Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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       GOETHE UND DIE GROSSE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
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       Robert Steigerwald
       
       Das große  Weltereignis an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert,
       die  Große  Französische  Revolution,  zog  auch  im  zerrissenen
       Deutschland alle  großen und kleinen Geister in seinen Bann, Kant
       und Schiller,  Fichte und  Klopstock, Beethoven und Hegel und wie
       sie alle  geheißen haben.  Erst recht mußte es auf Goethe, diesen
       durch und durch weltverwurzelten Menschen, einen unauslöschlichen
       Eindruck machen. Goethe verstand sich völlig eingebunden in seine
       Zeit. "Ich  habe den großen Vorteil..., daß ich zu einer Zeit ge-
       boren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung
       kamen und  sich durch  mein langes  Leben fortsetzten, so daß ich
       vom Siebenjährigen  Krieg, sodann  von der  Trennung Amerikas von
       England, ferner  von der Französischen Revolution und endlich von
       der ganzen  Napoleonischen Zeit  bis zum Untergang des Helden und
       den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war. Hierdurch bin ich
       zu ganz  anderen Resultaten  und Einsichten  gekommen, als  allen
       denen möglich  sein wird,  die jetzt  geboren werden und die sich
       jene großen  Begebenheiten durch  Bücher aneignen müssen, die sie
       nicht verstehen." 1)
       Goethe nennt  hier nur  die großen politischen Staatsaktionen. Er
       war jedoch  auch  Zeitzeuge  anderer,  wichtiger  Ereignisse.  So
       konnte er noch am Ende des 18. Jahrhunderts selbst den Luftballon
       der Gebrüder  Montgolfier aufsteigen  sehen. "Wer  die Entdeckung
       der Luftballone  miterlebt hat,  wird ein  Zeugnis geben,  welche
       Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil die Luftschiffer be-
       gleitete, welche  Sehnsucht in  soviel tausend  Gemütern  hervor-
       drang, an  solchen längst  vorausgesetzten, vorausgesagten, immer
       geglaubten und immer unglaublichen gefahrvollen Wanderungen teil-
       zunehmen, wie  frisch und  umständlich jeder  einzelne glückliche
       Versuch die  Zeitungen füllte,  zu Tagesheften  und Kupfern Anlaß
       gab, welchen  zarten Anteil  man an den unglücklichen Opfern sol-
       cher Versuche genommen." 2) Dies Ereignis ist wohl nur jenem ver-
       gleichbar, das  sich in  den 50er Jahren unseres Jahrhunderts ab-
       spielte, als  der erste  Sputnik in eine Erdumlaufbahn geschossen
       wurde und in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit jenem Wort
       Goethes kommentiert wurde, das er am Abend der Kanonade von Valmy
       ausgesagt hat: "und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen!"
       
       Drei bewegende Kräfte der Persönlichkeit Goethes
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       Goethe hat  sich in  Leben und Werk immer wieder als eine großar-
       tige innerlich harmonische, einheitliche Persönlichkeit erwiesen.
       Der Widerspruch  seines Lebens, auf den noch einzugehen ist, ent-
       springt dieser  persönlichen Einheit  namens Goethe und der deut-
       schen Wirklichkeit  namens Misere.  Alles, was  Goethe unternahm,
       kann nur  aus diesem in sich harmonischen Wesen heraus verstanden
       werden. Und  wenn ich  es richtig  sehe, sind  es drei  bewegende
       Kräfte, die Goethes Persönlichkeit prägten.
       Da ist  zuerst seine Weltanschauung zu nennen. Früh ist sie durch
       die materialistischen Auffassungen des Lucretius Carus und später
       Spinozas geprägt.  "Wenn ich  auch gleich für meine Person an der
       Lehre des  Lucrez mehr  oder weniger hänge und alle meine Präten-
       sionen in den Kreis des Lebens einschließe...", schreibt er am 2.
       Februar 1789 an Fritz zu Stolberg. 3) Den Spinozismus Goethes be-
       legen zu müssen, hieße schon fast, die berühmten Eulen nach Athen
       tragen zu wollen.
       Aber diese  Position bewirkt  den leitenden Gedanken des gesamten
       Goetheschen Werkes - und dies eben ist das zweite Motiv im Wirken
       Goethes -,  den Gedanken von der Einheit der Natur. Alle natürli-
       chen Dinge stünden in einem genauen Zusammenhang. Einheit der Na-
       tur, dies  sah Goethe  so sehr,  daß er der Überzeugung war, auch
       sein künstlerisches Werk nur dann in vollendeter Gestalt schaffen
       zu können,  wenn er  es auf  der Grundlage tiefgehender Naturfor-
       schung aufbaue.
       Freilich gehört  hierzu auch  die Enttäuschung, die Goethe - noch
       vor der  Großen Französischen  Revolution - bei seinem mit großer
       Entschlossenheit und Geduld, auch mit Selbstverleugnung unternom-
       menen Versuch  erlebte, von Weimar aus politisch in dem Sinne ak-
       tiv zu  werden, feudale Verhältnisse im Wege von Reformen bürger-
       lich umzugestalten.  Die Frustration  bewirkte seine  Flucht nach
       Italien und  seine verstärkte  Hinwendung zu naturwissenschaftli-
       chen Studien.  Das Wort,  daß sie  uns nicht  betrügen, prägte er
       zwar erst  1831, aber es kennzeichnete schon sehr früh seine Gei-
       steshaltung.
