Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       "JAKOBINISCHE SITUATIONEN" IN DER DRITTEN WELT
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       Eine Skizze
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       Dieter Boris
       
       1. Vietnam  1930-1945/54 -  2. Bolivien 1952-1964 - 3. Kuba 1956-
       1961
       
       "Der antikoloniale Befreiungskampf der Völker Asiens, Afrikas und
       Lateinamerikas (hat) - ungeachtet oder besser: gerade infolge der
       neuen Vorzeichen,  die (...)  mit der  Großen Sozialistischen Ok-
       toberrevolution gesetzt  sind - der 'Jakobinerfrage': bürgerliche
       Revolution und Volksbewegung, neue Aktualität verliehen." (Walter
       Markov, 1962)
       
       Bei einem Vergleich der Französischen Revolution mit den nationa-
       len und  sozialen Befreiungsrevolutionen in der Dritten Welt wird
       man zunächst  auf überwiegend  Unvergleichbares stoßen. Nicht nur
       die Zeitverschiebung  von mehr als 150 Jahren und der damit gege-
       bene unterschiedliche  Epochencharakter der  Revolutionen  fallen
       sofort ins  Auge. Die  Tatsache, daß das Frankreich jener Zeit zu
       den entwickeltsten Ländern der damaligen Welt gehörte, es als Na-
       tion schon  mehr oder minder konstituiert war und die Bourgeoisie
       einen relativ  hohen Entwicklungsgrad  aufwies,  hebt  Frankreich
       ziemlich stark von der normalen Konstellation in der Dritten Welt
       ab. Auch  die mit der Abhängigkeit von der Weltwirtschaft und dem
       Imperialismus verbundene hohe Relevanz der Dialektik von internen
       und externen  Faktoren im Befreiungsprozeß - obwohl diese Dialek-
       tik natürlich auch in der Französischen Revolution präsent war 1)
       - würde hier u.a. in die Reihe von unvergleichbaren Elementen der
       Französischen Revolution und der Sozialrevolutionären Prozesse in
       der Dritten Welt hineingehören.
       Auf der  anderen Seite gibt es natürlich nicht nur Unvergleichli-
       ches. Revolutionstheoretische  Betrachtungen sind  per se und im-
       plizit Vergleiche und Verallgemeinerungen, die gerade die Ausdif-
       ferenzierung von  lokalen Besonderheiten,  historischen Spezifika
       etc. einerseits  und tendenziell gleichförmige Abläufe, eventuell
       Gesetzmäßigkeiten andererseits  zum Gegenstand  haben.  Abgesehen
       hiervon bietet gerade auch die schon erwähnte zeitliche Differenz
       (1789 und  1945 ff.  als die eigentliche Phase der nationalen und
       sozialen Befreiungskämpfe  in der  Dritten Welt)  zwischen  einem
       einstigen Land der "Metropole" und den heutigen Peripherieländern
       Vergleichsaspekte. Frankreich war um 1780 wie viele Entwicklungs-
       länder um  die Mitte des 20. Jahrhunderts ein überwiegend agrari-
       sches Land  - mit der Dominanz von feudalen Großgrundeigentümern.
       Die nationale  Integration -  etwa in Gestalt eines einheitlichen
       Binnenmarktes (Geld,  Binnenzölle etc.)  - war  keineswegs  schon
       voll realisiert;  das absolutistische, autokratische Herrschafts-
       system Frankreichs vor 1789 bietet zweifellos weitere Vergleichs-
       möglichkeiten zu  vielen Regimes  der Dritten Welt. Daraus folgt,
       daß -  grob schematisiert  - in beiden Fällen revolutionäre Bewe-
       gungen entstehen,  die Umwälzungen  in den  ländlichen Eigentums-
       und Machtverhältnissen  und dem politischen Herrschaftssystem so-
       wie die Vertiefung der nationalen Integration anstreben und inso-
       fern Vergleiche  zwischen Frankreich  1789 und  den  Ländern  der
       Dritten Welt  um die Mitte des 20. Jahrhunderts möglich und sinn-
       voll erscheinen lassen.
       Die nachfolgende  Skizze konzentriert  sich auf  eine spezifische
       Phase des  Revolutionsverlaufs, auf die herrschenden Bündnisse in
       ihr und auf das Verhältnis von Führung und Massen. Natürlich kön-
       nen aus  dem breiten Spektrum von Revolutions- und Befreiungspro-
       zessen in der Dritten Welt nur diejenigen als Vergleichsbeispiele
       dienen, die  eine der Französischen Revolution tendenziell ähnli-
       che Massenbewegung aufweisen und rasche Veränderungen auf politi-
       schem, ökonomischem und sozialstrukturellem Feld in Gang setzten.
       In beiden  Revolutionsarten - der Französischen wie bestimmten in
       der Dritten  Welt -  kommt es nach Beginn des akuten Stadiums der
       Revolution zu  Radikalisierungen, die  sich u.a. in härteren Ein-
       griffen in die Rechte der Großgrundeigentümer, in der energische-
       ren Behandlung von Kollaborateuren mit dem Ausland und von volks-
       feindlichen Hamster-  und Spekulationsaktivitäten seitens bürger-
       licher Kräfte  ausdrücken. Angesichts der Bedrohungssituation von
       innen und  außen wird  das Verhältnis zwischen Führung und Massen
       in dieser  Phase der  Revolution enger, entsprechend wechseln die
       Foren der  Politik und  die Politikformen,  was allerdings beides
       zur Voraussetzung hat, daß der soziale Charakter der Führung sich
       in dieser  Phase der revolutionären Entwicklung gegenüber dem An-
       fangsstadium weitgehend  verändert hat:  Von ursprünglich adligen
       oder großbürgerlichen  bis bürgerlichen  Kräften verschiebt  sich
       nun das Zentrum der revolutionären Aktivität auf kleinbürgerlich-
       intellektuelle Gruppierungen,  die man  als  radikal-demokratisch
       und jakobinisch  qualifizieren kann.  2) Die Revolution hat ihren
       Höhepunkt, der  zugleich die  Wendemarke darstellt, erreicht. Mit
       dem Sturz  der Jakobinerherrschaft  1794 in  Frankreich tritt die
       Französische Revolution  ihre Konsolidierungsphase  an, ein  Vor-
       wärtsschreiten über den grundsätzlich bürgerlichen Rahmen der Re-
       volution hinaus  ist auf  lange  Sicht  unterbunden;  höchstwahr-
       scheinlich war  es unter den damaligen internationalen und inter-
       nen Bedingungen Frankreichs von 1794 auch nicht anders möglich.
       In Ländern der Dritten Welt, die in eine quasi-jakobinische Phase
       der Revolution  eintreten, hat  es ganz unterschiedliche Entwick-
       lungsvarianten gegeben:  In Vietnam (1930-1945/54) radikalisierte
       sich der  ursprüngliche Kampf um nationale Unabhängigkeit - unter
       Führung der  Kommunistischen Partei  Vietnams -  in einem  langen
       Prozeß bis  hin zur sozialistischen Umwälzung der gesellschaftli-
       chen Verhältnisse.  In Bolivien (1952-1964) erreichte die Revolu-
       tion von 1952 - unter Führung kleinbürgerlicher, national-revolu-
       tionärer Kräfte  - sehr  schnell eine  bedeutende Veränderung des
       ökonomischen Systems  und der  politischen Herrschaftsformen,  um
       dann in den folgenden Jahren den Weg zu einer Rückentwicklung an-
       zutreten. In  Kuba (1956-1961) radikalisierte sich der antidikta-
       torische Kampf  unter Anleitung von Repräsentanten des revolutio-
       när-demokratischen Kleinbürgertums  sehr rasch nach dem Sturz des
       Diktators (1958/59),  um schon  1961 in  eine sozialistische Ent-
       wicklungsetappe einzumünden.
       Walter Markov,  der wie  kein anderer marxistischer Sozialwissen-
       schaftler und  Historiker die Erforschung der Französischen Revo-
       lution und  der sozialen und politischen Prozesse von gegenwärti-
       gen Entwicklungsgesellschaften  der Dritten Welt zugleich betrie-
       ben hat,  verwendete gelegentlich  den Ausdruck "jakobinische Si-
       tuation" für bestimmte Konstellationen in der Dritten Welt, nicht
       ohne jedoch  immer wieder den Gebrauch dieser Begrifflichkeit un-
       ter Hinweis  auf zahlreiche  Unterschiede und vor allem den gänz-
       lich anderen  Epochencharakter der jeweiligen Revolutionsprozesse
       zu relativieren.  3) Gleichwohl  scheint dem Begriff der "jakobi-
       nischen  Situation"  auch  für  vergleichende  Analysen  von  Re-
       volutionen in der Dritten Welt insofern eine gewisse heuristische
       Funktion zuzukommen,  als er eine bestimmte Phase während der Re-
       volution bezeichnet,  die einen  Wendepunkt markiert zwischen na-
       tionalbürgerlicher Konsolidierung  bzw. Involution einerseits und
       sozialistischer  Weiterentwicklung  und  Transformation  anderer-
       seits.
       Auszugehen ist von einer Minimaldefinition der "jakobinischen Si-
       tuation". In  Anlehnung an verschiedene Äußerungen Walter Markovs
       könnte sie vielleicht folgendermaßen schematisch umrissen werden:
       Eine "jakobinische  Situation" ist eine Phase in einem revolutio-
       nären Prozeß,  in welcher  radikaldemokratische, kleinbürgerliche
       Kräfte führend  in einem  Bündnis mit den städtischen und ländli-
       chen Unterklassen  ("Volksmassen") den verschiedenen Repräsentan-
       ten der inneren und äußeren Reaktion (Konterrevolution) trotzen -
       unter starker politischer Mobilisierung und bei Durchführung ein-
       schneidender, die bisherige Gesellschaftsordnung stark verändern-
       der Maßnahmen:  Agrarreformen, Zerschlagung  der alten und Aufbau
       einer neuen Armee, Nationalisierung von Ausländern gehörendem Be-
       sitz, (temporäre) Einschränkung der Wirtschaftsfreiheit, staatli-
       che Regulierung  von Preisen und Löhnen etc. - So verstanden, hat
       es eine derartige "jakobinische Situation" in allen drei hier ge-
       nannten Fällen  mehr oder minder deutlich gegeben, wobei nochmals
       zu unterstreichen  ist, daß  solche revolutionäre  Regimes im ge-
       samten Kontext  aller Länder  der Dritten  Welt zwar nicht direkt
       eine völlige  Ausnahme darstellen, aber andererseits auch keines-
       wegs die  Mehrheit der politischen Herrschaftssysteme aller kolo-
       nial befreiten Länder der Dritten Welt repräsentieren.
       Die systematisch-komparative Betrachtungsweise soll nun fallweise
       für jedes Land folgende Fragen in den Vordergrund stellen:
       - Wie kam es zur revolutionären Situation?
       - Wie entstand das charakteristische Bündnis von radikalem Klein-
       bürgertum und Volksmassen?
