Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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       BRUNO BAUER ALS GEGENSTAND DER MARX-FORSCHUNG
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       Werner Goldschmidt
       
       1. Bruno  Bauer als  "spekulativer Theologe" - 2. Bruno Bauer als
       Philosoph des  "Selbstbewußtseins" -  3. Bruno  Bauer als "reiner
       (kritischer) Kritiker"  - 4. Das Verhältnis Marx-Bauer im Kontext
       der Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus (Thesen)
       
       Bruno Bauers wissenschaftliche Entwicklung ist selbst für Spezia-
       listen nicht einfach nachzuvollziehen. 1) Dennoch lassen sich für
       das hier  zu betrachtende  Jahrzehnt von  1835 bis  1845  relativ
       deutlich drei Phasen unterscheiden:
       1. die Phase der "spekulativen Theologie" (1835-1839),
       2. die Phase der "Philosophie des Selbstbewußtseins" (1839-1843),
       3. die Phase der "reinen Kritik" (1843-1845).
       
       1. Bruno Bauer als "spekulativer Theologe"
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       In der  Regel geht  die Literatur davon aus, daß Bauer seine wis-
       senschaftliche Laufbahn auf Seiten der Hegelschen Rechten mit ei-
       ner Kritik  an Strauß  (1835/36) und  mit  der  Begründung  einer
       "Zeitschrift für  spekulative Theologie" (1836 ff.) zur Verteidi-
       gung gegen  dessen Evangelienkritik begonnen habe. 2) Das Problem
       des Zeitpunktes seines Übergangs zur Hegeischen Linken ist indes-
       sen ungeklärt. Im allgemeinen wird Bauers Streitschrift gegen den
       ultra-orthodoxen Theologen  Hengstenberg (erschienen  im Frühjahr
       1839) als Indiz für diesen Übergang genommen. 3)
       Dagegen wird von der neueren theologischen Bauer-Forschung 4) die
       These vertreten,  daß Bauers  Angriff auf Hengstenberg immer noch
       vom Boden der "spekulativen Theologie" aus vorgetragen worden sei
       - dafür  spricht auch  beispielsweise, daß  Ruge noch  im Oktober
       1839 Bauer  der "Reaktion  in der Philosophie" zugerechnet hatte.
       5) Bauer selbst gibt an, der Wandel seiner Anschauungen habe sich
       zu Beginn  seines Aufenthaltes  in Bonn,  d.h.  im  Herbst  1839,
       vollzogen. 6)
       In jedem  Fall werfen  alle diese  Datierungen für  die Marx-For-
       schung das  Problem auf,  daß Marx' Freundschaft 7) mit Bauer of-
       fenbar noch relativ weit in die Phase der Bauerschen Hegel-Ortho-
       doxie zurückreicht und der "Doktorklub", in dem Bauer bekanntlich
       eine hervorragende  Rolle spielte,  zumindest in den Jahren 1836-
       1839, keinesfalls eindeutig als Hort des radikalen (linken) Jung-
       hegelianismus angesehen  werden kann,  wie dies die entsprechende
       Marx-Literatur geradezu  unisono behauptet.  8) Auch  kann daraus
       keineswegs etwa die These abgeleitet werden, Bauer habe seine An-
       schauungen unter  dem Einfluß von Marx gewechselt, da Marx in dem
       genannten Zeitraum weiterhin in Berlin sich aufhielt.
       Wichtiger als  einzelne theoretische  Anstöße dürften  jedoch auf
       Bauer die  unmittelbaren persönlichen  Folgen seines Angriffs auf
       Hengstenberg gewirkt  haben. 9)  Hengstenberg war als bedeutender
       Vertreter der  protestantischen Amtshierarchie einflußreich genug
       gewesen, Bauers Hoffnung auf einen theologischen Lehrstuhl an der
       Berliner Universität  zunichte zu  machen - von daher auch Bauers
       Abgang nach  Bonn. Dorthin fühlte er sich freilich - nicht zu Un-
       recht -  eher abgeschoben  als vor  den Angriffen der kirchlichen
       Reaktion bewahrt. Dies alles könnte die möglicherweise schon län-
       ger vorhandenen Zweifel an der vollkommenen inhaltlichen Überein-
       stimmung zwischen  der in den Evangelien historisch überlieferten
       Form des Christentums und der Hegelschen Philosophie bestärkt und
       ihn schließlich zu einer gegenteiligen Auffassung gebracht haben.
       Dafür spricht  jedenfalls die  zeitgleiche Bearbeitung  der  Vor-
       lesungs-Texte für  die Herausgabe  der  Hegelschen  Religionsphi-
       losophie (im  Rahmen der Herausgeberschaft seines Lehrers Marhei-
       neke) mit  der Arbeit  am Problem  der Offenbarung im Kontext des
       Alten Testamentes und schließlich des Johannes-Evangeliums. 10)
       Dabei hatte Bauer sich eine spezifische "Methode der spekulativen
       Kritik" erarbeitet, 11) mit der er die geschichtliche Offenbarung
       des Absoluten  in den  heiligen Schriften  an dem jeweiligen Ent-
       wicklungsstand der menschlichen Selbstbewußtwerdung nach dem Vor-
       bild der  Hegelschen "Phänomenologie"  messen konnte.  Anders als
       Strauß interpretierte  Bauer diesen Vorgang jedoch nicht als eine
       mehr oder  minder unbewußte  Mythenschöpfung durch die jeweiligen
       "Volksgeister", sondern als bewußte, schriftstellerische Leistun-
       gen der Evangelisten, die die religiöse "Wahrheit" - die Idee der
       Realität des  "absoluten" oder "unendlichen" Selbstbewußtseins in
       der Person  Jesu - in eine für das historische (Massen)Bewußtsein
       zugängliche Form zu bringen hatten. Woraus sich freilich die Kon-
       sequenz ergab,  daß die  Evangelien, und  mit ihnen letzten Endes
       jede Form  der bloß religiösen Offenbarung, durch die historische
       Entwicklung des  menschlichen Selbstbewußtseins  notwendigerweise
       obsolet werden  mußten. Damit  war die Begründung der Einheit von
       (religions) philosophischer  Idee und  biblischer Offenbarung, an
       der Bauer  ursprünglich gearbeitet  hatte, endgültig  gescheitert
       und für Bauer widerlegt.
       Nach Mehlhausen  "entwickelte Bruno Bauer in den Jahren nach 1840
       seine atheistische These von dem dialektischen Werden der Gottes-
       vorstellung allein  aus der  Produktionskraft des  endlichen Gei-
       stes, an  der er bis an sein Lebensende festhielt." 12) Ohne dies
       ausdrücklich zu  sagen, bestätigt  Mehlhausen damit die These von
       Marx aus  der "Heiligen Familie", wonach Bauer selbst als radika-
       ler Atheist  stets noch Theologe, wenngleich kritischer Theologe,
       geblieben sei.