       So ist  denn das naturforscherische Werk Goethes so sehr ein Ele-
       ment seines  Lebens und  Wirkens, daß man kein wirkliches Goethe-
       bild zeichnen  kann, ohne  dies in  Rechnung zu stellen (und dies
       ist eben  auch der große Mangel des ansonsten großartigen Goethe-
       buchs von  Georg Lukács). Zwölf Bände wissenschaftlicher Arbeiten
       füllen die  Weimarer Sophien-Ausgabe! Sie umfassen den ganzen Be-
       reich der damals bekannten Naturwissenschaften. Und darunter sind
       einige wirklich  wichtige Entdeckungen.  Engels hat  denn auch in
       seiner Arbeit  über Ludwig Feuerbach der genialen Vorahnungen der
       späteren Entwicklungstheorie  durch  Goethe  gedacht.  4)  Goethe
       wurde zum  Entwicklungsgedanken,  zur  historischen  Methode  ge-
       drängt, und dies zu einer Zeit, da in den Naturwissenschaften die
       statische und  katalogisierende Methode des großen Linne noch al-
       lesbeherrschend war. Bis unmittelbar vor seinem Tode beschäftigte
       sich Goethe mit den Problemen der Naturwissenschaft, insbesondere
       der Entwicklungstheorie.  Die letzte  Arbeit, vor seinem Tode ge-
       schrieben, behandelte  den berühmten  Streit zwischen  Cuvier und
       Saint-Hilaire.
       Aber diese  Entwicklungskonzeption, diese dialektische Konzeption
       Goethes, so  großartig sie sich auch von der metaphysischen herr-
       schenden Auffassung  seiner Zeit  abhob, erreichte  dennoch nicht
       jenes Niveau,  das etwa gleichzeitig der große deutsche Philosoph
       Hegel erreichte. Es darf auch nicht übersehen werden, daß Goethes
       Kritik des  naturwissenschaftlichen Wissens seiner Zeit sich auch
       gegen Richtiges  (z.B. bei Newton) wandte. "So ruhen meine Natur-
       studien auf  der reinen  Basis des Erlebten, wer kann mir nehmen,
       daß ich 1749 geboren bin, daß ich... Schritt für Schritt folgend,
       die großen  Entdeckungen der  zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
       bis auf  den heutigen  Tag wie einen Wunderstern nach dem anderen
       vor mir aufgehen sehe." 5) Hier haben wir den wichtigsten Leitge-
       danken: Dieses  Schritt für  Schritt, dieses  organische Wachsen,
       dieses Wachstum  im Sinne  von quantitativen Veränderungen. Georg
       Lukács hatte  1948 in  seinem Buch "Der junge Hegel" über die Be-
       ziehungen von  Dialektik und  Ökonomie 6)  gezeigt, wie Hegel aus
       dem Studium der Revolutionsereignisse in Frankreich seine dialek-
       tische Konzeption  des Umschlagens quantitativer Veränderungen in
       qualitative erarbeitete. Goethes Verhältnis zur abstrakten philo-
       sophischen Darstellung  Kants und Hegels etwa hat ihn, den natur-
       wüchsigen Dialektiker,  gehindert, diese tiefe Einsicht zu erfas-
       sen.
       Es kommt  jedoch ein  drittes Bestimmungsmoment  für Goethes gei-
       stige Kapazität hinzu: die Politik. Er war durchaus ein Sohn sei-
       ner Zeit  und seiner  Klasse, empfand  sich durchaus  als Kollek-
       tivwesen. "Die  Franzosen erblicken  in Mirabeau  ihren Herkules;
       und sie  haben vollkommen  recht. Allein  sie vergessen, daß auch
       der Koloß  aus einzelnen Teilen besteht und daß auch der Herkules
       des Altertums ein kollektives Wesen ist, ein großer Träger seiner
       eigenen Taten und der Taten anderer.
       Im Grunde  aber sind  wir alle  kollektive Wesen,  wir mögen  uns
       stellen, wie wir wollen. Denn wie weniges haben und sind wir, das
       wir im  reinsten Sinne  unser Eigentum  nennen: Wir  müssen alles
       empfangen und  lernen, sowohl  von denen,  die vor uns waren, als
       von denen,  die mit uns sind. Selbst das größte Genie würde nicht
       weit kommen,  wenn  es  alles  seinem  eigenen  Innern  verdanken
       wollte." 7)
       
       Politik in miserablen Verhältnissen
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       Aber dieser  wirklichkeitszugewandte Mensch, er lebte auf dem Bo-
       den eines  Landes, in  dem, nach den furchtbaren deutschen Tragö-
       dien des  Bauern- und  des Dreißigjährigen  Krieges das  deutsche
       Bürgertum kleinlich,  borniert, zersplittert  war. Gewiß strebten
       die Besten  aus dieser  bürgerlichen Schicht, auch aus dem Klein-
       bürgertum, gegen die bestehende Ordnung. Goethes "Götz von Berli-
       chingen", sein Angriff auf die Götter und die religiöse Sklaverei
       etwa im "Prometheus" oder in dem Gedicht "Das Göttliche" von 1782
       (der ursprüngliche  Titel sollte "Der Mensch" lauten; das Gedicht
       wurde auch  unter beiden  Überschriften gedruckt)  oder in seiner
       "Braut von  Korinth" bzw.  in dem 1823 geschriebenen Gedicht "Des
       Paria Gebet" zeugen davon, daß er erfüllt war von den Forderungen
       des gleichen  Rechts für  alle Menschen,  der Freiheit aller Men-
       schen zur  Ausbildung ihrer Fähigkeiten, vom Glauben an bürgerli-
       che Freiheit  und Gleichheit, kurz, von jenen Ideen - oder sollte
       man sie  Illusionen nennen?  - unter denen die Große Französische
       Revolution antrat und siegte. Und auch dies sei noch erwähnt, daß
       in dieser  Zeit des  Aufbegehrens alle  die großen  dichterischen
       Entwürfe entstehen,  an denen Goethe während seines ganzen weite-
       ren Lebens arbeiten sollte.
