Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Detlev Albers
       
       FÜR EINE DEMOKRATISCHE HOCHSCHULE *)
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       I.
       
       Die Entwicklung  der Hochschulreform in Bremen ist in den letzten
       Jahren von  schweren Rückschlägen gekennzeichnet gewesen. Weitere
       Schritte zum  Abbau der Reformansätze sind beispielsweise mit der
       Verabschiedung des Bremer Hochschulgesetzes vorprogrammiert. Nie-
       mand vermag  heute mehr  die Fragen  des Personalratsvorsitzenden
       als bloße  Schwarzmalerei abzutun:  "Wir bleiben voller Mißtrauen
       gegenüber der  weiteren Entwicklung des Betriebes, in dem wir ar-
       beiten. Wann wird an die Stelle des Anspruchs des Bremer Modells,
       Wissenschaft im  Interesse des  arbeitenden Volkes  zu betreiben,
       die Ausbildung  der Studenten  zu leitenden Angestellten, die Zu-
       sammenarbeit mit  der Industrie  in  Forschungsprojekten  treten?
       Wann werden  die ersten  Hochschullehrer dieses Betriebes behaup-
       ten, der  Kooperationsvertrag mit  der Arbeiterkammer  Bremen sei
       verfassungswidrig? Wann werden weitere konservative Hochschulleh-
       rer und  Studenten behaupten, die Mitbestimmungsrechte des Perso-
       nalrats der  Universität verstießen  gegen die  Freiheit von For-
       schung und Lehre? Wann wird der politische Druck auf die Beschäf-
       tigten dieses  Betriebes stärker  werden? Das Scheitern der Hoch-
       schulreform im  Interesse der  Arbeitenden wäre  zweifellos  eine
       Niederlage für die Gewerkschaftsbewegung." (Rolf Prigge, Rede auf
       der Veranstaltung "Widerstand gegen das BHG" am 3. Feb. 1977).
       Die Rückschläge  in Bremen  waren und  sind  begleitet  von  Ver-
       schlechterungen der  Hochschulsituation im gesamten Bundesgebiet.
       Die negativen  Auswirkungen staatlicher  Sparpolitik, Stellenstop
       und Stellenstreichungen für Wissenschaftler und Verwaltungsperso-
       nal, Studienplatzvernichtung,  Numerus clausus und gänzlich unzu-
       reichende Ausbildungsförderung  für Studenten  gehören  an  allen
       Hochschulen zum  Alltagsbild der  zurückliegenden Jahre.  Ergänzt
       und abgesichert  werden diese Maßnahmen durch eine auf sämtlichen
       Ebenen spürbaren  Verschärfung  des  Konkurrenz-  und  Leistungs-
       drucks, gleichgültig,  ob sie nun den Namen Kapazitäts- und Lehr-
       verpflichtungsverordnung, Regelstudienzeit  oder Kurzstudiengänge
       trägt. Bei  alledem sind die Hochschulen und allgemeiner noch das
       Bildungswesen keine Ausnahme; sie sind nur einer jener vielen ge-
       sellschaftlichen Bereiche,  in denen  Einsparungs- und Rationali-
       sierungsmaßnahmen dazu  dienen sollen, das Aufbrechen grundlegen-
       der Widersprüche  in der bestehenden Wirtschaftsordnung zu Lasten
       der abhängig  Beschäftigten zu  überwinden  oder  doch  zumindest
       kurzfristig zu  bereinigen. Kein  gesellschaftliches Datum  kenn-
       zeichnet die Tragweite der anhaltenden Wirtschaftskrise eindring-
       licher als die jetzt schon im dritten Jahre vorhandene Arbeitslo-
       sigkeit von  mehr als einer Million Arbeitnehmern. Längst gibt es
       am langfristigen,  nicht nur konjunkturellen Charakter der gegen-
       wärtigen  kapitalistischen  Weltwirtschaftskrise  keinen  Zweifel
       mehr. Um so aggressiver sind gerade in der Bundesrepublik die An-
       strengungen der  herrschenden Klasse,  die Abwälzung der ökonomi-
       schen und  sozialen Krisenlasten  durch eine allgemeine Verschie-
       bung der  gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse  nach rechts  und
       die Durchsetzung umfassender politischer Formierungsmaßnahmen ab-
       zusichern.
       Die Hochschulen  werden in  einer solchen  Situation, in  der sie
       nicht allein  von den  Krisenfolgen betroffen sind, ja in der Ar-
       beitnehmer anderer  Bereiche sogar  noch stärkere Einbußen erlei-
       den, nur dann Verständnis und Durchsetzungsmöglichkeiten für ihre
       berechtigten Forderungen finden, wenn sich ihre Mitglieder selbst
       als Teil einer breiten demokratischen Gegenbewegung begreifen und
       ihre Forderungen  in diesem  Zusammenhang begründen.  Trifft dies
       für die  Hochschulen insgesamt  zu, so gilt es um so mehr für die
       Studenten, Dienstleister  und Hochschullehrer  einer  Reformhoch-
       schule wie  der Universität  Bremen. Ihre Arbeitsbedingungen sind
       objektiv noch anfälliger für den Zugriff staatlicher Einsparungen
       und politischer  Reglementierungen. Trotz quantitativ bedeutsamer
       Ausbauerfolge in  den vergangenen  Jahren, ist  es deshalb  schon
       bisher  zu  einer  erheblichen  Enttäuschung  über  die  Entwick-
       lungschancen des  "Bremer Modells" in Teilen der ursprünglich re-
       formorientierten Kräfte  aller Mitgliedergruppen  gekommen. Ande-
       rerseits kann  nur die gemeinsame Anstrengung des vorhandenen Re-
       formpotentials in  den drei Statusgruppen, das in Bremen noch im-
       mer größer  als an  den traditionellen  Universitäten  ist,  eine
       Chance, vielleicht  die einzige reale Chance bieten, um unter den
       veränderten, erschwerten gesellschaftlichen Bedingungen jenen zu-
       sätzlichen Rückhalt in der demokratischen Bewegung unseres Landes
       zu gewinnen,  der erforderlich  ist, um wenigstens Ansätze der in
       Bremen eingeleiteten  Hochschulreform zu  behaupten und zu festi-
       gen. Nur  so auch  wird sich  den berechtigten  Befürchtungen des
       Personalratsvorsitzenden entgegenwirken lassen.
       