       Die spezifische  Form der  Theologiekritik, wie  Bauer sie in den
       folgenden Jahren,  von 1839  bis 1843,  ausarbeitete, wird in der
       Literatur als  "Philosophie des Selbstbewußtseins" und als eigen-
       tümliches Produkt  Bauers bezeichnet,  obwohl sie,  wenngleich in
       unterschiedlichen Ausprägungen,  von anderen  Junghegelianern, so
       etwa von Marx, in dieser Zeit auch vertreten wurde. 13)
       
       2. Bruno Bauer als Philosoph des "Selbstbewußtseins"
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       In dieser  Phase, in der Bauer sich rasch zum "extremsten Vertre-
       ter" und  "geistigen Oberhaupt" der Berliner Linkshegelianer ent-
       wickelte, sind  auch weiterhin  theologische Studien  14)  Bauers
       Hauptarbeitsgebiet. In  ihnen entwickelt er jedoch allmählich je-
       nen philosophischen  Ansatz, der  ihn zu seiner radikalen Religi-
       onskritik in  den Werken "Die Posaune", "Hegels Lehre von der Re-
       ligion und  Kunst" und  schließlich dem  "Entdeckten Christentum"
       bringt. 15)
       Die wichtigste  Weiterentwicklung der  Bauerschen Position gegen-
       über der  vorangegangenen Phase  besteht darin,  daß er nun seine
       Konzeption des  "Selbstbewußtseins" aus dem Gebiet der Religions-
       philosophie auf  das der Geschichtsphilosophie überträgt. I. Pep-
       perle faßt  diesen Übergang  wie folgt  zusammen:  "'Die  Weltge-
       schichte', schreibt  Bauer in  der Posaune,  'hat keinen  anderen
       Sinn als  den des  Werdens und der Entwicklung des Selbstbewußts-
       eins'. Die  Geschichte gliedert sich dabei in zwei große Epochen.
       Die eine Epoche ist die der Entfremdung und der Selbstentzweiung:
       Das menschliche Bewußtsein erkennt sich in der Welt nicht wieder,
       betrachtet seine  Produkte als  fremde Mächte und wird zum Knecht
       seiner eigenen Schöpfung. Die andere Epoche ist die der Aufhebung
       der Entfremdung: Der Mensch erkennt die fremden Mächte und objek-
       tiven Gegebenheiten der Geschichte (Staat, Verfassung, Moral, Re-
       ligion usw.)  als seine  Produktionen, befreit sich von allen Be-
       schränkungen und  Bindungen und  gelangt  dergestalt  zur  freien
       Selbstbestimmung. Den  Wendepunkt zur neuen Epoche sieht Bauer in
       der Gegenwart." 16)
       Ich  gehe   hier  nun   noch  knapp  auf  Bauers  Darlegungen  im
       "Entdeckten Christentum"  ein, da  dieses radikalste  Produkt der
       Bauerschen Religionskritik bisher wenig beachtet wurde und schwer
       zugänglich ist  - und nicht zuletzt, weil Marx diesen Text in der
       "Heiligen Familie" als die "äußerste Grenzfeste" von Bauers Theo-
       logie resp.  Philosophie bezeichnet  hat (vgl.  MEW 2, 144, 148).
       "Äußerste Grenzfeste"  schon deshalb, weil Bauer hier den Versuch
       machte, den  philosophischen Materialismus  des 18.  Jahrhunderts
       (insbesondere D'Holbachs "System der Natur") in seine Philosophie
       des Selbstbewußtseins zu integrieren. 17)
       In  der  marxistischen  Literatur  wird  Bauers  Philosophie  des
       Selbstbewußtseins in  der Regel  mit der  auf Marx zurückgehenden
       Formel "Bauer (führt) den Hegel auf Fichteschem Standpunkt" durch
       (MEW 2, 147), als Rückfall auf den subjektiven Idealismus Fichtes
       interpretiert und  damit zumeist abgetan. 18) Dabei wird freilich
       übersehen, daß  Marx selbst  Bauer nur unterstellt, er habe Hegel
       einseitig interpretiert,  indem er das Subjekt oder das Selbstbe-
       wußtsein unter  Vernachlässigung der Substanz, d.h. "in der Tren-
       nung von  der Natur", als wahrhafte causa sui behandelt habe. Die
       Bauersche (Selbst)kreationstheorie,  wie sie im "Entdeckten Chri-
       stentum" entwickelt werde, finde man sogar "fast wörtlich" in He-
       gels "Phänomenologie" (a.a.O., 149).
       Tatsächlich hatte  Bauer im "Entdeckten Christentum", unter Rück-
       besinnung auf  die "Phänomenologie", die "freie" und "unendliche"
       schöpferische Tätigkeit  als das Wesen des menschlichen Selbstbe-
       wußtseins darzulegen  versucht. Er  hat damit, ähnlich wie Hegel,
       das Wesen  der menschlichen  Arbeit und damit den historisch sich
       entwickelnden Akt  der menschlichen  Selbstschöpfung,  wenngleich
       ebenso spekulativ  verzerrt wie  jener,  immerhin  geahnt.  Marx'
       Einwand gegen Bauer, er habe in seinem Kampf gegen die "Substanz"
       nicht die  "metaphysische Illusion, sondern deren weltlichen Kern
       - die  Natur. .."  als eine  vom Denken  unterschiedene Form  des
       Seins geleugnet (a.a.O., 150), trifft den spekulativen Idealismus
       Bauers, wie  jeden anderen Idealismus, in seinem Nerv. Aber damit
       ist  das   Verdienst  des  Hegel(Bauer)schen  Idealismus  -  auch
       gegenüber  dem   von  diesem   kritisierten  Materialismus  eines
       D'Holbach (oder  des  zeitgenössischen  Feuerbach),  nämlich  die
       "tätige Seite"  entwickelt zu  haben (vgl.  Marx' Feuerbach-These
       1), unberücksichtigt  geblieben. 19)  Natürlich kennt  Bauer "die
       wirklich sinnliche  Tätigkeit als  solche" ebensowenig  wie Hegel
       (oder Fichte).  Ihre Bedeutung als "gegenständliche", "praktisch-
       kritische" und  "revolutionäre" Tätigkeit  erkennt auch Marx erst
       in seiner  gleichzeitigen dialektisch-materialistischen Kritik am
       spekulativen Idealismus (Hegel, Bauer) einerseits und am bloß an-
       schauenden Materialismus  (D'Holbach, Feuerbach) andererseits, d.
       h. in der Zeit etwa zwischen 1844 und 1846. Allein an diesem Maß-
       stab gemessen erscheint Bauers Position schließlich unhaltbar.
       Berücksichtigt man  freilich die  konkreten politischen  Verhält-
       nisse in  Deutschland Anfang  der 1840er  Jahre, so  hatte Bauers
       "einseitige" Hegel-Interpretation  die zunächst durchaus progres-
       sive Wirkung,  allen zeitgenössischen  Versuchen der  preußischen
       Reaktion einer "substantialistischen" Legitimierung der bestehen-
       den Herrschaftsverhältnisse  in Kirche  und Staat  ("christlicher
       Staat", "Gottesgnadentum"  usw.) theoretisch den Boden zu entzie-
       hen; und  in diesem  Sinne hatten  die Herrschenden selbst Bauers
       Wirkung in den Jahren 1839-1843 eingeschätzt und ihn entsprechend
       behandelt.