       In diesem Deutschland entwickelt sich die neue, bürgerliche, pro-
       gressive Kultur  jedoch nicht  in Einheit, in Übereinstimmung mit
       dem politischen  Leben. Die Kriege und Staatsaktionen waren keine
       Angelegenheit des  Volkes. Friedrich II. zum Beispiel verbot sei-
       nen Untertanen, sich gegen Übergriffe französischer Soldaten, die
       preußisches Gebiet durchzogen, zur Wehr zu setzen, und drohte ih-
       nen schwere  Strafen an.  Die großen  deutschen Geister,  etwa in
       Preußen oder in Sachsen lebend, waren an den dynastischen Kriegen
       so wenig interessiert, daß sie mitten in diesen Kriegen unterein-
       ander den lebhaftesten geistigen Austausch pflegten.
       
       Reformen ja - aber von oben
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       Hieraus ergab  sich jedoch  eine spezifische Einstellung, die ge-
       rade auch  Goethes Werk prägen sollte, nicht sofort, aber doch im
       Laufe seines  Lebens. Denn zunächst ist er durchaus bestrebt, po-
       litisch reformierend  zu wirken.  Mit dieser Absicht geht er nach
       Weimar. Er  hat, schon vor der Französischen Revolution, die Ver-
       derbtheit des  Pariser Hofes gesehen und befürchtet, daraus könne
       Unheil entspringen.  Durch Reformen  wollte er dem in seinem Wir-
       kungskreis zuvorkommen,  entgegenwirken. Aber  er  scheitert  und
       flieht, ebenfalls noch vor der Französischen Revolution, aus Wei-
       mar. Aus  dem inneren  Gegensatz zwischen  der Welt seiner großen
       humanistischen Ideale  und der  Öde der  unsauberen  historischen
       Verhältnisse sucht  er den Ausweg nicht mehr im Kampf mit den hi-
       storischen Verhältnissen,  die  diesen  Gegensatz  erzeugten  und
       nährten, sondern in der persönlichen Tätigkeit "von innen her".
       Unter diesen  deutschen Zuständen konnte Goethe auch kein richti-
       ges Verhältnis  zu den  Volksmassen gewinnen:  Könige wollen  das
       Gute, die Demagogen desgleichen,
       Sagt man! doch irren sie sich: Menschen, ach, sind sie wie wir.
       Nie gelingt es der Menge, für sich zu wollen, wir wissens's:
       Doch wer verstehet, für uns alle zu wollen: Er zeig's.
       So heißt  es im  51. der  "Venezianischen Epigramme". Der Gedanke
       ist durchaus  doppelsinnig! Goethe spricht dem Volk die Fähigkeit
       ab, für sich selbst zu wollen und zu handeln, und daraus erwächst
       Unheil. War dies auch so, handelte das Volk im eigenen Interesse?
       Jedenfalls soll,  so Goethe, auch Politik nur von solchen gemacht
       werden, die  das "Handwerk" gelernt haben, eben "Meister" der Po-
       litik seien,  und als  solche sah er die Aristokraten an 8). Doch
       sah er  durchaus auch  die Verkommenheit aristokratischer Kräfte.
       Dich betrügt  der Staatsmann,  der Pfaffe, der Lehrer der Sitten,
       Und dies Kleeblatt, wie tief betest du, Pöbel, es an.
       Leider läßt sich noch kaum was Rechtes denken und sagen,
       Das nicht grimmig den Staat, Götter und Sitten verletzt
       - so heißt es in einem von ihm selbst unterdrückten Epigramm 9).
       Goethe hielt es - wie gesagt - auch in der Politik für notwendig,
       daß sich nur "Meister" einzumischen hätten, und als solche sah er
       die Aristokraten  an. Darum lehnte er die Republik ab. Allerdings
       kritisierte er auch "die Meister des Staates", war er der Auffas-
       sung, daß Revolutionen aus der Vernachlässigung wahrer Herrscher-
       pflicht resultierten.  Die Französische  Revolution ist ihm Folge
       der  Bestechlichkeit  des  feudalen  Regimes  10).  Den  Feudalen
       schrieb er  im 53.  der "Venezianischen Epigramme" ins Stammbuch:
       Frankreich hat uns ein Beispiel gegeben, nicht daß wir es wünsch-
       ten,
       Nachzuahmen; allein merkt und beherzigt es wohl.
       Der Sturm  der "Menge" sei nicht geeignet, die Probleme zu lösen,
       er bringe ebensoviel Schlechtes wie Gutes hervor 11).
       
       Zufluchtsort Natur und Naturwissenschaft
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       Immer dann, wenn es im politischen Leben drunter und drüber ging,
       suchte Goethe  Zuflucht in  naturwissenschaftlichen  Forschungen.
