Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       WANDEL VON AUSSEN
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       Zur Rezeption der Französischen Revolution im Linksrheinischen
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       Franz Dumont
       
       Ein Wesensmerkmal der deutschen Geschichte ist ihre starke regio-
       nale Differenzierung.  Sie zeigt  sich auch  bei den Einwirkungen
       der Französischen  Revolution auf  Deutschland, die  je nach  der
       Nähe zu  Frankreich, dem  Zeitpunkt und  der Dauer  französischer
       Propaganda und Okkupation sehr unterschiedlich ausfiel. Am inten-
       sivsten war die Rezeption der Revolution auf dem linken Rheinufer
       zwischen dem  Elsaß, Holland und dem heutigen Belgien bzw. Luxem-
       burg. Das  Linksrheinische nimmt  im Verhältnis  Deutschlands zur
       Französischen Revolution  aber vor  allem deshalb  eine Ausnahme-
       stellung ein, weil es seit 1797 Teil des revolutionären, dann des
       napoleonischen Frankreich  war. Das  alles rechtfertigt seine ge-
       sonderte Betrachtung.  Wenn diese  hier von einem  n i c h t mar-
       istischen   Standpunkt aus  vorgenommen wird,  dann bedeutet  das
       zwar keineswegs  eine  generelle  Negierung  von  Leistungen  und
       Ergebnissen marxistischer  Forscher,  wohl  aber  Widerspruch  zu
       vielen ihrer Aussagen.
       
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       Kontrovers ist  schon die  Beurteilung der  Ausgangslage: Während
       die rheinischen Verhältnisse um 1789 auch heute noch vielfach nur
       in der verklärenden Perspektive kultureller Blüte und kleinstaat-
       licher Vielfalt  gesehen werden, sprechen marxistische Historiker
       meist von  "faulen, morschen  Zuständen", die  damals  gerade  am
       Rhein besonders  krass gewesen seien. Ein Verdikt, in dem bereits
       Engels und  Treitschke übereinstimmten,  das aber die historische
       Realität gründlich  verkennt: Zwar  war das rheinische Ancien Re-
       gime  in   vielem  noch   authentischer  erhalten   als  etwa  in
       Frankreich, d.h.  noch wirklich "feudal-aristokratisch" und inso-
       fern rückständiger,  doch wies  es durchaus  schon  Auflösungser-
       scheinungen und  Ansätze zu Modernisierungen auf. Keineswegs ohne
       krasse soziale  Gegensätze und Konflikte, besaß es doch ein hohes
       Maß an  Stabilität, dem  allerdings eine  äußerst geringe gesell-
       schaftliche Mobilität  entsprach. Immer  wieder gab  es  auch  am
       Rhein sozialen  Protest bis hin zu offenem Aufruhr; aber er blieb
       lokal begrenzt  und stellte  vor allem das Ancien Regime nicht in
       der Substanz  in Frage.  Denn fast überall ging es um die Wieder-
       herstellung   a l t e r   Rechte, um  korporative Freiheiten, die
       von dem  (allerdings noch keineswegs durchgesetzten) Absolutismus
       des Landesherrn  bedroht schienen; oft genug ging es aber auch um
       überstürzte Reformen der , "aufgeklärten" Obrigkeit.
       Die konservative  Abwehr jeglicher  Modernisierung kam aber nicht
       nur von  der Landbevölkerung (die im übrigen durch die verkruste-
       ten Formen der Grundherrschaft und Leibeigenschaft eher behindert
       als unterdrückt wurde), sie kam ebenso vom städtischen Bürgertum,
       das in  seiner ökonomischen  Potenz weit  hinter dem westeuropäi-
       schen zurück blieb. Nicht die durchaus vorhandenen Ansätze zu ka-
       pitalistischem Unternehmertum,  sondern Zunftwesen, handwerkliche
       Produktion sowie kleinräumige Märkte prägten die rheinische Wirt-
       schaft -  gerade in  den Reichsstädten. Diese, voran Köln und Aa-
       chen, waren  soziokulturell meist rückständiger als die kleineren
       Residenzen, weil  ihnen jeder  Impuls zum Anschluß an die Aufklä-
       rung fehlte.  Dagegen bildeten  sich im  Umkreis  reformfreudiger
       Fürsten, selbst  der geistlichen, aufklärerische Zirkel bürgerli-
       cher Intellektueller, in denen es durchaus schon so etwas wie Sy-
       stemkritik gab.  Die vom Landesherrn massiv geförderten Universi-
       täten Mainz und Bonn wurden bald Hochburgen der katholischen Auf-
       klärung.
       Doch darf  das nicht  darüber hinwegtäuschen, daß die neuen Ideen
       zwar die bürgerlichen Gelehrten und Beamten, auch manch liberalen
       Aristokraten, nicht aber die Masse der Zunftbürger und Bauern be-
       einflußten.  Etwas   aufgeschlossener,   wenn   auch   keineswegs
       "neuerungssüchtig", waren  die  rheinischen  Protestanten,  zumal
       dann, wenn  sie (wie  in Kurpfalz) noch immer durch die Obrigkeit
       diskriminiert wurden.  Bei den  Katholiken war  dagegen die anti-
       aufklärerische  Abwehrhaltung  weitgehend  ungebrochen,  ja,  der
       meist noch  von Jesuiten  ausgebildete Pfarrklerus bisweilen kon-
       servativer als  die hohe Geistlichkeit, die sich fast nur aus der
       Aristokratie rekrutierte.
       Der umfangreiche Besitz und die juristisch-soziale Privilegierung
       von Adel  und Klerus waren ebenso unangetastet wie die Hierarchie
       der Ständegesellschaft  insgesamt; dennoch konnten einige bürger-
       liche Gruppen  (wie z.B. die Handelsleute) zu recht großem Besitz
       und Einfluß gelangen, und in den begünstigten Landschaften gab es
       durchaus auch  bäuerlichen Wohlstand.  Führend blieb freilich der
       Adel, der  im Süden  vorwiegend reichsunmittelbar, im Norden eher
       landsässig war. Die Fürsten selbst waren weniger durch Landstände
       (die in  Kurmainz und  Kurpfalz fehlten) in ihrer Macht behindert
       als dadurch,  daß ihre  zerstreuten Territorien infolge einer oft
       extremen Herrschaftszersplitterung  noch kaum "Staaten" im moder-
       nen Sinn darstellten. In diesem strukturellen Rahmen agierten die
       unterschiedlichsten Herrscher:  "aufgeklärte  Despoten"  wie  die
       Kurfürsten Friedrich  Karl, Clemens  Wenzeslaus und Max Franz von
       Mainz, Trier  und Köln,  die Gräfin  Marianne von  der Leyen oder
       Karl Friedrich  von Baden,  der selbstherrliche Herzog Karl Chri-
       stian von  Zweibrücken, der  bald auch  Kurpfalz und Jülich erben
       sollte, sowie  der autokratische  Fürstbischof August  von Speyer
       und der  wegen Schuldenmacherei abgesetzte Rheingraf Karl Magnus.