       Die entscheidende  praktische Schwäche  der Bauerschen  Position,
       wie sie  dann in  den folgenden  beiden Jahren  immer  deutlicher
       wurde, zeichnet sich freilich schon am Ende des "Entdeckten Chri-
       stentums" ab.  Dort heißt  es, die  französische Revolution  habe
       darin gefehlt,  daß sie  gegen Religion  und Kirche mit derselben
       polizeilichen Gewalt  vorgegangen sei,  welche diese früher gegen
       ihre Gegner  gebraucht habe.  Deshalb wären  die Franzosen selbst
       noch nicht  wahrhaft frei gewesen. "Jetzt aber ist es anders: das
       Selbstbewußtsein ist  zur Gewißheit  seiner Freiheit  gelangt und
       wird im  entscheidenden Augenblick auch den Unfreien die Freiheit
       lassen, unfrei zu sein. Es wird ihnen die Freiheit nicht aufzwin-
       gen. Es wird mit der Freiheit die Welt überwinden. Die Geschichte
       wird nach  der Krisis  nicht mehr religiös, nicht mehr christlich
       sein; aber  gegen diejenigen, die am Saume der zivilisierten Welt
       stehen bleiben  und ihre  Götter beibehalten wollen, wird sie die
       Milde der Verachtung ausüben." 20)
       Als die von Bauer für 1842 erwartete religiös-politische "Krisis"
       auch 1843  nicht eintrat,  die  bürgerliche  Öffentlichkeit  sich
       vielmehr immer  weniger an  Bauers Streitigkeiten  mit Amtskirche
       und Staat  interessiert zeigte, strafte Bauer sie nun seinerseits
       zunächst mit  Gleichgültigkeit gegenüber ihrem angeblich mangeln-
       den "Selbstbewußtsein"  und mit der "Milde der Verachtung" gegen-
       über der "Masse". Bauers Haltung verwandelte sich aber in relativ
       kurzer Zeit in erklärte Feindschaft gegenüber dieser "Masse". Die
       Kritik an der angeblichen Trägheit und Wissenschaftsfeindlichkeit
       der "Masse",  ist der eigentliche Inhalt der dritten Phase (1843-
       1845) in Bauers theoretischer Entwicklung. 21)
       
       3. Bruno Bauer als "reiner (kritischer) Kritiker"
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       Bauer hatte  sich seit Beginn seiner wissenschaftlich-politischen
       Laufbahn dagegen  verwahrt, einer bestimmten "Partei" zugerechnet
       zu werden  (vgl. Fn  2). Seine  theologische wie  seine (kirchen)
       politische Kritik hat er stets von einem "wissenschaftlichen" und
       d.h. für  ihn von  einem allgemeinen, überparteilichen Standpunkt
       aus formulieren  wollen. Von seiner Streitschrift gegen Hengsten-
       berg (1839)  an über  die Polemik  gegen den "christlichen Staat"
       (1841) bis  hin zu  seiner Selbstverteidigung  in "Die gute Sache
       der Freiheit..."  22) ist  es stets  der Standpunkt wissenschaft-
       licher Allgemeinheit,  d.i. der  Wahrheit, den  er gegenüber  den
       verschiedenen parteiischen Egoismen kirchlicher, staatlicher oder
       universitärer  Obrigkeiten   geltend  zu   machen   sucht.   Ihre
       eigentliche, weltverändernde Rolle kann die Kritik nach Bauer nur
       spielen, wenn  sie  als  "reine  Kritik"  auftritt,  weder  einen
       Parteistandpunkt vertritt noch sich auf irgendeinen Kompromiß mit
       dem herrschenden  "juste-milieu" einläßt.  Die Kritik Bauers ver-
       steht sich  als  "rein",  "wissenschaftlich",  "radikal",  "rück-
       sichtslos",  "unendlich",   ja  schließlich   auch  als  "selbst-
       kritisch", und nur als solche sei sie wirklich kritisch.
       Diese Position  hat Bruno Bauer gemeinsam mit seinem Bruder Edgar
       und einigen anderen Gesinnungsgenossen aus dem Kreis der ehemali-
       gen "Freien"  am klarsten  in der von ihm 1843/44 herausgegebenen
       Monatsschrift  "Allgemeine   Literaturzeitung"  ausgedrückt.   Er
       konnte sich  dabei auf  umfangreiche Untersuchungen über die Auf-
       klärung sowie auf verschiedene Studien zur Geschichte der franzö-
       sischen Revolution  stützen, die er ebenfalls gemeinsam mit Edgar
       Bauer u.a. getrieben und veröffentlicht hatte. 23) Das allgemeine
       Resultat dieser  z.T. sehr weitschweifigen Studien bestand in der
       durch Bauers  persönliche pessimistische  Deutung der  Ergebnisse
       des Jahres  1842 beförderten Feststellung, daß die Aufklärung des
       18. Jahrhunderts  und  die  französische  Revolution  gescheitert
       seien, und zwar vorwiegend am "Phlegma" der Massen, die sich zwar
       kurze Zeit  für die Idee der politischen Freiheit enthusiasmieren
       ließen, diese  Idee aber  nur oberflächlich begriffen hätten, so-
       weit sie  nämlich lediglich ihren kläglichen materiellen Interes-
       sen entsprach.  Diese "Masse"  gelte es daher zuallerst zu kriti-
       sieren, "denn  was man heben will, muß man bekämpfen." 24) Unmit-
       telbar gegen  Marx' Proklamation  des Bündnisses  von Philosophie
       und Proletariat  25) gerichtet  ist schließlich Bauers Kritik der
       "Masse in ihrer Bestimmtheit als Proletariat". 26)
       Marx hat  gegen Bauers Deutung des geschichtlichen Prozesses seit
       der Französischen Revolution und gegenüber der "Kritik des Prole-
       tariats", die  vor allem  von Edgar  Bauer noch verschärft worden
       war, in  der "Heiligen  Familie" (MEW 2, 82 ff. und 37 f.) schla-
       gende Argumente  vorgebracht. Er  hat darüber hinaus nachzuweisen
       versucht,  daß  Bauers  elitäre  Deutung  des  Verhältnisses  von
       "Geist"  ("Kritik")  und  "Masse"  nichts  anderes  ist  als  die
       "kritisch karikierte  Vollendung der Hegelschen Geschichtsauffas-
       sung, welche  wieder nichts  anderes ist als der spekulative Aus-
       druck des  christlich -  germanischen Dogmas  vom Gegensatze  des
       Geistes und der Materie, Gottes und der Welt." (MEW 2, 89).
       Bauer hat  sich später  beklagt, Engels und Marx hätten "die Kri-
       tik" in  ihrer Entwicklung  nicht verstanden, sie hätten sich auf
       die Kritik der Literaturzeitung von 1844 beschränkt und sie sprä-
       chen "von dieser Kritik als von aller Kritik und darum von dieser
       wie von  der Kritik überhaupt - falsch. Denn während sich die Li-
       teraturzeitung nur  die Aufgabe  gestellt hatte, den Liberalismus
       und Radicalismus  des Jahres  1842 und  deren Nachklänge in ihrer
       Halbheit und Phrasenhaftigkeit darzulegen ... stempelt sie Engels
       und Marx  zur ganzen, zur einzigen und alleinigen Kritik, schnei-
       den damit  der Kritik  jeden Fortschritt  ab ..." 27) Tatsächlich
       aber hatte  der Fortschritt der Bauerschen Kritik, die Selbstkri-
       tik der  Kritik darin  bestanden, daß  Bauer schließlich den Sinn
       jeden wirklichen politischen Handelns zu negieren begann, um sich
       dann, ungestört  von jeder  Praxis, der  reinen theoretischen Be-
       schäftigung und der Kritik dieser Praxis hingeben zu können. 28)
       H.M. Saß  hat das  damit eingeläutete  Ende der Bauerschen Kritik
       wie folgt  zusammengefaßt: "Bruno Bauers Feldzüge der reinen Kri-
       tik, die 1838 begonnen hatten, erreichten ihren Höhepunkt und die
       strategisch von  der Kritik,  wie sie meinte, vorbereitete letzte
       Zuspitzung der Fronten im Jahre 1844; - bald danach ist der Feld-
       zug beendet,  nicht etwa  weil eine  der beiden Seiten die andere
       besiegt hätte,  sondern weil  die Kritik kampflos das Feld räumt,
       sie ist  plötzlich weg  - verpufft...  Bruno Bauer widmet sich in
       Rixdorf bei  Berlin seinem Kartoffelacker und ausgedehnten histo-
       rischen und  tagespolitischen Untersuchungen, deren Quantität und
       Qualität unter dem Druck der Notwendigkeit stehen, durch Schrift-
       stellerei den  Lebensunterhalt zu  verdienen. Als  Redakteur  und
       entscheidener Mitarbeiter  des Wagnerschen  Staats-  und  Gesell-
       schaftslexikons erarbeitet  er den  Konservativen Preußens in den
       sechziger Jahren das ideologische Parteienvokabular und ist einer
       der wichtigsten Mitarbeiter der konservativen 'Kreuzzeitung'. Der
       Organisation der  manipulierten öffentlichen  Meinung, die  Anlaß
       für Bauers Strategie der reinen Kritik war, stellt sich auch sein
       Bruder Edgar  nach 1844  zur Verfügung. Edgar redigiert seit 1870
       in Hannover die 'Kirchlichen Blätter'." 29)
       Für die  Marx-Forschung ergibt  sich angesichts dieses Bauerschen
       Endes, das  in der "Historischen Nachrede" der "Heiligen Familie"
       im Grunde schon vorhergesehen wurde (vgl. MEW 2, 223), die Frage,
       warum Marx  und Engels  Ende 1844 gerade in Bauer den gefährlich-
       sten Feind  ihrer damaligen  Position zu  finden glaubten, zumal,
       wie sie es selbst formulierten, die "krtitische Kritik ... durch-
       gehend unter  der schon  erreichten Höhe  der deutschen theoreti-
       schen Entwicklung"  stand. (MEW  2, 7).  Hinzu kommt,  daß Bauers
       Einfluß sowohl  im Kreis  der bürgerlichen Liberalen als auch bei
       den sich  formierenden Sozialisten  und Kommunisten im Jahre 1844
       nahezu auf den Nullpunkt gesunken war. 30)
       Eine Antwort  auf diese  Frage läßt  sich offenbar nur durch eine
       genauere Untersuchung  des Verhältnisses  von Marx  und Bauer  im
       Kontext des  sich herausbildenden  wissenschaftlichen Sozialismus
       geben. Dies  ist hier  aus räumlichen  Gründen nicht möglich. 31)
       Ich versuche  eine solche  Antwort wenigstens in Thesenform anzu-
       deuten.
