Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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       ZUR EINSCHÄTZUNG EINES ANSPRECHPOTENTIALS
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       FÜR NEOFASCHISTISCHE AGITATION
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       Eva Gottschaldt
       
       1. Problematische  Datenlage - 2. Zur Aufarbeitung des Faschismus
       an der  Macht im  Massenbewußtsein -  3. Einige Rahmenbedingungen
       neofaschistischer Agitation  - 4. Überlegungen zur antifaschisti-
       schen Strategie
       
       1. Problematische Datenlage
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       Die bayerischen  Landtagswahlen 1986  und die  Bundestagswahl vom
       Januar 1987  bieten Anlaß, darüber nachzudenken, wie realistische
       Angaben über Umfang, Stärke und Stabilität eines Ansprechpotenti-
       als für  neofaschistische Agitation erarbeitet werden können. Un-
       ter welchen  Umständen werden Menschen, bei denen Argumentations-
       muster und  politische Ziele des Neofaschismus auf Sympathie sto-
       ßen, mobilisiert,  also dazu bewegt, für diese Ziele aktiv einzu-
       treten?
       Stimmabgabe ist  eine Form aktiven politischen Verhaltens, und in
       Bayern entschieden sich 3% der Wähler für die Republikaner - jene
       1983 wegen  eines Kredits  an die DDR, der auf die Initiative von
       Strauß zurückging,  als Protestformation  rechts von  der CSU ge-
       gründete Partei,  in welcher zunehmend offen neofaschistische Po-
       sitionen Ziele  und Agitation bestimmen und Leute eine politische
       Heimat finden,  die durch  Mitarbeit in anderen neofaschistischen
       Organisationen und  Kreisen geprägt  sind. 1) Bei den Bundestags-
       wahlen konnte  die NPD  ihre Stimmen  mehr als verdreifachen (von
       68 000 auf  226 298) und  wird 1,2  Mio. DM aus Steuergeldern als
       Wahlkampfkostenerstattung einstreichen. Eine erschöpfende Analyse
       dieser Entwicklung ist hier nicht nur aus Platzgründen unmöglich;
       es fehlt  - dazu wird weiter unten etwas zu sagen sein - an empi-
       rischem Material.  Hier sollen  einige  Überlegungen  vorgestellt
       werden, Punkte,  die m. E. beachtet werden müssen, wenn gefährli-
       che Fehleinschätzungen vermieden werden sollen. 2)
       Es gibt  z. B.  keine einfachen  Korrelationen zwischen Massenar-
       beitslosigkeit und Marginalisierung lehrstellenloser Jugendlicher
       einerseits und Erfolgen neofaschistischer Agitation andererseits:
       Der Langzeitarbeitslose  wird sich  aus dem formalen Zusammenhang
       politischer  Willensbildung  (Stimmabgabe,  Veranstaltungsbesuch,
       Parteieintritt, Parteiarbeit)  eher "ausklinken", eben nicht mehr
       mobilisierbar sein.  Das Lebensgefühl  und die Bedürfnisse, deren
       Erfüllung der  vom martialischen Auftreten der Neofaschisten fas-
       zinierte Fußballfan  in Stadion  und Kneipe erhofft, stehen einer
       Integration in  eine nach  Führerprinzip strukturierte Nazigruppe
       eher  entgegen.   Der  geschlossene   Übertritt  der   Dortmunder
       "Borussenfront" zur  Kühnen-ANS nach  deren Verbot 1983 ist nicht
       Ausdruck einer  a l l g e m e i n e n  Tendenz gewesen. 3)
       Dennoch ist  die Gefährdung  Jugendlicher durch den Neofaschismus
       größer, als  eine Untersuchung  aus dem Jahr 1982 vermuten lassen
       könnte. 4)  Bezüglich der  Sympathie für  die NPD und der Haltung
       gegenüber "nationalistisch eingestellten Gruppen (z.B. Wiking-Ju-
       gend)" ergaben sich damals keine relevanten Unterschiede zwischen
       arbeitslosen Jugendlichen  und solchen,  die eine  Lehr- oder Ar-
       beitsstelle hatten.  Daß sich aus den Prozentzahlen keine direkte
       Beziehung  zwischen   Jugendarbeitslosigkeit  und  Sympathie  für
       "nationalistisch eingestellte  Gruppen" ergibt,  darf nicht davon
       ablenken, daß  es in der Gesamtgruppe immerhin fast 3% waren, die
       solche Gruppen  "gut fanden" und unter Lehrern und Erziehern seit
       Mitte der  siebziger Jahre  von der  sogenannten Hitlerwelle  die
       Rede ist,  von Hakenkreuzschmierereien  und "Judenwitzen"  in der
       Schule. In diesem Zeitraum verdreifachten sich die Mitgliederzah-
       len neofaschistischer Jugendorganisationen! 5)
       Natürlich gibt  es zwischen  dieser Entwicklung und der Tatsache,
       daß Jugendliche seit 1974/1975 mit einer überdurchschnittlich ho-
       hen Arbeitslosigkeit  (im Vergleich mit anderen Jahrgangsgruppen)
       konfrontiert sind,  Zusammenhänge. Für die Frage nach einer anti-
       faschistischen Strategie ist die differenzierte Betrachtung wich-
       tig: Jugendarbeitslosigkeit als einen - neben anderen - wichtigen
       Faktor bei der Herausbildung einer kritischen psychischen und Be-
       wußtseinslage zu sehen, auf die zu reagieren es verschiedene Mög-
       lichkeiten gibt, von denen die Entwicklung von Sympathie für neo-
       faschistische Ideen und Organisationen und Integration in die Na-
       ziszene   e i n e   ist. Warum  gerade diese ergriffen wird - das
       ist einer  der Punkte, über die wir uns Klarheit verschaffen müs-
       sen, wenn wir uns überlegen, wie wir der neofaschistischen Gefahr
       entgegentreten können. 6)
       Insgesamt ist die Materialgrundlage für eine Untersuchung des An-
       sprechpotentials für neofaschistische Agitation schlecht. Wahler-
       gebnisse geben  lediglich eine  quantitative Auskunft  über  eine
       Möglichkeit politischen  Verhaltens.  Seit  der  direkt  auf  den
       "Rechtsextremismus" abzielenden  SINUS-Studie von  1979/1980  ist
       keine vergleichbare  Untersuchung mehr durchgeführt worden. Abge-
       sehen von  dem totalitarismustheoretischen "Extremismus"-Begriff,
       der der  SINUS-Studie zugrunde  liegt, ist ihre Heranziehung auf-
       grund der  seitherigen Entwicklung  zunehmend problematisch.  Die
       Studie wurde  vor dem  raschen Anwachsen  der neuen Friedensbewe-
       gung, damit vor Beginn der auch daraus resultierenden politischen
       Polarisierung (deren  entscheidendes Moment  das  Aufbrechen  des
       "verteidigungs"politischen Konsenses  ist) erstellt.  Die Auswir-
       kungen der  Auseinandersetzungen um  die Beschäftigung  ausländi-
       scher Kollegen, die Kampagne gegen die Inanspruchnahme des grund-
       gesetzlich garantierten  Asylrechtes konnten von SINUS noch nicht
       berücksichtigt werden,  ebensowenig wie die heftigen Debatten zur
       Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit aus Anlaß
       des 30.  Januar 1983  und des 8. Mai 1985. (Debatten übrigens, an
       denen sich  gezeigt hat  und die mit bewirkt haben, daß die Frage
       nach dem  Geschichtsbild und dem Stellenwert des Faschismus darin
       immer mehr zum zweiten entscheidenden Moment der Polarisierung im
       ideologischen Kräfteverhältnis  wird, zum  Punkt, an dem sich die
       Geister scheiden.  Die jüngste ideologische Offensive konservati-
       ver Historiker  hat diese  Polarisierung nicht  rückgängig machen
       können, sondern im Gegenteil verschärft.)
