Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       DIE GROSSE FRANZÖSISCHE REVOLUTION UND
       ======================================
       DIE BUNDESDEUTSCHE GEGENWART - REFLEXIONEN
       ==========================================
       
       Johannes Henrich von Heiseler/Heinz Jung
       
       1. Abstand  und Aktualität - 2. Bleibende Erkenntnisse und Fragen
       der Gegenwart  - 3. Die Gegenreaktionen: Konservatismus - Antija-
       kobinismus -  Anti-kommunismus -  4. Die  Französische Revolution
       und der  Fortschritt in  Deutschland -  5. Sind  die Impulse  der
       Französischen Revolution aufgebraucht? - 6. Ist das Zeitalter der
       Revolutionen zu Ende?
       
       1. Abstand und Aktualität
       -------------------------
       
       Bis zum Roten Oktober von 1917 war die Große Revolution der Fran-
       zosen "die  kolossalste Revolution,  die  die  Geschichte  kennt"
       (Marx/Engels). 1) Sie war kolossal in ihren Ausmaßen und in ihren
       historischen Wirkungen  und sie muß es auch auf ihre aufgeklärten
       Zeitgenossen gewesen  sein, wie es das Zeugnis des großen Dialek-
       tikers und  idealistischen Philosophen  G.F.W. Hegel,  der damals
       mit Hölderlin  und Schelling  in Tübingen einen Freiheitsbaum ge-
       pflanzt hatte, später bekundete: "Es war dieses somit ein herrli-
       cher Sonnenaufgang.  Eine erhabene  Rührung hat in jener Zeit ge-
       herrscht, ein  Enthusiasmus des  Geistes hat die Welt durchschau-
       ert, als  sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der
       Welt nun erst gekommen." 2)
       Sie war  das epochesetzende  Ereignis, gegen  das sich  nicht nur
       seine Zeitgenossen  zu definieren,  sondern mit dem sich auch die
       nachfolgenden Generationen  auseinanderzusetzen hatten.  Als Epo-
       chenereignis war  sie von  internationaler Bedeutung  und Auswir-
       kung, sie hat somit die Themen der Gestaltung der sich erweitern-
       den zivilisierten  Welt, ja der Welt als universeller Gegebenheit
       vorgegeben.
       Ihr Lied,  die "Marseillaise",  flog nicht  nur den französischen
       Revolutionsarmeen voran  und es  erklang nicht  nur in  den Fort-
       schrittsbewegungen des 19. Jahrhunderts, sondern es erschallt mit
       der "Internationale" in den weltweiten Aufbruchsbewegungen bis in
       unsere Tage. Elan und Geist der großen Revolution inspirieren bis
       heute die Lebenden, die die Welt verändern wollen. Sie sind nicht
       das Echo  aus den Grüften der Toten, sondern sie werden von Gene-
       ration zu  Generation in der Fortschrittsstafette unseres Zeital-
       ters weitergegeben. Die Faszination dieser "radikalsten Tatsache"
       3) der  Neuzeit bis  zur Oktoberrevolution - um ein Wort von Karl
       Marx auf  diesen Zusammenhang  anzuwenden -  ist zwar  nach  zwei
       Jahrhunderten durch viele nachfolgende Ereignisse und Erfahrungen
       überlagert, sie ist jedoch gerade bei jenen, die beim Aufbruch in
       die "terra  incognita" der  Zukunft den Bruch mit dem Alten nicht
       scheuen, kaum gemindert.
       Der 200. Jahrestag von 1789 veranlaßt aufs Neue zur Reflexion und
       zur Standortbestimmung;  zur Reflexion darüber, was uns diese Re-
       volution heute noch zu sagen hat; zur Standortbestimmung dazu, ob
       radikaler revolutionärer Umbruch auch heute und morgen der Weg zu
       sozialem und  humanem Fortschritt  sein  muß.  Die  deutsche  Ge-
       schichte kennt  nur für kurze Perioden den befreienden Geist, der
       von der  revolutionären Tat  ausgeht. Sie  ist nicht  geprägt von
       siegreichen Volksrevolutionen.  Das bestimmt  bis heute Grundzüge
       unserer  politischen  Kultur  und  unseres  öffentlichen  Lebens.
       "Revolution" ist  deshalb im  Unterschied zu  anderen Völkern und
       Nationen im Massenbewußtsein kein positiv besetzter Begriff. Hin-
       ter dem  das Alte  niederreißenden und zerstörenden Prozeß bleibt
       die gewaltige  Aufbauleistung ausgeblendet.  So steht vor der Ge-
       schichts- und  Revolutionsforschung auch  heute oder gerade heute
       die Aufgabe,  die Voreingenommenheit durch den Blick auf die Tat-
       sachen zu brechen.
       Die große  Revolution der Franzosen hat wie kein anderes Ereignis
       dazu beigetragen,  die Bourgeoisie weltweit an die Macht zu brin-
       gen und ihre sozialen und politischen Lebens- und Bewegungsformen
       experimentell zu  erproben. Das  Kapital kennt  keine Dankbarkeit
       gegenüber jenen, die mit ihrer radikalen Konsequenz seinen Inter-
       essen zum  Sieg verhalfen.  So sind  trotz des  Abstands von zwei
       Jahrhunderten für  die bürgerliche  Wohlanständigkeit Männer  wie
       Saint-Just oder Robespierre Unpersonen geblieben, ganz zu schwei-
       gen von  Marat und  den Volksrevolutionären  jener Zeit. Und doch
       liegt dieser  Haltung nicht  nur Undankbarkeit  zugrunde, sondern
       der Instinkt dafür, daß sich die historisch weitergegebene Konse-
       quenz dieser  Revolutionäre heute gegen die Interessen des großen
       Eigentums und  des Privilegs  wendet, wie  sie damals, den Hammer
       der Revolution  in Bewegung setzend, zur Zerschlagung des Feudal-
       systems und seiner Privilegien führte.
       Wie die  materialistische Geschichtsforschung  unwiderlegbar  ge-
       zeigt hat, war die Französische Revolution von 1789-1799 als Gan-
       zes eine  bürgerliche Revolution,  deren aufsteigende  Phase  bis
       1794 den  Charakter einer bürgerlichdemokratischen Revolution an-
       genommen hatte.  Die herausragenden Parteien, Fraktionen und Per-
       sonen waren Repräsentanten des Bürgertums. Sie waren weder Sozia-
       listen oder  Kommunisten noch Vorläufer der Arbeiterbewegung. Das
       waren sie  nur insofern,  als sie  gesellschaftliche Verhältnisse
       durchsetzten, in  denen aus den neuen Gegensätzen der moderne So-
       zialismus und  die Arbeiterbewegung  geboren  wurden.  Gleichwohl
       entstanden im Schmelztiegel dieser Revolution schon die Ideen des
       "neuen Weltzustandes"  4), die  an der Kritik des Privateigentums
       ansetzend die  Vision  einer  Gesellschaft  der  Arbeit  und  der
       Gleichheit verkörperten. Sie gingen in der Tat in die Arbeiterbe-
       wegung des  19. Jahrhunderts ein. Aber dies waren erst die Schat-
       ten hinter  den radikalen  "Jakobinern mit  dem Volk" (Lenin) der
       Jahre I und II der Republik und noch nicht die den Gang der Dinge
       bestimmenden Kräfte, und sie konnten dies auch deshalb noch nicht
       sein, weil  der reale  Entwicklungsstand  der  gesellschaftlichen
       Produktion und der sozialen Kämpfe für eine sozialistische Alter-
       native noch nicht tragfähig war und sie, soweit sie schon ins Le-
       ben trat, die Züge des Utopischen und Visionären und vielfach des
       Rückwärtsgewandten tragen mußte.
       Für die  reale Entwicklung  der Revolution bedeutsamer mußten die
       Vorstellungen jener  ihrer Repräsentanten werden, die vermeinten,
       sie könnten  und müßten  die zum Allgemeininteresse, zur 'volonté
       générale', erhobenen Interessen der Bourgeoisie, in denen sie als
       Repräsentant aller antifeudalen Kräfte und des gesellschaftlichen
       Fortschritts auftritt,  zum  praktisch-politischen  Kampfprogramm
       machen und ihm tatsächlich nicht nur die Interessen des bürgerli-
       chen Eigentums, sondern auch jene breiter Volksschichten zugrunde
       legen. Dies wurde zur Quelle der , heroischen Illusionen', wonach
       dem tugendhaften  und staatsbürgerlich-revolutionären Handeln des
       Citoyen eine  vom  Schacher,  Egoismus  und  Privatinteresse  des
       tatsächlichen Bourgeois abgelöste und selbständige Rolle zukommt.
       Diese 'heroischen  Illusionen' mobilisierten  bei den  handelnden
       Individuen gewaltige  revolutionäre Energien, die in der extremen
       Bedrohungssituation der  Republik 1793/94  die Gefahren  abwenden
       konnten - in dem Bewußtsein, mit den Mitteln des durch Tugend be-
       gründeten Terrors  eine egalitaristische  Eigentümerrepublik nach
       antikem Vorbild begründen zu können.
       Die in  der Verfassung des Jahres 1793 und den Prinzipien der re-
       volutionärdemokratischen Jakobinerdiktatur deklarierten Ziele ei-
       ner unmittelbaren und direkten und einer sozialen Demokratie sind
       bis heute  in der bürgerlichen Gesellschaft Verheißung geblieben.
       Sie stellen  jene am  weitesten gehenden,  von bürgerlichem Boden
       verkündeten Ziele  des Demokratismus  dar, die  in die  Kampfpro-
       gramme der  Arbeiterbewegung Eingang  fanden und  deshalb Eingang
       finden mußten, weil die soziale Revolution Demokratismus ist, der
       nicht vor  der Wirtschaft  und  dem  bürgerlichen  Eigentum  halt
       macht. In diesem Sinne sind die bürgerlich-demokratischen Revolu-
       tionäre der  Französischen Revolution  Vorläufer der sozialen und
       politischen Umbruchbewegungen unseres Jahrhunderts.
