" Nationalkapital  vor der Auslandskonkurrenz zu schützen.
       Zugleich diente  diese Abgrenzung dazu, die Ressourcen der Nation
       für die internationale Expansion der nationalen Konzerne zu mobi-
       lisieren. Ein Beispiel hierfür war die Zollpolitik, die im Innern
       hohe Preise  gewährleistete, als  Voraussetzung für eine Außenex-
       pansion vermittels von Dumpingpreisen. 4) Auch über die Währungs-
       politik wurde versucht, die Internationalisierung der Konzerne zu
       fördern: Eine Unterbewertungs- bzw. Abwertungspolitik verbesserte
       deren Exportchancen,  belastete jedoch zugleich das Nationalkapi-
       tal über  erhöhte Importkosten. Unter den Bedingungen des SMK kam
       somit ein neues Moment in die Internationalisierung des Kapitals:
       Die internationale  Konkurrenzposition der  Unternehmen war nicht
       mehr allein  Resultat der  jeweils  kapitalspezifischen  Vorteile
       (Produktivität, Produktinnovation,  Technologie, Qualität),  son-
       dern wurde  wesentlich von  der Wirtschafts- und Außenpolitik der
       Nationalstaaten mitbestimmt. Zusätzlich zum traditionellen außen-
       wirtschaftlichen Instrumentarium wurde die nationale Technologie-
       politik, die  Struktur- und Stabilitätspolitik usw. in den Dienst
       des Ziels  "internationale  Wettbewerbsfähigkeit"  gestellt,  ein
       Prozeß, der in der Zwischenkriegszeit in seinen Keimformen sicht-
       bar, aber erst in der Nachkriegszeit bestimmend wurde.
       Die Herausbildung des Systems des SMK führte somit zu einer Poli-
       tisierung des  Internationalisierungsprozesses. Diese  Politisie-
       rung stellt  folglich keine  neue Erscheinung  der heutigen Welt-
       wirtschaft dar,  sondern es  handelt sich um einen "Grundzug" des
       Systems des  SMK. Damit wurde objektiv eine neue Weltwirtschafts-
       ordnung notwendig,  in der zwischenstaatliche Absprachen und Ver-
       träge an  die Stelle der "unorganisierten" Weltwirtschaftsordnung
       des  Konkurrenzkapitalismus  (Goldstandard)  treten  mußten.  Der
       Zwang zu  einer Etablierung internationaler Gremien, die die Ein-
       haltung bestimmter  Regeln in der Weltwirtschaft zu gewährleisten
       hatten, war Ergebnis der Herausbildung des SMK und der damit ein-
       hergehenden Politisierung des Internationalisierungsprozesses.
       Historisch gelang eine Anpassung an die neuen Verhältnisse in der
       Weltwirtschaft nicht  unmittelbar:  Während  die  internationalen
       Wirtschaftsbeziehungen längst  vom Konkurrenzkampf zwischen Mono-
       polen und  Kartellen, unterstützt  von ihren Nationalstaaten, ge-
       prägt waren,  wurde weiter am Goldstandard als Organisationsprin-
       zip des Konkurrenzkapitalismus festgehalten. Das Fehlen einer den
       neuen Bedingungen  angepaßten Weltwirtschaftsordnung war eine der
       Ursachen für  den weitgehenden  Zusammenbruch der internationalen
       Wirtschaftsbeziehungen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise Anfang
       der 30er Jahre.
       Dies zeigt, daß die Herausbildung der monopolistischen Konkurrenz
       und die neue Rolle des Staates nicht "automatisch" die Tendenz zu
       einer wachsenden  Internationalisierung  des  Kapitals  mit  sich
       bringt, sondern daß die Politisierung der internationalen Konkur-
       renz potentiell  Krisen und  Konflikte hervorbringt, die zu einer
       zeitweiligen Entflechtung und Renationalisierung der ökonomischen
       Beziehungen führen  können. Die Herausbildung eines internationa-
       len Regulierungssystems  ist nicht  nur eine Frage der objektiven
       Erfordernisse, sondern  hängt wesentlich  von konkreten  histori-
       schen Gegebenheiten  und Erfahrungsprozessen  ab.  Die  Weltwirt-
       schaftsordnung der  Nachkriegszeit ist ein Beispiel, daß Lernpro-
       zesse, verknüpft  mit günstigen politischen und ökonomischen Aus-
       gangsbedingungen (große weltwirtschaftliche Expansionsspielräume,
       unangefochtene US-Hegemonie),  zu einem  internationalen Regulie-
       rungssystem führen  konnten, das dem Internationalisierungsprozeß
       unter den Bedingungen des SMK gewaltigen Auftrieb verschaffte. Am
       neuen Weltwährungssystem von Bretton Woods wurde der neue Charak-
       ter der  Weltwirtschaftsordnung der  Nachkriegsperiode  besonders
       deutlich: An  die Stelle des quasi spontanen Goldstandards traten
       zwischenstaatliche Abkommen und Organe (IWF), die die Wechselkur-
       sentwicklung und  die internationalen Kreditbeziehungen regelten.
       Ergänzt wurde  dieses System durch Handelsabkommen und Regelungen
       über  den  internationalen  Kapital-  und  Devisenverkehr  (GATT,
       OEEC). Ein internationales Vertragssystem in dieser Dimension war
       eine neue  Erscheinung der  kapitalistischen  Weltwirtschaft.  Es
       trug der  gestiegenen Rolle der Nationalstaaten in der Weltmarkt-
       konkurrenz Rechnung  und stellte  damit eine Anpassung an den In-
       ternationalisierungs-prozeß unter den Bedingungen des SMK dar.
