Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       DER BEGRIFF "BÜRGERLICHE REVOLUTION" BEI MARX UND ENGELS
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       Domenico Losurdo
       
       Der Begriff  "bürgerliche Revolution"  ist heutzutage  Gegenstand
       einer Anfechtung,  ja sogar  einer Liquidierung, die keine Wider-
       rede zuzulassen scheint. Das Ziel dieser Polemik ist noch ehrgei-
       ziger als  das offiziell  erklärte: Nicht  nur die Geschichte der
       Französischen Revolution  soll neu  geschrieben werden, man zielt
       vielmehr darauf  ab, einen Schlüsselbegriff der Marxschen Analyse
       der modernen  Welt zu liquidieren. Unter diesem Gesichtspunkt be-
       trachtet, ist die Französische Revolution nur ein Vorwand, so wie
       vorher die  protestantische Reformation  ein Vorwand gewesen war.
       Hatte Max  Weber zu  beweisen versucht, daß der historische Mate-
       rialismus unangemessen oder untauglich sei, um die Entstehung des
       Kapitalismus zu  erklären, so zeigen jetzt Cobban, Furet etc. die
       gleiche Unangemessenheit  und Untauglichkeit  hinsichtlich  eines
       anderen entscheidenden geschichtlichen Ereignisses auf.
       Gleichzeitig wird  die Französische Revolution jeglicher sozialer
       Basis beraubt  und mit ihrem gequälten und widersprüchlichen Ver-
       lauf auf ein rein ideologisches Projekt, ja sogar auf ein ideolo-
       gisches Delirium  zurückgeführt, dessen  auffälligste Erscheinung
       der Jakobinismus gewesen sei. Auf diese Weise erreicht die Negie-
       rung der Kategorie "bürgerliche Revolution" mit einem Schlag zwei
       bedeutsame Ziele  auf politischem und kulturellem Gebiet: die Wi-
       derlegung des  historischen Materialismus  und  die  'Entmytholo-
       gisierung' der demokratisch-jakobinischen Tradition.
       Warum wäre  die  Kategorie  "bürgerliche  Revolution"  unhaltbar?
       Zunächst scheint die Zielscheibe dieser Revolution sich in nichts
       aufzulösen. Im  Jahre 1789  war der Adel alles andere als monoli-
       thisch: Darauf  weist Furet  hin, der sich auf Tocqueville beruft
       1). Das ist aber in Wirklichkeit ein wesentliches Element der Re-
       volutionstheorie bei  Marx. Bemerkt  das Manifest der kommunisti-
       schen Partei:  "In Zeiten  endlich, wo  der Klassenkampf sich der
       Entscheidung nähert,  nimmt der  Auflösungsprozeß  innerhalb  der
       herrschenden Klasse,  innerhalb der  ganzen  alten  Gesellschaft,
       einen so  heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil
       der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolu-
       tionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ih-
       ren Händen  trägt. Wie  daher früher ein Teil des Adels zur Bour-
       geoisie überging  (...)" 2).  Man sollte  sich davor  hüten, Marx
       eine doktrinäre,  mechanistische Auffassung  von der bürgerlichen
       Revolution zuzuschreiben, nur um ihn besser widerlegen zu können.
       Im Verlauf  der großen Revolutionen gelingt es der revolutionären
       Klasse, nicht  unerhebliche Sektoren  der herrschenden Klasse auf
       ihre Seite  zu ziehen,  und das  nicht nur dank objektiver sozio-
       ökonomischer Prozesse,  sondern auch aufgrund der kulturellen He-
       gemonie, die auszuüben sie in der Lage ist.
       Am Vorabend  der Französischen  Revolution sind  die Widersprüche
       innerhalb der  herrschenden Klasse  komplex und vielfältiger Art:
       Ein Teil des Adels stellt sich bekanntlich an die Seite der Bour-
       geoisie; man  darf jedoch auch nicht den Kampf der Parlamente ge-
       gen den  monarchischen Absolutismus  vergessen, der mit der reak-
       tionären Hoffnung  unternommen wurde,  der Aristokratie von neuem
       eine Rolle  und ein  Prestige  zu  verleihen.  Der  "Revolte  der
       Stände" widmen  Furet und Richet viele Seiten, und sie heben her-
       vor, daß  "die Offensive gegen das absolutistische Regime von ei-
       ner der  charakteristischsten Institutionen des Ancien régime un-
       terstützt werde"  3). Und  von neuem  scheint die Frage aufzutau-
       chen: Wo ist denn dann die bürgerliche Revolution? Aber auch die-
       ses Thema  findet sich  ausführlich bei  Marx, der den "konserva-
       tiven" Anfang  der Französischen  Revolution mit dem Ansprach der
       Parlamente  erklärt,  gegen  die  "Neuerang",  die  die  absolute
       Monarchie darstellte,  "die alten Gesetze, die us et coutumes der
       alten ständischen Monarchie" zu verteidigen und zu behaupten 4).
       Angesichts der  heute weit verbreiteten These, wonach die Katego-
       rie "bürgerliche  Revolution" bloß  ein "vom ideologischen marxi-
       stisch-leninistischen Credo" aufgezwungener "Mythos" sei 5), wer-
       den wir  hier versuchen, diese Kategorie zu rekonstruieren, indem
       wir gewiß  Marx und  Engels folgen, aber auch Autoren wie Tocque-
       ville heranziehen, die die Geschichtsschreibung à la Furet in ge-
       nau entgegengesetzter Richtung zu verwerten versucht.
       Schon bei Marx finden wir die später von Lenin weiter ausgearbei-
       tete These  vor, wonach der Erfolg einer Revolution die Verschär-
       fung der  Widersprüche innerhalb  der herrschenden  Klasse selbst
       voraussetzt. Immer  im   M a n i f e s t   können wir lesen: "Die
       Kollisionen der  alten Gesellschaft  überhaupt fördern mannigfach
       den Entwicklungsgang  des Proletariats"  6). Es  geht hier um die
       proletarische Revolution,  aber die Erfahrung und das Modell, das
       man sich  hierbei vor  Augen hält, sind die von der Französischen
       Revolution gelieferten.