       - Welche organisatorischen  und politischen  Formen  wies  dieses
       Bündnis auf?
       - Was wurde  in dieser  Situation getan  und welche  Auswirkungen
       hatte dies  auf die  Bauern, die städtischen Volksmassen, auf die
       Bourgeoisie und  die Zwischenschichten sowie auf das Ausland bzw.
       den externen Gegner?
       - Welche Veränderungen ereigneten sich im Bündnis selbst?
       - Gab es  einen Wechsel in der Führung bzw. der Hegemonie des Re-
       volutionsprozesses?
       - Welche Bedeutung  hatten diese  Veränderungen im Bündnis und in
       der Art der Hegemonie für das Verhältnis von Führung und Massen?
       Selbst diese wenigen Fragen können in einer knappen Problemskizze
       für drei  verschiedene Länderfälle  nur kursorisch behandelt wer-
       den. Der  Sinn solcher  - auch relativ weit gespannter - verglei-
       chender Revolutionsanalysen  kann in  dem Versuch gesehen werden,
       Allgemeines und  Besonderes klarer  voneinander zu trennen, dabei
       die Entwicklungspotentiale  bestimmter Situationen in Ländern der
       Dritten Welt  näher zu erforschen und zugleich die Bedeutung ein-
       zelner Kausalfaktoren  für bestimmte Verlaufsformen zu gewichten.
       Das heißt,  der Anspruch  an eine derartige Analyse darf nicht zu
       hoch angesetzt  werden: Manchmal hilft eine vergleichende Analyse
       schon dazu,  gegenüber den  Gegenständen die  richtigen Fragen zu
       stellen.
       
       1. Vietnam 1930-1945/54
       -----------------------
       
       Die Vietnamesische  Revolution, der früheste und zugleich von der
       Französischen Revolution  in bezug  auf die  Führerschaft und das
       Endresultat am stärksten abweichende Fall (innerhalb der hier an-
       gesprochenen Bandbreite  nationaler und  sozialer Revolutionen in
       der Dritten  Welt), hat  natürlich eine Reihe von besonderen Hin-
       tergrundursachen und  -bedingungen, auf die hier nur stichwortar-
       tig hingewiesen  werden kann. Allgemein wichtig für die Erklärung
       des langwierigen  und verbissen  geführten nationalen Unabhängig-
       keitskampfes Vietnams  scheint zunächst  einmal das Vorhandensein
       einer nationalen  Einheit vor  Beginn der französischen Kolonial-
       herrschaft sowie  eine lebendige  Erinnerung an die Tradition des
       Kampfes gegen  ausländische Eindringlinge  (z.B. des chinesischen
       Kaiserreichs) zu sein. Die starke Polarisierung von imperialisti-
       scher Herrschaft einerseits und Volk andererseits wurde besonders
       zugespitzt a)  durch die außerordentliche Verschärfung der ökono-
       mischen Situation  im Gefolge der Weltwirtschaftskrise (1929 ff.)
       und b) durch die 1941 beginnende französisch-japanische Doppelko-
       lonialherrschaft.
       Im Kontext  obiger Fragestellungen wäre zu analysieren, worin für
       Vietnam die  sogenannte "jakobinische  Situation" bestand und wie
       sie unter  Bedingungen  kolonialer  Rückständigkeit  nach  langem
       Kampf (1945/54  bzw. 1975)  in ein  sozialistisches Stadium über-
       führt werden  konnte. Cum  grano salis läßt sich für Vietnam seit
       Ende der  20er Jahre von einer "jakobinischen Situation" insofern
       sprechen, als  sich  revolutionär-demokratische,  zu  erheblichen
       Teilen aus dem Kleinbürgertum und intellektuellen Schichten stam-
       mende Kräfte  organisierten und radikalisierten. "Viele Vertreter
       dieser Schicht bekannten sich zu den nach dem Ersten Weltkrieg in
       Vietnam eindringenden marxistisch-leninistischen Ideen. Linke In-
       tellektuelle gehörten  zu den  ersten Mitgliedern der 1926 von Ho
       Chi Minh gegründeten Liga der Revolutionären Jugend Vietnams, der
       ersten Organisation  mit kommunistischer  Tendenz in Vietnam. Bei
       der weiteren  Entwicklung der  kommunistischen Bewegung  und  der
       Gründung der  KPV spielten  solche Vertreter  der Intelligenz wie
       Truong Chinh,  Pham Van  Dong und Vo Nguyen Giap, eine bedeutende
       Rolle." 4) Die Liga der Revolutionären Jugend Vietnams, abgekürzt
       TANH NIEN,  gewann schneller  größeren Einfluß in Vietnam als an-
       dere Organisationen und kann als Vorform der Kommunistischen Par-
       tei angesehen werden. Regelmäßige Schulung auf der Basis des Mar-
       xismus-Leninismus war  für sie  ebenso kennzeichnend wie der Ver-
       such, mit anderen antikolonialen Organisationen Kontakt aufzuneh-
       men und sich mit ihnen eventuell zu verbünden. "Obwohl die Intel-
       ligenz immer  noch den  Hauptanteil der  Mitgliedschaft  stellte,
       richtete sich die Propaganda vor allem an die Arbeiter der größe-
       ren Betriebe  in Hanoi,  Haiphong, Nam  Dinh, Vinh, Saigon-Cholon
       sowie an  die Plantagenarbeiter.  Sie hatte  richtig erkannt, daß
       dort große  revolutionäre Potenzen  steckten. 1927/28  hatte  die
       TANH NIEN  nach Angaben der Französischen Geheimpolizei über 1000
       Mitglieder und beeinflußte 12 verschiedene Organisationen, darun-
       ter einige Gewerkschaftsverbände, Schüler-, Frauen- und Jugendor-
       ganisationen." 5)
       Die ohnehin schwachen national-bürgerlichen Kräfte wurden infolge
       eines gescheiterten Aufstands (Yenbai 1930) von der französischen
       Kolonialmacht nahezu  völlig aufgerieben  und ihre Nationalpartei
       endgültig zerstört;  fast gleichzeitig gerieten die Massen in Be-
       wegung, von  1930/31 an  nahm die  Zahl der Streiks erheblich zu,
       besonders wichtig  war die  Errichtung von  Sowjets in  Nghe Tinh
       während acht  Monaten in  den Jahren  1930/31. 6) Das Bündnis von
       revolutionär-demokratischem Kleinbürgertum  einerseits und Arbei-
       terklasse/Bauern andererseits  nahm insofern  einen sehr spezifi-
       schen Charakter  an, als es der 1930 gegründeten KPV bzw. KPI ge-
       lang, seit dieser Phase die nationale Befreiungsbewegung zu domi-
       nieren. Der  Bündnischarakter kann  in zwei Aspekten gesehen wer-
       den: einmal  in der schon erwähnten Tatsache, daß große Teile der
       Führungsgruppe der KP aus dem Kleinbürgertum stammten und sich in
       Kader der Kommunistischen Partei transformierten, und zum zweiten
       darin, daß  schon in  dieser frühen  Phase ein  breit  angelegtes
       Bündnis zwischen  der kleinen,  aber relativ  konzentrierten  und
       kampfstarken Arbeiterklasse  Vietnams (ca. 250000 in dieser Zeit)
       und den Bauern (ca. 90% der Bevölkerung) sowie dem Kleinbürgertum
       und den bürgerlichen Kräften angestrebt worden ist. 7)
       Der bis  dahin (wahrscheinlich  auch seither)  einzigartige Fall,
       daß eine kommunistische Partei (die als Partei der Arbeiterklasse
       eine absolute Minorität repräsentiert) praktisch parallel mit dem
       Einsetzen und  Wirksamwerden einer  nationalen Befreiungsbewegung
       zu ihrem Hegemon werden konnte, war natürlich Gegenstand vielfäl-
       tiger Erklärungsversuche.  Neben den  bereits genannten  Gründen,
       die der  historischen Tradition Vietnams entstammen, den Aspekten
       der Verschärfung  der Lage durch die Weltwirtschaftskrise und dem
       erwähnten Scheitern der nationalen bürgerlichen Opposition schei-
       nen gewisse  Momente der  Affinität zwischen Marxismus und Konfu-
       zianismus das  Eindringen marxistischer Ideen in weite Kreise der
       Bevölkerung zumindest erleichtert zu haben. 8) Die intensive mar-
       xistische Schulung  in Frankreich  (dem kolonialen  "Mutterland")
       und in  China (dem  revolutionären Nachbarland)  haben zweifellos
       gleichfalls eine bedeutende Rolle gespielt. Die hohe Flexibilität
       der Führung der KPI, deren Erfolg in bestimmten Situationen viel-
       leicht gerade  dem nicht völlig schematischen und strikten Befol-
       gen der  Weisungen der  KI zu  verdanken ist,  muß sicherlich als
       weiteres wesentliches  subjektives Element für die Erklärung die-
       ses Phänomens herangezogen werden. 9)
       Auch hinsichtlich  der zweiten - für unsere Fragestellung wesent-
       lichen - Problematik, wie die Vietnamesische Revolution radikali-
       siert werden  konnte bis hin zu einer sozialistischen Revolution,
       ohne dabei das Bündnis der nationalen Einheitsfront zu gefährden,
       sind nur grobe Umrißskizzen möglich. Galt die erste Fragestellung
       dem Zeitraum  von ca. 1926-1935, so betrifft die eben formulierte
       Frage die  Zeitspanne von  ca. 1940/41  - 1954,  also die gesamte
       Zeit des sogenannten Ersten und Zweiten Indochinakrieges.
       Wie schon  der lange  Zeitraum von  fast 15 Jahren vermuten läßt,
       war für  die relativ  hohe Stabilität und die lange Dauer der na-
       tionalen, antiimperialistischen  Einheitsfront (in  verschiedenen
       Varianten und  unter verschiedenen  Namen: Viet  Minh, Lien  Viet
       etc.), die zeitweise soweit ging, daß sich die KPI formell auflö-
       ste, zunächst  einmal die Länge der kriegerischen Auseinanderset-
       zungen um  die Unabhängigkeit verantwortlich. Diese um die natio-
       nale Existenz und die nationale Integrität geführten äußerst har-
       ten Kämpfe  ließen große  Spielräume für  eine innere  Opposition
       oder gar  Zersplitterungen der  Front bei  Strafe des  Untergangs
       nicht zu.  Auch nach  der Unabhängigkeitserklärung  vom September
       1945 blieb das Erreichte noch lange - im Grunde sogar bis 1975! -
       gefährdet. Mit  Blick auf  die kurze  Kampfunterbrechung  1945/46
       weist W.  Lulei auf  das Aufbrechen charakteristischer Spannungen
       in der  vietnamesischen Einheitsfront  und auf die Art, wie diese
       überwunden wurden,  hin. "Die komplizierteste Situation hatte die
       Einheitsfront zweifellos Ende 1945/Anfang 1946 zu überstehen. Das
       ist nicht zufällig. In allen ehemals kolonialen Ländern wird nach
       der Erringung  der politischen  Unabhängigkeit die Frage nach dem
       Klassencharakter der  Macht mit aller Schärfe aufgeworfen. Es ist
       nicht nur  zu entscheiden,  ob und  in welchem Maße die antikolo-
       niale Befreiungsrevolution  in eine  nationaldemokratische  über-
       geht, sondern  auch, welche Klassenkräfte dabei führend sind. Die
       vietnamesischen Kommunisten  gingen große  Kompromisse  ein,  sie
       stellten selbst  viele Forderungen  der bürgerlich-demokratischen
       Revolution zurück,  sie machten  den  bürgerlichen  Nationalisten
       weitgehend Zugeständnisse, aber sie sicherten den Fortbestand der
       Einheitsfront und  in dieser  den vorherrschenden Einfluß der Ar-
       beiterklasse und  der Bauern  ... In  Vietnam blieb die Bedrohung
       der Unabhängigkeit  durch den  Imperialismus nach der Unabhängig-
       keitserklärung viel unmittelbarer bestehen als in den meisten an-
       deren Ländern der Region. Die nationale Unabhängigkeit blieb des-
       halb länger  wichtigstes Hauptziel  auch der  Bourgeoisie und der
       kleinbürgerlichen Schichten.  Gleichzeitig geriet jede politische
       Kraft, die  sich gegen  die Einheitsfront  stellte, sofort in die
       gefährliche Nähe  des Feindes und verlor damit ihre Massenbasis."