       Mit dem  niederrheinischen Kleve war Preußen, mit dem pfälzischen
       Falkenstein Österreich  im rheinischen  Territorialmosaik vertre-
       ten, das insgesamt aus etwa 150 Herrschaftsbereichen bestand.
       
       II
       
       In diesen Kleinstaaten am Rhein waren die herrschenden Kreise von
       der Krise Frankreichs im Frühjahr 1789 zunächst durchaus angetan.
       Denn damit  schien die benachbarte Großmacht, in deren Aktionsra-
       dius die Rheinlande seit Richelieu lagen, außenpolitisch gelähmt.
       Doch bald  hatten die  Regierungen andere  Sorgen: Daß die Unruhe
       von Westen übergreifen und man in einen Krieg mit Frankreich ver-
       wickelt werden  könnte. Denn  seit Sommer  1789 nahmen  rheinauf,
       rheinab die "Gährungen" wieder zu, wobei schon bald revolutionäre
       Symbole und  Parolen, in einigen Grenzgemeinden sogar regelrechte
       "cahiers de  doléances" auftauchten. Die unruhigen Bauern, Gesel-
       len und  Zunftmeister wußten  also sehr  rasch, wie sie ihrem so-
       zial, ökonomisch, manchmal auch konfessionell motivierten Protest
       Nachdruck verleihen  konnten; gezielt nutzten sie die Brisanz der
       revolutionären Zeichen  und Aktionsformen, ohne aber zugleich de-
       ren ideologische  Stoßrichtung zu  übernehmen. Im  Gegenteil:  Es
       ging ihnen  so gut  wie nie  um den  Durchbruch einer   n e u e n
       Ordnung,  sondern  meist  um  die  Wiederherstellung    a l t e n
       Rechts. Diese  erste, "spontane" Rezeption der französischen Vor-
       gänge mischte  revolutionäre mit  restaurativen Elementen  - eine
       Ambivalenz, die von der marxistischen Forschung zu wenig beachtet
       wird.
       Es ist  aber richtig, daß seit 1789 die rheinischen Unruhen durch
       die Revolutionen  in Frankreich   u n d   Belgien  (deren Einfluß
       noch immer  unterschätzt wird)  an Zahl und Radikalität zunahmen,
       auch, daß es gewisse Parallelen zu den französischen Bauernrevol-
       ten gab. Allerdings sollte man diese nicht überstrapazieren, denn
       die Konfliktstoffe waren am Rhein durchweg andere, vor allem aber
       fehlte hier  das Zusammengehen  mit  den  "aufgeklärten  Eliten".
       Diese, ohnehin  viel unbedeutender  als in Frankreich, hatten den
       Ausbruch der  Revolution zwar  begrüßt, dann  aber -  seit Herbst
       1789 - unterschiedlich Stellung bezogen: Während die Mehrheit die
       revolutionären Postulate  im aufgeklärten  Absolutismus deutscher
       Fürsten bereits  erfüllt sah,  billigte eine Minderheit die fort-
       schreitende Radikalisierung in Frankreich und wünschte ihre Nach-
       ahmung in  Deutschland. Zu  ihnen gehörten  viele Intellektuelle,
       die von  der Toleranzpolitik rheinischer Fürsten zunächst angezo-
       gen, nun  aber enttäuscht waren, als eben diese 1789/90 die Wende
       zu einer konservativen Kulturpolitik vollzogen.
       Das Abbrechen  der Aufklärung  fand also  statt,   b e v o r  die
       Franzosen ins Land kamen, aber es geschah eben unter dem Eindruck
       der Revolution,  die nun  doch die rheinische  I n n e n p o l i-
       t i k   zu beeinflussen begann. Das zeigte sich auch an den recht
       frühen Maßnahmen gegen die von Straßburg oder Landau eingeschleu-
       ste französische  Propaganda, die  von den  Herrschenden in ihrer
       Wirkung weit  überschätzt wurde.  Immerhin,  diese  Flugschriften
       popularisierten die  Kritik an  a l l e n  Privilegierten, zu der
       es ja  auch am  Rhein Anlaß  genug gab. Revolutionäre Ideen hatte
       freilich auch  die rheinische  Presse verbreitet,  indem sie seit
       Mitte 1789 ihren vorwiegend bürgerlichen Lesern ganz unterschied-
       liche Informationen  und Interpretationen  über  Frankreich  lie-
       ferte. Denn  neben Blättern,  die -  wie die  weitverbreitetenNeu
       wieder "Politischen  Gespräche" - von Anfang an gegen die Pariser
       "Staatsumwälzung" (und  zugleich gegen  die Franzosen  überhaupt)
       eiferten, brachten  andere  sachliche,  manchmal  sogar  positive
       Berichte über  die Revolution.  Noch besser  informiert waren die
       dem Adel und dem Besitz- bzw. Bildungsbürgertum angehörenden Mit-
       glieder der  Lesegesellschaften, die in fast jeder größeren Stadt
       bestanden  und   bis  1792   Stätten  einer   (relativ)   offenen
       politischen Diskussion  blieben. So  wurde die  Französische  Re-
       volution schon  in ihrer  ersten Phase  zu einem wichtigen Faktor
       der öffentlichen Meinung der Rheinlande, wobei positive und nega-
       tive Reaktionen  nicht einfach diesem oder jenem "Stand" zuzuord-
       nen sind.
       Das zeigte sich auch bei der Beurteilung der Emigranten, die seit
       Herbst 1789 an den Rhein kamen und Koblenz zu ihrem Zentrum mach-
       ten. Denn  nicht nur  mit dem Bürger- und Bauerntum, auch mit der
       rheinischen Aristokratie,  ja selbst mit den gastgebenden Fürsten
       gab es bald Spannungen, die auf der Arroganz und lasziven Lebens-
       weise der  Emigranten sowie der von ihnen verursachten Preisstei-
       gerung beruhten.  Das brachte die Aristokratie als solche in Miß-
       kredit, mehr  als alle  Propaganda, und weckte am Rhein Verständ-
       nis, wenn nicht Sympathie dafür, wie die Franzosen ihren Adel be-
       handelt hatten. Ebenso wichtig war der  a u ß e n politische  Ef-
       fekt: Hatten  die Kurfürsten  von Trier und Mainz (Köln und Pfalz
       nahmen erst  gar keine  Emigranten auf)  sich zunächst  durch die
       "Prinzen von  Geblüt" aufgewertet gesehen, so erkannten sie bald,
       daß deren  Anwesenheit und  gegenrevolutionäre Pläne zum Konflikt
       mit Frankreich führen konnten, den sich aber die militärisch völ-
       lig machtlosen  rheinischen Kleinstaaten  nicht leisten  konnten.