       Folgendermaßen beschreibt Tocqueville die Situation in Frankreich
       am Vorabend  von 1789:  "Endlich schien es, als hätten das Parla-
       ment und  der König  die Rollen  unter sich verteilt, um das Volk
       schneller und  bequemer zu  belehren. Der  eine übernahm die Auf-
       gabe, ihm  die Laster  der Monarchie  beizubringen und das andere
       die Verbrechen der Aristokratie". Auf diese Weise trag alles dazu
       bei, "den  Armen gegen den Reichen, den Unterprivilegierten gegen
       den Privilegierten  aufzulehnen" 7).  Die Revolte  der Parlamente
       wird hier  nicht -  wie in  einer gewissen  zeitgenössischen  Ge-
       schichtsschreibung -  dazu herangezogen,  um den Klassencharakter
       der Französischen Revolution abzuleugnen; die Widersprüche inner-
       halb des  Ancien régime  beschleunigen den "Klassenkrieg" (guerre
       des classes),  der dann  noch genauer  beschrieben wird.  Auf der
       einen Seite  haben wir  den "Reichen",  den "Privilegierten", den
       "Adeligen", der  die Zielscheibe der Revolution bildet. Eindeutig
       bezieht sich  hier Tocqueville  in erster  Linie  auf  den  Adel:
       "reich" steht  hier für  "adelig" und  "privilegiert", denn nicht
       umsonst wird  die "Bourgeoisie"  als die "Mittelklasse" definiert
       8). Auf der anderen Seite der Barrikade befindet sich der "Arme",
       der "Unterprivilegierte",  der "Bourgeois",  mit einem  Wort, das
       "Volk". Auch darin stimmt die Tocquevillesche Analyse mit der von
       Marx überein,  der in  der Deutschen  Ideologie erklärt,  daß die
       Bourgeoisie in  der Anfangsphase der Revolution gewissermaßen die
       allgemeine Klasse sei, die eine reale Allgemeinheit ausdrücke. 9)
       Der Tocqueville,  auf den  Furet sich  beruft, ist  der  liberale
       Theoretiker, der  Kritiker des "revolutionären Katechismus"; Tat-
       sache ist  jedoch, daß Tocqueville - zumindest in den Vorarbeiten
       zu L'Ancien  régime et  la Révolution  - zu einer Darstellung der
       Französischen Revolution  gelangt, die  sich nicht  sehr von  der
       Marxschen unterscheidet,  als einer Revolution, die von der Bour-
       geoisie angeführt  wird und  die den Adel zur Zielscheibe hat. Es
       stimmt, zu  Anfang ist  "das wahre  Gesicht der  Revolution"  wie
       "verschleiert" 10); "keine Spur von Klassenkrieg in dieser ersten
       Phase des  Kampfes. Eine  einzige Leidenschaft,  eine  gemeinsame
       Leidenschaft schürt  den ersten  Oppositionsgeist" 11); in dieser
       Phase "ähnelt die Sprache des Adels vollkommen derjenigen der an-
       deren Klassen (...)" 12).
       Damit taucht ein weiteres Element auf, dessen man sich heutzutage
       bedient, um  den Begriff 'bürgerliche Revolution' zu leugnen: Was
       für einen  Sinn hat  es, an diesem Begriff festzuhalten, wenn man
       auf ideologischer Ebene einer Fusion der beiden Klassen beiwohnt,
       die Antagonisten sein sollten? Schon auf ideologischer Ebene ver-
       flüchtigt sich der Klassenkampf zwischen Adel und Bourgeoisie. Am
       Vorabend des  Jahres 1789  besuchen nach  Riebet "Bürgerliche und
       Adelige (...)  dieselben Internate, erhalten dieselbe rhetorische
       Bildung, lesen  dieselben Werke,  darunter die  Encyclopédie. Die
       verschiedenen 'wohlhabenden'  sozialen Gruppen  frequentieren die
       gleichen Salone, die gleichen Akademien, sogar die gleichen Frei-
       maurerlogen; manchmal verteidigen sie die gleichen Werte und zwar
       den politischen  Liberalismus; sie benutzen dieselbe, die aufklä-
       rerische Sprache". In Wirklichkeit ist diese Gleichartigkeit mehr
       dem Schein  nach als  wirklich vorhanden. Zunächst einmal drücken
       die 'liberalen'  Parolen, d.h.  die gegen  die absolute Monarchie
       gerichteten, unterschiedliche und einander entgegengesetzte poli-
       tisch-soziale Wirklichkeiten  aus. Sowohl die Agitation der Nota-
       bein und  die parlamentarische Revolte als auch die wachsende Un-
       duldsamkeit gegen  das Adelsprivileg, das gerade in den Parlamen-
       ten die Vorhut seiner Verteidigung angesiedelt hatte, führten das
       Schlagwort 'liberal' auf dem Schild 13).
       In dem  Maße, in  dem diese Gleichartigkeit der Wirklichkeit ent-
       spricht, ist sie keineswegs ein Zeichen für einen Mangel an ideo-
       logischem Kampf,  sondern dafür,  daß der  Verlauf dieses Kampfes
       ganz ungünstig  für den Adel ist. Noch einmal können wir auf Toc-
       queville zurückgreifen,  der im Jahre 1854 das religiöse Erwachen
       in jenen  Jahren der  vor 1789  bestehenden  Lage  entgegensetzt:
       "Nicht so  am Ende des ancien régime. So sehr hatten wir die Pra-
       xis der großen menschlichen Interessen verloren und so wenig wuß-
       ten wir von der Bedeutung, die die Religion für die Regierung der
       Reiche hat,  daß die Ungläubigkeit sich als Prinzip im Geist der-
       jenigen festsetzte,  die gerade  das persönlichste und größte In-
       teresse an  der Aufrechterhaltung der Ordnung im Staat und am Ge-
       horsam des  Volkes hatten.  Sie übernahmen sie nicht nur, sondern
       verbreiteten sie  sogar noch - in ihrer Verblendung - unter sich;
       sie machten  aus der  Gottlosigkeit eine Art Zeitvertreib für ihr
       müßiges Leben" 14). Das bedeutet, daß der französische Adel, nun-
       mehr ohne  politische Erfahrung  und Funktionen,  sich nicht  so-
       gleich über  die politische  Dimension der  im Gang  befindlichen
       ideologischen Debatte  im klaren  ist, und nicht unmittelbar ver-
       steht, was auf dem Spiel steht, sondern daß er gezwungen ist, die
       Initiative und die kulturelle Hegemonie der Bourgeoisie zu erlei-
       den. Nur  mühsam gelingt  es dem  Adel, sich  auf dem  Gebiet des
       ideologischen Kampfes  zu organisieren:  "Der alte  Adel, der vor
       dem 89iger Jahr die am wenigsten religiöse Klasse war, wurde nach
       1793 die eifrigste; als erste angegriffen, bekehrte sie sich auch
       als erste".