       SINUS kam  u.a. zu dem Ergebnis, daß 13% aller Wähler in der Bun-
       desrepublik ein "geschlossenes rechtsextremes Weltbild" besitzen.
       7) Die  Auswertung einer  Umfrage, die  bei der  Formulierung der
       Statements jene Themen berücksichtigte, die zur Zeit in der Nazi-
       presse mit  Vorrang behandelt werden, käme vermutlich zu weit hö-
       her  liegenden   Schätzungen  (Nationalismus,  "Ehrenschutz"  der
       "Frontsoldaten", Ausländerbeschäftigung, Aidsgefahr, § 218). Ins-
       gesamt konnten  das erst  später erfolgte  Umschwenken der bedeu-
       tendsten neofaschistischen Formation, der NPD, auf das Thema Öko-
       logie und  der  Versuch,  über  Stichworte  wie  "Blockfreiheit",
       "Neutralität" und "deutscher Sonderweg" Einfluß auf die Friedens-
       bewegung zu  erlangen, in der SINUS-Studie noch nicht berücksich-
       tigt werden.
       Eine Studie  über die  Wähler der  Republikaner 1986 bzw. der NPD
       1987 gibt  es noch nicht. Umfragen zu Einzelthemen (INFAS zu Aus-
       länderfeindlichkeit 1982, STERN über Antisemitismus 1986) berück-
       sichtigen einzelne  ideologische Elemente,  die zwar - in jeweils
       unterschiedlicher "Aufmachung"  - zum  Repertoire jedweder neofa-
       schistischen Gruppierung in der Bundesrepublik gehören. Aus ihrem
       Vorhandensein in  der Alltagsideologie  eines Befragten kann aber
       nicht ohne  weiteres auf  das Vorhandensein  eines  geschlossenen
       neofaschistischen Weltbildes  bei  dem  Betreffenden  geschlossen
       werden.
       Umgekehrt wäre  es fahrlässig zu glauben, Menschen ohne geschlos-
       senes neofaschistisches Weltbild wären für neofaschistische Grup-
       pierungen bzw.  deren Ziele  nicht mobilisierbar.  Der Erfolg der
       "Kieler Liste  für Ausländerbegrenzung", die im März 1982 bei der
       Kommunalwahl 3,8%  der Stimmen  erhielt (und  sich 1986 aufgelöst
       hat, um  ihren Mitgliedern  den Übertritt zu den Republikanern zu
       ermöglichen) 8), die heftige Debatte um die Beschäftigung auslän-
       discher Kollegen  und um das Asylrecht sowie in jüngster Zeit die
       Kampagne für  medizinisch sinnlose  und im Kern rassistische Maß-
       nahmen gegen  HIV-("Aids"-)Infizierte zeigen,  daß ein  geschlos-
       senes neofaschistisches Weltbild eben nicht Voraussetzung für ak-
       tives Handeln  (öffentliches  Eintreten,  Leserbriefe  schreiben,
       wählen etc.)  ist, welches objektiv neofaschistische Ziele beför-
       dert, ob dies dem Einzelnen bewußt ist oder nicht.
       Voraussetzung für  die Mobilisierung von Menschen für diese Ziele
       scheint es  vielmehr zu  sein, daß die neofaschistische Agitation
       an tatsächlich  vorhandenen Ängsten  und  Befürchtungen  anknüpft
       u n d  mit einer eingängigen Argumentation angeblich wirksame Lö-
       sungen anbietet. Insofern, als es den Neofaschisten in weitgehen-
       der Übereinstimmung mit rechtskonservativen Kreisen gelungen ist,
       mit  der  Kampagne  gegen  Ausländerbeschäftigung  und  Asylrecht
       ebenso wie  mit der  Hetze gegen die von Aids besonders bedrohten
       Bevölkerungsgruppen Befürchtungen  anzusprechen,  die  zahlreiche
       Menschen teilen  (und denen im Falle von Aids ja tatsächlich eine
       klassenunabhängige Gefahr  zugrundeliegt), könnte  man von  einer
       wirksamen populistischen  Agitation sprechen. Deren besondere Ge-
       fährlichkeit liegt  darin, daß durch sie ein rassistisch-biologi-
       stisches (völkisches) Wir-Gefühl erzeugt wird: Wir Nationalbewuß-
       ten gegen die Überfremdung, wir Gesunden/Sauberen gegen die Kran-
       ken/Perversen usw. In der neofaschistischen Argumentation zur Be-
       kämpfung von  Aids werden  (latenter) Rassismus, eine mit Ängsten
       und rigiden Moralvorstellungen belastete Einstellung zur Sexuali-
       tät und  völkische Blutmythologie  (anknüpfend an  das vorhandene
       Wissen über  die Übertragungswege  des Virus)  zu einem brisanten
       Gemisch kombiniert.  9) Die  ideologischen Hilfsdienste,  die der
       Neofaschismus  der   "geistig-moralischen  Wende"   vorpreschend,
       testend, Spielraum  erweiternd und Massenbasis schaffend erweist,
       lassen sich im Falle Aids besonders deutlich erkennen. 10)
       Überdies ist  fraglich, ob  überhaupt sinnvollerweise  von  einem
       "geschlossenen"  neofaschistischen   Weltbild  gesprochen  werden
       kann. Bedingt  doch gerade  die Funktion des Faschismus als Bewe-
       gung, Menschen  massenhaft gegen ihre eigenen Interessen zu mobi-
       lisieren, Phrasenhaftigkeit,  Widersprüchlichkeit und  ggf. skru-
       pellose Wendungen  um 180  Grad in der Programmatik neofaschisti-
       scher Gruppierungen!