       II.
       
       Das Hochschulrahmengesetz  und der hierauf aufbauende Entwurf für
       ein bremisches  Hochschulgesetz beseitigt den Kern des Bremer Mo-
       dells. Bundesweit  sind das HRG und seine landesrechtliche Umset-
       zung auf  den berechtigten  Widerstand der demokratischen Studen-
       tenbewegung, großer  Teile des nichtwissenschaftlichen Personals,
       der Assistenten  und fortschrittlicher  Hochschullehrer gestoßen.
       Auch von  Seiten der  Gewerkschaften und  progressiver Kräfte des
       sozialliberalen Lagers ist grundsätzliche Kritik vorgebracht wor-
       den,  überall   bedeuten  die   zentralen  Bestimmungen  des  HRG
       (Majorisierung sämtlicher  Mitgliedsgruppen durch  die Hochschul-
       lehrer, Ordnungsrecht, Regelstudienzeit, Studienreform- oder bes-
       ser -verhinderungskommissionen  bis hin  zur  Lehrkörperstruktur)
       eine vielfach  reaktionäre Absage gegenüber jeder ernsthaften Re-
       formpolitik im  Hochschulbereich. Während das HRG aber an den an-
       deren Hochschulen  neben gravierenden Rückschritten in Einzelfra-
       gen überwiegend  auf das Festschreiben des hochschulpolitisch un-
       erträglichen Status  quo hinausläuft, zerschlägt es in Bremen die
       in mehrjähriger  Praxis erprobten  und bewährten Grundlagen demo-
       kratischer Hochschulreform.
       Unter diesen  Umständen sieht sich die Universität angesichts des
       vorliegenden Senatsentwurfs  für ein  bremisches  Hochschulgesetz
       einer zweifachen  Aufgabe gegenüber.  Sie muß  einerseits klarma-
       chen, daß sie jedes Anpassungsgesetz an das HRG in seiner gelten-
       den Fassung  grundsätzlich ablehnt,  weil damit  zwangsläufig we-
       sentliche Prinzipien  des Bremer  Modells aufgegeben werden. Ihre
       grundsätzliche Ablehnung  muß sich auch in öffentlichkeitswirksa-
       men Protestaktionen  niederschlagen. Denn nur durch den Druck ei-
       ner demokratischen  Massenbewegung kann erreicht werden, daß sich
       das HRG  auf Dauer als 'unanwendbar' erweist oder daß - mit ande-
       ren Worten - die Novellierung des HRG, zumindest aber die Einräu-
       mung einer  hochschulpolitischen Experimentierklausel  unvermeid-
       lich wird. In diesem Rahmen erhält auch die Forderung nach voller
       Ausschöpfung der  gesetzlich eingeräumten  Drei-Jahres-Frist ihre
       Bedeutung, die  erst eine  hinreichende Entfaltung des demokrati-
       schen Widerstandes  gegen das  HRG erlaubt. Schließlich ist allen
       Tendenzen zur Vorausanwendung des HRG, sei es im Rahmen der Beru-
       fungspolitik, der  Personalrichtwerte und Überlastquoten oder bei
       der Revision  von Prüfungsordnungen innerhalb der Universität und
       gegenüber der Behörde entschiedener Widerstand entgegenzusetzen.
       Andererseits kann es der Hochschule nicht gleichgültig sein, wel-
       che Fassung  das künftige  Bremer Landesgesetz  im Rahmen des HRG
       erhält. Sämtliche  'Ecken und  Winkel' (Erich  Frister), gewollte
       und ungewollte Lücken im HRG sind für bessere Ausgangsbedingungen
       im Kampf um demokratische Hochschulreformen zu nutzen. Die Dichte
       der staatlichen  Eingriffsbefugnisse, das Prinzip des Globalhaus-
       halts der  Universität, der Verzicht auf ein besonderes Ordnungs-
       recht, die  Absicherung der  politischen Mandats  der  Studenten-
       schaft -  alle diese und andere Einzelfragen können anders als im
       vorliegenden Entwurf nach Auffassung der Universität bereits auf-
       grund der bestehenden Rechtslage in akzeptabler Weise vom Landes-
       gesetzgeber geregelt  werden. Die  Universität darf deshalb nicht
       darauf verzichten,  ihre Forderungen zu derartigen Fragen mit dem
       notwendigen Nachdruck in das Gesetzgebungsverfahren einzubringen.
       