       Die Erosion  der ökonomischen  Vormachtstellung der USA durch das
       Aufschließen Japans und der EG-Länder und die Verengung weltwirt-
       schaftlicher Expansionsspielräume  führten in  den 70er Jahren zu
       einem Zusammenbruch  wesentlicher Grundpfeiler der Nachkriegsord-
       nung. Insbesondere die internationalen Währungs- und Kreditbezie-
       hungen waren hiervon betroffen: An die Stelle fester Wechselkurse
       und der  Aufsicht des  IWF über die Finanzierung von Leistungsbi-
       lanzdefiziten trat  ein "Mischmasch" aus "verschmutztem floating"
       (wirtschaftspolitisch beeinflußtes System flexibler Wechselkurse)
       und regionalen  Festkurssystemen (EWS). Die Währungspolitik wurde
       renationalisiert bzw.  regionalisiert, die internationale Kredit-
       politik privatisiert und zur Angelegenheit zwischen internationa-
       len Banken  und kreditsuchenden Ländern. Bei formeller Einhaltung
       des GATT-Abkommens nahmen Versuche zu, den internationalen Handel
       durch nichttarifäre  Handelshemmnisse und  Selbstbeschränkungsab-
       kommen im  nationalen Interesse  zu  beeinflussen.  Substantielle
       Verbesserungen im internationalen Handels- und Kapitalverkehr, in
       der Regelung  der internationalen  Finanz- und  Kreditbeziehungen
       und in  der Gestaltung  der Weltwirtschaftsordnung  kamen in  den
       70er Jahren  nicht mehr  zustande. Eine  Ausnahme bilden hier nur
       einige Fortschritte in der Währungsintegration und in der Verein-
       heitlichung gewisser  Vorschriften und  Normen im  Rahmen der EG,
       wobei auch  hier die  wesentlicheren Integrationsfortschritte  in
       den 50er und 60er Jahren zu verzeichnen waren.
       Die 70er  Jahre brachten  insgesamt eine  Deregulierung der Welt-
       wirtschaft mit  sich. Vor diesem Hintergrund sind die gegenwärti-
       gen Bemühungen  führender kapitalistischer Länder um eine verbes-
       serte Steuerung und Koordination der Weltwirtschaft zu sehen: Bi-
       und multilateralen Konsultationen mit dem Ergebnis fallweiser In-
       terventionen in  Krisensituationen,  Substanz-  und  ergebnislose
       Wirtschaftsgipfel, das  feuerwehrartige Management  der Schulden-
       krise und  meist konsequenzlose  GATT- und  UNCTAD-Runden  können
       zwar als Indizien gelten, daß ein neues, den heutigen Verhältnis-
       sen angepaßtes  internationales Regulierungssystem notwendig ist.
       Herausgebildet hat  es sich jedoch noch nicht. Im Kern handelt es
       sich bei den gegenwärtigen Regulierungsversuchen um diskretionäre
       Eingriffe, die  von Fall zu Fall zwischen den führenden kapitali-
       stischen Nationalstaaten  ausgehandelt werden.  Solche  Eingriffe
       müssen nicht  notwendig wirkungslos  bleiben, wie  die  Absprache
       über eine  Senkung des  Dollarkurses 1985 demonstrierte. Sie sind
       Ergebnis von  Verhandlungsprozessen und  der Machtverteilung zwi-
       schen den  dominierenden kapitalistischen  Nationalstaaten. Kommt
       es auf  dieser Basis  zu einer Einigung bzw. zur Durchsetzung der
       Interessen einzelner  hegemonialer Staaten, so können die vorhan-
       denen internationalen  Institutionen durchaus  wirkungsvoll agie-
       ren. Dies ist jedoch weder ein Indiz für einen "autonomen" Macht-
       gewinn dieser  internationalen Organe noch für die Errichtung ei-
       nes qualitativ neuen Systems internationaler Regulierungen.
       Als Beispiel  für "neue Formen der Verflechtung von Monopolen und
       Staat auf internationaler Ebene" führen H. Heininger und L. Maier
       das Schuldenmanagement  an, in  dem internationale Bankkonsortien
       mit dem IWF und der Weltbank zusammenwirken. Von einer Funktions-
       erweiterung des  IWF kann in diesem Zusammenhang nur vor dem Hin-
       tergrund eines vorangegangenen Funktionsverlustes gesprochen wer-
       den: Während  der IWF im System von Bretton Woods den Defizitlän-
       dern bei  anhaltenden Leistungsbilanzdefiziten  Auflagen über die
       Finanzierung und  Bewältigung machen  konnte und der Aufbau nicht
       rückzahlbarer Kredittürme schon in der Entstehungsphase zumindest
       eingedämmt werden  konnte, ist  seine heutige Funktion in der Tat
       die eines  Schuldeneintreibers im  Interesse der Banken geworden.
       Eine solche  Politik betreibt der IWF jedoch nicht autonom, d. h.
       in weitgehender  Unabhängigkeit von  den Interessen der führenden
       kapitalistischen Ländern:  Diese bestimmten  vielmehr durch  ihre
       Stimmenmehrheit und  durch ihre  Vertreter beim IWF über die Kre-
       ditlinien und  -modalitäten den Kurs beim Schuldenmanagement. Der
       IWF agiert  im Zusammenhang  mit der  Schuldenkrise nur scheinbar
       als übernationale  Institution. Dieser Schein hilft, den Defizit-
       ländern Auflagen  aufzudrücken, die  diese von  selten  einzelner
       Schuldnerländer als Einmischung in ihre Angelegenheiten nicht ak-
       zeptieren könnten.