       
       2. Zur Aufarbeitung des Faschismus an der Macht
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       im Massenbewußtsein
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       Die Frage  nach einem Ansprechpotential für neofaschistische Agi-
       tation kann  in der  Bundesrepublik nicht  getrennt von der Frage
       diskutiert werden,  welchen Stand  die Aufarbeitung der Erfahrung
       mit den  Faschismus an  der Macht bisher erreicht hat. Denn: Alle
       neofachistische Argumentation  und Agitation  bezieht sich  offen
       oder verdeckt  in irgendeiner Weise auf den historischen Faschis-
       mus: verherrlichend,  sich taktisch absetzend, teilrechtfertigend
       ect.
       Aufarbeitung meint  hier   m e h r   als das Erforschen der Wirk-
       lichkeit in  den verschiedenen  Lebensbereichen unter  faschisti-
       scher Herrschaft  und die  Publikation der  Forschungsergebnisse.
       Aufarbeitung meint hier auch mehr als die breitgestreute Informa-
       tion über  faschistische Verbrechen  und antifschistischen Wider-
       stand. (Hier  haben Lehrer,  Volkshochschulen,  Filmemacher,  Ge-
       schichtswerkstätten, Verlage  etc. Beachtliches  geleistet.)  Ge-
       meint ist:  das Hereinnehmen  des Wissens um die Realität des Fa-
       schismus in die kollektive Erfahrung der Bevölkerung, die Herein-
       nahme der persönlichen Konfrontation mit dem Wissen über Naziver-
       brechen und  Widerstand in  die individuelle Erfahrung auf intel-
       lektueller und  emotionaler Ebene  -  mit  der  Folge,  daß  eine
       t r a g f ä h i g e             a n t i f a s c h i s t i s c h e
       G r u n d e i n s t e l l u n g   zum  M a ß s t a b  der politi-
       schen und  moralischen Beurteilung  von gesellschaftlichen Zusam-
       menhängen, politischen Entwicklungen und persönlichen Verhaltens-
       weisen wird.
       Hier gibt  es im Alltagsbewußtsein der Bundesbürger Defizite, die
       nicht unterschätzt  werden dürfen. Die Funktion der ideologischen
       Offensive rechter Historiker 1986/87 ist u.a., genau dies zu ver-
       hindern: daß  der Antifaschismus  im Alltagsbewußtsein zur Grund-
       haltung und  Leitlinie wird. Wie es der Historiker und Kanzlerbe-
       rater Michael  Stürmer formulierte:  "Wer aber  meint, daß  alles
       dies auf  Politik und  Zukunft keine Wirkung habe, der ignoriert,
       daß in  einem geschichtslosen  Land die  Zukunft gewinnt, wer die
       Erinnerung füllt,  die Begriffe  prägt und die Vergangenheit deu-
       tet." 11)
       Bis heute ist hier eine Entwicklung wirksam, die in den Umständen
       der Entstehung  der Bundesrepublik  angelegt war  und die - neben
       dem ökonomischen  Aufschwung der  "Wirtschaftswunder"Zeit und der
       Neutralisierung des  faschistischen Protestpotentials durch Rena-
       zifizierung und  finanzielle Zuwendungen  an  "Entnazifizierungs-
       geschädigte" (Ausführungsgesetz zu Art. 139 GG) 12) - zunächst zu
       einer relativen  Bedeutungslosigkeit eigenständiger neofaschisti-
       scher Gruppierungen  zwischen der  Mitte der  fünfziger  und  der
       Mitte  der  sechziger  Jahre  führte:  Fast  alle  entscheidenden
       Denkmuster und Einstellungen, die vom Faschismus aufgegriffen und
       zur verbrecherischen  Konsequenz zugespitzt  worden waren, fanden
       sich -  in angepaßter  Form -  in den  Medien,  den  Unterrichts-
       stunden, am  Stammtisch, kurz:  in den  Köpfen  der  Bundesbürger
       wieder.
       Vieles, was  zu den konstitutiven Bestandteilen neofaschistischer
       Ideologie gehört,  war in  Staatsdoktrin und öffentlicher Meinung
       offen oder  modifiziert aufgehoben.  Als Paradigma galt der Anti-
       kommunismus, Dogma  war das  Feindbild des  auf baldigen  Angriff
       sinnenden Russen,  mit dem  das Wissen über die von der Wehrmacht
       in der UdSSR angerichteten Verwüstungen und von SS-Einsatztruppen
       verübten Massaker  verdrängt wurde. Im gesellschaftlichen Selbst-
       verständnis als  "soziale Marktwirtschaft"  fand die Volksgemein-
       schaftsideologie Anknüpfungspunkte.  Diese hatte  mit  jener  die
       Vorstellung gemein,  die These von einem grundsätzlichen Interes-
       sengegensatz zwischen Kapital und Arbeit sei historisch überholt,
       das weitere Festhalten an ihr für das Gemeinwesen von solcher Ge-
       fährlichkeit, daß  es Verfolgung  und Illegalisierung  erfordere.
       Kommunismusverdacht diente  bereits vor  dem KPD-Verbot als Grund
       für politische, berufliche und soziale Ausgrenzung.
       Die alte  Volk-ohne-Raum-Vorstellung fand ihre zeitgemäße Form in
       der unablässig  wiederholten Forderung nach Befreiung der DDR von
       "SED-Regime" und sowjetischer "Besatzung" bzw. nach Rückgabe ehe-
       mals deutscher  Gebiete - die Heim-ins-Reich-Parole, verbrämt und
       moralisch überhöht  durch die  staatlich verordnete und allgemein
       geteilte Trauer  über  die  deutsche  Teilung,  ihrerseits  jedes
       ernsthafte Nachdenken  über die  Ursachen dieser Entwicklung ver-
       hindernd. Ähnliche  Kontinuitätslinien ließen  sich  nachzeichnen
       bezüglich der  vorherrschenden Vorstellungen  von der  Rolle  der
       Frau und  den Strukturen  der "glücklichen  Familie"; sie  werden
       deutlich in den in der Erziehung vermittelten Werten ("Anständig-
       keit", "Sauberkeit", "Fleiß" etc.).
       Mit der  Gründung der  Bundeswehr, deren Generäle alle bereits in
       der Wehrmacht  der faschistischen  Kriegspolitik gedient  hatten,
       fand der Militarismus - die Vorstellung von soldatischen Tugenden
       im politikfreien  Raum -  wieder staatlichen Rahmen und Zugang zu
       Menschen aller  Bevölkerungsschichten. Wenn es auch nicht als op-
       portun galt,  offen antisemitisch  aufzutreten, so  fand latenter
       Antisemitismus doch Ausdruck in Stammtisch-Spekulationen über die
       tatsächliche Zahl der Opfer des Holocaust und in Schmierereien an
       jüdischen Grabsteinen und Synagogenwänden.