       III.
       
       Neben dem  HRG hat  sich der in den letzten Jahren gewachsene Au-
       ßendruck auf  die Aktivität der Hochschulen in weiteren Maßnahmen
       negativ ausgewirkt, wobei die anhaltende Praxis der Berufsverbote
       besonders zu  nennen ist.  Fünf Jahre nach der Verabschiedung des
       sogenannten "Radikalenerlasses"  verletzen die staatlichen Organe
       in Bund,  Ländern und Gemeinden mit ihrer hierauf beruhenden Pra-
       xis noch  immer die  Wahrung der im Grundgesetz garantierten Mei-
       nungs-, Berufs-  und Vereinigungsfreiheit.  Sie  verstoßen  damit
       zugleich gegen  elementare menschliche  Freiheitsrechte, wie  sie
       der UN-Charta,  der europäischen  "Konvention über  die Menschen-
       rechte" und zuletzt in der Schlußakte der Helsinki-Konferenz nie-
       dergelegt und  auch von  der Bundesrepublik  anerkannt sind, über
       ein halbe  Million Überprüfungen politischer Aktivitäten, mehrere
       tausend von Berufsverboten Betroffene, sowie diskriminierende An-
       hörungen und  Diszipliniermaßnahmen belegen, daß für einen ganzen
       Teil der Bevölkerung grundlegende Bürgerrechte eingeschränkt oder
       sogar außer.  Kraft gesetzt  worden sind.  Die aktuelle Situation
       ist dadurch gekennzeichnet, daß die Quantität der ausgesprochenen
       Berufsverbote in  einigen Bundesländern zeitweilig zurückgegangen
       ist, daß  die inhaltliche  Tendenz aber ungebrochen erscheint und
       sich sogar  Verschärfungen andeuten (Niedersachsen). Immer wieder
       wird versucht,  die Kritik  an der  Berufsverbotspraxis  von  der
       grundsätzlichen auf  die Verfahrensebene  zu schieben,  wenn  man
       sich überhaupt der öffentlichen Diskussion stellt.
       Die Universität  Bremen hat  als  Einrichtung  wissenschaftlicher
       Ausbildung und Forschung nicht nur die negativen Auswirkungen des
       so geschaffenen  Klimas der Verunsicherung, der Ausbreitung poli-
       tischen Duckmäusertums  usw. besonders  zu spüren  bekommen. Mit-
       glieder aller Statusgruppen sind in der Vergangenheit auch unmit-
       telbar von  der Einbeziehung  in die Praxis des Radikalenerlasses
       betroffen oder  zumindest bedroht worden. Der weitgehende Konsens
       der gesamten  Hochschule in  der Ablehnung  solcher Maßnahmen hat
       sich dabei stets als die wichtigste Form der Abwehr von Angriffen
       auf die demokratischen Grundrechte einzelner Hochschulangehöriger
       erwiesen. Angesichts des wachsenden Widerstandes, auf den der Ra-
       dikalenerlaß und  seine Folgen inzwischen im In- und Ausland sto-
       ßen, werden  Universität und  Universitätsleitung ihre Auffassung
       weiterhin mit  allem Nachdruck  vertreten müssen,  daß es  um die
       völlige Beseitigung der Berufsverbote geht und daß dieses Ziel in
       sich selbst nicht kompromißfähig ist.
       