       Andererseits überschätzten sie ihre Position, als sie versuchten,
       ihre durch  die Beschlüsse  der Constituante  gefährdeten Feudal-
       rechte im  Elsaß und  in Lothringen  zu retten. Doch hätten beide
       Konfliktstoffe nicht  notwendig zum  Krieg führen    m ü s s e n;
       sie taten  es auch  erst, als Österreich und Preußen - die ja die
       rheinische " Außen" Politik letztlich entscheidend beeinflußten -
       Anfang 1792  ihre Zurückhaltung gegenüber Frankreich aufgaben und
       dieses, vorwiegend  aus innenpolitischen Gründen, nun seinerseits
       den Krieg  erklärte. Sich  nun, wie Kurmainz, der gegenrevolutio-
       nären Invasion  anzuschließen, war  äußerst riskant,  doch  hätte
       sich der  Gegenschlag der  jungen Republik  ohnehin zum Rhein ge-
       richtet,  denn  dieses  Expansionsziel  hatte  das  revolutionäre
       Frankreich vom monarchischen übernommen.
       
       III
       
       So wurde  nicht 1789, sondern 1792 zum Epochenjahr für das links-
       rheinische Deutschland - ein Zeitpunkt also, zu dem die Französi-
       sche Revolution durch den Sturz des Königs eine neue Radikalisie-
       rung erfuhr  und in  Deutschland viel  Sympathie verlor. Am Rhein
       war nun  die Phase der geistigen Auseinandersetzung mit der Revo-
       lution beendet,  denn man machte jetzt praktische Erfahrungen mit
       ihrer militärischen Expansion, mit der problematischen Verbindung
       von Befreiung und Eroberung in einem "Revolutionskrieg".
       Allerdings ist  auch hier  wieder zeitlich und regional zu diffe-
       renzieren: Denn  die Rheinlande  nördlich der Nahe wurden von den
       französischen Vorstößen  zunächst nicht berührt, wenn man von der
       kurzen Besetzung  Aachens (Dezember  1792 bis März 1793) absieht.
       Trotzdem wirkte  sich  natürlich  auch  hier  der  Vormarsch  der
       "Neufranken" aus:  in der Flucht der Fürsten und Adligen, in ner-
       vöser Ängstlichkeit  der Beamten,  dem  Vordringen  der  nun  von
       D e u t s c h e n   formulierten  Revolutionspropaganda  oder  in
       eilfertigen Versuchen, sich mit den Franzosen zu arrangieren. Von
       einer geschlossenen  Abwehr konnte keine Rede sein: Kurpfalz-Bay-
       ern suchte  seine ober-  und niederrheinischen  Besitzungen durch
       eine reichsrechtlich  bedenkliche Neutralität  zu schützen, einen
       Status, den  auch die Trierer Stände für ihr Land anstrebten, wo-
       bei sie  zugleich behutsame  Reformvorschläge entwickelten. Damit
       zogen sie sich den Vorwurf revolutionärer Umtriebe zu, woran sich
       zeigt, wie sehr die militärische Expansion der Revolution auch im
       ««besetzten Linksrheinischen  die politische Situation verschärft
       hatte.
       Nun aber  zu den  Vorgängen in  Rheinhessen und  der  Pfalz,  zur
       M a i n z e r   R e p u b l i k  von 1792/93. Ihr Verlauf braucht
       hier nur  skizziert zu  werden: Nach Valmy stoßen Franzosen unter
       Custine von Landau gegen Mainz vor, das am 21. Oktober 1792 kapi-
       tuliert. Zwei  Tage später wird dort ein Jakobinerklub gegründet,
       der bald  über 400  Mitglieder zählt und mit Aktionen sowie einer
       vielgestaltigen Publizistik  gerade auf dem Land eine rege Propa-
       ganda betreibt.  In Speyer  und Worms entstehen kleine Klubs, auf
       vielen Dörfern  bilden  sich  Zirkel  einheimischer  "Patrioten".
       Mitte November  setzt Custine, der den Mainzern die Wahl zwischen
       ihrer alten  und der  revolutionären Staatsform lassen will, neue
       Verwaltungen für das besetzte Gebiet und die größeren Städte ein.
       Gleichzeitig verspricht Paris allen Völkern, die um ihre Freiheit
       kämpfen, französische  Hilfe; am  15. Dezember  1792 wird  dieses
       universale Befreiungsangebot auf die besetzten Gebiete beschränkt
       und zugleich deren Selbstbestimmung aufgegeben. "Befreiung" heißt
       jetzt nur  noch Annahme  der  f r a n z ö s i s c h e n  Demokra-
       tie, ein Ziel, das notfalls auch mit Waffengewalt erreicht werden
       soll. Diese, von den Ereignissen in Belgien bestimmte neue Besat-
       zungspolitik wird nun auch am Rhein durchgeführt: Im Februar/März
       1793 finden  hier Wahlen  zu Ortsverwaltungen  und einer  verfas-
       sungsgebenden Versammlung  statt, verbunden  mit  einem  Eid  auf
       Freiheit und  Gleichheit. Die  Beteiligung ist  sehr unterschied-
       lich: Sie  reicht von  geschlossener Zustimmung einzelner Dörfer,
       über die (meist erzwungene) Teilnahme einer Mehrheit und den Boy-
       kott von 92% der Mainzer Wahlberechtigten bis zum offenen Aufruhr
       nordpfälzischer Bauern  gegen Eid  und Wahlen. Die kurpfälzischen
       und zweibrückischen  Gemeinden (zwei  Drittel der  Orte "zwischen
       Landau und  Bingen") sind wegen ihrer neutralen Herrscher von der
       "Munizipalisierung" ausgenommen.  Am 17.  März tritt in Mainz ein
       "Nationalkonvent" zusammen,  der eine  "Rheinisch-Deutsche  Repu-
       blik" ausruft  und sogleich  deren  Anschluß  an  Frankreich  be-
       schließt. Als man dem in Paris zustimmt, haben Preußen und Öster-
       reicher Rheinhessen  und die Pfalz zurückerobert, nur Mainz kapi-
       tuliert erst  nach vier  Monaten harter  Belagerung am  23.  Juli
       1793.
