Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       DIE STABILISIERUNG DER BIOSPHÄRE
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       Über die Aufgaben der Ökologie vom Standpunkt des Marxismus
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       Edgar Gärtner
       
       1. Naturbeherrschung  oder Stabilisierung? - 2. Was kann die Öko-
       logie leisten? - 3. Zum Status der Ökologie - 4. Was heißt Stabi-
       lisierung der Lebensbedingungen?
       
       Auf den  ersten Blick  scheint es sich bei unserem Thema um einen
       alten Hut  zu handeln.  Die Forderung nach Stabilisierung scheint
       dem zu  entsprechen, was  seit jeher  Anliegen konservativ- (wenn
       nicht reaktionär-) romantischer Kulturkritik und Naturschutz-For-
       derungen war.  Gleichzeitig scheint die Idee einer Stabilisierung
       der Natur  jeglichem Denken  fernzustehen, das  sich vom Anspruch
       des Marxismus  und der  Aufklärung auf  die Begründung einer ver-
       nunftgemäßen Veränderung  und Beherrschung der Natur leiten läßt.
       Dieser Eindruck  beruht aber,  wie zu zeigen sein wird, auf einem
       Mißverständnis, das sowohl den gängigen Einschätzungen des Werkes
       von Rousseau  zugrunde liegt  als auch gewissen Auffassungen über
       das Verhältnis  des historischen  und dialektischen Materialismus
       zum Rationalismus von Bacon und Leibniz wie überhaupt zu den neu-
       zeitlichen Naturwissenschaften.
       Um deutlicher zu werden: Es geht mir darum, den von den marxisti-
       schen Klassikern von den Aufklärern formal (nicht in allen Dimen-
       sionen inhaltlich)  übernommenen  Begriff  der  Naturbeherrschung
       durch den  Begriff der  Stabilisierung zu ersetzen. Dabei soll es
       sich selbstredend um eine dialektische Aufhebung handeln. Notwen-
       dig ist  diese Operation  nicht nur deshalb, weil der Begriff der
       Naturbeherrschung, da  mechanistisch vorbelastet,  wiederholt  zu
       Mißverständnissen Anlaß  gab. Vielmehr  entspricht die  Forderung
       nach Stabilisierung  unserer Beziehungen  zur Biosphäre,  der wir
       mit Fleisch  und Blut angehören, angesichts der bedrohlichen glo-
       balen Probleme  der Menschheit  dem ureigensten Anliegen des Mar-
       xismus, der  als Humanismus in gewisser Weise schon immer das be-
       inhaltete, was  heute als "Wertkonservativismus" bezeichnet wird.
       Daß diese  Aussage nicht  den geringsten Versuch einer Versöhnung
       des Marxismus  mit den in der grün-alternativen Bewegung verbrei-
       teten romantischen bzw. lebensphilosophischen Vorstellungen bein-
       haltet, wird sich aus den folgenden (in manchen Punkten noch vor-
       läufigen) Ausführungen ergeben.
       
       1. Naturbeherrschung oder Stabilisierung?
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       Im Grunde genommen ist es ein Unding, die Geschichte der Ökologie
       schreiben zu  wollen, ohne  auf das Werk von Marx und Engels ein-
       zugehen. Ihr Begriff der Politischen Ökonomie, der im Unterschied
       zu den  zu ihrer  Zeit vorherrschenden  bürgerlich-idealistischen
       Vorstellungen vom  Primat des  Verhältnisses der Menschen zur au-
       ßermenschlichen Natur  ausgeht, deckt  sich mit  dem Begriff  der
       Ökologie im  weitesten Sinne. (Die Gegenüberstellung der Begriffe
       "Ökologie" und  "Ökonomie", die in die Alltagssprache Eingang ge-
       funden hat,  zeugt bereits  von einem  kapitalistisch  verkürzten
       Verständnis von Ökonomie.)
       Es ist  alles andere  als zufällig  oder nebensächlich, wenn sich
       Friedrich Engels bereits im Buch "Die Lage der arbeitenden Klasse
       in England" (1845) mit einem im Vergleich zum damaligen Stand der
       biologischen und  hygienischen Kenntnisse beachtlichen Durchblick
       am ausführlichsten  mit den unhaltbaren ökologischen Lebensbedin-
       gungen des englischen Fabrikproletariats befaßte und wenn sich im
       "Kapital" von Karl Marx (u.a. bezugnehmend auf die Agrikulturche-
       mie Liebigs)  seitenlange Ausführungen  über die Wiederverwendung
       von Abfällen  in der  Industrie und  in der  Landwirtschaft sowie
       über andere  Probleme der  Stabilisierung des Naturhaushalts fin-
       den. Schließlich sollte man nicht vergessen, daß Friedrich Engels
       seinen Entwurf einer "Dialektik der Natur", der "Wissenschaft vom
       Gesamtzusammenhang" 1)  von Natur und Gesellschaft als notwendige
       Ergänzung zur  Marxschen "Kritik  der politischen  Ökonomie" ver-
       stand.
       Auf einen  kurzen Nenner  gebracht, besteht  die eigentliche Lei-
       stung von Marx und Engels darin, als erste eine wissenschaftliche
       Methode entwickelt  zu haben,  mit deren  Hilfe es allein möglich
       ist, das  komplizierte Verhältnis  von Natur und Geschichte, d.h.
       die Bedingungen  der Selbstbefreiung  der Menschen  aus dem Tier-
       reich zu  klären: den  dialektischen und historischen Materialis-
       mus. 2) Zu ihren unmittelbaren Vorläufern gehören dabei nicht nur
       die Rationalisten  Bacon und  Leibniz, sondern auch der objektive
       Idealist Hegel  sowie nicht zuletzt der lange verkannte Rousseau.
       3) Marx und Engels waren die ersten, die die menschliche Freiheit
       sowohl an  natürliche als  auch an  gesellschaftliche Bedingungen
       geknüpft begreifen konnten. Die bei ihren Vorläufern noch ausein-
       anderfallende Bestimmung  der Freiheit  als "Beherrschung der Na-
       tur" und  als "Einsicht  in die  Notwendigkeit" konnten  sie  mit
       Hilfe der  dialektischen Methode  in Übereinstimmung bringen: Die
       Menschen werden  zu Herren der Natur, indem sie, so Friedrich En-
       gels, zu  "Herren ihrer  eigenen Vergesellschaftung"  4)  werden.
       Dieser Freiheitsbegriff  verweist auf  das Programm  des "Contrat
       social" von  Rousseau, der mit der oft (und nicht selten in übler
       Absicht) fehlinterpretierten Parole "Zurück zur Natur" eigentlich
       ein "Vorwärts  zur Natur" im Sinne einer noch zu schaffenden men-
       schlichen Heimat forderte, wie Wolfgang Harich 5) richtig hervor-
       hob. Statt mit den problematischen und zum Teil äußerst gefährli-
       chen Schlußfolgerungen  Harichs, die  auf  die  Errichtung  eines
       weltweiten  autoritären  Rationierungs-  und  Überwachungsstaates
       hinauslaufen, halte  ich es aber im folgenden eher mit dem Ansatz
       des französischen  Soziologen Michel  Clouscard. 6)  Er arbeitete
       heraus, wie die von Sartre und anderen Neukantianern für sich al-
       lein beanspruchte  Dimension der Subjektivität durch eine Rückbe-
       sinnung auf  das enge  Verhältnis der  marxistischen Klassiker zu
       Rousseau in den Marxismus zurückgeholt werden könnte.
       Die Vorstellungen über das, was Naturbeherrschung ausmacht, haben
       seit der  Frühaufklärung erhebliche  Wandlungen erfahren. Francis
       Bacon verglich  die Beherrschung der Natur u.a. mit der Bändigung
       eines widerspenstigen  und launischen  Weibes. (Heute  müssen wir
       hinzufügen, daß  sich die  Natur -  wie eine Frau gegenüber einem
       starken Mann  - nicht wirklich wehren, aber im nachhinein furcht-
       bar rächen  kann.) Dieses  Bild dient  zwar unseren Feministinnen
       als Bestärkung  ihrer Überzeugung,  die neuzeitliche Wissenschaft
       sei von  vornherein durch  männliches Denken entstellt worden; es
       trifft aber im Grunde ganz gut die wirklichen Verhältnisse, indem
       es die Natur als Partner mit eigenen, unbequemen Ansprüchen faßt.