       10)
       Dies und andere Elemente der Situation müssen als Einheit gesehen
       werden: Gerade  wegen der  Ernsthaftigkeit der  Bedrohung und der
       Länge des  Kampfes war  die Führung der KPI - in welcher Form und
       unter welchem  Namen auch  immer -  kaum gefährdet; dies wiederum
       hatte zur  Folge, daß  sich die  KPI eine  nicht bloß  taktische,
       kurzfristige, sondern eine langfristig-strategische Koalition mit
       weitgehenden Konzessionen (sogar bis hin zu den Großgrundeigentü-
       mern noch  bis zum  Jahre 1953!)  gewissermaßen "leisten" konnte.
       Auf der anderen Seite zeichnete sich seit Beginn der 50er Jahre -
       in dem  Maße, wie sich die Aussichten, der erneuten Kolonialinva-
       sion Frankreichs  nicht zuletzt durch äußere Hilfe widerstehen zu
       können, verbesserten - eine Tendenz zur Vertiefung der Revolution
       ab. Die Wiedergründung der Kommunistischen Partei Vietnams, dies-
       mal unter  dem Namen "Partei der Werktätigen Vietnams" (1951) und
       die Agrarreform  von  1953  sind  Indikatoren  hierfür.  Letztere
       brachte Erleichterungen  für die Bauern, soweit es innerhalb die-
       ser Rahmenbedingungen  möglich war,  und trug gleichfalls zur Fe-
       stigung des Bündnisses, das quantitativ vor allem von der Bauern-
       schaft getragen  wurde, bei. 11) Gerade in diesem Jahr der Agrar-
       reform kam es zu einer gewissen Polarisierung zwischen Bauern und
       Grundeigentümern. Während  die Mitgliedschaft  der Bauernverbände
       um über  100% anstieg,  machte diese  Vertiefung des sozialen In-
       halts der  Vietnamesischen Revolution  viele bisher  loyale Groß-
       grundeigentümer zu  Gegnern der  Revolution; so  wurden 1953 eine
       Reihe von illegalen Vereinigungen von Großgrundeigentümern aufge-
       deckt und zerschlagen. 12)
       Natürlich wurden  im Gefolge der August-Revolution die Arbeitsbe-
       dingungen und  die soziale  Lage der  Arbeiterklasse  verbessert.
       Zwar konzentrierten  sich die Nationalisierungen auf Betriebe und
       Einrichtungen von  gesamtstaatlichem Interesse,  wie Eisenbahnen,
       Kraftstationen, Druckereien  und einige Werkstätten, die sich oh-
       nehin überwiegend  in  französischem  Eigentum  befunden  hatten,
       gleichzeitig aber  wurden die  Rechte der Arbeiter per Dekret er-
       weitert: In allen staatlichen und privaten Unternehmen wurden der
       8-Stunden-Tag und  ein  Mindestlohn  eingeführt,  Betriebsgewerk-
       schaftsorganisationen und  revolutionäre Arbeiterkomitees als Ba-
       sis der  Volksmacht in Industrie, Transport und Handel gegründet.
       13)
       Auch nach 1954, d.h. nach dem abermaligen Sieg über die französi-
       schen Kolonialisten  und dem Beginn des Aufbaus der Volksdemokra-
       tischen  Republik   in  Nordvietnam,   wurde  die   Politik   der
       "Nationalen Einheitsfront" nicht aufgegeben; tatsächlich arbeite-
       ten in  ihr in  gewissem Umfang  bürgerliche und kleinbürgerliche
       Klassensegmente ökonomisch  und politisch  mit; ein  anderer Teil
       von Großgrundeigentümern  und Kapitalisten  wurde qua  Entschädi-
       gungsleistung neutralisiert,  und ein  weiterer kleiner  und iso-
       lierter Teil,  der das  Rad der  Geschichte zurückdrehen  wollte,
       konnte relativ  mühelos eliminiert  werden. Abgesehen von den be-
       sonderen ökonomisch-sozialen Bedingungen (z.B. in Nordvietnam, wo
       es das  Problem der Enteignung von Kapitalisten kaum gab, sondern
       das Hauptproblem des Übergangs zum Sozialismus darin bestand, die
       individuelle Kleinproduktion  zu einem  sozialistischen Produkti-
       onssystem zusammenzuführen 14) war dieser relativ fließende Über-
       gang zur  sozialistischen Etappe  der Revolution  auch ein Reflex
       des sehr behutsamen und flexiblen Vorgehens der Revolutionsregie-
       rung. Dieses  charakterisiert z.B. Le Duan als besondere Form der
       Klassenauseinandersetzung. "Die vietnamesischen Kommunisten haben
       nicht den  Kampf gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Men-
       schen aufgegeben,  sie haben nicht aufgehört, um die Verbesserung
       des Lebensniveaus  der werktätigen Massen zu ringen, aber sie ha-
       ben ihre Forderungen der realen Kräftesituation angepaßt. Sie ha-
       ben nicht  sofortige umfassende Bodenreform, sondern Herabsetzung
       der Pacht,  Neuverteilung des Gemeindelandes, Senkung der Steuern
       und Enteignung  des Bodens  der Kolonialisten verlangt. Sie haben
       nicht die  Enteignung der  einheimischen  Bourgeoisie  gefordert,
       sondern nur  die staatliche Kontrolle über Betriebe von gesamtna-
       tionalem Interesse (z.B. Kraftwerke), die Begrenzung der Arbeits-
       zeit, Abschaffung  von Geldstrafen  in den  Betrieben und  einige
       ähnliche Maßnahmen.  Dieses Herangehen war kein Abrücken vom Kom-
       munismus im Interesse des Nationalismus - wie bürgerliche Autoren
       immer wieder  behaupten ",  sondern es war marxistisch-leninisti-
       sche Politik zur Zuendeführung der nationaldemokratischen Revolu-
       tion und  zur Erhaltung  der breiten  antiimperialistischen  Ein-
       heitsfront." 15)
       Durch den  Ausbau der  politischen Dominanz  der  Kommunistischen
       Partei während  der langen Jahre des Unabhängigkeitskampfes konn-
       ten dann  die später, im Laufe der 50er Jahre, ergriffenen ökono-
       misch-sozialen Maßnahmen, die auch Klassensegmente der Nationalen
       Einheitsfront negativ tangierten, keine politische Schwächung der
       Revolutionsregierung mehr  zur Folge  haben, da  ihre Macht-  und
       Massenbasis auf  diese Weise  besser erweitert  und  konsolidiert
       wurde als  dies durch  ein bloßes  Festhalten an  den  begrenzten
       Etappenzielen der  nationalen und  demokratischen Revolution mög-
       lich gewesen wäre.
       Die ab  1950 in nennenswertem Umfang einsetzende militärische und
       ökonomische Hilfe  seitens der  UdSSR und der Volksrepublik China
       (politische Unterstützung hatte es freilich schon vorher gegeben)
       erleichterte natürlich  die Lage  und die  Politik der revolutio-
       nären vietnamesischen  Führung. Andererseits vollzogen die USA im
       Zeichen des  "Kalten Krieges" einen Schwenk in ihrer Ostasien-Po-
       litik -  spätestens seit  dem Sieg der Chinesischen Revolution im
       Jahre 1949.  Von hysterischem Antikommunismus angetrieben, began-
       nen sie die französische Kolonialmacht in Vietnam zu unterstützen
       und wurden selbst in bedeutendem Umfang initiativ. 16) Obwohl die
       USA 1954  den französischen  Kolonialkrieg  bereits  zu  78%  und
       durchaus großzügig  finanzierten, konnte  die historische Nieder-
       lage in  Dien Bien Phu in diesem Jahre nicht mehr abgewendet wer-
       den. Den  damit gegebenen  engen Zusammenhang  von nationaler Be-
       freiung und  grundlegender sozialer Umwälzung drückte der franzö-
       sische Oberst  Fernand-Thibaut Schneider  auf seine Weise - tref-
       fend -  so aus: "Die Folgen dieser Niederlage und der darauf ein-
       getretenen Verhandlungen sollten eine Schlappe der ganzen westli-
       chen Welt  werden. Denn  es handelte  sich hier um einen Sieg ...
       der Kommunisten über die Kapitalisten, der Kolonisierten über die
       Kolonialisten." 17)
       
       2. Bolivien 1952-1964
       ---------------------
       
       Die Bolivianische  Revolution (1952-1964) ist im Kontext der hier
       zur Diskussion stehenden Beispiele derjenige Fall, der in einigen
       Aspekten dem  Verlauf der  Französischen Revolution  am  nächsten
       kommt: Das  radikale, an die Macht gelangte Bündnis von kleinbür-
       gerlichen Zwischenschichten und Volk (Arbeiter und Bauern) führte
       weitgehende Reformen im Agrar-, Minen- und Armeebereich durch; es
       kommt aber im Gefolge dieser Maßnahmen zu Differenzierungsprozes-
       sen, die  das Bündnis sprengen und zur Zurücknahme oder Verwässe-
       rung dieser  revolutionären Maßnahmen  führen.  Im  Ergebnis  er-
       scheint die Herrschaft neuer Gruppen der Bourgeoisie und von Tei-
       len der sich nun modernisierenden Oligarchie als stabilisiert.