       Aus dem  Holz der  Großen Französischen  Revolution war  auch die
       Wiege geschnitzt,  in der in den 40er Jahren des letzten Jahrhun-
       derts der  Marxismus entstand.  Der "Revolutionsdoktor" aus Trier
       ist ohne  den noch  unmittelbar lebendigen Hintergrund dieses Er-
       eignisses und  seiner Folgewirkungen  kaum denkbar. Wie nirgendwo
       sonst wurde an dieser Revolution für die Vormärzgeneration sicht-
       bar, daß die Revolutionen die "Lokomotiven der Geschichte" 5) und
       die Schübe  des gesellschaftlichen  Fortschritts sind und daß man
       sich zu ihnen bekennen und sie bewußt anstreben muß, wenn man den
       Dingen in  Deutschland eine Wendung nach vorn geben wollte. Dabei
       war nun  freilich ein  Blick auf dieses Ereignis zu gewinnen, der
       die Wirksamkeit  materieller Interessen, ihre Entgegensetzung und
       Radikalisierung gegenüber der rein politischen, verfassungsrecht-
       lichen oder  ideengeschichtlichen Betrachtung  in den Vordergrund
       rückte und im Klassenkampf der damaligen Zeit die Haupttriebfeder
       der Entwicklung sah. Und da sich ja gezeigt hatte, daß die in der
       Revolution zur Herrschaft gebrachte bürgerliche Gesellschaft mit-
       nichten zur Befreiung der Menschheit geführt, sondern ganz im Ge-
       genteil die Lohnsklaverei der arbeitenden Massen begründet hatte,
       war neues Denken angesagt, um in der Realität jene Klasse ausfin-
       dig zu machen, deren Emanzipation mit jener der ganzen Menschheit
       zusammenfallen mußte: die Klasse der modernen Lohnarbeiter.
       Eine solche  Kritik der  Französischen Revolution  bestimmt ihren
       geschichtlichen Ort  und läßt  ihre Erfahrungen und Lehren in das
       auf den Begriff gebrachte Programm des "neuen Weltzustandes" ein-
       münden. Sie  ermöglicht uns,  den zeitlichen  und entwicklungsge-
       schichtlichen Abstand  zu ermessen  u n d  ihre fortwirkenden Im-
       pulse aufzunehmen.
       Waren schon früher die runden Gedenkjahre zur Französischen Revo-
       lution alles  andere als  museale Vergangenheitspflege,  so  gilt
       dies um  so mehr für die Gegenwart. Sie standen vielmehr immer im
       Bezug zu den Kämpfen und den revolutionären Kräften der Zeit. Die
       großen demokratischen  Revolutionshistoriker der Periode vor 1848
       haben das  bleibende Beispiel  dafür geliefert,  welchen  Beitrag
       eine Geschichtsschreibung  der Revolution  zu leisten  vermag, um
       die versteinerten  Verhältnisse zum  Tanzen zu bringen. Indem sie
       die revolutionären Taten der Vorfahren zum Leben erweckten, haben
       sie den Lebenden, ihren Lesern, die Gewißheit vermittelt, daß zum
       Unrecht gewordene  gesellschaftliche Verhältnisse gestürzt werden
       können. Diese  Funktion  der  Revolutionsgeschichte  sollte  auch
       heute nicht gering geschätzt werden.
       
       2. Bleibende Erkenntnisse und Fragen der Gegenwart
       --------------------------------------------------
       
       Die Beschäftigung  mit der  Französischen Revolution vermag nicht
       nur Einsichten zu vermitteln, die für unser Geschichtsverständnis
       bedeutsam sind, sondern auch Lehren für die Orientierungen in den
       Auseinandersetzungen der Gegenwart. Auf einige von ihnen sei kur-
       sorisch aufmerksam  gemacht; sie  werden in  den Beiträgen dieses
       Bandes im einzelnen begründet und abgehandelt.
       P o l i t i s c h e    u n d    s o z i a l e    R e v o l u t i-
       o n e n   s i n d  d e r  g e w a l t s a m e  U m s t u r z  der
       bestehenden alten  sozialökonomischen und  politischen Macht- und
       Herrschaftsverhältnisse. Sie  werden dann  zur geschichtlich not-
       wendigen Durchsetzungsform sozialen und politischen Fortschritts,
       wenn das  alte Regime und die in ihm herrschenden Klassen den Weg
       mehr oder  weniger friedlicher  Reformänderungen blockieren, aber
       nicht mehr  stark genug  sind, die  auf Veränderungen  drängenden
       Kräfte zu  unterdrücken. Revolutionen werden dann die Vorwärtslö-
       sung in  jener gesellschaftlichen Situation, die als gesamtnatio-
       nale revolutionäre  Krise charakterisiert  werden kann und in der
       sich die  sozialen, politischen  und  ideologischen  Kämpfe  ver-
       dichten und  zuspitzen. All  dies trifft in vollem Umfang auf die
       Französische Revolution zu.
       Stellt man die Revolutionen in den Kontext der gesellschaftlichen
       Gesamtentwicklung, dann besteht ihre grundlegende Funktion in der
       Durchsetzung der  neuen Gesellschaftsformation, deren Bedingungen
       in der  alten Gesellschaft  herangereift sind, oder in der Durch-
       setzung solcher sozialen und politischen Formen, die ihre weitere
       Entfaltung und  Entwicklung ermöglichen.  Sie bedeuten immer eine
       Entwicklungsbeschleunigung und sind insofern die "Lokomotiven der
       Geschichte".
       Grundlegende Revolutionen  an den  Knotenpunkten der Entwicklung,
       wie es die Französische Revolution war, sind nicht nur rein poli-
       tische Revolutionen, wo es um die Um- und Neugestaltung der poli-
       tisch-staatlichen Machtverhältnisse geht. Sie müssen vielmehr ge-
       rade dann, wenn sie den Sturz der alten Klassenherrschaft zu Ende
       führen, immer  auch soziale Revolutionen sein, also auch die öko-
       nomische und  soziale Macht  der alten  herrschenden Klassen zer-
       schlagen oder  einschränken. Aber als antifeudale bürgerliche Re-
       volution zielte  die Französische Revolution nicht auf die Aufhe-
       bung des  Privateigentums und der Ausbeutung. Sie vollzieht viel-
       mehr einen  Formwandel, und  gerade aus  dieser Grundtatsache er-
       wächst ihre  Kompromißfähigkeit gegenüber  den Kräften  der alten
       Ordnung, die  in den ersten Phasen der Revolution und nach dem 9.
       Thermidor in  den Vordergrund  trat. Wäre  die Revolution bei den
       Feuillants oder auch bei den Girondisten stehengeblieben, wäre es
       zu einem  solchen Kompromiß  gekommen. Jedoch führt die von Groß-
       bürgertum und Reformadel geführte Revolution von 1789 dann weiter
       zur Phase, in der 1792 das girondistische Bürgertum und dann 1793
       die revolutionär-demokratischen  Jakobiner die  Macht übernehmen.
       Die  Jakobiner-Diktatur   räumt  schließlich   alle  verbliebenen
       Hindernisse für  die volle Durchsetzung der Bourgeoisie auf allen
       Gebieten aus  dem Weg.  Der scheinbare Rücklauf von der thermido-
       rianischen Reaktion  1794 über das erste (1795) und zweite Direk-
       torium (1797)  bis zum Konsulat 1799 baut auf den Voraussetzungen
       der Jakobiner-Herrschaft auf.
       Die reale geschichtliche Situation führte also zu einer Verschär-
       fung des  Kampfes, zum  aktiven Eingreifen der Volksmassen in den
       Revolutionsprozeß, zur  demokratischen Vertiefung  der Revolution
       und zur  Ausprägung  ihres  bürgerlich-demokratischen  Charakters
       1792/94 und  damit zur  radikalen Zerschlagung des Feudalsystems.
       Dies macht  die Einzigartigkeit  der Französischen Revolution als
       eines historischen Ereignisses aus, in dessen konkreter Totalität
       die Grundzüge  und -funktionen  der bürgerlichen Revolution über-
       haupt   u n d   ihre französischen Besonderheiten zur Geltung ka-
       men.
       Die Französische Revolution steht nicht wie ein archaischer Find-
       ling in der historischen Landschaft. Ihre Wirkung war internatio-
       nal, und  sie steht gleichfalls in einem universalgeschichtlichen
       Zusammenhang. Sie  war die  dritte Entscheidungsschlacht der auf-
       strebenden Bourgeoisie  nach der Reformation bzw. der frühbürger-
       lichen Revolution  in Deutschland  und der  englischen Revolution
       gegen das  Feudalsystem in  Europa, und die amerikanische Revolu-
       tion läutete  ihr die Sturmglocke. Sie ist die klassische Revolu-
       tion im  bürgerlichen Revolutionszyklus,  in dem der welthistori-
       sche Zusammenhang  des Klassenkampfes  der Bourgeoisie zur Durch-
       setzung der  kapitalistischen Gesellschaftsformation zum Ausdruck
       kommt. Klassisch ist sie deshalb, weil in ihr das Fortschrittspo-
       tential der  Bourgeoisie in  optimaler Weise,  in Übereinstimmung
       mit den  historischen Möglichkeiten  und  den  gesellschaftlichen
       Entwicklungsgesetzen wirksam wurde. Außerdem fand sie im Kernland
       des europäischen  Feudalsystems,  einem  der  entwickeltsten  und
       volkreichsten Länder  der damaligen  Zeit statt. Außerdem ist sie
       die Leitrevolution  des bürgerlichen  Revolutionszyklus, weil sie
       von epocheprägender  Bedeutung ist  und die nachfolgenden Revolu-
       tionen des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger unter ihrem Einfluß
       stehen.
       Für Frankreich  selbst steht sie am Beginn des bürgerlichen Revo-
       lutionszyklus, in  dessen Entfaltung es noch der Revolutionen von
       1830, 1849 und 1870 bedurfte, um für die französische Bourgeoisie
       solche politisch-staatlichen  Formen durchzusetzen,  die den Ent-
       wicklungserfordernissen des  französischen Kapitalismus  für eine
       längere Periode entsprechen konnte.
       Revolutionen haben  ihre objektiven und subjektiven Voraussetzun-
       gen und  Elemente. Die  Menschen, Gruppen, Parteien, Klassen han-
       deln in Verfolgung ihrer Interessen unter sich schnell wandelnden
       Umständen. Sie sind in diesem Prozeß Treibende und Getriebene; in
       kaum einer  anderen Situation hängt von ihrem Tun oder ihrer Pas-
       sivität, von  ihren Fehlern und ihren Stärken so viel ab. Es gibt
       keine Revolution ohne Revolutionäre, und sie kann sich um so eher
       in Übereinstimmung mit den geschichtlichen Möglichkeiten vollzie-
       hen, je  höher der  Grad an Einsicht, Bewußtheit und Organisiert-
       heit bei den Revolutionären ist.