       Erst später  setzte sich im Zuge der Entwicklung der mechanischen
       Technologie und  des Kapitalismus  die Vorstellung von der Steue-
       rung eines mechanischen Räderwerks durch. Heute werden die mecha-
       nischen Modelle von probabilistischen Ansätzen verdrängt, die von
       der unendlichen  Komplexität und  weitgehenden  Unberechenbarkeit
       der Beziehungen  in der  Natur ausgehen  und damit  gewissermaßen
       wieder zum Ansatz Bacons zurückführen.
       Alle Konzeptionen  von Naturbeherrschung  setzen voraus,  daß  es
       statt eines unbegreiflichen Chaos einen im Prinzip vernünftig be-
       schreibbaren   Gesamtzusammenhang    der   Naturprozesse    gibt.
       (Materialisten muß  diese Aussage  übrigens tautologisch erschei-
       nen: Die  Natur ist  ja deshalb vernünftig erklärbar, weil unsere
       Vernunft nur  die mehr oder weniger tiefreichende Widerspiegelung
       von Naturbeziehungen  sein kann.)  Aber darüber, was "vernünftig"
       ist, gibt  es recht unterschiedliche, wenn nicht konträre Auffas-
       sungen. Der  dem mechanistischen  Weltbild zugrundeliegende  All-
       machtswahn beruhte  auf der  Illusion, es sei im Prinzip möglich,
       das Naturganze  in den  Griff zu  bekommen, wenn  der (als linear
       verstandene) menschliche  Erkenntnisprozeß nur weit genug fortge-
       schritten sei.  Dagegen nahm  sich der oft zitierte Laplace schon
       eher bescheiden  aus, weil  er realistischerweise  das  Allwissen
       nicht dem  Menschen, sondern  seinem berühmten  Dämonen  zukommen
       ließ. Gottähnlichkeit  und sklavische Unfreiheit liegen in dieser
       von bornierten Natur-Nutzungsinteressen ausgehenden Weltsicht eng
       beieinander.
       Ein  wirklich  menschliches  Weltbild  wird  dagegen  in  Engels'
       "Dialektik der Natur" vorbereitet. Drei grundlegende naturwissen-
       schaftliche Theorien  sind es,  die, so Engels, dem Mechanizismus
       den Garaus  machen: die  Gesetze der Erhaltung und Umwandlung der
       Energie (Thermodynamik),  die Theorie der Zelle als Grundbaustein
       der Lebewelt  von Schwann  und Schleiden  und nicht  zuletzt  die
       Theorie der Evolution der Organismenarten durch natürliche Zucht-
       wahl von  Darwin. Diese  Theorien brachten auf verschiedene Weise
       zum Ausdruck,  daß die Natur viel reicher an Beziehungen ist, als
       es dem Interesse der Ausbeuter am totalen Zugriff lieb sein kann.
       Eine weitere wesentliche Bereicherung erfuhr unser Naturbild spä-
       ter durch die Quantenmechanik.
       Das in  diesen und anderen naturwissenschaftlichen Theorien ange-
       legte neue  Weltbild trägt  deshalb menschliche Züge, weil es den
       Zufall im  Naturgeschehen anerkennt und damit einen Möglichkeits-
       spielraum aufzeigt:  die komplexe Verknüpfung von Zufall und Not-
       wendigkeit im  Naturgeschehen ist eine der wichtigsten Vorausset-
       zungen für  die Emanzipation  des Menschen aus dem Tierreich. Die
       Tatsache, daß  in der  Natur nicht alles hundertprozentig festge-
       legt ist,  daß es somit auf jeder Stufe der natürlichen Evolution
       zahlreiche nicht realisierte Entwicklungsmöglichkeiten gibt, läßt
       Raum für  die  schöpferische  Betätigung  der  Menschen.  Es  ist
       (wenigstens im  Prinzip) möglich,  nach demokratischer Diskussion
       aus einem  Spektrum möglicher  Entwicklungen den Weg auszuwählen,
       der dem  menschlichen Bedürfnis nach produktiver Selbstverwirkli-
       chung am ehesten entspricht.
       Die Bestimmung des Wesens menschlicher Freiheit als Aufhebung der
       Entfremdung zwischen  den Menschen  und der  Natur beinhaltet die
       Zurückweisung jeglicher Versuche, der Natur Beliebiges aufzwingen
       zu wollen, d.h. Ziele der Umweltgestaltung anzusteuern, die nicht
       bereits potenzmäßig  in  einem  gegebenen  Naturzustand  angelegt
       sind. Gleichzeitig  versteht es sich von selbst, daß nicht alles,
       was in  der Natur  möglich wäre, auch gesellschaftlich wünschens-
       wert ist.  Die Naturgestaltung  muß also klaren Regeln und Normen
       unterworfen werden,  was nur  möglich ist, wenn die Menschen ihre
       eigenen Vergesellschaftungsprozesse  in den  Griff bekommen.  Auf
       diese Weise  wird die  Natur, wie es Hans Heinz Holz in Anlehnung
       an Engels formulierte, "in uns und durch uns frei." 7)
       Worin ich  mit Hans Heinz Holz nicht übereinstimme, ist die Frage
       der Naturveränderung.  Es fragt sich nämlich, ob die Gesellschaft
       angesichts der  Zuspitzung globaler  Probleme sich überhaupt noch
       ein anderes  Ziel setzen  kann als  das der Bewahrung vorhandener
       menschlicher Lebensbedingungen.  Dabei müßten  sich die  bewußten
       Veränderungen der Umwelt darauf konzentrieren, Gebiete, deren Zu-
       stände schon  heute nicht  mehr als menschenwürdig gelten können,
       so weit  wie möglich  wieder auf  einen früheren "gesünderen" Zu-
       stand zurückzuführen.
       Wie Wadim  Sagladin und Iwan Frolow 8) hervorheben, darf sich die
       Menschheit heute nicht mehr irren. Konnten die Menschen in frühe-
       ren Geschichtsepochen nach Fehlgriffen mit katastrophalen Auswir-
       kungen für  ihre natürlichen Lebensbedingungen auf noch jungfräu-
       liche Teile  der Erde  ausweichen, so  beschwören sie heute damit
       ihren Untergang als Gattung herauf. Das betonen auch Igor Bestus-
       hew-Lada 9)  und Nikita  Moissejew. 10)  Die angeführten sowjeti-
       schen Autoren  gehen jedoch implizit oder explizit davon aus, die
       Menschheit besäße  in Gestalt  der globalen Modellierung und Com-
       putersimulation bereits Methoden der Voraussicht, mit deren Hilfe
       sich solche Mißgriffe vermeiden ließen.
       Die Situation,  in der  die Menschheit  sich heute  befindet, ist
       aber m.E.  in Wirklichkeit  gerade deshalb äußerst kritisch, weil
       die Menschen  auf der  einen Seite  zum ersten  Mal in  ihrer Ge-
       schichte Eingriffsmöglichkeiten  in die  Biosphäre haben, die die
       Größenordnung  globaler  ökologischer  Kreisläufe  erreichen  und
       teilweise bereits  übersteigen, während sie auf der anderen Seite
       selbst nach  der Überwindung  der einer  Lösung globaler Probleme
       entgegenstehenden sozialökonomischen Gegensätze längst nicht über
       alle wissenschaftlichen  Voraussetzungen einer  vernünftigen  Ab-
       stimmung und  Planung ihrer Eingriffe in den Naturhaushalt verfü-
       gen. 11)
       Allerdings darf diese Einschätzung nicht in fatalistischer Manier
       interpretiert werden.  Obwohl sich  die Menschheit (bislang unge-
       bremst) dem  Rande eines Abgrundes nähert, verfügt sie in Gestalt
       der Informatik, der Elektronik, der Feinchemie und der Biotechno-
       logien zum  ersten Mal  in ihrer Geschichte wenigstens im Prinzip
       über die technologischen Voraussetzungen einer "sauberen" Produk-
       tion und einer weitgehend automatisierten Kontrolle ihrer Umwelt-
       auswirkungen. Das  heißt: Wir  verfügen zwar  nach wie  vor nicht
       über wissenschaftliche  Methoden, um  die ferneren Folgen unseres
       Tuns abschätzen  zu können,  aber wir sind zumindest in den Indu-
       strieländern technisch  in der  Lage, unsere Eingriffe in den Na-
       turhaushalt (über  Energiesparmaßnahmen, die  Mehrfachnutzung von
       Ressourcen, usw.) zu minimieren.