       Insgesamt begründen die von H. Heininger und L. Maier angeführten
       Beispiele und  Erscheinungen weniger  die These  von einer "neuen
       Qualität" bzw. einer "neuen Stufe" der SMK-Entwicklung, als viel-
       mehr, daß  der Internationalisierungsprozeß unter den Bedingungen
       des SMK  zwischenstaatlicher Regulierungen der Weltwirtschaft be-
       darf. Ein solches Regulierungssystem gab es - unter der Hegemonie
       der USA  - in  der Nachkriegszeit. Gegenwärtig gibt es zwar einen
       hohen Lenkungsbedarf  und  einige  diskretionäre  Regulierungsan-
       sätze, aber kein Regulierungssystem, das sich mit jenem der Nach-
       kriegsperio-de vergleichen  ließe. Dies liegt sicherlich zum Teil
       daran, daß  im Westen gegenwärtig keine unumstrittene ökonomische
       und politische Hegemonialmacht existiert und daß ein neues Macht-
       gleichgewicht zwischen  den rivalisierenden kapitalistischen Zen-
       tren noch  nicht gefunden ist. Zum ändern mag eine Rolle spielen,
       daß sich  der Regulierungsbedarf  verlagert  hat:  In  der  Nach-
       kriegsperiode galt  es zunächst,  den Handel  und  Kapitalverkehr
       zwischen den  westlichen Industrieländern neu aufzubauen und eine
       entsprechende Währungsund  Handelsordnung zu  schaffen. Die  Ent-
       wicklungsländer - meist noch Kolonien - spielten in diesem Prozeß
       keine Rolle.  In den  70er und Anfang der 80er Jahre hat sich ge-
       zeigt, daß  die Deregulierungsprozesse  in der Weltwirtschaft den
       Internationalisierungsprozeß zwischen  den Industrieländern - und
       dies betrifft  den überwiegenden  Teil des  Welthandels  und  des
       Weltkapitalverkehrs -  nicht wesentlich beeinträchtigt haben. Da-
       mit sollen die Probleme, die aus dem hohen Handelsbilanzungleich-
       gewicht und der hohen Auslandsverschuldung der USA zukünftig ent-
       stehen können,  nicht heruntergespielt werden. Eine weitaus stär-
       kere Gefährdung  der weltwirtschaftlichen Beziehungen geht jedoch
       von der Schuldenkrise, von den ungleichgewichtigen Wirtschaftsbe-
       ziehungen zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern aus, d.
       h. der  weltwirtschaftliche Regulierungsbedarf verlagert sich auf
       die wirtschaftlichen  Beziehungen zwischen  diesen Ländergruppen.
       Zweifelhaft ist  jedoch, ob sich hier auf Dauer ein ähnliches in-
       ternationales Regulierungssystem etablieren kann wie zwischen den
       Industrieländern in  der Nachkriegszeit. Denn hier sind die Mach-
       tungleichgewichte um ein Vielfaches stärker ausgeprägt als im Sy-
       stem von  Bretton Woods:  Zu vermuten ist deshalb, daß die Schul-
       denkrise nicht  über ein neues internationales Währungs-, Finanz-
       und Handelssystem,  in dem die Dritte Welt eine stärkere und ver-
       besserte Position einnimmt, gelöst wird, sondern daß den Entwick-
       lungsländern eine "Lösungs"strategie oktroyiert wird. Es zeichnen
       sich folglich zwei Tendenzen ab:
       E r s t e n s:  Die Weltwirtschaftsbeziehungen zwischen den Indu-
       strieländern bleiben  überwiegend konkurrenzgesteuert,  wobei die
       jeweiligen Nationalstaaten "ihre" Konzerne wirtschaftlich und po-
       litisch unterstützen.  Konflikte werden von Fall zu Fall und ent-
       sprechend den  aktuellen Interessenlagen und Machtpositionen zwi-
       schenstaatlich geregelt. Eine systematische Regulierung der Wirt-
       schaftsbeziehungen zwischen den Industrieländern, d. h. ein neues
       Regulierungssystem, ist nicht erkennbar.
       Z w e i t e n s:   Die wirtschaftlichen  Beziehungen zwischen den
       Industrie- und  Entwicklungsländern werden  nicht in  einer neuen
       Weltwirtschaftsordnung geregelt, sondern mit der Methode des Kri-
       senmanagements "bewältigt":  Die westlichen Industrieländer, Ban-
       ken und Konzerne kooperieren, um das "Schlimmste" zu verhüten und
       zwingen den  Entwicklungsländern die  Bedingungen, mit  denen die
       Kreditkrise gelöst  werden sollen, auf. Institutionen wie der IWF
       und die  Weltbank kommt  hierbei die  Rolle  scheinbar  neutraler
       Agenten zu.
       In beiden Fällen ist - sofern es nicht zu entscheidenden Verände-
       rungen im  internationalen Kräfteverhältnis kommt - ein neues in-
       ternationales Regulierungssystem  nicht in Sicht. Weniger eindeu-
       tig fällt  das Ergebnis allerdings für die EG aus. Hier wären nä-
       here Analysen  erforderlich, um  zu klären, inwieweit die letzten
       Jahre einen  Machtzuwachs der  Brüsseler Behörden gebracht haben,
       ob Wechselbeziehungen  zwischen EG-Behörden und europäischen Kon-
       zernen entstanden  sind oder ob diese vor allem über die nationa-
       len Regierungen und Institutionen auf die EG-Politik Einfluß neh-
       men. Offen ist auch, inwieweit die EG-Erweiterungen zu einer För-
       derung der  Integration oder  aber zu einer Verstärkung national-
       staatlicher Abgrenzungsversuche  geführt haben.  Im Rahmen der EG
       könnte den  Thesen von H. Heininger und L. Maier ein gewisser Er-
       klärungswert zukommen.  Inwieweit dies zutrifft, müßte durch eine
       tiefergehende Untersuchung geklärt werden.
       
       2. "Überwindung nationalstaatlicher Grenzen":
       ---------------------------------------------
       Lösen sich die Nationalökonomien auf?
       -------------------------------------
       
       Die These von der Herausbildung einer neuen Entwicklungsstufe des
       internationalen Regulierungssystems  wird von H. Heininger und L.