       Revolutionen wie  die französische sind gesellschaftliche Gesamt-
       prozesse, die  alle Bereiche und Kräfte der Gesellschaft in ihren
       Strom ziehen.  Obwohl es  Ungleichzeitigkeiten und Ungleichmäßig-
       keiten der  einzelnen Sektoren  gibt, stehen sie in einem Gesamt-
       prozeß, der nicht in eine Summe von Teilrevolutionen zerlegt wer-
       den kann.  Dies gilt auch für ihre verschiedenen Entwicklungspha-
       sen, ihren  Abschwung und  ihren Rücklauf.  Es  liegt  nahe,  das
       Hauptaugenmerk auf die aufsteigenden Phasen, in der Französischen
       Revolution bis  zum 9.  Thermidor (27.7.1794), zu richten. Danach
       setzt zweifellos  der Rücklauf ein; gleichwohl ist die Revolution
       nicht zu Ende, sondern dauert noch bis 1799, und selbst die Mili-
       tärdiktatur Napoleon I. muß in diesen Kontext gestellt werden.
       Vom Gang  der Geschichte  ist es  müßig, die Frage zu stellen, ob
       der Weg  der Reformen  nicht der  bessere und weniger opferreiche
       Weg des  Fortschritts sei. Es ist wahr, Revolutionen sind mit Op-
       fern des  Volkes, der  Revolutionäre und  der Gegenrevolutionäre,
       verbunden. Wer Aufrechnungen bevorzugt, sollte die Frage stellen,
       welche Lasten  und Opfer  das alte  Regime dem Volk aufbürdet und
       wieviel an  vernichteten und  verkrüppelten Menschenleben repres-
       sive Gewalt  und Stagnation  jeweils bedeuten.  Aber auch darüber
       hinaus: Reform  und Revolution  stehen nicht in prinzipiellem Ge-
       gensatz. Was die Reform anstrebt, vom alten System aber blockiert
       wird, muß die Revolution durchsetzen. Was die Revolution erreicht
       hat, muß  die Reform fortsetzen und befestigen. Je größer der re-
       volutionäre Druck, desto größer der Spielraum für Reformen. Viel-
       fach unterschieden sich Reformer und Revolutionäre nicht nach der
       Zielsetzung, sondern nach der Konsequenz. Der Übergang von refor-
       mistischen zu  revolutionären Positionen  ist meist fließend. Be-
       sonders dann,  wenn die  aufstrebende Klasse  international schon
       stark ist  oder ein  Übergewicht errungen hat, erweitern sich die
       Chancen konsequenter Reformpolitik.
       R e v o l u t i o n e n   a l s   F e s t t a g e   d e s  V o l-
       k e s  - dies trifft im wörtlichen und im übertragenen Sinne kaum
       auf eine  andere Revolution  so zu  wie auf die französische. Die
       Feste des Volkes waren der Ausdruck eines neuen Lebensgefühls und
       des Mündigwerdens  des im alten Regime rechtlos gehaltenen Bauern
       und Sansculotten  und die  Demonstration der zur Macht gekommenen
       Bürgerschaft als Führerin der neuen Nation. Aus diesem Mündigwer-
       den und  dem  Bewußtsein  der  eigenen  gesellschaftlichen  Rolle
       erwächst gleichzeitig  die Kraft zur Aktion, zum aktiven sozialen
       und politischen  Engagement, die bis in die kleinste Gemeinde und
       das letzte  Dorf wirksam  wird. Auf dieser Grundlage ist die neue
       Ordnung in  der  Lage,  ihre  Institutionen  und  Machtorgane  zu
       errichten.
       Man hat  die Bewegungen des Volkes in der Revolution immer wieder
       mit einem losbrechenden Sturm verglichen, dem nichts zu widerste-
       hen vermag. Und so waren in der Tat die Jacquerien der Bauern und
       die Tourneen  der Volksbewegung in den Städten, aber auch die Be-
       wegungen der  republikanischen Armeen.  Es ist also letztlich die
       freigesetzte Energie und Aktivität der Volksmassen, die die alten
       Strukturen zerbricht  und neue  errichtet. Ohne diese Aktivitäten
       wäre unter  den damaligen Umständen die Revolution zum Stillstand
       gekommen und  ihren Feinden  erlegen. So  tritt mit der Französi-
       schen Revolution  zum ersten  Mal in der Geschichte das handelnde
       Volk in  derartiger Massivität  auf die Bühne des politischen Ge-
       schehens und eröffnet der revolutionären Entwicklung neuen Spiel-
       raum, den  die radikalen  Führungsgruppen der  Bourgeoisie nutzen
       können.
       Dies war  der Fall  mit dem  Sturm auf  die Bastille  am 14. Juli
       1789, mit  dem Zug  nach Versailles und der Heimholung des Königs
       am 5./6. Oktober 1789, mit dem Sturm auf die Tuilerien am 10. Au-
       gust 1792,  mit dem  Volksaufstand und  dem Sturz der Gironde vom
       31.5.-2.6.1793 und mit der Besetzung des Konvents am 5. September
       1793.
       Die frühere  Geschichtsschreibung hat  das Volk vielfach mystifi-
       ziert oder  aber auch  verteufelt. Man  erinnert  sich  Schillers
       "Glocke" und des "Wehe, wenn sie losgelassen ...". Dies gilt auch
       für die  Beschwörung der  Spontaneität. Inzwischen  hat  die  Ge-
       schichtsforschung hinreichendes  Licht in die tatsächliche Struk-
       tur der  Volksbewegung gebracht, in die konkreten sozialen Diffe-
       renzierungen, die  Organisationsformen usw.  So  zeigt  auch  die
       Französische Revolution, daß die Volksmassen geschichtliche Wirk-
       samkeit nur  mit den Clubs, Volksgesellschaften, Sektionen, Revo-
       lutions- und  Sicherheitsausschüssen usw.  erlangen konnten,  daß
       bei der  Mobilisierung die revolutionären Kerne, die zeitgenössi-
       sche Presse  und andere  Agitationsmittel, die bekannten Vertrau-
       ensleute und  Persönlichkeiten der  Revolution  eine  erstrangige
       Rolle spielten.  Die Organisationsfrage ist somit nicht erst eine
       Frage der modernen Arbeiterbewegung, obwohl ihr hier ein größeres
       Gewicht zukommt.
       Auch für  die Zeit der Französischen Revolution gilt, daß die un-
       mittelbaren materiellen  Interessen die wichtigste Triebkraft der
       Volksbewegungen sind.  Aber sie  entwickeln ihre  Stoßkraft nicht
       als rein  ökonomische Forderungen,  sondern erst im Kontext anti-
       feudaler und patriotischer Zielsetzungen.
       Die revolutionären  Möglichkeiten der  jeweiligen    f ü h r e n-
       d e n  F r a k t i o n e n  d e r  B o u r g e o i s i e  ergeben
       sich nicht nur aus ihrer antifeudalen Konsequenz, sondern wesent-
       lich auch  aus ihrer  Stellung zu  den Volksmassen.  Während  die
       Feuillants von  vornherein auf  einen konstitutionellen Kompromiß
       mit der Monarchie unter Ausschaltung der Volksmassen hinsteuern -
       wobei die  Gewichtsverteilung innerhalb dieser Variante zur Frage
       ihrer inneren  Differenzierung wird  - und  die Girondisten  eine
       bürgerliche Republik  gegen die  Feudalkräfte und  gegen das Volk
       wollen, öffnen sich die Bergpartei des Konvents und die Jakobiner
       schrittweise gegenüber  den Volksbewegungen  und dem  Bündnis mit
       den Volkskräften.  Unter den  Robespierristen werden sie zu den ,
       Jakobinern mit  dem Volk",  zu bürgerlich-demokratischen  Revolu-
       tionskräften. Ihre  revolutionäre Konsequenz  erwächst vor  allem
       aus ihrem  Antifeudalismus und Patriotismus. In der Periode ihrer
       politisch-ideologischen Hegemonie,  die die  Form  einer  revolu-
       tionär-demokratischen Diktatur  annimmt, erreicht  die Revolution
       unter  dem   Gesichtspunkt  der   verwirklichten  Maßnahmen  ihre
       demokratischste Phase.  Gleichzeitig führt  sie der situationsbe-
       dingte Zentralismus  und Administratismus  zur  Ausschaltung  der
       Volksbewegungen  bzw.  zu  ihrer  Gängelung  und  Institutionali-
       sierung.
       Die Jakobiner  waren nicht die Avantgarde - Revolutionäre von An-
       fang an.  Vielfach sind  die vorwärtstreibenden Kräfte Männer wie
       Danton, Marat  u.a. Sie entwickelten sich jedoch faktisch zur er-
       sten modernen  gesamtnationalen Partei mit entsprechender organi-
       satorischer Tiefengliederung  und konnten  damit  in  umfassender
       Weise die  Funktion des "Auges" und in bestimmten Phasen auch des
       Organisators der  Revolution wahrnehmen. Sie wurden somit auch im
       heutigen Sinne zur Avantgarde des revolutionären Prozesses. Revo-
       lutionäre Energie,  Wachsamkeit und  Konsequenz, Ergebenheit  zur
       Sache und Unbestechlichkeit waren die Charakterzüge, die ihre An-
       hänger und Freunde rühmten und ihre Feinde bis heute als Fanatis-
       mus, Totalitarismus  und Engstirnigkeit zu denunzieren suchen. Es
       nimmt nicht  wunder, daß  mit den gegensätzlichen Wertungen immer
       wieder der  Vergleich zwischen  Jakobinern und  Bolschewik!  bzw.
       Kommunisten vorgenommen worden ist. Gewiß, sie wirkten und wirken
       in unterschiedlichen  Zeiten und sind Vertreter unterschiedlicher
       Klassen, aber die Konsequenz und Kompromißlosigkeit in den Grund-
       fragen sowie die Tatkraft sind ihre gemeinsamen Merkmale.
       Im Abstand  von 200  Jahren ist  es an  der materialistischen Be-
       trachtung der  Französischen Revolution,  a l l e n  r e v o l u-
       t i o n ä r e n   K r ä f t e n  "G e r e c h t i g k e i t  w i-
       d e r f a h r e n   z u   l a s s e n",   auch jenen, die aus der
       Kurve des sich beschleunigenden Revolutionsprozesses geschleudert
       wurden oder  die sich  später gegen  sie stellten.  Es kann  also
       nicht um  eine Apotheose von Robespierre, Saint-Just und Couthon,
       von Marat  und Jacques Roux gehen, wiewohl sie in die erste Reihe
       der großen  Revolutionäre jener Zeit gehören, sondern es ist auch
       zu denken  an Billaud  und Collot,  an Danton, Desmoulins und die
       Cordeliers, an  Cambon, Carnot  und  Lindet,  an  Brissot,  Manon
       Roland, Condorcet und die Girondisten, an Mirabeau und die Männer
       der ersten  Stunde im  Ballhaus zu Versailles, aber auch an Hoche
       und die  anderen Generäle  der Republik und an jene Politiker und
       Militärs, die  nach dem 9. Thermidor in der abflauenden Phase der
       Revolution für die Wahrung ihrer Errungenschaften standen.