       Die "jakobinische  Situation" von  1952 geht  in Bolivien auf so-
       ziale und  politische Veränderungen  im Lande  während  der  30er
       Jahre zurück. Seit der Gründung der Republik Bolivien (1825) hat-
       ten sich  bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges die typischen Züge
       der bolivianischen  Gesellschaft und des politischen Herrschafts-
       systems -  trotz der  über 100  Umstürze und Militärputsche - als
       überaus stabil  erwiesen: unumschränkte  Macht der  Land- und Mi-
       nenoligarchie inländischer  und ausländischer  Provenienz,  Herr-
       schaft von  Caudillos und  lokalen Kaziken, Fraktionalismus, Ver-
       rat, Gewalt und vor allem unerbittliche Ausbeutung der Indios und
       (in etwas geringerem Maße) der Cholos, d.h. der Mestizen. Erst in
       den 30er  Jahren begann  sich bei Teilen der "städtischen Mittel-
       schichten", der  Intelligenz und  verschiedenen Gruppen des Mili-
       tärs die  Ideologie des  "revolutionären Nationalismus" herauszu-
       bilden. Dies  geschah vor  allem unter dem Eindruck der Weltwirt-
       schaftskrise und des Chaco-Krieges (1932-1935) gegen Paraguay. In
       diesem Krieg, der zu einem weiteren Gebietsverlust führte, offen-
       barte sich  die Morbidität der fast unverändert gebliebenen Kolo-
       nialgesellschaft,  die  auch  nicht  dadurch  kompensiert  werden
       konnte, daß  die Masse  der Indios nun erstmals als "Soldaten" in
       den politischen  Prozeß einbezogen  wurde und  sich sterbend  der
       "bolivianischen Nation" zugehörig fühlen durfte.
       Die danach in Bolivien an die Regierung gelangten Führer, zumeist
       jüngere Offiziere,  steuerten einen nationalistischen und sozial-
       reformerischen Kurs,  verfolgten die  Opposition von  rechts  und
       links mit großer Schärfe und versuchten gleichzeitig, ihren Rück-
       halt im  Militär und bei den von ihnen "geförderten" Gewerkschaf-
       ten zu  verstärken. Vertreter des Anfang der 40er Jahre gegründe-
       ten "Movimiento  Nacionalista  Revolucionario"  (MNR),  der  sich
       zunächst aus  den oben  genannten städtischen Mittelschichten und
       der Intelligenz rekrutiert, arbeiteten eng mit diesen - fälschli-
       cherweise als  faschistisch bezeichneten  - Diktatoren  zusammen.
       18)
       Nach dem 1946 eintretenden konterrevolutionären Rückschlag gelang
       es dem  verfolgten MNR bei den Wahlen von 1951, die meisten Stim-
       men zu  erringen.  Die  Weigerung  der  herrschenden  politischen
       Kräfte, den Kandidaten des MNR, Victor Paz Estenssoro, zum Präsi-
       dentenamt zuzulassen, löste zunächst einen "linken" Militärputsch
       aus, der  jedoch  angesichts  der  Übermacht  der  traditionellen
       "Ordnungskräfte" keine  Überlebenschancen gehabt hätte. Entschei-
       dend war das Eingreifen der Minenarbeiter, die seit den Massakern
       von Catavi,  einem Minenzentrum, in den Jahren 1942 und 1949, im-
       mer energischer  zur bewaffneten Selbstverteidigung gegenüber der
       Armee bei  Streiks übergegangen waren. Einer Gruppe von Arbeitern
       gelang es,  ein Waffenlager in Besitz zu nehmen und die Waffen an
       das Volk zu verteilen. Die heftigen Kämpfe in der Hauptstadt dau-
       erten drei  Tage und  forderten über 3000 Todesopfer; sie griffen
       rasch auf  die Provinzstädte und die dicht besiedelten ländlichen
       Regionen über,  da hier  die Masse der Indios, die sich seit Ende
       der 30er  Jahre -  unter Führung  von Arbeitern  - in "sindicatos
       campesinos" zusammengeschlossen  hatte, nun  energisch den  Kampf
       gegen die  hacendados und  ihren Status  als Leibeigene  oder  de
       facto-Sklaven erstmals organisiert und überlokal aufnahm.
       Das unmittelbare Resultat dieser sogenannten " Bolivianischen Re-
       volution", die  zweifellos die  in Lateinamerika  radikalsten ge-
       sellschaftlichen Veränderungen  seit der Mexikanischen Revolution
       bewirkt hatte,  war die  Regierungsbildung unter  Führung des MNR
       und Paz  Estenssoros und  unter Beteiligung der Vertreter der Mi-
       nen- und  Landarbeitergewerkschaft ("Co-Gobierno"), die Auflösung
       der traditionellen  Armee (an  ihre Stelle  traten Arbeiter-  und
       Bauernmilizen), die  vollkommene Entmachtung der "Zinnbarone" und
       die erhebliche Schwächung der traditionellen Landoligarchie.
       Der entscheidende  Widerspruch innerhalb  der "  Regierungskoali-
       tion" zeichnete  sich bereits  in den  ersten  Monaten  nach  der
       Machtübernahme gleichsam  im embryonalen Zustand ab und bestimmte
       die gesamte  politische Auseinandersetzung  bis 1964, als der MNR
       längst eine  eindeutige Rechtswendung vollzogen hatte und zu die-
       sem Zeitpunkt  von einer  noch rechteren Militärdiktatur abgelöst
       wurde: Paz Estenssoro und der MNR waren nur durch die massive Un-
       terstützung der  Arbeiter und  Bauern an  die Macht gekommen, sie
       wollten aber  lediglich die  - fast  nicht vorhandene - nationale
       Bourgeoisie Boliviens entwickeln, d.h. die demokratische und bür-
       gerliche Revolution nachholen und die Industrialisierung des Lan-
       des einleiten.  An einer  egalitären, sozialstaatlichen  oder gar
       sozialistischen Entwicklung bei vollständigem Bruch mit dem Impe-
       rialismus war der MNR nicht interessiert. Letzteres aber lag zwar
       im "objektiven Interesse" der Masse der Campesinos und der Arbei-
       ter, wurde  aber von  ihnen aus  unterschiedlichen Gründen  nicht
       klar und in einer mittel- bzw. langfristig angelegten politischen
       Strategie artikuliert und einheitlich angestrebt.
       Die Nationalisierung der Zinnminen nahm Estenssoro erst nach ent-
       scheidendem Drängen der nun gebildeten zentralen Gewerkschaftsor-
       ganisation (COB)  vor; und  die erst  im  August  1953  offiziell
       durchgeführte (von dem MNR zunächst gar nicht vorgesehene) Agrar-
       reform stellte  lediglich die  Bestätigung eines Zustands dar, da
       die Campesinos  in wesentlichen Teilen des Landes die Güter ihrer
       Herren besetzt  und diese  vertrieben  hatten.  Die  Aufforderung
       Estenssoros, die Waffen nach Beendigung der Revolution abzugeben,
       wurde vor allem von den Minenarbeitern nicht befolgt. Gemäß einem
       1947 bereits unter trotzkistischem Einfluß zustandegekommenen Be-
       schluß der  Minenarbeitergewerkschaft hielten  sie am Prinzip der
       gewerkschaftlich organisierten  Miliztruppe fest  und setzten für
       den Minenbereich  die Arbeiterkontrolle und das Vetorecht des Ar-
       beitervertreters in  den Führungsgremien der Betriebe und des ge-
       samten Unternehmens (COMIBOL) durch.
       Ohne Zweifel  stellten diese  Ergebnisse der  Revolution wie auch
       die Gewährung  von Bürger-  und Wahlrecht an die Indios und Anal-
       phabeten eine  bedeutende Veränderung  der bolivianischen Gesell-
       schaft dar;  und zweifellos  verbesserten die Bauern und Arbeiter
       sowohl materiell  wie auch bezüglich ihrer politischen Partizipa-
       tionsmöglichkeiten ihre  Lage gegenüber dem vorrevolutionären Zu-
       stand erheblich.  Aufgrund der  Tatsache jedoch, daß diese Ergeb-
       nisse der  Revolution den Kompromiß- und Übergangscharakter einer
       bestimmten Konstellation  des politischen Kräfteverhältnisses wi-
       derspiegelten, kam  es in  der darauf folgenden Zeit immer wieder
       zu sehr  verschiedenen realen  Inhalten dieser rechtlichen Fixie-
       rungen, wobei allerdings auf die Dauer die Tendenz der Entfernung
       von den Revolutionszielen eindeutig überwog.
       Die Gründe für diese Rückentwicklung aus einer revolutionären Si-
       tuation, die "jakobinische Eigenschaften" trug, waren vielfältig.
       Die Tatsache,  daß die  neue bolivianische  Regierung sich  schon
       sehr bald  - teils durch Druck, teils auf eigenen Wunsch - in die
       außenwirtschaftliche und außenpolitische Abhängigkeit von den USA
       begab, war  zweifellos eine wesentliche Barriere für eine eventu-
       elle Radikalisierung der Revolution. Schon ab Ende 1953 gelang es
       den USA - nach anfänglichem Zögern ", Bolivien durch Wirtschafts-
       und Militärhilfe  fest in  das antikommunistische Blocksystem der
       Dulles-Ära einzubeziehen  und die MNR-Regierung zu zwingen, "ihre
       wirtschafts- und  sozialpolitischen Ziele in der Praxis erheblich
       zurückzustecken." 19)  Auf der anderen Seite stand diesem US-Ein-
       fluß keine  externe linke alternative Stütze (etwa in Gestalt der
       sozialistischen Länder)  gegenüber. Hierzu  war die bolivianische
       Linke zu uneinheitlich und die System- und Machtfrage noch zu we-
       nig herangerückt.
       Programmatik und  Verhalten des  MNR, der im Bündnis der dominie-
       rende Teil  war und  blieb, bestimmte  wesentlich den Verlauf der
       Revolution. Der MNR war zu Beginn der 40er Jahre (1941) "als eine
       Partei von kleinbürgerlichen Intellektuellen, ohne eine Verwurze-
       lung im Volk" 20) entstanden und wurde bald von einer erfolgreich
       putschenden links-nationalistischen Militärfraktion an der Regie-
       rung beteiligt. Durch die gewaltsame Wiederkehr einer konservati-
       ven Regierung  im Jahre  1946 in die Opposition bzw. ins Exil ge-
       drängt, gelang  es dem  MNR, seine Massenbasis in den städtischen
       Mittelschichten zu  erweitern und  vor allem  auch wichtige Teile
       der Arbeiterklasse  (insbesondere Eisenbahn-  und Fabrikarbeiter)
       an sich zu binden. Dies war eine wesentliche Voraussetzung dafür,
       daß der  ursprüngliche Putschplan des MNR 1952 in eine Volksrevo-
       lution mündete,  die letztlich von der bewaffneten Arbeiterschaft
       entschieden wurde.