       In den  folgenden Kapiteln  soll näher begründet werden, daß eine
       Politik der  Umweltvorsorge sich  nur am  Ziel der  Bewahrung der
       noch vorhandenen  Reichtümer der Biosphäre orientieren kann. Die-
       ses Ziel  muß angesichts  der vorprogrammierten  Verdoppelung der
       Weltbevölkerung von  5 auf  10 Milliarden  Menschen  bereits  als
       reichlich utopisch  gelten, zumal die Rettung zahlreicher bedroh-
       ter Organismenarten nur auf dem Wege einer Zurücknahme schon ein-
       geleiteter  Beeinträchtigungen  ihrer  Lebensräume  möglich  sein
       dürfte. Trotzdem  sollten wir am Ziel der Stabilisierung der Bio-
       sphäre festhalten, weil es das einzige Ziel ist, auf das sich die
       Menschen in der Situation des Wettlaufs mit der Zeit noch einigen
       können, und  weil es  gleichzeitig das  einzige Ziel ist, das auf
       demokratischem Wege  angesteuert werden kann: Jeder einzelne kann
       und muß  für die Stabilisierung bzw. Wiederherstellung seiner ei-
       genen natürlichen  Lebensumstände eintreten.  Zielkonflikte  zwi-
       schen Einzel-und  Allgemeininteressen werden  so (allerdings  nur
       auf der  Basis der  sozialen Gleichheit!)  von vornherein  ausge-
       schlossen. Die  Aktualität des  "Contrat social"  liegt  auf  der
       Hand.
       
       2. Was kann die Ökologie leisten?
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       Die Vorstellungen vieler Marxisten über die Aufgaben der Ökologie
       wurden und  werden noch  heute stark von den Ideen des russischen
       Biogeochemikers Wladimir  I. Wernadski  beeinflußt, der  1921 den
       vom französischen  Theologen Teilhard de Chardin in einem ideali-
       stischen Sinn gebrauchten Begriff "Noosphäre" als Bezeichnung für
       die vernunftgemäß umgestaltete Biosphäre eingeführt hat. 12) Ver-
       schiedentlich wurde  die Noosphäre (abweichend von Wernadski, der
       darunter ein  durchaus widersprüchliches Verhältnis verstand) als
       Harmonie von  Mensch  und  Biosphäre  gedeutet.  Heute  wird  die
       Noosphäre im  Sinne einer  spannungsreichen Koevolution interpre-
       tiert, die aus dem Blickwinkel der menschlichen Evolutionspartner
       einer schwierigen  Gratwanderung oder,  wie es  N. Moissejew noch
       treffender ausdrückt, der Suche nach einer sicheren Passage durch
       ein Barriere-Riff ähnelt.
       Moissejew meint  jedoch, Computersimulationen  auf der  Grundlage
       globaler mathematischer  Modelle seien  prinzipiell in  der Lage,
       zumindest jene kritischen Schwellen auszumachen, die die Menschen
       bei Eingriffen  in die Biosphäre nicht überschreiten dürfen, wol-
       len sie  nicht die Bedingungen ihres Überlebens als Gattung durch
       die Auslösung  irreversibler  Evolutionsschritte  ins  Unbekannte
       aufs Spiel setzen. Damit bestimmt er die Aufgabe der Ökologie von
       vornherein ausschließlich defensiv, d. h. er fragt gar nicht erst
       danach, ob  es auch  möglich ist,  aus der Ökologie auch positive
       Orientierungen für  die gesellschaftliche Entwicklung abzuleiten.
       Damit kommt  Moissejew dem Ansatzpunkt der Stabilisierungskonzep-
       tion recht nahe.
       Die zahlreichen  Grundlagendisziplinen der  Ökologie wie die Geo-
       physik, die Chemie und nicht zuletzt verschiedene Zweige der Bio-
       logie können uns in der Tat nur verhältnismäßig selten sagen, was
       geht, d. h. welche gesellschaftlichen Ziele längerfristig mit den
       gegebenen bzw. erreichbaren lokalen und globalen Naturbedingungen
       vereinbar sind.  Aber sie sagen uns ziemlich oft, was nicht geht.
       Zum Beispiel  ist es bislang nicht möglich, im einzelnen abzulei-
       ten, was alles getan werden muß, um unsere dahinsiechenden Wälder
       zu retten.  Im Prinzip  wußte man  aber schon im 19. Jahrhundert,
       welche Belastungen den Wäldern nicht hätten zugemutet werden dür-
       fen. Es gibt viele ähnliche Beispiele.
       Moissejew gründet  seine Zuversicht,  was die  Computersimulation
       anbelangt, auf seine Erfahrungen bei der Abschätzung der ökologi-
       schen Auswirkungen  eines Atomkrieges  ("nuklearer Winter").  Die
       Tatsache, daß  in diesem Fall die recht unterschiedlich aufgebau-
       ten sowjetischen  und US-amerikanischen  Computermodelle zu über-
       einstimmenden Ergebnissen kamen, spricht eigentlich nicht für die
       Sensibilität der  ihnen zugrundeliegenden  Modellierungsmethoden.
       Sie muß eher als Hinweis dafür gewertet werden, daß bei so kolos-
       salen Eingriffen  in die Biosphäre Computersimulationen gar nicht
       nötig sind, um die katastrophalen Konsequenzen ausrechnen zu kön-
       nen. Es  gibt aber  auch Beispiele  die zeigen,  daß die Ökologie
       selbst bei  der Bestimmung  relativ grober  Belastungsgrenzen des
       Naturhaushaltes völlig  überfordert sein  kann. Das  ist der Fall
       bei dem  von Moissejew  angeführten Problem  der Abschätzung  des
       Einflusses der  globalen Zunahme des Kohlendioxidgehaltes der At-
       mosphäre auf das Klima.
       Die asymmetrische  Leistungsfähigkeit der  Ökologie hängt nämlich
       nur zu  einem Teil mit aktuellen Forschungslücken zusammen. Viel-
       mehr steht  dahinter auch  unser grundsätzliches  Unvermögen, die
       Naturzusammenhänge jemals  in ihrem  ganzen Reichtum  erfassen zu
       können. Trotz  beeindruckender Fortschritte der Naturwissenschaf-
       ten in  den letzten  Jahrzehnten, bleibt die Natur sowohl auf der
       Mikroebene wie  auch auf  der mittleren  (ökologischen) Ebene der
       Wechselwirkungen größtenteils  unberechenbar. Die Natur läßt sich
       weder als  präzises Uhrwerk  noch als  intelligent und harmonisch
       gefügtes Netzwerk  begreifen. Der  Zufall ist  eine unumstößliche
       Grundtatsache, mit  der wir  uns abfinden  müssen.  Das  bedeutet
       nicht, es  gebe keine Ordnung in der Natur. Nur müssen wir in un-
       seren Vorstellungen  von Ordnung  dem  Zufall  einen  gebührenden
       Platz einräumen.
       Das gilt  bereits für das streng determinierte und analytisch-ma-
       thematisch einfach  beschreibbare System  eines schwingenden Pen-
       dels, dessen  Verhalten von den zufälligen und nicht kontrollier-
       baren Anfangsbedingungen  abhängig ist.  13) Determiniertheit und
       Vorhersagbarkeit von Entwicklungen müssen also streng unterschie-
       den werden.  Das gilt erst recht für mechanische Systeme mit mehr
       Freiheitsgraden, ganz zu schweigen von ökologischen Systemen. Ro-
       bert M.  May, einer der Pioniere der mathematischen Ökologie, hat
       demonstriert, daß  bereits einfache  und vollkommen deterministi-
       sche Modelle  der Populationsentwicklung nur einer einzigen Orga-
       nismenart, deren  biologische Parameter vollständig bekannt sind,
       bei  Ausblendung  zufälliger  Umweltveränderungen,  aber  starker
       Nichtlinearität (Dichteabhängigkeit)  zu einem  Verhalten führen,
       das nicht mehr von einem Zufallsprozeß unterscheidbar ist. 14)
       Zwar ist es möglich, mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsabschätzun-
       gen und  der künstlichen  Isolierung von  Teilbereichen, einzelne
       Naturprozesse kurz-  und mittelfristig  halbwegs in  den Griff zu
       bekommen, doch  muß dabei  immer von einem unbegriffenen Rest ab-
       strahiert werden.  Dieser "Rest"  kann so  bedeutend sein, daß er
       ein Eigenleben  gewinnt und  unsere Kalkulationen irgendwann über
       den Haufen  wirft. Damit  ist noch  gar nichts  zum  Problem  des
       "menschlichen Versagens"  bei der Bedienung komplizierter Anlagen
       gesagt.