       Eine materialistische  Betrachtung und  kritische  Würdigung  der
       Französischen Revolution  kann den   T e r r o r  d e r  R e v o-
       l u t i o n   u n d   d e r  G e g e n r e v o l u t i o n  nicht
       aussparen  oder   mit  Schweigen  übergehen.  Er  gehört  zu  den
       geschichtlichen Tatsachen,  wie Gewalt  und Gegengewalt  in allen
       revolutionären' Umbruchprozessen.  Ein moralisierender Standpunkt
       ist hier  fehl am  Platz, da Gewalt und ihre extremen Anwendungs-
       formen sozialen  Verhältnissen entspringen,  die durch Ausbeutung
       und Unterdrückung  des Menschen durch den Menschen gekennzeichnet
       sind. Solange  diese Gewalt von den Herrschenden gegen die unter-
       drückten und  aufbegehrenden Volksmassen  oder in Kriegen prakti-
       ziert wird,  finden dies ihre Ideologen der Erwähnung nicht wert.
       Zahlen die  Unterdrückten oder  die  Revolutionäre  mit  gleicher
       Münze heim, dann kommt für sie die Welt ins Wanken. Es bedarf so-
       mit einer  allseitigen Betrachtung der Tatsachen und Situationen,
       der Handlungen  der kämpfenden Parteien und der prägenden Haltun-
       gen und  Mentalitäten der  Kämpfenden, um zu einem sachlichen Ur-
       teil gelangen zu können.
       Eine der  zentralen und  bis heute  fortwirkenden Fragen, die die
       Französische Revolution auf die Tagesordnung gesetzt hat, ist der
       D e m o k r a t i s m u s.  Es geht dabei nicht nur um die Formen
       des Staates  und des politischen Systems, sondern auch um die In-
       halte der  Demokratie. Dies  berührt unmittelbar die Einbeziehung
       der Volksmassen  in den politischen Prozeß. Die Menschenrechtsde-
       klaration war die Proklamierung des bürgerlichen Interessenkanons
       in verallgemeinerter  Form. Aber  sie formuliert gleichzeitig die
       Ansprüche, die  über die bürgerliche Ordnung hinausweisen, sobald
       sie reale  soziale Gestalt  annehmen sollen. Wie man weiß, reicht
       die Diskriminierung von Minderheiten bis in unsere Tage. Und auch
       das gleiche Wahlrecht, einschließlich für Frauen, ist erst Ergeb-
       nis der jüngeren Geschichte.
       Da die Vorstellungen von der Souveränität des Volkes in der Peri-
       ode der  Aufklärung und  der Revolution  noch stärker  ihren  ur-
       sprünglichen  Charakter  hatten,  blieb  das  Repräsentativsystem
       nicht unangefochten. Die Vertreibung der Girondisten aus dem Kon-
       vent, unter  dem Druck der Volksbewegung von der Konventsmehrheit
       gebilligt, fand  in den damaligen Vorstellungen von Volkssouverä-
       nität ihre  Legitimation. Was  später als Druck der Straße denun-
       ziert wurde,  war in  den aufsteigenden  Revolutionsphasen Moment
       des politischen Prozesses. Gegenüber der Repräsentation hatte die
       Souveränität des  Volkes Priorität.  Dies beförderte die Vorstel-
       lungen und  Praktiken direkter  Demokratie, was  sich auch in der
       Jakobinerverfassung vom Juni 1793, die allerdings infolge der Ge-
       fahr für die Republik suspendiert wurde, niederschlug.
       In diesen frühen Formen zeigte sich das, was mit den heutigen Be-
       griffen als  Wechselwirkung von parlamentarischem und außerparla-
       mentarischem Kampf beschrieben werden kann. Zwar hat sich das mo-
       derne bürgerliche Repräsentativsystem heute weit stärker als frü-
       her verschanzt,  Perspektiven der  Vertiefung der  Demokratie und
       grundsätzlicher Gesellschaftsveränderungen  erschließen sich  je-
       doch auch heute nur mit der Freisetzung dieser Wechselwirkung.
       Nach wie  vor ist die Frage des  Z e n t r a l i s m u s  des Ja-
       kobinerstaates ein  vieldiskutiertes Problem geblieben. Zum einen
       war dieser  Zentralismus die Voraussetzung des Sieges der Revolu-
       tion über  ihre Feinde.  Zum  anderen  wurden  damit  jedoch  die
       Selbsttätigkeit und Selbstorganisation von Volksbewegungen ausge-
       schaltet und unterdrückt und die Bürokratisierung des Staatsappa-
       rates und  des politischen  Lebens begünstigt. Dies betraf in der
       damaligen Situation vor allem die Kommune von Paris und ihre Sek-
       tionen.
       Die Jakobiner  exekutierten damit  den  Machtanspruch  der  Bour-
       geoisie gegenüber den Volksschichten. Die "Vereisung" der Revolu-
       tion (Saint-Just)  zwang die Revolutionsregierung jedoch zum wei-
       teren Administratismus  und Bürokratismus  und zum  Anziehen  der
       Terrorschraube, womit sich ihre soziale und politische Basis wei-
       ter verengte.  Unter den  damaligen Bedingungen hatte der Födera-
       lismus der  Girondisten eine  konterrevolutionäre Komponente, auf
       der anderen Seite hätte seine stärkere Berücksichtigung regionale
       Besonderheiten auffangen und möglicherweise die von Priestern und
       Royalisten genutzten  Bauernaufstände der Vendée u.a. abschwächen
       können. Somit  weisen also auch die kommunalistischen und födera-
       listischen Ansätze der Französischen Revolution weit über die da-
       malige Zeit hinaus.
       Dies gilt  auch für  die Sozial- und Wirtschaftspolitik des Wohl-
       fahrtsausschusses und  der Kommune  von Paris.  Faktisch wird die
       Belastbarkeit des  neuen kapitalistischen Systems unter Extrembe-
       dingungen getestet:  etatistisch gesteuerte  Kriegs- und  Versor-
       gungswirtschaft auf  der einen und Züge einer reformistischen So-
       zialpolitik, einer sozialen Demokratie auf der anderen Seite.
       Für die  Fortschrittskräfte der  damaligen Zeit war die Französi-
       sche Revolution  die Herausforderung dessen, was wir heute Inter-
       nationalismus und  internationale Solidarität nennen. Dies betraf
       zum einen  die Haltung  der ausländischen  Freunde der Revolution
       zur innerfranzösischen  Entwicklung, zum  anderen ihre praktisch-
       politischen Orientierungen,  dabei auch  dort, wo die siegreichen
       Revolutionsarmeen die  Chance zur  Abschaffung des  Feudalsystems
       boten, gleichzeitig  diese Gebiete  jedoch Exploitationsfeld  der
       französischen Armee  und Bourgeoisie wurden. Der Epochencharakter
       dieser großen  Revolution und  ihre internationale Wirkung wurden
       somit Handlungsbedingung der Fortschrittskräfte in allen Ländern.
       
       3. Die Gegenreaktionen:
       -----------------------
       Konservatismus - Antijakobinismus - Antikommunismus
       ---------------------------------------------------
       
       Rasch, wie  die Stimmen der begeisterten Aufnahme, folgen überall
       auch die Gegenreaktionen.
       Dabei entsprechen  den verschiedenen  Phasen der  Revolution auch
       verschiedene konservative Positionen. Die starrste, die Ablehnung
       der Ideen  von 1789  selbst, verliert  zunächst rasch an Einfluß.
       Jürgen Voss  hat wesentliche  Teile einer Rede des braunschweigi-
       schen Rates  J.N. Bischoff  veröffentlicht, die  zum ersten  Male
       1794 herausgebracht  wurde. Hier  wird die  Parallelität der Ent-
       wicklung der verschiedenen Stadien der Revolution und der Heraus-
       bildung konservativer  Positionen deutlich  6). Bischoff sieht in
       der Französischen  Revolution drei  "Haupt-Epochen", die er näher
       untersuchen will.  Die  erste  findet  sein  volles  Verständnis.
       Frankreichs Angelegenheit, so meint er, ist in der Phase von 1789
       die Sache  der gesamten Menschheit. Die Beseitigung der Mißstände
       und des  Despotismus, die  Morgenröte der  Freiheit, Gefühle  des
       Dankes gegen den König ... das ist nach seiner Meinung der Inhalt
       der ersten  Phase. Die  zweite Phase begegnet bereits seiner Kri-
       tik. Die  Stimmen der  Weisheit, so meint Bischoff, verstummen in
       diesem Stadium vor dem Eigendünkel philosophischer Schwärmer. Die
       Verfassung mit  den "sogenannten"  Menschenrechten wird  von  Bi-
       schoff mit  dem goldenen  Kalb verglichen,  um das man tanzt: ein
       buntes Gemisch von "gutdenkenden aber kurzsichtigen Weltbürgern".
       Wie schrecklich aber wird es nach Bischoffs Meinung mit der Herr-
       schaft der  Jakobiner, dieser "furchtbaren Schar", die darauf aus
       sei, die Religion, die gerade erst geschaffene Verfassung und vor
       allem auch den König hinzumorden.
       Bischoff, der  kein extremes Beispiel ist, ist ein früher Vertre-
       ter einer  Art von  konservativer Darstellung, die sich insbeson-
       dere auf die Auseinandersetzung mit den Jakobinern konzentrierte.
       In den deutschen Darstellungen der Französischen Revolution domi-
       niert dieses Bild lange.