       Maier mit  einer "wachsenden  wechselseitigen ökonomischen Abhän-
       gigkeit zwischen  den kapitalistischen  Industrieländern" begrün-
       det. Damit  ist die Frage angesprochen, inwieweit der Internatio-
       nalisierungsprozeß zu einer Auflösung nationalökonomischer Zusam-
       menhänge und  Kreisläufe geführt  hat bzw. führen wird und inwie-
       weit sich  eine Tendenz  zur Herausbildung einer kapitalistischen
       Weltökonomie abzeichnet,  die durch die "Antimonie" zwischen wei-
       terexistierenden Nationalstaaten  und  einer  "einheitlichen  ar-
       beitsteiligen Weltökonomie" charakterisiert ist. Diese Fragestel-
       lung   wurde    u.   a.    in   Arbeiten   von   /.   Wallerstein
       (Weltsystemkonzept) aufgeworfen. 5) Auch wenn H. Heininger und L.
       Maier sich  nicht explizit auf diese Debatte beziehen, macht ihre
       These von einer neuen Qualität der "staatsmonopolistischen Inter-
       nationalisierung" doch vor allem dann Sinn, wenn von einer Unter-
       minierung nationalökonomischer Zusammenhänge in den Industrielän-
       dern ausgegangen  wird. Hinweise für diese Interpretation ergeben
       sich aus  ihren Thesen  über das  Erreichen einer neuen Stufe der
       internationalen Arbeitsteilung,  über die Folgen einer wachsenden
       gegenseitigen Kapitaldurchdringung  der Industrieländer  und  der
       Herausbildung neuer Merkmale des Finanzkapitals.
       Eine Bewertung des gegenwärtigen Grades und Charakters der Inter-
       nationalisierung erfordert  ein historisch  vergleichendes Vorge-
       hen, um  qualitative und quantitative Neuerungen erkennen zu kön-
       nen. Welches  sind die qualitativ neuen Momente der Internationa-
       lisierung unter  den Bedingungen des SMK? Im Unterschied zu einer
       weitverbreiteten Auffassung besteht dieses "Neue" nicht primär im
       (quantitativen) Ausmaß  der Verflechtung  der Industrieländer mit
       der Weltwirtschaft,  sondern in strukturellen (qualitativen) Ver-
       änderungen des Internationalisierungsprozesses.
       "Internationalisierung" stellt  keine Besonderheit  des monopoli-
       stischen Kapitalismus  dar, sondern  ist ein "Grundzug" kapitali-
       stischer Gesellschaften.
       Untersucht man  die Handels- und Kapitalverflechtung der wichtig-
       sten Industrieländer  vor dem 1. Weltkrieg und in der "Blütezeit"
       des Kapitalismus  der freien Konkurrenz, so zeigt sich, daß diese
       dem heutigen  Internationalisierungsgrad nicht oder nur unwesent-
       lich nachsteht.  6) Die  damaligen Industrieländer  waren tief in
       eine komplementäre Weltarbeitsteilung eingebunden. Durch das Wäh-
       rungssystem des Goldstandards und angesichts eines unentwickelten
       wirtschaftspolitischen Instrumentariums bestand in dieser Periode
       eine enge  Reaktionsverbundenheit der Volkswirtschaften, die sich
       in einer  zeitweiligen Synchronisation  der Konjunkturen  und  in
       starken Rückwirkungen  internationaler Ereignisse  (Bankrott  von
       Schuldnern in  Lateinamerika und  den USA)  auf die  europäischen
       Länder äußerte. 7)
       Unter den  Bedingungen monopolistischer  Konkurrenz kam  es - wie
       gezeigt -  zunächst zu einer Rückentwicklung des ehemals erreich-
       ten Internationalisierungsgrades (Zwischenkriegszeit). Die quali-
       tativ neuen  Momente des  Internationalisierungsprozesses konnten
       sich erst  in der  Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit voll
       herausbilden, wenngleich  ihre Keimformen bereits vorher sichtbar
       wurden:
       E r s t e n s  kam es zu einer Konzentration des Waren- und Kapi-
       talexports auf  die dominierenden  Konzerne der  Industrieländer.
       Die Abhängigkeit  dieser Unternehmen  vom Weltmarkt  und von  den
       Verwertungsbedingungen anderer  Länder nahm  rasch zu.  In diesem
       Sinne kam  es in der Tat zu einer rasch zunehmenden Internationa-
       lisierung der Verwertungsbedingungen der Konzerne.
       Z w e i t e n s   änderte sich  der Charakter des internationalen
       Handels und des Kapitalverkehrs. Nicht mehr die komplementäre Ar-
       beitsteilung zwischen  den Industrieländern  und den  Agrar-  und
       Rohstoffländern bestimmten  den internationalen  Waren- und Kapi-
       talstrom, sondern  die intraindustrielle  Arbeitsteilung zwischen
       den entwickelten  Industrieländern.  Mit  zeitlicher  Verzögerung
       folgte der  Kapitalverkehr diesem  Trend: Neben  dem  Export  von
       Geldkapital, der  dominanten Form  des Kapitalexports  vor dem l.
       Weltkrieg, wurde  in der  Nachkriegszeit die  gegenseitige Durch-
       dringung mit  Direktinvestitionen zu einer gleichbedeutenden Form
       der internationalen  Kapitalbewegung. Auch  hier besteht Überein-
       stimmung mit den Thesen von H. Heiningerund L. Maier.
       D r i t t e n s   kam es - wie bereits ausgeführt - zu einer Ver-
       änderung der  Rolle der  Nationalstaaten in  den  internationalen
       Wirtschaftsbeziehungen und  damit zu  neuen Anforderungen  an die
       Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung.