       In den  30er und  40er Jahren war die kleine bolivianische Arbei-
       terklasse (ca.  5% der  ökonomisch aktiven Bevölkerung) politisch
       in zwei  Hauptgruppen gespalten: Während die sehr kampfstarke und
       klassenbewußte  Minenarbeiterschaft   der   trotzkistischen   POR
       (Partido Obrere  Revolucionario) folgte, waren die Eisenbahn- und
       Fabrikarbeiter stärker mit dem PIR (Partido de la Izquierda Revo-
       lucionaria), einer  an der  kommunistischen Bewegung orientierten
       Partei, verbunden.  Als der  PIR sich wegen des notorischen Anti-
       kommunismus des MNR an dem - letztlich nach rechts ausmündenden -
       Putsch von  1946 beteiligte und überdies in eine extrem arbeiter-
       feindliche Regierung eintrat, verlor er einen beträchtlichen Teil
       seiner Massenbasis an den MNR. 21) So bedingten diese Erweiterung
       der sozialen  Basis des  MNR sowie  die Ereignisse von 1952 seine
       Radikalisierung und  Linkswendung, ohne  daß dabei allerdings die
       grundsätzliche Orientierung  und sein  kleinbürgerlicher bis bür-
       gerlicher Charakter  aufgegeben worden  wäre.  Aus  verschiedenen
       Gründen (Weltmarktentwicklung, Auflagen der USA, falsche Investi-
       tionspolitik seitens  der Dachgewerkschaft  COB etc.) konnten die
       wirtschafts- und  entwicklungspolitischen Konzeptionen der Regie-
       rung von  1952 keinen Erfolg aufweisen. Die Spannungen im Bündnis
       MNR/Arbeiterklasse nahmen  schon während  der  ersten  Präsident-
       schaftsphase unter  Paz Estenssoro  (1952-1956)  zu,  obwohl  das
       Prinzip des  "Co-Gobierno" nicht infragegestellt wurde. Durch die
       bald steigende  Einflußnahme des US-Imperialismus wurden aber die
       realen Eingriffsmöglichkeiten  der Arbeiterklasse  zunehmend  be-
       grenzt. Mit  der Regierung  von Siles  Zuazo (1956-1960) war eine
       weitere Rechtsentwicklung  des MNR verbunden, zumal in dieser Pe-
       riode die rigorose Durchführung des Stabilisierungsprogramms ver-
       sucht wurde. "Unter dem Druck der katastrophalen ökonomischen Si-
       tuation, die  die MNR  zur Annahme  des  Stabilisierungsprogramms
       zwang, und angesichts der Tatsache, daß die COB sich auf die Ver-
       teidigung der  durch das  Programm gefährdeten Löhne und sozialen
       Begünstigungen der  Bergarbeiter beschränkte,  ohne eine Alterna-
       tive zur  ökonomischen Rekonstruktion  des Landes  zu entwickeln,
       konnte Siles  die machtpolitischen Verhältnisse zu seinen Gunsten
       verändern. Er besetzte den Staatsapparat mit den Anhängern seiner
       Koalition und intensivierte seine Politik durch zwei Schritte: er
       leitete mit  Unterstützung der USA den Wiederaufbau der Armee als
       militärisches Gegengewicht  gegen  die  Arbeitermilizen  ein  und
       schuf dadurch eine der wesentlichen Bedingungen für die Beschleu-
       nigung des  konterrevolutionären Prozesses; zweitens versuchte er
       mit Erfolg die soziale Basis der Regierung, die bisher hauptsäch-
       lich im  Proletariat lag,  auf die  Bauern zu verlagern und diese
       gegen Streikbewegungen der Bergarbeiter einzusetzen." 22)
       Der kurzfristigen  Wiederaufnahme  des  "Co-Gobierno"  unter  der
       zweiten Präsidentschaft  Paz Estenssoros  entsprach  keine  reale
       Grundlage mehr.  Da die Politik von Siles Zuazo in ihren Grundzü-
       gen auch  von ihm  fortgesetzt wurde,  nahmen die Differenzen mit
       der Vertretung  der Arbeiterklasse bald wieder heftige Formen an,
       und die  Arbeiterbasis des MNR schmolz zusehends dahin; aber auch
       durch das  Abfallen eines  erheblichen Teils der städtischen Mit-
       telklassen, die ebenfalls durch die rigorose Stabilisierungspoli-
       tik geschädigt  worden waren, wurde seine parteimäßige Schwächung
       und Isolierung  derart vorangetrieben,  daß die  Rolle der  Armee
       schnell wuchs  und infolgedessen  1964, als die Armee den MNR von
       der Regierung wegputschte, niemand überrascht war.
       Damit war  nicht nur  das populistische,  nationalkapitalistische
       Experiment gescheitert, sondern auch jegliche Hoffnung der Arbei-
       terklasse auf  Fortsetzung und Weiterführung der Revolution weit-
       gehend begraben. Außer den bereits genannten Gründen sind hierfür
       der Zustand und die Politik der Arbeiterbewegung und die Reaktion
       der Bauernschaft zu betrachten. Die Spaltung der Arbeiterbewegung
       in einen  dem MNR affilierten Teil und einen überwiegend trotzki-
       stisch-syndikalistischen Teil, die offensichtlich während des ge-
       samten Prozesses  nicht dauerhaft  überwunden werden  konnte, war
       sicherlich ein  entscheidendes Hindernis für einen Hegemoniewech-
       sel des Prozesses in Richtung auf Führung der Arbeiterklasse. Der
       Verzicht auf ein gesamtpolitisches Alternativprojekt und die Kon-
       zentration auf eine Politik der ökonomischen und sozialen Besitz-
       standswahrung der Minenarbeiter sind wahrscheinlich weitere wich-
       tige Gesichtspunkte zur Erklärung der Tatsache, daß die Arbeiter-
       klasse -  trotz ihres  günstigen Ausgangspunktes - letztlich wäh-
       rend des gesamten Prozesses in der Defensive geblieben ist. 23)
       Die naheliegende  Frage, wieso es der Arbeiterbewegung im Bündnis
       mit der  Bauernschaft offenbar nicht gelang, die Revolutionsziele
       zu verfolgen,  diese  eventuell  zu  radikalisieren,  ist  ebenso
       zunächst  nur   hypothetisch  zu   beantworten.  Der  Ausbau  der
       Campesino-Gewerkschaft vollzog sich unter der konkurrierenden In-
       itiative von MNR (und ihren verschiedenen Flügeln) einerseits und
       COB bzw.  POR andererseits  in den  ersten Jahren  nach 1952 sehr
       rasch. 1956  sollen schon  etwa 20 000 Gewerkschaften - meist auf
       ehemaligen Haciendas  - gegründet  worden  sein  und  schon  über
       600 000 Campesinos,  meistens ehemalige  Hacienda-Angehörige  und
       potentielle Agrarreformbegünstigte,  erfaßt haben. 24) Gleichwohl
       zeigte sich  im Laufe  der Jahre immer deutlicher, daß bedeutende
       Teile der Bauernschaft systemstabilisierende und konservative po-
       litische Faktoren  geworden waren. Landzuteilung, Markteinbindung
       und zunehmende  Differenzierung (ökonomisch  wie auch bildungsmä-
       ßig) beförderten  die Ausformung eines konservativen Eigentumsbe-
       wußtseins und  ein hohes Maß an Entsolidarisierung - etwa inbezug
       auf die  Minenarbeiter. Die vertikale Struktur der von dem MNR in
       der Regel geleiteten Bauernorganisationen und die lokalen, leicht
       korrumpierbaren Kaziken  oder Gewerkschaftsbürokraten  trugen  zu
       dieser Tendenz das Ihre bei. 25)
       Die Tatsache  schließlich, daß der bolivianische Staat nicht über
       autonome Mechanismen  der technischen  und finanziellen Durchfüh-
       rung der  Agrarreform verfügte und deren wichtigste Elemente, wie
       z.B. Kredite, Erziehung, Kommerzialisierung etc. sich in den Hän-
       den der nordamerikanischen USAID befanden, zeigte, daß Reichweite
       und Ausführung  der Agrarreform weitgehend von den Interessen der
       US-Regierung abhängig  waren und  nach ihrem  Geschmack gestaltet
       wurden. Auch  dies war  zweifellos ein wichtiger Beitrag zur kon-
       servativen Formierung zumindest eines Teils der Bauernschaft. Im-
       mer häufiger  konnten Bauerngewerkschaften von den unterschiedli-
       chen MNR-Regierungen  gegen die  Bergarbeiter mobilisiert werden,
       mit dem  "Argument", daß  diese kommunistisch seien und beabsich-
       tigten, den kleinen Landbesitz der Bauern zu kollektivieren. Dies
       ging soweit, daß Ende 1963 die (neue) Armee und Bauernmilizen ge-
       meinsam Bergbaugebiete  umzingelten und  die  Bergarbeitergewerk-
       schaft sich  der militärischen Überlegenheit der Regierung beugen
       mußte. 26)
       
       3. Kuba 1956-1961
       -----------------
       
       Der Fall  Kuba (1956-1961), der als letzter hier skizziert werden
       soll, steht  - im  Unterschied zu  Bolivien - für die Möglichkeit
       eines raschen  Übergangs von einer bürgerlich-demokratischen, na-
       tionalen-antiimperialistischen Phase des Revolutionsprozesses zum
       Beginn einer  sozialistischen Entwicklungsetappe.  Im Unterschied
       zu Vietnam  aber vollzog  sich dieser Übergangsprozeß nicht unter
       Führung einer  kommunistischen Partei oder proletarischer Kräfte,
       sondern unter  Anleitung nichtproletarischer Gruppen, die von der
       sozialen Herkunft her überwiegend aus kleinbürgerlich-intellektu-
       ellen Kreisen  stammten und  sich nicht nur zu revolutionär-demo-
       kratischen Positionen  vorgearbeitet hatten,  sondern  unter  dem
       Druck vielfältiger  objektiver Zwänge - aus pragmatischer Notwen-
       digkeit und  theoretischer Einsicht  heraus -  zu sozialistischen
       bzw. marxistischen strategischen Orientierungen hinfanden.
       Vordergründig gesehen, entfaltete sich das Bündnis von Teilen ei-
       nes revolutionären Kleinbürgertums mit der Arbeiterklasse und den
       Campesinos in  der Opposition gegen die US-hörige und terroristi-
       sche Batista-Diktatur. Doch die Forderungen nach politischer Par-
       tizipation und Kontrolle sowie nach Abschaffung ökonomischer Miß-
       stände hatten eine tiefere Wurzel und weiterreichende Implikatio-
       nen, als  sie den  zwischen 1953  (Sturm auf die Moncada-Kaserne)
       und 1958/59 (Sturz Batistas) handelnden Kräften vielleicht unmit-
       telbar bewußt  waren. Denn das spät (1902) aus der spanischen Ko-
       lonialherrschaft entlassene Kuba ging sofort in die neokoloniale,
       protektoratsähnliche Beherrschung durch die USA über. Die dadurch
       gegebenen überdurchschnittlich  starken Abhängigkeitsverhältnisse
       von den  USA bedingten  nicht nur eine extrem einseitige Entwick-
       lung der  gesamten Wirtschaft  und Gesellschaft  auf die  Zucker-
       Monokultur und die Zurückgebliebenheit der Produktivkräfte in al-
       len anderen  Bereichen, sondern auch eine fast vollständige Inte-
       gration der  kubanischen Ökonomie in den US-amerikanischen Repro-
       duktionsprozeß. Dies  hatte zur  Folge, daß  Kuba im Vergleich zu
       anderen lateinamerikanischen  Ländern einerseits  relativ entwic-
       kelt war,  d.h. durchkapitalisiert  und einen hohen Proletarisie-
       rungsgrad aufwies,  zum anderen aber gerade infolge der hohen Ab-
       hängigkeit und  völligen Unterordnung  unter die monopolkapitali-
       stischen US-Interessen eine zurückgebliebene und von temporär au-
       ßerordentlich hoher Arbeitslosigkeit und Massenelend gekennzeich-
       nete Gesellschaft war.