       Die Naturwissenschaften  waren ihm  die einzigen,  die uns  nicht
       täuschen. Zu  lesen ist in den "Tag- und Jahresheften" des Jahres
       1793: "So hielt ich mich für meine Person immer fest an naturwis-
       senschaftlichen Studien, wie an einen Balken im Schiffbruch." 12)
       Es ist  auch kein  Zufall, daß  er im  Reichenberger Kriegslager,
       1790, sich  mit vergleichender  Anatomie  beschäftigte,  "weshalb
       mitten in  der bewegten Welt ich als Einsiedler in mir selbst ab-
       geschlossen lebte"  13). Ebenso war es 1792, während der Kampagne
       in Frankreich,  wo er, inmitten des Kugelregens, sich in die Far-
       benlehre vertiefte.  1813, während  der Leipziger Völkerschlacht,
       war es  nicht anders. In seinen "Tag- und Jahresheften" heißt es:
       "Wenn sich  in der politischen Welt irgendein ungeheuer Bedrohli-
       ches hervortat,  so warf  ich mich eigensinnig auf das Entfernte-
       ste." Dies  sei auch am Jahrestag der Schlacht von Leipzig so ge-
       wesen. Er nennt in diesem Zusammenhang sein Verhalten "Flüchten",
       so habe  er sich auch während der Völkerschlacht mit China befaßt
       14). Und 1830, während der Französischen Juli-Revolution, war ihm
       die Auseinandersetzung  in der französischen Akademie der Wissen-
       schaften zwischen  Cuvier und  Saint-Hilaire über die Evolutions-
       problematik wichtiger. 15)
       
       Revolution ist "wider die Natur"
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       Aus den  Naturwissenschaften zog  Goethe für sich die Konsequenz,
       Entwicklungsprozesse hätten  organisch,  evolutionär  abzulaufen.
       Revolutionäre Umbrüche seien wider die Natur. Darum konnte Goethe
       nicht für die Revolution Partei ergreifen.
       Allerdings ergriff er auch nicht für die Konterrevolution Partei.
       Im Grunde  entwickelte er  eine arevolutionäre Einstellung. Dabei
       war er ein Parteigänger des Neuen. Ausdrücklich verwahrte er sich
       dagegen, ein  Freund des Bestehenden genannt zu werden. Am 4. Ja-
       nuar 1824 sprach er mit Eckermann. Er kam auf sein "Revolutions"-
       Stück: "Die  Aufgeregten" zu  sprechen. "Ich  schrieb es zur Zeit
       der Französischen  Revolution..., und  man kann  es gewissermaßen
       als mein  politisches Glaubensbekenntnis  jener Zeit ansehen. Als
       Repräsentanten des Adels hatte ich die Gräfin hingestellt und mit
       den Worten,  die ich  ihr in  den Mund gelegt, ausgesprochen, wie
       der Adel  eigentlich denken soll. Die Gräfin kommt soeben aus Pa-
       ris zurück,  sie ist dort Zeuge der revolutionären Vorgänge gewe-
       sen und hat daraus für sich selbst keine schlechte Lehre gezogen.
       Sie hat  sich überzeugt, daß das Volk wohl zu drücken, aber nicht
       zu unterdrücken  ist und daß die revolutionären Aufstände der un-
       teren Klassen  eine Folge  der Ungerechtigkeiten der Großen sind.
       Jede Handlung,  die mir  unbillig scheint,  sagte sie,  will  ich
       künftig streng  vermeiden, auch  werde ich über solche Handlungen
       anderer, in der Gesellschaft und bei Hofe, meine Meinung laut sa-
       gen. Zu  keiner Ungerechtigkeit will ich mehr schweigen, und wenn
       ich auch  unter dem  Namen einer  Demokratin  verschrieen  werden
       sollte."
       "Ich dächte",  fuhr Goethe  fort, "diese  Gesinnung wäre durchaus
       respektabel. Sie  war damals  die meinige und ist es noch jetzt."
       16)
       Hier sehen  wir also, daß Goethe die Revolution als Folge von Un-
       gerechtigkeit und Unterdrückung deutet. Revolutionen sind für ihn
       Schuld schlechter  Regierungen. Er war der Meinung, man könne ein
       Volk zeitweilig  unterdrücken, aber  nicht auf Dauer. Die Revolu-
       tion sei vermeidbar, wenn die Regierung gut sei, ähnlich etwa den
       Regierungen Friedrich  II. von Preußen oder Joseph II. von Öster-
       reich. "Es ist wahr, ich konnte kein Freund der Französischen Re-
       volution sein,  denn ihre Greuel standen mir zu nahe und empörten
       mich täglich  und stündlich,  während ihre wohltätigen Folgen da-
       mals noch  nicht zu  ersehen waren."  (Freilich, eine ganze Reihe
       anderer Deutscher  sahen diese  wohltätigen Folgen  auch "damals"
       schon - und überdies: Auch 1831 ist er auf die bürgerlichen Revo-
       lutionäre im  Paris dieser  Tage nicht  eben gut zu sprechen 17).
       "Auch konnte  ich nicht  gleichgültig  dabei  sein,  daß  man  in
       Deutschland  künstlicherweise   ähnliche  Szenen   herbeizuführen
       trachtete, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit wa-
       ren.
       Ebensowenig aber  war ich  ein Freund  herrischer Willkür... Auch
       war ich vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie
       Schuld des  Volkes ist,  sondern der Regierung. Revolutionen sind
       ganz unmöglich,  sobald die  Regierungen fortwährend  gerecht und
       fortwährend wach  sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbes-
       serungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das
       Notwendige von unten her erzwungen wird.
       Weil ich  nun aber  die Revolutionen  haßte, so  nannte man  mich
       einen Freund  des Bestehenden. Das ist aber ein sehr zweideutiger
       Titel, den  ich mir  verbitten möchte.  Wenn das Bestehende alles
       vortrefflich gut  und gerecht wäre, so hätte ich gar nichts dawi-
       der. Da  aber neben  vielem Guten zugleich viel Schlechtes, Unge-
       rechtes und  Unvollkommenes besteht,  so heißt ein Freund des Be-
       stehenden oft  nicht viel  weniger als  ein Freund des Veralteten
       und Schlechten." 18)
       Es ist  also deutlich  erkennbar, daß Goethes Abscheu den, wie er
       es nannte,  Greueln der Revolution galt. Er plädierte für die Me-
       thode der  Verbreitung fortschrittlichen  Gedankengutes, der Ein-
       forderung moralischen  Verhaltens, der  Reformen. Der Großbürger-
       sohn aus  Frankfurt am  Main und Freund von Fürsten, der aus Ita-
       lien das  Wissen um  das kulturvolle und segensreiche Wirken pro-
       gressiver Renaissance-Fürsten mitgebracht hatte, er konnte, trotz
       seines gescheiterten  Versuchs, das  kleine Fürstentum Weimar auf
       diese Weise zu reformieren, keine andere Vorstellung von wirklich
       progressiver Politik entwickeln.