       Die Mainzer  Republik ist  mittlerweile recht bekannt; umstritten
       war sie  immer. Dabei  stimmen heute,  ungeachtet aller  Polemik,
       selbst orthodoxmarxistische  Interpreten mit  einigen nichtmarxi-
       stischen in  wichtigen Punkten (Höhepunkt der deutschen Revoluti-
       onsrezeption,  Ausnahmecharakter,  "Verfassungspatriotismus"  der
       Klubisten und  ihr Unterschied  zu den  französischen Jakobinern)
       durchaus überein.  Letztlich dominieren  aber doch die Kontrover-
       sen, von  denen wir  hier natürlich nur einige herausgreifen kön-
       nen:
       1.) Die meist  marxistisch ausgerichtete  ost-  und  westdeutsche
       "Jakobinerforschung" konzentriert sich auch bei der Mainzer Repu-
       blik ganz  auf die "Patrioten" als entschiedene Revolutionäre und
       progressive Avantgarde.  Damit ignoriert sie aber die anderen, an
       den politischen  Auseinandersetzungen beteiligten  Gruppen, deren
       Standpunkte  mit  Klischees  wie  "reaktionär,  beschränkt"  oder
       "opportunistisch" nur  diffamiert, nicht  aber interpretiert wer-
       den. Welche  Brisanz z.B.  die -  natürlich nicht  ausgereiften -
       Kompromißvorstellungen    der     Mainzer    Handelsleute     und
       (bürgerlichen) Kleriker für die Herrschenden hatten, zeigen schon
       deren heftige Abwehrreaktionen. Mit der Fixierung auf die Jakobi-
       ner mißachtet  man im Grunde auch die große Mehrheit der Bevölke-
       rung, die  sich entweder  überhaupt nicht  politisch artikulierte
       oder aber meist konservative Positionen vertrat. Das hatte sozio-
       kulturelle und  - ökonomische,  vielfach auch  lokale Gründe, lag
       aber ebenso  am frontalen  Vorgehen vieler  Jakobiner, den Besat-
       zungslasten und  der unsicheren Kriegslage. All dem ist nachzuge-
       hen, will  man Geschichte  nicht nur  aus der Perspektive "großer
       Männer" darstellen, sondern gerade die (Re-)Aktionen der "kleinen
       Leute" erforschen.  Oder sind  die "Volksmassen",  ansonsten  als
       "Gestalter der Geschichte" gefeiert, dann uninteressant, wenn sie
       sich anders verhalten bzw. äußern, als die Avantgarde - oder spä-
       tere Historiker es erwarten?
       2.) Vernachlässigt wird  oft auch  die Rolle  der Franzosen. Zwar
       gibt man zu, daß allein deren Anwesenheit die Aktivitäten der Ja-
       kobiner ermöglichte,  doch tritt  die Besatzungsmacht  dann so in
       den Hintergrund,  daß die  Mainzer "Patrioten"  letztlich als die
       ausschlaggebenden Kräfte  erscheinen. Dem  widerspricht aber  der
       historische Befund:  Denn die  F r a n z o s e n  initiierten die
       Mainzer Republik  und bestimmten  entscheidend ihren Verlauf; die
       kurzfristigen Wendungen   i h r e r  Besatzungspolitik waren auch
       am Rhein  die Determinanten des Geschehens, ganz zu schweigen von
       den  systemneutralen  nationalstaatlichen  (Großmacht-)Interessen
       Frankreichs. "Befreiung"  der Nachbarn und "Reunion", d.h. Erobe-
       rung ihres  Landes -  sie waren schon 1792/93 miteinander verbun-
       den. Dies  nur einer  "expansionslüsternen" girondistischen Groß-
       bourgeoisie zuzuschreiben,  verdrängt, daß selbst Montagnards wie
       die Kommissare  Merlin und Simon im Anschluß des Linksrheinischen
       das Hauptziel  ihrer Mainzer  Mission sahen, daß gerade Danton am
       31. Januar 1793 die "Natürlichen Grenzen" - also auch den Rhein -
       zum offiziellen  Kriegsziel Frankreichs  erhob. Damit werden kei-
       neswegs die "autochthonen" Wurzeln der Mainzer Republik geleugnet
       oder die  Jakobiner zu  Marionetten der Besatzungsmacht abgestem-
       pelt, es wird nur die tatsächliche Entscheidungsstruktur deutlich
       gemacht, die Realität gerecht gewürdigt.
       3.) Dazu  gehört auch, den Beteiligten "Gerechtigkeit widerfahren
       zu lassen"  - aber  nicht  nur,  wie  emphatisch  gefordert,  den
       deutschen Jakobinern.  Das wäre nämlich nur die Umkehrung bislang
       geläufiger Klischees:  Nun wären  die Jakobiner  die "großen Män-
       ner", die nur aus Idealismus und revolutionärer Konsequenz gehan-
       delt hätten - eine Tendenz, die manche Jakobinerbiographie in die
       Nähe von Hagiographie rückt. Brüche und Widersprüche eines Lebens
       werden dabei  ignoriert  oder  weginterpretiert.  Beschreibt  man
       dagegen nüchtern  die Motivationen  zum Klubeintritt  und bezieht
       dabei materielle  Absicherung oder  berufliche Karriere  ein,  so
       gerät man  in den  Verdacht  der  Diffamierung.  Ebenso  bei  dem
       Hinweis, daß Georg Forster bis in die Mainzer Republik hinein al-
       les andere  als ein  "konsequenter Revolutionär"  war und noch im
       September 1792  dem Kurfürsten  als "Vater  des Vaterlandes"  ein
       Denkmal setzen lassen wollte. Was den gewiß ehrgeizig-wankelmüti-
       gen Erthal  angeht (der  mit seiner  Hochschulreform von 1784 die
       Voraussetzungen für eine aufklärerische Elite, also letztlich so-
       gar für die Klubgründung, schuf), so karikieren ihn manche marxi-
       stische Autoren  in ähnlich  billiger Polemik wie gegenrevolutio-
       näre Pamphlete von 1792 oder konservative Historiker von heute es
       mit den  "Klubisten" tun.  Etwas mehr  Gelassenheit,  etwas  mehr
       Nüchternheit bei  der Beurteilung  der "anderen Seite" wäre ange-
       bracht, selbst  wenn man ein "parteiliches" Geschichtsverständnis
       hat; das brächte letztlich auch mehr historische Information.