       Immer mehr  Naturwissenschaftler geben  sich heute zwar Mühe, der
       ungeheuren Komplexität  der Naturzusammenhänge gerecht zu werden,
       indem sie,  inspiriert von den Arbeiten des Chemie-Nobelpreisträ-
       gers Ilya  Prigogine, 15)  das Ideal des mechanistischen Weltbil-
       des, alles auf einfachste Prinzipien zurückführen zu wollen, auf-
       geben. Doch  werden sie  sich dabei  bewußt, wie  arm selbst ihre
       kompliziertesten Modelle  im Vergleich zur natürlichen Mannigfal-
       tigkeit bleiben.  Die Annäherung  der Modelle an die Realität ist
       nur als  unendlicher Prozeß vorstellbar. Das hat Lenin schon 1909
       in seinem Buch "Materialismus und Empiriokritizismus" herausgear-
       beitet.
       Obwohl wir der unendlichen Komplexität der Natur nur durch unend-
       lich komplexe Modelle gerecht werden könnten, brauchen wir einfa-
       che und  übersichtliche Modelle, um uns in der Welt zurechtzufin-
       den. Auch  in der  Landwirtschaft und in der verarbeitenden Indu-
       strie sind  wir ständig gezwungen, mit vereinfachten Modellen ma-
       terieller und  ideeller Natur  zu arbeiten. Wir müssen uns aller-
       dings davor hüten, diese Modelle mit der Realität gleichzusetzen.
       Vielmehr gilt  es im  Hinterkopf zu behalten, daß die Beziehungen
       in der  Natur wie übrigens die Beziehungen zwischen den menschli-
       chen Individuen  und der  Natur (darin eingeschlossen die Gesell-
       schaft als  "zweite Natur") viel reicher sind als alle Bilder und
       Vorstellungen, die wir uns jemals darüber machen können.
       Unsere Modelle können nur gewisse Aspekte der objektiven Realität
       widerspiegeln, die  von  der  jeweiligen  Fragestellung  abhängig
       sind. Bei  der praktischen Anwendung der Modelle macht sich diese
       Ausblendung von  Dimensionen des  Reichtums der  Wirklichkeit da-
       durch bemerkbar, daß sich die erhofften Resultate nicht mit einer
       absoluten Sicherheit,  sondern nur  mit einer  mehr oder  weniger
       großen Wahrscheinlichkeit einstellen. Der Weg von der Grundlagen-
       forschung über  die angewandte Forschung bis zur technischen Ent-
       wicklung verdeutlicht, wie ein Modell in Abhängigkeit von konkre-
       ten Zwecksetzungen gleichzeitig auf Einzelaspekte verengt und da-
       bei  trotzdem  komplizierter  wird;  denn  vieles  von  dem,  was
       zunächst an  Randbedingungen  experimentell  ausgeblendet  werden
       mußte, um  den prinzipiellen  Ablauf eines Naturprozesses theore-
       tisch verstehen  zu können,  muß in  späteren Etappen der techni-
       schen Entwicklung  wieder schrittweise  (das heißt  in der Praxis
       durch empirisches  Herumprobieren) soweit ins Modell zurückgeholt
       werden, bis  sich der  Naturprozeß in akzeptablen Toleranzgrenzen
       technisch meistern läßt. Mehr kann Naturbeherrschung nicht bedeu-
       ten.
       Das Problem besteht nun darin, daß dieses im Kleinen durchaus be-
       friedigende Vorgehen nicht auf unser Verhalten gegenüber größeren
       Naturstücken oder  gar gegenüber der ganzen Biosphäre übertragbar
       ist. Die  bei der  technischen Beherrschung  winzig kleiner  Aus-
       schnitte aus  dem Naturganzen  bewährte Methode  von Versuch  und
       Irrtum ist höchst gefährlich, sobald unsere globalen Lebensbedin-
       gungen auf  dem Spiel stehen. Naturbeherrschung müßte nun mit der
       globalen Steuerung  der Evolution  des Lebens  identisch  werden.
       Dazu aber  fehlen uns  die elementarsten theoretischen Vorausset-
       zungen.
       
       3. Zum Status der Ökologie
       --------------------------
       
       Im Universitätsbetrieb fristete die Ökologie als biologische Spe-
       zialdisziplin noch  vor nicht  allzu langer  Zeit ein  ausgespro-
       chenes Schattendasein.  Das hat  sich zwar  inzwischen  geändert.
       Aber noch immer ist es nicht ratsam, die Ökologie zu wählen, wenn
       man es auf eine glänzende wissenschaftliche Karriere oder gar auf
       den Nobelpreis  abgesehen hat.  Ganz anders  ist die Einschätzung
       der Ökologie  bei der grün-alternativen Oppositionsbewegung. Hier
       spielt sie die Rolle einer Leitwissenschaft oder eines Religions-
       ersatzes, wie  das vor allem bei den Jüngern des "Wendezeit"-Pro-
       pheten Fritjof  Capra der  Fall ist.  16) Problematisch sind hier
       v.a. antihumanistische (und damit antidemokratische) Forderungen.
       Dabei macht  es keinen  großen Unterschied,  ob diese Forderungen
       religiös begründet werden (wie die Forderung nach einem mystisch-
       kontemplativen Aufgehen der menschlichen Individuen in einer kos-
       mischen Harmonie) oder mechanisch-materialistisch (wie die Forde-
       rung nach  einer passiven  Anpassung der  Menschen an die ehernen
       Gesetze des biologischen Gleichgewichts).
       Wissenschaftsgläubigkeit und  Biologismen der  plattesten  Sorte,
       deren die  vermeintlichen Wachstumsfetischisten  beschuldigt wer-
       den, feiern in der grünen und alternativen Bewegung fröhliche Ur-
       ständ; denn  viele "Fundamentalisten" gehen von der unhinterfrag-
       ten Annahme  aus, man  könne aus der Ökologie unvermittelt objek-
       tive Maßstäbe für die mittel- und längerfristige Umweltgestaltung
       und für  die Tagespolitik  ableiten, die ein Eingehen auf die un-
       terschiedlichen, wenn  nicht gegensätzlichen  Interessen  gesell-
       schaftlicher Gruppen und Schichten sowie die Berücksichtigung ge-
       sellschaftswissenschaftlicher Erklärungsansätze  erübrigten. Doch
       diese Annahme erweist sich aus mehreren Gründen als Illusion. 17)
       Einer der  Gründe liegt im Rückstand der ökologischen Grundlagen-
       forschung. Mehr  und mehr  setzt sich die Einsicht durch, daß die
       modernen Hilfsmittel  der Forschung  beim Versuch  der Vertiefung
       unseres Verständnisses ökologischer Beziehungen die Erfahrung und
       die Intuition "alter Hasen" der Naturgeschichte nicht zu ersetzen
       vermögen. Und das um so mehr, als es in der Ökologie nicht wie in
       der Physik  um die  Herleitung allgemeiner Theorien geht, sondern
       um das Begreifen des historisch Einmaligen.