       In diese Grundüberzeugung eingebettet sind Goethes politische und
       dichterische Äußerungen zur Großen Französischen Revolution. Goe-
       the hatte  schon 1781,  am 22. Juni, an seinen Freund Lavater ge-
       schrieben: "Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist
       mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken miniert." 19)
       Die berüchtigte " Halsbandaffäre" machte er zum Gegenstand seines
       "Großkophta", den  er am  17. Februar 1831 gegenüber Eckermann so
       einschätzte: "denn  im Grunde  ist es  nicht bloß von sittlicher,
       sondern auch  von großer  historischer Bedeutung; das Faktum geht
       der Französischen  Revolution unmittelbar voran und ist davon ge-
       wissermaßen das  Fundament." 20) So hat Goethe durchaus in gewis-
       sem Umfang  in den  Missetaten der  Herrschenden eine Ursache der
       Revolution erkannt.  Ein völliges Verständnis des Revolutionspro-
       blems ist ihm jedoch nicht gelungen.
       
       Valmy - aber auf wessen Seite war Goethe dabei?
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       In Valmy  war ihm  die tiefe Bedeutung des Einschnitts blitzartig
       aufgegangen, den  die Französische  Revolution bewirkte.  Nachts,
       nach der verlorenen Kanonade, war er in die Armee der Verbündeten
       zurückgekehrt. Im dunklen Lager, in dem ein Lagerfeuer nicht ent-
       zündet werden  konnte, ließ  er sich  im Kreis  der ihm bekannten
       preußischen Offiziere  nieder. Sie  waren von Panik erfaßt. Allen
       war klar, daß die Schlacht verloren sei. Von Goethe erhofften sie
       Trost und Scherz, die er immer zu geben wußte. Aber statt zu trö-
       sten und zu scherzen antwortete Goethe auf ihre Fragen: "Von hier
       und heute  geht eine  neue Epoche der Weltgeschichte aus, und Ihr
       könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen." 21)
       Aber: Auf welcher Seite war Goethe dabei? Für wen ergriff er Par-
       tei? Durchaus  für die  französischen Emigranten,  für den  Adel,
       später sogar  für den  bedrohten französischen  König, zu  keiner
       Zeit jedoch  für die Revolution. Noch unmittelbar vor seinem Tod,
       im März  1832, lehnte  er es  in einem Gespräch mit Eckermann ab,
       sich positiv über die Jakobiner-Partei zu äußern 22).
       Doch auch darin steckt der Widerspruch! Goethe nahm - auch an der
       Seite der Kräfte des Alten - teil an der Belagerung von Mainz, wo
       deutsche Verfechter  des Neuen die Revolutionsideen verwirklichen
       wollten.  Gleichzeitig   aber  schrieb   derselbe  Goethe  seinen
       "Reinecke Fuchs", eine beißende Kritik der feudalen Aristokratie.
       Dabei, viele  Äußerungen Goethes bezeugen es, widerspiegeln seine
       Äußerungen auch seine Angst, die Französische Revolution, die von
       ihr ausgehenden  Ideen hätten auf Deutschland übergreifen können.
       In der  "Zwischenrede" zur  "Kampagne in Frankreich" vom November
       1792 schrieb  er: "Was mir dabei aber noch mehr auffiel, war, daß
       ein gewisser  Freiheitssinn, ein  Streben nach Demokratie sich in
       die hohen Stände verbreitet hat." Und im Dezember 1792 hieß es in
       einer Notiz:  "Indem mich  nun dies alles bedrängte, beängstigte,
       hatte ich leider zu bemerken, daß man im Vaterlande sich spielend
       mit Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns ähnliche Schick-
       sale vorbereiteten.  Ich kannte  genug edle Gemüter, die sich ge-
       wissen Aussichten  und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache
       zu begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Sub-
       jekte bittern  Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen streb-
       ten." Er  war bereit  zu  akzeptieren,  daß  die  Revolution  "in
       Frankreich  Folge  einer  großen  Notwendigkeit"  war,  aber  für
       Deutschland hielt  er sie  für ein  Kunstprodukt 23). Befreit man
       diese Passagen  ihres verurteilenden  Tones, so  besagen sie, daß
       die Französische  Revolution in  Teilen des einfachen Volkes auch
       diesseits des  Rheines Wurzeln schlug, ja, daß sich auch ein Teil
       der Gebildeten durch die "Auswüchse" der Revolution nicht in sei-
       ner Parteinahme beeinträchtigen ließ.
       Andererseits war  Goethe aber auch nicht bereit, den Aufforderun-
       gen des  Freiherrn von Gagern vom August 1794 zu folgen, zusammen
       mit den  Fürsten und anderen Dichtern ein Bündnis gegen die Revo-
       lution zu schmieden 24).