       IV.
       
       Die Arbeit  an einer  Reformhochschule in  Zeiten der Gegenreform
       verlangt von allen Beteiligten die Auseinandersetzung mit zusätz-
       lichen Schwierigkeiten  und beruflichen  Risiken. Sie  kann  aber
       nach wie  vor auch Chancen zur Aneignung exemplarischer Erfahrun-
       gen im  Umgang mit  alternativen Forschungs-  und Studieninhalten
       und ihrer  Organisation liefern.  Die Studenten  der  Universität
       Bremen sind,  nachdem sie  den Numerus  Clausus überwunden haben,
       nicht nur  den allgemeinen  sozialen Mechanismen  zur Auslese und
       Disziplinierung (unzureichende Ausbildungsförderung, Darlehensre-
       gelung im BAFÖG und GradFÖG), sowie in vielen Bereichen einer zu-
       nehmenden Unsicherheit ihrer Berufsperspektive ausgesetzt. Außer-
       dem drohen  wichtige Errungenschaften  der Bremer  Studienreform,
       wie das  Projektstudium oder  prüfungsabschichtende Leistungskon-
       trollen durch  staatlich erzwungene  Verschärfungen der Prüfungs-
       ordnungen ihrer progressiven Funktion beraubt und als zusätzliche
       Instrumente zur  Erhöhung des  Leistungsdrucks eingesetzt zu wer-
       den. Hinzu  kommen die  ständigen Versuche  von konservativer und
       reaktionärer Seite, den Wert der in Bremen erworbenen Studienqua-
       lifikationen öffentlich  zu diffamieren. Dies alles erfordert als
       Antwort eine  verstärkte Mobilisierung, Politisierung und Organi-
       sierung der  Studenten, kurz ihre gewerkschaftliche Orientierung,
       um zusammen  mit den  fortschrittlichen Kräften innerhalb und au-
       ßerhalb der  Hochschule eine  Ausbildung nach  den Prinzipien des
       forschenden Lernens und auf der Grundlage demokratischer Studien-
       inhalte zu behaupten, weiterzuentwickeln und gesellschaftlich ab-
       sichern zu helfen.
       Bei der  Verteidigung fortschrittlicher Modelle der Studienreform
       und ihrem  weiteren Ausbau kommt der Lehrerausbildung ein zentra-
       ler Stellenwert  zu. Dies gilt vor allem, weil die in Bremen kon-
       zipierte Lehrerausbildung  in mehrfacher Hinsicht als vorbildlich
       für die übrigen Bundesländer anzusehen ist. Das Bremer Lehreraus-
       bildungsgesetz (BLAG)  hat erstmals  in der  Bundesrepublik  eine
       einheitliche Lehrerausbildung  für  alle  Schulstufen  gesetzlich
       verankert. Sein  inhaltlicher Anspruch ist, jeden Lehrer zu einer
       "wissenschaftlich fundierten Unterrichtstätigkeit" zu befähigen.
       Die Gruppe  der Dienstleister  sieht sich  nach den  vielfältigen
       Sonderbelastungen der Aufbauphase jetzt noch direkter als die üb-
       rigen Statusgruppen  dem staatlich ausgelösten Rationalisierungs-
       druck gegenüber.  Sie ist zudem in besonderem Maße durch die mit-
       bestimmungsfeindlichen Regelungen  des HRG  und  damit  auch  des
       künftigen BHG  betroffen. Hinzu  kommt, daß die ebenfalls vom HRG
       erzwungene Übernahme der Leitungsaufgaben in den Studienbereichen
       durch Hochschullehrer  und die  Aufsplitterung des  Lehrpersonals
       durch die  Schaffung des  Mittelbaus Arbeitsplätze und Qualifika-
       tionen von  Teilen des Verwaltungs- und des technischen Personals
       gefährden. Die entgegen den ursprünglichen Vorstellungen des Bre-