       Aber auch  vor der  Revolution herrschte keine wirkliche Einstim-
       migkeit: "Diejenigen,  die das  Christentum  verneinten,  erhoben
       ihre Stimme  und diejenigen,  die noch  daran glaubten, schwiegen
       (...) Die Menschen, die noch am alten Glauben festhielten, fürch-
       teten, allein  zu sein, und die Isolierung mehr noch als den Irr-
       tum fürchtend,  vereinigten sie sich mit der Masse, auch wenn sie
       nicht wie  diese dachten.  Aus diesem  Grund erschien das als die
       Meinung aller,  was in  Wirklichkeit  nur  ein  Teil  der  Nation
       fühlte" 15).
       Durch eine  aufmerksame Analyse  ist es  möglich, den  von Richet
       propagierten ideologisch  homogenen Block  vollkommen aufzulösen,
       der ihm dazu dient, den Begriff Bürgerliche Revolution' zu negie-
       ren: In Wirklichkeit haben wir eine im Angriff befindliche Klasse
       vor uns,  und eine andere, die die Initiative erleidet; innerhalb
       des Adels  finden wir  Elemente, die in gewisser Hinsicht von der
       allgemeinen Strömung  mitgerissen worden  sind  und  andere,  die
       gerne Widerstand leisten würden. Außerdem gibt es Adelige, die im
       wahren Sinn  des Wortes  von einer  Klasse zur anderen übergehen,
       worauf das  Manifest hinweist. Es ist eine allgemeine Regel - er-
       klärt Marx  an anderer  Stelle -,  daß "einzelne Individuen nicht
       'immer' durch die Klasse bestimmt werden, der sie angehören" 16).
       Interessant ist in diesem Zusammenhang Sieyès Beobachtung, der in
       seinem berühmten  revolutionären Manifest  schreibt: "Es muß her-
       vorgehoben werden, daß die Sache des dritten Standes mit größerem
       Eifer von Schriftstellern des Klerus und des Adels vorangetrieben
       wurde, als  von den Unterprivilegierten selbst. In dieser Furcht-
       samkeit des  dritten Standes  macht sich die Gewohnheit an Furcht
       und Schweigen  bemerkbar, die  für den Unterdrückten typisch ist,
       sie ist  ein weiterer  Beweis für die Wirklichkeit der Unterdrüc-
       kung (...). Ich bin keineswegs verwundert darüber, daß die ersten
       Verteidiger der  Gerechtigkeit und  der Menschheit aus den beiden
       privilegierten Ständen  stammen. Tatsächlich  zeigt sich, was die
       öffentliche Moral  anbetrifft, die Aufklärung zuerst bei Männern,
       die sich  in der besten Lage befinden, um die großen sozialen Be-
       ziehungen zu  verstehen" 17). Aus zwei Gründen ist das eine Beob-
       achtung von großer Bedeutung: 1) Die aktive Teilnahme von Elemen-
       ten aus  dem Adel  an der Anfechtung des Ancien régime trübt kei-
       neswegs das  Bewußtsein Sieyès'  über die  Tatsache, daß  es sich
       doch immer  um die  Revolution des  dritten Standes  handelt;  2)
       Sieyès unterstreicht  den verwickelten Prozeß, durch den es einer
       revolutionären Klasse  gelingt, ihre  organischen Intellektuellen
       herauszubilden. Unter  diesem Gesichtspunkt kann die hier wieder-
       gegebene Beobachtung  mit dem  in Verbindung gebracht werden, was
       wir bei Gramsci lesen: Das Proletariat findet Intellektuelle, in-
       dem es  sie aus anderen sozialen Klassen anzieht, bevor es in der
       Lage ist, Intellektuelle in den eigenen Reihen herauszubilden.
       Natürlich darf  man die  Lage des  Proletariats nicht einfach mit
       der der  Bourgeoisie gleichsetzen: Es ist ganz klar, daß das Pro-
       letariat bei  der Formierung organischer Intellektueller auf grö-
       ßere Schwierigkeiten  stößt. Dennoch ist Sieyes Behauptung bedeu-
       tend, wenn  man sie  mit  gewisser  zeitgenössischer  Geschichts-
       schreibung konfrontiert, die den Begriff bürgerliche 'Revolution'
       letzten Endes  deshalb ablehnt,  weil sie den komplexen Marxschen
       Begriff der sozialen Klasse nicht erfaßt: Die soziale Klasse wird
       ganz willkürlich  zu einer  statischen Wirklichkeit  ohne  innere
       Verzweigungen und  Widersprüche verflacht;  vor allem ist sie ein
       für allemal  gebildet und  ohne Wechselbeziehungen  der verschie-
       denen Klassen untereinander.
       Daher rührt  auch das Unverständnis für die Rolle der Intellektu-
       ellen. Wir  haben schon  darauf hingewiesen,  daß für Tocqueville
       die aufklärerischen  Intellektuellen Feinde  des Adels  sind, und
       dennoch ist der Adel lange Zeit tief von ihnen beeinflußt worden.