       Die Ursachen für diese qualitativen Änderungen im Internationali-
       sierungsprozeß sind  vielschichtig. Sie sind zum einen in der mo-
       nopolistischen Konkurrenz  und der veränderten Beziehung zwischen
       Staat und  Ökonomie zu  suchen, zum anderen aber in Entwicklungen
       der Produktivkräfte (Substitution von Rohstoffen durch die Chemi-
       sierung, neue  Flexibilität bei  der Wahl  von  Produktionsstand-
       orten) und  des Marktes (Entwicklung des Massenmarktes in den In-
       dustrieländern und  Absatzorientierung der Unternehmen). Unstrit-
       tig ist,  daß die neuen Strukturen in der Weltmarktkonkurrenz un-
       ter den  Bedingungen der  Nachkriegszeit neue  Spielräume für die
       internationale Expansion geöffnet und zu einem Internationalisie-
       rungsgrad geführt  haben, der sich in der quantitativen Dimension
       nur mit der Periode vor dem 1. Weltkrieg vergleichen läßt.
       In den  Thesen von H. Heininger und L. Maier wird vor diesem Hin-
       tergrund von  einer "neuen  Stufe der internationalen Arbeitstei-
       lung", von  einer "Vertiefung"  der  Arbeitsteilung  ausgegangen.
       Tatsächlich handelt  es sich bei der Herausbildung einer intrain-
       dustriellen Arbeitsteilung  zwischen den Industrieländern um eine
       neue Erscheinung in der kapitalistischen Weltwirtschaft. Strittig
       ist  jedoch   die  Interpretation  dieser  Entwicklung:  Ist  sie
       tatsächlich Ausdruck einer tiefgehenden Arbeitsteilung im Bereich
       von Branchen und Betrieben, d. h. einer weitgehenden Spezialisie-
       rung, in  deren Folge  die Lieferung von Einzelteilen, Baugruppen
       usw. im internationalen Handel zunehmende Bedeutung erlangt? Oder
       handelt es  sich bei  dem Phänomen des intraindustriellen Handels
       zu einem erheblichen Teil um den Austausch von wenig differieren-
       den Produkten, die vergleichsweise leicht substituierbar und Aus-
       druck einer  relativ gering  spezialisierten internationalen  Ar-
       beitsteilung sind?  Träfe die  erste Interpretation zu, müßte man
       in der  Tat von  einer tiefgehenden  wechselseitigen Abhängigkeit
       der Industrieländer ausgehen, d.h., der Spielraum für die Verrin-
       gerung von  Export- und Importquoten wäre gering. Es wäre falsch,
       den gesamten  intraindustriellen Handel  als  substitutiven  Aus-
       tausch zu bewerten. Empirische Untersuchungen und eine umfassende
       Diskussion ihrer  Ergebnisse haben  ergeben, daß  selbst auf  der
       Ebene von  fünf- bis siebenstelligen SITC-Nummern, d. h. weit un-
       terhalb der  Aggregationsebene von  Industriezweigen bzw. hochag-
       gregierten Produktgruppen,  der simultane Austausch von gleichar-
       tigen Gütern  eine wichtige  und zunehmende  Rolle spielt. 8) Si-
       cherlich bestehen  auch auf  dieser  niedrigen  Aggregationsstufe
       noch Heterogenitäten, die nicht immer die Annahme eines substitu-
       tiven Tausches  rechtfertigen. Als  Fazit der Diskussion kann je-
       doch festgehalten  werden, daß  ein erheblicher Teil des interna-
       tionalen Handels  zwischen den Industrieländern bzw. ein erhebli-
       cher Teil  des Zuwachses dieses Handels in der Nachkriegszeit dem
       wechselseitigen Austausch  von Gütern geschuldet ist, die in ähn-
       licher Form  vom jeweiligen  Importland zugleich  auch exportiert
       werden. Dies  trifft insbesondere  für den Konsumgüterbereich zu:
       Zum Beispiel  exportiert die  BRD PKWs nach Frankreich, umgekehrt
       werden von  dort Autos  importiert. Dagegen sind die Verhältnisse
       im Handel  mit Investitionsgütern weniger klar: Gerade im Bereich
       des Spezialmaschinenbaus  bestehen internationale Spezialisierun-
       gen, die durch die Meßkonzepte des intraindustriellen Handels un-
       ter Umständen  nicht erfaßt werden können. Als zusätzliches Indiz
       für eine Zunahme der internationalen Arbeitsteilung auf der Ebene
       einzelner Konzerne  wird häufig auf die Zunahme des konzerninter-
       nen Handels verwiesen. Empirische Untersuchungen haben jedoch ge-
       zeigt, daß  der Zuwachs  des konzerninternen  Handels  vor  allem
       durch die  Lieferung von  Endprodukten an die Auslandsfilialen zu
       Weiterverkaufszwecken zu  erklären ist.  Dagegen scheint die Vor-
       leistungsverflechtung zwischen Konzernmutter und den Auslandspro-
       duktionsstätten tendenziell  abzunehmen: In  den Industrieländern
       jedenfalls tendieren die Auslandsfilialen der Konzerne dazu, ihre
       Produktionspalette auszuweiten und zugleich Lieferbeziehungen mit
       nationalen Unternehmen aufzubauen. 9)
       Der statistische  Befund erlaubt gleichwohl keine eindeutige Klä-
       rung der  Streitfrage um die Intensität der gegenwärtigen Weltar-
       beitsteilung. Es sprechen meines Erachtens jedoch auch einige an-
       dere Gründe  gegen die These einer sich stetig vertiefenden Welt-
       arbeitsteilung.
       E r s t e n s  spricht dagegen die gegenseitige Durchdringung der
       Industrieländer mit Direktinvestitionen der IK in denselben Indu-
       striezweigen. Hinter dieser Entwicklung steht im wesentlichen das
       Absatzmotiv. Die  Nähe zum  jeweiligen Markt und die flexible An-
       passung an  nationale Verhältnisse fördert die Absatzchancen. Die
       Folge ist eine - wenngleich zeitlich verzögerte - Angleichung der
       Produktionsstrukturen in den kapitalistischen Zentren.