       
       4. Das Verhältnis Marx-Bauer im Kontext der Entwicklung
       -------------------------------------------------------
       des wissenschaftlichen Sozialismus
       ----------------------------------
       
       1. Wie  jede neue Theorie mußte auch der wissenschaftliche Sozia-
       lismus, wie er von Marx und Engels begründet wurde, "zunächst an-
       knüpfen an  das vorgefundne  Gedankenmaterial, so sehr auch seine
       Wurzel in  den materiellen ökonomischen Tatsachen lag." (Vgl. MEW
       19, 189).  Die allererste  Phase der eigenständigen Marxschen Ge-
       dankenentwicklung stand unter dem Eindruck der in den 1830er Jah-
       ren in Deutschland alles beherrschenden Hegelschen Philosophie.
       2. Marx hat  sich diese  Philosophie während  seines Studiums  in
       Berlin in eigener Anstrengung und in lebhafter Diskussion im Rah-
       men  eines  hegelianisierenden  Philosophenklubs  angeeignet.  In
       diesem "Doktorklub"  lernte er den Privatdozenten und Herausgeber
       der "Zeitschrift  für spekulative  Theologie" Bruno Bauer kennen,
       der sich als Hegel-Kenner und anfangs jedenfalls noch konservati-
       ver, später  jedoch progressiver Interpret der Hegelschen Religi-
       onsphilosophie einen Namen gemacht hatte.
       3. Marx' Interessen  lagen von  allem Anfang  an jedoch  nicht so
       sehr auf  dem Gebiet der Religion als vor allem auf dem von Recht
       und Politik; daneben trieb er eifrig Studien zur (Hegelschen) Lo-
       gik -  und er  versuchte sich als Lyriker. Obwohl einer der Jüng-
       sten im  Kreis des "Doktorklubs", erwarb sich Marx sehr bald eine
       anerkannte Stellung,  und zwar sowohl wegen der logischen Schärfe
       seiner Argumente  als auch wegen seines ungewöhnlichen Arbeitsei-
       fers und  seines Ideenreichtums. Bruno Bauer, der anerkannte Kopf
       des Kreises,  fungierte Marx  gegenüber zunächst wohl als Lehrer,
       schließlich wurden sie Freunde.
       4. Bauer beeinflußte  Marx mit  hoher Wahrscheinlichkeit  bei der
       Wahl des Gegenstandes seiner Dissertation. Marx' Studien zur Phi-
       losophie des  Epikur, aus  der seine spätere Dissertation als ein
       Spezialthema hervorging,  bildeten einen Bestandteil des Entwick-
       lungsprozesses der junghegelschen "Philosophie des Selbstbewußts-
       eins", als deren Hauptrepräsentant (auf dem Gebiet der Religions-
       kritik) Bruno Bauer galt. Trotz gewisser Nuancen bestand zwischen
       der Marxschen  und der  Bauerschen philosophischen  Grundposition
       bis etwa  1841 kaum  eine prinzipielle  Differenz; beide waren in
       ihrem Kreis  vor allem als radikale Atheisten und politisch radi-
       kale Liberale bekannt geworden.
       5. Bauer war  1839 nach  Bonn zur  Übernahme einer  theologischen
       Professur versetzt worden. Dieser Plan scheiterte spätestens, als
       nach 1840  mit dem  Thronwechsel auf  allen Gebieten  der Kultur,
       insbesondere aber  auf dem der Theologie, Philosophie und Staats-
       wissenschaft, eine  reaktionäre "Wende" eintrat. Bauer wurde 1842
       von der  Universität entfernt,  damit waren  zugleich  auch  alle
       Hoffnungen von  Marx auf  eine philosophische Professur hinfällig
       geworden. Die  Idee, aus  der Universität  Bonn eine Hochburg des
       philosophischen Atheismus und des politischen Radikalismus zu ma-
       chen, war gescheitert. Ebenso scheiterte ein Plan Bauers, gemein-
       sam mit Marx und Feuerbach eine atheistische Zeitschrift zu grün-
       den.
       6. Der religionskritische und der politische Flügel der Junghege-
       lianer hatten  seit 1838  mit den  von  Arnold  Ruge  gegründeten
       "Hallischen (später:  Deutschen) Jahrbüchern" ein wissenschaftli-
       ches Organ, in dem sie gegen orthodoxe Pietisten, rechte Hegelia-
       ner, "positive"  Philosophen und politische Reaktionäre gleicher-
       maßen vorgingen. Als sich nach 1840 die Auseinandersetzungen ver-
       schärften und Teile der besitzenden Bourgeoisie in wachsenden Wi-
       derspruch zur  reaktionären Politik  des neuen  Königs  gerieten,
       entstanden in  verschiedenen Zentren  Deutschlands oppositionelle
       Bewegungen, die sich zu liberalen Zeitungsprojekten verdichteten,
       1842 wurde  in Köln  die "Rheinische Zeitung" gegründet, die nach
       einigen Wirren - aufgrund der relativen ökonomischen Schwäche und
       der theoretischen  Unsicherheit der  Bourgeoisie - unter den Ein-
       fluß der  als liberal  geltenden Junghegelianer  (Bauer, Heß u.a)
       geriet.