       Aber was  für eine Beziehung besteht zwischen den Intellektuellen
       und der  "Bourgeoisie und  dem Volk",  die Tocqueville  gegen den
       Adel und  gegen das Ancien régime gerichtet sieht? 18) Damit kom-
       men wir  zu einem  weiteren Kernpunkt der Anfechtung des Begriffs
       Bürgerliche Revolution':  In der verfassunggebenden Versammlung -
       bemerkt Cobban  - sind  die Händler,  die Fabrikanten und die Fi-
       nanzleute", und d.h. die wahrhaft repräsentativen Figuren der in-
       dustriell-kapitalistischen Bourgeoisie nur durch 13% der Abgeord-
       neten vertreten  19). Gerade dieser Einwand sagt uns schon alles:
       Über die Französische Revolution hinaus steht die Analyse der Ge-
       sellschaft als  Ganzes zur  Debatte. Sollen wir etwa das Gewicht,
       das die  kapitalistische Bourgeoisie  in Italien (oder in anderen
       Ländern) hat, an der Zahl der Kapitalisten ablesen, die direkt im
       Parlament sitzen? Ist vielleicht der Einfluß der FIAT auf das po-
       litische  Leben   Italiens  geringer  geworden,  seitdem  Umberto
       Agnelli sich  dafür entschieden hat, auf seinen Sitz im Senat der
       Republik zu  verzichten? Der Einwurf Cobbans trägt offensichtlich
       nicht der  Marxschen Analyse  der  Arbeitsteilung  innerhalb  der
       Bourgeoisie, zwischen direkt im wirtschaftlichen Bereich Beschäf-
       tigten und  "ideologischen Ständen"  Rechnung 20),  denen - um es
       mit Gramsci  zu sagen  - "die  ökonomische Hauptgruppe" "die Aus-
       übung der  subalternen Funktionen  der sozialen Hegemonie und der
       politischen Regierung" überträgt 21).
       Diese Arbeitsteilung ist historisch bedingt, und das will heißen,
       daß sie sich auf nationalem Gebiet und mit besonderen Kennzeichen
       herausbildet. Die  Besonderheit Frankreichs  wird gut von Tocque-
       ville erfaßt, der die Situation am Vorabend von 1789 folgenderma-
       ßen beschreibt:  , Jede  politische Leidenschaft  verkleidet sich
       als Philosophie; das politische Leben wurde gewaltsam auf die Li-
       teratur verlegt,  und die Schriftsteller, die sich dazu anschick-
       ten, die  öffentliche Meinung  zu leiten, befanden sich plötzlich
       auf einem  Posten, der  gewöhnlich den  Parteivorständen  in  den
       freien Ländern  reserviert bleibt" 22). "Die Schriftsteller waren
       die wirklichen  Anführer der großen Partei geworden, die alle so-
       zialen und politischen Institutionen des Landes umstürzen wollte"
       23).
       Das will  heißen, daß  die Intellektuellen  bei der ideologischen
       Vorbereitung und  im Prozeß der Radikalisierung der Französischen
       Revolution eine  besondere Rolle  spielten. Aber  nicht alles er-
       klärt sich mit dem Ungestüm des homo ideologicus, von dem heutzu-
       tage einige Ideologen sprechen. Bei Tocqueville finden wir inter-
       essante Anhaltspunkte einer konkreten politisch-sozialen Analyse,
       um die Besonderheit der Französischen Revolution zu erklären:
       Angesichts der vom monarchischen Absolutismus hervorgerufenen po-
       litischen Leere  ist der  Adel anfangs nicht in der Lage, politi-
       schen und  ideologischen Widerstand  gegen die revolutionäre Woge
       zu leisten;  selbst was die buntgemischte revolutionäre Front an-
       betrifft, sind es die Intellektuellen, die eine gewisse Zeit lang
       die Hegemonie innerhalb der gegen den Adel gerichteten Front aus-
       üben, da  die Unternehmer-Bourgeoisie  nicht die Möglichkeit hat,
       politische Erfahrungen zu sammeln.
       Auch in  diesem Fall  steht der  Tocquevillesche Hinweis nicht im
       Gegensatz zu  dem von  Marx formulierten.  Die deutsche Ideologie
       hebt hervor, daß unter gewissen Umständen die Arbeitsteilung zwi-
       schen den  ideologischen Ständen und der Unternehmer-Fraktion der
       Bourgeoisie nicht  nur eine  "Spaltung" mit  sich bringt, sondern
       eine Spaltung,  die "sich sogar zu einer gewissen Entgegensetzung
       und Feindschaft  beider Teile entwickeln" kann 24). Besonders in-
       teressant ist die Marxsche Analyse der Zeitepoche, die in Preußen
       dem Ausbruch  der 48er  Revolution vorangeht:  "Die  Bourgeoisie,
       noch zu  schwach, sich  auf aktive  Schritte einzulassen,  fühlte
       sich genötigt,  hinter der  theoretischen Armee  einherzutrotten,
       die von Hegels Schülern gegen die Religion, die Ideen und die Po-
       litik der  alten Welt  geführt wurde.  In keiner früheren Periode
       war die  philosophische Kritik so kühn, so machtvoll und so popu-
       lär wie  in den  ersten acht Jahren der Herrschaft Friedrich Wil-
       helm IV.  (...) Die Philosophie verdankte ihre Macht während die-
       ser Periode  ausschließlich der  praktischen Schwäche  der  Bour-
       geoisie; da  die Bourgeois  die veralteten Institutionen nicht in
       Wirklichkeit zu stürmen vermochten, mußten sie den kühnen Ideali-
       sten, die  auf dem  Gebiet des  Gedankens dagegen anstürmten, den
       Vorrang überlassen" 25). Diese Betrachtungen werden noch interes-
       santer, wenn  wir uns  den Vergleich vor Augen halten, den Engels
       zwischen Frankreich  und Deutschland anstellt: "Wie in Frankreich
       im achtzehnten,  so leitete  auch in  Deutschland im  neunzehnten
       Jahrhundert die  philosophische Revolution den politischen Zusam-
       menbruch ein" 26).
       Es gelingt  der Bourgeoisie  sowohl Frankreichs als auch Deutsch-
       lands erst mit beträchtlicher Verspätung, im Vergleich zu England
       und zu  Amerika, eigene organische Intellektuelle herauszubilden.