       4.) Besonders heftig  kritisieren marxistische  Historiker  meine
       These, bei der Mainzer Republik handele es sich nicht um eine Re-
       volution, sondern  nur um  ein Beispiel  von  "Revolutionierung".
       Doch gehören  auch nach  marxistischem Verständnis  zu den   W e-
       s e n s m e r k m a l e n   e i n e r   Revolution die  manifeste
       Gewalt, der Umsturz, eine tiefgreifende Änderung der rechtlichen,
       sozialen und  ökonomischen Verhältnisse sowie - um erfolgreich zu
       sein - das Bündnis zwischen einer progressiven Avantgarde und den
       Massen. All dies fehlte aber in der Mainzer Republik oder war nur
       in unzureichenden  Ansätzen vorhanden:  Es gab  zwar ein durchaus
       revolutionäres, weil  r a d i k a l  systemveränderndes Programm,
       doch wurde  es nicht realisiert. Es gab vereinzelte Umsturzaktio-
       nen, die  aber lokal  begrenzt blieben  und  keine  übergreifende
       Bewegung bildeten.  Kam es  bisweilen (in  den Klubs und Zirkeln)
       zum  Zusammenwirken   von  Gelehrten,  Beamten,  Handwerkern  und
       Bauern, so  gab es  doch kein Bündnis zwischen den Eliten und den
       Massen. Wenn  diese sich  äußerten, dann  meist konservativ, wenn
       sie einen  Aufstand machten, dann  g e g e n  die Revolution, wie
       im österreichischen  Falkenstein, wo  mehrere tausend  Bauern die
       Wahlkommissare verjagten.  Vor allem  aber: Es  gab in  Mainz und
       Umgebung     k e i n e    r e v o l u t i o n ä r e    S i t u a-
       t i o n:  Der Kurfürst floh nicht vor Aufständischen, sondern vor
       einer ausländischen  Armee; die  "revolutionären" Behörden  waren
       keine von  Aufrührern gebildeten  Gegengewalten, sondern  von der
       Besatzungsmacht eingesetzt,  die sozial  und  ökonomisch  ohnehin
       alles im  Status quo  ließ. Und  die Wahlen  von 1793 waren nicht
       Folge eines  Umsturzes, sondern  von Befehlen  des Eroberers. Die
       Ausrufung der  "Rheinisch-Deutschen Republik"  hatte sicher etwas
       von  einer   "révolution  juridique"  an  sich,  aber  wegen  der
       Kriegslage keinerlei  staatsrechtliche Folgen.  Daß die  Mehrheit
       des Volkes  ohnehin nicht dahinter stand, spricht ebenfalls gegen
       eine Revolution  - oder  sollte  der  Mehrheitswille  dabei  etwa
       obsolet sein? So war die Mainzer Republik keine echte Revolution;
       sie ist  vielmehr, wegen  der auch  von den  Jakobinern  betonten
       Gewaltlosigkeit und  der von  ihnen  angestrebten  formellen  Zu-
       stimmung der  Betroffenen, als  ein Fall  von  R e v o l u t i o-
       n i e r u n g   anzusehen - einer quasilegalen, gewaltfreien, mit
       möglichst großer  Akzeptanz durchgeführten,  gleichwohl radikalen
       Systemveränderung, die  von ihrer  Intention auch  als  "gelenkte
       Revolution" bezeichnet werden könnte.
       5.) Am meisten  umstritten ist  heute  der    "d e m o k r a t i-
       s c h e   C h a r a k t e r"   der Mainzer Republik. Freilich be-
       steht weithin  Einigkeit darüber,  daß die  Mainzer Jakobiner als
       erste Gruppe  in Deutschland  explizit  für  eine  Demokratie  im
       modernen Sinn  kämpften -  also für  die Gleichheit aller Staats-
       bürger vor  dem Gesetz und bei der politischen Partizipation, für
       die Freiheit  des durch  vorstaatliche Menschenrechte geschützten
       Individuums; die  "Rheinisch-Deutsche Republik"  von 1793  war  -
       ungeachtet ihrer transitorischen Funktion - der erste Versuch, in
       Deutschland  ein   Staatswesen  auf  der  Legitimationsbasis  der
       (modernen) Volkssouveränität  zu gründen. In ihrer (freilich sehr
       vom französischen  Vorbild beeinflußten)  Publizistik entfalteten
       die  Mainzer   Jakobiner  die   Prinzipien  einer  bürgerlich-re-
       präsentativen Demokratie.
       Warum dann  aber Zweifel  am demokratischen Charakter der Mainzer
       Republik? Sie  beruhen vor  allem auf  der    K l u f t    z w i-
       s c h e n   d e m o k r a t i s c h e m   A n s p r u c h   u n d
       d e m    -  besonders  1793  -    u n d e m o k r a t i s c h e n
       V e r h a l t e n   der Jakobiner,  eine Dichotomie,  die bereits
       den Zeitgenossen bewußt war: Hatten die Jakobiner - ganz in Über-
       einstimmung mit Paris - zunächst von der völlig freien Wahl einer
       künftigen Staatsform  (einschließlich der  alten!) gesprochen und
       jede Veränderung von der Billigung der Mehrheit abhängig gemacht,
       so gingen  sie seit Anfang 1793 mit den Franzosen davon völlig ab
       und suchten ihre Mitbürger zur "Annahme der fränkischen Konstitu-
       tion" (und gleichzeitig zur Reunion) zu  z w i n g e n.  Die Kop-
       pelung von  Eid- und Wahlzwang, von den Jakobinern gerechtfertigt
       und praktiziert,  setzte an  die Stelle politischer " Aufklärung"
       durch Überredung  eine ganze  Skala von  Repressionen, von bloßer
       Einschüchterung bis  zu militärischer  Gewalt.  Selbstbestimmung,
       Entscheidungsfreiheit, Respektierung des Mehrheitswillens - Maxi-
       men Custines  und der  Jakobiner  bis  Ende  1792  -  wurden  vom
       "Despotismus der Freiheit" abgelöst. Er ließ nur den Willen einer
       Minderheit, die  die "wahren  Interessen" des Volkes zu vertreten
       glaubte, gelten und degradierte die durchaus vorhandenen demokra-
       tischen Elemente  der Munizipalisierung  von  1793  (weitgefaßtes
       [Männer-]Wahlrecht, gleiche  Wertung der  Stimmen, Wahlverfahren)
       zu bloßen  Formalien. Dieser  Gegensatz zu  dem Programm (und dem
       Vorgehen!) der  Mainzer Jakobiner im Herbst 1792 ist zu eklatant,
       als daß er zu einer bloß taktisch motivierten Variante bagatelli-
       siert werden  könnte. Jedoch  sollte man nicht übersehen, daß die
       Mainzer Republik  mit ihrer (relativen) Meinungsfreiheit, dem Re-
       kurs auf  die Volkssouveränität  und den  freien Abstimmungen von
       Ende 1792  Demokratie antizipierte;  sie war ein Besatzungsregime
       mit einigen, allerdings bemerkenswerten, demokratischen Zügen.