       Hermann Remmert,  einer der zur Zeit führenden Theoretiker in der
       deutschen Gesellschaft  für Ökologie, schrieb in seinem Ökologie-
       Lehrbuch: "Es ist ein Trugschluß, daß einfache Antworten auf ein-
       fach erscheinende  Fragen in  der Ökologie möglich sind. Der Öko-
       loge, der  heute Voraussagen  machen soll über die Wirkung dieser
       oder jener Änderungen im Faktorengefüge, kann nicht auf generali-
       sierende Modelle  zurückgreifen. (...)  Ebenso wie  der Arzt  den
       Einzelfall analysieren  muß, ehe  er zu einer Therapie schreitet,
       ebenso muß  der Ökologe den Einzelfall... erforschen, ehe er eine
       wirkliche Voraussage macht... Die Erfahrung, die ein Ökologe über
       viele Jahre  hinweg mit einander widersprechend erscheinenden Be-
       funden gemacht hat..., taugt dabei im allgemeinen mehr zu Vorher-
       sagen als  eine  einzelne,  mit  modernstem  technischem  Aufwand
       durchgeführte Analyse  mit Konstruktion  eines  generalisierenden
       Modells." 18)
       Doch geht  die Parallele  zwischen der  Ökologie und  der Medizin
       noch viel  tiefer. Im  historischen Überblick  fällt auf, daß die
       Ökologen nur  dann begriffliche  Fortschritte machten,  wenn  sie
       sich -  ausgesprochen oder  unausgesprochen -  als Ärzte  gesell-
       schaftlich geprägter Naturstücke begriffen b/w. die Art und Weise
       der  gesellschaftlichen  Naturaneignung  problematisierten.  Beim
       Chemiker Justus  von Liebig  war es die Überbeanspruchung der na-
       türlichen Bodenfruchtbarkeit infolge solcher Begleiterscheinungen
       der industriellen  Revolution wie der unkontrollierten Urbanisie-
       rung und des explosiven Bevölkerungswachstums, die zur Konzeption
       des Stickstoff-  und Phosphorkreislaufs  bei  der  Ernährung  von
       Pflanzen und  Tieren und damit zur Konzeption des Ausgleichs die-
       ser Nährstoffverluste  durch gezielte Düngung führte. Beim Zoolo-
       gen Karl  Möbius, der als eigentlicher Begründer der biologischen
       Ökologie gilt, war es die Suche nach Alternativen zur Überausbeu-
       tung der Austernbänke vor der deutschen Küste, die den Anstoß gab
       für die  Erkenntnis von  der Einheit einer Lebensgemeinschaft von
       Pflanzen und Tieren mit ihrem Lebensraum.
       Auch die  Weiterentwicklung der ökologischen Grundkonzepte im 20.
       Jahrhundert erfolgte  fast immer  als direkte oder indirekte Ant-
       wort auf  Engpässe der  (kapitalistischen)  Naturaneignung.  Aus-
       schlaggebend war  die Zuspitzung  solcher Umweltprobleme  wie die
       Überlastung von  Flüssen und Seen mit Industrie- und Siedlungsab-
       wässern, die  Massenvermehrung von  Schadinsekten in Wirtschafts-
       wäldern und  landwirtschaftlichen Kulturen,  die  Überjagung  von
       Pelztieren usw.
       Aber ungeachtet  der Tatsache, daß ein Großteil der theoretischen
       Fortschritte mit der Anwendungsorientierung der ökologischen For-
       schung zusammenhängt,  erwecken viele  Autoren nach  wie vor  den
       Eindruck, es  gehe bei  der Ökologie  nicht primär um die bessere
       Befriedigung menschlicher  Bedürfnisse, sondern  um die Erhaltung
       möglichst unberührter Naturstücke bzw. um die Bewahrung eines als
       ideal verstandenen natürlichen Gleichgewichts vor den zerstöreri-
       schen Eingriffen  der Menschen.  Dementsprechend sind die wenigen
       "naturnahen" bzw. wilden Inseln viel eingehender erforscht worden
       als die  sie umgebende Kulturlandschaft, deren Antlitz die Spuren
       Jahrhunderte bis  Jahrtausende währender menschlicher Nutzung und
       Gestaltung trägt.  Das ist  der wohl  wichtigste Grund dafür, daß
       die Ökologie  die heute in sie gesetzten Erwartungen nicht erfül-
       len kann.
       Die Ausblendung des Aspekts der Naturnutzung aus der ökologischen
       Theorie erfolgt allerdings nicht zufällig. Sie geht nicht auf die
       Vergeßlichkeit oder  Nachlässigkeit der Ökologen zurück. Vielmehr
       wäre eine  Ökologie, die  stärker die Naturnutzung thematisierte,
       automatisch mit den in einer Klassengesellschaft notwendigerweise
       widersprüchlichen Nutzungsinteressen  konfrontiert und  könnte es
       kaum vermeiden,  für die eine oder die andere Seite Partei zu er-
       greifen.
       Die Ökologie befindet sich also in der gleichen Situation wie die
       im ursprünglichen Sinne des jungen Rudolf Virchow verstandene Me-
       dizin. Beide stehen vor dem grundlegenden Problem der Normativie-
       rung, d.h., sie müssen Aussagen darüber treffen, was "gesund" und
       was "krank"  ist. Die  Normen für die Naturgestaltung wie für die
       menschliche Lebensweise  können nicht  aus naturimmanenten Krite-
       rien abgeleitet werden. Nicht alles, was "natürlich" ist, ist gut
       für die  Menschen. Zum  Beispiel ist das Botulinus-Toxin, der für
       tödliche Fleischvergiftungen  verantwortliche Giftstoff,  der von
       einem im  Boden weit  verbreiteten Bakterium produziert wird, ge-
       fährlicher als alle Gifte, die in der chemischen Industrie jemals
       willentlich (als  Kampfstoffe) oder  als ungewollte Nebenprodukte
       (wie das  Seveso-Dioxin) hergestellt  wurden. Und für die Hinter-
       bliebenen der  Opfer von  Fleischvergiftungen ist  es sicher  ein
       schwacher Trost  zu wissen, daß ihre Angehörigen eigentlich eines
       ganz natürlichen  Todes gestorben sind. Dieses Beispiel soll ver-
       deutlichen, warum  uns nur gesellschaftliche Kriterien weiterhel-
       fen.
       Das wichtigste,  wenn auch  nicht das  einzige Kriterium für eine
       Öko-Medizin ist  zweifelsohne das Überleben der menschlichen Gat-
       tung. Es  wäre ganz natürlich, wenn die biologische Art Homo, die
       sich etwas voreilig mit dem Beinamen sapiens schmückt, wie schät-
       zungsweise 90 Prozent aller Organismenarten vor ihr in absehbarer
       Zeit wieder von unserem Planeten verschwände - sei es nun infolge
       der Umweltverschmutzung,  einer dadurch ausgelösten globalen Kli-
       makatastrophe oder eines Atomkrieges, der auf das gleiche hinaus-
       liefe. Die natürliche Evolution des Lebens würde auch danach, al-
       lerdings ausgehend von einem viel niedrigeren Entwicklungsniveau,
       weitergehen. Homo,  der sich  bis jetzt  erst in Ansätzen aus dem
       Tierreich emporgearbeitet  hat, wird sich letztlich erst dann als
       sapiens erweisen,  wenn es  ihm gelingt,  sich diesem natürlichen
       Schicksal zu entziehen.
       Im Unterschied zu den Tieren, so heißt es, seien die Menschen zur
       zielgerichteten Veränderung der Natur zum Zwecke der Befriedigung
       ihrer leiblichen  und seelischen  Bedürfnisse befähigt. Bei einem
       Rückblick über  die bisherige  Geschichte der Menschheit fällt es
       jedoch schwer,  dieser im  Prinzip zutreffenden Aussage zuzustim-
       men. Mögen  die Ergebnisse der menschlichen Tätigkeit kurzfristig
       mit den  Absichten der  Individuen übereingestimmt haben, länger-
       fristig kam fast immer etwas heraus, das keiner gewollt hatte.
       Obwohl auf  allen Stufen  der Kultur- bzw. Produktivkraftentwick-
       lung nachhaltige  Formen der  Naturnutzung denkbar waren, konnten
       sie sich  nur in Ausnahmefällen durchsetzen. Schon die Steinzeit-
       menschen untergruben  ihre eigenen Lebensgrundlagen, indem sie in
       ihrer Unmäßigkeit  das Mammut  ausrotteten. Selbst bei den India-
       nerstämmen, die  uns heute als Musterbeispiele für einen behutsa-
       men Umgang  mit der  Natur vorgeführt  werden, fanden Archäologen
       deutliche Hinweise auf Phasen katastrophalen Raubbaus in der Ver-
       gangenheit, was  darauf schließen  läßt, daß  gerade diese Völker
       erst durch Schaden klug geworden sind.