       Das ist  den liberalen  oder liberal-konservativen  Kritikern der
       Französischen Revolution,  von Burke bis hin zu Tocqueville nicht
       entgangen, bei  denen wir den Keim zu einer vergleichenden sozio-
       logischen Analyse  der Intelligenz  in den  verschiedenen hier in
       Frage stehenden  Ländern vorfinden können: In diesem Zusammenhang
       werden die  Aufklärer und  die Protagonisten  des  revolutionären
       Prozesses in  Frankreich als  "abstrakte"  Intellektuelle  kriti-
       siert, die  keine organischen  Verbindungen  zu  den  besitzenden
       Klassen unterhalten.  War im  England der Glorious Revolution der
       Besitzer-Intellektuelle eine  zentrale Figur  (man denke  nur  an
       Locke und  Hume), dann taucht in Frankreich eine neue soziale Fi-
       gur auf,  die Burke  mit unerbittlichem,  aber zur  gleichen Zeit
       eindeutig klarem  Haß als die Bleistiftbettler, gueux plumées 27)
       bezeichnet.  Sicherlich   denkt  Marx   an  Frankreich,  wenn  er
       schreibt, daß die Bourgeoisie nur im Verlauf eines Prozesses all-
       mählicher Entwicklung  dahin gelange,  "alle  mehr  oder  weniger
       ideologischen Stände" zu absorbieren 28).
       Die besonderen  Charakteristiken der  intellektuellen und politi-
       schen Stände  im revolutionären  Frankreich führen  uns direkt zu
       dem Problem,  das Furet und Richet als dérapement, als Schlittern
       der Revolution bezeichnet haben. Wird einerseits der Begriff Bür-
       gerliche Revolution'  angefochten, weil  der revolutionäre  Kampf
       sein Ziel verloren zu haben scheint, so wird er andererseits des-
       halb in  Abrede gestellt,  weil der revolutionäre Kampf weit über
       die Ansprüche  und Anforderungen  der  Bourgeoisie  hinauszugehen
       scheint.
       Selbst wenn man vom Radikalismus der intellektuellen Kreise abse-
       hen wollte,  wie wäre  es möglich,  den Druck der Volksmassen mit
       ihren oft  für die  Bourgeoisie nicht  annehmbaren Forderungen zu
       übersehen? Diesbezüglich ist vor allem die Marxsche Erklärung be-
       rühmt, wonach  "d e r  g a n z e  F r a n z ö s i s c h e  T e r-
       r o r i s m u s...   nichts als eine  p l e b e j i s c h e  M a-
       n i e r   [war], mit  den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutis-
       mus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum, fertigzuwerden" 29).
       Diese Erklärung wird im allgemeinen verstümmelt wiedergegeben, so
       wie auch  wir dies  zunächst tun.  Es scheint  also so, als ob es
       innerhalb der  revolutionären Bewegung  keinen Widerspruch  gäbe,
       und als  ob  die  Bourgeoisie  ihr  einziges  und  unbestrittenes
       Subjekt wäre,  ein Subjekt,  das sich der plebejischen Massen nur
       als Instrument bediente. Unmittelbar vorher können wir jedoch le-
       sen: "Das   P r o l e t a r i a t   und  die   n i c h t    d e r
       B o u r g e o i s i e   a n g e h a n g e n   F r a k t i o n e n
       d e s   B ü r g e r t u m s",   wo sie "der Bourgeoisie entgegen-
       treten, wie  zum Beispiel  1793 bis  1794 in  Frankreich, kämpfen
       [...] nur  für die  Durchsetzung der  Interessen der Bourgeoisie,
       wenn auch  nicht   i n   d e r   W e i s e  der Bourgeoisie" 30).
       Hier tritt  der Widerspruch klar zutage: Während des Terrors woh-
       nen wir  einem Zusammenstoß  zwischen Großbourgeoisie  einerseits
       und Kleinbürgertum  und Volksmassen andererseits bei, aber dieser
       Zusammenstoß hat  auf den  ersten Blick paradox erscheinende Cha-
       rakteristika: Am  energischsten werden  die Interessen  der Bour-
       geoisie nicht  von der  Bourgeoisie selbst  verteidigt,  die  auf
       Grund ihres  "Spießbürgertums"  wie  gelähmt  und  behindert  er-
       scheint, sondern  von sozialen  Schichten, die im Kampf gegen das
       Ancien régime  Energie und  Opfergeist an  den Tag legen, soziale
       Schichten, die  sich mit  den Zögerungen und der Kompromißtendenz
       der Bourgeoisie  im eigentlichen  Sinn auseinandersetzen  müssen,
       weil sie  den festen  Willen haben, den revolutionären Prozeß bis
       zum Ende durchzuführen. Letzten Endes kämpfen jedoch diese Volks-
       schichten energischer für die Ziele der Bourgeoisie als die Bour-
       geoisie selbst,  weil sie  nicht in  der Lage sind oder nicht die
       Möglichkeit haben,  ein selbständiges  Programm aufzustellen. Be-
       zeichnet man  die Französische Revolution als die bürgerliche Re-
       volution, dann  gibt man  - vom Marx-Engelsschen Standpunkt aus -
       eine richtige,  aber unvollständige  Definition.  Genauer  gesagt
       handelt es  sich um eine bürgerliche Revolution, die von den Ple-
       bejern zu Ende geführt wurde, und die trotz des Widerstrebens und
       manchmal sogar  trotz des Widerstands der Bourgeoisie zu Ende ge-
       führt wurde.
       Aber nicht  nur die Energie, mit der die Widerstände und die Hin-
       dernisse hinweggefegt  werden, sind plebejisch bei dieser bürger-
       lichen Revolution.  Es stimmt, die plebejischen Massen unterstüt-
       zen die  Revolution und führen sie zu Ende, aber - bemerkt Engels
       - das  ging nicht,  "ohne daß  diese Plebejer  den revolutionären
       Forderungen der Bourgeoisie einen Sinn unterlegten, den sie nicht
       hatten, die  Gleichheit und Brüderlichkeit zu extremen Konsequen-
       zen poussierten,  die den bürgerlichen Sinn dieser Stichworte to-
       tal auf  den Kopf stellten, weil dieser Sinn, aufs Extrem getrie-
       ben, eben in sein Gegenteil umschlug" 31).