       Z w e i t e n s  unterstützt die staatliche Wirtschaftspolitik in
       den Zentren  nicht den  Aufbau von  Spezialisierungsstrukturen in
       der Weltwirtschaft, sondern setzt im Gegenteil alles in Bewegung,
       um Rückstände  in wichtigen  Produktionsbereichen  zu  vermeiden.
       Dies betrifft  das ganze  Feld der sicherheitsempfindlichen Indu-
       strien und den weiten Bereich der sogenannten Zukunftsindustrien.
       Das Ergebnis  dieser Anstrengungen,  die sich  unter dem Oberziel
       "Stärkung der  internationalen Wettbewerbsfähigkeit" zusammenfas-
       sen lassen,  ist der  Erhalt relativ  vollständiger  Produktions-
       strukturen.
       D r i t t e n s   spricht gegen eine tiefgreifende arbeitsteilige
       Produktion unter  kapitalistischen Bedingungen  das hohe  Risiko.
       Die Produktion  von Produktteilen  und deren Montage in verschie-
       denen Ländern  existiert zwar und ist für einige Produkte kosten-
       günstig. Ein  solches Verfahren ist jedoch gegen Handelsbeschrän-
       kungen, Produktionsausfällen  in einzelnen  Ländern usw. sehr an-
       fällig.
       V i e r t e n s  sprechen auch neuere Tendenzen in der Produktiv-
       kraftentwicklung gegen  die These  von einer Vertiefung und immer
       weiteren Untergliederung  der internationalen Arbeitsteilung. Die
       Mikroelektronik schafft  die Möglichkeit  hochautomatisierter und
       sehr flexibler  Produktionsverfahren,  mit  denen  auch  kleinere
       Stückzahlen bei  einer relativ  geringen Bedeutung von Lohnkosten
       produziert werden  können. Die  Transportkosten und Risiken einer
       stark arbeitsteiligen  Produktion erhalten vor diesem Hintergrund
       eine neue  Bewertung. Dies  zeigt sich u. a. in der Diskussion um
       Rückverlagerungen von  Produktionsstätten. 10)  An  Stelle  einer
       sich ausweitenden  Weltarbeitsteilung zeichnet  sich eher ein re-
       gionalisiertes Produktionskonzept ab.
       Die angeführten  Gründe sprechen meines Erachtens gegen die These
       einer "neuen  Qualität" -  bezogen auf die Tiefe und Intensität -
       der gegenwärtigen  Weltarbeitsteilung. Der Reproduktionsprozeß in
       den führenden  Industrieländern ist  autonomer, als die teilweise
       hohen Außenhandelsquoten  suggerieren und  könnte auch  bei einer
       verringerten Export-  bzw. Importabhängigkeit  vonstatten  gehen.
       Die hohe Weltmarktabhängigkeit der Konzerne, auf die sich die in-
       ternationalen  Handels-  und  Kapitalströme  konzentrieren,  darf
       nicht gleichgesetzt  werden mit  einer ähnlich hohen Abhängigkeit
       der Nationalökonomien.  In dieser  Unterscheidung besteht ein we-
       sentlicher Unterschied  zu den  Thesen von  H. Heininger  und  L.
       Maier, der  zur Konsequenz hat, in den Nationalökonomien nach wie
       vor die relevanten "Bauelemente" der gegenwärtigen Weltwirtschaft
       zu sehen.
       Eine Tendenz  zur  Auflösung  nationalökonomischer  Zusammenhänge
       wird auch  im Agieren  der internationalen  Konzerne (IK), in der
       gegenseitigen Durchdringung  der Industrieländer  mit Direktinve-
       stitionen gesehen.  Solche Direktinvestitionen  in den Industrie-
       ländern -  hierauf beziehen  sich die folgenden Ausführungen aus-
       schließlich - haben einen anderen Charakter als Direktinvestitio-
       nen in  Entwicklungsländern: Sie  vollziehen sich in entwickelten
       Volkswirtschaften mit hochentwickelten und breit diversifizierten
       Produktionsstrukturen und  im  Rahmen  ökonomisch  und  politisch
       starker Nationalstaaten.  Auch für Direktinvestitionen in den In-
       dustrieländern gilt  jedoch, daß grundlegende Entscheidungen über
       Produktionsstandorte, Investitionen  und Finanzen  im Rahmen  des
       Gesamtkonzerns getroffen  werden und nationalen Wirtschaftszielen
       entgegenwirken  können.  Solche  Entscheidungen  gehen  über  den
       "Horizont" einer Nationalökonomie hinaus und werden oft im Rahmen
       einer längerfristigen  globalen Konzernstrategie getroffen. Hier-
       bei handelt  es sich  in der Tat um ein neues Moment in der Welt-
       wirtschaft der  Nachkriegszeit, das  tendenziell nationalökonomi-
       sche Grenzen  aufzulösen vermag.  Auf der anderen Seite erfordert
       ein erfolgreiches  Wirtschaften der Auslandsfilialen eine gewisse
       Anpassung an die jeweiligen nationalen Verhältnisse. Das zentrale
       Motiv der  Errichtung von  Auslandsproduktionsstätten ist das der
       Absatzsicherung: Die  Produktgestaltung, das  Marketing  und  das
       "Image" der Auslandsfilialen muß sich deshalb an nationalen Gege-
       benheiten orientieren.  Nicht zuletzt  aus diesem Grund sind zen-
       tral gesteuerte  "Weltkonzerne" wenig verbreitet und es dominiert
       der Typ  des internationalen Konzerns, bei dem nationale bzw. re-
       gionale Divisionen  mit einer  relativ großen Entscheidungskompe-
       tenz ausgestattet  sind. Damit  einher geht eine Tendenz zur Aus-
       weitung des  Produktionsprogramms der Auslandsunternehmen und zur
       Vertiefung der  Leistungsverflechtung mit den jeweiligen nationa-
       len Unternehmen.  11) Diese  Momente wirken der von den IK ausge-
       henden Tendenz  zur Unterminierung nationalökonomischer Zusammen-
       hänge entgegen und binden die Auslandstöchter teilweise in beste-
       hende Nationalökonomien ein.