       Den meisten kleinen Nazis, Mitläufern, Nicht-Faschisten blieb die
       Auseinandersetzung mit  der faschistischen Vergangenheit, mit der
       Rolle des  Faschismus in  der persönlichen Biografie erspart. Sie
       wurde ersetzt durch spärliche verbale Distanzierung und kollekti-
       ves Schweigen.  Menschen mit zum Faschismus offenen Grundeinstel-
       lungen konnten sich, ohne in persönliche Widersprüche zu geraten,
       auf die  damaligen Regierungsparteien  orientieren, sich  mit den
       Inhalten der offiziellen Ideologie identifizieren. Die Frage nach
       dem Ansprechpotential  für neofaschistische  Agitation in der Ge-
       genwart steht  im Zusammenhang  mit der  Frage, inwieweit - durch
       alle Brüche  aufgrund der  seither  erfolgten  gesellschaftlichen
       Entwicklung hindurch  - die  hier angedeuteten Kontinuitätslinien
       noch wirksam  sind und/oder  jetzt wieder  verstärkte Wirksamkeit
       erlangen.
       Natürlich hat  es seither  bezüglich der Einstellung zum histori-
       schen Faschismus wichtige Verschiebungen im ideologischen Kräfte-
       verhältnis gegeben.  Insbesondere die  Studentenbewegung  1967/68
       hat dazu  beigetragen, das Tabu zu brechen, mit dem bis dahin die
       Frage nach  der Vergangenheit  (auch der  Vergangenheit einzelner
       Repräsentanten der staatlichen Gewalt und von Vertretern der Wis-
       senschaft) belegt  gewesen war.  Aber abgesehen  davon,  daß  die
       Hauptthemen der  Studentenbewegung im Bereich der internationalen
       Solidarität angesiedelt  waren (Iran,  Vietnam),  gab  es  innere
       Gründe dafür,  daß die  kritische Haltung  der  Studenten  damals
       nicht in einen faschismustheoretisch fundierten und aktiven Anti-
       faschismus münden  konnte: "Die  studentische Generation Ende der
       sechziger Jahre  hatte den Faschismus nicht oder nicht bewußt er-
       lebt, so daß es für sie keine biographischen Gründe mehr gab, die
       'Vergangenheitsbewältigung' zu  scheuen. Andererseits  waren  die
       Studenten dieser Generation als (fast ausschließlich bürgerliche)
       Kinder eines  gerade erst zu Ende gegangenen 'Wirtschaftswunders'
       und eines  zu Ende  gehenden Kalten  Krieges so gut wie bar jeder
       aktuellen oder  historischen Verbindung zur Arbeiterbewegung. Ihr
       begieriges Aufgreifen der an den Universitäten fast gänzlich ver-
       schütteten marxistischen  Theorie führte  daher zunächst weder an
       die Seite der Arbeiterbewegung noch zur grundsätzlichen Ablehnung
       des Antitotalitarismus  (der bei  ihnen allerdings  die Forderung
       nach Entspannung und Anerkennung der DDR nicht ausschloß)." 13)
       Innerhalb  der  ideologischen  Grenzen  des  "Antitotalitarismus"
       blieb auch  der Protest der Gewerkschaften gegen die NPD, die bis
       1968   61 Landtagssitze in sieben Bundesländern erobert hatte und
       deren Einzug in den Bundestag 1969 durch demokratischen Protest -
       allerdings auch aufgrund des sich abzeichnenden Wiederaufschwungs
       nach der  Rezession von  1966/67 -  nur knapp  verhindert  werden
       konnte.
       In den folgenden 10 bis 15 Jahren wurde allerdings eine Reihe von
       Faktoren wirksam,  die gemeinsam und sich gegenseitig verstärkend
       das ideologische  Kräfteverhältnis soweit veränderten, daß an die
       Stelle des  allgemein akzeptierten  Tabus für  die Repräsentanten
       von Staat und Parteien die Verpflichtung getreten ist, so oder so
       zum historischen  Faschismus Stellung zu beziehen und die eigenen
       Schlußfolgerungen aus  dieser historischen  Erfahrung darzulegen.
       Nur einige dieser Faktoren können hier genannt werden.
       Im Zuge der Enttabuisierung des Faschismusthemas in den Universi-
       täten büßte  der (der  Diskreditierung der sozialistischen Arbei-
       terbewegung und  des realen Sozialismus dienende) Totalitarismus-
       begriff an  ideologischer Wirksamkeit  ein und  konnte die an der
       Aufrechterhaltung des  Tabus interessierten Kreise nicht mehr zu-
       verlässig vor der Frage nach den Verantwortlichen für die Errich-
       tung der faschistischen Diktatur und nach ihren Trägern und Nutz-
       nießern schützen.  Mit der  Konstituierung der  DKP 1968  und der
       Gründung des  MSB Spartakus 1971 gaben sich Kräfte eine organisa-
       torische Struktur  und erwarben  sich langfristig  damit  bessere
       Möglichkeiten des Eingreifens in die öffentlichen Auseinanderset-
       zungen, die  von einem  Faschismusverständnis ausgingen, das sich
       an der  marxistischen Klassenanalyse  orientierte und nicht durch
       die Fiktion eines die politische Mitte bedrohenden Totalitarismus
       von rechts und links eingeschränkt war.
       Die -  seit 1972  auf der  Grundlage des "Extremistenbeschlusses"
       der Ministerpräsidenten praktizierten - Berufsverbote standen au-
       genfällig in der Tradition politischer Ausgrenzung und Verfolgung
       im Kaiserreich,  in der  Weimarer Republik und unter dem Faschis-
       mus. Das sich gegen sie formierende Bündnis von Demokraten unter-
       schiedlicher politischer  und weltanschaulicher  Herkunft stellte
       sich geradezu  zwangsläufig in die Tradition der historischen an-
       tifaschistischen Bündnisse  (Pariser Volksfrontkomitee, National-
       komitee  Freies  Deutschland).  Die  Entstehung  dieser  (in  den
       "Berufsverbotekomitees" und  in der  Initiative "Weg  mit den Be-
       rufsverboten" organisierten)  Bewegung war zugleich ein wichtiger
       Schritt bei  der Erarbeitung einer zeitgemäßen Bündnispolitik und
       ein Prozeß  der Aneignung  der historischen Erfahrung mit dem Fa-
       schismus an  der Macht  und des Widerstandes. Im Hinblick auf das
       ideologische Kräfteverhältnis  kann die  Berufsverbotepolitik  im
       Sinne ihrer Befürworter als gescheitert betrachtet werden.