       Wir können  also festhalten:  1) Die  bürgerliche Revolution wird
       von den  Plebejern gegen  das Spießbürgertum  und die Tendenz zur
       Akkomodation der Bourgeoisie zu Ende geführt; 2) die plebejischen
       Massen zeigen  Heldentum und  Opfergeist, weil sie hoffen, eigene
       Ziele und Forderungen verwirklichen zu können.
       Die Analyse  der Französischen  Revolution, die  eine gewisse Ge-
       schichtsschreibung unter  'antikapitalistischem' Vorzeichen  vor-
       nimmt, nur  um den  Begriff 'bürgerliche Revolution' zu liquidie-
       ren, glaubt zu Unrecht, die Marx-Engelssche Lesart zu widerlegen;
       denn Marx und Engels sind sich vollkommen bewußt darüber, daß der
       revolutionäre Prozeß  zeitweise mit gegen die Bourgeoisie gerich-
       teten Motiven  aufgeladen ist.  Dieser Prozeß nimmt jedoch, trotz
       seines verwickelten  und  widersprüchlichen  Verlaufs,  klar  und
       deutlich einen  bürgerlichen Ausgang:  "Daß diese    p l e b e j-
       i s c h e   Gleichheit und  Brüderlichkeit ein  reiner Traum sein
       mußte" -  es ist immer Engels, der hier spricht - "zu einer Zeit,
       wo es  sich darum  handelte, das   g r a d e    G e g e n t e i l
       herzustellen, und  daß wie  immer - Ironie der Geschichte - diese
       p l e b e j i s c h e   Fassung der revolutionären Stichworte der
       mächtigste Hebel  wurde, dieses  Gegenteil -  die    b ü r g e r-
       l i c h e   Gleichheit - vor dem Gesetz - und Brüderlichkeit - in
       der Exploitation - durchzusetzen" 32).
       Das ist aber nur das Endergebnis; ansonsten ist der revolutionäre
       Prozeß äußerst  komplex und  widersprüchlich. Seinen  Ausgang von
       der englischen Revolution nehmend, stellt Engels eine Beobachtung
       allgemeinen Charakters  an: "Damit  selbst nur diejenigen Sieges-
       früchte vom  Bürgertum eingeheimst  wurden, die  damals erntereif
       waren, war  es nötig,  daß die Revolution bedeutend über das Ziel
       hinausgeführt wurde.  Ganz wie  1793 in  Frankreich und  1848  in
       Deutschland. Es  scheint dies in der Tat eins der Entwicklungsge-
       setze der  bürgerlichen Gesellschaft  zu sein"  33). Wie kann man
       dann also  die Französische  Revolution ausgehend  von dem Wider-
       spruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften er-
       klären? Gerade  auf diesen  Punkt haben sich die Kritiken und die
       Anfechtung des Begriffs 'bürgerliche Revolution' bei Marx und En-
       gels konzentriert.  Als Beispiel  für alle  geben wir  Richet das
       Wort: "Die  Französische Revolution von 1789 auf die Marxsche Re-
       volutionstheorie einzuengen - einer der schwächsten und am wenig-
       sten folgerichtigen  Aspekte des  gigantischen Werks  von Marx  -
       scheint uns  unter zweifachem  Gesichtspunkt unmöglich.  Bis  zum
       Ende des  18. Jahrhunderts  gab es  keinen so großartigen Antrieb
       der Produktivkräfte,  daß er  mit Gewalt neue Produktionsverhält-
       nisse an  die Stelle  der 'alten'  Produktionsverhältnisse  hätte
       aufzwingen können"  34). Und wo gab es, im übrigen, noch den Feu-
       dalismus? In Antwort auf diese Kritiken hat man von marxistischer
       Seite aus auf den noch feudalen Charakteristika der französischen
       Gesellschaft am Ende des Ancien régime bestanden.
       Vielleicht ist diese Debatte jedoch von einem Mißverständnis ver-
       fälscht, von  einem Mißverständnis,  was die Marx- und Engelssche
       Auffassung von  der Revolution  anbetrifft. Sinnvoll ist es hier,
       das   V o r w o r t   zu   Z u r   K r i t i k   d e r   P o l i-
       t i s c h e n   Ö k o n o m i e  noch einmal zu lesen: "Auf einer
       gewissen  Stufe   ihrer  Entwicklung   geraten  die   materiellen
       Produktivkräfte der  Gesellschaft in  Widerspruch  mit  den  vor-
       handenen Produktionsverhältnissen  oder, was nur ein juristischer
       Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb de-
       ren sie  sich bisher  bewegt hatten.  Aus Entwicklungsformen  der
       Produktivkräfte schlagen  diese Verhältnisse in Fesseln derselben
       um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein". Festzu-
       halten ist hier, daß man von "einer Epoche sozialer Revolutionen"
       spricht und nicht von einer einzelnen Revolution. Der Widerspruch
       zwischen Produktionsverhältnissen  und Produktivkräften  bestimmt
       das allgemeine  Bild einer  geschichtlichen Epoche; will man aber
       innerhalb dieser  Epoche den  Ausbruch und  die Dynamik einer be-
       stimmten Revolution  erklären, dann muß man Faktoren einbeziehen,
       die nicht  bloß ökonomischer  Natur sind,  dann muß  man zu einer
       Analyse auf nationalem Gebiet übergehen. Aus diesem Grund scheint
       uns die heute im Gang befindliche Diskussion zwischen denjenigen,
       die den  bürgerlichen Charakter  der Französischen Revolution ne-
       gieren, und  denjenigen, die  ihn behaupten,  fehl am  Platze  zu
       sein: Denn  dies geschieht  nur auf  der Grundlage  der Negierung
       oder der  Behauptung der Existenz eines Widerspruchs zwischen den
       Produktionsverhältnissen und  den Produktivkräften, die sich aus-
       schließlich auf Frankreich beziehen.