       Zu berücksichtigen  ist weiter,  daß bei der Mehrzahl der IK eine
       nationalstaatliche Ausgangsbasis  auszumachen ist. Es gibt ameri-
       kanische, britische,  japanische IK.  Und dies  nicht ohne Grund:
       Die Position  dieser Konzerne  im internationalen Konkurrenzkampf
       hängt - wie gezeigt - stark von nationalstaatlicher Unterstützung
       ab. Untersuchungen zeigen, daß Auslandsunternehmen in der Techno-
       logieförderung, bei Subventionen und bei staatlichen Aufträgen in
       vielen Ländern  diskriminiert werden.  12)  Die  "Leitsitzländer"
       sind nach  wie vor  die Operationsbasis der IK, von denen sie in-
       ternational expandieren  und dabei  staatlich unterstützt werden.
       Die IK  sind folglich  nicht "staatenlose" Konzerne, sondern nach
       wie vor  der bestimmende Teil der jeweiligen Nationalkapitale der
       Industrieländer. Die  Wechselbeziehung zwischen  der ökonomischen
       und politischen  Macht der Konzerne und jener des Staates und da-
       mit das System des SMK ist damit weitgehend auf die Ebene von Na-
       tionalstaaten begrenzt.
       
       3. Schlußbemerkung: Zum Begriff "Internationalisierung des SMK"
       ---------------------------------------------------------------
       
       Der Begriff  "Internationalisierung des  SMK" impliziert ein Hin-
       auswachsen der engen und systematischen Wechselbeziehung zwischen
       Konzernen und  Staat über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus.
       Er beinhaltet  eine enge Verflechtung der Macht der internationa-
       len Konzerne  mit jener  von internationalen  Institutionen. Dies
       setzte zunächst  voraus, daß  die  ökonomischen  und  politischen
       Ziele der IK nicht mehr vorrangig durch die enge Verflechtung mit
       "ihrem" Nationalstaat  zu erreichen  sind, sondern eine enge Ver-
       bindung mit  übernationalen Institutionen erforderlich würde. Da-
       mit dies  sinnvoll würde, müßten sich diese übernationalen Organe
       zu relativ eigenständigen Machtfaktoren neben den führenden kapi-
       talistischen Staaten entwickeln und über autonome Handlungsspiel-
       räume verfügen.  Denn solange  diese Institutionen primär das Re-
       sultat  eines  Kompromisses  der  dominierenden  kapitalistischen
       Staaten auf  Grundlage der jeweiligen Kräfteverhältnisse darstel-
       len, leuchtete eine "Verflechtung" der IK mit solchen vergleichs-
       weise machtlosen  Organen nicht  ein. Die Hauptadressaten blieben
       in diesem  Fall die Regierungen und Bürokratien der Nationalstaa-
       ten. Ökonomische  Voraussetzung für  eine solche Entwicklung wäre
       meines Erachtens  die Erodierung  der Nationalökonomien  und  die
       Herausbildung eines Weltkapitals. Zwar wäre auch unter diesen Be-
       dingungen die  Errichtung  eines  kapitalistischen  "Weltstaates"
       kaum vorstellbar,  da historische,  politische und kulturelle Mo-
       mente zu  einer Verfestigung der heutigen Nationalstaaten geführt
       haben. Denkbar wäre unter den skizzierten Voraussetzungen jedoch,
       daß neben  diese Staaten supranationale Institutionen treten, die
       sich im  Zusammenspiel mit "Weltkonzernen" gegen nationalstaatli-
       che "Borniertheiten"  hinwegsetzen und  den weltweiten Handlungs-
       spielraum dieser Konzerne erweitern könnten. Daß sich die Voraus-
       setzungen für  eine solche Entwicklung in den letzten Jahren her-
       ausgebildet haben,  wurde in  den vorstehenden  Ausführungen  be-
       stritten. Es  scheint im Gegenteil so, daß die enge Wechselbezie-
       hung zwischen  Staat und  Konzernen -  die in der Theorie des SMK
       analysiert wird - zu einer Verfestigung der Einheit von National-
       ökonomie und Nationalstaat geführt hat.
       Aus den  Ausführungen von  H. Heininger  und L. Maier wird meines
       Erachtens    nicht     deutlich,    ob     sie    den     Begriff
       "Internationalisierung des  SMK" in  einem so weitreichenden Sinn
       verstanden wissen wollen, wie er im vorstehenden Absatz definiert
       wurde. Die Einführung eines neuen Begriffs, der ja eine neue Qua-
       lität und eine neue Entwicklungsstufe des System des SMK zum Aus-
       druck bringen  soll, würde  jedoch wenig  Sinn machen, wenn damit
       nicht die  Herausbildung einer engen, qualitativ neuen Wechselbe-
       ziehung zwischen  Konzernen und  supranationalen Institutionen im
       Weltmaßstab, sondern "nur" die Politisierung der Weltmarktkonkur-
       renz durch  das Eingreifen  der dominierenden Nationalstaaten ge-
       meint wäre.  Denn - wie gezeigt - Internationalisierung unter den
       Bedingungen des  SMK (dies  ist etwas anderes als Internationali-
       sierung des Systems des SMK) bedeutete von Anfang an eine Politi-
       sierung der  Weltmarktkonkurrenz, mit  der Folge, daß sich unter-
       schiedliche Formen zwischenstaatlicher Regulierung der Weltmarkt-
       beziehungen herausgebildet  haben. In  Abhängigkeit vom Auf- bzw.