       Der Putsch  in Chile  und die dazu offen geäußerte Zustimmung aus
       den Reihen  der Unionsparteien  wurden innerhalb  der Linken  als
       Warnung vor den Gefahren begriffen, die der bürgerlichen Demokra-
       tie auch in der Bundesrepublik von rechts drohen, und veranlaßten
       vertiefte Diskussionen  über eine antifaschistische Strategie und
       die Bedeutung antifaschistischer Bündnisse über die verschiedenen
       Strömungen der  Arbeiterbewegung hinaus  (Volksfront). Auch diese
       Diskussion beinhaltete  die Auseinandersetzung  mit den  histori-
       schen Erfahrungen.
       Die neue  antifaschistische Bewegung erreichte ihren ersten Höhe-
       punkt in  der Demonstration,  die mit 40000 Teilnehmern aus Anlaß
       des 30.  Jahrestages der  Befreiung von  Faschismus und  Krieg in
       Frankfurt stattfand,  einen zweiten mit der Internationalen Mani-
       festation für  die Auflösung der SS-Verbände in Köln am 22. April
       1978. Der  DGB, der vor der Teilnahme in Köln noch gewarnt hatte,
       faßte auf  seinem 11.  Bundeskongreß im gleichen Jahr Beschlüsse,
       in denen  vor der  Verharmlosung des  Faschismus gewarnt, zur Be-
       kämpfung des  Neofaschismus aufgerufen und die Behandlung des Fa-
       schismusproblems in  allen Schulen  gefordert wurde.  Vor  diesem
       Hintergrund konnte die demokratische Öffentlichkeit den Rücktritt
       des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger erzwin-
       gen, dessen  Mitwirkung als  Marinerichter an  Todesurteilen kurz
       vor Kriegsende vom Schriftsteller Rolf Hochhuth aufgedeckt worden
       war.
       1979 verstärkten  sich gegenseitig  die emotionale  Betroffenheit
       durch die Fernsehserie "Holocaust", die Empörung über den die Tä-
       ter schonenden,  die Opfer  oft tief verletzenden Verlauf des Ma-
       jdanek-Prozesses und  das Bewußtsein  darüber, daß der Ablauf der
       Verjährungsfrist für NS-Verbrechen am 31. Dezember 1979 alten und
       jungen  Faschisten  erweiterten  Propagandaspielraum  verschaffen
       würde. An der Internationalen Kundgebung in Straßburg, zu der die
       "Internationale Initiative  der Opfer  des Faschismus" aufgerufen
       hatte, nahmen am 21. April 1979 30000 Menschen teil.
       Zugleich erlangten  die lokalen Aktivitäten gegen den Neofaschis-
       mus, der sich im Zuge der seit 1974 spürbaren strukturellen Wirt-
       schaftskrise radikalisierte,  Ende der siebziger Jahre deutlichen
       Auftrieb. Die antifaschistische Bewegung erweiterte und vertiefte
       ihr theoretisches  Fundament, was sich in den Beiträgen des Anti-
       faschistischen Kongresses  widerspiegelte, der  aus Anlaß des 35.
       Jahrestages der Befreiung in Mannheim stattfand. 14)
       Beim Übergang  in die  achtziger Jahre wird die demokratische Öf-
       fentlichkeit auch  durch die  Aktivitäten geprägt,  mit denen die
       antifaschistische und  die Friedensbewegung  zum  einen  auf  den
       Nato-Aufrüstungsbeschluß vom Herbst 1979, zum anderen auf das Ok-
       toberfestattentat vom Dezember 1980 reagieren. Die zunehmende Po-
       larisierung des Kräfteverhältnisses kommt am deutlichsten im Ent-
       stehen einer  einflußreichen Friedensbewegung  einerseits und  in
       der Wende  zum Konservatismus an der Macht (Ende der sozial-libe-
       ralen Ära im Oktober 1982) zum Ausdruck.
       Obwohl eine  ausführliche Darstellung  der Geschichte des Antifa-
       schismus in der Bundesrepublik noch fehlt, sei hier festgehalten,
       daß es ein ganzes Faktorenbündel gewesen ist, das zu einer Verän-
       derung der  öffentlichen Haltung  gegenüber dem  historischen Fa-
       schismus geführt  hat, und  daß die  Generationsablösung Ende der
       sechziger Jahre  ein Bestandteil dieses Bündels ist. 15) Interes-
       sant wäre  es, zu  untersuchen, inwieweit auch der vorsichtig be-
       gonnene Übergang  zu "normalen"  Kontakten mit Repräsentanten der
       DDR (März 1970 Kanzler Brandt in Erfurt, Mai 1970 der Vorsitzende
       des DDR-Ministerrates,  Stoph, in Kassel) die allmähliche Wieder-
       freilegung verschütteter Traditionen ermöglicht hat, die den bei-
       den Flügeln der Arbeiterbewegung gemeinsam sind und von denen die
       Gegnerschaft zum  Faschismus die  wohl wichtigste  darstellt. Die
       "neue Ostpolitik" ermöglichte zudem auch mit der Zeit eine diffe-
       renziertere Darstellung  der DDR-Wirklichkeit,  was mit dazu bei-
       trug, die Totalitarismusdoktrin obsolet werden zu lassen.
       Für uns  ist entscheidend,  daß die  skizzierte  Veränderung  des
       ideologischen Kräfteverhältnisses  bezüglich der Einschätzung des
       historischen Faschismus in der öffentlichen Meinung zugunsten an-
       tifaschistischer Positionen  nicht mit einer Aufarbeitung des Fa-
       schismus im  o.g. Sinne gleichgesetzt werden darf. Einerseits en-
       dete in  jüngster Zeit  jeder Versuch rechtskonservativer Kreise,
       endlich einen  "Schlußstrich zu  ziehen", mit einem ideologischen
       "Eigentor": Ob  Bitburg oder  Historikerdebatte -  jeder  Vorstoß
       führte zu  verstärkter öffentlicher  Diskussion und  letztlich zu
       einer Stärkung  des Antifaschismus.  "Die  Äußerungen  zum  Thema
       'Vergangenheitsbewältigung' haben  nicht verfangen,  sie  dürften
       mehr Wähler  abgeschreckt als  angezogen haben", schrieb der CDU-
       Parteitheoretiker Warnfried  Dettling in  einer Wahlanalyse.  16)
       Zugleich entwickelt  der Neofaschismus eine neue Dynamik und ver-
       bucht relative Erfolge.