       Marx nimmt  das Problem anders in Angriff. Die Verweisung auf den
       objektiven Widerspruch  zwischen Produktionskräften und Produkti-
       onsverhältnissen ist wesentlich, um der idealistischen Überbewer-
       tung der  Kreativität des  Subjekts und  der Theorie  ein Ende zu
       setzen. Um  es mit der Deutschen Ideologie zu sagen: "Aber selbst
       wenn diese  Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. in Wider-
       spruch mit den bestehenden Verhältnissen treten, so kann dies nur
       dadurch geschehen,  daß die  bestehenden gesellschaftlichen  Ver-
       hältnisse mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch ge-
       treten sind"  35). Aber dieser Widerspruch gilt vor allem auf in-
       ternationaler Ebene  und für eine geschichtliche Epoche insgesamt
       betrachtet, denn  folgendermaßen  fährt  Die  Deutsche  Ideologie
       gleich darauf  fort: "... was übrigens in einem bestimmten natio-
       nalen Kreise  von Verhältnissen  auch dadurch geschehen kann, daß
       der Widerspruch  nicht in diesem nationalen Umkreis, sondern zwi-
       schen diesem nationalen Bewußtsein und der Praxis der anderen Na-
       tionen, d.h.  zwischen dem  nationalen und allgemeinen Bewußtsein
       einer Nation sich einstellt" 36).
       Im Bereich des Widerspruchs zwischen Produktionsverhältnissen und
       Produktionskräften, der  auf internationaler Ebene eine ganze ge-
       schichtliche Epoche  charakterisiert, entwickeln sich die einzel-
       nen Revolutionen mit jeweils besonderen Charakteristika und immer
       auf einem  besonderen nationalen  Terrain. Aus  diesem Grund kann
       Engels die  Reformation und  den Bauernkrieg  als frühbürgerliche
       Revolution interpretieren.  Noch bedeutsamer  ist allerdings, daß
       Engels den  Beginn der  bürgerlichen Revolution in Preußen in den
       Jahren 1807-1813 ansiedelt, d.h. in den Reformen, die unmittelbar
       auf die  Niederlage bei  Jena folgten 37). Man muß sich vergegen-
       wärtigen, daß  es sich hier nicht um das Reich Westfalen handelt,
       dessen Thron  Jérôme Bonaparte  bestiegen hatte,  dem der Kaiser-
       Bruder aus  Paris per  Brief eine  neue Verfassung übersandte 38)
       (in diesem  Fall haben wir es mit einer vom französischen und na-
       poleonischen Heer  exportierten bürgerlichen  Revolution zu tun).
       Preußen war  es dagegen, trotz großer territorialer Amputationen,
       gelungen, die  Unabhängigkeit zu  bewahren, und  es bereitete die
       anti-napoleonische Erhebung  vor: Und Engels sieht den Anfang der
       bürgerlichen Revolution gerade im nationalen Unabhängigkeitskrieg
       (und in  den Reformen,  die ihn vorbereiten), der vom Preußen der
       Hohenzollern nicht nur gegen ein bürgerliches Land geführt wurde,
       sondern gegen ein Land, das Protagonist der Großen Revolution ge-
       wesen war.
       Zur Bestätigung  der Tatsache, daß der Marxsche Ansatz keineswegs
       schematisch ist,  empfiehlt es  sich, noch  einmal  das  Manifest
       heranzuziehen: "Auf  Deutschland  richten  die  Kommunisten  ihre
       Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerli-
       chen Revolution  steht und  weil es diese Umwälzung unter fortge-
       schritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt
       und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als
       England im  17. und  Frankreich im  18. Jahrhundert, die deutsche
       bürgerliche Revolution  also nur  das unmittelbare Vorspiel einer
       proletarischen Revolution sein kann" 39).
       Es geht  hier um  die proletarische  und nicht um die bürgerliche
       Revolution. Und  dennoch können wir Betrachtungen allgemeiner Art
       anstellen. Marx  und Engels erwarten die proletarische Revolution
       in Deutschland  nicht deshalb, weil hier der Widerspruch zwischen
       bürgerlichen Produktionsverhältnissen und neuen produktiven Kräf-
       ten zur  Reife gelangt  wäre. Dieser  Widerspruch tritt schon auf
       internationaler Ebene  zutage, aber  es ist nicht so, als wäre er
       in Deutschland besonders akut. Wiederum erfordert die Analyse ei-
       nes konkreten  revolutionären Prozesses  einen  nationalen  Über-
       blick, der  außerdem eine ganze Reihe von kulturellen und politi-
       schen Faktoren  in Betracht  zieht, die nicht unmittelbar von der
       Konfiguration der Produktionsverhältnisse und vom Niveau der Pro-
       duktivkräfte innerhalb  eines jeden  einzelnen Landes  abgeleitet
       werden können.
       Im übrigen  wird die  mechanistische Theorie  der Produktivkräfte
       von Engels ausdrücklich unter Bezugnahme auf die Französische Re-
       volution kritisiert. Es handelt sich um einen Text, den wir schon
       ausführlich zitiert  haben, den  wir aber  weiterhin in  Betracht
       ziehen sollten:  ein Brief an Kautsky, Autor einer Abhandlung an-
       läßlich des  hundertsten Jahrestages  von 1789. Engels kritisiert
       an der  Abhandlung die  "unbestimmten Äußerungen  und mysteriösen
       Andeutungen über  neue Produktionsweisen"  und fügt  hinzu:  "Ich
       würde weit  weniger von  der neuen Produktionsweise sprechen. Sie
       ist jedesmal  durch einen  berghohen Abstand  von den  T a t s a-
       c h e n   getrennt, von  denen Du  sprichst, und  so unvermittelt
       erscheint sie  als   r e i n e   A b s t r a k t i o n,   die die
       Sache nicht  klarer macht,  sondern eher  dunkler". 40).  Die En-
       gelssche Analyse ist viel artikulierter und nuancierter. Aber da-
       von haben  wir schon  gesprochen. Hinzuweisen  ist jedoch auf die
       bedeutsame Tatsache,  daß der in Frage stehende Brief eben an je-
       nen Kautsky  gerichtet ist,  der dann  drei Jahrzehnte später die
       Oktoberrevolution verurteilen  und liquidieren wird, und zwar im-
       mer im  Namen eines ökonomizi-stischen Determinismus, der im End-
       effekt weder  die bürgerliche Revolution, noch die sozialistische
       Revolution, noch den revolutionären Prozeß als solchen zu verste-
       hen in der Lage ist.