       Bei dem ersten deutschen Historiker, der die Französische Revolu-
       tion in einem ausführlichen Werk darstellt und dessen Darstellung
       lange prägend  wirkt, bei Heinrich von Sybel, wird allerdings auf
       die starr  legitimistische Position  zurückgegriffen, die bereits
       die erste  Phase der  Revolution von  1789 als  terroristisch und
       verderblich denunziert. Eine konstruktive Seite wird an der Revo-
       lution nicht  gesehen, sie  ist lediglich  zerstörerisch. Die Lo-
       sungsworte selbst  sind Ausdruck ihres Unrechts: Freiheit ist die
       Berechtigung für  den "Pöbel",  sich gegen  das bestehende Gesetz
       aufzulehnen, und Gleichheit ist nichts anderes als die Mißachtung
       der menschlichen Verschiedenheiten. Dennoch richtet sich auch und
       gerade bei  Sybel der  tiefste Haß  gegen  die  Jakobiner.  Robe-
       spierre, der  nun wirklich  ein klassischer Vertreter der revolu-
       tionären Bourgeoisie war, wird bei Sybel zum Kommunisten.
       So wird  ausgeplaudert, was  der konservativen  antijakobinischen
       Position in  Deutschland  Einfluß  und  Geltung  verschafft:  die
       Angst, die  bürgerlich-revolutionären Ansprüche  könnten von  der
       Arbeiterbewegung aufgenommen werden und auf einer neuen Grundlage
       "Volkshaufen" in Bewegung setzen.
       In der  heutigen französischen  Diskussion finden  sich unter den
       Vertretern des  Anti-Jakobinismus wieder  die zwei  verschiedenen
       Positionen. Für  François Furet  ist der  Aufbruch von  1789  ein
       weltgeschichtliches Ereignis,  die Entstehung der Demokratie; je-
       doch die Jakobiner-Herrschaft ist für ihn ein Abgleiten der Revo-
       lution. Es  wiederholt sich  die Position  des  herzoglich-braun-
       schweigischen Rates  Bischoff von  1794, die mit einigen zwar als
       Provokation gemeinten,  aber dennoch  interessanten Fragen,  aber
       zugleich mit  unsachlichen Ausfallen  gegen die  marxistische und
       insgesamt  die  materialistische  Geschichtsschreibung  verknüpft
       ist. Aber  der "gemäßigte" Anti-Jakobinismus von Furet hat inner-
       halb der  französischen konservativen  Szene die Türe aufgestoßen
       für den  wütenden Anti-Jakobinismus  von Pierre Chaunu und seiner
       weißen Garde:  Für Chaunu ist die Französische Revolution ein gi-
       gantisches Schlamassel,  deren Hauptergebnis der franko-französi-
       sche Genozid  in der  Vendee sei, der erste Vorläufer des Stalin-
       schen Gulag.
       Gewiß: Chaunu wirkt heute ebenso provinziell-französisch, wie Sy-
       bel borussisch-provinziell  gewirkt hat.  Die seriöse akademische
       Diskussion kann  mit diesen Positionen nicht viel anfangen. Etwas
       anderes ist die Wirkung und die Wirkungsgeschichte. Die liegt un-
       ter anderem  darin begründet, daß die Grundströmung, die vom Kon-
       servatismus und  Anti-Jakobinismus zum  heutigen Anti-Kommunismus
       reicht, geistige  Bedingungen gesetzt  hat, die die Rezeption des
       Anti-Jakobinismus in  seinen unwissenschaftlich-gehässigen Formen
       vorbereitet hat.
       Diese Grundströmung  tritt von  Beginn mit  Edmund  Burke  (1729-
       1797), Friedrich von Gentz (1764-1832) und Juan Maria Donoso Cor-
       tes (1809-1853)  gegen die  Hauptbegriffe des revolutionären Bür-
       gertums an.
       Der stolze Begriff Mensch als universeller Begriff, die Orientie-
       rung auf  Wissenschaft als  ein universelles Verhältnis zur Welt,
       der Begriff  der Vernunft  als ein  humaner Begriff, die Idee des
       Fortschritts, die nicht auf Technik und Industrie beschränkt ist,
       sondern sich bezieht auf Glück und menschliche Freiheit, die Ent-
       wicklung der  Vorstellung von  Rechten der Menschen als Menschen,
       nicht der Württemberger oder der Engländer, der Niederländer, wie
       in vorausgegangenen  Freiheitskämpfen, sondern der Menschenrechte
       - das  sind Hauptbegriffe,  die mit dem aufsteigenden, revolutio-
       nären Bürgertum  verbunden waren und schließlich in der Französi-
       schen Revolution voll entwickelt sind.
       Die konservative Gesellschaftswissenschaft nach der Französischen
       Revolution bemüht sich, in einer Geschichte letztlich auflösenden
       Haltung diese  Begriffe historisierend  zu zerstören. In Deutsch-
       land sind  es die  Gestalten von  Savigny und  Ranke, die für die
       Anfänge dieser  Strömung stehen. Bei Friedrich Nietzsche erreicht
       diese Tendenz dann philosophisch eine neue Qualität. Eine erneute
       Veränderung der  Qualität ist im Übergang zu Martin Heidegger und
       Carl Schmitt  erfaßbar, verbunden  mit der antirationalen und an-
       tihumanistischen Linie der spezifisch deutschen imperialistischen
       Geschichte in unserem Jahrhundert.
       Für die  Arbeiterbewegung kann es nicht darum gehen, die Kampfbe-
       griffe des  revolutionären Bürgertums  kritiklos,  gleichsam  als
       ewige Vorbilder  zu übernehmen. Das Verhältnis zum Erbe der Fran-
       zösischen Revolution  ist mit  der Erkenntnis der geschichtlichen
       Grundlagen der  Entstehung dieser  Kampfbegriffe  verbunden.  So,
       gründend auf der Wahrnehmung der Französischen Revolution und ih-
       rer Ideologie  als historischem Modell, haben diese Begriffe eine
       neue Perspektive; sie sind gut für Umbrüche anderer Art. "Die In-
       ternationale erkämpft  das Menschenrecht"; der Refrain des Kampf-
       lieds der  internationalen Arbeiterbewegung greift zurück auf die
       Idee der  Rechte des  Menschen und weist zugleich nach vorne, das
       individuelle Subjekt   z u g l e i c h   als  wesentlich  gesell-
       schaftlich begreifend.
       
       4. Die Französische Revolution und der Fortschritt in Deutschland
       -----------------------------------------------------------------
       
       Es gibt  wenige weltgeschichtliche Ereignisse, selbst der inneren
       Geschichte, die  die Geschichte  in den deutschen Ländern so tief
       beeinflußt haben wie die Französische Revolution.
       Oft ist  französisch radikaler Praxis deutsche theoretische Radi-
       kalität gegenübergestellt  worden. Fangen  wir daher mit dem gei-
       stig-ideologischen Bereich an.
       In der  ersten Phase  der Französischen Revolution, die von Groß-
       bürgertum und  Reformadel bestimmt  wird, wird  im deutschen Raum
       alles, was überhaupt wirkliches Leben hat, von den Ereignissen in
       Frankreich elektrisiert.  Es entsteht ein neues Lebensgefühl. Für
       die junge  Generation ist  es der  große geschichtliche Aufbruch,
       der den  eigenen Einsatz  fordert; für die alte Generation ist es
       das Glück, die Fanfarenstöße eines neuen Zeitalters noch miterle-
       ben zu können.
       In der  zweiten, 1792 einsetzenden, vom girondistischen Bürgertum
       bestimmten Phase  setzt sich  das moderne konservative Denken von
       den Anhängern  der Revolution  ab. Dabei  ist  zu  beachten,  daß
       selbst die  konservative Strömung  inzwischen so  viel von  ihrem
       Gegner übernommen und gelernt hat, daß sie nicht mehr die gleiche
       wie zuvor  ist. Die liberale Strömung empfängt nach wie vor kräf-
       tige Impulse  positiver Art aus Frankreich und mit ihr alles, was
       weiter links steht.
       In der  dritten, 1793 beginnenden Phase der revolutionär-demokra-
       tischen Jakobinerdiktatur  verläßt der große Teil der bürgerlich-
       liberalen Strömung im deutschen Raum die Fahnen. Die vielfach be-
       obachtete Abwendung  von der  anfänglichen Identifikation  im be-
       herrschenden geistigen  Leben verweist auf die Schwäche der radi-
       kalen revolutionären Demokratie hier.
       Die Herausbildung der verschiedenen geistigen Fraktionen und Par-
       teibildungen ist  selbst ein  bedeutsames Ergebnis  der Französi-
       schen Revolution. Für alle Strömungen des Bürgertums ist aber ein
       tiefes und nachhaltiges Erlebnis, wie dort, wo die Interessen von
       Volksmassen angesprochen  werden,  fortschrittliches  Denken  mit
       praktisch-verändernder Wirkung verbunden ist.
       Zugleich wird  die Französische Revolution zum großen praktischen
       Lehrer über  das Verhältnis  von  politischen  Fortschritten  und
       Klassenbewegung. Diese  Erkenntnis ist  keineswegs auf  die Linke
       beschränkt; sie ist eine Grunderfahrung der Zeit.
       Neben den  verschiedenen bürgerlichen Strömungen bilden sich uto-
       pisch-sozialistische Positionen,  wie schon  am linken  Rande des
       Jakobinismus, bis  hin zu Gedanken, die sich in Arbeiterorganisa-
       tionen in positiver und zugleich kritischer Verarbeitung der bür-
       gerlichen revolutionären  Demokratie  finden  lassen.  (Hier  ist
       wichtig die Geschichte in dem Bund der Geächteten und in dem Bund
       der Gerechten - Organisationen, in denen vornehmlich deutschspra-
       chige Arbeiter  und Handwerker in Paris zusammengeschlossen waren
       und die zur Vorgeschichte der kommunistischen Bewegung gehören.)
       Schließlich ist  vielfach zu Recht darauf hingewiesen worden, wie
       sich die Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels selbst durch
       die Auseinandersetzung  mit dem  weltgeschichtlichen Ereignis ge-
       formt, herausgebildet  und entwickelt  haben. Den  Marxismus  als
       einen radikalisierten  Rousseauismus zu  verstehen, ist  zwar ein
       tiefes Mißverständnis  (wahrscheinlich  beider),  aber  ohne  die
       Französische Revolution  und den  durch sie  eingeleiteten Zyklus
       bürgerlicher Revolutionen,  der gegenüber  früheren  bürgerlichen
       Revolutionszyklen gänzlich  neue -  und an die neuen Klassen-Kon-
       stellationen dicht  heranführende -  Erfahrungen vermittelt,  ist
       die konkrete  Entstehung der Positionen, die dann zur Theorie der
       modernen, revolutionären  Arbeiterbewegung werden, kaum vorstell-
       bar.