       
       3. Einige Rahmenbedingungen neofaschistischer Agitation
       -------------------------------------------------------
       
       Aufschlußreich für  das Verständnis der gegenwärtigen Entwicklung
       ist ein Vergleich mit jener Phase in der Geschichte der Bundesre-
       publik, als  der Neofaschismus in Gestalt der NPD wieder aus sei-
       ner relativen  Bedeutungslosigkeit hervorkam und zu einem wirksa-
       men politischen  Faktor wurde. Nachdem die die Ära Adenauer kenn-
       zeichnende sture  Außenpolitik gegenüber den sozialistischen Län-
       dern gescheitert  war und nun nach Auswegen aus der Sackgasse ge-
       sucht wurde, konnten rechtsstehende Anhänger der Union, besonders
       das Wählerpotential  der "Vertriebenen", ihre Forderungen bei der
       CDU/CSU nicht  mehr sicher  aufgehoben wissen. Die Nachfrage nach
       einer Rechtsopposition stieg sprunghaft an, als die CDU im Rahmen
       der Großen Koalition gemeinsam mit der SPD zu einer realistische-
       ren Außenpolitik überging. Nationalistisch, revanchistisch einge-
       stellte Wähler  orientierten sich  nun auf  jene Kraft,  die ver-
       sprach, all  das entschlossen in Angriff zu nehmen, was die Union
       versprochen, aber  nicht eingelöst  hatte: die  Wiedervereinigung
       durchzusetzen und "Deutschland" den ihm angeblich zustehenden in-
       ternationalen Respekt und Einfluß zu verschaffen.
       Dazu kamen  die Auswirkungen  der 1966  einsetzenden Wirtschafts-
       krise auf  das Bewußtsein  vor allem der Mittelschichten. Aus dem
       Gefühl der  sozialen Bedrohung  und wirtschaftlichen Unsicherheit
       heraus gingen Unionwähler zur NPD über. Die Illusion von der kri-
       senfreien "sozialen  Marktwirtschaft" bröckelte,  die NPD  lockte
       unter den Schlagworten "gesunde Volkswirtschaft" und "Gemeinsinn"
       mit der  unverfälschten Volksgemeinschaftsideologie.  Gefühle der
       Unsicherheit und  Bedrohung wurden  bei  autoritär  eingestellten
       Menschen auch durch das Entstehen demokratischer Massenbewegungen
       (Vietnam, Studentenbewegung etc.) verstärkt. Angesichts spektaku-
       lärer Aktionen  der Studenten  am Rande  der  formalen  Legalität
       schien der  Ruf nach einem starken Staat, der "mal richtig durch-
       greifen würde", angemessen. Die NPD versprach, ihn zu schaffen.
       1986 erklärte  die NPD:  "Der Werteschwindel liegt heute sichtbar
       offen. Die  CDU/CSU hat  all das  in ihre Politik übernommen, was
       angeblich durch  die Wahl  des kleineren  Übels verhindert werden
       sollte. Die  Erklärung der  Oder-Neiße-Linie zur polnischen West-
       grenze durch  Helmut Kohl,  der ungebremste Ausländerzustrom, die
       Massenarbeitslosigkeit, die 'legale' Massentötung ungeborenen Le-
       bens haben  die 'Wende'-Politik als das entlarvt, was nur als ein
       millionenfacher Betrug am Wähler zu bezeichnen ist." 17)
       Anders als  in den  sechziger Jahren  stehen  jedoch  z.Z.  keine
       Kursänderungen in der Außenpolitik an, die im Bewußtsein von Bür-
       gern mit rechter Alltagsideologie eine vergleichbare Dramatik er-
       halten könnten.  Die Vorstellung, revanchistische Ziele seien ge-
       genüber der  DDR und  Polen in  absehbarer Zeit durchsetzbar, hat
       anderthalb Jahrzehnte lang kaum Nahrung erhalten, kann also nicht
       in vergleichbarer Weise brüskiert werden.
       Um so  dramatischer - verglichen mit 1966 - sind die Auswirkungen
       der seit 1974 mit unwesentlichen Unterbrechungen anhaltenden Dau-
       erkrise. In  den Köpfen  derer, die noch Arbeit haben, stellt sie
       sich als  - manchmal  verdrängte -  Dauerbedrohung dar, verstärkt
       durch  Strukturverschiebungen  aufgrund  raschen  technologischen
       Fortschritts. Anders  als vor  zwanzig Jahren kann die neofaschi-
       stische Agitation auf die Anwesenheit ausländischer Kollegen ver-
       weisen, Existenzangst  und latenten  Rassismus zu massenwirksamer
       Demagogie zusammenführen. (1967 waren 459000 arbeitslose Deutsche
       gemeldet, der  Anteil der  Ausländer an der Gesamtbevölkerung be-
       trug 3%,  Frauen und  Kinder eingerechnet.)  Das Versäumnis einer
       wirklichen Aufarbeitung  des Faschismus erhält hier noch eine ge-
       fährlichere Brisanz  als in  den sechziger Jahren, kam doch INFAS
       bereits 1982  zu dem Ergebnis, daß 49% der Bundesbürger mehr oder
       weniger ausländerfeindlich  seien. 18) Gestiegene Gewalttätigkeit
       gegen Ausländer ist Ausdruck gewachsener Bereitschaft, die eigene
       rassistische Einstellung  in aktives  Handeln umzusetzen und so -
       bewußt oder nicht - im Sinne des Neofaschismus zu handeln.
       Eine Reihe von Einstellungen, die bislang eher in einen durch den
       historischen Faschismus  diskreditierten Tabubereich gehörten und
       nur in  verhüllter Form  in der  Programmatik der CDU/CSU und der
       Alltagsideologie ihrer  Anhänger aufgehoben waren, sind durch Äu-
       ßerungen von  Unionspolitikern in den Raum des sanktionsfrei Dis-
       kutierbaren   zurückgeholt   worden   (Antisemitismus/Rassismus).
       Zugleich gibt es (nicht nur in der Fachwelt) den Versuch, den hi-
       storischen Faschismus  durch seine Einordnung in eine die gesamte
       Menschheitsgeschichte durchziehende Kette von Verbrechen zu rela-
       tivieren. Kanzleräußerungen  über angebliche  KZs in der DDR, der
       Goebbels-Gorbatschow-Vergleich   stellen   die   Vulgärform   der
       "Historikerdebatte" dar,  die auf  das Bewußtsein von Bürgern mit
       rechter Alltagsideologie zielt. Das Tabu, das eine wirkliche Auf-
       arbeitung nicht  ersetzen konnte,  wird brüchig, das Fehlen einer
       tragfähigen antifaschistischen  Grundeinstellung erneut  zur  Ge-
       fahr.