       
       _____
       1) F. Furet,  Penser la Révolution Française, Paris 1978, it. Üb.
       Rom-Bari 1980, S. 149.
       2) K. Marx/F.  Engels, Manifest  der kommunistischen  Partei,  in
       MEW, Bd. 4, S. 471.
       3) F. Furet/D.  Richet, La  Revolution Franchise, Paris 1978, it.
       Üb. Rom-Bari 1980, S. 48.
       4) K. Marx/F. Engels, Rezensionen aus der "Neuen Rheinischen Zei-
       tung. Politisch-ökonomische  Revue". Zweites  Heft, Februar 1850,
       in MEW, Bd. 7, S. 209.
       5) M. Terni  (Hrsg.), Il mito della rivoluzione francese, Mailand
       1981, S. 21.
       6) K. Marx/F. Engels, Das Manifest..., in MEW, Bd. 4, S. 471.
       7) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution. Fragments
       et notes  inédites sur la révolution, in Oeuvres complétes, hrsg.
       v. P. Meyer, Bd. 2/2, Paris 1953, S. 60 und S. 71.
       8) In den  vorbereitenden Aufzeichnungen  zur Abhandlung über das
       Ancien régime  bemerkt Tocqueville,  daß sich  zuerst -  im Jahre
       1793 -  "les hautes"  Klassen und dann - mit dem achtundvierziger
       Jahr -  "les moyennes"  Klassen zur Religion bekehren (A. de Toc-
       queville, L'Ancien  Régime et  la Revolution.  Fragments et notes
       inedites sur  la Revolution, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/2,
       S. 318);  in der Abhandlung A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et
       la Revolution,  III, 2,  in Oeuvres  complétes, zit., Bd. 2/1, S.
       206 werden  die Klassen,  die sich nach und nach zur Religion be-
       kehren, als  "l'ancienne noblesse"  und als  "la bourgeoisie" be-
       zeichnet.
       9) K. Marx,  Die deutsche  Ideologie, in  MEW, Bd. 3, S. 48, Fuß-
       note.
       10) A.  de   Tocqueville,  L'Ancien   Régime  et  la  Révolution.
       Fragments et notes inédites, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/2,
       S. 104.
       11) Ebenda, S. 71.
       12) Ebenda, S. 69.
       13) So R.  Robin (in  Aujourd'hui l'histoire,  eingel. v.  A. Ca-
       sanova und  F. Hincker,  Paris 1974, S. 287 und S. 290), wenn sie
       die von D. Riebet (in Autour des origines ideologiques lointaines
       de la  Révolution française:  Elkes et  despotisme,  Annales  ESC
       XXIV, 1,  1969, S. 1-23) vertretenen Thesen zusammenfaßt und kri-
       tisiert.
       14) A. de  Tocqueville, L'Ancien Régime et la Revolution, III, 2,
       in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 206-7.
       15) A. de  Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution, III, 1,
       in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 197.
       16) K. Marx,  Die moralische  Kritik und die kritisierende Moral,
       in MEW, Bd. 4, S. 349.
       17) E. Sieyès, Qu'est-ce que le Tiers Etat, IV, § 3.
       18) Siehe Anm. 15.
       19) A. Cobban,  The Myth  of the French Revolution, 1968, it. Üb.
       in M.  Tuni (Hrsg.),  D mito della rivoluzione francese, zit., S.
       45.
       20) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 47-53.
       21) A. Gramsci,  Quaderni del  carcere, krit.  Ausg. hrsg.  v. V.
       Gerratana, Turin 1975, S. 1523 und S. 1519.
       22) A. de  Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution, III, 1,
       in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 196.
       23) Ebenda, III,  2, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 203-
       4.
       24) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 47.
       25) K. Marx, Die Lage in Preußen, in MEW, Bd. 12, S. 684.
       26) F. Engels,  Ludwig Feuerbach  und der Ausgang der klassischen
       deutschen Philosophie, in MEW, Bd. 21, S. 265.
       27) E. Burke,  Letter on  a Regicide  Peace, in  The Works of the
       right honourable  Edmund Burke, London 1826, Bd. 9, S. 48-9. Vgl.
       dazu auch  D. Losurdo,  Hegel, Marx e la tradizione liberale. Li-
       berta, uguaglianza, Stato, Rom 1988, S. 182-193.
       28) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 53.
       29) K. Marx,  Die Bourgeoisie  und die  Konterrevolution, in MEW,
       Bd. 6, S. 107.
       30) Ebenda.
       31) Brief Engels'  an Kautsky  vom 20.2.1889,  in MEW, Bd. 37, S.
       155.
       32) Ebenda.
       33) F. Engels,  Einleitung  zur  englischen  Ausgabe  (1892)  der
       "Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", in
       MEW, Bd. 22, S. 301.
       34) D. Richet,  Autour des origines ideologiques lointaines de la
       Révolution française: Élites et despotisme, zit, S. 22-23.
       35) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 31-32.
       36) Ebenda, S. 32.
       37) F. Engels,  Vorbemerkung zu  "Der deutsche Bauernkrieg", 1870
       und 1875, in MEW Bd. 7, S. 539.
       38) Vgl.  Deutschland  unter  Napoleon  in  Augenzeugenberichten,
       hrsg. v. E. Kleßmann, München 1965, S. 277 ff.
       39) K. Marx/E Engels, Das Manifest der kommunistischen Partei, in
       MEW, Bd. 4, S. 493.
       40) Brief Engels'  an Karl  Kautsky vom  20. 2. 1889, in MEW, Bd.
       37, S. 155.
       

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