       7. Die "Rheinische Zeitung" wurde bald zu einem der führenden Op-
       positionsblätter und  enthielt neben wirtschaftlichen und politi-
       schen Nachrichten  mehr und  mehr über  die aktuelle Tagespolitik
       hinausweisende  religionskritische  und  politisch-philosophische
       Abhandlungen. Bruno  Bauer war  nach seiner  Entlassung von  Bonn
       nach Berlin  zurückgekehrt, wo er mit dem dortigen junghegeliani-
       schen Kreis  der "Freien",  dem damals  neben seinem Bruder Edgar
       auch der  junge Friedrich  Engels angehörte, Kontakt aufnahm. Die
       "Freien" hatten  sich als  Mitarbeiter der  "Rheinischen Zeitung"
       politisch radikalisiert  und begannen,  allmählich auch  soziali-
       stisch-kommunistisches Gedankengut,  das sie  durch Berichte  aus
       England und vor allem Frankreich aufgenommen hatten, in ihre Bei-
       träge "einzuschmuggeln".  Die "Rheinische Zeitung" geriet dadurch
       in wachsende  Konflikte mit  der preußischen Zensur, die seit dem
       Amtsantritt Friedrich Wilhelms IV. ständig verschärft worden war.
       Marx war  im Oktober 1842 zum Redakteur der "Rheinischen Zeitung"
       berufen worden und geriet daraufhin sehr bald in Gegensatz zu den
       ultra-radikalen "Freien"  einerseits und der Zensur andererseits.
       Obwohl unter Marx' Leitung die Zeitung zu einem Vorbild des radi-
       kal-demokratischen Journalismus im Vormärz wurde und ihre Auflage
       erheblich steigern  konnte, scheiterte  das Projekt  im März 1843
       endgültig an der Zensur.
       8. Marx  waren während seiner Redaktionstätigkeit wachsende Zwei-
       fel an  der theoretischen  Wahrheit wie der philosophischen Wirk-
       samkeit des  junghegelianischen Prinzips der philosophischen Kri-
       tik, dem  "Messen" der  Wirklichkeit am Begriff, gekommen. Er be-
       nutzte nun die Gelegenheit, um in die "Studierstube" zurückzukeh-
       ren. Seine  erste Arbeit war die Ausführung einer seit langem ge-
       planten "Kritik  des Hegelschen  Staatsrechts", deren politischer
       Kern die  Kritik der  konstitutionellen Monarchie  bildete, deren
       philosophischmethodischen Resultate Marx aber weit über die bloße
       Kritik einer  bestimmten Form  des politischen Staates hinaus zur
       Einsicht in  die  Notwendigkeit  einer  Kritik  der  Gesellschaft
       brachten. Entscheidend  für den qualitativen Fortschritt der wis-
       senschaftlichen Einsichten  von Marx in seiner Hegel-Kritik waren
       zwei Momente  gewesen: die  materialistische Kritik Feuerbachs am
       spekulativen  Idealismus   Hegels  einerseits,   (gesellschafts-)
       politische  Sachkenntnisse  und  gründliche  historische  Studien
       andererseits.
       9. Spätestens seit dem Konflikt mit den "Freien" hatte sich Marx'
       Freundschaft mit  Bruno Bauer  erheblich abgekühlt.  Durch  Marx'
       Übergang zur philosophischen Position Feuerbachs (1843) war er in
       einen  objektiven   Gegensatz  zu  Bruno  Bauers  religionsphilo-
       sophisch-atheistisch radikalisierter  Hegel-Interpretation  gera-
       ten. Die  Junghegelianer hatten Hegel bisher nur mehr oder minder
       progressiv interpretiert, es kam Marx nun vielmehr darauf an, ihn
       und mit ihm die gesamte idealistische philosophische Tradition zu
       kritisieren und dadurch die Voraussetzung für eine wirklich posi-
       tive ("reelle") Wissenschaft von Natur und Gesellschaft zu schaf-
       fen.
       10. In der  Zwischenzeit hatten sich die politischen Repressions-
       maßnahmen gegen jede Form der politischen und intellektuellen Op-
       position in  Deutschland weiter  verschärft, so daß führende Ver-
       treter dieser  Opposition dazu  übergegangen waren, ihre Publika-
       tionen im Ausland (vor allem der Schweiz) herauszugeben. Nach dem
       Verbot der "Rheinischen Zeitung" waren auch Ruges "Deutsche Jahr-
       bücher" der  Zensur zum  Opfer gefallen. Daraufhin hatte Ruge ge-
       meinsam mit  Marx,  Feuerbach  und  anderen  den  Plan  für  eine
       deutschfranzösische Zeitschrift entwickelt, die in Paris erschei-
       nen sollte.  Marx war im Herbst 1843 nach Paris übergesiedelt, wo
       er sehr  bald Kontakt mit radikalen Kreisen der deutschen Emigra-
       tion sowie  mit verschiedenen  französischen Arbeiterführern auf-
       nahm.
       11. Marx' erste  Arbeit für die neuen, gemeinsam mit Ruge heraus-
       gegebenen "Deutsch-Französischen-Jahrbücher" (1844) war eine Kri-
       tik an Bruno Bauers religionsphilosophisch und politisch verkürz-
       tem Verständnis  des Problems  der Judenemanzipation.  Die Bauer-
       Kritik war  Marx' erste  wissenschaftlich-politische Publikation,
       die unter  seinem Namen  veröffentlicht worden war. Marx' zweiter
       Beitrag setzte  damit ein,  daß er  die Kritik  der  Religion  in
       Deutschland durch  die Leistungen  Feuerbachs für vollendet ansah
       und dazu aufforderte, sich nunmehr der Kritik der Politik und da-
       mit der  Untersuchung der  Voraussetzungen der nicht bloß politi-
       schen, sondern  der gesellschaftlichen ("menschlichen") Emanzipa-
       tion zuzuwenden. Er schloß diesen Beitrag mit einem Aufruf zu ei-
       nem Bündnis von Philosophie und Proletariat.
       12. Bruno Bauer  hatte sich inzwischen von der theologischen Wis-
       senschaft im  engeren Sinne  durch ein radikal-atheistisches Pam-
       phlet ("Das  entdeckte Christentum")  verabschiedet und  sich als
       freier Schriftsteller der Verfassung und Herausgabe größerer Bro-
       schüren zur Geschichte der Aufklärung und der Französischen Revo-
       lution u.a. Fragen zugewandt. Wobei Bauer die Rolle der Volksmas-
       sen in  der Geschichte  immer kritischer darzustellen begann. Ge-
       meinsam mit seinem Bruder Edgar verstieg er sich dann in der 1843
       gegründeten Allgemeinen-Literatur-Zeitung  gar zu  der  Position,
       wonach die  bloß ökonomisch interessierten "Massen" die eigentli-
       chen Feinde  des historisch-gesellschaftlichen Fortschritts gewe-
       sen seien.  Beide Bauers  wandten sich in dieser Zeitung explizit
       gegen  die  von  Marx  angeblich  betriebene  Verherrlichung  der
       "Massen", d.h. des Proletariats.
       13. Als im Juni 1844 in Schlesien der Weberaufstand ausbrach, ge-
       riet auch  in Deutschland die soziale Lage der arbeitenden Bevöl-
       kerung wenigstens  vorübergehend in den Mittelpunkt des öffentli-
       chen Interesses. Unter den eher philanthropisch gesinnten Opposi-
       tionellen,  die  unter  dem  theoretischen  Eindruck  des  Feuer-
       bach'schen Humanismus  standen, entwickelte  sich allmählich  die
       Position des  "wahren Sozialismus". Mit Appellen an das Mitgefühl
       und das  Mitleid der Wohlhabenden versuchten sie, die Not der ar-
       men Klassen  zu mildern  und schließlich ein Modell der solidari-
       schen Gesellschaft  zu verwirklichen.  Daneben  blieben  aus  dem
       Kreis der ehemaligen Junghegelianer aber Positionen bestehen, die
       gegenüber der  sozialen Dimension  der Emanzipation im Verhältnis
       zur politischen weiterhin auf dem unbedingten Vorrang der letzte-
       ren bestanden,  so etwa  Ruge und Bauer. Beide sprachen - in ganz
       unterschiedlichen Kontexten  - den sozial-ökonomischen Bedürfnis-
       sen der  Massen einen  bloß sekundären Rang zu, sie könnten unter
       Umständen die  Lösung der grundsätzlicheren Frage der politischen
       Emanzipation behindern oder ihr gar entgegenstehen.