       Der ideologische  Spielraum des  Neofaschismus wird  auch dadurch
       ausgeweitet, daß Teile des konservativen Lagers auch auf die for-
       male Distanzierung  ihm gegenüber  zunehmend verzichten, was sich
       an z.T.  wörtlichen Übereinstimmungen  in den  Argumentationen zu
       bestimmten Themen  (Asylrecht, Aids)  zeigen läßt. Scharnierfunk-
       tion übernehmen  Zeitschriften wie "Criticòn" oder "Mut" und Ein-
       richtungen wie das Studienzentrum Weikersheim. Diesen erweiterten
       Spielraum verstanden  die  Neofaschisten  im  Bundestagswahlkampf
       insofern erfolgreich  zu nutzen, als sie sich auf die Wahlempfeh-
       lung zugunsten  der NPD einigten. Zur Zeit ist noch nicht eindeu-
       tig auszumachen,  welche der beiden relevanten Formationen rechts
       von der  CSU die  größere Dynamik  entwickeln wird:  die eingangs
       charakterisierten Republikaner  oder das  aus der NPD und der DVU
       Gerhard Freys gespeiste und mittlerweile als Partei konstituierte
       Wahlbündnis DVU  - Liste  D, neben dem NPD und DVU weiterexistie-
       ren. Vorsichtig sei vermutet, daß die bessere Tarnung als konser-
       vative Kraft  und die ausgefeiltere Programmatik für die Republi-
       kaner sprechen,  in deren  Reihen sich das Kräfteverhältnis deut-
       lich zugunsten  der offen  neofaschistischen  Kräfte  verschieben
       kann, wenn  enttäuschte NPD-  bzw. DVU  - Liste D-Wähler zu ihnen
       stoßen. 19)
       
       4. Überlegungen zur antifaschistischen Strategie
       ------------------------------------------------
       
       Die Betrachtung  der Rahmenbedingungen,  die zum  Anwachsen eines
       Ansprechpotentials für  neofaschistische Agitation geführt haben,
       ersetzt nicht  die Antwort auf die Frage, unter welchen konkreten
       Bedingungen der  in seinem  Alltagsbewußtsein eher  rechts einge-
       stellte Einzelne  die Bereitschaft entwickelt, aktiv - mindestens
       durch Stimmabgabe  - für neofaschistische Positionen einzutreten.
       Gewiß lassen  sich hier  anhand von Interviews und Biographiever-
       gleichen typische  Faktorenkonstellationen  ermitteln,  wie  dies
       z.B. Eike  Hennig für  den Bereich des jugendlichen Neofaschismus
       versucht, ohne  m. E.  zu einer befriedigenden Antwort zu kommen:
       "Der Übergang von Meinung zu Verhalten und damit auch die Bereit-
       schaft, sich  rechtsextremistischen Gruppen anzuschließen, ergibt
       sich als  bestimmte Verarbeitung  von politischer Entfremdung und
       Deprivation: die  politischen  Institutionen  der  Bundesrepublik
       Deutschland bieten  keine Möglichkeit  für ein (selbstlos-ideali-
       stisches) Engagement  und werden  als unglaubwürdig sowie korrupt
       scharf abgelehnt.  Die sich  gerade bildende  Identität  läßt  es
       nicht zu,  sich an derartiger Sachlichkeit zu beflecken, weil die
       dann nötigen  Kompromisse die eigene Person und deren ganzheitli-
       chen Messianismus moralisch entwerten würden." 20)
       Diese Beschreibung erklärt aber nicht, warum die sich gerade bil-
       dende Identität,  um ihren  ganzheitlichen Messianismus  nicht zu
       beflecken, sich  nicht z.B.  besonders rigorosen  Formen  "alter-
       nativen Lebens",  etwa Sekten, zuwendet. In der "Adoleszenzkrise"
       allein findet sich jedenfalls keine zureichende Erklärung für die
       neofaschistische Karriere  der von  Hennig  interviewten  Jugend-
       lichen.
       Aufschlußreicher im  Hinblick auf die Prävention ist ein weiterer
       Befund: "Aus der Umwelt der betreffenden Jugendlichen ist auf die
       große Bedeutung  der volkstümlichen NS-Legende, die durch Angehö-
       rige der  Großvätergeneration vermittelt  wird, aber auch auf das
       Ansprechen durch  'Altnazis' (z.B.  beim Kauf  von Militaria  auf
       Flohmärkten und  bei der Suche nach Lektüre) hinzuweisen. Für la-
       tent bereits überzeugte Jugendliche spielt die Publizität bereits
       bestehender Organisationen  eine  überragende  Auslöserfunktion."
       21) Im  Rahmen einer  wirksamen antifaschistischen Strategie geht
       es demnach  darum, den  Zufall zu  organisieren: dafür zu sorgen,
       daß Jugendliche  eben nicht von "Altnazis" "beim Kauf von Milita-
       ria" angesprochen  werden können.  Und umgekehrt, daß Begegnungen
       mit NS-Opfern  und Widerstandskämpfern, Gedenkstättenbesuche etc.
       den Prozeß  der Aufarbeitung  im o.g.  Sinne in  Gang setzen, der
       "die Vermittlung  der volkstümlichen NS-Legende" wirkungslos wer-
       den läßt. Das aber erfordert den  p o l i t i s c h e n  Kampf um
       die Veränderung  der Rahmenbedingungen auf den verschiedenen Ebe-
       nen: für  die Durchsetzung  des Verbotes neofaschistischer Propa-
       ganda und Organisation (Art. 139 GG), für die Vermittlung der an-
       tifaschistischen Grundhaltung im Unterricht, für die wirksame Be-
       kämpfung der Massenarbeitslosigkeit etc.
       Für die Erarbeitung einer antifaschistischen Strategie können wir
       auf Erfahrungen  aus der  jüngsten Geschichte zurückgreifen: Ende
       der sechziger,  Anfang der siebziger Jahre war die "neue Ostpoli-
       tik" Gegenstand  einer heftigen  Debatte, die die gesamte Gesell-
       schaft erfaßte.  Gegen das neue außenpolitische Konzept formierte
       sich das  von der NPD angeführte Spektrum neofaschistischer Grup-
       pierungen in  der "Aktion  Widerstand". Mit  der Durchsetzung des
       neuen Kurses  und dem Beginn des Prozesses hin zur Unterzeichnung
       der Schlußakte  von Helsinki 1975  u n d  mit der (durch die kon-
       junkturelle Entwicklung ermöglichten) Reformpolitik wurde die Ba-
       sis für  neofaschistische Positionen zunehmend schmaler. Das Auf-
       zeigen   u n d   die Durchsetzung  neuer politischer Perspektiven
       nahmen der  NPD politischen Spielraum. Die Durchsetzung einer Po-
       litik, die  die sowjetischen Abrüstungsvorschläge ernst nimmt und
       konstruktiv beantwortet, umfassende Beschäftigungsmaßnahmen, kon-
       sequenter Umweltschutz,  eine Außenpolitik,  die  z.B.  gegenüber
       Südafrika und  Chile entschieden für die Einhaltung der Menschen-
       rechte eintritt,  u.a.m. würden auch heute neofaschistischer Agi-
       tation den Boden entziehen.
       
       _____
       1) Zu den  Republikanern vgl.  Oskar  Neumann,  "Republikaner"  -
       keine  Exoten,   sondern  Stütze   der   Stahlhelmfraktion,   UZ,
       31.10.1986; Stefan  Jacoby, Die Republikaner. Eine neue rechtsex-
       treme Sammlungsbewegung, DVZ/die tat, 10.4.1987.