       
       Die Revolutionsdichtung Goethes
       -------------------------------
       
       Werfen wir nun noch einen Blick darauf, wie Goethe die Revolution
       selbst in seiner Dichtung verarbeitete. Die erste Arbeit, der Re-
       volution "gewidmet",  war das  1792 geschriebene Stück "Der Groß-
       kophta". Hintergrund  war die Halsband-Affäre vom Jahre 1785, ei-
       ner der  zahlreichen Skandale  des französischen  Hofes. Obgleich
       diese Affäre nach Goethes eigenem Eingeständnis auf ihn einen un-
       aussprechlichen Eindruck  machte, ihm die greulichsten Folgen ge-
       spensterhaft erscheinen  ließ, entspricht  das  Stück  keineswegs
       diesem Eindruck. Alle gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge wer-
       den ignoriert;  das Spiel  kreist um  eine plumpe Intrige, allen-
       falls abstrakte weltanschaulichmoralische Aspekte kommen zur Gel-
       tung. Es  konnte sogar  mißbraucht werden,  um oppositionelle Ge-
       heimverbindungen ebenfalls  in den Geruch betrügerischer Klüngel-
       tätigkeit zu bringen.
       Die zweite  der Revolution  zugewandte Dichtung  war das 1793 ge-
       schriebene  Lustspiel  "Der  Bürgergeneral".  Ein  betrügerischer
       Dorfbarbier namens Schnaps mißbraucht Symbole und Kennzeichen der
       Französischen Revolution für kriminelle Handlungen. Als der Rich-
       ter eingreifen  will, schlichtet der von den Bauern verehrte Dor-
       fadlige, wendet  sich gegen  übertriebene Polizeimaßnahmen ebenso
       wie gegen die Revolutionsideen. Goethes Position besagt hier: Un-
       zeitige Gebote,  unzeitige Strafen  erzeugten erst das Übel. Wenn
       Fürsten sich vor niemandem verschlössen, die Stände billig gegen-
       einander dächten, niemand gehindert sei, gemäß seiner Art zu wir-
       ken, entstünden  keine Parteien, auch keine aufrührerischen Akti-
       vitäten. Der  den Revolutionär  mimende Schnaps  wird ausgelacht.
       Also wiederum  gibt es eine geschichtsferne Klamotte, die so ganz
       und gar der sonstigen Qualität Goethescher Dichtung widersprach.
       Unvollendet blieb das ebenfalls 1793 begonnene "politische Drama"
       "Die Aufgeregten".  Hier haben  revolutionäre Ideen  Bauernmassen
       erfaßt, hat  sich ein  gefährlicher Konflikt zum Adel heausgebil-
       det. Unter  dem Einfluß  der Revolution wollen sie sich bewaffnen
       und ihre  Rechte gewaltsam  durchsetzen, als die Gräfin aus Paris
       zurückkommt und  ihr oben  bereits zitiertes  Credo spricht.  Der
       bürgerliche Hofrat,  ihr Dialogpartner im Stück, verteidigt dabei
       einen "gelinden  Aristokratismus", und  Goethe bekennt  sich noch
       1827 in  einem Gespräch  mit Eckermann dazu, daß er nicht nur der
       Gräfin Position,  sondern auch  die des  Hofrats teile 25). Dabei
       dreht sich  der Konflikt  in diesem  Stück nicht um große zeitge-
       schichtliche oder gesellschaftliche Probleme, sondern um kleinli-
       che Vor-  und Nachteile.  Das Schiff des Stückes kreuzt nicht auf
       dem Ozean  der großen  Politik, sondern dümpelt auf einem kleinen
       Dorfteich.
       Dennoch dämmert  Goethe in  dieser Zeit,  daß eine  gewaltige ge-
       schichtliche Dynamik sich Bahn breche, in der "wir selbst der Ton
       sind, der  geknetet wird, ohne daß ein Mensch weiß, ob es ein Ge-
       fäß zu Ehren oder zu Unehren werden kann" 26). Er möchte sich mit
       den unmittelbaren  Voraussetzungen und  Vorgängen der  Revolution
       auseinandersetzen. In  "Die natürliche  Tochter" -  begonnen nach
       der Ausrufung  Napoleons zum ersten Konsul für zehn Jahre (1799),
       womit der  Revolutionsprozeß zu  einem gewissen Abschluß gekommen
       schien, und  1803 beendet,  ohne daß es wirklich zu Ende gekommen
       war -  will er  den Widerspruch von gesetzmäßiger geschichtlicher
       Dynamik und  Handeln einzelner Personen und Schichten darstellen.
       Ein in Dingen der Welt unerfahrenes junges Mädchen wird im Inter-
       essengeflecht feudaler Kräfte zum Untergang verurteilt. Am Egois-
       mus feudaler Kräfte und der Schwäche eines Königs treibt ein Land
       unrettbar der Katastrophe einer Revolution entgegen.
       Aber auch  hier ist  die  Revolution  nur  Unordnung,  Auflösung,
       Chaos. Obgleich  Goethe dichter  in die Prozesse der Revolutions-
       problematik eindringt,  vermissen wir  auch hier  schließlich die
       großen Konflikte. Es treten nicht jene gewaltigen Gegensätze her-
       vor, die das alte, absolutistische französische Regime sprengten.
       Da ist  nichts von  den schweren  Schäden, die  der  Gesellschaft
       durch die  feudale Adelsbande zugefügt werden. Es gibt keinen Ge-
       gensatz zwischen König und Volk, zwischen herrschenden und unter-
       drückten Schichten, zwischen Reichen und Armen, zwischen stupider
       Orthodoxie und  aufklärerischen Gedanken. Die leichtfertige, fri-
       vole Lebensweise des Adels, die Käuflichkeit der Ämter, die Geld-
       sucht des  Staates, die erpresserische Steuerpolitik, die Mißach-
       tung der  Verfassung, die  Härte der  Leibeigenschaft, die Verwü-
       stung des Landes durch feudale Jagden und viele andere schreiende
       Mißstände, die  die Revolution wie eine naturgemäße Reaktion her-
       vorbrechen lassen, nichts davon in diesem Stück. Nichts läßt jene
       Gärung verspüren,  die in  der  Revolution  zum  Ausbruch  kommen
       sollte. Es  fehlen die  großen Männer  des Volkes, die Aufklärer,
       die mächtige geistige Bewegung, die Frankreich vor der Revolution
       erschütterte. Im  Gegenteil, wir  sehen Unterwürfigkeit,  Befehl-
       streue der  Massen und einen König, der ein edler Mensch ist, al-
       len gut und recht tun will. Das Reich ist ruhig, es ist alles or-
       dentlich bestellt,  es gibt  keine Mißstände.  Wie soll aus einem
       solchen Milieu die Revolution hervorbrechen?