       14. Diesem  rein bürgerlichen Verständnis der sozialen Frage trat
       Marx in dem in Paris erscheinenden "Vorwärts" mit Entschiedenheit
       entgegen.  Er  verwies  auf  den  grundsätzlichen  Charakter  der
       "sozialen Frage"  innerhalb der  bürgerlichen  Gesellschaft,  die
       durch einzelne sozial-politische bzw. sozial-reformatorische Maß-
       nahmen prinzipiell  nicht "gelöst" werden könne, vielmehr die Um-
       wälzung der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse erforderlich
       mache. Damit geriete freilich das Proletariat früher oder später,
       in jedem  Falle aber  unvermeidlich, in einen Gegensatz zur Bour-
       geoisie, sosehr  es mit dieser in der gemeinsamen politischen Op-
       position zum herrschenden Spätfeudalismus stände. In den sozialen
       Konflikten der Gegenwart werde sich auch das deutsche Proletariat
       allmählich seiner Selbständigkeit gegenüber allen anderen gesell-
       schaftlichen Klassen  bewußt. Es entwickele daher ein eigenes Sy-
       stem gesellschaftlicher  und politischer  Forderungen und  darauf
       aufbauend, bzw.  diese verallgemeinernd  eine eigene Philosophie.
       Marx' Position hatte sich in der zuletzt angesprochenen Frage der
       theoretischen Selbständigkeit  gegenüber seiner  Position in  den
       "Deutsch-Französischen-Jahrbüchern" entschieden  verändert.  Dort
       war noch  von einem  Bündnis von  Proletariat und Philosophie die
       Rede, was  immerhin eine Trennung der beiden Momente - und sei es
       nur als  Trennung von Praxis und Theorie - bedeutete. Bauer hatte
       die Trennung als Gegensatz von "Masse" und "Geist" ("Kritik") in-
       terpretiert. Marx  betont nun  die Einheit  beider und damit auch
       die Einheit  von Theorie und Praxis. Die Theoretiker des Proleta-
       riats formulieren  den Emanzipationsanspruch  dieser Klasse  nach
       Marx nicht  mehr von  einem klassentranszendenten  Standpunkt der
       allgemein-menschlichen Emanzipation, sondern vom Standpunkt eines
       seiner historischen Mission zur Überwindung aller gesellschaftli-
       chen Unterdrückung allmählich bewußtwerdenden Proletariats.
       15. Im Sommer  1844 vertieft  Marx  diese  Einsichten  in  seinen
       "ökonomisch-philosophischen Manuskripten".  Er erkennt,  daß  der
       Standpunkt der  Hegel'schen Philosophie  mit dem der bürgerlichen
       politischen Ökonomie  übereinstimmt: Der  Begriff  des  "Geistes"
       (näher: des "Selbstbewußtseins") drückt in ebenso einseitiger und
       entfremdeter Form  das Wesen  der menschlichen Arbeit aus wie der
       abstrakte Arbeitsbegriff  der politischen  Ökonomie. Während aber
       in Hegels  Philosophie trotz  ihrer  "spekulativen  Erbsünde"  an
       vielen Punkten  die Elemente  einer wirklichen Charakteristik der
       menschlichen Verhältnisse  immer  wieder  durchbrechen,  verdünnt
       sich dieser Wirklichkeitsgehalt in der Bauerschen Vereinseitigung
       Hegels  bis   zur  vollständigen   Negation.  Die  Tätigkeit  des
       "Selbstbewußtseins", die  rationell gefaßt  nach Marx  nichts an-
       deres ist als die Natur und Gesellschaft umgestaltende Praxis der
       Menschen, löst  sich bei  Bauer schließlich  auf in der von aller
       Sinnlichkeit bzw.  Gegenständlichkeit ("Substantialität")  berei-
       nigten und daher auch von aller Praxis befreiten "reinen Kritik".
       Die Bauersche  Verflüchtigung des  wirklichen Menschen mit seinen
       konkreten sinnlichen  Bedürfnissen in der Kategorie des Selbstbe-
       wußtseins oder der "Kritik" bezeichnet Marx nun (nach dem Vorbild
       Feuerbach in  dessen Hegel-Kritik)  als letzten  Zufluchtsort der
       Theologie.
       16. Der spekulative Idealismus überhaupt und seine historisch da-
       mals aktuellste  Form in  Bauers Kritik-Konzept  steht nach  Marx
       nicht nur in einem theoretischen Gegensatz zum humanistischen Ma-
       terialismus Feuerbachs,  sondern er  steht tatsächlich  in  einem
       praktischen Gegensatz  zum konkreten gesellschaftlichen Emanzipa-
       tionsanspruch des erwachenden Proletariats. Und wie der Gegensatz
       zwischen Bourgeoisie  und Proletariat  in der sozialen Frage sich
       unweigerlich zu einem Antagonismus zuspitzt, so auch in der Frage
       der Theorie. Marx begreift seine Differenz zu Bauer im Laufe sei-
       ner Studien  zur politischen  Ökonomie und zur Philosophie Hegels
       immer stärker  als nicht  nur theoretische, sondern zugleich auch
       als politische und soziale.
       17. Die "Heilige  Familie" ist die erste größere Schrift von Marx
       (und Engels),  in der  ein neu erreichter Klassenstandpunkt erst-
       mals im  Gegensatz zu  den fortschrittlichsten bürgerlichen Posi-
       tionen ihrer  Gegenwart in  den verschiedensten Gegenstandsberei-
       chen formuliert  wurde. Nur  von daher läßt sich - über alle bio-
       graphisch-psychologischen Momente  hinaus,  die  hier  sicherlich
       ebenfalls eine Rolle spielten - die ungewöhnliche Schärfe der Po-
       lemik und Satire gegen Bauer erklären. Der Übergang auf einen an-
       deren, entgegengesetzten  Klassenstandpunkt kommt  bei Marx  (und
       Engels) in  dieser Phase in der Form einer bisweilen überscharfen
       und keineswegs literarisch (wohl aber theoretisch) stets gelunge-
       nen Form  zum Ausdruck. Vor allem Engels hat den Widerspruch zwi-
       schen der  "souveränen  Verachtung",  mit  der  die  Autoren  der
       "Heiligen Familie"  Bruno Bauer und die "Allgemeine-Literaturzei-
       tung" behandeln  und den immerhin 22 Druckbögen, die sie (vor al-
       lem Marx!  - nämlich  21 davon)  diesem Gegner "dedizieren" (vgl.
       MEGA III,  1, 271),  durchaus bemerkt. Wenige Monate nach dem Er-
       scheinen der "Heiligen Familie" beschlossen beide, die endgültige
       "Abrechnung mit ihrem ehemaligen philosphi-schen Gewissen" in ei-
       ner umfassenderen und nicht mehr ausschließlich polemischen, son-
       dern auch  positiven Fassung ihrer neuen Welt- und Geschichtsauf-
       fassung darzulegen.  In der  "Deutschen  Ideologie"  findet  sich
       daher auch  eine letzte theoretische Auseinandersetzung mit Bruno
       Bauer  (und  mit  der  Bauer  weiter  radikalisierenden  Position
       Stirners)  und   eine  erste  gründliche  Entwicklung  der  Marx-
       Engelsschen Position gegenüber Feuerbach.