       
       IV
       
       In der  deutschen Rezeption  der Französischen  Revolution stellt
       die Mainzer  Republik einen Höhepunkt dar, denn hier wurden Theo-
       rie und  Praxis der  (fortgeschrittenen) Revolution in einmaliger
       Intensität erlebt  und aufgenommen,  allerdings gekoppelt mit den
       Problemen einer  Besatzungsherrschaft.  Doch  schon  während  der
       Mainzer Republik,  erst recht  nach ihrem  Scheitern, wirkte sich
       die Tatsache,  daß Deutsche im  e i g e n e n  Land eine "Staats-
       umwälzung" herbeiführen  wollten, eher  kontraproduktiv aus:  Das
       Erlebnis der  importierten  Revolution  diskreditierte  ihre  Be-
       fürworter als national unzuverlässig, setzte revolutionäre Gesin-
       nung mit,  f r a n z ö s i s c h e r  Anhänglichkeit" gleich, er-
       klärte sie für "undeutsch". Der konservative deutsche Nationalis-
       mus, mit  seinen antidemokratischen  und francophoben Zügen, nahm
       Gestalt an.  Im Linksrheinischen  selbst  war  aber  nicht  diese
       Schärfung des  Nationalbewußtseins, sondern  eine wesentlich ver-
       stärkte Politisierung,  verbunden mit  ideologischer  Frontenbil-
       dung, die wichtigste Folge der Mainzer Republik.
       Freilich wurde  auch  sie  bald  wieder  von  den    m i l i t ä-
       r i s c h e n   Auseinandersetzungen überlagert,  denn seit  Ende
       1793 war  das  linke  Rheinufer  erneut  Kriegsschauplatz.  Seine
       Bewohner erlebten  jetzt mehr  als zuvor die Revolution nicht als
       politischen Prozeß,  sondern eben  als   K r i e g:    Nicht  der
       "Königsmord" oder  die neuerlichen  Pariser "journées" bestimmten
       hier das Bild von der Revolution, sondern das Auftreten ihrer be-
       waffneten Vertreter.  Und mit  ihnen machten  die Rheinländer von
       nun an  durchweg negative  Erfahrungen, umso mehr, als Frankreich
       seine Kriegführung  jetzt ganz  bewußt an den eigenen, nationalen
       Interessen und militärischen Bedürfnissen ausrichtete. "Freiheit,
       Gleichheit, Bruderliebe"  verkündeten keine  neue  Ordnung  mehr,
       sondern neue  Lasten und Erpressungen. Ihren Höhepunkt fanden sie
       in dem "Plünderwinter", den die Pfalz 1793/94 erlebte und der Er-
       innerungen an  1689 wachrief;  er brachte  die Franzosen und ihre
       Revolution gleichermaßen  in Verruf.  Daß er gerade auf dem Höhe-
       punkt der Jakobinerherrschaft stattfand, zeigt, daß die Kriegfüh-
       rung der Montagnards denselben "ausbeuterisch-expansiven" Charak-
       ter hatte, wie man ihn den Girondisten und Thermidorianern unter-
       stellt.  Die  von  Robespierre  betriebene  Nationalisierung  der
       "universalen" Revolution  machte sich  eben auch im Krieg bemerk-
       bar.
       Für die  Rheinländer war  es jedenfalls gleich, ob in Paris gemä-
       ßigte oder  radikale Jakobiner,  der Wohlfahrtsausschuß  oder das
       Direktorium herrschten.  Ihre Heimat blieb Kampfgebiet, der Rhein
       französisches Kriegsziel. Dies schien 1794 fast erreicht, nachdem
       "Revolutions-"Truppen den  Mittel- und  Niederrhein, später  auch
       die Pfalz  (zurück) eroberten,  so daß  nur Mainz  als  deutscher
       Brückenkopf  übrig   blieb.  Von  einer    R e v o l u t i o n s-
       rezeption   konnte  in  den  jetzt  "pays  conquis,  non  réunis"
       genannten besetzten  Gebieten keine  Rede mehr sein, denn man war
       vollauf  damit   beschäftigt,  die   steigenden  Bedürfnisse  des
       französischen   B e s a t z e r s   zu befriedigen.  Auch ging es
       diesem gar nicht mehr um Zustimmung oder Sympathie der Besetzten,
       sondern um  ihre Loyalität  und Subordination.  Allerdings gab es
       noch immer  deutsche Anhänger der Revolution: Im südlichen linken
       Rheinufer Jakobiner  von 1792/93,  die nach  Verfolgung oder Exil
       zurückkehrten und  wieder aktiv  wurden -  so sehr,  daß der Plan
       einer "Volksbewaffnung"  gegen die Franzosen (Sommer 1794) an der
       Virulenz solcher "Patriotennester" zu scheitern drohte.
       Am Mittel-  und Niederrhein waren es Jakobiner "der zweiten Gene-
       ration", die  sich - allen Besatzungserfahrungen und innenpoliti-
       schen Veränderungen in Frankreich zum Trotz - auch jetzt noch zur
       Revolution, die  ja selbst unter dem Direktorium noch eine provo-
       zierend radikale Alternative zum deutschen Ancien Régime war, be-
       kannten. Diese  "Cisrhenanen" gab  es besonders  in Koblenz, Bonn
       und Köln,  und sie  standen (ähnlich  wie der Mainzer Klub) unter
       Führung oft  junger Intellektueller,  hatten aber auch Handwerker
       in ihren Reihen. Erst spät, mit der Stabilisierung der Kriegslage
       zugunsten Frankreichs  im Sommer  1797, in  "Volksgesellschaften"
       organisiert, entfalteten  diese "Neojakobiner"  eine  beachtliche
       publizistisch-propagandistische Aktivität,  wobei sie aber im Ge-
       gensatz zu  den Mainzer  Jakobinern eine  s e l b s t ä n d i g e
       "Cisrhenanische Republik" anstrebten. Sie wurde auch im September
       1797 in  Koblenz, Köln  und Bonn ausgerufen, hatte aber keinerlei
       Rückhalt in der übrigen Bevölkerung.