       Mit der  frühen Dominanz  des Kapitalismus  in der Landwirtschaft
       und der  Industrie und  der Beibehaltung des parasitären Latifun-
       dien- und  Pachtsystems sowie der überdurchschnittlich hohen aus-
       ländischen Überfremdung  des gesamten  Wirschaftslebens waren we-
       sentliche sozioökonomische  Widersprüche in Kuba schon als Wider-
       sprüche zwischen Kapital und Arbeit seit den 30er und 40er Jahren
       vorgezeichnet und  entwicklungsbestimmend. So  ist es  keineswegs
       zufällig, daß  die kubanische Arbeiterbewegung und auch die frühe
       Entwicklung der Kommunistischen Partei Kubas für Lateinamerika in
       mancher Hinsicht beispielgebend waren. Die kubanische Bourgeoisie
       dagegen war  schon bald den monopolkapitalistischen US-Interessen
       völlig untergeordnet,  was gerade  auch durch  die relativ starke
       Arbeiter- und  Volksbewegung seit den 20er Jahren noch unterstri-
       chen wurde. Beide Komponenten bedingten, daß die kubanische Bour-
       geoisie noch  weniger national orientiert war und noch geringeres
       eigenständiges politisches Gewicht hatte als die jeweiligen Bour-
       geoisien anderer  Länder Lateinamerikas. 27) "Diese auf das Kräf-
       teverhältnis zwischen  Revolution  und  Konterrevolution  1959/60
       nachwirkende ökonomisch-politische Schwäche bürgerlicher Klassen-
       kräfte trug  entscheidend dazu  bei, daß die Entwicklungsmöglich-
       keiten des  abhängigen und  rückständigen Kapitalismus in Kuba in
       einem historisch sehr kurzen Zeitraum erschöpft waren und mit dem
       Scheitern bürgerlicher  Lösungsversuche der  Krise die Suche nach
       einer gesellschaftlichen  Perspektive außerhalb  der kapitalisti-
       schen Ordnung ermöglicht wurde." 28)
       Die  breiten   revolutionären  Traditionen  der  kubanischen  Ge-
       schichte, die  weit in  das 19. Jahrhundert hineinreichten, waren
       schon damals  von nationalem Unabhängigkeitsstreben und der Suche
       nach sozialer  Gerechtigkeit gekennzeichnet.  29) Die  frühe enge
       Verbindung von  nationalen und  sozialen Elementen des revolutio-
       nären Kampfes steigerte sich im Laufe der 20er und 30er Jahre des
       20. Jahrhunderts  noch durch  die Fremdbestimmung seitens der USA
       und durch  den hohen  Kapitalisierungsgrad, so  daß die nationale
       Befreiung und  der Klassenkampf  fast zu einer identischen Dimen-
       sion wurden.  Dies waren  die tieferen Ursachen für ein breiteres
       Bündnis antidiktatorischer  Art, das im Laufe der Auseinanderset-
       zungen mit  der Diktatur und den abhängig kapitalistischen Struk-
       turen über seine zunächst begrenzte Zielsetzung hinauswuchs.
       Die mannigfaltigen  Solidaritätsaktionen mit  den Mitgliedern der
       von Fidel  Castro geführten "Bewegung des 26. Juli" (ursprünglich
       einer  radikaldemokratischen  Intellektuellen-Organisation)  nach
       dem gescheiterten Überfall auf die Moncada-Kaserne ermutigten die
       Reste dieser  Gruppe - nach einer Periode der Verfolgung, des Ge-
       fängnisaufenthalts und  des Exils  ", den  bewaffneten Kampf Ende
       1956 abermals  aufzunehmen, ohne dabei jedoch putschistischen Il-
       lusionen anheimzufallen.  Schon zu  jener Zeit war bei jenem Teil
       der revolutionären Intelligenz die Einsicht verwurzelt, daß nicht
       allein die  Beseitigung der  Diktatur ausreiche, sondern daß auch
       der Nährboden,  der sie hervorgebracht hatte, unter breiter Mobi-
       lisierung der Volksmassen grundlegend verändert werden müsse.
       Die Zusammenarbeit  mit anderen revolutionären Kräften, vor allem
       der Sozialistischen  Volkspartei (SVP, der Bezeichnung der Kommu-
       nistischen Partei  Kubas damals) und dem "Revolutionären Direkto-
       rium" (einer  radikalen antidiktatorischen Studentenorganisation)
       gestaltete sich  als sehr  schwierig und  war auch  zunächst  nur
       punktuell vorhanden.  Wechselseitiges Mißtrauen und die Ablehnung
       bestimmter Kampfformen  waren die  wesentliche  Ursache  hierfür;
       während die  "Bewegung des  26. Juli"  eine Kombination  von Gue-
       rilla-Krieg, Volksaufstand und Generalstreik befürwortete, setzte
       die SVP  lediglich auf letzteren. Je intensiver und erfolgreicher
       aber der  Kampf gegen  die Batista-Diktatur  wurde, um so stärker
       zeichnete sich  ein Aufeinanderzugehen der einzelnen Oppositions-
       strömungen ab.  So anerkannte die SVP seit Frühjahr 1958 den Gue-
       rilla-Kampf als  wichtige Kampfmethode, an der sie sich in gewis-
       sem Umfang von diesem Zeitpunkt an auch beteiligte.
       Mit dem  Erfolg der Guerilla in der Sierra Maestre, der durch die
       Verhaßtheit der Batista-Truppen, das Vorbild-Verhalten der Parti-
       sanen,  die   Einrichtung  von   neuen  Verwaltungsstrukturen  in
       "befreiten Gebieten"  und  die  Aussicht  auf  Abschaffung  hoher
       Pachtgebühren an die Latifundisten bedingt war 30), wurde auch im
       Laufe der  Jahre (1955-1958) der Anteil der Arbeiter am Kampf ge-
       gen die  Diktatur größer. Die besonderen Probleme der kubanischen
       Arbeiterklasse, insbesondere der städtischen, waren mit dem Über-
       gang zum  Kalten Krieg  in der zweiten Hälfte der 40er Jahre ver-
       bunden und waren durch eine tiefe ideologische Spaltung und Büro-
       kratisierung der  Führung gekennzeichnet;  Reformismus und Ökono-
       mismus waren in beträchtlichen Teilen der Arbeiterklasse, weniger
       stark in  der Landarbeiterfraktion,  verbreitet. 31)  Während der
       realen Fortschritte des Guerilla-Kampfes, vor allem im Jahre 1958
       32), kam  es zu  einer Intensivierung der Bündnisbeziehungen zwi-
       schen den  Hauptkomponenten des  Widerstands (radikales Kleinbür-
       gertum, Bauernschaft  und Landarbeiter sowie städtisches Proleta-
       riat). Aber auch punktuelle Kontakte mit einzelnen Vertretern der
       Bourgeoisie sowie  Abkommen mit  diesen (Bekräftigung der Notwen-
       digkeit des  Sturzes von  Batista z.B.)  in dem sogenannten "Pakt
       von Miami"  oder dem  sogenannten "Abkommen  von  Caracas"  waren
       wichtige Elemente,  da hierin  eine Begründung  für die  relative
       Harmlosigkeit der Guerillabewegung in der nationalen und interna-
       tionalen Öffentlichkeit  gesehen  werden  konnte.  Nicht  zuletzt
       hierdurch gelang  es auch,  vor allem  während der zweiten Hälfte
       des Jahres  1958, die Neutralisierung gemäßigter, nicht offen mit
       der Diktatur  verbundener bürgerlich-latifundistischer  Kräfte zu
       erreichen. "Eine  der großen  taktisch-strategischen  Meisterlei-
       stungen der  Avantgarde der Kubanischen Revolution bestand darin,
       in jeder  Phase des  revolutionären Prozesses diejenigen Aufgaben
       und Ziele formuliert zu haben, die für die sich in ihrer sozialen
       Zusammensetzung ändernde,  für den  politischen Kampf  notwendige
       Mehrheit der  Bevölkerung logisch  und annehmbar waren. Auf diese
       Weise konnten  Gruppen der kubanischen Bourgeoisie wohl zu Trieb-
       kräften des  antidiktatorischen Kampfes,  nicht aber des gesamten
       Prozesses werden." 33)
       Nach dem Sturz der Batista-Diktatur begann ab Januar 1959 der ei-
       gentliche Kampf um die Macht bzw. um die Frage, wohin die Revolu-
       tion sich weiterentwickeln sollte. Der siegreichen Rebellenarmee,
       einer teilweise mobilisierten Bauernschaft und der Arbeiterklasse
       standen die  vorhandenen ökonomischen  Positionen und die politi-
       schen Einflußmöglichkeiten  der kubanischen  Bourgeoisie und  des
       ausländischen Kapitals  gegenüber. Dieses  reale Kräfteverhältnis
       wird auch  noch reflektiert  in der  Zusammensetzung  der  ersten
       "Provisorischen Regierung",  in der wahrscheinlich der Anteil der
       bürgerlichen Kräfte  größer und  der Anteil der Arbeitervertreter
       geringer gewesen war als z.B. in der revolutionären Regierung Bo-
       liviens 1952/53.  Erst durch die Verabschiedung des ersten Agrar-
       reformgesetzes (Mai 1959), das - obwohl keineswegs sehr radikal -
       die Bourgeoisie  als schweren  Angriff  auf  die  Gesamtheit  der
       Klasse wahrnahm,  und mit  der Bildung von Volksmilizen und Komi-
       tees zur Verteidigung der Revolution kam es zu einer weiteren Ra-
       dikalisierung, für die vor allem durch die Liquidierung wesentli-
       cher Teile des Staatsapparates (Militär, Polizei, Verwaltung, Ju-
       stiz etc.)  relativ günstige Voraussetzungen bestanden. In dieser
       Konfrontation sicherten  im Juli  1959 ein gut befolgter General-
       streik und das vereinte Auftreten der am Sieg über Batista betei-
       ligten revolutionären Organisationen die Rückkehr Castros auf den
       Posten des Ministerpräsidenten und die Fortführung der revolutio-
       nären Umgestaltung der Gesellschaft bei weitgehender Eliminierung
       der Bourgeoisie.