       
       _____
       1) "Trotz einer  auf den  ersten Blick  gar nicht geringen Anzahl
       von Abhandlungen,  Aufsätzen und ausführlichen Erwähnungen steckt
       die Bauer-Forschung  strenggenommen immer noch in den allerersten
       Anfängen" klagte  1963 Horst  Stuke, in:  ders.: Philosophie  der
       Tat. Studie  zur "Verwirklichung der Philosophie" bei den Junghe-
       gelianern, Stuttgart  1963. Von  einer  marxistischen  Bauer-For-
       schung konnte bis dahin überhaupt nicht die Rede sein. Ausführli-
       chere Erwähnung  fand sich lediglich in verschiedenen älteren Ar-
       beiten von  G. Lukacs  (so etwa:  Moses Hess und die Probleme der
       idealistischen Dialektik,  in: Archiv  für die Geschichte des So-
       zialismus und  der Arbeiterbewegung,  12. Jg.  (1926), S. 105 ff.
       und A.  Cornu: Moses  Hess et  le Gauche  hégelienne, Paris 1934;
       ders.: Karl  Marx und  Friedrich Engels.  Leben und Werk, 3 Bde.,
       Berlin 1954,  1962, 1968.  Bis heute  hat sich die Situation seit
       Stukes Klage prinzipiell nicht geändert. Es ist charakteristisch,
       daß die  theoretisch, und  d.h. die nicht vorwiegend biographisch
       oder historisch  orientierte Literatur  zu Bauer  in aller  Regel
       sich auf  einen bestimmten  Zeitabschnitt in  der Entwicklung der
       Bauerschen Theorie  beschränkt. So  etwa Mehlhausen  (vgl. Fn. 2)
       auf die  Phase l  (zu den  "Phasen" vgl. Text im Anschluß), Stuke
       und Pepperle auf die Phase 2, H.M. Saß: Bruno Bauer: Feldzüge der
       reinen Kritik.  Einleitung, Frankfurt  1968 auf  die Phase 3. Zur
       Biographie Bauers  vgl. E. Barnikol: Bruno Bauer, Studien und Ma-
       terialien. Aus  dem Nachlaß,  Assen 1972 und D. Hertz-Eichenrode:
       Der Junghegelianer  Bruno Bauer  im Vormärz,  Phil. Diss.  Berlin
       1959. Zum  Verhältnis Bauer-Marx  vgl. Z.  Rosen: Bruno Bauer and
       Karl Marx.  The Influence  of Bruno  Bauer on Marx's Thought, The
       Hague 1977.
       2) D.F. Strauß:  Das Leben  Jesu, kritisch  bearbeitet,  2  Bde.,
       Tübingen 1835/36.  B. Bauer:  (Rez.) David  Friedrich Strauß....,
       Erster Band,  in: Jahrbücher  für wissenschaftliche  Kritik, 1835
       (Dez.) und  ders. Zweiter  Band. In:  Jahrbücher...  1836  (Mai).
       Zeitschrift für  spekulative Theologie  in Gemeinschaft mit einem
       Verein von  Gelehrten herausgegeben von Lic. Bruno Bauer, Privat-
       Docenten an  der Universität  Berlin, 3  Bde. in 4 Heften, Berlin
       1836-1838. Die Einordnung Bauers auf Seiten der Rechtshegelianer,
       wie die  Differenzierung der  Hegelianer überhaupt  am Modell der
       politischen Parteien  in der  französischen Revolution,  geht auf
       Strauß zurück.  Zur Hegelschen  Linken rechnete Strauß damals nur
       sich selbst.  Vgl. D. F. Strauß: Streitschriften zur Verteidigung
       meiner Schrift über das Leben Jesu, Tübingen 1837/38. Bauer hatte
       sich schon  1836 dagegen verwahrt, irgendeiner Partei zugerechnet
       zu werden. Vgl. Stuke, S. 126, Fn 4.
       3) B. Bauer: Herr Dr. Hengstenberg. Kritische Briefe über den Ge-
       gensatz des  Gesetzes  und  des  Evangeliums,  Berlin  1839.  Als
       "Wendepunkt" sehen diese Schrift Stuke, Pepperle, Saß u.a.
       4) Vgl. z.B.  J. Mehlhausen:  Dialektik, Selbstbewußtsein und Of-
       fenbarung. Die  Grundlagen der spekulativen Orthodoxie Bruno Bau-
       ers in  ihrem Zusammenhang  mit der  Geschichte der theologischen
       Hegelschule, Phil. Diss. Bonn 1965. Hier: S. 315 ff.
       5) Vgl. Ruge an Rosenkranz, zit. nach I. Pepperle, 1978, S. 67.
       6) Vgl. Bruno und Edgar Bauer: Briefwechsel, Charlottenburg 1844,
       S. 12.
       7) Daß Marx Beziehungen zu Bauer zumindest bis 1842 freundschaft-
       licher Natur  war, geht aus den erhaltenen Briefen Bauers an Marx
       aus der  Zeit von  Ende 1839 bis Anfang 1842 zweifelsfrei hervor.
       Gegenüber Feuerbach hat Marx noch 1844 Bauer als "mein vieljähri-
       ger -  jetzt aber  mir sehr entfremdeter Freund" bezeichnet. Vgl.
       MEGA III, 1, 64.
       8) Überhaupt ist  der "Doktorklub"  in der  Literatur so  gut wie
       nicht erforscht. Wesentlich mehr ist indessen vom späteren Verein
       der "Freien"  (vgl. "Der  Verein der 'Freien' in Berlin", Königs-
       berger Zeitung  vom 17.  Juni 1842, abgedruckt, in: W. Mönke: Die
       Heilige Familie.  Zur ersten Gemeinschaftsarbeit von Marx und En-
       gels, Glashütten  1972, S.  141 ff.)  und seinem  wichtigsten Ta-
       gungslokal, den "Hippel'schen Weinstuben" sowie den dortigen Dis-
       kussionen bekannt;  nicht zuletzt durch die Berichte von Polizei-
       spitzeln. Vgl. H. Mackay: Stirner, Berlin 1898, S. 57 ff.
       9) Auch wenn die insgesamt eindrucksvolle Analyse Mehlhausens die
       "psychologisierende Deutung  des Positionswechsels  Bruno Bauers"
       (Mehlhausen, S. 349) im Prinzip widerlegt hat, dürfte die völlige
       Vernachlässigung persönlicher Umstände das Kind mit dem Bade aus-
       schütten -  wie die  Rolle solcher  Umstände in der späteren Ent-
       wicklung Bauers jedenfalls eindeutig belegt.
       10) B. Bauer: Kritik der Geschichte der Offenbarung, 2 Bde., Ber-
       lin 1838.  Ders.: Kritik  der evangelischen Geschichte des Johan-
       nes, Bremen 1840.
       11) Vgl. hierzu  Mehlhausen, a.a.O., 298 ff. Hier insbesondere S.
       301.
       12) A.a.O., 352.
       13) Vgl. hierzu  H. Stuke:  S. 123  ff., I. Pepperle, 1978, S. 67
       ff.
       14) Vgl. Bauer:  Kritik der evangelischen Geschichte der Synopti-
       ker, 3 Bände, Leipzig und Braunschweig 1841/1842.
       15) Anonym (B. Bauer): Die Posaune des jüngsten Gerichts über He-
       gel den  Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum, Leipzig 1841,
       wiederabgedruckt in:  H. und  I. Pepperle  (Hg.):  Die  Hegelsche
       Linke. Dokumente zu Philosophie und Politik im deutschen Vormärz,
       Frankfurt 1986;  Anonym (B. Bauer): Hegels Lehre von der Religion
       und Kunst  von dem Standpunkt des Glaubens aus beurteilt, Leipzig
       1842, (Neudruck Aalen 1967). Beide Arbeiten hatte Bauer ursprüng-
       lich gemeinsam  mit Marx  zu schreiben  geplant. Bruno Bauer: Das
       Entdeckte Christentum. Eine Erinnerung an das achtzehnte Jahrhun-
       dert und  ein Beitrag zur Krisis des neunzehnten, Zürich und Win-
       terthur 1843.  Neu herausgegeben  von E.  Barnikol: Das entdeckte
       Christentum im  Vormärz. Bruno  Bauers Kampf  gegen Religion  und
       Christentum und Erstausgabe seiner Kampfschrift, Jena 1927.