       2) Es erweist  sich immer wieder als Handicap, daß es in der Bun-
       desrepublik keine  institutionalisierte marxistische  Neofaschis-
       musforschung gibt. Der Tod des Kölner Politologen Reinhard Opitz,
       dessen -  unter  erbärmlichen  Lebensbedingungen  angefertigte  -
       brillante Arbeiten  diese Lücke  oft vergessen ließen, stellt die
       marxistischen Antifaschisten  hierzulande verstärkt  vor das Pro-
       blem, eine  kontinuierliche Analyse der Entwicklung neofaschisti-
       scher Formationen  und Organisationen auf marxistischer Grundlage
       zu sichern.
       3) Vgl. Hessische  Sportjugend -  Fußballfanprojekt.  Zwischenbe-
       richt von  Dieter Bott und Gerold Hartmann, "Wir sind alle Frank-
       furter Jungs", Frankfurt/M. 1985.
       4) Untersuchungen über  "Veränderungen in der Motivationsstruktur
       Jugendlicher und  junger Erwachsener", 1981 vom Bundesministerium
       für Jugend, Familie und Gesundheit bei SINUS (Heidelberg) und IN-
       FRATEST-Sozialforschung in Auftrag gegeben: Die verunsicherte Ge-
       neration. Jugend  und Wertewandel.  Materialband 1 zur SINUS-Stu-
       die. Schriftenreihe  des Bundesministeriums  für Jugend,  Familie
       und Gesundheit.  Band 200/1.  Stuttgart 1985, Frage 33 u. 34. Ta-
       belle 868 und 872.
       5) Dazu: Peter  Dudek (Hrsg.),  Hakenkreuz und Judenwitz. Antifa-
       schistische Jugendarbeit in der Schule, Bensheim 1980.
       6) Dazu: Ulrich  Hartmann, Hans-Peter und Sigrid Steffen, Rechts-
       extremismus bei  Jugendlichen. Anregungen,  der wachsenden Gefahr
       entgegenzuwirken, München 1985, insbes. Kap. 11.
       7) 5 Millionen  Deutsche: "Wir  sollten wieder  einen Führer  ha-
       ben..." Die  SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen
       bei den Deutschen, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 78.
       8) Stefan Jacoby, a.a.O. (Anm. 1).
       9) Als ein Beleg von vielen hier ein Leserbrief aus der Deutschen
       Wochenzeitung vom  22.5.1987, S. 11: "Von Aids waren ursprünglich
       nur zentralafrikanische Affen befallen. Wie einige nordamerikani-
       sche Ärzte  und auch  ein Mitteilungsblatt  des  Gesundheitsamtes
       Bitburg behaupten,  wurde Aids durch Sodomie zwischen einigen Be-
       wohnern Zentralafrikas  und den  kranken Affen  auch auf Menschen
       übertragen.  Von   diesen  gelangte  dann  die  schreckliche  Ge-
       schlechtskrankheit zunächst  nach Mittel-  und dann nach Nordame-
       rika. Einige  Asylanten  schwarzer  Hautfarbe  schleppten  später
       Aids, diese  neuzeitliche Pest, in die Bundesrepublik Deutschland
       ein." Zu  diesem Problem  vgl. auch:  Eva Chr. Gottschaldt, AIDS-
       Angst und  AIDS-Hetze. Eine  Herausforderung für  Antifaschisten,
       in: antifaschistische  rundschau. Mitgliederzeitschrift  der VVN-
       Bund der Antifaschisten, Frankfurt/M., Juni 1987, S. 12.
       10) Vgl. Reinhard Opitz, Die Funktion des Neofaschismus, in: Kurt
       Faller, Heinz  Siebold (Hrsg.), Neofaschismus. Dulden? Verbieten?
       Ignorieren?  Bekämpfen?  Antifaschistisches  Arbeitsbuch,  Frank-
       furt/M. 1986, S. 122 f.
       11) Das Parlament, Nr. 20/21, 1986.
       12) Abgedruckt in:  Georg Fülberth, Geschichte der Bundesrepublik
       in Quellen und Dokumenten, Köln 1982, S. 86.
       13) Thomas Doerry,  Antifaschismus in der Bundesrepublik. Vom an-
       tifaschistischen Konsens  1945 bis  zur  Gegenwart,  Frankfurt/M.
       1980, S. 21.
       14) Wolfgang Abendroth  u.a., Wie  Faschismus entsteht - und ver-
       hindert wird.  Materialien vom  Antifaschistischen Kongreß  Mann-
       heim, hrsg.  von der Antifaschistischen Initiative in der Bundes-
       republik Deutschland, Frankfurt/M. 1980.
       15) Wie die Enttabuisierung des Faschismusthemas Ende der sechzi-
       ger Jahre  in den  Universitäten dann zeitverschoben im außeruni-
       versitären Bereich Wirkung zeigt, müßte im Rahmen einer umfassen-
       deren Studie gezeigt werden. Hier müßten z.B. die Entwicklung der
       Beschlußlage der Gewerkschaften, die Lernzielkataloge für die Un-
       terrichtsfächer Geschichte/Gemeinschaftskunde,  die  Auswirkungen
       der Bildungsreform  insgesamt, die Kursangebote an Volkshochschu-
       len (insbes. der Arbeitsgemeinschaft "Arbeit und Leben") u. a. m.
       untersucht werden.  Reizvoll wären Längs- und Querschnittuntersu-
       chungen der Lokalpresse im Hinblick auf die Themen Faschismus und
       Widerstand.
       16) Der Spiegel, Nr. 6/1987.
       17) Rede des  NPD-Vorsitzenden Mußgnug  auf  dem  Willinger  Bun-
       desparteitag 1986, S. 33 des verbreiteten Textes.
       18) Die Zeit, 23. 4. 1982.
       19) Diese Einschätzung  ist das  Ergebnis einer Arbeitstagung der
       Kommission Neofaschismus  beim Präsidium  der WN-Bund der Antifa-
       schisten Ende  April 1987.  Nach dem  Erfolg der  Liste D bei den
       Bremer Landtagswahlen  vom 13.  9. 1987 ist hier sicher weiter zu
       diskutieren.
       20) Eike Hennig,  Neonazistische Militanz und Terrorismus. Thesen
       und Anmerkungen, in: Gewalt von rechts. Beiträge aus Wissenschaft
       und Publizistik,  hrsg. v.  Referat "Öffentlichkeitsarbeit  gegen
       Terrorismus" im Bundesministerium des Inneren, Bonn 1982, S. 115.
       Auszüge aus den zugrundeliegenden Interviews in: Der Spiegel, Nr.
       46/1981, S. 35 ff.
       21) Ebenda, S. 117.
       

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