       Angesichts der  Zuspitzung der Auseinandersetzung mit der Konter-
       revolution war  der Einsatz  des Proletariats bei der Aufrechter-
       haltung der Produktion und der Verteidigung der Revolution in den
       Volksmilizen immer  wichtiger geworden;  die revolutionäre Regie-
       rung  unterstützte   ihrerseits  Arbeiterforderungen  soweit  als
       möglich (Lohnforderungen,  unbegründete Entlassungen wurden rück-
       gängig gemacht,  Einschreiten bei  Boykottmaßnahmen der Kapitali-
       sten etc.).  Es verstärkte  sich parallel hierzu die Orientierung
       der revolutionären  Führung und der SVP auf eine neue Einstellung
       zur Arbeit  unter nun  veränderten Bedingungen  und auf den Kampf
       des Proletariats  um die politische Macht. In dieser Hinsicht war
       das kubanische  Proletariat kaum  ausreichend vorbereitet, was in
       der historischen  Erfahrung  und  den  realen  Möglichkeiten  bis
       1958/59 begründet lag. Das Spezifische der Kubanischen Revolution
       kann darin  gesehen werden,  daß die Aufgaben des Proletariats in
       der Perspektive  der Revolution  von den nichtproletarischen Füh-
       rungskräften klarer gesehen wurden als vom Proletariat und dessen
       Organisationen selbst. "Die recht klare Vorstellung der Führungs-
       kräfte der Revolution von den Aufgaben der Arbeiter und ihrer Po-
       tenz im revolutionären Prozeß Kubas ist umso beachtenswerter, als
       erstere sich  1959/60 noch  nicht  zum  Marxismus-Leninismus  als
       Weltanschauung und zum Sozialismus als gesellschaftliche Entwick-
       lungsperspektive bekannt  hatten. Unter den Bedingungen Kubas war
       es möglich  und auch  erforderlich, daß  im wesentlichen  aus dem
       Kleinbürgertum kommende, auf revolutionär-demokratischen Positio-
       nen stehende  und  in  einigen  wichtigen  Fragen  am  Marxismus-
       Leninismus orientierte Kräfte der im abhängigen und rückständigen
       Kapitalismus bei massiver ideologischer Infiltration des Imperia-
       lismus gewachsenen Arbeiterklasse  i h r e  Aufgaben in der Revo-
       lution erklärten  und sie  - bei  schrittweiser Weiterentwicklung
       der eigenen  gesellschaftspolitischen und  weltanschaulichen Auf-
       fassung - zu deren Realisierung befähigten." 34)
       Auch die anderen am Sturz der Batista-Diktatur beteiligten Kräfte
       erkannten immer  klarer die Vorteile, die eine radikale Umwälzung
       für sie bringen konnte. Rasch begriffen die Landarbeiter, was die
       Garantie sozialer  Sicherheit (ständige Arbeit, geregelte Versor-
       gung, beginnende  Überwindung der  Arbeitslosigkeit) im  Ergebnis
       der Agrarreform  für sie  bedeutete. So wirkten auf verschiedenen
       Ebenen die gleichzeitig getroffenen Maßnahmen in der ersten Phase
       der Revolution auf die Unterstützung des revolutionären Prozesses
       zurück, wobei  die Zusammenarbeit zwischen der Arbeiterklasse und
       den werktätigen  Bauern -  im direkten  Bündnis an  der Basis wie
       auch durch  die Regierung  vermittelt - spürbar enger wurde. Auch
       die Tatsache,  daß das  Landproletariat in  Kuba ein  Übergewicht
       hatte und daß viele arme Bauern vor allem Landarbeiter waren, be-
       stimmte den  konkreten Ablauf der Agrarreform in Kuba; ihre über-
       wiegend proletarische  Mentalität ließ  das Streben  nach eigenem
       Landbesitz zu einer Ausnahme werden und bedingte die Entscheidung
       zugunsten der  Beibehaltung der  landwirtschaftlichen Großproduk-
       tion, insbesondere in der Zuckerindustrie. 35)
       Die Auseinandersetzungen  erfuhren einen  gewissen  Höhepunkt  im
       Herbst 1960, als einheimisches und ausländisches Großeigentum (in
       der Landwirtschaft und in der Industrie) enteignet wurde; hiermit
       begann noch  intensiver als bislang die externe Bedrohung der Re-
       volution durch  die tangierten US-Interessen, und die Boykottdro-
       hung bezüglich der Versorgung Kubas mit Erdöl führte zu entschei-
       denden Eskalierungen,  die dann  in letzter Instanz auch zum Hil-
       feersuchen der  revolutionären Regierung Kubas an die Sowjetunion
       führten und  damit die bekannten Mechanismen der Ost-West-System-
       konkurrenz auf  die kubanische  innere Revolutionsentwicklung zu-
       rückwirken ließen. 36)
       Allerdings dürfen diese externen Bedingungen, so wichtig sie auch
       für den  letztlichen Ausgang  und die  Fortsetzung der Revolution
       gewesen sein  mögen, nicht als ausschlaggebende Faktoren betrach-
       tet werden,  denn die Leistung der Kubanischen Revolution bestand
       gerade in der rechtzeitigen Schaffung der inneren Bedingungen für
       ihre Verteidigung, die mit Hilfe einer breitestmöglichen sozialen
       Basis, einer  flexiblen Regierung und der Volksbewaffnung gelang.
       Um dies zu erreichen, waren Lernprozesse von verschiedenen Seiten
       und bei  den einzelnen  "Bündnispartnern" während  dieser  akuten
       Phase der  Revolution notwendig. Die "Bewegung des 26. Juli" dif-
       ferenzierte sich dahingehend, daß nur noch ihr linker Flügel wei-
       terbestand, während die SVP ihre Vorbehalte gegenüber den Gueril-
       leros und der Castro-Bewegung abbaute.
       "An die  Stelle der für die Aufgaben der nationalen Befreiung er-
       forderlichen und  ausreichenden Bewegung  trat eine  sich vertie-
       fende Zusammenarbeit  der die  neue Macht  repräsentierenden, aus
       der Bewegung  des 26.  Juli hervorgegangenen Kräfte, die sich dem
       Marxismus-Leninismus näherten,  mit den die revolutionäre Einheit
       unterstützenden Kräften  und Organisationen  ...  Ohne  die  Wei-
       terentwicklung und  Präzisierung der gesellschaftspolitischen und
       weltanschaulichen Positionen  der aus  der Bewegung  des 26. Juli
       kommenden Führung  der Revolution  wäre  der  Beschluß  über  die
       Selbstauflösung der SVP vom Frühjahr 1961 genauso undenkbar gewe-
       sen wie  die öffentliche  positive Bewertung des jahrzehntelangen
       Eintretens der  kubanischen Kommunisten  für revolutionäre  Ziele
       durch Fidel Castro Anfang 1961." 37)
       So kam  es in  Kuba, anders  als etwa  in Vietnam,   n a c h  dem
       vollzogenen Übergang  zur sozialistischen  Etappe der  Revolution
       (im April  1961 erklärte  Fidel Castro Kuba erstmals zu einem so-
       zialistischen Land)  zu einer  Verschmelzung, auch  organisatori-
       scher Art,  der  ehemaligen  Bündnispartner  während  der  ersten
       Etappe der  Revolution. Insofern war der Übergang zur sozialisti-
       schen Phase  der Revolution  keineswegs zufällig und auch keines-
       wegs nur taktischen, pragmatischen Erwägungen geschuldet, sondern
       resultierte vielmehr  aus einem  tiefgehenden Lernprozeß der ent-
       scheidenden Bündniselemente und ihrer politischen Führung während
       des Revolutionsverlaufs selbst. 38)
       
                                    *
       
       Als vorläufiges  Resümee der  komparativen Betrachtung  der  hier
       vorgestellten Fälle  von "jakobinischen Situationen" in der Drit-
       ten Welt können folgende Gesichtspunkte festgehalten werden:
       1. Ohne starke  und intensive Verbindung von Nationalbewegung und
       sozialistisch-kommunistischer Ideologie  ist keine Vertiefung ei-
       ner nationalen  Befreiungsbewegung möglich;  beides allein genom-
       men,  getrennt   voneinander,  kann  keine  grundlegende  gesell-
       schaftsumwälzende Kraft  entfalten. Nur die kompromißlosesten Va-
       rianten nationaler  Befreiung konnten zu einer Vertiefung der Re-
       volution führen;  jene ist absolute Voraussetzung für diese, aber
       diese stellt  keineswegs die  notwendige Folge  jener dar: Es be-
       steht kein  Kontinuum von  nationaler und  sozialer Befreiung. Es
       hat durchaus  auch langwierige  und sehr  harte nationale Befrei-
       ungskämpfe gegeben,  die aufgrund sozialstruktureller Gegebenhei-
       ten keineswegs  zu einer sozialen Vertiefung oder sozialistischen
       Transformation geführt haben.
       2. Ohne bestimmte  sozialstrukturelle Komponenten  (wie z.B.  die
       besondere Schwäche  einer nationalen  Bourgeoisie, das Vorhanden-
       sein und  das Gewicht eines bestimmten, vor allem intellektuellen
       Kleinbürgertums, gewisse Konzentration eines Proletariats und Mo-
       bilisierungsfähigkeit der bäuerlichen Unterklassen) wird ein sol-
       ches Bündnis  der "jakobinischen  Situation" nicht erst entstehen
       können.
       3. Ohne Lernprozesse zumindest eines Teils des Kleinbürgertums in
       Richtung auf  Anerkennung und  Postulierung einer  Arbeiter-  und
       Bauernhegemonie ist  eine soziale  Vertiefung des Revolutionspro-
       zesses ebensowenig  möglich wie ohne einen Lernprozeß seitens der
       Arbeiterklasse und  ihrer politischen Repräsentanten, welcher sie
       zur autonomen Bestimmung revolutionärer Zielsetzungen bis hin zur
       sozialistischen Transformation befähigt.
       4. Je bedrohter  der Revolutionsprozeß nach Erlangung der formel-
       len Unabhängigkeit - durch äußere Mächte - ist, und je intensiver
       und langfristiger  das Bündnis zwischen Kleinbürgertum und Volks-
       massen angelegt  ist, umso  größer scheint die Wahrscheinlichkeit
       zu sein,  daß sich  nationale und soziale Elemente der Revolution
       verschlingen und  daß die  Durchsetzung antiimperialistisch-demo-
       kratischer Forderungen nur durch sozialistische, grundlegende Um-
       wälzungen der  Gesellschaft  ermöglicht  und  abgesichert  werden
       kann.
       
       _____
       1) Vgl. Holzapfel,  K. u. H. Prost, Zur Dialektik von inneren und
       äußeren Faktoren  im französischen  Revolutionszyklus, in:  Zeit-
       schrift für Geschichtswissenschaft, H. 1 (1980), S. 35-47, und M.
       Robbe u. D. Norouzi, Zur Dialektik von inneren und äußeren Fakto-
       ren in  der nationalen  Befreiungsbewegung,  in:  Deutsche  Zeit-
       schrift für Philosophie, H. 7 (1973), S. 799-819.
       2) Streng genommen ist diese Charakterisierung zu differenzieren.