       Zugleich ist  das positive Erbe der Französischen Revolution hier
       deshalb so fruchtbar, weil es kritisch und geschichtlich verstan-
       den wird.  Gerade weil  man sich  nicht  einfach  als  Fortsetzer
       fühlt, sondern  die neue,  andersartige Aufgabenstellung, die an-
       dere Interessenlage,  die neuen  Dimensionen wahrnimmt,  wird der
       revolutionäre Impuls von 1789 weiter fruchtbar.
       Der Fortschritt  in Deutschland:  Das war aber nicht nur Philoso-
       phie und  politische Theorie.  Im Bereich des Rechts waren es die
       praktischen Anstöße  durch den  Code Napoleon  (und nicht mehr in
       erster Linie  die Tradition  der von  Aufklärung und Absolutismus
       geprägten Kodifikationen des 18. Jahrhunderts), die einen mächti-
       gen Schub, weit über die Rheinbund-Zeit hinaus, auslösten.
       Die Französische  Revolution versetzte  dem römischen Reich deut-
       scher Nation  und seinen eigentümlichen Strukturen den Todesstoß.
       Die große Flurbereinigung und die Beseitigung der Kirche als feu-
       daler Territorialmacht  auf dem Reichsdeputationshauptschluß, die
       Niederlegung der  deutschen Kaiserkrone durch Franz II., der sich
       schon ein  paar Jahre  vorher eine ersatzweise geschaffene öster-
       reichische aufs  Haupt setzte,  die Bildung  neuartig souveräner,
       geschlossener und  verwaltungsmäßig  vereinheitlichter  deutscher
       Staaten, die  den napoleonischen  Rekrutenbedarf decken  konnten,
       die Aufteilung  des früheren  Reiches in  vier Gebiete:  Preußen,
       Österreich, die  Rheinbund-Staaten und  die  mit  Frankreich  (im
       Linksrheinischen und  an der  Küste) durch  Annexion  verbundenen
       Länder -  das alles  prägt nachhaltig  die Grundgegebenheiten für
       die weitere Geschichte des gesamten Raums.
       Bürgerliche Reformen,  selbst des  Reformtyps, wie er sich in den
       rheinbündischen und den preußischen Reformen zeigt, sind ohne den
       Anstoß der  Französischen Revolution  nicht denkbar.  Das ist der
       Grund, warum  ein Freiherr vom Stein, der aus seiner Gegnerschaft
       zur Französischen  Revolution keinen  Hehl machte, von seinen Wi-
       dersachern als Jakobiner denunziert wird.
       Die Entstehung  eines für  deutsche  Verhältnisse  selbstbewußten
       Bürgertums am Rhein hängt eng mit den Erfahrungen mit der Franzö-
       sischen Revolution (die hier anderer Art als in den norddeutschen
       annektierten Gebieten waren) zusammen. Hier war wohl auch die Ge-
       gend, in  der sich  die französische Dominanz unmittelbar positiv
       für die wirtschaftliche Lage des Bürgertums auswirkte.
       Im übrigen  komplizieren sich  die Verhältnisse  dadurch, daß die
       deutschen Länder,  vor allem die annektierten und die rheinbündi-
       schen Gebiete, zu einer, wie schon von Zeitgenossen polemisch ge-
       sagt wurde,  Präfektur des napoleonischen Staates wurden. Revolu-
       tionärer Impuls  und Entstehung  der bürgerlichen  Nation  decken
       sich hier nicht, sondern treten in eigenartiger und für die deut-
       sche Geschichte bestimmender Weise nebeneinander.
       Auch in der Zeit von Metternich geht der Impuls der Französischen
       Revolution nicht  unter. Die  Unterströmungen,  die  1848  wieder
       sichtbar werden,  leben von  der großen Französischen Revolution,
       deren Konturen  durch die französischen Revolutionen von 1830 und
       1848 erneut verdeutlicht werden.
       Wenn man  sich schließlich  die Geschichte der Bundesrepublik an-
       sieht, so  sind es nicht nur die von Gerd Semmer herausgebrachten
       und von Dieter Süverkrüp gesungenen Lieder (vgl. dazu den Aufsatz
       in diesem  Band) gewesen, die den Anschluß an diese Unterströmung
       wieder hergestellt  haben; es  ist kein  Zufall, daß  z.B. in der
       Studentenbewegung,  deren   fortgeschrittenste  Teile   dann  zur
       sozialistischen Arbeiterbewegung fanden, die Freiheitsmotive, die
       im Frankreich der Jahre von 1789 und danach zu bürgerlich-revolu-
       tionären Kampfbegriffen  wurden, spontan  zu bewegenden  Momenten
       der Entwicklung wurden.
       
       5. Sind die Impulse der Französischen Revolution aufgebraucht?
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       Im weltgeschichtlichen Prozeß sind in großen Gebieten vom europä-
       ischen Bürgertum  Länder, die  vorher noch von feudalen oder noch
       älteren Strukturen  geprägt waren,  durch koloniale Unterdrückung
       politisch und  ökonomisch organisiert  - oder,  wenn man so will,
       desorganisiert - worden.
       Die Französische  Revolution findet  schon 1791  ihr Echo im Auf-
       stand in  Haiti. Die Revolutionen der "Dritten Welt", die antiko-
       lonialen und  später antiimperialistischen  Revolutionen,  finden
       nach wie  vor einen wichtigen Impuls in der Französischen Revolu-
       tion. Die Aufgaben der politischen Freisetzung bürgerlicher Dyna-
       mik, der rechtlichen und politischen Gleichheit der Menschen, der
       Verselbständigung und  Vereinheitlichung der  bürgerlichen Nation
       sind in diesen Räumen vielerorts noch ungelöst.
       Dennoch wäre  es vereinfacht, würde man daraus die Folgerung zie-
       hen, daß  einfaches Nachholen  von 1789  bis 1794 (und zurück bis
       1799?) unter  diesen Verhältnissen  möglich wäre.  Es zeigt  sich
       vielmehr, daß grundlegende Aufgaben, die in der Französischen Re-
       volution vom  Bürgertum selbst  revolutionär gelöst wurden, unter
       den neuen  Verhältnissen erst  lösbar werden, wenn nicht mehr die
       jeweils fortschrittlichste  bürgerliche Klassenfraktion  die gei-
       stige und  politische Führungsrolle übernimmt, sondern erst dann,
       wenn dies  durch die  in diesen  Ländern häufig  naturgemäß  noch
       kleine Arbeiterbewegung  geschieht. Vorgriff und Nachholen in ei-
       nem -  das ist  kennzeichnend für die Prozesse in diesen Ländern,
       wenn Aufgaben der bürgerlichen Revolution unter einer politischen
       Führung, die eine viel weitergehende Programmatik entwickelt, ge-
       löst werden.  Kuba und  Vietnam sind Beispiele für solche Einheit
       von Vorgriff und Nachholen.
       Aber die Impulse der Französischen Revolution beschränken sich in
       ihrer Wirkung  nicht auf die "Dritte Welt". An nächster Stelle zu
       nennen sind die Länder, in denen die bürgerliche Revolution über-
       haupt nicht  von unten, sondern in deformierter Weise "von oben",
       auf dem  "preußischen Wege" durchgeführt worden ist. Die Deforma-
       tion, die  die bürgerliche  Revolution dabei erlitten und die sie
       um wesentliche  Teile verkürzt  hat, hat nicht nur in der Sozial-
       ökonomie (vor  allem auf dem Lande) große Aufgaben unerledigt ge-
       lassen.
       Bemerkenswert ist,  wie in diesen Ländern das Bürgertum in seiner
       bestimmenden Mehrzahl  von den  früher herrschenden  Klassen, wie
       Lenin es  ausdrückt, "erzogen"  wird und damit den revolutionären
       Atem von 1789 verliert.
       Die Impulse  von 1789  können in  diesen Ländern des "preußischen
       Weges" nur  von einer  kleinen  Minderheit  in  der  bürgerlichen
       Klasse und  bürgerlichen politischen Bewegung aufgenommen werden.
       In diesen Ländern ist die Arbeiterklasse und die Arbeiterbewegung
       in die  Rolle hineingekommen, daß sie den Hegemon in der Bewegung
       spielen muß, die die unerledigten Aufgaben der bürgerlichen Revo-
       lution nachholt.
       Erkannt und  gelöst wurde  diese Aufgabenstellung  von der russi-
       schen Arbeiterbewegung.  Als Aufgaben,  die nicht erfüllt wurden,
       standen sie  auch für  die deutschen Revolutionäre von 1918. Den-
       noch war die Revolution von 1918 auch so etwas wie eine Ratenzah-
       lung auf die Anweisung von 1789.
       Es ist  kennzeichnend, daß sowohl in den früheren Kolonialländern
       wie in den Ländern des "preußischen Weges" auch das Nachholen nur
       vereinzelter Teile  des bürgerlichen  Programms von 1789 nach der
       Bildung des  ersten sozialistischen  Staates dadurch und dann er-
       leichtert wird,  wenn sich  diese Bewegung außenpolitisch auf den
       nun auch  staatlich verfaßten Sozialismus stützt - und das völlig
       unabhängig davon,  ob  sozialistische  Sympathien  bestehen  oder
       nicht. Das  lehrt die Geschichte solcher Länder wie etwa der Tür-
       kei nach dem Ersten oder Ägyptens nach dem Zweiten Weltkrieg, de-
       ren spätere Entwicklung deutlich macht, daß die diese Entwicklung
       bestimmenden Kräfte  nicht von  Zuneigung für den Sozialismus er-
       füllt sind. Aber selbst die Impulse von 1789 können hier nur auf-
       genommen werden im außenpolitischen Bündnis mit dem Staat der Ar-
       beiterrevolution.
       Wieder anders  und unerhört  komplizierter muß die Frage nach den
       Impulsen von  1789 beantwortet  werden, wenn  man die  allgemeine
       Entwicklung in den hochindustrialisierten Staaten des staatsmono-
       polistischen Kapitalismus  von heute  ins Auge faßt. Hier spielen
       zwar die  geschichtlich bedingten  Unterschiede des  "preußischen
       Weges" gegenüber dem "französischen Weg" immer noch eine nachwir-
       kende Rolle;  auf vielen  Gebieten aber werden diese Unterschiede
       verwischt.
       Bedeutsam ist aber, daß klassische Aufgaben, die sich die Revolu-
       tionäre von 1789 stellten, uneingelöst geblieben sind.