       Das literarisch  bedeutendste Werk Goethes, in dem sich die Fran-
       zösische Revolution  widerspiegelt, ist ohne Zweifel das Versepos
       "Hermann und  Dorothea" (1794-1797). Goethe erzählt darin auf der
       Ebene familiärer  Begebenheiten aus der Welt des deutschen Klein-
       stadtlebens, schildert  die Enge  und Borniertheit, aber auch mit
       Sympathie ihre Behaglichkeit und läßt erkennen, wie in diese Welt
       das Pariser  Weltereignis hineinbricht. Aber diese kleinbürgerli-
       che deutsche  Welt wird  durch die  Revolution nur berührt, nicht
       aufgerührt: Diese  Welt steht  eben im Widerspruch zur wirklichen
       Geschichte. Da wird im Sechsten Gesang prachtvoll die anfängliche
       Revolutionsbegeisterung geschildert.  Aber dies schlägt ebenfalls
       im Sechsten  Gesang um  in die  Darstellung der grauenhaften Vor-
       gänge der  Revolution, vor  denen Goethe  erschrak. Und  der ent-
       scheidende Schluß  des Neunten  Gesangs warnt  vor der Revolution
       als einer  fürchterlichen Bewegung.  Der Spiegel,  der diese Welt
       abbildet, ist  die kleinliche  deutsche Realität. Goethe ist auch
       hier nicht  fähig, sich  zum Verständnis der geschichtlichen Pro-
       zesse emporzuheben.
       
       Engels' Urteil
       --------------
       
       So ist keines der Stücke, in denen die Revolution behandelt wurde
       - sieht man von den unter anderen Gesichtspunkten unbestreitbaren
       hohen Qualitäten von "Hermann und Dorothea" ab ", wirklich gelun-
       gen. Goethe selbst hat dies gespürt. Nachdem er schon 1822 einmal
       gesagt hatte,  die "Anhänglichkeit"  an die Revolution habe lange
       Zeit sein poetisches Vermögen fast unnützerweise aufgezehrt, sagt
       er kurz  vor seinem  Tode zu Eckermann: "So ein Dichter politisch
       wirken will,  muß er  sich einer  Partei hingeben;  und soweit er
       dieses tut,  ist er  als Poet  verloren..." 27).  Das sagte er im
       gleichen Gespräch,  in dem  er bemerkte: "Wir Neueren sagen jetzt
       besser mit Napoleon: Die Politik ist das Schicksal!" Nun, es gibt
       genügend bedeutende Dichter, die mit ihrem Werk das Gegenteil be-
       zeugen. Goethe ist in seinen Dichtungen zur Französischen Revolu-
       tion nicht  an der Politik gescheitert, sondern an jenem eingangs
       genannten Widerspruch  Goethes zur  deutschen Misere.  Sie  hatte
       ihn, diesen  großen Deutschen,  in ihren  Klauen, und dies ermög-
       lichte es ihm nicht, die wirkliche Natur historischer Prozesse zu
       erfassen. Freilich,  auch dieses  Urteil gilt  nur auf dem Niveau
       Goethescher Genialität;  in dem  Sinne nämlich,  daß insbesondere
       "Faust II"  viele erstaunliche  geschichtliche Einblicke  gewährt
       (die Philemon-und-Baucis-Tragödie - durchaus Kritik nicht nur der
       kleinbürgerlichen Idylle,  sondern auch  der sog.  ursprünglichen
       Akkumulation) und, mit Fausts Schlußmonolog (vom freien Volk, auf
       freiem Grunde produktiv arbeitend), großartige gesellschafts-uto-
       pische Aspekte  enthält (wobei Goethe zu dieser Zeit Leser Saint-
       Simonistischer Schriften und solcher Proudhons war und unter die-
       sem Einfluß  seinen Faustmonolog  ein letztes  Mal geändert  hat)
       28). In  einem tieferen  Sinne widerspiegelt  so Goethes gesamtes
       Lebenswerk die  Probleme und  das Problematische  der klassischen
       bürgerlichen Revolutionsepoche.