       Allgemein gilt  bis heute der Ausspruch des französischen Frühro-
       mantikers Chateaubriand: "Wälder gehen den Völkern voraus, Wüsten
       folgen ihnen."  Je länger  ein Landstrich eine menschliche Kultur
       ertragen hat,  desto weiter  heruntergekommen ist seine Lebewelt.
       Und wenn  die globale ökologische Krise nicht schon früher einge-
       treten ist, lag das hauptsächlich daran, daß die Menschen bis vor
       wenigen Jahrzehnten  noch gar nicht über die Kräfte verfügten, um
       die Biosphäre  als Ganzes irreversibel zu schädigen. Wenn die Na-
       tur in Mitteleuropa vom Endzustand der Wüste noch weiter entfernt
       ist als das Mittelmeergebiet, dann geht das nicht nur auf günsti-
       gere klimatische  Bedingungen zurück,  sondern offenbar auch dar-
       auf, daß die Kulturentwicklung hier viel jüngeren Datums ist, wo-
       bei, um  das nochmals zu betonen, der Naturzustand nicht an einem
       Ideal der  Unberührtheit, sondern  an den  Möglichkeiten der men-
       schlichen Bedürfnisbefriedigung gemessen wird.
       Nichts wäre  allerdings abwegiger,  als in  der  bisherigen  Kul-
       turentwicklung lediglich  einen permanenten Prozeß der Umweltzer-
       störung sehen zu wollen. Denn trotz zahlreicher schmerzlicher und
       z.T. katastrophaler Rückschläge war diese Entwicklung, global be-
       trachtet, ein eindeutiger, wenn auch nicht selten teuer erkaufter
       Fortschritt. Die  Art Homo  konnte sich im Kampf ums Dasein nicht
       nur behaupten,  sondern ihren Lebensraum auf Kosten anderer Orga-
       nismenarten erheblich ausweiten. Das drückt sich nicht zuletzt in
       der starken Zunahme der Weltbevölkerung aus.
       Doch zeigt  sich gerade  in der Bevölkerungsexplosion der letzten
       Jahrzehnte sowie  in ähnlich rapide und unkontrolliert verlaufen-
       den Umweltveränderungen,  daß die Mittel und Wege, die bisher zum
       Erfolg im Kampf ums Dasein führten, nun das weitere Überleben der
       menschlichen Gattung  in Frage  stellen. Dabei  steht  nicht  die
       Technik an  sich zur  Debatte, sondern  ihre Anwendung zum Zwecke
       der Ausbeutung  von Mensch  und Natur  (wobei es  sich von selbst
       versteht, daß  der ausbeuterische Zweck sich in der konkreten Ge-
       staltung der Mittel niederschlug).
       Daraus läßt sich die Hauptaufgabe der als Teil einer alle Lebens-
       bereiche umfassenden  Präventivmedizin verstandenen  Ökologie ab-
       leiten. Notwendig  ist die  generelle Verlangsamung  und  ein  in
       Teilbereichen gänzliches Aufhalten von Umweltveränderungen (darin
       eingeschlossen natürliche Entwicklungen, die ohne unser Zutun ab-
       laufen) mit dem Ziel einer Stabilisierung solcher Lebensbedingun-
       gen, die  als menschlich  bezeichnet zu werden verdienen. Das muß
       allerdings konkretisiert werden.
       
       4. Was heißt Stabilisierung der Lebensbedingungen?
       --------------------------------------------------
       
       Wie bereits  im 2.  Kapitel hergeleitet  wurde, kann es nur darum
       gehen, vernünftige  Formen der  Koexistenz zwischen  der  Spezies
       Homo und den übrigen Millionen von Organismenarten zu finden. Der
       von Moissejew verwendete Begriff "Koevolution" erscheint aus meh-
       reren Gründen  unangebracht. Es bleibt völlig unklar, wer mit wem
       wohin evoluieren  soll. Demgegenüber gilt es festzuhalten: Evolu-
       ieren soll  einzig der  Mensch als  gesellschaftliches Wesen, was
       voraussetzt, daß er biologisch nicht mehr evoluiert. Die Verlage-
       rung der  Anpassungsleistungen vom genetischen auf das kulturelle
       Erbe  ist  eine  der  wichtigsten  Bedingungen  des  Menschseins.
       (Darauf muß gerade in der Ethikdiskussion im Zusammenhang mit den
       Möglichkeiten  der   Genmanipulation  bestanden  werden.)  Ferner
       sollte aus  dem Vorstehenden  klargeworden sein,  daß die gesell-
       schaftliche Entwicklung  nur dann  fortgeführt werden  kann, wenn
       die Evolution der Biosphäre insgesamt erheblich verlangsamt wird.
       (Ganz anhalten können wir sie nicht.)
       Der letzte Punkt ist deshalb so wichtig, weil die Menschen in den
       letzten Jahrzehnten die Evolution der Biosphäre in beängstigender
       Weise beschleunigt  haben. Noch  von geringer Bedeutung ist dabei
       bis jetzt  die Schaffung  neuer bzw.  der Umbau vorhandener Arten
       durch Genmanipulationen  und andere moderne Biotechniken. Weitaus
       gewichtiger ist  die massive Ausrottung von Organismenarten durch
       die großflächige  Zerstörung von Lebensräumen, die in großen Tei-
       len der  Welt nicht  mit Hilfe  moderner, sondern unter dem Druck
       der Armut mit primitivster Technik bewerkstelligt wird. 19)
       Eine  grobe   Regel  besagt,  daß  sich  die  gegebene  Artenzahl
       halbiert, wenn  ihr ursprünglicher  Lebensraum auf 10 Prozent zu-
       sammenschrumpft. 20) Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird global
       mit einem  Verlust von  einer Million  Arten gerechnet.  Schon 50
       Jahre später  könnte ein Viertel aller heute noch vorhandenen Ar-
       ten verschwunden sein. 21)
       In der  1980 von den bedeutendsten Naturschutzorganisationen vor-
       gelegten "Weltstrategie  für die Erhaltung der Natur", deren Öko-
       logie- und  entwicklungspolitische Ansätze  auch in die folgenden
       Überlegungen einfließen, heißt es dazu: "Die Menschen sind zu ei-
       ner bedeutenden  Entwicklungskraft geworden.  Wenngleich uns  das
       Wissen fehlt, die Biosphäre zu beherrschen, so haben wir doch die
       Macht, sie  drastisch zu  verändern. Wir  sind unseren Nachkommen
       wie auch  anderen Kreaturen gegenüber moralisch verpflichtet, da-
       bei wohlüberlegt  zu handeln. (...) Wir können nicht voraussagen,
       welche Arten für uns nützlich sein können. Es kann durchaus sein,
       daß wir  erkennen lernen,  daß viele  Arten, die  entbehrlich er-
       scheinen, wichtige  Produkte liefern  können, wie etwa Arzneimit-
       tel, oder  daß sie  wesentliche Bestandteile ökologischer Lebens-
       grundlagen sind,  von denen  wir abhängen.  Aus Gründen der Ethik
       und des  Eigeninteresses sollten wir deshalb niemals das Ausster-
       ben auch nur einer Art bewußt verursachen." 22)
       Das bedeutet keineswegs, den größten Teil unserer Erde in ein Na-
       turschutz-Reservat zu verwandeln. Es ist gerade das Verdienst der
       "Weltstrategie" und  des darauf  aufbauenden "Öko-Atlas"  von  N.
       Myers u.a., Wege einer vielfältigen und nachhaltigen Naturnutzung
       aufgezeigt zu  haben. Eine sich selbst überlassene Biosphäre wäre
       alles andere  als stabil.  Eine Stabilisierung  ist nur durch den
       intelligenten Einsatz  menschlicher Arbeit  23) zu erreichen. Bei
       uns in  Mitteleuropa mit  seiner klimatisch bedingten Tendenz zur
       Ausbildung von  Dominanz-Ökosystemen ("natürliche  Monokulturen")
       ist das besonders einleuchtend: eine Aufgabe traditioneller land-
       wirtschaftlicher Nutzungsformen  führt hier im Endeffekt zu einer
       Artenverarmung. Eine  Stabilisierung wäre deshalb nicht durch die
       EG-Politik der  "Flächenstillegung" zu  erreichen,  sondern  eher
       durch eine  Rückkehr zum  Vorkriegsstand der  Naturnutzung.  (Das
       gilt übrigens auch für die Schadstoffbelastung der Wälder.)