       mer Modells  jetzt absehbare  Einführung  einer  vierten  Status-
       gruppe, der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Hochschulassisten-
       ten, schafft  deshalb Konkurrenzprobleme unter den Beschäftigten,
       die den Nährboden für berufsgruppenisolierte, d.h. ständische und
       antigewerkschaftliche Positionen bereiten können. Umso mehr kommt
       es darauf  an, in  allen Bereichen der Universität Formen der In-
       teressenvertretung zu  entwickeln, die den Besonderheiten der Ab-
       hängigkeiten und  der  Arbeitssituation  dieser  Mitgliedergruppe
       Rechnung tragen.  Neben der Nutzung der verbleibenden Einflußmög-
       lichkeiten auf  die Entscheidungsgremien  der Universität  ist es
       deshalb vorrangig,  die bestehenden  Regelungen zur Mitbestimmung
       am Arbeitsplatz  in Form der Mitarbeiterkollegien und zu den Mit-
       bestimmungsrechten des  Personalrats auch im Wissenschaftsbereich
       konsequent in  Anspruch zu  nehmen. Dabei ist immer wieder darauf
       hinzuweisen, daß  der aktiven  Mitarbeit aller  Dienstleister und
       dem Maß ihrer tatsächlichen Einwirkungsmöglichkeiten auf die Ent-
       scheidungsprozesse in der Universität eine Schlüsselrolle für den
       Rückhalt dieses  Ausbildungs-"Betriebs" in der Bremer Arbeitsneh-
       merschaft zufällt.
       Oberflächlich betrachtet,  könnten die Hochschullehrer als dieje-
       nige Gruppe erscheinen, die am wenigsten von den verschlechterten
       Gesamtbedingungen im Hochschulbereich betroffen ist. Denn unüber-
       sehbar ist  der Abbau  des Bremer Modells zu einem guten Teil mit
       dem Aufbau  neuer professoraler  Privilegien verbunden. Mehr noch
       als bei den übrigen Beschäftigten der Universität ist deshalb bei
       den Hochschullehrern  kurzfristig die  Zunahme konservativer  und
       berufsständischer Tendenzen, verbunden mit einer Überlagerung der
       Ansätze zu  gewerkschaftlichem Bewußtsein, zu befürchten. Dennoch
       wären solche  Auffassungen von  einem illusionären Vorbeigehen an
       der eigenen Interessenlage als Wissenschaftler und als Arbeitneh-
       mer im  öffentlichen Dienst gekennzeichnet. Zum einen lassen Maß-
       nahmen zur Rationalisierung, zur vermeintlich besseren Auslastung
       und ausdrücklich  zur  "Überlastung"  der  Hochschuleinrichtungen
       auch die  Arbeitssituation der  Professoren nicht  unberührt. Sie
       erhöhen vielmehr,  von wenigen  Ausnahmen abgesehen, die Angewie-
       senheit auf  wirksame Formen  der Interessenvertretung,  die sich
       langfristig nur  als Teil  der  organisierten  Arbeitnehmerschaft
       finden lassen.  Schließlich sind  spezifische Probleme,  wie  die
       Verwirklichung  angemessener   Überleitungsbestimmungen  für  die
       Hochschullehrer auf  Zeit, nur  durch das  gemeinsame Handeln der
       Statusgruppen und  dessen gewerkschaftliche Unterstützung lösbar.
       Aus ihrer  objektiven und  subjektiven Interessenlage heraus wäre
       es daher  kurzsichtig, wenn sich die Hochschullehrer aufgrund der
       veränderten Bedingungen davon abhalten ließen, die an der Univer-
       sität Bremen  verbleibenden Möglichkeiten  zur Erarbeitung  fort-
       schrittlicher und  gesellschaftskritischer wissenschaftlicher An-
       sätze konsequent auszuschöpfen.
       
       V.
       