       A. Soboul  hat daraufhingewiesen,  daß  sowohl  dem  Begriff  der
       "Jakobiner" wie  auch dem der "Sansculotten" keine kompakte Klas-
       senrealität entspricht,  sondern sie  eher politische  Richtungen
       ausdrücken. Soziologisch  gesehen wiesen sowohl die Jakobiner wie
       auch die  Sansculotten eine gewisse Spannbreite sozialer Positio-
       nen vom  mittleren Bürgertum bis hin zu lumpenproletarischen Ele-
       menten auf,  wobei natürlich  die unteren sozialen Kategorien bei
       den Sansculotten  wesentlich stärker  vertreten waren als bei den
       Jakobinern. Vgl.  A. Soboul, Französische Revolution und Volksbe-
       wegung: Die Sansculotten, Frankfurt 1978, S. 312 ff.
       3) Vgl. hierzu  W. Markov,  Weltgeschichte im Revolutionsquadrat,
       Berlin (DDR),  1982, S. 185ff. und S. 455 f.; M. Kossok, Verglei-
       chende Geschichte der neuzeitlichen Revolutionen. Methodologische
       und empirische  Forschungsprobleme,  Berlin/DDR  1981  (Sitzungs-
       berichte  der   Akademie  der  Wissenschaften  der  DDR,  Gesell-
       schaftswissenschaften), S.  31 ff., sowie M. Kossok, Das Salz der
       Revolution -  Jakobinismus in  Lateinamerika; Versuch  einer  Po-
       sitionsbestimmung, in: Universalhistorische Aspekte und Dimensio-
       nen des  Jakobinismus. Dem Wirken Heinrich Scheels gewidmet, Ber-
       lin/DDR 1976  (Sitzungsberichte der  Akademie der Wissenschaften,
       Gesellschaftswissenschaften), S. 124-159.
       4) Feldbauer, G.,  Die sozialökonomische  und Klassenstruktur vor
       der Augustrevolution  in Vietnam,  in: Asien,  Afrika, Lateiname-
       rika, H. 5 (1980), S. 850.
       5) Lulei, W., Die nationalen Einheitsfrontorganisationen in Viet-
       nam. Historische  Entwicklung und aktuelle Bedeutung, Berlin/DDR,
       1979, S. 59.
       6) Vgl. hierzu  Feldbauer, G.,  Zu Fragen der revolutionären Mas-
       senkämpfe 1930/31  in Vietnam  und des  Übergangs der Führung des
       nationalen Befreiungskampfs  an die  Arbeiterklasse,  in:  Asien,
       Afrika, Lateinamerika,  H. 2  (1981), S. 260-272 sowie ders., Die
       Kommunistische Partei Vietnams am Vorabend der August-Revolution.
       Zu einigen  Fragen der Erarbeitung ihrer Strategie und Taktik so-
       wie ihrer  Entwicklung zur Partei neuen Typus, in: Asien, Afrika,
       Lateinamerika, H. 1 (1983), S. 36-46.
       7) Vgl. Lulei,  a.a.O., S.  64 ff.;  auch  regionale  Dimensionen
       spielen für  den weiteren Verlauf der Klassenkämpfe eine wichtige
       Rolle. "Im  Norden war  die koloniale  Unterdrückung infolge  des
       langandauernden und erbitterten bewaffneten Widerstands besonders
       brutal, hier  befanden sich  jedoch auch die größten Lagerstätten
       der wichtigsten  Bodenschätze und  hier waren  die ausnahmslos in
       französischer Hand  befindlichen größeren  Industriebetriebe kon-
       zentriert. Während die einheimische Bourgeoisie im Norden äußerst
       schwach war,  entwickelte sich das Proletariat demgegenüber rela-
       tiv schnell.  Folgerichtig wurden  daher die  Arbeiter, die junge
       Intelligenz und  Teile des  städtischen Kleinbürgertums Nordviet-
       nams zu  den entscheidenden Repräsentanten der nationalen gesell-
       schaftlichen Erneuerungsbestrebungen."  Weidemann, D./R. Wünsche,
       Vietnam 1945 "1970. Der nationale und soziale Befreiungskampf des
       vietnamesischen Volkes, Berlin/DDR 1971, S. 10.
       8) Vgl. hierzu  Giesenfeld, G.,  Land  der  Reisfelder.  Vietnam,
       Laos, Kampuchea,  Köln 1981, S. 85, sowie Chesneaux, J., Les fon-
       dements historiques  du communisme  Viemamien, in:  Chesneaux, J.
       (Hrsg.), Tradition  et Revolution au Vietnam, Paris 1971, S. 215-
       237.
       9) Z.B. die  Tatsache, daß eine kommunistische Partei die Führung
       der nationalen  Befreiungsbewegung übernahm,  befand sich eigent-
       lich nicht in Übereinstimmung mit den geltenden Direktiven der KI
       zu jener Zeit; vgl. hierzu Horlemann, J. u. P. Gäng, Vietnam. Ge-
       nesis eines  Konflikts, Frankfurt 1967, S. 32 sowie die Disserta-
       tion von  Luu Hong  Khanh, Le  Parti Communiste  Vietnamien et la
       question nationale (1919 -1939), Marburg 1980, S. 403 ff., wo ge-
       rade die  Beibehaltung der  antiimperialistischen Orientierung in
       den Jahren  1936-1940  gegenüber  einer  bloß  antifaschistischen
       Stoßrichtung für  die Kontinuität  des Masseneinflusses  der  KPI
       mitverantwortlich gemacht wird.
       10) Lulei, W., a.a.O., S. 249 f.
       11) "In dem Maße, wie die bewaffneten revolutionären Kräfte mili-
       tärische Erfolge erzielten, erwies es sich als notwendig und mög-
       lich, den Massen über die Erringung des militärischen Sieges hin-
       aus auch  eine sozialpolitische Orientierung für die weitere Ent-
       wicklung zu geben. Nach einer nochmaligen Senkung des Pachtzinses
       ... wurde  Ende 1953 das Gesetz zur Bodenreform erlassen. Im Zuge
       seiner Realisierung wurden jene feudalen Eigentümer, die sich ak-
       tiv am  Widerstandskrieg beteiligten,  von der Regierung entschä-
       digt. Mit  der politischen  und militärischen  Stabilisierung der
       Lage konnten nach 1953 auch andere weitreichende soziale und öko-
       nomische Maßnahmen in Angriff genommen werden, die bereits in die
       zweite Etappe  der Revolution  hinüberreichten." Pfeifer, C., Die
       Erfahrungen der  August-Revolution Vietnams,  in: Asien,  Afrika,
       Lateinamerika, H. 4 (1985), S. 620.
       12) Vgl. Weidemann,  D./R. Wünsche, Vietnam 1945-1970, a.a.O., S.
       78.
       13) Vgl. ebd., S. 30 f.
       14) Siehe Lulei, W., a.a.O., S. 174.
       15) Ebd., S. 116.
       16) "Der von Frankreich und den USA geplante Einsatz von Atombom-
       ben bei  Dien Bien Phu war am Einspruch des britischen Premiermi-
       nisters Eden gescheitert." Vgl. Horlemann, J./P. Gäng, a.a.O., S.
       73.
       17) Zit. bei Weidemann, D./R. Wünsche, a.a.O., S. 87 sowie S. 81.
       18) Siehe zur  früheren Entwicklung des MNR: Malloy, J. M., Boli-
       via: The Uncompleted Revolution, Pittsburgh 1970, S. 95 ff.
       19) Puhle, H.J.,  Tradition und Reformpolitik in Bolivien, Hanno-
       ver 1970, S. 66.
       20) Heydt-Coca, Magda  von der,  Die Bolivianische Revolution von
       1952.  Eine   Analyse  unter   besonderer  Berücksichtigung   des
       Agrarsektors, Köln 1982, S. 129.
       21) Ebd., S. 127 f.
       22) Vgl. Mayorga,  R. A., Das Scheitern des populistischen Natio-
       nalismus in  Bolivien, in: Mansilla, H.C.F. (Hrsg.), Probleme des
       Dritten Weges, Darmstadt - Neuwied 1974, S. 115 f.
       23) Ebd., S. 113 f.
       24) Heydt-Coca, Magda von der, a.a.O., S. 172.
       25) Ebd., S. 176f., S. 205 f.
       26) Vgl. Mayorga, R. A., a.a.O., S. 119.
       27) Vgl. zur  Diskussion um  die kubanische  Bourgeoisie Winocur,
       M., Las  clases olvidadas  en la  revo-lucion  cubana,  Barcelona
       1979, S.  21 ff.,  und Thomas, H., Castros Cuba, Berlin/DDR 1984,
       S. 191 ff.
       28) Pade, W.,  Macht und  Bündnis in  der Kubanischen Revolution.
       Studien zum revolutionären Prozeß und zum sozialistischen Aufbau,
       in: Lateinamerika. Semesterberichte der Sektion Lateinamerikawis-
       senschaften der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock, Herbstsemester
       1981, S. 10.
       29) Vgl. Pierre-Charles, G., Genesis de la revolución cubana, Me-
       xico, D.F.  1976, S. 77 ff., und Motzer, M., Die sozioökonomische
       Lage und politische Kampftradition der ländlichen Bevölkerung Ku-
       bas  vom   19.  Jahrhundert   bis   zur   Revolution   von   1959
       (soziologische Magisterarbeit), Marburg 1983.
       30) Vgl. Küster, J., Die Agrarverfassung Kubas vor der Revolution
       von 1959 (soziologische Magisterarbeit), Marburg 1971.
       31) Vgl. hierzu  u.a. Zeitlin, M., Revolutionary Politics and the
       Cuban Working Class, Princeton, N. J. 1967.
       32) Vgl. hierzu  die detaillierte  Beschreibung des  Verlaufs der
       Guerillakämpfe von  Bonachea, R.  L./M. San Martin, The Cuban In-
       surrection, 1952-1959, New Brunswick, N. J. 1974.
       33) Pade, W., a.a.O., S. 16.
       34) Pade, W.,  Macht und  Bündnis in  der Kubanischen Revolution.
       Studien zum revolutionären Prozeß und zum sozialistischen Aufbau,
       in: Lateinamerika. Semesterberichte der Sektion Lateinamerikawis-
       senschaften der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock, Frühjahrsseme-
       ster 1982, S. 9 f.
       35) Huberman, L./P.  M. Sweezy,  Kuba. Anatomie einer Revolution,
       Frankfurt 1968, S. 128 ff.
       36) Vgl. die  Analyse dieser  Nationalisierungen von  C.R. Rodrí-
       guez, der  ihnen wegen ihres Umfangs und ihrer Anlage schon einen
       sozialistischen Charakter  zuweist. Rodríguez,  C. R., Cuba en el
       tránsito al  socialismo 1959-1963, Mexico, D.F., S. 112 ff., bes.
       S. 135.
       37) Pade, W., 1982, a.a.O., S. 16.
       38) Vgl. zu  diesem Lernprozeß  z.B. die journalistische Darstel-
       lung von  Matthews, H.L.,  Castro. A.  Political Biography,  Har-
       mondsworth 1970, S. 162-195.
       

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