       Auf globaler  Ebene beinhaltet  Stabilisierung  die  schrittweise
       allgemeine militärische  Abrüstung, einen Stopp der Bevölkerungs-
       explosion und  der unkontrollierten  Urbanisierung durch  bewußte
       und möglichst  freiwillige Familienplanung, die Erhaltung der Bo-
       denfruchtbarkeit (die  in weiten  Teilen der Erde infolge der na-
       türlichen Auswaschung von Pflanzennährstoffen auch ohne zerstöre-
       rische menschliche  Eingriffe abnähme), die weitestgehende Erhal-
       tung der  Artenmannigfaltigkeit durch  die Rettung der Wälder und
       der Lebewelt der Meere sowie die Verhinderung einer neuen Eiszeit
       bzw. ihres  Gegenteils, der Aufheizung der Erdatmosphäre. (Solche
       globalen Klimaumschwünge  können sich,  wie wir heute wissen, in-
       nerhalb weniger  Jahrzehnte vollziehen.) Es handelt sich dabei z.
       T. um kolossale Aufgaben, die mit der von manchen als Allheilmit-
       tel angepriesenen Kleintechnik mit Sicherheit nicht zu bewältigen
       sein werden.  Allerdings werden  Katastrophen  geologischen  oder
       kosmischen Ursprungs auch mit der größten Technik allein nicht zu
       verhindern sein.
       Auf lokaler  bzw. regionaler  Ebene geht es um die Erhaltung bzw.
       Schaffung dessen,  was in  der deutschen  Sprache Heimat  genannt
       wird: eine  Landschaft, deren Bewohner hier dauerhaft ihr Auskom-
       men finden und sich heimisch fühlen können. 24)
       Es ist  notwendig, den hier verwendeten Heimatbegriff ansatzweise
       inhaltlich auszufüllen.  Die Stabilisierung  unserer Lebensbedin-
       gungen bedeutet  alles andere  als ein  Einfrieren der Produktiv-
       kraftentwicklung. Im Gegenteil: Sie ist auf dem erreichten Niveau
       der menschlichen  Naturaneignung nur  durch einen erheblichen ge-
       sellschaftlichen Arbeitsaufwand erreichbar. Wir gelangen zur Hei-
       mat, der vermenschlichten Natur, nur vorwärtsschreitend und nicht
       im Rückwärtsgang  und schon gar nicht gebeugt oder auf allen Vie-
       ren. (Ich  spreche deshalb bewußt nicht einfach von der Erhaltung
       "stabiler" Ökosysteme,  weil diese  Formulierung den Menschen von
       vornherein nur  als Störenfried  einer vorgegebenen  Harmonie er-
       scheinen läßt.)
       Die Verlangsamung  der Umweltveränderung  erfordert in  verschie-
       denen Bereichen,  die heute aus kurzsichtigen Erwägungen vernach-
       lässigt werden (so die Techniken der Energie- und Materialeinspa-
       rung sowie  der Vermeidung gefährlicher Abfälle), gerade eine er-
       hebliche Beschleunigung technischer Fortschritte. Andere Entwick-
       lungen hingegen, die heute aus Profitgier und Machtstreben geför-
       dert werden  (wie die  Atomenergie, die Genmanipulationen und die
       immer weiter gehende Chemisierung und Standardisierung der Agrar-
       produktion), gilt es zu bremsen oder in verschiedenen Fällen ganz
       abzustoppen bzw.  rückgängig zu  machen. (Dabei  dürfen wir nicht
       vergessen, daß  verschiedene Folgen dieser Fehlentwicklungen, wie
       insbesondere die  Ausrottung von Organismenarten oder die Verseu-
       chung der Biosphäre mit langlebigen Radionukliden, so gut wie ir-
       reparabel sind.)
       Die Forderung  nach Stabilisierung,  Heimatbewahrung und -gestal-
       tung mag  konservativ erscheinen.  Tatsächlich beinhaltet  sie im
       gegebenen wirtschaftlichen  und gesellschaftlichen  Kontext  aber
       mehr revolutionäre  Konsequenzen, als  viele  ahnen.  Die  Stabi-
       lisierung unserer Lebensbedingungen ist unvereinbar mit der unge-
       zügelten kapitalistischen Profitjagd, d.h. das Heimatrecht (nicht
       zu verwechseln mit der revanchistischen Forderung der "Landsmann-
       schaften")  kann   nur  im   Kampf  gegen  die  Kapitalherrschaft
       durchgesetzt werden.  Gerade in  den Auseinandersetzungen  um die
       Gentechnologien zeigt  es sich,  daß die vorgeblich Konservativen
       in  Wirklichkeit  vor  kaum  einer  technischen  und  moralischen
       Umwälzung zurückschrecken, sofern nur die bestehenden wirtschaft-
       lichen Machtverhältnisse  unangetastet bleiben.  Ethische Diskus-
       sionen bedeuten  da nur Zeitverlust im Wettrennen mit der Konkur-
       renz.
       Die ethischen Überlegungen sollten aber nicht um das nackte Über-
       leben kreisen.  Eine  progressive  Besetzung  des  Heimatbegriffs
       könnte sich  m.E. gerade  deshalb als äußerst fruchtbar erweisen,
       weil sie  es erlaubt,  den Kampf um die Sicherung unserer Lebens-
       grundlagen gegen  kurzsichtige Kapitalinteressen mit dem Ziel der
       allseitigen Entfaltung  der menschlichen Individuen zu verbinden.
       Menschliche Freiheit als Beherrschung der Vergesellschaftungspro-
       zesse ist  undenkbar ohne  die Schaffung überschaubarer Lebensum-
       stände auf  lokaler und regionaler Ebene unter Einschluß von For-
       men direkter Demokratie.
       Diese lokalen  Formen der  Demokratie dürfen allerdings nicht vom
       nationalen und internationalen Kampf für Frieden, soziale Gleich-
       heit und  Brüderlichkeit getrennt  werden. Das heißt: Stabilisie-
       rung und Heimatbewahrung und -gestaltung dürfen nicht darauf hin-
       auslaufen, den Kapitalismus und die mit ihm notwendig verbundenen
       Tendenzen zur  Vergeudung natürlicher und gesellschaftlicher Res-
       sourcen und  zur Verschärfung  der sozialen  und  regionalen  Un-
       gleichheiten gleichsam  unter Naturschutz zu stellen. Es ist not-
       wendig, auf regionaler Ebene konkrete stofflich-technische Alter-
       nativen zur kapitalistischen Vergeudungswirtschaft auszuarbeiten.
       Aufbauend auf  theoretischen Vorarbeiten  von Hans  Roos,  Günter
       Streibel u.a.  25) sowie  von K.H. Tjaden 26) hat die Forschungs-
       gruppe Produktivkraftentwicklung  Nordhessen (FPN) an der Gesamt-
       hochschule Kassel in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit In-
       genieuren ein  solches Regionalmodell  (Energie- und Strukturkon-
       zept) für  den Schwalm-Eder-Kreis  in Nordhessen  erarbeitet. 27)
       Diese Studie  rechnet am  Beispiel einer  gleichzeitig überdurch-
       schnittlich von Arbeitslosigkeit und Umweltgefährdungen betroffe-
       nen Region  vor, wie  den gewerkschaftlichen  Vorstellungen einer
       Verbindung von  Umweltschutz und Beschäftigungsförderung 28) ent-
       sprochen werden  kann. In  ähnlicher Weise  müßte das Konzept der
       Stabilisierung überall konkretisiert werden.
       
       _____
       1) MEW 20, S. 307.
       2) Einen Teil dieser Anregungen habe ich bereits vor nunmehr fast
       zehn Jahren  angesichts der  sich zuspitzenden ökologischen Krise
       zu verarbeiten versucht (vgl. E. Gärtner, Arbeiterklasse und Öko-
       logie, Frankfurt/M.  1979, S.  70 ff.). Schon damals sah ich mich
       veranlaßt, den Begriff der Naturbeherrschung zu problematisieren.