       Abstieg hegemonialer  Mächte, von  dem Kräfteverhältnis  zwischen
       den dominierenden  kapitalistischen Nationalstaaten, von histori-
       schen Erfahrungsprozessen und dem jeweils konkreten Regulierungs-
       bedarf kam  es in dieser Phase des Kapitalismus zur Herausbildung
       und Erosion  unterschiedlich intensiver  und unterschiedlich  er-
       folgreicher Regulierungssysteme.  Ein qualitativ neues weltweites
       Regulierungssystem,    das     sich     durch     den     Begriff
       "Internationalisierung des  SMK" charakterisieren ließe, ist mei-
       nes Erachtens gegenwärtig nicht erkennbar.
       
       ____
       1) Vgl.  H.  Heininger/L.  Maier,  Internationalisierung  -  eine
       Grundtendenz der SMK-Entwicklung heute, in: Jahrbuch des IMSF 11,
       1986; dies., Tendenzen und Widersprüche der Internationalisierung
       des staatsmonopolistischen  Kapitalismus -  politökonomische Pro-
       bleme (Thesen),  in: IPW-Berichte  2/85, S.  1 ff.; L. Maier, Der
       staatsmonopolistische  Kapitalismus   der  80er   Jahre  -   neue
       Tendenzen und  Widersprüche  (Thesen),  in:  IPW  Forschungshefte
       1/86, S. 26 ff.
       2) Vgl. J.  Eisbach, Der  Einfluß der Konkurrenz auf die interna-
       tionale Arbeitsteilung, Frankfurt 1981, S. 187; B. Roth, Weltöko-
       nomie oder Nationalökonomie, Marburg 1984, S. 106 ff.
       3) ebenda, S.  28 ff; E. Sanio, Geld und Währung, Frankfurt 1978,
       S. 63.
       4) Vgl. R.  Hilferding, Das Finanzkapital, Frankfurt 1968, S. 416
       ff.; D.  Goralczyk, Der  internationale Konzern, Frankfurt, Bern,
       Circencester 1980,  S. 180  ff; N.  Bucharin,  Imperialismus  und
       Weltwirtschaft, Frankfurt 1969, S. 86.
       5) Vgl. I.  Wallerstein, Aufstieg und Niedergang des kapitalisti-
       schen Weltsystems,  in: Kapitalistische Weltökonomie, D. Senghaas
       (Hg.), Frankfurt  1979, S.  31 ff.; T.K. Hopkins, I. Wallerstein,
       Grundzüge der  Entwicklung des  modernen Weltsystems, in: ebenda;
       F. Fröbel, J. Heinrichs, O. Kreye, Krisen in der kapitalistischen
       Weltökonomie, Hamburg 1981.
       6) Die BRD  stellt hier  eine Ausnahme dar. Ihre Außenhandelsver-
       flechtung ist  erheblich größer  als jene  des Deutschen Reiches,
       wobei jedoch  die drastische  Verkleinerung des  Staatsgebiets zu
       beachten ist.
       7) Vgl. B.  Roth, Weltökonomie...,  a.a.O., 128 ff.; H. Feis, Eu-
       rope. The World's Banker 1870-1914, New York 1965.
       8) Vgl. zu dieser Diskussion: A. Aquino, Intra-Industry Trade and
       Inter-Industry Specialization  as Concurrent  Sources of Interna-
       tional Trade  in Manufactures,  in: Weltwirtschaftliches  Archiv,
       Bd. 114,  1978, S. 275ff.; H. Grubel, P. J. Lloyd, Intra-Industry
       Trade, Bristol  1975; R.  W. Pomfret, Intra-Industry Trade in In-
       traregional and  International Trade, in: On the Economics of In-
       tra-Industry Trade,  Giersch, H.  (Hrsg.), Tübingen  1978, S. 115
       ff.; F.  Wolter, Comment,  in: ebenda, S. 132ff.; J. Eisbach, Der
       Einfluß ..., a.a.O.
       9) Vgl. R.  Jungnickel u.a.,  Einfluß multinationaler Unternehmen
       auf  Außenwirtschaft   und  Branchenstruktur  der  Bundesrepublik
       Deutschland, Frankfurt 1979, S. 171 ff.; L.A. Lupo, Worldwide Sa-
       les by  U.S. Multinational  Companies, in:  Survey of Current Bu-
       siness, Vol.  53, 1973,  D. 33 ff.; UNCTAD, Dominant Positions of
       Market Power  of Transnational  Corporations, New  York 1978,  S.
       23f., J. Eisbach, Der Einfluß ..., a.a.O., S. 150.
       10) Vgl. hierzu  die Debatte um Deindustrialisierung und Re- bzw.
       Neoindustrialisierung. Roy Rothwell, Walter Zegveld, Reindustria-
       lization and  Technology, Essex 1985; Dieter Läpple, Süd-Nord-Ge-
       fälle, Papier  zur Frühjahrssitzung der Sektion Stadt- und Regio-
       nalsoziologie der DGS, April 1986.
       11) Vgl. neben  der Literatur  in Anmerkung  9 auch  F. Fröhlich,
       Multinationale Unternehmen, Baden-Baden 1974.
       12) Vgl. V. Bornschier, Multinationale Konzerne, Wirtschaftspoli-
       tik und  nationale Entwicklung im Weltsystem, Frankfurt, New York
       1980; A.  E. Safarian, Policy on Multinational Enterprises in De-
       veloped Countries,  in: Canadian Journal of Economics, 4/1978, S.
       641 ff.; F. v. Stachelsky, Außenwirtschaftliche Bestimmungsfakto-
       ren  der  staatlichen  Forschungspolitik  in  der  Bundesrepublik
       Deutschland, Berlin (DDR), 1978.
       

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