       Politische Demokratie,  Volkssouveränität, Kontrolle  des politi-
       schen Systems durch Bürger und Kommunen - das gewinnt einen neuen
       Sinn und  eine neue  Dynamik im  Zeitalter der Mediatisierung der
       Staatsbürger im  heutigen Kapitalismus,  der Mediatisierung durch
       staatliche und Monopolverbände; Verbände, die der Hegemonie herr-
       schender Politik  unterliegen, unter dem Stichwort der Funktions-
       tüchtigkeit und  der Effizienz der Verwaltung ausgearbeiteter Me-
       chanismen und  unter der  Vorgabe, Entscheidungen in großräumigen
       Dimensionen treffen  zu müssen, die eine Form der Zentralisierung
       und Verflechtung staatsbürokratisch-monopolkapitalistischer Macht
       ermöglichen und erfordern.
       Zugleich wird  die traditionelle  Unterscheidung  des  Bürgertums
       zwischen der  öffentlich-politischen Sphäre  und dem privaten Be-
       reich, der  autonom organisiert  wird, gleich in mehrfacher Weise
       vom staatsmonopolistischen  Leviathan angegriffen. Die klassische
       bürgerliche Öffentlichkeit  der Gesellschaft wird überwuchert und
       deformiert durch die gigantischen Presse- und Medienkonzerne. Auf
       der anderen  Seite ermöglichen die zentralisierten Strukturen der
       Machtapparate zusammen  mit den Mitteln der modernen Nachrichten-
       und Datenverarbeitungstechnik  den Zugriff  auf die Privatsphäre,
       die so  von außen  politisiert wird. Das geschieht nicht nur über
       den beruflichen,  sondern ebenso über den Konsumbereich. Die Ent-
       wicklung einer  kritischen Gegenöffentlichkeit und die Abwehr der
       Techniken der  Macht, die  Menschen zu gläsernen Objekten machen,
       stellen Aufgaben, die in der bürgerlichen Revolution schon einmal
       standen, auf neue Weise.
       Der Gleichheitsanspruch  der  b ü r g e r l i c h e n  Revolution
       wird durch  die Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalis-
       mus auf  neue Weise  aktuell und  mit dem Gleichheitsanspruch der
       A r b e i t e r b e w e g u n g  verflochten. Das wird klar, wenn
       man auf  die Entwicklung von Ansprüchen der Arbeiterbewegung nach
       Kontrolle (hierzulande  vor allem  unter dem Stichwort Mitbestim-
       mung, aber  in allen  Ländern des  hochentwickelten  Kapitalismus
       heute in einer oder der anderen Gestalt wirksam) achtet, die sich
       in vielfältiger  Weise verbinden  und parallelisieren mit Ansprü-
       chen auf demokratische Kontrolle in nicht unmittelbar der Produk-
       tion zugeordneten  Bereichen, wie dem Bildungs-, Verkehrs-, Raum-
       planungs-, Gesundheitswesen.
       In dem  bürgerlichen Gleichheitsanspruch  ist auch  die Rolle der
       Ungleichheit der  Geschlechter angesprochen.  Die Marktweiber und
       Amazonen der Französischen Revolution finden ihre Nachfolgerinnen
       in der  modernen Frauenbewegung, in der sich auf widersprüchliche
       Weise Traditionen  der bürgerlichen  und Traditionen der soziali-
       stischen Frauenbewegung  wiederfinden. Der Gleichheitsanspruch in
       Bezug auf das Geschlecht, von den Frauen in der Französischen Re-
       volution praktisch  und theoretisch  erhoben, konnte von der bür-
       gerlichen Revolution  nicht erfüllt  werden. Die Einbeziehung der
       Frauen in  die gesellschaftliche Reproduktion jenseits der Sphäre
       des Hauswesens  bei gleichzeitig aufrecht erhaltener Ungleichheit
       verwies auf die uneingelösten Versprechen der Jahre von 1789 an.
       Die uneingelösten  Ansprüche der  Französischen Revolution können
       heute eine  neue Dynamik  gewinnen. Sie können aber nicht mehr im
       Rahmen eines "neuen 1789" gelöst werden.
       
       6. Ist das Zeitalter der Revolutionen zu Ende?
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       Die vergleichende Revolutionsforschung im Rahmen eines materiali-
       stischen Geschichtsverständnisses  hat hinreichend  nachgewiesen,
       daß die weltgeschichtliche und weltweite Durchsetzung der bürger-
       lich-kapitalistischen Gesellschaftsformation im Rahmen einer Ent-
       wicklung erfolgte,  die als Revolutionszyklus gefaßt werden kann.
       Er beginnt  mit den  frühbürgerlichen Revolutionen am Ausgang des
       Mittelalters, findet seinen klassischen Höhepunkt mit der Franzö-
       sischen Revolution  von 1789  und seine ökonomische Durchschlags-
       kraft mit  der von  England ausgehenden  industriellen Revolution
       und setzt  sich in  einer Folge  von  revolutionären  Umwälzungen
       fort, die  im Rahmen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft
       die volle  Ausbildung und  Durchsetzung der kapitalistischen Pro-
       duktionsweise und Gesellschaftsformation gewährleisten.
       In dieser Periode ist die Bourgeoisie das Fortschrittssubjekt der
       Epoche, deren  Interessen mit  den historischen  Fortschrittsmög-
       lichkeiten übereinstimmen,  was allerdings  nicht  bedeutet,  daß
       diese durch  die Bourgeoisie  in jedem  Falle und  in jeder Phase
       auch realisiert  worden seien. Denn die Bourgeoisie ist eine Min-
       derheits- und  Ausbeuterklasse, deren  Interessen mit  denen  der
       Volksmassen nur  negativ, im  Kampf gegen  ihre Feinde, gegen das
       Feudalsystem, zusammenfallen.  Gerät sie  unter ihren Druck - und
       das ist  zunehmend mit der Entwicklung der Arbeiterklasse zum Re-
       präsentanten des  Volkes der Fall -, dann wächst ihre Neigung zum
       Kompromiß mit  den alten  Herrschaftsklassen. Sie  kommt mehr und
       mehr in  die Rolle einer bremsenden Kraft, deren Hauptanliegen es
       wird, das  Volk in  Schach zu halten. Damit büßt die Bourgeoisie,
       wie sehr sie auch die Produktivkraftentwicklung weiter revolutio-
       nieren und  vorantreiben mag,  ihre Rolle als Fortschrittssubjekt
       ein. Es vollzieht sich ein Epochenwechsel.
       Vom Standpunkt  der Arbeiterklasse liegt ihre Perspektive von An-
       beginn jenseits  des Kapitalismus. Aber erst mit dem Epochenwech-
       sel wird  sie zum  realen historischen  Fortschrittssubjekt.  Die
       Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsformation tritt da-
       mit auf  die Tagesordnung  der Geschichte und wird realgeschicht-
       lich Gegenstand  des proletarisch-sozialistischen  Revolutionszy-
       klus, der  mit der Pariser Kommune von 1871 eingeläutet wurde und
       mit der russischen Oktoberrevolution seinen klassischen Höhepunkt
       fand. Seither  entfaltet sich der welthistorische Übergangsprozeß
       in weltweiter  Dimension. Die  bisherige Geschichte verweist dar-
       auf, daß  der Wechsel  der Gesellschaftsformationen  im konkreten
       Ablauf mit einem revolutionären Bruch verbunden ist, in welch un-
       terschiedlichen Formen er sich auch vollzogen haben mag.
       Eine solche  Sichtweise wird vom spätbürgerlichen Bewußtsein ent-
       schieden abgelehnt  und als deterministisch oder teleologisch de-
       nunziert. Dafür muß Verständnis aufgebracht werden, würde die Ak-
       zeptanz doch  bedeuten, daß  man in  der Konsequenz der Forderung
       zustimmen müßte, das Feld zu räumen, oder daß man darauf verzich-
       tet, einer  breiten Reformoffensive  zur Umwandlung des kapitali-
       stischen Systems  Widerstand entgegenzusetzen.  Demgegenüber wird
       die Geschichte  in dieser  Optik eine  Folge offener  Situationen
       ohne bestimmende  Entwicklungsgesetze. Sicher, jede revolutionäre
       Situation ist  insofern eine  offene Situation,  daß  die  Sieger
       nicht vorherbestimmt  sind. Sofern sich jedoch die revolutionären
       Kräfte durchsetzen,  werden sie darangehen müssen, die Weichen in
       Richtung Sozialismus  zu stellen.  Dies ist ihre Alternative, nur
       sie kann  zu einer  höheren Stufe der gesellschaftlichen Entwick-
       lung führen, und gerade über diese Praxis realisieren sich histo-
       rische Entwicklungsgesetze.
       Macht man einen zeitlichen Vergleich, dann verwirklichte sich der
       bürgerliche Revolutionszyklus  in knapp  vier Jahrhunderten.  Von
       1871 bis heute sind 117 Jahre vergangen. Mit dem Nuklearzeitalter
       und den  Vernichtungsmöglichkeiten der Menschheit sind welthisto-
       risch völlig  neue Bedingungen  gesetzt, die  zum  Überleben  der
       Menschheit und  zur Lösung  der globalen Probleme die Kooperation
       der staatlich organisierten und in Bündnissen zusammengeschlosse-
       nen antagonistischen  Gesellschaftssysteme  erforderlich  machen.
       Nuklearkriege müssen  aus dem  Leben der  Menschheit verbannt und
       die Lösung  der globalen Probleme in Angriff genommen werden, be-
       vor und unabhängig davon, ob sich die neue Gesellschaftsformation
       in einzelnen  Ländern und  weltweit durchgesetzt  haben wird oder
       nicht. Damit entfällt auch der Zusammenhang von Krieg und Revolu-
       tion, der sich in der Vergangenheit der Entwicklung aufgeherrscht
       hatte, schon in der Französischen Revolution sichtbar war und vor
       allem in unserem Jahrhundert bestimmend wurde.
       Daß diese  neue  internationale  Konstellation  auf  die  inneren
       Transformationsbedingungen Auswirkungen  haben wird, darf als un-
       abweisbar gelten.  Inwieweit nun für die Durchsetzung politischen
       und sozialen Fortschritts in der Dialektik von Reform und Revolu-
       tion der Reformkomponente und generell dem friedlichen Weg grund-
       legender Umgestaltungen  ein größeres Gewicht zukommen wird, kann
       als offenes Problem angesehen werden.
       I s t   s o m i t   d a s  Z e i t a l t e r  d e r  R e v o l u-
       t i o n e n  z u  E n d e?  Diese Frage kann nur bejahen, wer die
       Existenz aller Völker unserer Welt in einer realen Weltgeschichte
       in Abrede  stellt. Denn  in welcher geschichtlichen Periode hätte
       es mehr  revolutionäre Umwälzungen  gegeben als  in der Zeit nach
       dem Zweiten  Weltkrieg! Und  sie haben  sich gerade  für  die  in
       Abhängigkeit  und   Rückständigkeit  gehaltenen  Völker  als  die
       notwendigen Schritte  zur Eröffnung  einer neuen  Perspektive er-
       wiesen.