       Die treffendste  Kennzeichnung dieser Tragik stammt wohl vom jun-
       gen Friedrich  Engels: "Wir  können hier  natürlich  über  Goethe
       selbst nicht ausführlich sprechen. Wir machen nur auf einen Punkt
       aufmerksam. - Goethe verhält sich in seinen Werken auf eine zwei-
       fache Weise  zur deutschen  Gesellschaft seiner Zeit. Bald ist er
       ihr feindselig; er sucht der ihm widerwärtigen zu entfliehen, wie
       in der 'Iphigenie' und überhaupt während der italienischen Reise,
       er rebelliert gegen sie als Götz, Prometheus und Faust, er schüt-
       tet als Mephistopheles seinen bittersten Spott über sie aus. Bald
       dagegen ist  er ihr befreundet, 'schickt' sich in sie, wie in der
       Mehrzahl der  'Zahmen Xenien'  und vielen  prosaischen Schriften,
       feiert sie, wie in den 'Maskenzügen', ja verteidigt sie gegen die
       andrängende geschichtliche  Bewegung,  wie  namentlich  in  allen
       Schriften, wo  er auf  die französische  Revolution  zu  sprechen
       kommt. Es  sind nicht  nur einzelne  Seiten des deutschen Lebens,
       die Goethe  anerkannt, gegen andre, die ihm widerstreben. Es sind
       häufiger verschiedene  Stimmungen, in  denen er sich befindet; es
       ist ein fortwährender Kampf in ihm zwischen dem genialen Dichter,
       den die  Misere  seiner  Umgebung  anekelt,  und  dem  behutsamen
       Frankfurter Ratsherrenkind  resp. Weimarschen Geheimrat, der sich
       genötigt sieht, Waffenstillstand mit ihr zu schließen und sich an
       sie zu  gewöhnen. So  ist Goethe  bald kolossal,  bald kleinlich;
       bald trotziges,  spottendes, weltverachtendes  Genie, bald  rück-
       sichtsvoller, genügsamer,  enger Philister. Auch Goethe war nicht
       imstande, die  deutsche Misere zu besiegen; im Gegenteil, sie be-
       siegte ihn, und dieser Sieg der Misere über den größten Deutschen
       ist der  beste Beweis dafür, daß sie 'von innen heraus' gar nicht
       zu überwinden ist. Goethe war zu universell, zu aktiver Natur, zu
       fleischlich, um  in einer Schillerschen Flucht ins Kantsche Ideal
       Rettung vor  der Misere  zu suchen;  er war zu scharfblickend, um
       nicht zu sehen, wie diese Flucht sich schließlich auf die Vertau-
       schung der  platten mit  der überschwenglichen Misere reduzierte.
       Sein Temperament,  seine Kräfte,  seine ganze  geistige  Richtung
       wiesen ihn  aufs praktische  Leben an,  und das praktische Leben,
       das er  vorfand, war  miserabel. In  diesem Dilemma, in einer Le-
       benssphäre zu  existieren, die  er verachten  mußte, und  doch an
       diese Sphäre  als die  einzige,  in  welcher  er  sich  betätigen
       konnte, gefesselt  zu sein,  in diesem  Dilemma hat  sich  Goethe
       fortwährend befunden,  und je älter er wurde, desto mehr zog sich
       der gewaltige  Poet, de  guerre lasse" (des Krieges müde),"hinter
       den unbedeutenden  Weimarschen Minister zurück. Wir werfen Goethe
       nicht à  la Borne  und Menzel vor, daß er nicht liberal war, son-
       dern daß  er zu  Zeiten auch Philister sein konnte, nicht, daß er
       keines Enthusiasmus  für deutsche Freiheit fähig war, sondern daß
       er einer  spießbürgerlichen Scheu  vor aller gegenwärtigen großen
       Geschichtsbewegung sein  stellenweise  hervorbrechendes,  richti-
       geres ästhetisches  Gefühl opferte;  nicht, daß  er Hofmann  war,
       sondern daß er zur Zeit, wo ein Napoleon den großen deutschen Au-
       giasstall ausschwemmte,  die winzigsten Angelegenheiten und menus
       plaisirs" (kleinen  Vergnügen) "eines  der  winzigsten  deutschen
       Höflein mit feierlichem Ernst betreiben konnte" 29).
       
       _____
       1) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, München 1976, S. 91.
       2) J.W. Goethe, Sprüche in Prosa, Ethisches VII.
       3) Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg, S. 58.
       4) K. Marx/F. Engels, Werke, Band 21, S. 279.
       5) J.W. Goethe,  Sprüche in  Prosa, Natur VI. Die Natur kenne nur
       das Prinzip  der Stetigkeit,  mache keine  Sprünge (so  in  einem
       Brief an Schiller am 30.7.96).
       6) G. Lukàcs,  Der junge  Hegel und die Probleme der kapitalisti-
       schen Gesellschaft, Zürich 1948.
       7) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 767.
       8) Ebenda, Gespräch vom 25.2.1824, a.a.O., S. 91; ähnlich ebenda,
       S. 510.
       9) Geschichte der  deutschen Literatur  von 1789  bis 1830,  Ber-
       lin/DDR 1978, S. 114.
       10) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 100.
       11) Ebenda, S. 726 f.
       12) J.W. Goethe, "Tag- und Jahreshefte", 1793.
       13) "Tag- und  Jahreshefte"; vgl.  auch seinen Brief an Fritz von
       Stein vom 31. 8.1790.
       14) "Tag- und Jahreshefte", 1813.
       15) J.P. Eckermann,  Gespräche mit  Goethe, a.a.O., S. 749f; vgl.
       auch: A. Bielschowsky, Goethe. Sein Leben und Werk, München 1918,
       Bd. 2, S. 438f.
       16) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 549.
       17) Ebenda, Gespräch vom 21.3.1831, a.a.O., S. 484.
       18) Ebenda, S. 549 f.
       19) Zitiert nach:  A. Bielschowsky,  Goethe. Sein Leben und Werk,
       a.a.O., S. 45.
       20) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 451.
       21) J.W. Goethe, Kampagne in Frankreich vom 13.-17.9.1792.
       22) I.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 510.
       23) Ebenda, S. 549.
       24) A. Bielschowsky,  Goethe. Sein Leben und Werk, Bd. 2, a.a.O.,
       S. 43.
       25) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 549 f.
       26) J.W. Goethe,  Brief an  Anna Amalia  vom  25.9.1792,  zitiert
       nach: Geschichte  der deutschen  Literatur  von  1789  bis  1839,
       a.a.O., S. 117.
       27) J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 509.
       28) Johanna  Rudolph,   Die   Korrektur,   "Neues   Deutschland",
       24.8.1963.
       29) K. Marx/F. Engels, Werke, Band 4, S. 232 f.
       

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