       16) I. Pepperle, a.a.O., S. 70.
       17) Vgl. E. Barnikol: a.a.O., S. 83 ff. Zum Materialismus, S. 157
       ff.
       18) Jedenfalls gilt dies für die ältere Literatur von Lukacs über
       Cornu bis  zu Oiserman  u.a., nicht so eindeutig für I. Pepperle,
       a.a.O.
       19) L. Lambrecht  hat im  Rahmen einer Untersuchung zum junghege-
       lianischen Politikbegriff  die These  vom "Rückfall"  Bauers  auf
       Fichte'sche Positionen durch eingehende Analysen widerlegt. (Vgl.
       ders.: Zur Fichterezeption im Vormärz. Unveröffentl. Manuskript).
       Bauer hat  diesen Mangel des Materialismus ebenfalls geahnt, wenn
       er den französischen Materialisten (und Feuerbach?) vorhält: "Ihr
       Fehler war  überhaupt, daß  sie den Menschen nur anthropologisch,
       als bestimmtes, von der Natur bestimmtes Subjekt betrachteten und
       - wenigstens  innerhalb des  Systems der Natur - seine höhere Be-
       stimmung als  Volksgeist und  seine freie Selbstbestimmung in der
       Geschichte,  Kunst   und  Wissenschaft   übersahen..."  Barnikol,
       a.a.O., S. 162.
       20) A.a.O., S. 164. Hervorhebung W.G.
       21) Die Untersuchung  der weiteren Entwicklung Bauers fällt weit-
       gehend außerhalb  des speziellen  Interesses der  Marx-Forschung.
       Aus dem  Briefwechsel zwischen  Marx und  Engels ist bekannt, daß
       beide sich  - zumindest in den 1850er Jahren - noch sehr intensiv
       um die  Schriften von Bruno Bauer bemühten, wenngleich ihr Urteil
       keineswegs positiver  wird. Zur Beurteilung des Bruno Bauer'schen
       (Spät)-Werks durch Engels vgl. ders.: Bruno Bauer und das Urchri-
       stentum (MEW  19, 297  ff.); Das  Buch der Offenbarung (MEW 21, 9
       ff.); Zur Geschichte des Urchristentums (MEW 22, 446 ff.).
       22) B. Bauer:  Der christliche  Staat und unsere Zeit, in: Halli-
       sche Jahrbücher  für deutsche  Wissenschaft und  Kunst, hg. v. T.
       Echtermeyer u.A.  Ruge, Leipzig  1841, Nr.  135-140.  Wiederabge-
       druckt in:  B. Bauer: Feldzüge . .., hg. v. H.M. Saß. Vgl. Fn. 1.
       B. Bauer: Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegen-
       heit, Zürich und Winterthur 1842, wiederabgedruckt in: ebenda.
       23) B. Bauer:  Die Geschichte  der Politik, Kultur und Aufklärung
       des 18. Jahrhunderts, 4 Teile in 2 Bdn., Charlottenburg 1843/1844
       (Neudruck Aalen  1965); darüber hinaus mehrere Hefte zu verschie-
       denen Aspekten  der französischen  Revolution. Bauers  Publikati-
       onstätigkeit erreichte  1843/44 einen Höhepunkt. Dabei spielte es
       gewiß eine Rolle, daß er nach seiner Entlassung aus dem Universi-
       tätsdienst über  keinerlei materielle Mittel verfügte und gezwun-
       gen war,  von dem  Erlös seiner schriftstellerischen Tätigkeit zu
       leben. Bauer gehört damit zu den ersten Vertretern des neuen Typs
       eines freien,  wissenschaftlichen Schriftstellers in Deutschland.
       Es besteht  kaum ein  Zweifel daran,  daß die Qualität von Bauers
       Arbeiten unter  dem Publikationszwang  zu leiden begann. Der Ver-
       dacht, daß  seine 1844  vollzogene Wende  zur Kritik  der "Masse"
       auch unter  dem Eindruck  der bestehenden  Zensurverhältnisse ge-
       standen habe, ist indessen kaum zu belegen. Vgl. hierzu E. Barni-
       kol: Bruno  Bauers Kampf  gegen Religion  und Christentum und die
       Spaltung der  vormärzlichen  preußischen  Opposition,  in:  Zeit-
       schrift für  Kirchengeschichte, XLVI.  Band/Neue  Folge  IX,  Jg.
       1927, S. 2 ff. und ders.: 1972, S. 240 ff.
       24) Vgl. B.  Bauer: Was ist jetzt der Gegenstand der Kritik? All-
       gemeine Literaturzeitung,  Charlottenburg, Juni  1844. Abgedruckt
       in: B. Bauer: Feldzüge ..., a.a.O., S. 212.
       25) Vgl. K.  Marx: Kritik  der Hegelschen Rechtsphilosophie. Ein-
       leitung, in:  MEGA 1,2,  170 ff.  Daß es  sich dabei eher noch um
       eine "Proklamation" als um eine wissenschaftlich begründete These
       handelte, habe  ich andernorts  zu zeigen versucht. Vgl. W. Gold-
       schmidt: Karl  Marx als  Kritiker. Von der Kritik der Philosophie
       über die  Kritik der Politik zur Kritik der politischen Ökonomie,
       in: M.  Hahn/H.J. Sandkühler: Karl Marx. Kritik und positive Wis-
       senschaft, Köln 1986, S. 115.
       26) Vgl. B. Bauer: Die Gattung und die Masse, in: B. Bauer: Feld-
       züge..., a.a.O., S. 213 ff.
       27) Vgl. B. Bauer: Charakteristik Ludwig Feuerbachs, in: Wigand's
       Vierteljahrsschrift, Bd. 3, Leipzig 1845. Auszugsweise abgedruckt
       in: W. Mönke: Die heilige Familie. Zur ersten Gemeinschaftsarbeit
       von Karl  Marx und  Friedrich Engels, Glashütten 1972, Anhang, S.
       258 ff. Hier: 259 f.
       28) Vgl. B.  Bauer: Was  ist jetzt  der  Gegenstand  der  Kritik?
       a.a.O., S. 200 ff.
       29) H.M. Saß,  a.a.O., S. 263 f. Was Saß hier allerdings vernach-
       lässigt, ist  die Tatsache,  daß auch der ältere Bruno Bauer wis-
       senschaftlich Verdienstvolles  geleistet hat  in der Untersuchung
       des historischen Ursprungs des Christentums; daß Edgar Bauer nach
       1844 zunächst  einmal eine  Haftstrafe verbüßen muß, wegen seiner
       Schrift "Der  Streit der Kritik mit Kirche und Staat" (1843), und
       erst 1848 durch die Märzrevolution befreit wird.
       30) Vgl. dazu etwa die Briefe von M. Heß (3. 7. 1844) und G. Jung
       (31.7.1844) an Marx, in: MEGA III, 1, 434 ff.
       31) Ich habe im Rahmen einer Untersuchung zur Entwicklung des Po-
       litikbegriff bei  Marx von 1840 bis 1848 eine längere Skizze die-
       ses Verhältnisses  entworfen. Der  vorliegende Beitrag ist bis zu
       dieser Stelle ein Auszug aus dieser Skizze.
       

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