       Was die  Bauern, Zunftbürger,  Handelsleute und  Beamten am Rhein
       wollten, waren  weder Revolution  noch Republik, sondern Ruhe und
       Frieden, wenn  nicht sogar  die Restauration  vorabsolutistischer
       Zustände. Bezeichnend  dafür war die Erklärung der Kölner Bürger-
       schaft von 1795 gewesen, in der sich der korporativ-altständische
       Republikanismus  einer  Reichsstadt  scharf  vom  egalitärrevolu-
       tionären Demokratismus  französischer Provenienz  abgrenzte.  Die
       "Cisrhenanische Republik"  von 1797  scheiterte aber nicht an dem
       Widerstand breiter  Kreise, sondern  daran, daß das im Fructidor-
       Staatsstreich nach  links gerückte  Direktorium  keine  auch  nur
       halbwegs selbständige  Republik auf dem linken Rheinufer, sondern
       dessen direkte Einverleibung wollte.
       
       V
       
       Dieses Ziel  erreichte Paris  im Herbst  1797 mit dem Frieden von
       Campo Formio,  der Österreich  zur Aufgabe  des linken Rheinufers
       zwang; Preußen  hatte dem  ja schon  1795 zugestimmt  und dadurch
       seine niederrheinischen  Lande aus  dem Krieg herausgehalten. Nun
       aber, Anfang  1798, wurden  diese ebenso wie Mainz mit dem ganzen
       Linksrheinischen Frankreich  angeschlossen; daß  diese  "Reunion"
       völkerrechtlich noch  nicht sanktioniert war, nahm ihr nichts von
       der raschen  und effektiven  Durchführung. Ja,  sie brachte einen
       erneuten Schub von Revolutionsrezeption: Fast flächendeckend wur-
       den   jetzt    Freiheitsbäume   gepflanzt,    vielerorts    schon
       "Nationalfeste" abgehalten  und (neo-)jakobinische Propaganda be-
       trieben. All das verbreitete gewiß die revolutionäre Symbolik und
       Rhetorik in  bislang unbekanntem Ausmaß, doch wurden sie ganz an-
       ders aufgenommen als 1792/93 oder 1794/97, denn sie repräsentier-
       ten jetzt  die Ideologie einer neuen Obrigkeit. Zugleich leiteten
       die Franzosen  hier einen  weitreichenden Strukturwandel ein, der
       zwar  nicht   in  der   Form,  wohl  aber  im  Ergebnis  durchaus
       r e v o l u t i o n ä r   war: Durch  Verordnungen  eines  Regie-
       rungskommissars führten  sie in  den  "vier  neuen  Departements"
       (Donnersberg, Rhein-Mosel, Saar und Roer) die seit 1789 beschlos-
       senen sozialen,  juristischen und  ökonomischen  Neuerungen  ein.
       Während die  Revolution in  Frankreich selbst zu Ende ging, wurde
       sie am  Rhein erst  eigentlich durchgeführt:  eine   R e v o l u-
       t i o n  n a c h  d e r  R e v o l u t i o n!
       Ja, sie  veränderte hier  vielleicht sogar  mehr als im "inneren"
       Frankreich. Denn  die einheitliche  Staatsbürgerschaft,  die  Ab-
       schaffung der Privilegien, die juristische Egalisierung, Gewerbe-
       freiheit, Trennung  von Justiz  und Verwaltung, nicht zuletzt die
       Zivilehe -  zu all  dem hatte  es am Rhein zuvor nicht einmal An-
       sätze     gegeben.     Allerdings     war     dieser     wirklich
       r e v o l u t i o n ä r e   Wandel von 1798/99 ff. ohne Rücksicht
       auf die Zustimmung der Betroffenen begonnen worden, sieht man von
       der jakobinisch-cisrhenanischen  Minderheit ab, die sich jetzt am
       Ziel ihrer  Wünsche sah.  Sie war  (neben den Franzosen) auch die
       treibende Kraft  der "Reunionsadressen" von 1798, mit der die An-
       nexion "demokratisch"  legitimiert werden  sollte; stellten diese
       auch keine echte Willensäußerung der Rheinländer dar, so kann man
       an ihrer  nach Süden  zunehmenden Akzeptanz  gut erkennen, daß in
       Mainz und  der Pfalz die Revolution doch positiver rezipiert wor-
       den war  als am  Mittel- und Niederrhein. Überall konnte sie sich
       aber nur  durchsetzen, weil  jetzt, 1798, der  r e p u b l i k a-
       n i s c h e   O b r i g k e i t s s t a a t   hinter  ihr  stand,
       weil  sie  "von  oben",  auf  gouvernemental-administrativem  Weg
       "angeordnet" wurde. Das erleichterte es auch vielen Rheinländern,
       sich mit  ihr zu  arrangieren -  allen voran  dem  "eigentlichen"
       Bürgertum aus  Zunftmeistern und  Handelsleuten, die sich 1792/93
       und 1794/95  einer -  wie auch  immer  "gelenkten"  -  Revolution
       v o n   u n t e n   verweigert hatten, die aber jetzt die Vorzüge
       von  Rechtsgleichheit   und  Gewerbefreiheit   schätzen  lernten;
       ähnlich  die  Juden,  die  ihr  Ghetto  1792/93  nicht  verlassen
       mochten, die  jedoch nun  eine möglichst  rasche Emanzipation an-
       strebten. Der  Wandel aber  kam nicht nur "von oben", sondern vor
       allem   v o n  a u ß e n.  Sicher, auch Deutsche (wie die nun be-
       amteten Jakobiner  und Cisrhenanen  sowie einige  "übergelaufene"
       Amtsträger des  Ancien Régime)  wirkten daran mit, doch entschei-
       dend und leitend blieben die Franzosen, voran ihre Regierungskom-
       missare wie  Franz Joseph Rudler, der am Rhein 1798/99 am meisten
       zu der "Revolution nach der Revolution" beitrug.