       In der  Zwischenzeit hat  sich Hans  Heinz Holz wiederholt dieses
       Themas angenommen (vgl. u.a. H.H. Holz, Grundsätzliches zu Natur-
       verhältnis und ökologischer Krise, in: Marxistische Studien. Son-
       derband 1/1982  zum 100.  Todestag von  Karl  Marx,  Frankfurt/M.
       1982, S.  155-171; ders., Historischer Materialismus und ökologi-
       sche Krise,  in: Dialektik 9 (Red. E. Gärtner/A. Leisewitz), Köln
       1984, S.  30-42; ders.,  Einleitungsreferat  zum  Internationalen
       Symposium "Mensch, Natur und Umwelt im Werk von Friedrich Engels"
       am 10.  August 1985 in Wuppertal, in: Schriftenreihe der Marx-En-
       gels-Stiftung 5, Wuppertal 1986, S. 7-22.
       3) Vgl. G. Stiehler (Hrsg.), Veränderung und Entwicklung. Studien
       zur vormarxistischen Dialektik, Berlin/DDR 1974.
       4) MEW 19, S. 226.
       5) Vgl. W.  Harich, Kommunismus  ohne Wachstum?  Babeuf  und  der
       "Club of  Rome". Sechs  Interviews mit Freimut Duwe und Briefe an
       ihn, Reinbek bei Hamburg 1975.
       6) Vgl. M.  Clouscard, De la Modernite. Rousseau ou Sartre, Paris
       1985. Was dabei stört, sind überflüssige und teilweise auch irre-
       führende Anleihen bei der Praxis-Philosophie.
       7) H.H.  Holz,   Einleitungsreferat  zum  Internationalen  Sympo-
       sium..., a.a.O., S. 12.
       8) Vgl. W.  Sagladin/I. Frolow,  Globale Probleme  der Gegenwart,
       Berlin/DDR 1982.
       9) Vgl. I.  Bestushew-Lada, Die  Welt im Jahr 2000. Eine sowjeti-
       sche Prognose für unsere Zukunft (Hrsg. G. Erler), Freiburg i.Br.
       1984.
       10) Vgl. N.  Moissejew, Man,  Nature and  the Future of Civilisa-
       tion, Moskau 1986.
       11) Bernhelm Booß-Bavnbek  und Martin  Bohle-Carbonell kommen  in
       ihrem Beitrag in diesem Band über einen anderen Einstieg zu einem
       ähnlichen Schluß.
       12) Vgl.  W.I.   Wernadski,  Einige   Worte  über  die  Noosphäre
       (Übersetzung eines  Aufsatzes von  1944),  in:  Biologie  in  der
       Schule, Berlin/DDR, 21. Jg., Nr. 6/1972, S. 222-231.
       13) Vgl. M.  Dubois/P. Atten/P.  Berge, L'ordre chaotique, in: La
       Recherche, Paris, No. 185 (Februar 1987), S. 190-201.
       14) Vgl. R.M. May (Hrsg.), Theoretische Ökologie, Weinheim 1980.
       15) Vgl. I.  Prigogine/I. Stengers,  Dialog mit  der Natur - Neue
       Wege naturwissenschaftlichen Denkens, München/Zürich 1981.
       16) Vgl. J.P. Regelmann/E. Schramm (Hrsg.), Wissenschaft der Wen-
       dezeit - Systemtheorie als Alternative?, Frankfurt/M. 1986.
       17) Die Schwierigkeiten der Vermittlung zwischen Ökologie und Po-
       litik rechtfertigen  aber noch lange nicht den Versuch von Ludwig
       Trepl (vgl.  L. Trepl,  Geschichte der Ökologie. Vom 17. Jahrhun-
       dert bis  zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1987), den politischen Cha-
       rakter der  Ökologie wieder  in Zweifel zu stellen. M.E. ist eine
       Bestimmung des gesellschaftlichen und wissenschaftssystematischen
       Status der  Ökologie nur  dann möglich,  wenn man nicht in erster
       Linie die  z. T. höchst bedenklichen Arbeitsmethoden und histori-
       schen Wurzeln  der Ökologie  im Auge  hat, sondern ihre aktuellen
       Aufgaben, die  sich mit  denen einer allgemeinen Präventivmedizin
       decken (vgl.  E. Gärtner,  Zum Status  der Ökologie. Die Analogie
       von Medizin und Ökologie, in: Dialektik 9, a.a.O., S. 107-116).
       18) H. Remmert,  Ökologie. Ein  Lehrbuch, 2.,  neubearb. u.  erw.
       Auflage, Berlin-Heidelberg-New York 1980, S. 282.
       19) Vgl. E. Gärtner, Armutsbedingte Umweltprobleme, in: AIB - Die
       Dritte-Welt-Zeitschrift, 17. Jg., Nr. 7/1986, S. 33-36.
       20) Vgl. R.M. May, a.a.O.
       21) Vgl. N.  Myers (Hrsg.),  GAIA. Der  Öko-Atlas  unserer  Erde,
       Frankfurt/M. 1985.
       22) IUCN, Weltstrategie  für die Erhaltung der Natur. Ausgearbei-
       tet von der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur und der
       natürlichen Lebensräume  (IUCN) in Zusammenarbeit mit dem Umwelt-
       programm der  Vereinten Nationen  (UNEP), dem World Wildlife Fund
       (WWF), der  Landwirtschafts- und  Ernährungsorganisation der Ver-
       einten Nationen (FAO) und der Organisation der Vereinten Nationen
       für Erziehung,  Wissenschaft und  Kultur (Unesco).  Herausgegeben
       vom Bundesministerium  für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten,
       Bonn 1980.
       23) Gernot   Böhme    und   Engelbert    Schramm   sprechen   von
       "Reproduktionsarbeit" (vgl.  G. Böhme/E. Schramm (Hrsg.), Soziale
       Naturwissenschaft. Wege zu einer Erweiterung der Ökologie, Frank-
       furt/M. 1985).
       24) Dazu wäre  eine eigene  Abhandlung nötig. Die Schwierigkeiten
       mit dem  Heimatbegriff rühren  nicht nur  daher, daß er teilweise
       reaktionär vorbelastet  ist. Noch  problematischer ist vielleicht
       die Tatsache, daß der im deutschen Sprachraum relativ eindeutigen
       Bezeichung in  anderen Sprachen  eine hinreichend genaue Entspre-
       chung fehlt.  Beispielsweise tritt  im Französischen  das unserem
       Heimatbegriff noch am ehesten entsprechende Wort "pays" eindeutig
       hinter "pa-trie"  (Vaterland) zurück.  Dieses aber  reicht bis in
       den Südpazifik,  d. h. an Orte, die von anderen Völkern mit eini-
       gem Recht  als Heimat beansprucht werden. Zu Konflikten dürfte es
       in vielen  Teilen der  "Dritten Welt"  kommen: Wessen  Heimat ist
       z.B. das  Amazonasbecken? Gehört es den indianischen Ureinwohnern
       oder den Brasilianern? Wo ist die Heimat der landlosen Bauern?
       25) H. Roos/G. Streibel (Leiter des Autorenkollektivs), Umweltge-
       staltung und Ökonomie der Naturressourcen, Berlin/DDR 1979.
       26) K.H. Tjaden, Gesellschaftliche Produktivkraft und ökonomische
       Gesellschaftsformation. Thesen zur Genese und Perspektive kapita-
       listischer Mensch-Natur-Beziehungen,  in: Dialektik 9, a.a.O., S.
       60-72.
       27) Siehe D.  Düe/P. Strutynski/K.H.  Tjaden, Die  ESSEK-Studien:
       Energie- und Ressourcenpolitik in einer Strategie regionaler Ent-
       wicklung für  den Schwalm-Eder-Kreis,  in:  E.  Gärtner  (Hrsg.),
       Grünbuch V, Köln 1987.
       28) Vgl. E.  Gärtner, Gewerkschaften  und Ökologie,  Nachrichten-
       Reihe 32, Frankfurt/M. 1985.
       

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