       Verteidigung und  Ausbau der verbleibenden Reformansätze im Hoch-
       schulbereich bedürfen  dringender denn je der Unterstützung durch
       das fortschrittliche  gesellschaftliche Lager.  Dabei erlangt das
       bewußte und  gewollte Zusammenwirken von Hochschule, progressiver
       Wissenschaft und  Gewerkschaftsbewegung eine entscheidende Bedeu-
       tung. Ihre Grundlage bilden unverändert die 23 Thesen des DGB zur
       Hochschulreform, die  den Kernbereich  der gemeinsamen Interessen
       von Studenten, Dienstleistern und Hochschullehrern abstecken. Er-
       ster institutioneller  Ausdruck der Zusammenarbeit sind in Bremen
       und anderswo die Kooperationsverträge zwischen DGB bzw. Arbeiter-
       kammer und Hochschule, die es weiter auszubauen gilt.
       Die veränderten  gesellschaftlichen Bedingungen der zurückliegen-
       den Jahre haben die Angewiesenheit beider Seiten aufeinander ver-
       tieft und  vorangetrieben. Wissenschaftliche  Analysen  und  Vor-
       schläge gerade  auch marxistischer  Orientierung zum  Kampf gegen
       die Arbeitslosigkeit  zählen dazu  ebenso wie fundierte Ausarbei-
       tungen zu den Gefahren der Atomenergie, den Problemen des Umwelt-
       schutzes, den  Belastungen am Arbeitsplatz, die Entwicklung fort-
       schrittlicher Unterrichtsmodelle oder die Anfertigung von Gutach-
       ten zu  Fragen des Arbeits- und Sozialrechts, die sich an gewerk-
       schaftlichen Positionen  orientieren.  Dies  alles  sind  wissen-
       schaftliche Dienstleistungen  aus dem  Hochschulbereich, für  die
       gegenwärtig in  einer Gewerkschaftsbewegung,  die sich  gegen die
       Abwälzung der  Krisenlasten zur Wehr setzt, ein noch größerer Be-
       darf besteht als zuvor. Gleichzeitig aber ist das Risiko, der ge-
       sellschaftliche Preis in Form von Isolierungsversuchen bis hin zu
       offenen Diffamierungen, gewachsen, der für eine wissenschaftliche
       Parteinahme, Ausbildung  und Forschung  für  die  Interessen  der
       lohnabhängigen Mehrheit der Bevölkerung zu zahlen ist.
       Die demokratische Bewegung wird sich aus der Defensivposition, in
       der sie sich momentan fast überall befindet, nur durch eigene An-
       strengungen in dem jeweils betroffenen gesellschaftlichen Bereich
       selbst befreien  können. Daneben  aber muß es stärker noch als in
       der Vergangenheit darum gehen, vermittelt über die Gewerkschafts-
       bewegung und andere fortschrittliche politische Kräfte den Zusam-
       menhalt und  das Gewicht des demokratischen Widerstandspotentials
       gesamtgesellschaftlich zur  Geltung zu  bringen und damit mittel-
       fristig auch in unserem Land eine progressive Tendenzwende einzu-
       leiten. Im  Hochschulbereich gibt  es derzeit  zumindest Anhalts-
       punkte dafür, daß beide Erfordernisse erkannt werden. Trotz viel-
       fältig verschlechterter Arbeits- und Studienbedingungen ist es im
       vergangenen Semester  zu einer  Ausweitung und Intensivierung vor
       allem der  studentischen Aktionen  gegen die  staatlichen Formie-
       rungsmaßnahmen gekommen. Die Initiativen zur "demokratischen Uni-
       versität, bzw.  Gegenuniversität" sind auch geeignet, die gesell-
       schaftliche  Funktion  fortschrittlicher  wissenschaftlicher  Er-
       kenntnisse zu verdeutlichen und deren Verallgemeinerung durch die
       demokratische Bewegung neue Impulse zu verleihen. Um so wichtiger
       ist es,  daß solche Initiativen von allen Hochschulgruppen mitge-
       tragen und  darüber hinaus vor allem von gewerkschaftlicher Seite
       unterstützt werden.
       
       _____
       *) Die hier  folgenden, von  der Redaktion z.T. gekürzten, Thesen
       sind im  April dieses  Jahres aus  Anlaß der Bewerbung um das Amt
       des Konrektors an der Universität Bremen vorn Verfasser vorgelegt
       worden.
       

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