       
       VI
       
       Napoleons Machtübernahme Ende 1799 verstärkte dann diesen revolu-
       tionären Wandel noch, wirkte also am Rhein ganz anders als im in-
       neren Frankreich.  Zunächst stabilisierten Frankreichs Erfolge im
       zweiten Koalitionskrieg  die Annexion  von 1798,  weil der Friede
       von Luneville  (1801) sie  sanktionierte und dem legitimistischen
       Widerstand vieler  Rheinländer die  Grundlage entzog.  Man  mußte
       sich jetzt "endgültig" mit der französischen Herrschaft abfinden,
       also auch  mit  den  letztlich  durch  die  Revolution  bewirkten
       s o z i a l e n   Veränderungen. Das  war vielleicht schwerer als
       das Arrangement  mit den  Franzosen als Obrigkeit, der man in ge-
       wohnter Weise  zu dienen  wußte. Denn  das Bewußtsein eines poli-
       tisch wirklich  mündigen Citoyen hatte der Rheinländer nicht ent-
       wickeln können, weil man ihm 1798/99 die Partizipationsrechte der
       Direktorialverfassung vorenthalten hatte, und es solche unter dem
       Konsulat  gar   nicht  mehr   gab.   Das   und   die   zunehmende
       "Französierung" veranlaßte  manchen "Patrioten"  zur Resignation,
       doch wurde  die Mehrzahl von ihnen zu durchaus verläßlichen Stüt-
       zen des  napoleonischen Regimes, das mit dem zentralistisch-büro-
       kratischen "Präfektursystem" auch am Rhein seine Macht noch stei-
       gerte.
       Stabilisierend für  die hier entstehende bürgerliche Gesellschaft
       wirkte der   V e r k a u f   v o n   N a t i o n a l g ü t e r n,
       des umfangreichen Grundbesitzes von Adel und Kirche, der 1798 nur
       sequestriert,  seit  1802/03  aber  verstaatlicht  und  veräußert
       wurde. Auffallend  ist, daß meist die ehemaligen Pächter das Land
       steigerten, was  dem Bauerntum  neues Selbstbewußtsein  und zudem
       ökonomische  Impulse  verlieh.  Städtisches  Bürgertum  steigerte
       ebenfalls mit,  oft aus  Gründen der Spekulation, aber auch, weil
       Landbesitz den  sozialen Status  zu heben schien; selbst der Adel
       konnte (zumal  am Niederrhein) einen Teil der Güter erwerben bzw.
       behalten; als  soziale Führungsschicht war er freilich schon 1798
       ff. ausgeschaltet worden. Noch mehr die (katholische) Kirche, die
       am stärksten  vom Nationalgüterverkauf  und der damit verbundenen
       Säkularisation getroffen  wurde -  ein Vorgang, der sich zu glei-
       cher Zeit  freilich auch im  r e c h t s rheinischen  Deutschland
       vollzog. Im  Linksrheinischen erhielt  sie dafür  immerhin  durch
       Napoleons  Konkordat   eine  feste  Organisation  und  gesicherte
       Rechtsstellung, auch  gesellschaftlichen  Einfluß.  Für  sie  ein
       Fortschritt  gegenüber   der  laizistischen   Kirchenpolitik  des
       Direktoriums,  doch   forderte  selbst  das  Konkordat  noch  die
       Revolution (oder  das, was  Napoleon von ihr bestehen ließ), denn
       es bewirkte  eine umfassende Aussöhnung gerade der Katholiken mit
       dem neuen Staat.
       So wurden die modernisierenden und noch immer egalisierenden Maß-
       nahmen des  Konsulats, dann  des Empire am Rhein seit 1801702 be-
       deutend rascher  akzeptiert, wurde der Wandel "von außen" von den
       Rheinländern gewissermaßen "internalisiert". Und dies trotz (oder
       vielleicht wegen?) der spürbar restaurativen Tendenzen, von denen
       die   gezielte    Schaffung   einer    am   Besitz   orientierten
       "Notabelngesellschaft"  sozial  am  wichtigsten  war;  Widerstand
       richtete sich am Rhein nun nicht mehr gegen die - seit 1804 kodi-
       fizierten -, "revolutionären" Neuerungen, sondern (wie überall in
       Frankreich) gegen  die steigende  Steuerlast und  die zunehmenden
       Konskriptionen. Als  die Rheinlande  dann 1814/16  wieder deutsch
       wurden,  hatten  sie  gegenüber  dem  übrigen  Deutschland  einen
       "Vorsprung", denn das Ancien Regime war hier früher und vollstän-
       diger als  dort überwunden worden. Für jeden Rheinländer spürbar,
       beruhte dieser  Vorsprung vor  allem auf der unabhängig-öffentli-
       chen Justiz,  der Rechtsgleichheit  und Gewerbefreiheit sowie der
       Zivilehe. Um  diese  fortschrittlichen  Regelungen  kämpften  die
       Rheinländer im  Vormärz mit  ihren neuen  Herrschern von Preußen,
       Bayern  und   Hessen-Darmstadt;  wenn   sie   dabei   jetzt   von
       "r h e i n i s c h e n   Institutionen" sprachen,  dann wohl  zu-
       nächst aus  taktischen Erwägungen,  aber auch  deshalb, weil  sie
       sich mit diesen ursprünglich  f r a n z ö s i s c h e n  Neuerun-
       gen nun ganz identifizierten: eine der Voraussetzungen dafür, daß
       es am  Rhein im  Vormärz ein  so relativ starkes liberales, teil-
       weise sogar (radikal-)demokratisches Potential gab.
       Das linke  Rheinufer hatte  sich also  von einem politisch-sozial
       sehr veralteten zu jenem Teil Deutschlands gewandelt, der 1816 in
       Recht, Verwaltung und Gesellschaft die wohl modernsten Züge trug.
       Das hatten  jedoch nicht  die Rheinländer selbst bewirkt, sondern
       die Franzosen, die mit ihrem Staatsgebiet auch die Revolution bis
       an den  Rhein ausdehnten:  ein   W a n d e l   "v o n  a u ß e n"
       also. Und  nicht in den "revolutionären" Aktionen der Mainzer Ja-
       kobiner und  der Cisrhenanen, sondern auf dem nüchtern-bürokrati-
       schen Weg  gouvernementaler Verordnungen vollzog sich dieser Wan-
       del, vor allem in den beiden Jahren nach der De-facto-Reunion von
       1798, aber  auch noch in der relativ ruhigen napoleonischen Zeit.
       Während Mainzer Republik und Cisrhenanen für die deutsche Revolu-
       tionsrezeption und  Demokratiegeschichte sehr wichtig sind, blie-
       ben sie regional eher sekundär. Hier bewirkte letztlich der repu-
       blikanische Obrigkeitsstaat von 1798 ff. auf seine Weise eine Re-
       zeption der  Revolution, die  aber dann  doch so intensiv und er-
       folgreich war,  daß die  Rheinländer schließlich  den "von außen"
       begonnenen Wandel  zum Teil  ihres politisch-sozialen  Selbstver-
       ständnisses machten.
       

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