       Freilich, mag  man sagen,  das sind  Entwicklungsstadien, die die
       Länder des  entwickelten Kapitalismus längst hinter sich gelassen
       haben. Das  ist sicher  richtig, aber  gleichwohl nur  die  halbe
       Wahrheit. Denn  traf und trifft es nicht zu, daß gerade die weni-
       ger entwickelten Länder als Peripherie des Imperialismus und des-
       sen Ausbeutungsbasis  fungierten und  heute in veränderten Formen
       weiterfungieren? Kann  deshalb die  Entwicklung  Westeuropas  und
       Nordamerikas von  diesem Zusammenhang  losgetrennt  werden?  Aber
       auch abgesehen  von diesem  Zusammenhang: Waren etwa jene Länder,
       die nach 1945 in Mittel-, Ost- und Südosteuropa den Bruch mit dem
       monopolkapitalistischen System,  das sich  mit den Verbrechen des
       Faschismus beladen  hatte, vollzogen, keine mittel- oder hochent-
       wickelten kapitalistischen  Länder? Man  mag die Autonomie dieser
       revolutionären Umwälzungen  in Frage stellen und auf den Sieg der
       Sowjetarmee verweisen.  Aber dies  schafft die Tatsache nicht aus
       der Welt,  daß diese  Prozesse von den "inneren" Kräften, der je-
       weiligen Arbeiterklasse und ihren Verbündeten, getragen wurden.
       Schließlich hat  gerade in  jüngster Zeit  der Gedanke revolutio-
       närer Entwicklungsbeschleunigung  und Umbruchprozesse  aus  einer
       Richtung Zuzug  erhalten, von  der es noch vor einigen Jahren die
       wenigsten erwartet  hatten: aus  der Sowjetunion. Hier geht es um
       einen neuen  Typ von Revolution, um eine Revolution von unten und
       von oben,  um die Verdichtung radikaler Reformen zu einem revolu-
       tionären Entwicklungsschub, mit dem neue Strukturen und Mechanis-
       men der  Verbindung von Sozialismus und Demokratie geschaffen und
       die Potentiale  der sozialistischen  Gesellschaft optimal freige-
       setzt werden sollen.
       Blieben die hochentwickelten kapitalistischen Länder in den letz-
       ten drei,  vier Jahrzehnten. Hat sich hier jene offene demokrati-
       sche Gesellschaft  durchgesetzt, deren  Strukturen  in  der  Lage
       sind, kontinuierlichen  sozialen und  politischen Wandel im Sinne
       gesellschaftlichen Fortschritts  zu gewährleisten?  Oder  stellen
       sie nun gar Gesellschaften jenseits der Geschichte, also jenseits
       der Gesetze  der gesellschaftlichen Entwicklung dar, für die sich
       dann die Erörterung von Evolution und Revolution in der Tat erüb-
       rigen müßte?  Haben sie  das ihnen innewohnende Konfliktpotential
       still gestellt  und gesellschaftliche  Bewegungen und Regungen in
       das Korsett kapitalistischer Warenförmigkeit gezwungen? Haben sie
       sich in Gesellschaften ohne Klassen und ohne revolutionäre Verän-
       derungssubjekte transformiert, die den Marxismus ad absurdum füh-
       ren und  seine Grundthesen gegenstandslos machen? Ist der Revolu-
       tion in  diesen Gesellschaften im Unterschied zu früheren Stadien
       ihr Subjekt abhanden gekommen? usw. usf.
       Diese Fragen und die bejahenden Antworten sind heute der Standard
       der herrschenden  Ideologie. Daran  kann kein  Zweifel  bestehen.
       Aber sie  sind interessengebundene  Ideologie, die den Tatsachen,
       den realen  Widersprüchen und  Entwicklungstendenzen nicht  stand
       hält.  Abgesehen   von  den   Ereignissen  des   Jahres  1968  in
       Frankreich, die  Ausdruck einer vorrevolutionären Situation waren
       unter Bedingungen  eines absoluten  internationalen  Übergewichts
       der Reaktion,  kam es  in der Periode in anderen Ländern nicht zu
       vergleichbaren Erschütterungen.  Gleichwohl blieben auch dort die
       dem Kapitalismus  eigenen Antagonismen und ihre für seine staats-
       monopolistische Phase  charakteristischen Ausdrucksformen die An-
       triebsaggregate sozialer und politischer Veränderungen, die viel-
       fach eine reformbetonte Entwicklungsrichtung erzwangen.
       Mitte der  70er Jahre  kam es in der Konstellation der kapitalis-
       musweiten ökonomischen  Krise zu  strategischen  Umorientierungen
       der herrschenden Klassen, die sich dann in einer Richtung der Ge-
       genreform, der  konservativen Revolution',  wie man es in den USA
       nannte, verdichteten.  Es ist  dies die  Gegenreform von oben zur
       konservativen Bewältigung  der Krisensituation und der stärker in
       Gang gekommenen  wissenschaftlich-technischen  Revolution.  Damit
       wurden die  politischen, sozialen  und ökonomischen Umstrukturie-
       rungsprozesse des  staatsmonopolistischen  Systems  beschleunigt,
       wobei die  zunehmenden Bedingungen  der Internationalisierung ein
       in der  Rückwirkung neues Milieu dieser Veränderungen darstellen.
       Diese Prozesse  dauern bis heute an, ihr Grundtrend wurde zwar da
       und dort abgeschwächt, aber keineswegs bis jetzt gebrochen. Trotz
       sich häufender  Krisenfolgen und sozialer Gebrechen haben die von
       der Arbeiterbewegung und der Linken vertretenen Alternativen noch
       nicht  zur   veränderungsfähigen   Massenmobilisierung   geführt.
       Gleichwohl ist  diese Periode auch durch neue Bewegungen und Ver-
       änderungspotentiale gekennzeichnet, durch neue Konfliktfelder und
       Kämpfe, an  denen sich  die Perspektiven schon heute deutlich ab-
       zeichnen. In  Anbetracht  der  veränderten  Gesamtsituation  ver-
       schränken sich äußere und innere Momente weit stärker als in frü-
       heren Perioden.  Die Stunde  der globalen Probleme hat längst ge-
       schlagen, und  ihr Echo  schallt aus vielen sozialen Sektoren und
       politischen Bewegungen.
       Die Fragen  gesellschaftlicher Kontrolle  und Maßregeln und damit
       Grundprobleme der  Demokratie und einer Demokratisierung, die die
       Tabuzonen monopolkapitalistischen  Eigentums öffnen  muß,  treten
       immer mehr  in den  Vordergrund von Kämpfen und Alternativen. Das
       Monopolkapital forciert unter dem Druck der internationalen Tech-
       nologiekonkurrenz die  Modernisierung der  Produktionsapparate in
       einem ungeahnten  Maß. Das ist wahr. Aber es setzt ebenso Risiko-
       potentiale und  Destruktivkräfte in  neuen Dimensionen  frei, die
       die Existenzbedrohung  nicht mehr  nur ad hominem, sondern an der
       Gattung demonstrieren.  Ein deformierter Vergesellschaftungs- und
       Gesellschaftstyp herrscht  seine repressiven Züge mit den Mitteln
       des Computer-  und Informationszeitalters  den lebendigen Kräften
       der kapitalistischen Nationen auf. Müssen sie die bestehenden so-
       zialökonomischen und politischen Machtstrukturen brechen, um neue
       Ufer erreichen  zu können?  Wird der eingeleitete Umbruch einfach
       nur den  prinzipiellen Status  quo in  die Zukunft transportieren
       oder werden  sich die  dialektischen Entwicklungsgesetze  von Um-
       schlag und  Qualitätsveränderung mit  der Freisetzung  von Wider-
       spruchs- und  Konfliktpotentialen Geltung  verschaffen? Wie  auch
       immer die  Antworten ausfallen  mögen, die  Parole vom  Ende  des
       Zeitalters der  Revolutionen gleicht  in dieser Situation dem Ruf
       des Mannes  im dunklen Walde, der damit seine eigenen Ängste ban-
       nen will.
       Als Ludwig  XVI. 1776  in der Kathedrale von Reims angesichts der
       Symbole der  fast tausendjährigen  Feudaldynastie der  Capetinger
       seine heilige  Salbung erhielt,  dachten weder  er noch jene, die
       ihm huldigten,  daran, daß  nur 15 Jahre später ein Volksaufstand
       dieses Regime  erschüttern und  er selbst drei Jahre darauf unter
       der Guillotine  enden würde - und mit ihm das Feudalsystem. Zwei-
       fellos, Analogien  zur Gegenwart  haben ihre Grenzen und ersetzen
       keine konkrete Analyse. Aber sie machen uns für gesellschaftliche
       Umbruchperioden auf  die schnelle  Verwirklichung geschichtlicher
       Möglichkeiten aufmerksam,  wenn diese  in der  Tiefe der  gesell-
       schaftlichen Entwicklung  angelegt sind. Es gibt wenig Gründe für
       die Annahme,  daß die  Durchsetzung von  politischem und sozialem
       Fortschritt nicht auch in der Zukunft an die Freisetzung der Dia-
       lektik von Reform und Revolution gebunden sein wird. Die Entwick-
       lung der  Bundesrepublik Deutschland  wird dabei  keine  Ausnahme
       sein.
       
       _____
       1) Karl Marx,  Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW, Bd.
       3, S. 176.
       2) Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Werke, vollst. Ausgabe, Bd. IX,
       Berlin 1832-44, zit. nach: Die Französische Revolution im Spiegel
       der deutschen  Literatur, Hrg.  Claus Träger,  Berlin  /  DDR  u.
       Frankfurt/Main 1979, S. 347.
       3) Karl Marx  verwendet diesen Ausdruck für den deutschen Bauern-
       krieg von  1525 (Karl  Marx, Zur  Kritik der  Hegelschen  Rechts-
       philosophie, ME, Bd 1., S. 386
       4) Karl Marx, Friedrich Engels, Die heilige Familie, MEW Bd. 2 S.
       126.
       5) Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEW,
       Bd. 7, S. 85.
       6) Jürgen Voss in: Jürgen Voss (Hrsg.): Deutschland und die Fran-
       zösische Revolution. München 1983. S. IX ff.
       

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